Neruda (2016)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Neruda
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Biopic, Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Neruda


Luis Gnecco spielt Pablo Neruda, den großen Volksdichter Chiles und einen der bedeutendsten Vertreter des Kommunismus. Dieser tritt in den Augen der Machthaber etwas zu vehement gegen das herrschende Regime auf und wird so seines Amtes als Senator enthoben und soll verhaftet werden. Neruda flüchtet, geht mit seiner Frau Delia (Mercedes Morán) in den Untergrund, unterstützt von seinen Parteifreunden. Der Polizist Oscar Peluchonneau, gespielt von Gael García Bernal, heftet sich an seine Fersen. Der sinnliche Liebes- und Lebensmensch Neruda hat keine Lust darauf, sich wie ein Käfer zu verkriechen, und so entspinnt sich rasch ein amüsantes wie spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Ich muss zugeben, ich tat mir anfangs trotz der großartigen Darstellerleistungen und der extrem intelligenten Dialoge etwas schwer, in den Film hineinzufinden, denn Vieles schien mir überzeichnet zu sein, maßlos übertrieben, überdramatisiert. Aber dann fiel der Groschen: „Neruda“ ist nicht einfach ein politisches Bio-Pic, sondern vielmehr (auch) eine vergnügliche Hommage an den Film Noir und die Hard-Boiled-Detektivgeschichten der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Spätestens wenn der knallharte, wortkarge Polizist Peluchonneau (herrlich missverstanden in einer Szene, als ein Mann seinem Gutsherrn die Ankunft des Polizisten ankündigt und auf dessen Frage, was denn der für einer sei, antwortet mit: „Halb Idiot, halb Arschloch“) über seine eigene Rolle in Nerudas Geschichte zu reflektieren beginnt, löst sich das Vexierspiel zwischen den Genres auf, und der Film steuert auf einen grandiosen Showdown im Schnee der Anden hin. Kluges, großes und herrlich selbstironisches Kino.


8,0
von 10 Kürbissen

Der Sex Pakt (2018)

Regie: Kay Cannon
Original-Titel: Blockers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie
IMDB-Link: Blockers


Wenn sich Hollywood um das Thema Sex in Filmen bemüht, wird es zumeist recht schnell peinlich – oder aber wir befinden uns in der Erwachsenenunterhaltung. Ein differenziertes, nuanciertes Bild von Sexualität wird man jedenfalls nicht so schnell finden. „Der Sex Pakt“ von Kay Cannon könnte nun, was den Titel betrifft, beide Spektren abdecken: die plump-verklemmte Komödie genauso wie den Pornofilm. Spoiler: Es handelt sich um Ersteres. Wer davon enttäuscht ist, kann also jetzt mit dem Lesen aufhören. Allen Anderen, die sich nicht abschrecken lassen, sei hier nun eine kurze Inhaltsangabe mitgegeben: Drei junge beste Freundinnen beschließen einen Pakt: In der Prom Night (in den USA ist das in der Bedeutung quasi so etwas wie Weihnachten, Ostern, der Geburtstag und die Wiedergeburt Christi zusammen) verlieren sie alle ihre Unschuld. Blöd nur, dass das die Eltern spitzkriegen, und die hecheln schon bald panisch den Teenagern hinterher, um sie vom schlimmsten Fehler ihres Lebens (also Sex) abzuhalten. Die Eltern werden dargestellt von Leslie Mann als vermeintliche Beste Freundin-Mutter, die feststellen muss, dass ihre Connection mit dem Nachwuchs nicht so eng ist wie vermutet, John Cena als sportlichen Kumpel-Dad, der eine sensible Seite hat, und Ike Barinholtz als verpeilter geschiedener Vater, der die Verbindung zu seiner Tochter verloren hat. Gelegentlich blitzt bei den dreien komödiantisches Talent auf – vor allem John Cena spielt den überprotektiven Vater recht charmant. Die guten Ansätze, die sich hin und wieder zeigen, werden allerdings mit Fortdauer des Films niedergewalzt von Fäkalhumor und Kotz-Szenen. Ganz ehrlich: Das war schon in „American Pie“ unlustig zu einer Zeit, als es noch als lustig wahrgenommen wurde. Diese Art von Humor ist nicht besser geworden in den letzten Jahrzehnten. Und auch wenn sich der Film darum bemüht, nicht der üblichen Prüderie solcher Produktionen anheim zu fallen, so scheitert er dann doch an der latent mitschwingenden Bigotterie des Produktionslandes. Verklemmt bleibt verklemmt, und das schimmert halt immer wieder durch trotz aller gegenteiliger Bemühungen.


