Drama

The Rider (2017)

Regie: Chloé Zhao
Original-Titel: The Rider
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Western
IMDB-Link: The Rider


Wenn man nur den ersten Satz des Wikipedia-Eintrages zu „The Rider“ liest, in dem der Plot kurz zusammengefasst wird, könnte man meinen, dass es sich hierbei um eine Art „Der Pferdeflüsterer“ für Erwachsene handelt. Einen Rodeo-Reiter schmeißt es dermaßen deppert aus dem Sattel, dass er das Reiten aufgeben muss – woran er logischerweise erst mal zu knabbern hat. Allerdings wären alle Assoziationen mit equinen Selbstfindungstrips a la „Der Pferdeflüsterer“ viel zu kurz gegriffen. Denn „The Rider“ ist vor allem erst einmal ein sehr stilles, fast meditatives Drama, das eine Subkultur einer Subkultur zeigt – Rodeoreiter in einem Indianerreservat, wobei die alten Klischees zwischen Cowboy und Indianer auf eine wundersame Weise verschmelzen oder viel mehr: sich auflösen. Der nächste interessante Aspekt des Films ist, dass Chloé Zhao, die Regisseurin, keinerlei Wert auf die Exploitation des fatalen Sturzes legt. Der Film setzt ein, als die Wunden des Rodeo-Reiters Brady schon langsam zu verheilen beginnen. Der Sturz wird später nur in einem kurzen Youtube-Video gezeigt. Denn darum geht es Zhao in dem Film nicht – sondern vielmehr um die Frage, wie es danach weiter geht und was übrig bleibt von dem, was Brady einst ausgemacht hat. Einen großen Teil der Faszination bezieht der Film auch aus der Tatsache, dass die Laiendarsteller tatsächlich ihr eigenes Leben nachspielen. Denn Brady Blackburn heißt in Wirklichkeit Brady Jandreau, und der Sturz, der in diesem Video gezeigt wird, war echt – das war sein eigener Unfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte. Auch seine Familie spielt sich selbst. Am dramatischsten wird diese Authentizität greifbar am Schicksal seines Freundes Lane Scott, der (im Film) nach einem Abwurf dermaßen schwer verletzt wurde, dass er nicht mehr sprechen und sich kaum mehr bewegen kann. Die Szenen, wenn Brady seinen alten Kumpel im Pflegeheim besucht, sind innig, warm und echt. Gleichzeitig – und das ist die große Kunst, die hier gezeigt wird – ist „The Rider“ meilenweit davon entfernt, zu einem sentimentalen Rührstück zu verkommen. Mit außergewöhnlicher Sensibilität wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der lernen muss, loszulassen, um sich neu zu finden. Man muss wohl etwas Geduld aufbringen für diese stille Weise des Erzählens, doch wenn man sich darauf einlassen kann, ist „The Rider“ ein großer Wurf.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 38 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)

Paisà (1946)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Paisà
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Paisà


Als „Paisà“ bezeichneten die Italiener während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Soldaten, die in Sizilien landeten und von dort aus nordwärts Richtung Alpen marschierten. Um die Begegnungen zwischen den Soldaten und der zivilen Bevölkerung geht es auch in Rossellinis Episodenfilm, der zu den Klassikern des italienischen Neorealismus gezählt wird. Wie auch die amerikanischen Truppen selbst arbeitet sich Rossellini vom Süden in den Norden vor: Auf Sizilien begegnet ein Spähtrupp einer jungen Sizilianerin, die nach ihrer Familie sucht. Im besetzten Neapel führt ein armer Junge einen betrunkenen Militärpolizisten durch die Ruinen der Stadt. In Rom laufen sich zwei ehemals Liebende in die Arme, die sich nach den fürchterlichen Grauen, die der Krieg in die Stadt gebracht hat, nicht wiedererkennen. In Florenz versucht eine amerikanische Krankenschwester zusammen mit einem Bekannten in den noch von Deutschen besetzten Teil der Stadt vorzudringen, um ihren Geliebten zu suchen. In einem entlegenden Kloster in der Romagna nehmen Mönche amerikanische Militärkaplane bei sich auf. Und in der Po-Ebene kämpfen im Schilf des Ufers erbittert eingeschlossene Partisanen zusammen mit einer amerikanischen Einheit mit Unterstützung der Bevölkerung gegen die Deutschen. Manche dieser Geschichten sind wunderbare, in sich geschlossene Dramen (wie etwa die erste und die dritte Episode), die auch einen ganzen Film allein tragen würden. Nicht alle Episoden sind gleichermaßen fesselnd, aber alle zeichnet ein unverzerrter, jedoch nicht verbitterter Blick auf die Verhältnisse im besetzten Italien aus. Die Dialoge sind hervorragend geschrieben (am Drehbuch arbeiteten Federico Fellini und Klaus Mann mit), die Kamerarbeit ist exzellent, und hin und wieder blitzt sogar ein Funke Humor durch – der allerdings schon in der nächsten Einstellung von der Realität des Krieges unterlaufen wird. Den Fortschritt der amerikanischen Truppen zeichnet Rossellini in kurzen Zwischensequenzen mit Aufnahmen aus der Nachrichten nach, was dem Film zudem eine dokumentarische Note verleiht. Ein sehr eindringlicher und phasenweise intensiver Film, dessen einzelne Episoden zwar nicht alle durchgängig auf dem gleichen herausragenden Niveau sind, aber insgesamt ist „Paisà“ ein großes Werk, das sehr gut gealtert ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 15 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Körper und Seele (2017)

