2018

Waldheims Walzer (2018)

Regie: Ruth Beckermann
Original-Titel: Waldheims Walzer
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Waldheims Walzer


Wir Österreicher sind anständige Leute. Dass man uns aus dem bisschen Antisemitismus und den paar Massenmorden und Kriegsverbrechen einen Strick drehen will, ist eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit. Wir waren ja Hitlers erstes Opfer. Das haben wir bis 1992 in der Schule gelernt. Und klar muss man mitlaufen und mitmachen, wenn es die Oberbefehlshaber verlangen. Es ist schließlich Krieg. Das ist immer eine scheußliche Sache. Da werden schon mal 2.000 Partisanen feige gemeuchelt, aber wir hatten ja schließlich auch Verluste zu beklagen. Die tapferen, anständigen Soldaten, die nur ihre Pflicht getan haben wie jeder Andere auch. Kurt Waldheim, Österreichs Bundespräsident von 1986 bis 1992 und davor langjähriger UN-Generalsekretär, war so ein anständiger Soldat. Kurz nach seinem Einzug ins Heer wurde er verwundet und konnte sich dadurch Gott sei Dank wieder seinem Studium widmen. Sein Pferd war halt noch in der SS, aber so ein Pferd hat manchmal eben auch seltsame Neigungen. Dafür kann man beim besten Willen nicht verantwortlich gemacht werden. Man kennt das ja aus der aktuellen Zeit: Da entwickeln diese Gäule plötzlich den unverständlichen Drang, für das Innenministerium zu arbeiten und auf Österreichs Straßen scharfe Patrouillen zu traben. Paramilitärische, waffennarrische, rassistische Mistviecher, aber wirklich! Auf manches kann man sich tatsächlich einfach keinen Reim machen, selbst wenn man mit einem solch begnadeten Dichtertalent gesegnet ist wie unser Herr Innenminister, der Gaulleiter. Das Pferd war es also. Nicht Waldheim. Dass der zufälligerweise auf dem Balkan herumturnt, als eben diese Tausende von Partisanen ermordet werden und noch mehr Juden aus Thessaloniki deportiert werden, ist nur ein seltsamer Zufall. Muss wohl ein anderer Waldheim gewesen sein. Oder eben das Pferd, verkleidet als Waldheim. Man weiß ja nie. Und dass diese Dokumente und Fotos gerade zur Zeit des Wahlkampfes für die Bundespräsidentschaft auftauchen, kann nur eine böse Verleumdungskampagne dieser hakennasigen Juden sein, die ja, wie man immer noch brav auf Knopfdruck vor sich her skandiert, das Geld und die Welt regieren. Nein, Waldheim war nur ein braver Soldat, ein christlicher Pazifist, schließlich der wichtigste Verfechter der Menschenrechte als UN-Generalsekretär, nicht wahr? Diese Juden! Und Moslems! Und Sozis! Und Bartträger! Und Hutträger! Und Vegetarier! Und Katzenliebhaber! Und Frauen! Und überhaupt! Und dann tummeln sich auch noch diese linksversifften, gottlosen Vaterlandsverräter auf dem Stephansplatz und demonstrieren ganz ungeniert und filmen das auch noch! Und die böse internationale Presse, Teil der zionistischen Weltverschwörung, greift diese Bagatelle, diese Nicht-News, auch noch auf und berichtet darüber und stellt komische Fragen. Da muss einem ja doch das Geimpfte aufgehen. Wir Österreicher lassen uns nicht vorschreiben, wen wir wählen und wen wir nicht wählen! Da könnte doch jeder kommen! Wir waren und sind ja immer die armen Opfer mit den kleinen Grenzen, und jetzt hat sich sogar die ganze Welt gegen uns verschworen! Skandalös. Da will man aus den Nazis plötzlich Nazis machen. Ungeheuerlich! Nein, der Kurtl, der war immer anständig. Und die Ruth Beckermann zeigt, wie anständig er wirklich war. Dazu braucht es nicht mehr als einen Zusammenschnitt diverser Nachrichtensendungen, Interviews und ihrer eigenen Aufnahmen aus dem Jahr 1986. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Und wenn man dann aus dem Kinosaal kommt, hat man das dringende Bedürfnis, ein Plakat zu malen und demonstrieren zu gehen. Denn der Teufel schläft nie. Der Österreicher aber schon. Und das ist das Problem.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

