Die dunkelste Stunde (2017)

Regie: Joe Wright
Original-Titel: Darkest Hour
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Kriegsfilm, Biopic
IMDB-Link: Darkest Hour


Gary Oldman ist unbestritten einer der besten und wandlungsfähigsten Schauspieler der Gegenwart. Dass er bislang noch nicht zu Oscar-Meriten gekommen ist, verwundert doch sehr. Das wird sich aber mit dem 4. März 2018 ändern. Denn dann wird Gary Oldman für seine Rolle als Winston Churchill in „Darkest Hour“ ausgezeichnet werden. Alles Andere wäre absurd bis grob fahrlässig von der Academy. Der Film selbst ist ein klassisches Biopic-Drama mit allen diesem Genre zuordenbaren Stärken und Schwächen. Will man halbwegs seriös bleiben in diesem Genre, lassen sich halt nur wenige dramaturgische Veränderungen der Handlung vornehmen, was dieser – neben der Tatsache, dass sie den meisten Zusehern ohnehin geläufig ist – fast immer etwas an Spannung kostet und die Möglichkeiten, die Geschichte interessant und frisch zu erzählen, drastisch reduziert. Gleichzeitig aber lebt das Genre vom Bezug auf die historisch realen Personen und lässt und diese besser kennenlernen. Auch das kann interessant sein bzw. ist es auch im Fall von „Darkest Hour“. Womit wir wieder beim überragenden Gary Oldman wären, der Churchill nicht nur spielt, sondern ihn wieder lebendig werden lässt. Ähnliches ist Daniel Day-Lewis vor einigen Jahren in „Lincoln“ gelungen. Es braucht aber Ausnahmekapazunder wie eben Daniel Day-Lewis, Gary Oldman oder Helen Mirren (als Queen Elizabeth II.), damit diese Unternehmung gelingt und der Film nicht zu spannungsarmer Dutzendware verkommt. Denn an sich ist die Geschichte in „Darkest Hour“ trotz der historischen Relevanz und inhärenten Dramatik nur bedingt dazu geeignet, das Publikum in die Sitze zu kleben: Es geht um die ersten Wochen der Regierungszeit von Winston Churchill, der die undankbare Aufgabe übertragen bekommt, im Kriegsjahr 1940 die Kohlen für Großbritannien, das im Krieg gegen das Deutsche Reich schon verloren aussieht, doch noch aus dem Feuer zu holen, und das gegen innere Widerstände, denn die meisten seiner Parteifreunde bevorzugen die Kapitulation in Form von Friedensgesprächen mit Hitler. Joe Wright, der Regisseur, zeichnet dabei ein durchaus privates und intimes Porträt von Winston Churchill, konzentriert sich dabei im Großen und Ganzen aber dennoch auf seine Funktion als Staatsmann und auf das politische Hickhack seiner Zeit. Wie gesagt, das alles ist historisch relevant, aber für die Dramaturgie eines Films nicht ganz ideal. So bleibt Joe Wright auch auf sicheren konventionellen Pfaden. Allerdings wird der Film veredelt durch die schauspielerische Glanzleistung von Gary Oldman. Und allein deshalb schon funktioniert „Darkest Hour“ wirklich gut und bleibt jeden Augenblick interessant.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 51 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

 

Dance, Girl, Dance (1940)

Regie: Dorothy Arzner
Original-Titel: Dance, Girl, Dance
Erscheinungsjahr: 1940
Genre: Komödie, Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Dance, Girl, Dance


