Inside Man (2006)

Regie: Spike Lee
Original-Titel: Inside Man
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: Inside Man


Clive Owen ist eine coole Socke. Denzel Washington ist eine coole Socke. Jodie Foster ist eine coole Socke. Willem Dafoe ist eine coole Socke. Aber die coolste Socke von allen ist Spike Lee. Und wenn ein Spike Lee so viele coole Socken um sich schart, um einen ausgefuchsten Heist-Krimi zu drehen, dann kann schon nicht mehr viel schiefgehen. Und genau so ist es dann auch. Clive Owen als Bankräuber mit einem genialen Plan, Denzel Washington als Polizist und Verhandler bei Geiselnahmen mit extra viel Style, Jodie Foster als eiskalte Anwältin für delikate Angelegenheiten – lasst einfach die drei aufeinander los und schaut, was passiert. Wobei man „Inside Man“ allerdings eine Schwäche bescheinigen kann: Jodie Fosters Figur ist zwar cool, aber für die Handlung im Grunde recht unnötig. Was der Film allerdings richtig gut macht, ist das Verteilen der Sympathien. Bis zum Schluss weiß man nicht so recht, wem man nun die Daumen drücken soll: Dem Geiselnehmer mit sehr menschlichen Zügen, dessen Plan so perfekt wird, auch wenn man keinen Dunst hat, worauf das alles hinauslaufen soll, oder dem Good Cop mit den lockeren Sprüchen auf den Lippen, der seine Arbeit aber hoch seriös angeht. Denn das in der Bank des Industriellen Arthur Case (Christopher Plummer) etwas ganz gewaltig nicht stimmt, liegt schon bald auf der Hand. Die Auflösung des Geheimnisses mag dann vielleicht angesichts des Brimboriums davor etwas zu banal wirken und ein wenig zu enttäuschen, aber der Weg dahin ist wortwörtlich ganz großes Kino mit toll aufgelegten Stars und dem Extrafaktor Coolness, der fast beiläufig für Spike Lee typische Themen wie Alltagsrassismus und Klassenverhältnisse bearbeitet.


7,5
von 10 Kürbissen

Lillian (2019)

Regie: Andreas Horvath
Original-Titel: Lillian
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Roadmovie, Drama
IMDB-Link: Lillian


Lillian (Patrycja Planik) möchte in New York Pornodarstellerin werden, aber ihr Visum ist abgelaufen und außerdem spricht sie kein Englisch. Der Produzent rät ihr, zurück nach Russland zu gehen – denn dort gäbe es Geld und Chancen für Mädchen wie sie. Das nimmt sie dann etwas zu wörtlich, denn sie macht sich zu Fuß auf den Weg von New York zur Beringstraße in Alaska, um dort nach Russland überzusetzen. Eine solche Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen: In den 1920er ging Lillian Alling den ganzen Weg von der Ostküste bis nach Alaska. Ob sie Sibirien tatsächlich erreichte, ist nicht klar – am Yukon verlor sich ihre Spur. Diese irre Geschichte übertrug Andreas Horvath in die heutige Zeit. Die Geschichte von Lillian bekommt dadurch interessante Ebenen hinzugefügt, an denen Horvath mehr interessiert ist als an Lillian selbst: Zum Einen wird aufgeworfen, wie anachronistisch diese natürliche Art der Fortbewegung heutzutage gilt. So wird Lillian beispielsweise unterwegs von einem Sheriff aufgegriffen, da es einfach nicht sein kann, dass eine junge Frau meilenweit einen Highway entlang geht. (Diese kurze Episode mit dem Sheriff überrascht im Übrigen dadurch, dass sämtliche Klischees, die zu erwarten wären, aufgegriffen und gleichzeitig unterwandert werden.) Eine weitere zusätzliche Ebene ist ein Blick auf die USA von heute, auf die Menschen abseits der großen Städte. Andreas Horvath macht hierbei nicht viel mehr, als die Kamera auf Gesichter zu halten und im Hintergrund Radiosprecher das Wetter und andere alltägliche Dinge kommentieren zu lassen. Durch diese respektvollen Porträts kommt man den Menschen, die gezeigt werden, vielleicht nicht unbedingt näher, aber man entwickelt eine Art von Verständnis dafür, woher sie kommen und was sie formt. Ein gelungener Kunstgriff ist es, Lillian den ganzen Film über schweigen zu lassen. Dadurch wird sie zur reinen Projektionsfläche, und die Interaktionen mit ihr (gefilmt in einem semidokumentarischen Ansatz mit Personen, die man unterwegs getroffen hat) werden zu einer Spiegelung. Patrycja Planik hat dabei die Mammutaufgabe zu bewältigen, den ganzen Film mit ihrer Mimik tragen zu müssen. Doch diese Aufgabe meistert sie bravourös. Jede ihrer Bewegungen ist interessant und signifikant. Man sieht hier eine beharrliche, trotzige Frau, die dem Leben den Mittelfinger zeigt und wortwörtlich ihren eigenen Weg geht. Und dieser führt sie durch atemberaubend schöne Landschaften, die allein es schon wert sind, den Film zu sehen. Allerdings braucht man schon gehörig Sitzfleisch für „Lillian“. Es passiert nicht viel mehr als dass eine Frau durch größtenteils einsame Landschaften geht. Und das zieht sich bei einer Laufzeit von deutlich über zwei Stunden zuweilen schon recht hin.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Elegy oder die Kunst zu lieben (2008)