Regie: Ildikó Enyedi
Original-Titel: Testről és lélekről
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Testről és lélekről


Der introvertierte Finanzdirektor eines Schlachthofs träumt jede Nacht davon, ein Hirsch zu sein und mit seiner Gefährtin durch den Wald zu streifen. Das allein würde schon ausreichen, dass sich Sigi Freud die Hände reibt. Richtig interessant wird es allerdings, als zufällig herauskommt, dass die neu angestellte Qualitätskontrolleurin, die ebenfalls sehr introvertierte (und wie sich später zeigen wird: autistische) Mária jede Nacht den gleichen Traum träumt – aus der Hirschkuhperspektive. Und so bröckeln allmählich Schutzmauern, man nähert sich vorsichtig – wie eben zwei Hirsche im Wald – einander an. „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi, der 2017 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, ist ein stiller und ungewöhnlicher Liebesfilm. Das Thema ist der Einklang zwischen Körper und Seele bzw. das Fehlen dessen. Beide Protagonisten leben in ihrer eigenen Welt, die keine wirkliche Nähe zulässt. Endre, der versehrte Finanzdirektor, hat schon lange Beziehungen und der Liebe abgeschworen und nähert sich Frauen nur noch auf einer rein körperlichen Ebene an. Mária ist schlicht überfordert mit zwischenmenschlichen Interaktionen und dem Interpretieren von Zeichen und Gesten. Berührungen machen ihr Angst. Es erscheint logisch, dass sich die beiden nur auf der Ebene des Traums annähern können – und der Film reizt dieses Gedankenspiel auf eine sehr poetische Weise aus. Immer wieder blitzt auch eine sehr dunkle Komik durch. Außerdem ist wirklich alles fragil in diesem Film. Jede Bewegung, jedes Wort kann falsch sein und alles zum Einstürzen bringen. So gesehen sind nicht nur die Protagonisten introvertiert, sondern der ganze Film ist es. Wie gesagt, ein poetisches Werk, das getragen wird von wunderschönen Bildern dank der herausragenden Kamera von Máté Herbai und den beiden Hauptdarstellern, denen in punkto Verletzlichkeit alles abverlangt wird. Umso eindrucksvoller, dass Endre vom Laiendarsteller Géza Morcsányi verkörpert wird, der seiner versierten Berufskollegin Alexandra Borbély um nichts nachsteht. Ein sehr schöner, sehr berührender Film.

 

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 25 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Mister Universo (2016)

Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel
Original-Titel: Mister Universo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Mister Universo


