2023

They Cloned Tyrone (2023)

Regie: Juel Taylor
Original-Titel: They Cloned Tyrone
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Komödie, Science Fiction
IMDB-Link: They Cloned Tyrone


Stilistisch an Blaxploitation-Filme der 70er-Jahre angelehnt schickt Regisseur Juel Taylor in „They Cloned Tyrone“ John Boyega als Drogendealer, Jamie Foxx als Zuhälter und Teyonah Parris als Prostituierte durch eine aberwitzige Story. Fontaine (Boyega) hat nämlich eine Nahtoderfahrung der anderen Art. Von einem konkurrierenden Gangmitglied bekommt er sechs Kugeln in die Brust, nur um am nächsten Morgen wieder putzmunter in seinem Bett aufzuwachen. Was zunächst nach Und täglich grüßt das Murmeltier klingt, entwickelt sich rasch in eine andere Richtung, denn Slick Charles (Foxx) und Yo-Yo (Parris) können eindeutig bestätigen, dass Fontaine am Vorabend das Zeitliche gesegnet hat. Was ist hier also los? Schon bald ist das zusammengewürfelte Trio Infernale einer absurden Verschwörungstheorie auf der Spur und hat mächtige Feinde am Hals, die sich von einer großen Klappe nicht einschüchtern lassen. „They Cloned Tyrone“ hat also eine spannende Prämisse am Puls der Zeit, sprießen doch Verschwörungstheorien in den letzten Jahren wie Pilze im Regen, doch gelingt es Juel Taylor nicht, die Geschichte auch spannend zu inszenieren. Zu beiläufig entfaltet sich der Plot, als wäre Taylor mehr daran interessiert gewesen, seinem gut aufgelegten Cast möglichst viele Dialogzeilen zuzuschanzen. Der Film hat seine Momente, und die Story selbst ist hintersinnig böse, doch hat man das Gefühl, als wäre der Stoff in anderen Händen, vielleicht Spike Lees, besser aufgehoben gewesen, um seine volle Schärfe zu entfalten.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Parrish Lewis/Netflix © 2023. – © 2023 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Arielle, die Meerjungfrau (2023)

Regie: Rob Marshall
Original-Titel: The Little Mermaid
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Abenteuerfilm, Fantasy, Musical
IMDB-Link: The Little Mermaid