Regie: Isabel Coixet
Original-Titel: Elegy
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Elegy


Alte Collegeprofessoren, die Affären mit jungen Studentinnen haben – willkommen in der Welt von Philip Roth. Kaum ein anderer Schriftsteller hat dieses Topos so kultiviert wie der ewige Beinahe-Nobelpreisträger. Spannend ist, dass sich mit Isabel Coixet eine Regisseurin um die Umsetzung einer seiner Romane bemüht hat. Und ihr ist mit „Elegy“ ein sehr feinfühliger, melancholischer Film gelungen, der Ben Kingsley – und in einer Nebenrolle Dennis Hopper – über das Altern, die Liebe und den Tod sinnieren lässt, uralte Themen, die schon vielfach filmisch umgesetzt wurden, aber dennoch immer wieder faszinieren, da sie an unseren ursprünglichsten Ängsten und Bedürfnissen rütteln. Und wenn man dann noch Penélope Cruz und ihre perfekt geformten Brüste zu Gesicht bekommt, kann eigentlich fast nichts mehr schief gehen. Vielleicht ist „Elegy“, diese Studie über den alternden Mann, der erst zu lieben lernen muss, ein wenig zu lang geraten. Vielleicht setzt der Film ein klein bisschen zu viel auf die Melodramatik sanft gespielter Klaviertöne als Hintergrundbegleitung. Vielleicht sind die Dialoge etwas zu geschliffen, um wahr zu sein. Allerdings wirkt „Elegy“ in seinen besten Momenten wie ein Traum, oder vielmehr wie der Zustand zwischen Schlaf und dem Aufwachen. Kennt ihr das, wenn ihr in jenen Momenten, die vielleicht nicht länger als ein paar Millisekunden lang andauern, plötzlich die ganze Welt begreift? Doch bevor ihr diese Erkenntnisse festhalten könnt, verblassen sie auch schon wieder und werden von der Realität des Erwachens beiseite gedrückt. So in etwa wirkt „Elegy“. Als Film hat das Werk seine unübersehbaren Schwächen, aber dennoch blieb ich gerne zwei Stunden lang in dieser leisen, melancholischen Welt voller Liebe und Tod.