 

Zerschlag mein Herz (2018)

Regie: Alexandra Makarová
Original-Titel: Zerschlag mein Herz
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Zerschlag mein Herz


Endlich mal wieder was Erbauliches im Kino. Leichte Kost, bevor auf der Viennale in zwei Wochen wieder die schwer verdaulichen Filme präsentiert werden. „Zerschlag mein Herz“ (nicht vom Titel täuschen lassen!) ist eine bittersüße, federleichte Liebesgeschichte zwischen zwei jugendlichen Romas, die in Wien leben. Natürlich: Das Leben ist nicht leicht. Man muss betteln und das erbettelte Geld dem Onkel abgeben, der als Familienoberhaupt die bunte Truppe zusammenhält. Aber zwischendurch wird gesungen und getanzt, und man geht schwimmen an den Fluss. Fast, als hätte sich Bollywood nach Wien verirrt. Pepe, einer der beiden Lovebirds, bringt seiner Marcela das Fahrradfahren bei. Junges Glück, wie sehr wünscht man sich, an der Stelle der beiden Turteltäubchen zu sein. Na gut, ab und zu verpasst einem der finstere, die mehrere Zeit über besoffene Onkel, der seine Damen gerne mal zur Prostitution oder unter Gewaltandrohung zu einer Hochzeit zwingt, die eine oder andere gebrochene Rippe, und beim Baden ersäuft der Jüngste – aber sonst ist alles happypeppy! Es macht auch fast gar nichts aus, dass dieser schlagkräftige Kleinkriminelle selbst ein Auge auf Marcela geworfen hat. Und es ist auch kaum der Rede wert, dass Pepe ihm heillos ausgeliefert ist, weil sonst der nette Onkel Pepes minderjährige Schwestern in Wien antanzen lässt, um sie auf den Strich zu schicken. Hach, Banalitäten, die das junge Glück kaum trüben können. Oder so. „Zerschlag mein Herz“ ist brutal wie ein Autobusunfall. Österreichisches Feelbad-Kino per definitionem. Leider dreht der Film dabei ein bisschen zu sehr auf und kleistert die ohnehin schon dramatische, tragische Geschichte mit Klischees und trauriger Musik zu. Wenn es die Mission war, einen ganzen Kinosaal depressiv nach dem nächsten Laternenmast suchen zu lassen: Mission accomplished. Insofern eigentlich eh gut gemacht, aber eben ein bisschen too much. Ja, wir Österreicher wissen, dass das Leben scheiße ist – das steckt uns in den Genen. Und darauf kann man uns auch subtiler hinweisen.


5,5
von 10 Kürbissen

A Star is Born (2018)

Regie: Bradley Cooper
Original-Titel: A Star is Born
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm, Musikfilm
IMDB-Link: A Star is Born


Mit keinem anderen Film habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit so schwer getan wie mit Bradley Coopers Regiedebüt „A Star is Born“, in dem er selbst einen alkoholkranken Musiker spielt, der mit Lady Gaga das nächste große Talent und die große Liebe entdeckt. Denn: Der Film macht so vieles richtig bis grandios. Bradley Cooper ist in seiner Rolle überzeugend wie selten zuvor. Sein physisches Spiel macht seinen von Dämonen getriebenen Charakter auf eine unheimlich nachvollziehbare Weise sichtbar, ohne aber die Gründe dafür jemals allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Lady Gaga als Schauspielerin (ohne Tonnen von Schminke) ist eine Offenbarung. Sie ist verletzlich und anmutig und schüchtern und stark und begehrenswert. Eine ganz starke Vorstellung, die Lust auf mehr macht. Ich bin kein großer Fan von ihrer Musik, auch wenn ich ihr musikalisches Talent durchaus schätze. Aber hier könnte sich eine leidenschaftliche Gefolgschaft in Sachen Schauspiel entwickeln. Zudem kann „A Star is Born“ immer wieder mit sehr starken Szenen aufwarten, die authentisch und echt wirken. Die Konzertszenen beispielsweise sind großartig inszeniert, der Bass wummert, die Energie aus dem Publikum greift auf das Kinopublikum über – hier macht Bradley Cooper fast alles richtig. Allerdings gibt es gleichzeitig eine Story zu beklagen, die unverdrossen und unbelehrbar von Klischee zu Klischee springt. Hier gibt es auf über zwei Stunden wahrlich nichts Neues zu entdecken. Und das nervt auf die Dauer. Denn auch wenn die Klischees wirklich auf eine großartige Weise mit viel Feingefühl für Dramaturgie und Authentizität in Szene gesetzt sind – es bleiben eben doch Klischees, die mit der Zeit nerven, weil man sie schon hunderte Mal erzählt bekommen hat. Und so bleibt am Ende Respekt vor Bradley Cooper, der diese Doppelfunktion als Regisseur und Hauptrolle bravourös stemmt, ein kleiner Crush auf Lady Gaga und das Bedauern, dass die vielen guten Einzelteile, die der Film zu bieten hat, von diesen Klischees überlagert werden – denn dieser Film hätte das Potential zum Meisterwerk gehabt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 49 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

