Bad Times at the El Royale (2018)

Regie: Drew Goddard
Original-Titel: Bad Times at the El Royale
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Bad Times at the El Royale


Ein fast leeres Hotel an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Sieben Fremde in diesem Hotel, die allesamt ein doppeltes Spiel zu treiben scheinen. Ein paar Waffen. Ein paar Geheimnisse. Ein groß aufspielender Cast (Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, Jon Hamm, Lewis Pullman, Cailee Spaeny, Chris Hemsworth). Einige Drinks. Regen. Eine Story, die zehn Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Und schwarzer Humor. Und schon brechen schlechte Zeiten im altehrwürdigen El Royale Hotel an. „Bad Times at the El Royale“ von Drew Goddard ist ein raffiniertes und wahnsinnig unterhaltsames Kammerspiel. Die Faszination leer stehender Hotels haben ja schon Stephen King respektive Stanley Kubrick begriffen und diese Kulisse genial genutzt. Hier bieten sich Räume, innerhalb derer sich die Geschichte entfalten kann – im doppelten Sinne. Zum Einen nimmt sich der Film tatsächlich Zeit für seine Charaktere, die er geschickt ineinander verschränkt. Zum Anderen öffnen sich im weitläufigen Hotel tatsächlich Türen zu Räumen, die man so nicht erwartet hätte. In der Dramaturgie weicht Goddard, der auch für das Script verantwortlich zeichnet, von den üblichen Pfaden ab. Die Geschichte wird in Kapiteln erzählt, die jeweils eine Figur ins Zentrum der Erzählung rücken. Dabei werden dann Vorgänge gerne auch mal doppelt geschildert – eben aus unterschiedlicher Perspektive. So eine Verschränkung kann auch mal ermüdend wirken. Nicht aber hier, denn Goddard behält die Fäden fest in der Hand. Und kann auf seine Darstellerinnen und Darsteller vertrauen, die in ihren Rollen Glanzleistungen abliefern, allen voran Jeff Bridges, der viele Facetten zeigen darf. Ein paar Abzüge kann man dem Film geben für seine letztendlich dann doch recht simple Geschichte, deren raffinierte Erzählweise ein wenig darüber hinwegtäuscht, dass der Plot selbst nicht sonderlich originell ist. Insgesamt aber ein sehr sehenswertes und höchst vergnügliches Werk für all jene, die es schätzen, wenn sich eine Geschichte Zeit nimmt, um sich zu entfalten.


7,5
von 10 Kürbissen

The Sisters Brothers (2018)

Regie: Jacques Audiard
Original-Titel: The Sisters Brothers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western
IMDB-Link: The Sisters Brothers


Es gibt kaum ein anderes Genre, das in der Dramaturgie und der Figurengestaltung so klar abgesteckt ist wie der Western. Wilde, freie, schießwütige  Männer mit Hüten, die die weite Wildnis durchstreifen – und am Ende liegen die meisten von ihnen blutend im Staub. Der Western ist so ein bisschen das McDonald’s-Essen unter den Filmgenres. Ganz gleich, wo man gerade is(s)t – man weiß, was man bekommt. Umso spannender sind dann jene Western, die diese Erwartungshaltung kennen – und sie dann unterlaufen. „The Sisters Brothers“, die erste englischsprachige Arbeit von Jacques Audiard, gehört zu diesen. Denn vordergründig ist erst einmal alles wie gewohnt: Die Brüder und Outlaws Charlie und Eli Sisters (grandios gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, dem emotionalen Herzstück des Films) jagen im Auftrag des mysteriösen „Commodore“ einen Mann mit dem schönen Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Dieser reist in Gesellschaft des eloquenten Reiseschriftstellers John Morris (Jake Gyllenhaal mit einer weiteren sehr gelungenen Leistung), nichts ahnend, dass jener Morris mit den Sisters Brothers zusammenarbeitet und Warm an sie ausliefern soll. Warm selbst ist auf dem Weg in den Westen. Es ist die Zeit des kalifornischen Goldrausches. Und er selbst gibt an, eine Formel entwickelt zu haben, die das Goldschürfen deutlich vereinfachen soll. So weit, so klassisch. Der Film folgt auch lange konventionellen Genremustern, die er überzeugend und originell inszeniert – seien es die Schießerei in der Nacht, das Campieren mit Bären, die langen Ritte durch die endlose Landschaft. Das alles ist zum Einen mit sehr schönen Bildern eingefangen, gleichzeitig aber auch auf eine interessante Weise bagatellisiert – wenn nämlich von der Schießerei beispielsweise nur gelegentlich aufblitzendes Mündungsfeuer zu sehen ist oder der Bär am Morgen tot im Camp liegt und man nicht gesehen hat, wie es dazu kam. Hier unterläuft Audiard schon einmal die Erwartungshaltungen des Zusehers, ohne aber wirklich aus dem Genre auszubrechen. Auch die grandiose Musik von Alexandre Desplat schlägt in diese Kerbe – sie deutet das Westerngenre an, interpretiert es aber deutlich moderner, als man das üblicherweise von diesen Genrefilmen kennt. Trotzdem: Bis zur letzten Viertelstunde ist „The Sisters Brothers“ ein gut gemachter, origineller, aber genre-typischer Western. Dann kommt das Ende. Und plötzlich begreift man, wohin der Film mit all seinen kleinen, fast unmerklichen Abweichungen vom Üblichen hin wollte. Und das überrascht und berührt – und ist gleichzeitig wahnsinnig konsequent. Nur dass Western bislang kaum so gedacht wurde.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Waldheims Walzer (2018)

