Jahrhundertfrauen (2016)

Regie: Mike Mills
Original-Titel: 20th Century Women
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: 20th Century Women


Gleich vorweg: „Jahrhundertfrauen“ ist ein dämlicher Titel. Er impliziert einen Film über Emanzipationsheldinnen oder sonstige unerreichbare Idole. „20th Century Women“, der Originaltitel des Films von Mike Mills, passt um Längen besser. Denn es geht ganz einfach um das sich verändernde Bild von Frauen und Familie Ende der 70er. Dorothea (die wunderbare Annette Bening, längst überreif für einen Oscar) ist die alleinstehende Mutter des pubertierenden Teenagers Jamieund Mitte Fünfzig. Weil ihr Haus sehr groß ist und ihr Herz auch, wohnen bei ihr noch die gerade vom Krebs genesene, ziellose Mittzwanzigerin Abby (Greta Gerwig in einer Greta Gerwig-Rolle) und der handwerklich geschickte Einzelgänger William (Billy Crudup, der gefälligst niemals wieder Rollen ohne Schnauzbart spielen soll). Außerdem schleicht sich in der Nacht Julie (Elle Fanning), eine gute Freundin von Jamie, ins Haus, um mit ihm über Gott und die Welt zu philosophieren. Anhand dieses Patchwork-Gefüges zeigt Mike Mills die gesellschaftlichen Veränderungen Mitte der 70er, Anfang der 80er auf, als das klassische Familienbild in einer Spätfolge der Hippie-Bewegung und der neuen Freiheit ins Wanken gerät. Das wird allerdings herrlich unprätentiös und so beiläufig abgehandelt, dass man erst beim Abspann über das Gesehene nachzudenken beginnt und die Implikationen der Veränderungen anhand der eigenen Familie und der Erfahrungen darin nachzuzeichnen beginnt. Der Fokus liegt bei „20th Century Women“ im Grunde immer bei seinen fünf Figuren und deren Beziehungen untereinander. Es geht um Liebe, um Zugehörigkeit, um Sex, um Familie, um das Erwachsenwerden, um Generationsgräben, um Krankheit und die Angst vor dem Tod. Das allerdings wird nie dick aufgetragen, sondern mit dem augenzwinkernden Humor der liebevoll gezeichneten Figuren abgehandelt. Schräge Montagen und gelegentliche Verfremdungseffekte zeichnen das Bild der ausgehenden 70er Jahre bunt, ohne diese zu verklären. Ein großer Wurf, der durch das durch die Bank überragende Spiel seiner Darstellerinnen und Darsteller noch zusätzlich an Hirn und Herz hinzugewinnt.


8,5
von 10 Kürbissen

Oh Boy (2012)

Regie: Jan-Ole Gerster
Original-Titel: Oh Boy
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Oh Boy


Berlin. Ich bin gern dort. Ich bin aber auch genauso gern wieder raus aus Berlin. Irgendwie ist die Stadt nie richtig fertig. Irgendwie ist man nie richtig angekommen. Irgendwie treibt alles so ziellos dahin. Und das führt mich zu Niko, toll gespielt von Tom Schilling. Der treibt auch so dahin. Er hat mal studiert, hat aber sein Studium abgebrochen. Beziehungen bricht er auch ab, bevor es ernst wird. Er muss dringend weg. Woanders hin. Er weiß nicht, wohin, aber erst einmal weg. Einen Kaffee trinken vielleicht. Doch das gestaltet sich komplizierter als man es erwarten würde. (Auch so ein Berlin-Ding: Die Stadt ist kompliziert.) Niko braucht Geld, also redet er mit seinem Vater. Niko braucht Ablenkung, also zieht er mit einem Kumpel durch die Gegend und lässt sich von der Bekannten aus der Jugendzeit, die er einst verspottet hat, beflirten. Niko ist passiv – ihm passiert alles, und gleichzeitig passiert ihm auch nichts. Das ist meistens recht komisch anzusehen, wobei das Lächeln auf den Lippen des Zusehers immer auch als verkniffene Bitternis verstanden werden kann, manchmal ist es auch einfach nur tragisch. Und damit ist „Oh Boy“ – trotz aller Überzeichnung – auch ein Porträt der heutigen Zeit, in der man vor lauter Möglichkeiten zu keinen Entscheidungen mehr findet. Ein schönes Sinnbild, gemalt in schwarz-weißen Bildern und auf dem Gesicht des stoischen Tom Schilling. Am Ende fehlt vielleicht ein bisschen die Substanz, die finale Botschaft, die noch zum Weiterdenken anregen könnte, und so wirkt der Film eben auch ein bisschen wie Berlin selbst nach: Nicht ganz fertig, mit Baustellen, so ein bisschen ziellos eben. Aber dennoch immer wieder einen Besuch bzw. eine Sichtung wert.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