The Man Who Killed Don Quixote (2018)

Regie: Terry Gilliam
Original-Titel: The Man Who Killed Don Quixote
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Man Who Killed Don Quixote


„After 25 years in the making … and non making“, so heißt es selbstironisch zu Beginn, bevor der Titel des Films, auf den Gilliam-Fans ein Vierteljahrhundert lang warten mussten, eingeblendet wird. Aber gut, wenn es die Guns’n’Roses tatsächlich geschafft haben, „Chinese Democracy“ auf den Markt zu bringen, dann schafft Gilliam das auch mit seinem fast schon Lebensprojekt. Und ähnlich wie bei „Chinese Democracy“ waren die ersten Reaktionen nach Erscheinen eher verhalten. Dabei hat „The Man Who Killed Don Quixote“ alle Ingredienzen für ein großartiges Werk: Einen sensationell aufspielenden Jonathan Pryce als Ritter der traurigen Gestalt, einen Adam Driver mit sichtlich Lust an seiner Rolle als zynischer Werbefilmer, der mit den Konsequenzen seiner vergangenen Taten konfrontiert wird, die bezaubernde Portugiesin Joana Ribeiro, die sich wohl für die Hauptrolle empfiehlt, falls jemals das Leben von Penelope Cruz verfilmt werden sollte, eine ironische, zeitgemäße Adaption des Don Quixote-Stoffes mit postmodern anmutenden Einfällen zwischendurch, und den üblichen Gilliam-Wahnsinn des lustvollen Fantasierens auf den Ebenen zwischen Realität und Traum. Im Grunde ist „The Man Who Killed Don Quixote“ die Summe aller Gilliam-Filme, denn wie in kaum einer anderen Geschichte geht es hierbei um die Macht der Fantasie. Warum der Film dennoch von der Kritik mit Skepsis aufgenommen wurde, liegt zum einen an der überhöhten Erwartungshaltung, die man bei diesem Film hatte. Immerhin liegen 25 Jahre Produktionsgeschichte zwischen der ersten Idee und der finalen Realisierung. Zum anderen ist die Geschichte, das muss man ganz offen zugeben, konfus erzählt. Allerdings (und das ist wohl ein Punkt, den manch ein Kritiker übersieht): Hier reflektiert Gilliam die literarische Vorlage, die ebenfalls ein wenig konfus in Episoden erzählt ist und den einen großen Spannungsbogen vermissen lässt. Insofern ist Gilliam nur konsequent. Sein Meisterwerk ist der Film dennoch nicht – da stehen Werke wie „12 Monkeys“, „Brazil“ oder „König der Fischer“ drüber. Dennoch bietet „The Man Who Killed Don Quixote“ über zwei Stunden lang sehr gute Unterhaltung, die zwischen Drama und Komödie angesiedelt ist, mit einem fantastisch-konsequenten Ende, das noch länger nachhallt.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Venom (2018)

Regie: Ruben Fleischer
Original-Titel: Venom
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Science Fiction
IMDB-Link: Venom