Regie: Ruth Beckermann
Original-Titel: Waldheims Walzer
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Waldheims Walzer


Wir Österreicher sind anständige Leute. Dass man uns aus dem bisschen Antisemitismus und den paar Massenmorden und Kriegsverbrechen einen Strick drehen will, ist eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit. Wir waren ja Hitlers erstes Opfer. Das haben wir bis 1992 in der Schule gelernt. Und klar muss man mitlaufen und mitmachen, wenn es die Oberbefehlshaber verlangen. Es ist schließlich Krieg. Das ist immer eine scheußliche Sache. Da werden schon mal 2.000 Partisanen feige gemeuchelt, aber wir hatten ja schließlich auch Verluste zu beklagen. Die tapferen, anständigen Soldaten, die nur ihre Pflicht getan haben wie jeder Andere auch. Kurt Waldheim, Österreichs Bundespräsident von 1986 bis 1992 und davor langjähriger UN-Generalsekretär, war so ein anständiger Soldat. Kurz nach seinem Einzug ins Heer wurde er verwundet und konnte sich dadurch Gott sei Dank wieder seinem Studium widmen. Sein Pferd war halt noch in der SS, aber so ein Pferd hat manchmal eben auch seltsame Neigungen. Dafür kann man beim besten Willen nicht verantwortlich gemacht werden. Man kennt das ja aus der aktuellen Zeit: Da entwickeln diese Gäule plötzlich den unverständlichen Drang, für das Innenministerium zu arbeiten und auf Österreichs Straßen scharfe Patrouillen zu traben. Paramilitärische, waffennarrische, rassistische Mistviecher, aber wirklich! Auf manches kann man sich tatsächlich einfach keinen Reim machen, selbst wenn man mit einem solch begnadeten Dichtertalent gesegnet ist wie unser Herr Innenminister, der Gaulleiter. Das Pferd war es also. Nicht Waldheim. Dass der zufälligerweise auf dem Balkan herumturnt, als eben diese Tausende von Partisanen ermordet werden und noch mehr Juden aus Thessaloniki deportiert werden, ist nur ein seltsamer Zufall. Muss wohl ein anderer Waldheim gewesen sein. Oder eben das Pferd, verkleidet als Waldheim. Man weiß ja nie. Und dass diese Dokumente und Fotos gerade zur Zeit des Wahlkampfes für die Bundespräsidentschaft auftauchen, kann nur eine böse Verleumdungskampagne dieser hakennasigen Juden sein, die ja, wie man immer noch brav auf Knopfdruck vor sich her skandiert, das Geld und die Welt regieren. Nein, Waldheim war nur ein braver Soldat, ein christlicher Pazifist, schließlich der wichtigste Verfechter der Menschenrechte als UN-Generalsekretär, nicht wahr? Diese Juden! Und Moslems! Und Sozis! Und Bartträger! Und Hutträger! Und Vegetarier! Und Katzenliebhaber! Und Frauen! Und überhaupt! Und dann tummeln sich auch noch diese linksversifften, gottlosen Vaterlandsverräter auf dem Stephansplatz und demonstrieren ganz ungeniert und filmen das auch noch! Und die böse internationale Presse, Teil der zionistischen Weltverschwörung, greift diese Bagatelle, diese Nicht-News, auch noch auf und berichtet darüber und stellt komische Fragen. Da muss einem ja doch das Geimpfte aufgehen. Wir Österreicher lassen uns nicht vorschreiben, wen wir wählen und wen wir nicht wählen! Da könnte doch jeder kommen! Wir waren und sind ja immer die armen Opfer mit den kleinen Grenzen, und jetzt hat sich sogar die ganze Welt gegen uns verschworen! Skandalös. Da will man aus den Nazis plötzlich Nazis machen. Ungeheuerlich! Nein, der Kurtl, der war immer anständig. Und die Ruth Beckermann zeigt, wie anständig er wirklich war. Dazu braucht es nicht mehr als einen Zusammenschnitt diverser Nachrichtensendungen, Interviews und ihrer eigenen Aufnahmen aus dem Jahr 1986. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Und wenn man dann aus dem Kinosaal kommt, hat man das dringende Bedürfnis, ein Plakat zu malen und demonstrieren zu gehen. Denn der Teufel schläft nie. Der Österreicher aber schon. Und das ist das Problem.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