Disneys Neuverfilmung des Trickfilmklassikers „Arielle, die Meerjungfrau“ spaltete die Gemüter, ehe überhaupt noch die ersten Trailer dafür anliefen. Wie kann es sein, dass die blasse Arielle mit den feuerroten Haaren plötzlich eine dunkle Hautfarbe hat? Aber das entspricht doch nicht der Vorlage! Nun, wer emotional nicht stabil genug ist, eine optische Veränderung im Rahmen einer Neuverfilmung eines Märchens zu ertragen, sollte sich vielleicht generell von Film und Fernsehen fernhalten. Auf der anderen Seite gab es nach Veröffentlichung des ersten Trailers entzückendes Videomaterial auf Youtube von begeisterten farbigen Kindern, die beim Anblick der neuen Arielle (Halle Bailey) in Verzückung gerieten und ausriefen: „Die sieht so aus wie ich!“ Und das ist eine schöne Sache, finde ich. Doch ist der Film selbst, der schon im Vorfeld für so viel Diskussionsstoff sorgte, ebenfalls eine schöne Sache? Nun, das muss man ein wenig differenzierter betrachten. Einerseits trachtet Rob Marshall danach, die Geschichte des Zeichentrickfilms von 1989 so originalgetreu wie möglich zu erzählen, was in teils 1:1 nachgedrehten Bildern auch im Großen und Ganzen gelingt. Andererseits dichteten Jane Goldman und David Magee, die das Drehbuch schrieben, auch etliche Szenen neu hinzu – mit mal größerem und mal überschaubarem Mehrwert. Die Hymne des nach seiner ozeanischen Retterin schmachtenden Eric (Jonah Hauer-King), die eher dazu geeignet ist, sämtliche Fledermäuse der weiteren Umgebung zu verjagen als große Emotionen zu wecken, hätte es beispielsweise nicht unbedingt gebraucht. Dafür entpuppt sich ein Ausflug zu einem Fischermarkt als gelungene, bunte Abwechslung. Fans des Originalfilms müssen sich also bezüglich der Story nicht allzu sehr fürchten. Zum Fürchten sind eher die Animationen der tierischen Freunde der abenteuerlustigen Meerjungfrau, die so gerne ein Mensch sein würde: Aus dem sympathisch-pummeligen Fabius ist eine Flunder mit der Mimik einer … nun ja … Flunder geworden, und Krebs Sebastian ist ein Schalentier aus der Hölle. Immerhin sein karibischer Akzent ist putzig. Einzig Scuttle, im Original unüberhörbar gesprochen von Awkwafina, bringt Komik in die Geschichte. Und der Cast? Nun, Halle Bailey ist sympathisch und sichtlich bemüht, außerdem kann sie tatsächlich exzellent singen, doch fehlt es ihr ein wenig an Charisma, um die Geschichte emotional komplett zu tragen. Jonah Hauer-King als Eric wirkt ebenfalls sympathisch, aber austauschbar. Javier Bardem ist als Triton unterfordert und langweilt sich die meiste Zeit über. Bleibt einzig Melissa McCarthy als böse Meereshexe Ursula, die mit Verve und Spaß an der Sache die Ehre des Casts zu retten versucht. Insgesamt ist „Arielle, die Meerjungfrau“ ein ordentlicher Abenteuerfilm, der routiniert gemacht ist, dem aber das besondere Etwas fehlt. Einmal ansehen reicht aus.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Disney/DISNEY – © 2023 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Mein fabelhaftes Verbrechen (2023)

Regie: François Ozon
Original-Titel: Mon Crime
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Krimi, Satire, Komödie
IMDB-Link: Mon Crime


Es heißt immer: „Verbrechen lohnt sich nicht!“ Nun, das können die beiden mittellosen Freundinnen Madeleine (Nadia Tereszkiewicz) und Pauline (Rebecca Marder) so erst einmal nicht bestätigen. Madeleine ist eine angehende Anwältin, Pauline eine angehende Schauspielerin, doch Aufträge haben die beiden nicht wirklich, und so kuschelt man sich in einer kleinen Mietwohnung zusammen und schuldet dem Vermieter nicht weniger als fünf Monatsmieten. Was die prekäre Lage zunächst erschwert: Nach einem schiefgelaufenen Vorsprechen für eine Theaterrolle, das Pauline emotional aufgewühlt verlässt, findet sich wird schon bald jener Theaterproduzent tot aufgegriffen. Für die unfähigen Herren von Polizei und Staatsanwaltschaft steht sofort fest: Die junge Schauspielerin hat den Produzenten auf dem Gewissen, und Madeleine hat plötzlich eine unerwartete Klientin. Doch, wenn es nun kein kaltblütiger Mord, sondern Notwehr gewesen wäre? Pauline und Madeleine entwickeln rasch eine Verteidigungsstrategie: Mit großen, runden Augen gesteht Pauline vor der Jury die Tötung, doch hätte sie lediglich ihre Unschuld gegen den angreifenden Wüstling verteidigen wollen. Und plötzlich erhält die Jungdarstellerin einen ungeahnten Popularitätsschub, ihr Fall spaltet die Nation und sie wird zur Fahnenträgerin unterdrückter und ausgebeuteter Frauen. Das Leben von Pauline und Madeleine scheint eine unverhoffte Wendung zu nehmen, wäre da nicht der alternde Schauspielstar aus Stummfilmzeiten Odette Chaumette (eine fast unkenntlich aufgebrezelten Isabelle Huppert, die sämtliche Manierismen ihrer 50 Jahre währenden Schauspielkarriere in diese eine Rolle legt). Und alles verkompliziert sich wieder enorm. Lohnt sich also das Verbrechen am Ende dann doch nicht? François Ozon, ein stilistischer Pendler zwischen Extremen, scheint im Vorfeld zu „Mein fabelhaftes Verbrechen“ jede Menge Woody Allen-Filme gesehen und sich gedacht zu haben: Das kann ich auch! Die mit Tempo vorgetragenen Dialoge, das bürgerlich-intellektuelle Setting, selbst die Ausstattung erinnern auch an Woody Allen, doch fehlt „Mein fabelhaftes Verbrechen“, wenn man es harsch formulieren möchte, ein wenig die geistige Flughöhe für eine knackige Satire. Die Dialoge werden zwar mit Verve vorgetragen, doch ohne bemerkenswerten Sprachwitz, ja, an manchen Stellen wirken sie sogar sehr platt und lächerlich. Als hätte Ozon in diesen Momenten eigentlich eine Parodie auf Seifenopern drehen wollen. Es ist gut möglich, dass ich den Film falsch verstehe und genau das eigentlich seine Intention war, doch werde ich mit dieser lauwarmen Ausführung nicht warm. Es gibt einiges, was man positiv hervorheben kann bei diesem Film: Die Ausstattung, die Kostüme, das hohe Erzähltempo (auch wenn dieses nicht komplett durchgehalten wird), und vor allem Nadia Tereszkiewicz macht ihre Sache gut. So ist „Mein fabelhaftes Verbrechen“ durchaus unterhaltsam und einen Blick wert, doch weckt er in mir die Lust, ihn noch einmal sehen zu wollen? Leider nein.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Past Lives (2023)