6,5
von 10 Kürbissen

Ad Astra – Zu den Sternen (2019)

Regie: James Gray
Original-Titel: Ad Astra
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Ad Astra


Es gibt Filme, für die sich eine IMAX-Leinwand definitiv auszahlt. „Ad Astra“ von James Gray gehört zu diesen Filmen. Wenn man mit Brad Pitt durch die unendliche Weite des Weltraums schwebt, möchte man das nicht auf einem unscharfen Röhrenfernseherbild aus den 80ern tun. Das Weltall ist ein furchteinflößend leerer Ort, das darf man als Zuseher auch spüren. Die Geschichte von „Ad Astra“ ist relativ simpel aufgebaut: Der stoische Weltraumtechniker Roy McBride (Brad Pitt) wird auf eine streng geheime Mission via Mond zum Mars geschickt, um eine Botschaft an seinen lang verschollen geglaubten Vater (Tommy Lee Jones) zu schicken. Dieser hockt mutmaßlich auf dem Neptun herum, Jahre, nachdem der Kontakt zur Mission, die er geleitet hat, abgebrochen ist. Und nun gehen vom Neptun Energiewellen aus, die die ganze Galaxis bedrohen. Was nach einem Michael Bay-Actionfilm mit viel Tschimmbumm und mächtigen Explosionen klingt, stellt sich als sehr leises, langsames Drama im All heraus. Denn James Gray ist nicht so sehr an Weltraumabenteuern interessiert, sondern an dieser gefühlskalten, gut funktionierenden Figur Roy McBride. Dessen glatte Oberfläche, an der alle Katastrophen abzuperlen scheinen, bekommt allmählich Risse. Es schält sich ein Mensch heraus, der vom Schatten des Vaters schier erdrückt wird. Was wir in „Ad Astra“ sehen, ist die filmische Bearbeitung der vielleicht ältesten Fragen überhaupt: Wer sind wir? Worüber definieren wir uns? Action gibt es dennoch, allerdings ist sie sparsam und prägnant umgesetzt. Was James Gray mit „Ad Astra“ beispielsweise richtig gut macht und in dieser Form bislang auch kaum im Kino zu sehen war: Katastrophen bahnen sich nicht mit großem Gedöns an. Sie passieren einfach. Gerade noch war die Welt in Ordnung, doch plötzlich ist alles Chaos, alles konfus, man versucht zu funktionieren und irgendwie einen Ausweg zu finden, und erst am Ende, wenn man diese Katastrophe tatsächlich überlebt hat, kann man rekonstruieren, was eigentlich passiert ist. Diese Erfahrung setzt James Gray brillant um. Und apropos Brillanz: Brad Pitt ist gesondert zu erwähnen. Der liefert einmal mehr eine mehr als tadellose Leistung ab. Seine Darstellung des Roy McBride ist ein Meisterstück an kontrollierten Emotionen. „Ad Astra“ ist ein ungewöhnlicher Film, der eine gewöhnliche, aber universell adaptierbare Geschichte erzählt. Wenn man sich darauf einlässt, versetzt einen der Film fast in Trance.


8,0
von 10 Kürbissen

Mimosas (2016)

Regie: Oliver Laxe
Original-Titel: Mimosas
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Mimosas


Gott ist groß, und mit Gottes Hilfe findet man einen Weg – sei es auch zu Fuß durchs karge und verschneite Atlasgebirge mit einem toten Scheich, zwei Maultieren und keiner Ahnung von der örtlichen Topographie. So jedenfalls die Meinung von Shakib (Shakib Ben Omar), einem aus der Zeit (und einem Taxi) gefallenen Narren, der eine Karawane durch die Berge anführen soll, um eben jenem Scheich ein Begräbnis in seinem Land zukommen zu lassen. Ahmed und Said (Ahmed Hammoud und Said Aagli), seine Begleiter, sind da weniger hoffnungsvoll. Vor allem Ahmed ist ein Zweifler, der auf dem Weg schweren Prüfungen unterzogen wird. Was ist nun „Mimosas“ genau? Ein Road (bzw. vielmehr Rock) Movie? Ein Selbstfindungstrip? Ein Märchen? Ein Abenteuer? Eine Parabel? Wenn Taxis wie scheue Tiere durch die Wüste brettern, wenn Jahrhunderte ineinandergreifen und Handlungsebenen ineinander verschwimmen, dann versagen alle Definitionsversuche und man kann nur noch eines tun: Sich zurücklehnen und den Film einfach wirken lassen. Die Landschaftsaufnahmen gehören zu den schönsten, die ich in den letzten fünf Jahren gesehen habe, die (Laien)Darsteller überzeugen durch die Bank, ein hochinteressantes und mitreißendes Stück Kino, fremd und in vielerlei Hinsicht unverständlich vielleicht. Bezeichnend: Die häufigste Antwort des Regisseurs auf die Fragen des Publikums beim Q&A damals auf der Viennale 2016, als ich den Film zum ersten Mal sichten konnte, war „I don’t know“. Aber „Mimosas“ ist ein Film, der mir definitiv geblieben ist, der sich immer wieder in meine Gedanken schleicht mit seinen rätselhaften Bildern und dem Gefühl einer Reise ins Nirgendwo, vielleicht ins tiefste Innere des Menschseins an sich, aber wer weiß das schon?