4,0
von 10 Kürbissen

Code Blue (2011)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Code Blue
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Code Blue


Viel Text müssen die Schauspieler in Urszula Antoniaks Filmen nicht lernen. So auch in „Code Blue“, das von einer Krankenschwester (Bien de Moor) erzählt, die isoliert lebt und nur durch die Behandlung ihrer Patienten so etwas wie zwischenmenschliche Nähe erfährt. Dass sie es mit der Nächstenliebe etwas zu gut meint und das Leid der Patienten auf der Palliativstation etwas verfrüht beendet, passt irgendwie ins Bild. Eines Tages lernt sie mehr durch Zufall den jungen Deutschen Konrad (Lars Eidinger) kennen, und sie beschließt, sich auf ihn einzulassen, auch wenn ihr das soziale Handwerkszeug für eine solche Begegnung fehlt. „Code Blue“ ist ein schwieriger Fall. Mal wieder. Denn von den bislang gesehenen Filmen von Urszula Antoniak konnte mich bislang nur „Nothing Personal“ überzeugen. Stilistisch ansprechend sind alle ihre Werke, aber zu oft vergisst sie für meinen Geschmack auf die Geschichte und vor allem darauf, den Zuseher mitzunehmen. Vieles spielt sich in den Köpfen der Figuren ab, Vieles bleibt dadurch im Verborgenen. Doch diese gewollte Rätselhaftigkeit geht einem nur allzu schnell auf die Nerven, und Fadesse stellt sich ein. Das passiert auch in „Code Blue“, und das kann am Ende Lars Eidinger selbst mit dem enthusiastischsten Körpereinsatz nicht mehr ändern. Was von dem Film bleibt ist, dass ich schöne Bilder und allzu viel von Eidingers Schniedel gesehen habe. Das reicht dann wieder für eine Weile – sowohl was Urszula Antoniaks Filme als auch was das beste Stück Lars Eidingers betrifft.


3,5
von 10 Kürbissen

Radio Dreams (2016)

Regie: Babak Jalali
Original-Titel: Radio Dreams
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Musikfilm
IMDB-Link: Radio Dreams


PARS Radio ist ein iranischer Radiosender in San Francisco, der die erste afghanische Alternative Rock-Band Kabul Dreams (gibt es wirklich) zu einer Session mit der US-Metal-Band Metallica (gibt es auch) eingeladen hat. Mr. Royani (Mohsen Namjoo), der Programmdirektor, war einst ein gefeierter Autor im Iran und muss sich nun mit amateurhaften Mitarbeitern, dummen Werbe-Einspielungen, einer Carlos Valderrama-Gedächtnis-Frisur in Grau und einem vagen Gefühl des Heimwehs herumplagen. Beckett hat einst „Warten auf Godot“ geschrieben. Dieser zauberhafte, sehr lakonische Film ist „Warten auf Metallica“. Der Tag vergeht. Das Programm geht zur Neige. Man muss improvisieren. Da draußen, außerhalb der sicheren Räume des Radiosenders, befindet sich eine fremde, einschüchternde Welt (was ausnahmsweise mal nicht an Metallica liegt). Und allmählich begreift man als Zuseher das Thema des Films: Das Fremde. Die Suche nach Identität, das Leben in der Diaspora, wo die Träume an den Mauern der Stadt zerschellen. „Radio Dreams“ ist witzig, hintersinnig und melancholisch. Und fühlt sich kurioserweise trotz aller Fremdheit trotzdem sehr vertraut an. Vielleicht, weil die Musik auch das Fremde miteinander verknüpft. Und das weiß schließlich auch Lars Ulrich, seines Zeichens nach Schlagzeuger von Metallica.