 

Zerschlag mein Herz (2018)

Regie: Alexandra Makarová
Original-Titel: Zerschlag mein Herz
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Zerschlag mein Herz


Endlich mal wieder was Erbauliches im Kino. Leichte Kost, bevor auf der Viennale in zwei Wochen wieder die schwer verdaulichen Filme präsentiert werden. „Zerschlag mein Herz“ (nicht vom Titel täuschen lassen!) ist eine bittersüße, federleichte Liebesgeschichte zwischen zwei jugendlichen Romas, die in Wien leben. Natürlich: Das Leben ist nicht leicht. Man muss betteln und das erbettelte Geld dem Onkel abgeben, der als Familienoberhaupt die bunte Truppe zusammenhält. Aber zwischendurch wird gesungen und getanzt, und man geht schwimmen an den Fluss. Fast, als hätte sich Bollywood nach Wien verirrt. Pepe, einer der beiden Lovebirds, bringt seiner Marcela das Fahrradfahren bei. Junges Glück, wie sehr wünscht man sich, an der Stelle der beiden Turteltäubchen zu sein. Na gut, ab und zu verpasst einem der finstere, die mehrere Zeit über besoffene Onkel, der seine Damen gerne mal zur Prostitution oder unter Gewaltandrohung zu einer Hochzeit zwingt, die eine oder andere gebrochene Rippe, und beim Baden ersäuft der Jüngste – aber sonst ist alles happypeppy! Es macht auch fast gar nichts aus, dass dieser schlagkräftige Kleinkriminelle selbst ein Auge auf Marcela geworfen hat. Und es ist auch kaum der Rede wert, dass Pepe ihm heillos ausgeliefert ist, weil sonst der nette Onkel Pepes minderjährige Schwestern in Wien antanzen lässt, um sie auf den Strich zu schicken. Hach, Banalitäten, die das junge Glück kaum trüben können. Oder so. „Zerschlag mein Herz“ ist brutal wie ein Autobusunfall. Österreichisches Feelbad-Kino per definitionem. Leider dreht der Film dabei ein bisschen zu sehr auf und kleistert die ohnehin schon dramatische, tragische Geschichte mit Klischees und trauriger Musik zu. Wenn es die Mission war, einen ganzen Kinosaal depressiv nach dem nächsten Laternenmast suchen zu lassen: Mission accomplished. Insofern eigentlich eh gut gemacht, aber eben ein bisschen too much. Ja, wir Österreicher wissen, dass das Leben scheiße ist – das steckt uns in den Genen. Und darauf kann man uns auch subtiler hinweisen.