Regie: Celine Song
Original-Titel: Past Lives
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Past Lives


Das koreanische Konzept des In-Yun besagt sinngemäß, sofern ich es richtig verstanden habe, eine Verbindung zwischen zwei Menschen aus deren früheren Leben. In unserem Kulturkreis würde man eine solche Verbindung vielleicht als „Seelenverwandtschaft“ bezeichnen. Young Na und Hae Sung haben eine starke Verbindung. Als Zwölfjährige sind sie füreinander so etwas wie der erste Crush, die erste große Liebe, doch dann wandert Young Na mit ihrer Familie nach Kanada aus, wird dort zu Nora (Greta Lee), und der Kontakt verliert sich. Zwölf Jahre später kontaktiert sie der in Korea gebliebene Hae Sung (Teo Yoo) via Facebook, und zumindest virtuell nähern sich die beiden wieder einander an. Doch das Timing passt nicht. Weitere zwölf Jahre vergehen, und dann taucht Hae Sung in New York, wo Nora mittlerweile mit ihrem Ehemann lebt, auf. Ist ihr In-Yun so stark, dass sie nach all dieser Zeit endlich zueinander finden? „Past Lives“ von Celine Song ist stark autobiographisch inspiriert. Auch Song kommt aus einer koreanischen Auswandererfamilie. Die Perspektive des Films ist demnach stark auf Nora fokussiert. Wer nun allerdings einen klassischen, vielleicht leicht kitschigen-schwülstigen Liebesfilm erwartet, wird von „Past Lives“ möglicherweise überrascht werden. Zwar ist die Geschichte leichtfüßig und mit gelegentlichen Einschüben von Humor erzählt, und sie folgt zunächst auch gängigen Mustern, doch offenbart sich mit der Zeit eine Ernsthaftigkeit und Seriosität, die aus dem realistischen Blickwinkel auf Beziehungen, den Song einnimmt, resultieren. Das Leben ist nicht Schwarz und Weiß, sondern besteht hauptsächlich aus Grautönen – wie auch Beziehungen. Und so fühlt sich „Past Lives“ in jedem Moment „echt“ an: authentisch, reflektiert und ehrlich. Hervorheben muss man auch das kontrollierte, nuancierte Spiel von Greta Lee, stoisch an der Oberfläche, doch mit emotionalem Tiefgang darunter. Auch Teo Yoo und John Magaro in der Rolle des Ehemanns spielen glaubwürdig und legen ihre Charaktere vielschichtig und nachvollziehbar an. „Past Lives“ ist ein rundum gelungener Film über die Liebe, über Beziehungen, über das Leben an sich und die Wellen, die uns manchmal an verschiedene Orte führen, uns aber dennoch auch miteinander verbinden.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Guardians of the Galaxy Vol. 3 (2023)