 


8,0
von 10 Kürbissen

Only Lovers Left Alive (2013)

Regie: Jim Jarmusch
Original-Titel: Only Lovers Left Alive
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama, Liebesfilm, Fantasy, Musikfilm
IMDB-Link: Only Lovers Left Alive


Wenn man unsterblich ist, kann einem die Zeit ganz schön lang werden. Das hat Jim Jarmusch erkannt, der seine beiden Vampirlover Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) zwischen Lethargie und Nihilismus sowie zwischen Tanger und Detroit pendeln lässt. Wenn man alle Zeit der Welt hat, muss man nicht jeden Tag aufeinander picken. Aber manchmal ist es doch schön, sich auf der Couch zusammenzukuscheln und gemeinsam Musik zu hören. Diesen Frieden stört eigentlich nur Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska), die zwar auch schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat, aber noch naiv und energetisch wirkt im Vergleich zu den beiden Älteren, die schon alles gesehen haben. Und natürlich, so ein Wirbelwind, der nach 87 Jahren Abwesenheit unvermutet mal wieder auf der Matte steht, bringt die gewohnten Abläufe ordentlich durcheinander – vor allem, wenn dieser versehentlich Adams besten Kumpel aussaugt. Denn eigentlich gehört sich das nicht, finden Adam und Eve. Sie trinken ihr Blut lieber aus der Konserve. Nein, viel passiert nicht in „Only Lovers Left Alive“. Wer sich actiongetriebenen Vampirhorror erhofft, wird von diesem Film bitter enttäuscht. Warum der Film aber dennoch in meinem persönlichen Olymp der Lieblingsfilme aufgestiegen ist, ist leicht erklärt: Ich kenne nur wenige andere Filme, die mit jeder Einstellung, mit jeder Szene eine so unglaublich dichte Atmosphäre schaffen. Unendliche Liebe, dieses viel besungene Klischee, wird hier spürbar gemacht – im Positiven wie im Negativen. Sie verdichtet sich zu Musik, zu gelbem Laternenlicht, zu halbverfallenen Gebäuden in den menschenleeren Straßen von Detroit, zu nächtlichem Philosophieren, zu dem Bewusstsein, dass man selbst noch da sein wird, wenn alles Andere bereits vergangen ist. Welche Rollen spielen dann schon Tage oder Nächte? Und warum zwischenmenschliche Kontakte knüpfen, wenn diese nicht lange halten? Tilda Swinton und Tom Hiddleston spielen dieses Paar, das in sich und in der Zeit gefangen ist, sich aber mit dem Schicksal abgefunden hat, wirklich grandios. Es geht von beiden sowohl Wärme als auch Gefahr aus. Wärme füreinander, Gefahr für jene, die nicht zu ihnen gehören. Für mich ist „Only Lovers Left Alive“ ein ganz großer Wurf, der mich nun schon seit vielen Jahren begleitet und zu dem ich gedanklich immer wieder zurückkehre.


10
von 10 Kürbissen

Strange Days (1995)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: Strange Days
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Strange Days