5,5
von 10 Kürbissen

A Star is Born (2018)

Regie: Bradley Cooper
Original-Titel: A Star is Born
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm, Musikfilm
IMDB-Link: A Star is Born


Mit keinem anderen Film habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit so schwer getan wie mit Bradley Coopers Regiedebüt „A Star is Born“, in dem er selbst einen alkoholkranken Musiker spielt, der mit Lady Gaga das nächste große Talent und die große Liebe entdeckt. Denn: Der Film macht so vieles richtig bis grandios. Bradley Cooper ist in seiner Rolle überzeugend wie selten zuvor. Sein physisches Spiel macht seinen von Dämonen getriebenen Charakter auf eine unheimlich nachvollziehbare Weise sichtbar, ohne aber die Gründe dafür jemals allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Lady Gaga als Schauspielerin (ohne Tonnen von Schminke) ist eine Offenbarung. Sie ist verletzlich und anmutig und schüchtern und stark und begehrenswert. Eine ganz starke Vorstellung, die Lust auf mehr macht. Ich bin kein großer Fan von ihrer Musik, auch wenn ich ihr musikalisches Talent durchaus schätze. Aber hier könnte sich eine leidenschaftliche Gefolgschaft in Sachen Schauspiel entwickeln. Zudem kann „A Star is Born“ immer wieder mit sehr starken Szenen aufwarten, die authentisch und echt wirken. Die Konzertszenen beispielsweise sind großartig inszeniert, der Bass wummert, die Energie aus dem Publikum greift auf das Kinopublikum über – hier macht Bradley Cooper fast alles richtig. Allerdings gibt es gleichzeitig eine Story zu beklagen, die unverdrossen und unbelehrbar von Klischee zu Klischee springt. Hier gibt es auf über zwei Stunden wahrlich nichts Neues zu entdecken. Und das nervt auf die Dauer. Denn auch wenn die Klischees wirklich auf eine großartige Weise mit viel Feingefühl für Dramaturgie und Authentizität in Szene gesetzt sind – es bleiben eben doch Klischees, die mit der Zeit nerven, weil man sie schon hunderte Mal erzählt bekommen hat. Und so bleibt am Ende Respekt vor Bradley Cooper, der diese Doppelfunktion als Regisseur und Hauptrolle bravourös stemmt, ein kleiner Crush auf Lady Gaga und das Bedauern, dass die vielen guten Einzelteile, die der Film zu bieten hat, von diesen Klischees überlagert werden – denn dieser Film hätte das Potential zum Meisterwerk gehabt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 49 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

The Man Who Killed Don Quixote (2018)

Regie: Terry Gilliam
Original-Titel: The Man Who Killed Don Quixote
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Man Who Killed Don Quixote


„After 25 years in the making … and non making“, so heißt es selbstironisch zu Beginn, bevor der Titel des Films, auf den Gilliam-Fans ein Vierteljahrhundert lang warten mussten, eingeblendet wird. Aber gut, wenn es die Guns’n’Roses tatsächlich geschafft haben, „Chinese Democracy“ auf den Markt zu bringen, dann schafft Gilliam das auch mit seinem fast schon Lebensprojekt. Und ähnlich wie bei „Chinese Democracy“ waren die ersten Reaktionen nach Erscheinen eher verhalten. Dabei hat „The Man Who Killed Don Quixote“ alle Ingredienzen für ein großartiges Werk: Einen sensationell aufspielenden Jonathan Pryce als Ritter der traurigen Gestalt, einen Adam Driver mit sichtlich Lust an seiner Rolle als zynischer Werbefilmer, der mit den Konsequenzen seiner vergangenen Taten konfrontiert wird, die bezaubernde Portugiesin Joana Ribeiro, die sich wohl für die Hauptrolle empfiehlt, falls jemals das Leben von Penelope Cruz verfilmt werden sollte, eine ironische, zeitgemäße Adaption des Don Quixote-Stoffes mit postmodern anmutenden Einfällen zwischendurch, und den üblichen Gilliam-Wahnsinn des lustvollen Fantasierens auf den Ebenen zwischen Realität und Traum. Im Grunde ist „The Man Who Killed Don Quixote“ die Summe aller Gilliam-Filme, denn wie in kaum einer anderen Geschichte geht es hierbei um die Macht der Fantasie. Warum der Film dennoch von der Kritik mit Skepsis aufgenommen wurde, liegt zum einen an der überhöhten Erwartungshaltung, die man bei diesem Film hatte. Immerhin liegen 25 Jahre Produktionsgeschichte zwischen der ersten Idee und der finalen Realisierung. Zum anderen ist die Geschichte, das muss man ganz offen zugeben, konfus erzählt. Allerdings (und das ist wohl ein Punkt, den manch ein Kritiker übersieht): Hier reflektiert Gilliam die literarische Vorlage, die ebenfalls ein wenig konfus in Episoden erzählt ist und den einen großen Spannungsbogen vermissen lässt. Insofern ist Gilliam nur konsequent. Sein Meisterwerk ist der Film dennoch nicht – da stehen Werke wie „12 Monkeys“, „Brazil“ oder „König der Fischer“ drüber. Dennoch bietet „The Man Who Killed Don Quixote“ über zwei Stunden lang sehr gute Unterhaltung, die zwischen Drama und Komödie angesiedelt ist, mit einem fantastisch-konsequenten Ende, das noch länger nachhallt.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Venom (2018)