Tairo, der junge Löwendompteur im Zirkus, findet sein Glückseisen nicht mehr, das ihm einst der stärkste Mann der Welt, Arthur Robin, genannt „Mister Universo“, gebogen hat. Da er unter den Artistenkolleginnen und -kollegen im Zirkus nicht besonders beliebt ist – lediglich mit der Schlangenfrau Wendy ist er befreundet – liegt der Verdacht nahe, dass ihm jemand das Eisen versteckt oder gestohlen hat. Die Auswirkungen spürt Tairo, wie er meint, sofort: Seine alte Tigerdame wird krank und kann nicht länger auftreten, sein Löwenmännchen verhält sich plötzlich aggressiv – mit nur zwei Tieren muss Tairo seine Show bestreiten. Das kann so nicht weitergehen, also nimmt er sich ein paar Tage frei, setzt sich in sein Auto und besucht seine Familie, um von ihr den Verbleib von Mister Universo in Erfahrung zu bringen, denn dieser soll ihm ein neues Glückseisen biegen. Nur ist nicht klar, ob Mister Universo noch in Italien aufzufinden ist, vielmehr: ob er überhaupt noch lebt. Denn er war schon ein betagter Herr, als ihm Tairo vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet ist. Aber der junge Dompteur lässt sich nicht beirren, und Schritt für Schritt kommt er seinem einstigen Idol näher. „Mister Universo“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel lässt die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen. Denn die Darsteller spielen sich selbst. Tairo, Wendy, Mister Universo – sie sind reale Persönlichkeiten, die dem langsam aus unserer Welt verschwindenden fahrenden Volk angehören. So ist die Darstellung des Lebens im Zirkus so authentisch wie nur irgendwie möglich, denn Tairo & Co. erzählen von ihrem eigenen Leben. Das Drehbuch skizziert zwar grob die Geschichte vor, aber vieles ist improvisiert und direkt dem Leben der Zirkusartisten entnommen. Diese Wahrhaftigkeit tut dem Film, der seine kleinen Geschichten und Begegnungen wie ein ruhiger Fluss transportiert, sehr gut. Auch wenn kaum etwas passiert, entsteht keine Langeweile – jedenfalls nicht bei mir. Ein bisschen straffen hätte man zwar können, und auch die finale Begegnung zwischen Tairo und Mister Universo fällt meiner Meinung nach zu kurz aus, um tatsächlich einen denkwürdigen Nachhall zu erzeugen, aber der Weg dahin ist voller kleiner Momente, glimpses of reality, die mich als Zuseher angesichts der Fremdheit dieser Welt unserer Kindertage neugierig bleiben lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Missverstanden (2014)

Regie: Asia Argento
Original-Titel: Incompresa
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: Incompresa


Subtilität ist nicht wirklich Asia Argentos Sache. Die Tochter des exzentrischen Filmschaffenden Dario Argento zeigt in ihrem grellen Drama „Missverstanden“ etwas, was vielleicht ihre eigene Kindheit gewesen sein könnte – oder auch nicht. Und sie nutzt dabei die ganze Bandbreite an Stilmitteln und Überzeichnungen, die ihr zur Verfügung steht. Alle Erwachsenen geraten zu bösartigen Karikaturen (sei es die von Charlotte Gainsbourg gespielte selbstbezogene und sexbesessene Mutter, sei es der narzisstische, abergläubische Vater oder die überforderte, zu emotionalem Missbrauch neigende Lehrerin), an der die neunjährige Aria mit ihrem Versuchen, wahrgenommen und geliebt zu werden, abprallt wie von einer Betonwand. Nur eine schwarze Katze, die sie auf der Straße aufliest, kann zu einem emotionalen Anker werden. Auch der omnipräsente Soundtrack baut sich immer wieder wie eine Wand auf. Hier wird ein Leben in Splitter zertrümmert, und dieses Zersplitterte nimmt Argento mit ihren Schnitten, ihrer Dramaturgie, die immer wieder von Lücken unterbrochen wird, mit ihrer Musikwahl auf. Das macht „Missverstanden“ interessant und anstrengend zugleich. Denn natürlich ist die Gefahr groß, dass die vielen Einzelteile nicht mehr zusammenpassen, und dieses Gefühl kommt zwischendurch auch auf. Der Kleber, der diese vielen Teile dann doch einigermaßen zusammenhalten kann, ist die großartige Nachwuchsschauspielerin Giulia Salerno als Aria. Unprätentiös und mit kindlicher Unschuld in den Augen zeigt sie das von den Eltern ungeliebte Kind auf der Suche nach Zuneigung nicht als Opfer, sondern als jemanden, die später wahrscheinlich über eine große Stärke verfügen wird – sofern sie ihre Kindheit einigermaßen übersteht. Insgesamt ist „Missverstanden“ dennoch eine unausgewogene Sache, da Asia Argento zu oft mit dem Holzhammer arbeitet und es an leisen Zwischentönen und subtilen Nuancen fehlt.