Regie: James Gunn
Original-Titel: Guardians of the Galaxy Vol. 3
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm, Action
IMDB-Link: Guardians of the Galaxy Vol. 3


Nicht von mir, aber ein sinngemäßes Zitat eines Youtube-Users, dem ich uneingeschränkt zustimmen möchte: Der erste Guardians of the Galaxy-Film hat die Comedy in das Marvel Cinematic Universe gebracht, als es versucht hat, ernst zu sein, während nun der dritte und letzte Teil die Ernsthaftigkeit ins MCU zurückbringt, während es versucht, Comedy zu sein. Viel besser kann man die Entwicklung der Guardians-Trilogie nicht beschreiben. Und ja, Vol. 3 ist ein würdiger Abschluss der Filmreihe rund um einen zusammengewürfelten Haufen von Outlaws, die gemeinsam größer als die Summe ihrer Teile werden. Jede Figur bekommt ihre nachvollziehbare Entwicklung, doch im Herzen des dritten Teils steht nun der genetisch veränderte Waschbär Rocket, dessen Hintergrundgeschichte aufgerollt wird. War Rocket in den ersten Filmen noch die coole Socke mit den markigen Sprüchen, bekommt der Charakter im dritten Guardians-Film nun eine Tiefe, die in den besten Momenten zu Tränen rührt. Der Film dreht sich komplett um seine Figur, und die Mission der Guardians ist es schlicht, ihn zu retten. Diese Konzentration der Story auf Rocket und dessen Hintergrund sind gleichzeitig die große Stärke des Films wie auch seine Schwäche. Denn zum Einen ermöglicht es eben genau diese Charakterentwicklung (wovon alle Charaktere profitieren), zum Anderen bleiben aber dadurch die Bösewichter, die es zu bekämpfen gilt, austauschbar und fast seltsam motivationslos. Hier wurde Potential verschenkt. Auch übertreibt es der Film manchmal mit seinem Hang zum Absurden, das immer wieder mal eingestreut wird. Und dennoch kann man James Gunn zu seinem Abschluss der Trilogie nur gratulieren, denn es ist ihm gelungen, aus einem CGI-Waschbären mit Hang zu Zynismus und einem Waffenspleen eine der interessantesten Figuren im gesamten Marvel-Universum zu machen.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Marvel Studios/Courtesy of Marvel Studios – © 2023 MARVEL, Quelle http://www.imdb.com)

Du bist sowas von nicht zu meiner Bat-Mizwa eingeladen (2023)

Regie: Sammi Cohen
Original-Titel: You Are So Not Invited to My Bat Mitzvah
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Komödie
IMDB-Link: You Are So Not Invited to My Bat Mitzvah