Regie: Ruben Fleischer
Original-Titel: Venom
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Science Fiction
IMDB-Link: Venom


Dass man keine fremden Lebensformen von anderen Planeten als Souvenir auf die Erde mitbringt, sollte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben. So etwas geht in den seltensten Fällen günstig aus. Aber weil das Superhirn und Milliardär Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed) lieber in seinem Labor herumlungert statt gelegentlich mal ins Kino zu gehen, weiß er das offensichtlich nicht. Also bringt er erstaunlich gelenkige Gäste ins Haus, um diese als Symbionten mit Menschen zu verschmelzen. Der Reporter Eddie Brock (Tom Hardy), soeben arbeits- und beziehungslos geworden, weil er etwas zu neugierig war, stolpert da eher zufällig in die Geschichte. Mit spektakulären Folgen. Denn nach einer Begegnung mit einem Besucher aus dem All entwickelt er plötzlich einen irrsinnigen Heißhunger auf rohe Garnelen, eine Abneigung gegen medizinische Untersuchungen und körperliche Fähigkeiten, die ihm durchaus leichte Vorteile bei Schießereien, Prügeleien und Verfolgungsjagden sichern. Vorteile in der Art, dass man beginnt, Mitleid mit den Schurken zu bekommen. Nur der Blick in den Spiegel verheißt nichts Gutes: Da ist nämlich ein Zahnarztbesuch überfällig. Und dass er gelegentlich Menschen die Köpfe abbeißt, kommt auch ungut mit der Zeit. So entwickelt sich eine Antihelden-Geschichte mit viel Action, bissigem Humor (pun intended) und einem gut aufgelegten Tom Hardy, dem man immer gern bei der Arbeit zusieht. Michelle Williams als Love Interest eigentlich auch – aber die ist in der Rolle verschenkt. Trotz guter Besetzung und eben der schon angesprochenen Action ist „Venom“ aber eher als einer der Tiefpunkte der Marvel-Filme zu betrachten. Die Story ist nämlich dünn wie Hühnersuppe während einer Magen-Darm-Grippe, bei den Figuren kann man nur extrem selten so etwas wie eine nachvollziehbare Motivation entdecken, der Schurke ist fad, und was die Logiklöcher betrifft: Damit fange ich gar nicht erst an. Gut, Logik ist bekanntermaßen nicht die große Stärke von Superhelden-Filmen, aber zumindest in sich kohärent sollte ein Film schon sein. Das ist „Venom“ leider nicht. So bleibt auf der Plus-Seite die amüsant anzusehende Dynamik zwischen Wirt und Gast, die Tom Hardy super rüberbringt, und die eine oder andere gute Action-Szene. Für zwei Stunden solide Kino-Unterhaltung, wenn man sonst nichts vor hat, reicht das aus, aber „Venom“ wird nicht zu den Filmen gehören, an die man sich noch lange erinnert.