5,0
von 10 Kürbissen

Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert (2014)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Gemma Bovery
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Gemma Bovery


In einer kleinen Stadt in der Normadie lebt der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) mit seiner Familie. Eines Tages ziehen neue Nachbarn in das halb verfallene Haus nebenan – die Engländer Charlie (Jason Flemyng) und Gemma Bovery (Gemma Arterton). Angesichts der jungen Frau regen sich bei Martin lange verschollen geglaubte Gefühle, doch er ist damit nicht allein. Und angesichts seiner jungen Nebenbuhler gibt er schon bald das Feld auf, um sich stattdessen als ironisch distanzierter Kommentator des Geschehens mal mehr, mal weniger einzubringen. Dabei fällt ihm auf, dass sich die Geschichte der jungen Gemma immer mehr jener ihrer Namensvetterin Emma Bovary aus Flauberts berühmtestem Roman angleicht. Und wie der belesene Bäcker so weiß: Mit der hat es kein gutes Ende genommen. Also schreitet er ein. „Gemma Bovery“ hat zwei sehr überzeugende Argumente, warum der Film wirklich sehenswert ist. Das eine heißt: Gemma. Das andere: Arterton. Immer, wenn Gemma Arterton auf dem Bildschirm zu sehen ist und versonnen lächelt, wird alles ein bisschen leichter, die eigenen Probleme rücken in den Hintergrund, das Leben wird um eine Nuance lebenswerter. Die Frau ist einfach wahnsinnig schön und hat dabei (vor allem in diesem Film) eine geheimnisvolle, romantisch-sinnliche Ausstrahlung. Der Moment, wenn der arme Martin, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, der hysterischen Gemma einen Bienenstich am Rücken aussaugen soll, ist auf der einen Seite komisch und überdreht, aber allein die Tatsache, dass es sich um Gemma Arterton handelt, deren Kleid am Rücken aufgeknöpft wird, verleiht dieser Szene plötzlich eine unfassbar erotische Komponente. „Gemma Bovery“ ist luftiges, heiteres Sommerkino mit viel Sinnlichkeit und literarischen Referenzen. Vielleicht kein Meisterwerk für die Ewigkeit, dazu ist der Film insgesamt zu leichtgewichtig, aber allemal sehenswert. Und für Gemma Arterton gibt es den Bonuspunkt obendrauf.


7,0
von 10 Kürbissen

Mein langsames Leben (2001)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Mein langsames Leben
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama
IMDB-Link: Mein langsames Leben


Von der Kritik wurde Angela Schanelecs dritter Langfilm, „Mein langsames Leben“, begeistert aufgenommen. Als einer der herausragendsten deutschen Filme des Jahrzehnts wird er zum Beispiel auf critic.de bezeichnet, als „Meisterwerk, wie es das deutsche Kino lange keines hervorgebracht hat“ vom renommierten Filmkritiker Ekkehard Knörer. Wieder lässt Schanelec ihre Kamera einfach auf alltägliche Menschen und Situationen draufhalten. Deren verbindendes Element ist Valerie (Ursina Lardi). Um sie und die Menschen in ihrem Umfeld geht es – ihre Freundin, mit der sie sich gleich zu Beginn trifft, bevor diese für ein halbes Jahr nach Rom zieht, ihr neuer Freund Thomas, dessen Schwester Marie, die jung heiratet – es wird keine Geschichte erzählt, es werden nicht einmal viele kleine Geschichten erzählt. Stattdessen lässt Schanelec ihre Figuren einfach einen Sommer lang miteinander agieren und versucht ihnen auf diese Weise näher zu kommen. Damit erhebt Schanelec mit ihrem Film einen Anspruch auf Authentizität, den sie aber, womit wir bei dem Problem sind, das ich mit diesem Film habe, nicht wirklich einlöst. Das liegt in meinen Augen (oder besser gesagt: in meinen Ohren) an den Dialogen. Geschliffen kommen sie daher, in ganzen Sätzen und mit perfekt eingesetzten Nebensätzen. Anders als in den Filmen einer weiteren Filmschaffenden der neuen Berliner Schule, nämlich der von mir so geschätzten Valeska Grisebach, wird hier Schriftsprache gesprochen, und zwar ausnahmslos von jeder Figur, die somit plötzlich austauschbar klingen. Ohne größere Schwierigkeiten kann man sich vorstellen, einen gerade gesagten Satz einer völlig anderen Figur in den Mund zu legen. Und damit hat mich der Film verloren, denn ich nehme ihm die Figuren nicht länger ab. Das ist für einen Film, der allein darauf abzielt, glaubwürdig zu sein, der Todesstoß.