 


7,5
von 10 Kürbissen

Das finstere Tal (2014)

Regie: Andreas Prochaska
Original-Titel: Das finstere Tal
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Western, Action, Heimatfilm
IMDB-Link: Das finstere Tal


Wer sagt, dass Western in den Vereinigten Staaten spielen müssen? Andreas Prochaskas Alpen-Western „Das finstere Tal“ tritt auf eindrucksvolle Weise den Gegenbeweis an. Denn nur am Tiroler Dialekt der Protagonisten erkennt man die Herkunft des Films. Handwerklich und atmosphärisch könnte „Das finstere Tal“ auch ein verschneiter Montana-Western sein. Die Menschen reden nicht viel, sondern werfen sich lieber finstere Blicke zu. Die Hüte sitzen schief, und die Schießeisen locker. Und natürlich geht es um Rache, um Vergeltung. Deshalb kommt der als Fotograf getarnte mysteriöse Fremde namens Greider (Sam Riley) ins Titel gebende Tal. Dort herrscht der alte Brenner  (Hans-Michael Rehberg) mit seinen Söhnen. Der älteste von ihnen, Hans (Tobias Moretti in seiner vielleicht besten Rolle), hat das Sagen, und dem passt die Nase des Fremden nicht. Was als winterlicher Heimatfilm beginnt, wird bald zu einem spannungsgeladenen Thriller, wenn sich die Brenner und Greider gegenseitig belauern. Der Showdown hat es schließlich in sich. Finster, actionreich und dicht erinnert der Film in diesen Momenten an den grimmigen Showdown von „Erbarmunglos“, diesem grandiosen Spätwestern von Clint Eastwood. Das ist Unterhaltung auf höchstem Niveau. Schuld und Sühne vor der bedrohlich majestätischen Kulisse der Tiroler Berge. Besser kann österreichisches Kino kaum mehr werden.


8,5
von 10 Kürbissen

Easy Rider (1969)

Regie: Dennis Hopper
Original-Titel: Easy Rider
Erscheinungsjahr: 1969
Genre: Drama, Roadmovie, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Easy Rider


Ich glaube, den Film „Easy Rider“ gibt es nur, weil sich Dennis Hopper und Peter Fonda ein paar lustige Drogen reinpfeifen und mit fetten Motorrädern quer durch die USA tuckern wollten. Denn tatsächlich beschreibt dieser Satz auch gleich den ganzen Film. Es wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, den Film auf seinen Inhalt zu reduzieren. Denn wie kaum ein anderes Werk transportiert „Easy Rider“ ein Lebensgefühl. Und ganz gleich, ob man sich mit Drogen schmuggelnden Bikern aus den 60er Jahren identifizieren kann oder nicht: Der Film ist handwerklich so perfekt inszeniert, dass man sich diesem Freiheitsgefühl, das er vermittelt, kaum entziehen kann. Kritische Stimmen bemängeln, dass allein dieses Gefühl nicht ausreicht, dass es den Film nicht trägt und der damit mit der Zeit langweilig wirkt. Und dem ist eigentlich auch nicht großartig zu widersprechen. Denn wer sich nicht mitreißen lassen kann von den psychedelisch angehauchten Dialogen, den Trips über staubige Straßen und durch lethargische Hipster-Kommunen und den Trips, die der Konsum bedenklicher Drogen auf Friedhöfen auslöst, wird keine große Freude mit dem Film haben. Denn die Story selbst ist, wie erwähnt, arg dünn. Meine eigenen Drogenerfahrungen beschränken sich auf gediegene Rotweine, Schokolade und drei Tassen Kaffee vor dem Schlafengehen. Den ärgsten psychedelischen Trip hatte ich bislang, nachdem ich mit Freunden Wasser um die Wette getrunken hatte. (Eine Nachahmung kann ich definitiv nicht empfehlen.) Dennoch hat der Film bei mir gezündet und etwas in mir angesprochen, das sich vielleicht am ehesten als das Gefühl von Eigenbestimmung, Naturverbundenheit und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, die uns in der modernen Gesellschaft verloren gegangen scheint, bezeichnen lässt. Leben, um zu leben. Davon erzählt der Film. Und diese Botschaft transportiert er schlicht perfekt. Auch wenn das bedeutet, dass man 1,5 Stunden lang zwei (bzw. mit Jack Nicholson dann drei) verpeilten Typen zusieht, wie sie auf Motorrädern durch den Staub knattern.