5,0
von 10 Kürbissen

Dredd (2012)

Regie: Pete Travis
Original-Titel: Dredd
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Action, Science Fiction
IMDB-Link: Dredd


Karl Urban ist in der Zukunft ein vielbeschäftigter Mann. Wenn er nicht gerade als „Pille“ McCoy seinen Dienst auf der Enterprise verrichtet, räumt er als Judge Dredd in der gigantischen, versifften Metropole, die sich über die ganze Ostküste der USA erstreckt, mit Gesetzesbrechern auf. Und wer dabei Lena Headey als Gegenspielerin hat, hat alle Hände voll zu tun – das wissen wir seit „Game of Thrones“. In diesem Fall findet sich der mit allerlei lässigen Waffen ausgestattete Richter mitsamt einer hellsichtigen Novizin (Olivia Thirlby) in einem hermetisch abgeriegelten Hochhaus wieder, in dem Drogen-Capo „Ma-Ma“ Jagd auf ihn und seine Begleiterin machen lässt (Bruce Willis hat angerufen, er will seinen Plot zurück), da sie einen der ihren geschnappt haben, der, wenn er denn lebend aus diesem Bunker herauskommt, allerlei brisante Details über die Machenschaften des Clans ausplaudern könnte. Der Rest des Films besteht aus Blut und Explosionen. Mehr ist da nicht. Echt nicht. Aber: Das Ganze ist immerhin visuell sehr ansprechend und in der Gewaltdarstellung kompromisslos gefilmt. Hier werden – wortwörtlich – keine Gefangenen gemacht. Ein Action-Kracher der alten Schule. Leuten wie Chuck Norris und Steven Segal zieht es beim Ansehen dieses Films wohl ein breites Grinsen auf. Und mir, ehrlich gestanden, auch, denn ab und zu, wenn man an einem faulen Abend auf der Couch lümmelt und sich mit nichts Anspruchsvollerem als dem Finden der richtigen Knöpfe auf der Fernbedienung beschäftigen möchte, bereitet so ein Hirn-aus-Futterluke-auf-Popcorn-rein-Filmchen durchaus Freude – selbst wenn man ihn drei Tage später wieder vergessen hat.

Ach ja, wie weit kann Karl Urban seine Mundwinkel eigentlich herunterziehen? Ich vermute mal, bis zu den Eiern, die er hatte, um eine Rolle anzunehmen, die nur eines verlangt von diesem extrem talentierten Mann: Sich einen ganzen Film lang unter einem Aluhut versteckt stoisch durch ein Hochhaus zu ballern. Da musste selbst Arnie als Terminator mehr Emotionen zeigen.


6,0
von 10 Kürbissen

Nur ein kleiner Gefallen (2018)

Regie: Paul Feig
Original-Titel: A Simple Favor
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: A Simple Favor