Man kennt in Hollywood den Coppola-Clan. Man kennt die Skarsgaard-Schauspielfamilie. Und man kennt nun auch dank Netflix die Sandlers. Denn Adam Sandler, eines der Aushängeschilde des Streaming-Riesen, hat für seinen neuesten Film gleich seine ganze Familie untergebracht. Seine Tochter Sunny spielt die Hauptrolle, deren Schwester Sadie darf auch im Film gleich die Rolle der Schwester übernehmen, seine Frau Jackie ist immerhin in einer kleineren Nebenrolle zu sehen – da bleibt kaum noch Screentime für den eigentlichen Star, der sich in der Rolle des Vaters der beiden Mädchen wohltuend zurücknimmt. Und so ist „Du bist sowas von nicht zu meiner Bat-Mizwa eingeladen“ ein Adam Sandler-Film, der im Grunde ohne Adam Sandler auskommt. Denn im Mittelpunkt steht die zwölfjährige Stacy Friedman, die von einer epischen Bat-Mizwa, die große jüdische Feier der Mündigkeit, träumt. Da darf dann gerne mal Popstar Oliva Rodrigo auf einem Jet-Ski an der eigens für das Fest angeheuerten Yacht vorbeisausen, so jedenfalls die Vorstellung des Teenies. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Denn auch wenn alle Teenies der jüdischen Schule in protzigen Villen wohnen, aber das übersteigt dann doch ein wenig die Kapazitäten der Familie Friedman. Schwerwiegender ist jedoch, dass sich Stacy kurz vor dem für sie wichtigsten Fest ihres Lebens mit ihrer besten Freundin Lydia (Samantha Lorraine) verkracht. Schuld ist, natürlich, der fesche Fußballer der Schule, der zwar die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege hat, aber auch einen gekonnt eingesetzten Schlafzimmerblick und sympathische Wuschellocken. Also Drama, Drama, Drama. Die Regisseurin Sammi Cohen inszeniert dieses nach Vorlage des gleichnamigen Jugendromans routiniert und mit Verve, hat aber dennoch mit einem fundamentalen Problem zu kämpfen: Die Geschichte rund um die Teenager-Freundschaft mit ihren Auf und Abs ist zwar recht nett erzählt, bietet aber wenig Substanz und schon gar nichts Neues. Immerhin machen die jungen Darstellerinnen ihre Sache gut, wobei erfreulicherweise vor allem Sunny Sandler positiv hervorsticht und zeigt, dass sich Nepotismus und Qualität nicht immer zwangsläufig ausschließen müssen.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Courtesy of Netflix – © 2023 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Barbie (2023)

Regie: Greta Gerwig
Original-Titel: Barbie
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Komödie, Fantasy, Satire
IMDB-Link: Barbie