12 Monkeys (1995)

Regie: Terry Gilliam
Original-Titel: Twelve Monkeys
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Twelve Monkeys


And now for something completely different. 1995 legte der Monty Python-Mitbegründer mit „12 Monkeys“ ein Werk vor, das dem anarchischem Humor von Monty Python kaum weiter entfernt sein könnte – und sich trotzdem, bei näherer Betrachtung, in diese Richtung hin verbeugt. Denn der beißende Sarkasmus, der schon zu Meisterwerken wie „Das Leben des Brian“ geführt hat, ist auch bei „12 Monkeys“ ein wenig im Hintergrund zu spüren, wenn James Cole (herausragend stoisch gespielt von Bruce Willis), der nach einer die Weltbevölkerung fast völlig auslöschenden Seuche in die Vergangenheit geschickt wurde, versehentlich im Irrenhaus landet und dort den antikapitalistischen Tiraden des charismatischen, aber komplett übergeschnappten Jeffrey Goines (Brad Pitt mit der besten Leistung seiner gesamten Karriere) lauschen muss. Manchmal hat man einfach Pech – und dann glauben, wenn’s blöd läuft, auch mal ein paar Milliarden Menschen drauf. Und wenn man selbst zu den Verrückten gezählt wird und die Realität völlig irre klingt, ist man dann nicht vielleicht tatsächlich verrückt? Das Geniale an „12 Monkeys“ ist das Spiel mit den verschiedenen Betrachtungsweisen und den falschen Fährten, die immer und überall gelegt werden. Bis zum Ende des Films hat man eigentlich keine Ahnung, was nun Wirklichkeit ist, was Einbildung, was geschehen ist und was geschehen wird – und auch das Ende selbst legt in einem finalen Twist noch mal eine weitere Fährte, über die man sich auch lange nach dem Filmende den Kopf zerbrechen kann. „12 Monkeys“ ist ein filmischer Tour de Force-Ritt durch die Abgründe der menschlichen Wahrnehmung, ein Spiel mit Zerrspiegeln an allen Ecken des Hinterstübchens – grandios gespielt (gesondert zu erwähnen ist auch noch die wunderbare Madeleine Stowe, die dem Zuseher zunächst als Anker dient, bevor auch ihre Figur nach und nach vor den Augen des Publikums zerbröselt), noch besser geschrieben und mit Bildern, die einem lange nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ein Lieblingsfilm.


10
von 10 Kürbissen

Nächster Halt: Fruitvale Station (2013)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Fruitvale Station
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Fruitvale Station