9,0
von 10 Kürbissen

Talea (2013)

Regie: Katharina Mückstein
Original-Titel: Talea
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Talea


Die 13jährige introvertierte Jasmin (Sophie Stockinger) lebt bei einer Pflegefamilie. Ihre leibliche Mutter Eva (Nina Proll) ist gerade erst aus einem längeren Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen zurück. Was genau sie getan hat, bleibt offen – aber es wird wohl schon mehr gewesen sein als die Portion Köttbullar bei IKEA nicht bezahlt zu haben. Dementsprechend verhärmt ist die nunmehrige Gärtnereibedienstete. Der Wunsch, ihre Tochter zu sehen, ist vorhanden, aber dennoch weist sie Jasmin immer wieder die Tür. Die Scham spielt dabei sicherlich eine Rolle, auch wenn sie sich nach außen hin tough gibt. Und dann steht eines Tages Jasmin vor ihrer Tür mit der Nachricht, dass die Pflegefamilie in den Italienurlaub gefahren und sie allein zurückgeblieben wäre. Also gibt’s nun Ferien bei Mama. Die lässt sich etwas widerwillig, aber doch darauf ein, und bei einem Ausflug aufs Land zum ehemaligen Haus der Großeltern finden Mutter und Tochter in vorsichtigen Gesten allmählich wieder zueinander. Doch zwei Faktoren stören die Idylle: Erstens das Interesse des Dorfwirten Stefan (Philipp Hochmair) an Eva, zweitens die Tatsache, dass die Geschichte mit dem Italienurlaub nur die halbe Wahrheit ist. Denn Jasmin ist nach einem Streit schlicht ausgebüxt und wird nun landesweit gesucht. „Talea“ von Katharina Mückstein, die mich mit L’Animale restlos überzeugen konnte, ist ein stilles Mutter-Tochter-Drama, das ähnlich wie L’Animale einen Blick auf die Seelenstürme der Adoleszenz wirft und von zaghaften Annäherungen erzählt. Die beiden Hauptdarstellerinnen können überzeugen und bringen ihre jeweilige innere Zerrissenheit glaubhaft rüber. Bei aller Liebe zum Realismus fehlt mir bei „Talea“ allerdings ein wenig die Würze. Andererseits kann man auch konstatieren, dass Katharina Mückstein innerhalb weniger Jahre eine grandiose Entwicklung genommen hat, denn alles, was in „Talea“ schon angelegt ist, die künstlerische Idee, der Fokus auf die kleinen Verschiebungen im Alltag, wird in „L’Animale“ noch mal viel stringenter und letztendlich überzeugender erzählt.