Dass man keine fremden Lebensformen von anderen Planeten als Souvenir auf die Erde mitbringt, sollte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben. So etwas geht in den seltensten Fällen günstig aus. Aber weil das Superhirn und Milliardär Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed) lieber in seinem Labor herumlungert statt gelegentlich mal ins Kino zu gehen, weiß er das offensichtlich nicht. Also bringt er erstaunlich gelenkige Gäste ins Haus, um diese als Symbionten mit Menschen zu verschmelzen. Der Reporter Eddie Brock (Tom Hardy), soeben arbeits- und beziehungslos geworden, weil er etwas zu neugierig war, stolpert da eher zufällig in die Geschichte. Mit spektakulären Folgen. Denn nach einer Begegnung mit einem Besucher aus dem All entwickelt er plötzlich einen irrsinnigen Heißhunger auf rohe Garnelen, eine Abneigung gegen medizinische Untersuchungen und körperliche Fähigkeiten, die ihm durchaus leichte Vorteile bei Schießereien, Prügeleien und Verfolgungsjagden sichern. Vorteile in der Art, dass man beginnt, Mitleid mit den Schurken zu bekommen. Nur der Blick in den Spiegel verheißt nichts Gutes: Da ist nämlich ein Zahnarztbesuch überfällig. Und dass er gelegentlich Menschen die Köpfe abbeißt, kommt auch ungut mit der Zeit. So entwickelt sich eine Antihelden-Geschichte mit viel Action, bissigem Humor (pun intended) und einem gut aufgelegten Tom Hardy, dem man immer gern bei der Arbeit zusieht. Michelle Williams als Love Interest eigentlich auch – aber die ist in der Rolle verschenkt. Trotz guter Besetzung und eben der schon angesprochenen Action ist „Venom“ aber eher als einer der Tiefpunkte der Marvel-Filme zu betrachten. Die Story ist nämlich dünn wie Hühnersuppe während einer Magen-Darm-Grippe, bei den Figuren kann man nur extrem selten so etwas wie eine nachvollziehbare Motivation entdecken, der Schurke ist fad, und was die Logiklöcher betrifft: Damit fange ich gar nicht erst an. Gut, Logik ist bekanntermaßen nicht die große Stärke von Superhelden-Filmen, aber zumindest in sich kohärent sollte ein Film schon sein. Das ist „Venom“ leider nicht. So bleibt auf der Plus-Seite die amüsant anzusehende Dynamik zwischen Wirt und Gast, die Tom Hardy super rüberbringt, und die eine oder andere gute Action-Szene. Für zwei Stunden solide Kino-Unterhaltung, wenn man sonst nichts vor hat, reicht das aus, aber „Venom“ wird nicht zu den Filmen gehören, an die man sich noch lange erinnert.


5,0
von 10 Kürbissen

Nur ein kleiner Gefallen (2018)

Regie: Paul Feig
Original-Titel: A Simple Favor
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: A Simple Favor