Der Sundance-Gewinner des Jahres 2013 erzählt den letzten Tag im Leben von Oscar Grant. Der junge Schwarze wurde in der Silvesternacht von 2008 auf 2009 im Zuge eines relativ beliebigen Zugriffs durch einen Polizisten nach einer Schlägerei in der Bahn in der Station Fruitvale Station erschossen. Dass „Fruitvale Station“ kein Feelgood-Film ist, wird relativ rasch klar. Der Fokus des Films liegt aber nicht auf der ungeheuerlichen Tat selbst und deren Konsequenzen, sondern auf dem Porträt des jungen Mannes, der kürzlich aufgrund seines Zuspätkommens seinen Job in einem Supermarkt verloren hat und sich einstweilen mit dem Dealen von Marihuana über Wasser hält, wovon aber seine Langzeitfreundin und ihre gemeinsame Tochter nichts wissen sollen. Oscar Grant ist aber kein Kleinganove. Er ist ein junger Mann ohne große Perspektiven, der sein Leben auf die Reihe bekommen und ein guter Mensch sein möchte, und dessen sozialer Status genau dieses verhindert. Der Film zeigt Oscar Grant als Mann mit Fehlern und Schwächen, aber auch mit Stärken, als jemand, der Liebe in sich trägt und ein Gefühl für Rechtschaffenheit, Loyalität und Mitmenschlichkeit. Michael B. Jordan verkörpert diesen gutherzigen, aber hart mit sich und den Umständen kämpfenden und damit auch ambivalenten Mann äußerst eindrucksvoll. Was man dem Film aber ein wenig ankreiden kann, ist eben diese Konzentration auf das schlichte Leben des Oscar Grant, der unschuldig Opfer dieser fürchterlichen Gewalttat wird. Die Konsequenzen dieser Tat werden nur ganz am Ende kurz angerissen und abgehandelt. Die für mich spannendere Frage wäre gewesen, wie die Familie, wie die Freunde mit einem solchen Trauma umgehen. Wie die Öffentlichkeit darauf reagiert hat. Wie geht man mit dem Hass um, den man auf den Polizisten, der den tödlichen Schuss abgegeben hat, um? Wie geht der Polizist mit seiner Tat um? Angeblich hat er Pistole und Taser verwechselt, und wollte den aufgebrachten Grant nur ruhigstellen. Wie sieht es in ihm aus? Wie spielt das Thema Alltagsrassismus da hinein? Diese Frage beantwortet der Film nicht, er stellt sie nicht einmal. Und so bleibt „Fruitvale Station“ ein einfühlsames Porträt eines durchschnittlichen, amerikanischen Mittelschicht-Schwarzen mit all dessen Problemen sowie das Protokoll einer ungeheuerlichen Tat, aber den großen, den wichtigen Fragen zum Danach weicht er dann doch aus.


7,0
von 10 Kürbissen

Last Action Hero (1993)

Regie: John McTiernan
Original-Titel: Last Action Hero
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Action, Komödie
IMDB-Link: Last Action Hero


Happy Birthday, Arnie! Der Mann feiert einen 70. Geburtstag und der Kürbis seine 100. Rezension. Und die sieht so aus:

The Last Action Hero ist durchaus besser als sein Ruf. Er hat seine Momente und wechselt geschickt zwischen knallharter Action und selbstironischer Komik. Oscars gibt es keine, aber herrliche One-Liner, die staubtrocken mit steirischem Akzent herausgehauen werden. Ein Grund für die Popularität von Arnie ist sicherlich, dass er sich selbst nicht allzu ernst nimmt und versteht, dass man sich gelegentlich auch mal zum Affen machen muss, um das zahlende Publikum gut unterhalten zu können. Nichts ist so befriedigend wie ein gelungener, völlig überhöhter Filmtod, der von Arnies stoischer Miene und einem trockenen Spruch eingeleitet wird. Das hat er verstanden wie kein Zweiter. Einen Action Hero wie Arnie wird es wohl kaum mehr geben.

Übrigens: Der Film ist auch sehr unterhaltsam.


7,0
von 10 Kürbissen

 

Dunkirk (2017)

Regie: Christopher Nolan
Original-Titel: Dunkirk
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm, Kriegsfilm
IMDB-Link: Dunkirk


1940. Der Kessel von Dünkirchen. 400.000 britische (fast die gesamte Berufsarmee Großbritanniens) und französische Soldaten sind abgeschnitten von der Heimat und warten am Strand auf Rettung. Mitten drin der einfache Soldat Tommy (Fionn Whitehead), der den Zuseher die nächsten 1,5 Stunden lang durch die spektakulärste militärische Rettungsaktion der Geschichte führt. Es sind einfache Fischer und Segler (darunter der von Mark Rylance gespielte Dawson), die zu Hilfe eilen und über den Ärmelkanal setzen. Über ihnen versuchen britische Kampfflieger wie zB Farrier (Tom Hardy) die Schiffe gegen deutsche Flugzeuge zu beschützen. Es geht hier nicht mehr um den Kampf gegen den Feind, um Heldenmut oder waghalsige Manöver. Es geht um das schiere Überleben. Und das zeigt „Dunkirk“, der neue Film von Christopher Nolan, ohne Kitsch und Pathos (ganz anders als das unsägliche „Hacksaw Ridge“ von Mel Gibson), aber mit nervenzerfetzender Spannung auf. „Dunkirk“ ist ein unkonventioneller Kriegsfilm, da er den Krieg und seine Protagonisten nicht überhöht. Die Luftgefechte zwischen den Kampffliegern sehen unspektakulär aus, ohne dabei an Spannung einzubüßen. Man spürt: Jeder Fehler kann sofort schwerwiegende Konsequenzen haben. Und doch versucht jeder einfach nur, seinen Job zu machen. Die Männer, die hier um ihr Überleben und das der Evakuierten auf den Schiffen kämpfen, sind keine wagemutigen Draufgänger. Sie sind einfach nur Menschen, die schon Vieles erlebt haben und durchleiden mussten, die traumatisiert sind, schweigsam, aber sie tun, was getan werden muss. Was zur Spannung beiträgt, ist der grandiose Soundtrack von Hans Zimmer, in den immer wieder das Ticken einer Uhr eingebaut ist, sowie die nicht chronologische Erzählform. Immer wieder werden Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln neu gezeigt – was ich durchaus als Verweis auf die improvisierte und auch chaotische Rettungsaktion verstehe sowie als Metapher für den Verlust des Zeitgefühls der Soldaten, für die sich in ihrer schier aussichtslosen Lage Minuten wie Stunden und Stunden wie Ewigkeiten hinziehen. All das erzählt der Film ziemlich matter of fact. Er überhöht nichts. Gerade deshalb wirkt der Schrecken des Krieges lange nach. Und auch der Film wird lange überdauern und auch künftig in Christopher Nolans ohnehin schon eindrucksvoller Filmografie als eines seiner Meisterwerke herausragen.