4,5
von 10 Kürbissen

K-19: Showdown in der Tiefe (2002)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: K-19: The Widowmaker
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Thriller, Historienfilm, Drama
IMDB-Link: K-19: The Widowmaker


Wenn man sich die Filmographie von Kathryn Bigelow ansieht, dann stellt man fest, dass sie ein Faible für Genres hat, die man in einer ersten spontanen Eingebung eher männlichen Filmschaffenden zuordnen würde: Ob Kriegsfilm („The Hurt Locker – Tödliches Kommando“), Polizeithriller ohne politischer Dimension („Blue Steel“) oder mit (Detroit) oder im Surfer-Milieu („Gefährliche Brandung“) oder Polit-Thriller („Zero Dark Thirty“) – die Dame fühlt sich wohl im Kreise ihrer männlichen Kollegen. In „K-19: Showdown in der Tiefe“ von 2002 taucht sie nun mit ihrer ausschließlich männlichen Besatzung (angeführt von Harrison Ford und Liam Neeson) in einem russischen U-Boot ab. Das soll Anfang der 60er mitten im Kalten Krieg der ganze Stolz der Sowjetarmee werden, aber da man die tauchende Zigarre ein wenig zu früh ihre Raketen abschießen lässt (quasi ein militärischer ejaculatio praecox), darf man sich schon bald mit ein paar Problemchen herumplagen, die man auf einem U-Boot nicht so gerne hat: zum Beispiel mit einem Leck im Kühlkreis des Kernreaktors, der das Boot antreibt und der in Folge dessen in die Luft zu gehen droht. Und weil man gerade recht nahe an einer NATO-Basis herumschippert und somit weit weg ist von russischer Erde, ist man erst mal auf sich allein gestellt. Weil: Die Amis anrufen und denen die Malaise zu schildern, käme politisch gesehen nicht so toll, da verliert man doch ein bisschen das Gesicht. Ein U-Boot als Atombombe neben ihren Schiffen hochgehen zu lassen, kommt aber auch nicht so gut. Und auch wenn man ein treuer russischer Volksgenosse ist, möchte man doch irgendwann mal gemütlich in der Tundra auf seiner Veranda sitzen und den Enkelkindern beim Spielen zusehen. Also sind Kreativität und Mut und Schnelligkeit gefragt. Und die Bereitschaft, das eigene Leben für das Wohl der Kameraden aufs Spiel zu setzen. Denn irgendwer muss da hinein zu diesem blöden Reaktor und das Ding wieder zusammenflicken. Die Geschichte von „K-19: Showdown in der Tiefe“ beruht auf wahren Begebenheiten. Dieses Unglücksboot, das sich noch vor dem Stapellauf den Beinamen „The Widowmaker“ verdient und diesen dann mit Havarien wie der hier beschriebenen weiter einzementiert hat, gab es tatsächlich. Natürlich werden die Ereignisse von damals stark verkürzt und dramatisiert erzählt – das ist eben Hollywood. Das eigentliche Problem des ansonsten sehr passablen, aber recht routiniert abgespulten Thrillers liegt in der Besetzung. Ich kaufe weder Harrison Ford noch Liam Neeson die russischen Offiziere ab. Da können sie sich noch so sehr mit einem pseudo-russischen Akzent abmühen (der bei Ford nach keiner nachvollziehbaren Logik kommt und geht), die Diskrepanz ist einfach da und nicht wegzuwischen.


6,0
von 10 Kürbissen

Sehnsucht (2006)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Sehnsucht
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Sehnsucht