Erst einmal vorweg: Der Grund für den Besuch des bei uns im November anlaufenden „A Simple Favor“ (deutscher Titel: „Nur ein kleiner Gefallen“) in London war das Electric Cinema in der Portobello Road mit dem schönsten Kinosaal, in dem ich jemals gesessen bin. Ich wollte dort unbedingt einmal einen Film ansehen – und ich hätte mich auch hineingesetzt, wenn sie die „Teenage Mutant Ninja Turtles“ gezeigt hätten (die verhunzte Real-Verfilmung von Michael Bay). Dass der in diesem Kino gezeigte Film auch noch ein Thriller mit Blake Lively und Anna Kendrick mit komödiantischen Einlagen ist, der neben schönen Menschen auch noch Spannung und Plot-Twists verspricht, war ein netter Nebeneffekt, den ich gerne mitgenommen habe. Allerdings noch ein paar Worte zuvor zu Anna Kendrick: Ich halte sie für sehr talentiert (Oscarnominierung für „Up in the Air“), finde sie süß und witzig (bei schlechter Laune kann man ihr gerne mal auf Twitter folgen – es lohnt sich zumeist), aber in unseren bevorzugten Filmgenres finden wir uns nicht allzu oft wieder. Da haben wir unterschiedliche Geschmäcker, wie es aussieht. Und so konnte ich leider auch „A Simple Favor“, der prinzipiell von der Kritik ganz gut aufgenommen wurde, nicht viel abgewinnen. Anna Kendrick spielt Stephanie, eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Perfektionismus und ihrem Hausfrauen-Vlog den anderen Eltern in der Schule auf die Nerven geht. Sie lernt die von Blake Lively gespielte mysteriöse, sarkastische und offensichtlich reiche Emily kennen, deren Sohn in die gleiche Klasse geht. Die beiden Frauen freunden sich miteinander an (eine Freundschaft besiegelt durch starke Martinis), und bald bittet Emily Stephanie um einen kleinen Gefallen: Sie hat etwas Dringliches im Büro zu erledigen – ob Stephanie nicht ihren Sohn von der Schule abholen und auf ihn aufpassen kann? Kann sie natürlich, die einsame Supermutter, die froh ist, wenn sie helfen kann. Das Problem dabei: Danach ist Emily verschwunden, und als sie auch nach fünf Tagen nicht auftaucht, beginnt Stephanie, der Sache auf eigene Faust nachzugehen. Und fördert dabei Überraschendes zutage. Unterhaltsam ist „A Simple Favor“ durchaus, was auch an dem guten Zusammenspiel von Lively und Kendrick liegt. Auch der Humor ist dosiert, aber immer gut gezielt eingesetzt. Das Problem, das ich mit dem Film hatte, ist aber jenes, dass die Thrillerhandlung in meinem Kopf deutlich interessanter war als das Geschehen auf der Leinwand selbst. Der Film deutet viele Möglichkeiten an, die allesamt interessant sind, um am Ende dann doch wieder recht konventionelle Wege zu gehen. Ohne jetzt zu viel verraten zu wollen, aber die Auflösung erscheint mir gemessen an dem, was möglich gewesen wäre, recht billig. Außerdem sind die Charaktere prinzipiell alle ein wenig überzeichnet, sie sind – mit Ausnahme von Kendricks Stephanie – eindimensional und wirken teils wie Karikaturen. Selbst die von Lively wirklich toll gespielte Emily. All das verhindert ein tieferes Abtauchen in der Geschichte und ein Bonding mit den Figuren. So ging ich enttäuscht vom Film, aber begeistert vom Kinosaal, aus dem Electric Cinema.


4,5
von 10 Kürbissen

Border (2018)

Regie: Ali Abbasi
Original-Titel: Gräns
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Fantasy, Thriller
IMDB-Link: Gräns


Tina ist nicht unbedingt eine Schönheit, aber sie hat ein außergewöhnliches Talent: Sie kann Gefühle (oder Rückstände von Gefühlen) an Menschen riechen – und damit ist sie natürlich eine Wunderwaffe bei der Grenzkontrolle. Die Ängstlichen, die voller Scham, die haben meist etwas zu verbergen – wie etwa Drogen, nicht verzollter Alkohol oder USB-Sticks voller Kinderpornographie. Allerdings führt Tina kein glückliches Leben, sondern lebt als Außenseiterin mit dem Slacker Roland, mit dem sie eine platonische Beziehung führt, und dessen Kampfhunden in einer abgelegenen Waldhütte. Eines Tages lernt sie Vore kennen, der bei der göttlichen Verteilung von Schönheit und Anmut auch gerade am Klo war. Und etwas stimmt nicht mit diesem Vore – nur kann Tina ausnahmsweise mal nicht herausfinden, was genau. Als sie erfährt, dass er durch die Gegend streunt und kaum Geld hat, nimmt sie ihn bei sich in ihrem Gästehaus auf. Und allmählich nähern sich die beiden einander an und entdecken erstaunliche Gemeinsamkeiten. Doch wer ist dieser Vore, was will er von ihr? Und warum hat er seinen Kühlschrank mit Klebeband versiegelt? „Border“ von Ali Abbasi ist eine klassische  Außenseiter-Geschichte, die von großartigen Akteuren und einer sensiblen Erzählweise getragen wird. Die Auflösung des Films, der irgendwo zwischen Drama, Thriller, Fantasy und Liebesfilm mäandert, ist durchaus originell. Ich mag ja solche Filme, die zwischen den Stühlen sitzen und sich keinem Genre klar zuordnen lassen. So gibt es auch viel zu entdecken in „Border“. Es geht um die Frage, wer wir tatsächlich sind, wie wir von anderen wahrgenommen werden, vor allem auch dann, wenn wir von der gängigen Norm abweichen. Es geht um die Frage nach einem selbstbestimmten Leben. Am letzten Tag meiner /slash-Filmfestival-Besuche noch einmal ein kleines Highlight.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Detective Dee und die Legende der vier himmlischen Könige (2018)