8,5
von 10 Kürbissen

Clerks – Die Ladenhüter (1994)

Regie: Kevin Smith
Original-Titel: Clerks
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Clerks


Kevin Smith ist eine sehr sympathische Figur im Hollywood-Betrieb. Er macht einfach sein Ding. Ob es nun eine bissige Abrechnung mit Religion und Fanatismus („Dogma“) ist oder eine romantische Beziehungskomödie rund um Pornos („Zack and Miri Make a Porno“) – bei Kevin Smith darf man sich immer auf ein bisschen Anarchie einstellen. Bei seinem Debütfilm „Clerks“ war er gerade mal 24 Jahre alt. Um den Film zu drehen und das Budget von 27.000 Dollar zu stemmen, verkaufte er sogar seine Comic-Sammlung. Und was macht man nun, wenn man einen Langfilm mit einem absurd geringen Budget von 27.000 Dollar drehen möchte? Genau – man reduziert die Handlungsorte auf ein absolutes Minimum und verzichtet auf rasante Action, sondern lässt lieber mal die liebevoll-verpeilten Figuren frei nach Schnauze reden. Und das sind in erster Linie mal die beiden Freunde Dante und Randal. Dante arbeitet in einem Convenience Store, plagt sich gerade mit seiner Gefühlswelt herum, die ihn zwischen seiner aktuellen Freundin Veronica und seiner Verflossenen Caitlin, die, wie er aus einer Zeitung erfahren hat, heiraten wird, hin und her schießt und eigentlich lieber mit seinen Freunden Hockey spielen möchte als eine zusätzliche ungeplante Schicht im Shop herunterzureißen. Randal, ein Slacker, wie er im Buche steht, ist … nun ja … anwesend (aber auch nicht immer) in der Videothek nebenan. Eigentlich sollte er dort arbeiten, aber lieber hängt er im Store von Dante herum und gibt seine Lebensweisheiten zum Besten, die nicht immer hilfreich sind. Und das ist es dann auch. Das ist der Film. Gedreht in körnigem Schwarz-Weiß mit viel Improvisation, absurden Dialogen und teils noch absurderen Handlungen (ich sage nur: Sex auf dem Klo und die ungeahnten Konsequenzen daraus) ist „Clerks“ ein wirklich unterhaltsamer Film ohne Handlung. Manche Stellen sind dadurch vielleicht auch ein bisschen zäh – aber keine Sorge: Der nächste zum Brüllen komische Dialog, vorgetragen mit einer entwaffnenden schulterzuckenden Gleichgültigkeit, ist keine Minute entfernt. Durchaus nachvollziehbar, wie es „Clerks“ zum Kultfilm bringen konnte, der das Hundertfache seines Budgets eingespielt hat. Was jetzt in Anbetracht des Budgets auch dramatischer klingt, als es ist.