5,5
von 10 Kürbissen

Kirschblüten und rote Bohnen (2015)

Regie: Naomi Kawase
Original-Titel: An
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: An


Ja, der deutsche Verleihtitel des Films ist wahnsinnig schnulzig. Der Film selbst allerdings eine kleine, fein erzählte Geschichte über zweite Chancen und Außenseiter in der Gesellschaft. Eines Tages tritt die alte Dame Tokue (Kirin Kiki) in das Leben des Dorayaki-Imbissbetreibers Sentaro (Masatoshi Nagase). Bei Dorayaki handelt es sich um japanische süße Pfannkuchen, die mit Bohnenpaste gefüllt sind. Die Pfannkuchen bekommt der aus dem Gefängnis entlassene Sentaro ganz gut hin. Die Bohnenpaste ist aber schwierig, also kauft er sie lieber zu. Ein Affront in den Augen von Tokue, die sich prompt als Mitarbeiterin bewirbt und Sentaro eine Bohnenpaste hinzaubert, die es in sich hat. Fortan stehen die Kunden Schlange. Doch schon bald machen böse Gerüchte über Tokue die Runde, und Sentaro muss sich entscheiden, ob er den einfachen Weg gehen möchte oder den menschlichen. Naomi Kawase, die mich mit Radiance nicht restlos überzeugen konnte, macht in „Kirschblüten und rote Bohnen“ eigentlich alles richtig. Sie vertraut auf die stillen Töne für eine ruhige Geschichte und auf die Leistung ihrer Hauptdarsteller, die ihre Rollen mit viel Seele ausfüllen. Dennoch hat mich der Film nicht restlos überzeugt. Manches Mal gerät der Film ein wenig zu bedächtig und plätschert vor sich hin. Gut und interessant anzusehen, aber eben nicht wirklich mitreißend oder emotional fordernd. Auch das Ende ließ mich seltsam kalt, obwohl ich dem Film und Regisseurin Naomi Kawase kaum Vorwürfe machen konnte – das war schon gut und stimmig inszeniert. Aber die Implikationen sind eher im Kleinen zu sehen, und das allein hat mir – in diesem Fall – nicht ganz ausgereicht, um mich emotional zu involvieren. Trotzdem definitiv ein sehenswerter Film, der in sich runder und stringenter ist als „Radiance“, der zwei Jahre danach kam.


6,5
von 10 Kürbissen

Armee der Finsternis (1992)

Regie: Sam Raimi
Original-Titel: Army of Darkness
Erscheinungsjahr: 1992
Genre: Fantasy, Komödie
IMDB-Link: The Evil Dead II


Ist Tanz der Teufel noch ein Horrorfilm mit humorvollen Elementen und Tanz der Teufel II eine Komödie mit Horrorelementen, so ist der dritte Teil von Sam Raimis Tanz der Teufel-Trilogie, „Armee der Finsternis“, ein … ähm … also … vielleicht eher so was in Richtung … hm … kann ich gerade schwer sagen, aber … ziemlich viele What the Fuck-Momente jedenfalls … und völlig abgedreht … also so wie …. ääääh. Und damit ist alles über den Film gesagt, was es zu sagen gibt. Für die, die es genau wissen wollen, vielleicht doch noch ein paar Worte mehr. Allen anderen sei an dieser Stelle empfohlen, auf Netflix zu gehen und sich unvoreingenommen dieses Meisterwerk der Absurdität hineinzuziehen, und zwar pronto! Jedenfalls geht es erneut um Ash (Bruce Campbell), der diesmal nach seinem Kampf gegen die Mächte der Finsternis im zweiten Teil durch eine Art Zeit-Wurmloch in die Vergangenheit, konkret ins Mittelalter gesaugt wurde, und dort mit seinem „Boomstick“ und der Kettensäge für allerlei Aufregung sorgt. Und zwar nicht nur unter den Lebenden, sondern auch unter den Toten, die er versehentlich aufgrund seines schlechten Gedächtnisses wieder zum Leben erweckt. Was folgt, ist einfach nur pures Trash-Vergnügen, das keine Grenzen kennt und für heftige Zwerchfellerschütterungen sorgt, wenn man für diese Form von Gaga-Humor empfänglich ist. Dieser Film ist eine Perle. Für mich der abgedrehteste und damit auch beste Film der Reihe. Kein Wunder, dass es keinen vierten Film mehr gab, denn wie hätte man das noch toppen können?


8,0
von 10 Kürbissen