Millennium. Das neue Jahrtausend, der Wechsel von 1999 auf 2000. Wer erinnert sich nicht? An die Hysterie um den angeblichen Millennium-Bug, der am 1. Jänner 2000 sämtliche Computer lahmlegen würde? An die Prophezeiungen des Maya-Kalenders, dass die Welt untergehen würde? An die Gewissheit, dass Eurodance endgültig tot war? Und dann ist alles doch nicht so schlimm gekommen. 19 Jahre später blicken wir mit einem selbstgefälligen Lächeln auf eine friedvolle Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, uns das Klima davonläuft, weil wir immer noch CO2 hinausheizen wie die Blöden, der Nahe Osten zu einem einzigen Minenfeld geworden ist, wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen und allesamt keinen Dunst haben, wie wir in Zukunft all die hungrigen Mäuler inklusive unserer eigenen füttern wollen. Aber Hauptsache, eine Orange mit dem Intellekt einer Amöbe und eine Vogelscheuche mit Stroh im Kopf sind die Leader unserer Welt. (Und ja, ich weiß, die Vogelscheuche ist noch nicht im Amt, aber das ist nur eine Frage der Zeit, denn wenn wir aktuell eines aus der Geschichte lernen können, dann, dass die Grenze der Dummheit bei weitem noch nicht erreicht ist und Niveau zu einem fröhlichen Limbodance geworden ist, bei dem so gut wie alle Länder und Völker fleißig mitspielen.) Aber vielleicht sollte ich mal was über den Film schreiben, in dem in den letzten Tagen des 20. Jahrhunderts auch so einiges aus den Fugen gerät. Ralph Fiennes spielt den gestressten Ex-Polizisten Lenny Nero, der eine neue Art entdeckt hat, Kohle zu scheffeln: Er vertickt Erinnerungen, die quasi direkt aus dem Gehirn gezapft werden, an zahlungskräftige Kunden, die dann diese Erinnerungen nachempfinden können. Eh ganz lustig, quasi eine Vorwegnahme der Go Pro-Action-Cams. Blöd nur, dass Lenny eines Tages ansehen muss, wie eine solche Erinnerung gar unschön ausfällt – und fortan befindet er sich mit Angela Bassett auf der Flucht vor bösen Schurken und versucht, seine Verflossene, gespielt von Juliette Lewis, der grungigste Feger der 90er, zu retten – die aber nicht wirklich gerettet werden will. „Strange Days“ ist zwar nicht unbedingt würdevoll gealtert, aber einige gesellschaftliche Entwicklungen werden dennoch auf spannende Weise vorweggenommen, und die Thrillerhandlung ist handwerklich sauber inszeniert, wie man das von Kathryn Bigelow kennt. So unterhält der Film auch heute noch sehr gut und lässt im Anschluss an die Sichtung tiefschürfende philosophische Diskurse über Vorwegnahmen von Fehlentwicklungen zu. Aber vielleicht sollten wir uns auch einfach mal um unseren eigenen Kram des Jahres 2019 kümmern. Da haben wir ohnehin genug zu tun.


7,0
von 10 Kürbissen

Geheimnis eines Lebens (2018)

Regie: Trevor Nunn
Original-Titel: Red Joan
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Red Joan


Dame Judi Dench in einem britischen Spionagefilm, der auf wahren Begebenheiten beruht. Das klingt doch schon mal nach einem verlockenden Angebot. Tja, hier hat der deutsche Verleih ausnahmsweise mal ein gutes Näschen bewiesen, indem er den Originaltitel „Red Joan“ in das rosamundepilchereske „Geheimnis eines Lebens“ übersetzt hat. Deutlicher kann eine Warnung ja nicht ausfallen. Denn Trevor Nunns Film einer KGB-Spionin, die im zarten Alter von ca. 80 Jahren verhaftet und verhört wird und dabei ihr Leben und ihre Spionagetätigkeit während des Zweiten Weltkriegs aufbröselt, ist ungefähr so spannend wie einer Rosenzucht beim Wachsen zuzusehen. Da kann sich Judi Dench noch so abmühen, etwas Klasse in die Geschichte zu bringen, aber zum Einen hat sie bedauerlich wenig Screentime, zum Anderen kommt gegen dieses Drehbuch nicht mal eine Schauspielerin ihres Formats an. Gegen diese Dialoge sind die Werke Rosamunde Pilchers nobelpreisverdächtig. Dabei wäre die Geschichte selbst gar nicht so unspannend: Physikabsolventin heuert bei britischem Atombombenprogramm an und verschachert das Wissen um den Fortschritt der Bombe an die Russen. So weit so interessant. Wenn die junge Dame aber nur naiv und der Liebe willen in die Chose hineinstolpert und, obwohl sie eine treue Patriotin ist, wie sie beteuert, den Sowjets die Pläne am Silbertablett präsentiert, weil sie ein zweites Hiroshima verhindern will (Oh, Logik, in welchem Loch hast du dich versteckt?), dann stimmt einfach nichts mehr zusammen, und aus dem Spionagethriller wird doch wieder ein (schlechter) Pilcher-Film. Auch ist Sophie Cookson, die die Spionin in jungen Jahren spielt, so wie der Rest des Casts mit Ausnahme von Judi Dench der Aufgabe nicht gewachsen. Irgendwann an einem Sonntagnachmittag wird der Film auf Kabel 1 laufen, und dann werden die alte Damen, die den Fernseher aufgedreht haben, vom filmischen Geschehen unbehelligt in ihr nachmittägliches Nickerchen abdriften.