Regie: Tsui Hark
Original-Titel: De Renjie Zhi Sidatianwang
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Eastern, Action
IMDB-Link: De Renjie Zhi Sidatianwang


Der zweite Film des /slash Double Features aus Hongkong war der dritte Teil der Detective Dee-Filme von Tsui Hark. Ich muss gestehen, dass ich vor der Sichtung jemals weder etwas von den anderen Detective Dee-Filmen noch von Tsui Hark gehört hatte, aber wie der Kurator der Asien-Auswahl des Festivals versicherte, stehen alle Detective Dee-Filme für sich. Man kann also gut quer einsteigen. Was in der Politik geht, geht auch in der Filmkritik. Also rein ins Vergnügen, 3D-Brillen aufgesetzt und ab in den Wilden Osten, wo sich Detective Dee, der aufgrund eines früheren Abenteuers in den Besitz einer ganz besonderen Waffe gelangt ist, mit allerlei Schurkereien von Magiern herumplagen darf, die diesen McGuffin ebenfalls in ihre Hände bekommen möchten. Hinter all dem steht offenbar ausgerechnet die Kaiserin persönlich, was die Sache recht verzwickt macht. Aber Detective Dee ist ein Wunderwuzzi und durchschaut schon bald das falsche Spiel, das mit ihm gespielt wird. Der Rest ist augenzwinkernde Martial Arts-Prügelei mit teils sehr absurden Einfällen (den Magiern sei Dank), die visuell überzeugend und mit Humor in Szene gesetzt werden. Dass der Film dennoch nicht richtig zündet bei mir, ist der Tatsache geschuldet, dass auch hier wieder die Story selbst eher belanglos, vorhersehbar und teils arg unlogisch gestrickt ist. Auch sind die Charaktere und ihre Motivationen weniger zugänglich als im vor diesem Film gesehenen Sword Master, der erste Teil des Double Features. So bleibt mir nur das Standard-Fazit für derartige Martial Arts-Filme aus dem Osten: Visuell überzeugend, bunt und toll choreographiert, aber nichts, was bei mir dauerhaft im Gedächtnis bleibt – dazu ähneln sich die Filme und ihre konfusen Stories zu sehr.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Summer of ’84 (2018)

Regie: François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell
Original-Titel: Summer of ’84
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Summer of ’84


Hach, 1984! Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Im Radio liefen „Fürstenfeld“ und „I Want to Break Free“, Michel Platini führte Frankreich zum Europameistertitel, Niki Lauda wurde zum dritten Mal Weltmeister, man beging das „Orwell-Jahr“ – und der Filmkürbis … ähm … ja … was machte ich damals? Ach so, in die Windeln. Egal. Was ich sagen will: Die 80er-Nostalgie nimmt derzeit kein Ende und erweist sich für kreative Köpfe als Goldgrube. In diese Kerbe schlägt auch „Summer of ’84“, eine Art Mash-Up aus „Stand by Me“, „Stranger Things“, „It“ und „Disturbia“. Der 15jährige Davey hat seinen Nachbarn Mr. Mackey, einen Polizisten, im Verdacht, als Serienkiller dreizehn Morde auf dem Gewissen zu haben. Mit seinen drei besten Freunden ergreift er nun die Initiative, um Beweismaterial zu finden, das Mr. Mackey als Täter überführen soll. Dass es der geistigen Gesundheit nicht zuträglich ist, wenn man glaubt, dass der unmittelbare Nachbar in der Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, ein psychopathischer Killer ist, versteht sich irgendwie von selbst. Und so bezieht „Summer of ’84“ einen Großteil der Suspense aus dem Spiel zwischen Paranoia und ernsthafter Bedrohung. Unterlegt sind die Bilder mit einem 80er-Synthie-Sound, der zwar prinzipiell ganz nett klingt und den Film auch klar in seiner Zeit verankert (was durch die Bilder selbst nicht immer zu 100% gelingt), aber auf Dauer dann doch etwas eintönig wirkt. Auch die vier Freunde sind quasi dem Lehrbuch für Coming-of-Age-Buddy-Filmen entnommen: Davey ist der brave Schüchterne, Farraday der ängstliche Streber, Eats der coole Arme und Woody der dicke Schussel. Dazu gesellt sich noch Nikki, das ehemalige Kindermädchen von Davey, die als Zwanzigjährige nun für feuchte Träume herhalten muss. Das alles kommt einem beim Ansehen einfach wahnsinnig bekannt vor. Leider bleiben die Figuren zumeist auch auf diesem oberflächlichen Niveau. Was die Figurenentwicklung betrifft, kommt „Summer of ’84“ nie an das Niveau von beispielsweise It heran. Trotzdem ist „Summer of ’84“ sehenswert, da die Spannung von Anfang an hochgehalten wird, die Darsteller bzw. ihre Figuren recht sympathisch sind und der Film gegen Ende hin noch die eine oder andere fiese Überraschung bereit hält, die noch eine Weile präsent bleibt, auch wenn der Vorhang längst gefallen ist. Insgesamt also eine solide, unterhaltsame Sache, die man sich jedenfalls ansehen kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Tito and the Birds (2018)