Erst einmal vorweg: Der Grund für den Besuch des bei uns im November anlaufenden „A Simple Favor“ (deutscher Titel: „Nur ein kleiner Gefallen“) in London war das Electric Cinema in der Portobello Road mit dem schönsten Kinosaal, in dem ich jemals gesessen bin. Ich wollte dort unbedingt einmal einen Film ansehen – und ich hätte mich auch hineingesetzt, wenn sie die „Teenage Mutant Ninja Turtles“ gezeigt hätten (die verhunzte Real-Verfilmung von Michael Bay). Dass der in diesem Kino gezeigte Film auch noch ein Thriller mit Blake Lively und Anna Kendrick mit komödiantischen Einlagen ist, der neben schönen Menschen auch noch Spannung und Plot-Twists verspricht, war ein netter Nebeneffekt, den ich gerne mitgenommen habe. Allerdings noch ein paar Worte zuvor zu Anna Kendrick: Ich halte sie für sehr talentiert (Oscarnominierung für „Up in the Air“), finde sie süß und witzig (bei schlechter Laune kann man ihr gerne mal auf Twitter folgen – es lohnt sich zumeist), aber in unseren bevorzugten Filmgenres finden wir uns nicht allzu oft wieder. Da haben wir unterschiedliche Geschmäcker, wie es aussieht. Und so konnte ich leider auch „A Simple Favor“, der prinzipiell von der Kritik ganz gut aufgenommen wurde, nicht viel abgewinnen. Anna Kendrick spielt Stephanie, eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Perfektionismus und ihrem Hausfrauen-Vlog den anderen Eltern in der Schule auf die Nerven geht. Sie lernt die von Blake Lively gespielte mysteriöse, sarkastische und offensichtlich reiche Emily kennen, deren Sohn in die gleiche Klasse geht. Die beiden Frauen freunden sich miteinander an (eine Freundschaft besiegelt durch starke Martinis), und bald bittet Emily Stephanie um einen kleinen Gefallen: Sie hat etwas Dringliches im Büro zu erledigen – ob Stephanie nicht ihren Sohn von der Schule abholen und auf ihn aufpassen kann? Kann sie natürlich, die einsame Supermutter, die froh ist, wenn sie helfen kann. Das Problem dabei: Danach ist Emily verschwunden, und als sie auch nach fünf Tagen nicht auftaucht, beginnt Stephanie, der Sache auf eigene Faust nachzugehen. Und fördert dabei Überraschendes zutage. Unterhaltsam ist „A Simple Favor“ durchaus, was auch an dem guten Zusammenspiel von Lively und Kendrick liegt. Auch der Humor ist dosiert, aber immer gut gezielt eingesetzt. Das Problem, das ich mit dem Film hatte, ist aber jenes, dass die Thrillerhandlung in meinem Kopf deutlich interessanter war als das Geschehen auf der Leinwand selbst. Der Film deutet viele Möglichkeiten an, die allesamt interessant sind, um am Ende dann doch wieder recht konventionelle Wege zu gehen. Ohne jetzt zu viel verraten zu wollen, aber die Auflösung erscheint mir gemessen an dem, was möglich gewesen wäre, recht billig. Außerdem sind die Charaktere prinzipiell alle ein wenig überzeichnet, sie sind – mit Ausnahme von Kendricks Stephanie – eindimensional und wirken teils wie Karikaturen. Selbst die von Lively wirklich toll gespielte Emily. All das verhindert ein tieferes Abtauchen in der Geschichte und ein Bonding mit den Figuren. So ging ich enttäuscht vom Film, aber begeistert vom Kinosaal, aus dem Electric Cinema.


4,5
von 10 Kürbissen

Have a Nice Day (2017)

Regie: Liu Jan
Original-Titel: Hao Ji Le
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Thriller, Komödie
IMDB-Link: Hao Ji Le


Man kennt das: Es ist spätabends, man ist schon müde (in diesem Fall von drei Filmen davor), aber da man schon beim Kino ist und das Ticket hat, setzt man sich halt doch noch in die 23-Uhr-Spätvorstellung, um das /slash-Festival zu einem würdigen Abschluss zu bringen. „Have a Nice Day“ heißt das Werk des chinesischen Animationsfilmers Liu Jian, und beginnt wie ein Coen Brothers-Plot: Indem der arme Bauarbeiter Xiao Zhang seinen Onkel um eine Tasche voller Geld erleichtert, was weder dem Onkel noch dem, für den das Geld bestimmt war, sonderlich schmeckt. Und da die Gestalten im Hintergrund kein einwandfreies Leumundszeugnis vorlegen können, beginnt die Jagd auf Zhang, der mit dem Geld seiner Freundin eine Schönheits-Operation bezahlen möchte. Das alles hätte sehr erbaulich und unterhaltsam werden können. Leider bleibt dieser Satz allerdings im Konjunktiv. Denn „Have a Nice Day“ ist zwar ambitioniert gemacht (so zeichnete Liu Jian im Alleingang drei Jahre lang an seinem Film), dem Resultat sieht man diese Ambition aber nicht mehr an. Der Film ist statisch, langsam, träge und eindimensional, was die Ausgestaltung der Figuren betrifft. Die Machart selbst, in der die Bewegungen von Figuren und Kulisse nur auf das Minimum beschränken (und ja, ich weiß, das wird in Animes generell gerne so gehandhabt), trägt dazu bei, dass sich keine Spannung aufbauen möchte. Auch der humoristische Aspekt des Films ist … nun ja, sehr subtil. Oder ist einfach meilenweit an meiner Art von Humor vorbeigeschossen. So tröpfelt der Film belanglos vor sich hin, und am Ende wundert man sich, wie lang sich 77 Minuten anfühlen können. Die internationale Filmkritik mochte den Film. Der österreichische Filmkürbis nicht.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)