2,5
von 10 Kürbissen

Spider-Man: Far From Home (2019)

Regie: Jon Watts
Original-Titel: Spider-Man: Far From Home
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Abenteuerfilm, Fantasy
IMDB-Link: Spider-Man: Far From Home


Für ein High School-Kid hat Peter Parker (herrlich verpeilt: Tom Holland) schon einiges erlebt. Mit Superkräften ausgestattet kämpfte er bereits an der Seite der Avengers und wurde ins Weltall geschossen. Tony Stark persönlich war sein Mentor, und verliebt in seine Schulkollegin MJ (Zendaya) ist der Knabe auch noch. Aber da das alles ein bisschen viel ist für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, freut sich Spider-Man vulgo Peter Parker schon sehr auf die Europareise mit seiner Klasse. Auf der Spitze des Eiffelturms möchte er MJ seine Gefühle gestehen. Und für nichts Anderes hat er jetzt noch Nerven, auch nicht für die permanenten Anrufe von Nick Fury (Samuel L. Jackson), denn wie jeder, der schon mal einen Film aus dem Marvel-Universum gesehen hat, weiß: Wenn Fury jemanden kontaktiert, dann nicht zum Eis essen. Aber gut, wenn Spider-Man nicht zum Chaos kommen möchte, dann kommt das Chaos eben zu ihm. Auftritt Mysterio (Jake Gyllenhaal), an dessen Seite Spider-Man schon bald Wasser und Feuer bekämpft, da die Elemente ein bisschen aus dem Ruder gelaufen sind. Und für ein romantisches Techtelmechtel in Paris sieht es zunehmend schlecht aus. Auch der Bildungsauftrag der Europarundfahrt leidet zunehmends, da nämlich die besichtigten Bauwerke schon kurz danach in Schutt und Asche liegen. Was ich bei Spider-Man: Homecoming so mochte, nämlich die Tatsache, dass es sich eigentlich um einen Coming of Age-Film mit Superheldenkräften handelte, wird bei „Spider-Man: Far From Home“ nahtlos fortgesetzt. Spider-Man ist noch immer überfordert mit seinen Kräften und der daraus resultierenden Verantwortung, und eine viel größere Herausforderung als das drohende Ende der Welt ist es, der Angebeteten seine Gefühle mitzuteilen. Das kann man gut nachvollziehen, das erdet. Und darauf legt der Film auch seinen Fokus. Die Action kommt in der zweiten Hälfte nicht zu kurz, das passt also auch, aber der Film lebt davon, Tom Holland überfordert durch Europas schönste Städte und sein eigenes Gefühlschaos stolpern zu sehen. Und so ist „Spider-Man: Far From Home“ wie auch der erste Teil erfrischend und nett und jedenfalls eine Empfehlung, aber weit weg von der Epik der Avengers-Filme.


7,0
von 10 Kürbissen

Der letzte Mohikaner (1992)

Regie: Michael Mann
Original-Titel: The Last of the Mohicans
Erscheinungsjahr: 1992
Genre: Drama, Western, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Last of the Mohicans


„Der letzte Mohikaner“ von Michael Mann ist mein großes Guilty Pleasure. Aber ich liebe wirklich alles an diesem Film. Ich liebe Daniel Day-Lewis‘ epische Darstellung des von Mohikanern aufgezogenen Falkenauges. Ich liebe Russell Means als Chingachgook, edelster Indianer ever. Ich liebe Wes Studi als Magua, für mich einer der großartigsten Schurken der Filmgeschichte. (Dafür hätte es eigentlich einen Oscar geben müssen. Nichts gegen Gene Hackman, der war großartig in „Erbarmungslos“, aber an die Intensität von Wes Studi kam er trotzdem nicht heran.) Ich liebe Madeleine Stowe als Cora Munro, und ich hatte nach der ersten Sichtung jahrelang einen Crush auf Stowe. Ich liebe die Leistungen aller Darstellerinnen und Darsteller und ihre furchtbar traurigen Blicke, wenn man wieder eine Geliebte oder ein Geliebter vor ihren Augen gemetzelt wurden. Ich liebe die satten Bilder von Kameramann Dante Spinotti, der die grünen Wälder Neuenglands so eingefangen hat, dass man das Moos förmlich riechen kann. Ich liebe die Filmmusik – und wie oft habe ich dilettantisch versucht, sie am Akkordeon nachzuspielen. Und ich liebe vor allem die letzte Viertelstunde, die für mich das atmosphärisch dichteste Stück Kino ist, das ich jemals gesehen habe. Dieser Showdown, dieser Endkampf, der wie ein Understatement daherkommt, aber dennoch spannend und stimmig ist! Auch nach der x.ten Wiederholung zieht es mir da eine Gänsehaut auf. Und wenn dann Chingachgook am Ende am Rand der Schlucht steht und zu Falkenauge sagt, dass er nun der letzte Mohikaner sei, müssen auch Kürbisse weinen. Objektiv betrachtet mag es eine Menge besserer Filme geben. Objektiv betrachtet mag es sogar bessere Filme von Michael Mann geben. Aber trotzdem hat „Der letzte Mohikaner“ seinen Platz in meinem Herzen und auf dem Olymp der Lieblingsfilme sicher.