7,0
von 10 Kürbissen

Spider-Man: Homecoming (2017)

Regie: Jon Watts
Original-Titel: Spider-Man: Homecoming
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Fantasy, Komödie, Science Fiction
IMDB-Link: Spider-Man: Homecoming


Tobey Maguire war Spider-Man. Andrew Garfield war Spider-Man (und diese Filme habe ich schon gar nicht mehr gesehen, weil mich dieser Aufguss – ob berechtigter- oder unberechtigerweise – nicht interessiert hat. Und nun ist Tom Holland Spider-Man. Schon in „The First Avenger: Civil War“ wurde diese Figur wieder neu ins aktuelle Marvel Cinematic Universe eingeführt, und da dachte ich mir schon: Jep, das könnte tatsächlich funktionieren. Und so gab ich auch dem neuen, neuen Spider-Man eine Chance und wurde nicht enttäuscht. Denn eigentlich ist „Spider-Man: Homecoming“ gar kein Action-Kracher. Vielmehr ist es eine wirklich witzige und von Tom Holland sehr gut getragene Teenager-Komödie, die ihren Schwerpunkt auf das Biotop „High School“ legt. Peter Parker muss sich zunächst einmal den üblichen Kämpfen eines Teenagers stellen. Er ist ein bisschen ein Außenseiter in der Schule, nicht unbeliebt, aber von Manchen doch gemobbt, er hat sich in das hübscheste Mädchen der Schule verknallt und hadert nun mit dem Zwiespalt, ihr imponieren zu wollen und sich gleichzeitig nicht trauen, sie anzusprechen, er hat schulische Verpflichtungen, die ein bisschen gegen seinen eigenen Zeitplan gehen (denn hey, er ist ja Spider-Man und als freundliche Spinne aus der Nachbarschaft wird er eben auch dort gebraucht), und er will endlich etwas bewegen, ernst genommen werden, erwachsen werden. Er will nicht mehr als Kind behandelt werden. Gerade dieser Wunsch bringt ihn auf Konfrontationskurs mit dem Schurken Vulture (Michael Keaton in einer selbstironischen Adaption seiner selbstironischen Rolle in „Birdman“). Was schön ist an dem Film: Bei aller Situationskomik nimmt er seine Figuren ernst. Die Probleme eines Teenagers werden greifbar dargestellt, und der Schurke ist nicht einfach ein Oberbösewicht mit einer oberschurkischen Agenda, sondern einfach ein Mann, der seine Familie ernähren will und dafür recht unkonventionelle Wege findet und natürlich angepisst ist, wenn ihm so eine kleine, rotzfreche Spinne in die Suppe spucken möchte. (Ganz groß ist hierbei die erste End-Credit-Szene – hier sieht man noch einmal sehr deutlich, dass sich die Autoren und Macher sehr wohl intensiv Gedanken über ihre Figuren gemacht haben.) Im Grunde geht es aber nicht um den Kampf Gut gegen Böse, den man so oft schon gesehen hat, sondern eben um die Frage: Wer bin ich, wer kann ich sein, wer will ich sein, und wie erreiche ich, dass mich meine Umwelt auch so wahrnimmt, auch wenn ich das, was ich sein will, aktuell noch nicht nach außen darstellen kann? Dabei werden keine dramatischen Verrenkungen der Figuren in Kauf genommen, es gibt keine Epiphanie, keine große Erleuchtung – alles wirkt sehr organisch und aus den Figuren selbst herauskommend. Hier macht „Spider-Man: Homecoming“ fast alles richtig, ist jedenfalls besser und glaubwürdiger als der erste Spider-Man-Film mit Tobey Maguire. Ein bisschen Probleme hat der Film vielleicht mit der Story selbst, die zuweilen etwas gar beiläufig erzählt wird. Aber das ist okay – der Fokus lag bei diesem Spider-Man eben woanders. Und so sehe ich den Film auch als Coming-of-Age-Komödie, bei dem der Held halt zufälligerweise auch Superkräfte besitzt. Seine Probleme kann er damit aber auch nicht lösen, was „Spider-Man: Homecoming“ sehr sympathisch macht.