Regie: Gabriel Bitar, André Catoto und Gustavo Steinberg
Original-Titel: Tito e os Pássaros
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Animation
IMDB-Link: Tito e os Pássaros


Fast hätte ich diesen Film ausgelassen, den ich als vierten Film meines /slash-Filmfestival-Besuchs auserkoren hatte. Das war so ein Wackelkandidat – wenn ich rechtzeitig aus dem Büro rauskomme, nehme ich ihn mit, ansonsten sehe ich diesen Animationsfilm, der eher der Überbrückung bis zum Spätabendprogramm dient, halt nicht. So what? Und jetzt sitze ich im orientalischen Lokal, lausche bei einem Glas Ayram dem Donauwalzer (Sie lesen gerade ein Kapitel aus dem Wälzer „The strange life of a film critic“) und versuche, das soeben Gesehene angemessen in Worte zu kleiden, die diesem kleinen Wunderwerk gerecht werden können. „Tito and the Birds“ ist nämlich ein Film, den ich uneingeschränkt wirklich jedem empfehlen kann, ob filminteressiert oder nicht, ob alt, ob jung – so etwas kommt selten vor. Gemacht ist dieser Animationsfilm in einer spannenden (und vielleicht anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen) Mischung aus mit groben Pinselstrichen gemalten Ölbildern im Hintergrund und digitaler und grafischer Animation der Figuren im Vordergrund. Dadurch wirkt der Film zum Einen wunderschön mit seinen kräftigen, lebhaften Farben und fokussiert gleichzeitig auf die optisch sehr einfach gehaltenen, aber dennoch ausdrucksstarken Figuren. Allein das schon macht den Film sehenswert. Nun kommen aber noch zwei Elemente hinzu, die „Tito and the Birds“ zum Meisterwerk aufsteigen lassen: Die expressive, intensive Musik und das Herzstück des Films, die unglaublich fantasievoll erzählte, kluge Geschichte. Denn in „Tito and the Birds“ geht es um die Angst und wie sie in die Welt kam. In einer Großstadt bricht eine seltsame Epidemie aus, die die Menschen zu Steinklumpen schrumpfen lässt. Allein Tito und seine Freunde stellen sich ohne Angst dieser Epidemie entgegen. Tito vermutet, dass die Sprache der Vögel, die sein Vater erforschte, der nach einem fatalen Unfall die Familie verlassen musste, der Schlüssel zur Heilung sein könnte. Und so baut er eine Maschine, um die Sprache der Vögel zu lernen und zu verstehen. Angereichert ist die Geschichte mit vielen liebevoll durchdachten Details und vielschichtigen Figuren, die so organisch miteinander verwoben sind, dass der Film für ein jüngeres Zielpublikum (10+) gut verständlich und unterhaltsam ist, den erwachsenen Zusehern aber einen Raum voller Ebenen öffnet, in dem sich intelligent verpackte Gesellschaftskritik und ein sehr deutliches Statement zur sozialen Kälte unserer Zeit und dem Wiederaufkeimen von faschistischen und diktatorischen Regimes finden lässt. „Tito and the Birds“ ist mit Herz und Hirn gleichermaßen gemacht und ein Wunder an Fantasie und Kreativität. Einer der Filme des Jahres für mich.


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)