Pink ist die Farbe dieses Sommers. Um Greta Gerwigs „Barbie“ ist ein regelrechter Hype entstanden. So bietet das Gartenbaukino beispielsweise auf vielfachen Wunsch seiner Gäste Frühstücksvorstellungen dieses Films an. Gleichzeitig wird auch kein anderer Film des Jahres so kontrovers diskutiert wie die Realverfilmung zu dem beliebten Mattel-Spielzeug mit Margot Robbie, Ryan Gosling und America Ferrara in den Hauptrollen. Auf Google bringt es der Film aktuell auf eine Durchschnittsbewertung von 2,4 Sternen von 5 möglichen. Jeder 5-Stern-Rezension steht mehr als eine 1-Stern-Rezension gegenüber. Interessanterweise kommt ein Großteil der negativen Bewertungen wohl von männlichen Rezensenten, sofern man das aus den Usernamen schließen kann. Und damit wären wir auch schon mitten im Thema des Films. Denn wer eine seicht-amüsante Plastikweltkomödie erwartet, wird sehr schnell überrascht. Schon die Einstiegsszene ist ein großartiges und völlig respektloses Zitat von Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“. Und in dieser Tonart geht es weiter. Greta Gerwig, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Noah Baumbach auch das Drehbuch geschrieben hat, zersetzt mit „Barbie“ nichts weniger als die komplette Gesellschaftsstruktur und ihre Unterteilung in männliche und weibliche Rollen und verhandelt quasi nebenbei gleich mal den Feminismus komplett neu. Die Herren kommen nicht gut weg in diesem Film, was mit Sicherheit auch die eine oder andere vernichtende Kritik erklärt, doch wer nur sieht bzw. sehen möchte, dass in diesem Film auf das „starke Geschlecht“ hingedroschen wird, übersieht ganz Wesentliches: Dass es Greta Gerwig nämlich gar nicht darum geht, ein Geschlecht als besser als das andere darzustellen, sondern vielmehr, Ungleichheiten und somit auch Ungerechtigkeiten aufzuzeigen und zu hinterfragen. Sie hält der Welt einen Spiegel vor, und wer mit dem Bild, das sich darin zeigt, unzufrieden ist, sollte sich demgemäß selbst hinterfragen. Wie sie das tut, ist hochgradig unterhaltsam und extrem witzig. Margot Robbie als (eine) Barbie und Ryan Gosling als (ein) Ken sind Idealbesetzungen, auch wenn die Stimme aus dem Off in einer Szene die Besetzung ironisch hinterfragt, und haben sichtlich Spaß an der Sache. Die Erschaffer von Barbieland, der bunten Plastikwelt, dürfen jetzt schon den Champagner für die nächsten Oscarnominierungen einkühlen. Das Tempo des Films ist hoch, aber nie gehetzt, und die Verschränkung der Puppenwelt mit der realen Welt bildet das Zentrum der Story, wird aber nicht für die eigentlich erwartbaren Witze, die man aus dem Aufeinanderprallen dieser beiden Welten ziehen könnte, missbraucht. Und genau dieser Aspekt zeigt exemplarisch auf, warum ich „Barbie“ für ein geniales Meisterwerk und vielleicht einen der besten, in sich stimmigsten Filme der Geschichte halte: Greta Gerwig und Noah Baumbach lassen mit ihrem Drehbuch das Offensichtliche beiseite und nutzen vielmehr den fantasievollen Raum, der sich ihnen dadurch bietet, um eine kluge, emotional aufrüttelnde und dennoch im besten Sinne komische Geschichte über Feminismus zu erzählen und unsere Gesellschaft gleichzeitig satirisch auszuleuchten. 9,5 Kürbisse gibt es hier für in meinen Augen perfekte Filme, und „Barbie“ ist ein perfekter Film. So grandios Oppenheimer auch ist und so hoch auch meine Erwartungen an den zweiten Teil von Villeneuves Dune sind, lege ich mich dennoch fest: Für mich ist „Barbie“ der Film des Jahres.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Courtesy of Warner Bros. Picture – © 2023 – Warner Bros, Quelle http://www.imdb.com)

Oppenheimer (2023)

Regie: Christopher Nolan
Original-Titel: Oppenheimer
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Oppenheimer