10
von 10 Kürbissen

Rocketman (2019)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Rocketman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Musical, Drama, Biopic
IMDB-Link: Rocketman


Obacht, der Kürbis ist heute auf Krawall gebürstet! Denn er ist im Begriff, dem allseits beliebten Musiker-Biopic „Rocketman“ von Dexter Fletcher ans Bein zu pinkeln. Auf IMDB erfreut sich dieser Film einer guten Bewertung von 7,7, auf Moviepilot schlägt der Durchschnitt der User-Bewertungen immerhin noch mit 7,3 durch – nur der Kürbis ist grantig und gesteht dem Film nicht mehr als 4,5 Punkte zu. Was ist passiert? Schlägt der Schlüsselbeinbruch vielleicht doch aufs Gemüt, ist der Kürbis generell in eine misogyne Phase gerutscht, mag er vielleicht Elton John so gar nicht? Zumindest Letzteres kann ausgeschlossen werden. Dank „Tiny Dancer“ und dessen Einsatz in Almost Famous hat der als Reginald Kenneth Dwight geborene Sänger einen Stein im Kürbisbrett. Da werden dann auch lahmarschige Nummern wie „Candle in the Wind“ verziehen. (Prinzessin Diana war trotzdem eine coole Socke.) Aber warum der Film in meinen Augen dann doch nicht funktioniert, liegt an mehreren Faktoren, die man tatsächlich hätte besser machen können und einem, der wohl unvermeidbar war. Unvermeidbar: Dass der Aufbau dieses Musiker-Biopics halt so ausfällt, wie der Aufbau eines Musiker-Biopics ausfallen muss: Kindheit, das Talent wird erkannt, Tingeln durch diverse Spelunken, der raketenhafte Aufstieg, Ruhm, Drogen, Absturz, Comeback. Die Blaupause für so gut wie alle Filme dieses Genres. Und wenn man mich fragt, welches Musikerleben ich als nächstes verfilmt sehen möchte, dann antworte ich: Keines. Da ich nicht ständig den gleichen Film sehen möchte. Soweit aber zum Unvermeidbaren. Vermeidbar hingegen wäre gewesen, die tollen Nummern, die Elton John geschrieben hat, als qualitativ mäßig dargebotene Karaoke-Nummern einzubauen, die dann auch oft nur kurz angeschnitten werden, ehe man zur nächsten Nummer übergeht. Das hat Bohemian Rhapsody ganz anders und viel überzeugender gelöst. Ich erinnere an den kompletten, sich organisch einordnenden Einbau des Live Aid-Konzerts in den Film. Vermeidbar wäre auch gewesen, Taron Egerton selbst singen zu lassen. Er macht das gar nicht übel – aber von der Stimme Elton Johns ist er dann doch meilenweit entfernt. Und vermeidbar wäre gewesen, Egerton überhaupt zu besetzen. Denn bei allem Respekt – und ich mag den Kerl wirklich gern – aber sein Elton John passt einfach nicht, gerät trotz allen Bemühens zur schlechten Imitation. Und so kommen dann eben nicht mehr als diese 4,5 Kürbisse heraus. Nächster Film, bitte. (Solange es kein Musiker-Biopic ist.)


4,5
von 10 Kürbissen