7,5
von 10 Kürbissen

Baby Driver (2017)

Regie: Edgar Wright
Original-Titel: Baby Driver
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Thriller
IMDB-Link: Baby Driver


Edgar Wright ist einer meiner cineastischen Helden. Seine Blood-and-Ice-Cream-Trilogie („Shaun of the Dead“, „Hot Fuzz“ und „The World’s End“) sind großartige, augenzwinkernde Genre-Parodien mit trockenem britischem Humor, und auch „Scott Pilgrim vs. the World“ habe ich sehr gefeiert – das ist ein Film, den ich mir jederzeit ansehen kann, danach habe ich einfach gute Laune. „Baby Driver“ ist das neueste … nun ja … Baby von Edgar Wright. Zwei filmische Assoziationen werden beim Ansehen sofort geweckt: „Drive“ von Nicolas Winding Refn (einer meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre) und „Kingsman“ von Matthew Vaughn, auch ein toller mit wunderbar selbstironischem Humor. So gesehen waren die Erwartungen, die ich an „Baby Driver“ hatte, sehr hoch. Nur wurden die leider nicht ganz erfüllt. Der Film macht durchaus Spaß, ist unterhaltsam und actionreich und damit auch sehr kurzweilig, und doch entpuppt sich – jedenfalls für mich – gerade die Besonderheit des Films, die ihn hervorheben soll aus der Masse der Standard-08/15-Actionkracher als größte Schwäche: nämlich der Kniff, dass Baby, der jugendliche Fluchtfahrer, aufgrund eines Unfalls in seiner Kindheit an Tinnitus leidet und daher stets Musik hören muss – die Musik ist dann auch der Soundtrack zum Geschehen und zum Teil sehr asynchron zur Handlung. Da fetzt dann durchaus einmal Queens ausgelassener „Brighton Rock“ beim dramatischen Showdown in die Ohren und das nervenzerfetzende nächtliche Treffen mit gefährlichen Schurken in einer Lagerhalle wird fröhlich mit „Tequila“ eingeleitet. Das ist alles ganz witzig, wird aber an manchen Stellen einfach too much. Im Grunde degradiert der permanente Soundtrack „Baby Driver“ zu einem actionreichen, zwei Stunden dauernden Musikvideo. Das ist durchaus sehens- und hörenswert, aber „Baby Driver“ zeigt auch unfreiwillig auf, wie wichtig klug und sparsam eingesetzter Soundtrack für das Gelingen eines Films ist. Permanente Beschallung kratzt einfach am Spannungsbogen.


6,0
von 10 Kürbissen

First Girl I Loved (2016)

Regie: Kerem Sanga
Original-Titel: First Girl I Loved
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: First Girl I Loved


Die Gefühlsverwirrungen der Jugend, Teil 399.191.443. Cliff steht auf seine beste Freundin Anne. Anne steht auf die beliebte Sasha. Und weil Cliff ein bisschen homophob ist und nicht damit gerechnet hätte, dass die Konkurrenz für seine große Liebe, mit der er schon so viele Nachmittage kuschelnd auf dem Sofa verbracht hat, ausgerechnet aus dem anderen Geschlecht erwächst, wird alles ein bisschen dramatisch. „First Girl I Loved“ ist prinzipiell erst einmal sensibel erzähltes Gefühlskino. Die eine oder andere Klischeefalle wird dabei nicht vermieden, v.a. die Figuren sind recht schablonenhaft gezeichnet. Interessant fand ich, dass wichtige Szenen in der Mitte einfach gekappt wurden und zuerst die Auswirkungen der Szenen gezeigt werden, ehe die Auflösung nachgereicht wird – dadurch wird die emotionale Verwirrtheit der Protagonisten noch einmal greifbarer. Insgesamt ist „First Girl I Loved“ aber bei allem Bemühen ein sehr konventionell erzähltes Coming-of-Age-Teenage-Liebesangst-Drama und fügt dem Genre nichts wirklich Neues hinzu. Ich mag solche Filme an sich ja ganz gerne, aber dieser Film ist einer jener, die ich zwar recht gerne gesehen habe, aber wohl auch schnell wieder vergessen werde. Ein interessanter Aspekt aus europäischer Sicht ist vielleicht noch der Auslöser der großen Konfrontation am Ende, denn hier wird die Scheinmoral der sittsamen USA sehr deutlich. Bei uns würde die Geschichte jedenfalls nicht so große Wellen schlagen wie in diesem US-amerikanischen Film gezeigt. Mein Fazit zu „First Girl I Loved“: Kann man sich an einem verregneten Nachmittag auf jeden Fall mal gönnen, aber nachhallen wird der Film kaum.


5,5
von 10 Kürbissen