Christopher Nolan ist vielleicht der kompromissloseste Regisseur unserer Zeit. Er macht keine halben Sachen. Ein dreistündiges Biopic über einen theoretischen Physiker? Warum nicht? Es ist Nolans große Kunst, dass er diese drei Stunden so spannend gestaltet wie einen Thriller und so kurzweilig, als würde er maximal zwei Stunden dauern. Lediglich das Steißbein verkündet gegen Ende des Films die tatsächliche Sitzdauer. J. Robert Oppenheimer (Cillian Murphy), wie gesagt theoretischer Physiker in den USA, gilt heutzutage als „Vater der Atombombe“. Mitten im Nirgendwo stampfte er während des Krieges mit den Mitteln des Militärs (verkörpert durch Matt Damon als General Groves ) die Forscherstadt Los Alamos aus dem Boden, um dort in zwei Jahren die Atombombe zu entwickeln, bevor den Nazis, die ebenfalls daran forschen, der Durchbruch gelingt. Um sich versammelt er die besten Köpfe der Physik samt deren Familien, um das Unmögliche möglich zu machen. So weit, so gut bzw. so bekannt. Was Nolan allerdings aus dem an sich drögen Stoff macht, ist überwältigendes Kino. Wie so oft in seinen Filmen sind unterschiedliche Zeitstränge miteinander verwoben. Die eigentliche Rahmenhandlung bildet eine Befragung eines Ausschusses in einem Hinterzimmer nach dem Krieg zu Oppenheimers Sympathie für den Kommunismus mit dem Ziel, ihn, den Star der Wissenschaft und Berater des Kabinetts, zu diskreditieren und ihm seine Sicherheitsstufe zu entziehen. Eingewoben ist hierbei ein kurzer biographischer Exkurs, die Arbeit an der Bombe selbst und eine weitere Anhörung in der Zukunft, diesmal seinen Förderer und Mentor, den ehemaligen Leiter der Atomenergiekommission Lewis Strauss (Robert Downey Jr.), betreffend. Es liegt an Nolans penibler Regie, dass diese Zeitstränge genuin so miteinander verwoben sind, dass man nach einiger Eingewöhnung gut den Überblick behält. Gleichzeitig erforscht Nolan auch das Innenleben des genialen, aber schwierigen Wissenschaftlers Oppenheimer. Unter Nolans Blick bleibt dieser bis zum Schluss eine ambivalente Figur, die sich völlig im Klaren darüber scheint, was die Erfindung der Atombombe bedeutet, dennoch aber fast schon besessen auf dieses inhumane Ziel hinarbeitet. Eine der intensivsten Szenen des Films spielt sich ab, als der Verteidigungsminister samt seinem Stab, dem auch Oppenheimer beratend angehört, fast kaltblütig mathematisch das Für und Wider des Abwurfs einer Atombombe auf Japan und die Frage nach den „besten“ Zielen erörtert. Die Hintergründe für diese letztlich geschichtsverändernde Entscheidung werden dadurch greifbar, was den Schrecken über die Konsequenzen dieser Handlung allerdings in keinster Weise mindert. „Oppenheimer“ ist ein klarer Anwärter auf den Film des Jahres. Mich würde es wundern, wenn er während der Award-Season nicht abräumen würde, was es abzuräumen gibt. Und ich rechne mit einem Regen an Nominierungen für die Oscars Anfang nächsten Jahres: Cillian Murphy, Robert Downey Jr. scheinen gesetzt zu sein, dazu vielleicht sogar noch Emily Blunt und/oder Florence Pugh, dazu erwarte ich Nominierungen für den besten Film, die beste Regie, den besten Schnitt, die besten Visual Effects, den besten Ton, die beste Kamera, die beste Maske und die beste Musik. In einigen Monaten werden wir sehen, ob die Rechnung aufgeht.


9,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Universal Pictures – © Universal Pictures. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Die Studentenvertretung (2023)

Regie: Michaël Youn
Original-Titel: BDE
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Komödie
IMDB-Link: BDE


Auf Amazon Prime läuft seit einigen Monaten eine sehr außergewöhnliche Neuerscheinung des Jahres 2023, ein ungewöhnlicher Film, wie es ihn kaum ein zweites Mal gibt. Man muss schon beeindruckt sein von Michaël Youns Regiearbeit: In dieser Qualität bringen das nur die Wenigsten zustande. Gebannt sitzt man vor dem Bildschirm und verfolgt eine Katastrophe nach der anderen. Allerdings sind es weniger die Katastrophen, die Bob (ebenfalls Michaël Youn) und seiner Gang ehemaliger Studentenvertreter:innen, die in einem Luxuswinterressort die Sau bzw. den Berliner Löwen rauslassen wollen, widerfahren, sondern die filmischen Katastrophen, die sich nahtlos aneinanderreihen. Es gibt Filme, so selten diese auch sind, bei denen stimmt gar nichts. Nichts. Nada. Niente. Filme, die einfach nur strunzdumm sind, die das auch gar nicht beschönigen wollen, sondern glauben, dass sie mit strunzdumm durchkommen. Hauptsache, ein paar Fäkalwitze irgendwo einbauen und einen langen Dingdong zeigen. Der Rest ist Gekreische, Gefuchtel, Geschreie, und natürlich, Drogen müssen auch mit rein, garniert mit ein bisschen Sexismus und allem, was sonst unter die Gürtellinie geht. „Die Studentenvertretung“ versucht erst gar nicht, eine Geschichte zu erzählen: Hauptsache, möglichst viel Chaos! Die Story kann man daher auf einem winzig gefalteten Origami noch erzählen: Vier prätentiöse Säcke (korrigiere: drei Säcke, eine Säckin) finden trotz viel Kohle und guter Jobs (korrigiere: drei haben viel Kohle und gute Jobs) nichts leiwander, als mit den alten Spezis von der Uni damals ein Wochenende zu verbringen, wozu sie sich banalste Lügen ihren Partner:innen, Angestellten und Mitarbeiter:innen einfallen lassen – als ob es ein Verbrechen wäre, mit Freunden auf Urlaub gehen zu wollen. Die Begegnung mit einer völlig durchgeknallten Studentenclique, die außer Drogen, Ficken und Saufen nichts im Kopf hat, lässt ein an sich entspannt geplantes Wochenende eskalieren. Prinzipiell ließe sich ja nichts gegen ein solches Konzept sagen, wäre es charmant-frech umgesetzt wie beispielsweise Ferris macht blau. Von diesem Meisterwerk juveniler Unterhaltung ist „Die Studentenvertretung“ allerdings so weit entfernt wie Vladimir Putin vom Friedensnobelpreis. Jede Szene macht die Geschichte noch anstrengender, unglaubwürdiger und die Charaktere unsympathischer. Einzig die Schlussszene birgt ein wenig Erlösung für den Zuseher, der diese gleich mit dem frommen Wunsch verbindet, dass Michaël Youn eben diese genauso erlebt, wenn er noch einmal einen solchen Film dreht. Dass nicht einmal Amazon diese Eigenproduktion bewirbt, hat schon einen Grund …