Markus und Ella führen ein beschauliches, glückliches Leben am Brandenburger Land. Am Wochenende kommen Ellas Freundinnen zum Kuchen vorbei, Markus, der als Schlossermeister seine eigene Werkstätte hat, ist ein geschätztes, wenngleich auch ruhiges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Doch etwas ändert sich in der Dynamik (oder auch im Fehlen derselben) der Beziehung, als Markus eines Tages zu einem Verkehrsunfall hinzukommt. Es sind kleine Nuancen, die man als Zuseher auch nur erahnen kann, denn Valeska Grisebachs Film setzt mit dem Unfall ein. Und doch gibt es Momente, in denen man der vertrauten Beziehung des Ehepaars nicht so recht trauen kann. Wie groß sind die Worte, wenn Ella ihren Markus an den Händen fasst und ihm sagt, dass sie so große Sehnsucht nach ihm habe? Wie schal daraufhin seine Reaktion? Man spielt nach den Regeln, man bemüht sich, man liebt sich und will sich das zeigen, aber die Tonalität scheint nie so ganz stimmig zu sein. Als Markus auf einem Lehrgang seiner Feuerwehreinheit auf die Kellnerin Rose stößt, passiert das Undenkbare: Der ruhige, so bemühte und sympathische Schlosser findet sich morgens in ihrem Bett wieder. Und nun liebt er zwei Frauen: Ella und Rose. Mit beiden scheint er es ernst zu meinen, er ist hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Ausprägungen derselben Liebe. Und so nimmt das stille Drama, das sich nur im Kleinen zeigt, seinen Lauf. Valeska Grisebach ist mir schon mit ihren Filmen Western und ihrem Debütfilm Mein Stern positiv aufgefallen. Wie niemand sonst gelingt es ihr, die Grenzen der Sprache und die hilflose Sprachlosigkeit ihrer Protagonisten aufzuzeigen – ein durchgängiges Thema in ihrem Werk. Man merkt ihren Figuren den guten Willen an, doch oft können sie sich nicht so verständlich machen, wie sie das gerne würden. Eindrücklich zeigt sich das in Markus‘ Schweigen. Er redet nicht viel, denn er weiß nicht, wie er das, was ihn beschäftigt, ausdrücken soll. Er handelt aber auch nicht zielgerichtet, denn er versteht sich ja nicht einmal selbst. So laufen die Dinge eben so, wie sie laufen – mit allen Konsequenzen. Dass am Ende eine Gruppe von Kindern zusammensitzt, um die Geschichte fertig zu erzählen, ist ein schönes und schlüssiges Bild. Denn die Kinder reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – unbekümmert und frei von Konventionen und sozialen Regeln, die unsere Kommunikation so oft hemmen.


7,5
von 10 Kürbissen

BlacKkKlansman (2018)

Regie: Spike Lee
Original-Titel: BlacKkKlansman
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: BlacKkKlansman


Die Geschichte klingt wirklich irre, aber wie Spike Lee im Vorspann versichert: Dieser Shit ist wirklich passiert. Anfang der 70er greift der Undercover-Polizist Ron Stallworth (Denzels Washingtons Filius John David Washington), der erste schwarze Cop in Colorado Springs, zum Telefonhörer, um auf eine Anzeige des Ku-Klux-Klans zu antworten, der nach neuen Mitgliedern sucht. Die Szene, in der Ron im Großraumbüro seinem Gegenüber am Telefon versichert, wie sehr er Schwarze hasst und sich die Kollegenschaft verwundert zu ihm umdreht, ist brillante Situationskomik. Das Problem bei der ganzen Sache liegt recht bald am Tisch: Ron Stallworth wird sich schwer tun, die KKK-Veranstaltungen zu besuchen, zu denen er eingeladen ist. Also nimmt übernimmt Rons jüdischer Kollege Flip (Adam Driver) diese Rolle, und gemeinsam werden sie zu Ron Stallworth, der Stimme am Telefon und dem Klan-Mitglied bei den Zusammenkünften. Ein gefährliches Spiel, denn wie sich schon bald zeigt, sind die Klan-Mitglieder zwar rassistische Arschlöcher, aber nicht blöd (zumindest nicht alle). Dass Ron nebenbei um die politische Aktivistin Patrice (die entzückende Laura Harrier) buhlt, macht die Sache auch nicht einfacher. „BlacKkKlansman“ ist richtig böses (gutes) Kino. Das Lachen bleibt dem Zuseher oft genug im Hals stecken, wenn die Klan-Mitglieder ihre rassistischen Parolen rausschmettern oder Redneck-Polizisten übergriffig werden. Zudem sind alle Rollen sehr gut besetzt und ausgezeichnet gespielt. Auch setzt der Film das Thema recht down to earth um. Obwohl natürlich im Vergleich zur realen Geschichte dramaturgische Eingriffe vorgenommen wurden, ist die Action nicht überspitzt und das Drama nicht allzu breit getreten. Eine gewisse Lässigkeit liegt über dem Ganzen. Damit bekommt der Film allerdings im Mittelteil dann auch teilweise Timing-Probleme, da sich der Spannungsbogen nicht so recht aufbauen möchte. Die vielen guten Momente, die der Film hat, machen dies aber dann doch wieder wett. Am Ende wird die Brücke zur (erschreckenden) Gegenwart geschlagen, und der lockere 70er-Vibe-Film bekommt ein ernsthaftes (und das kann man kritisieren) plakatives Statement aufgedrückt zur Lage der Nation und dem immer noch allgegenwärtigen Rassismus, der seit diesem Jahr von oberster Stelle vorexerziert wird. In Cannes gab es dafür den Großen Preis der Jury. Und vom Filmkürbis immerhin solide 7 Kürbisse.


7,0
von 10 Kürbissen