1,0 Kürbis

Sayen (2023)

Regie: Alexander Witt
Original-Titel: Sayen
Erscheinungsjahr: 2023
Genre: Action, Thriller
IMDB-Link: Sayen


Hach, diese Streaming-Eigenproduktionen … Für jede Perle, die man hervorholt, greift man mindestens zehnmal in den Lokus. Der chilenische Actionthriller „Sayen“ von Alexander Witt ist da leider keine Ausnahme. Es mangelt ihm nämlich an zweierlei Dingen: Action. Und Thrill. Dabei wäre die Grundprämisse eine durchaus sympathische: Die junge Studentin Sayen, dem indigenen Stamm der Mapuche angehörig, kommt zurück in ihr Heimatdorf. Dort muss sie mit ansehen, wie ein schmieriger Geschäftsmann ihrer Großmutter, der Landbesitzerin des Stammes, ein unmoralisches Angebot zum Kauf des Waldes macht, diese erwartungsgemäß das Angebot ablehnt und er die Wichtigkeit dessen für ihn noch einmal mit einer Ladung Blei unterstreicht. Sayen, die als Kollateralschaden mitsamt der toten Großmutter in deren Haus verbrannt werden soll, kann flüchten und macht fortan nun ihrerseits Jagd auf den Schnösel und seine Legionäre. Dabei stellt sie fest, dass es dem Geschäftsmann nicht um die schöne Aussicht, sondern um gewaltige Kobaltvorkommen im Gebiet ging – und die Story bekommt dadurch einen ökosozialen Anstrich, aus dem man viel machen könnte. Leider bleibt es beim Konjunktiv. Zwar gibt sich Rallen Montenegro in der Hauptrolle der wehrhaften Mapuche-Indigenen redlich Mühe, doch ist der Rest des Casts (und zuweilen auch sie selbst) heillos überfordert, wie auch der Regisseur selbst. Die Actionszenen bekommt jede Traumschiff-Episode besser hin, das Drehbuch mit dessen ständigen Begegnungen der Konfliktparteien im riesigen chilenischen Wald macht keinen Sinn, die Dialoge laden zum Klischeebingo ein, und was dem Film schließlich den Rest gibt, ist ein offenes Ende, das auf einen zweiten Teil hindeutet, der hoffentlich, so die Produzent:innen ein Einsehen mit uns armen Seelen haben, niemals gedreht werden wird. Aber nachdem selbst Amazon Prime „vergessen“ hat, diese Eigenproduktion zu bewerben, können wir diesbezüglich wohl durchatmen.


2,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)