2017 ist das Jahr, das in die Geschichte eingehen wird als jenes Jahr, in dem über die Rolle der Frau und die weibliche Selbstbestimmung in einer männlich dominierten Gesellschaft gesprochen wurde. Gut Ding‘ braucht Weile. Schon 1940 drehte Dorothy Arzner, eine der wenigen Hollywood-Regisseurinnen ihrer Zeit, mit „Dance, Girl, Dance“ einen Film, in dem es um genau diese Themen geht, die fast 80 Jahre später heiß diskutiert werden. „Dance, Girl, Dance“ ist die Geschichte zweier Revue-Tänzerinnen, die von Ruhm und Anerkennung träumen – die eine (Lucille Ball) in Form von Reichtum und gesellschaftlichem Status, die andere (Maureen O’Hara) sieht sich als erfolgreiche Tänzerin im Ballett.  Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch schweißt sie das Schicksal zusammen, als Bubbles, die gekonnt ihre Reize einsetzt, um an das Ziel ihrer Träume, eben ein Leben in Luxus, zu kommen, in einer Burlesque-Show als Tiger Lilly groß herauskommt. Sie, der Star der Show, bietet ihrer alten Freundin Judy einen Job auf der Bühne an. Sie soll das männliche Publikum durch eine unschuldig-naive Ballett-Darstellung zwischen ihren Auftritten scharf auf das heiße Luder Tiger Lilly machen – eine erniedrigende Arbeit, aber die Zeiten sind hart für allein stehende junge Damen, und das Geld ist knapp. Als die rücksichtslose und ehrgeizige Bubbles auch noch ein Auge auf Judys reichen Verehrer wirft, ist endgültig Feuer am Dach.

„Dance, Girl, Dance“ spielt gekonnt mit den Extremen, die von Judy und Bubbles dargestellt werden. Naive Unschuld vs. laszive Verführung. Der Traum von Selbstverwirklichung vs. der Traum von Luxus. Beiden ist aber gemein, dass sie als Frauen in einer männlichen Welt nur über Umwege, Unterordnung und Selbsterniedrigung an ihre Ziele kommen (können). Nirgends wird das deutlicher als in der grotesken Burlesque-Show, wenn zunächst Bubbles als Tiger Lilly den Männern einheizt, der gröhlenden Masse, die sich selbst und die Herrschaft über die weiblichen Reize feiert, und dann Judy, die Unschuld, mit Gelächter und Obszönitäten bedacht wird. In diesen Momenten ist der Film sehr stark. Allerdings kann man durchaus bemängeln, dass das Ende nicht ganz so konsequent ist, wie man sich das vielleicht angesichts der Thematik wünschen würde – hier geht der Film dann Kompromisse ein zugunsten der breiten Massentauglichkeit. Dennoch ein guter, sehenswerter und heute vielleicht besonders aktueller Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 46 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Die Oscar-Nominierungen 2018

Wer mich kennt, weiß, dass es nur wenig gibt, was mich aus der Ruhe bringen kann. Wenn beim All you can eat-Buffet das Dessert abgeräumt wird und ich noch beim Hauptgang bin zum Beispiel. Oder wenn nach 105 Reservierungswunsch-Eingaben für Viennale-Tickets der Computer abstürzt. Und auf jeden Fall, wenn die Oscar-Verleihung ansteht und es losgeht mit Nominierungen und Spekulationen um die möglichen Gewinner.

Seit heute ist bekannt, wer in welchen Kategorien um die begehrten Goldmännchen rittert. Hier gibt’s die Nominierungen im Überblick.

Im Grunde ist wenig Überraschendes dabei. In einem Oscar-Nominierungs-Tippspiel habe ich von insgesamt 103 Nominierungen ganze 77 erraten. (Nicht getippt wurden die Dokus und Kurzfilme). Lediglich in der Kategorie für den besten fremdsprachigen Film lag ich mit nur zwei richtigen Nominierten recht deutlich daneben. Aber hier spielt sich auch eine der größten Überraschungen ab. Der Golden Globe-Sieger „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin befindet sich nicht in der illustren Reihe der Nominierten. Ebenfalls durch Abwesenheit glänzt in der Kategorie für den besten Hauptdarsteller James Franco, den ich für seine Leistung in „The Disaster Artist“ gerade noch hochgelobt habe. Franco dürfte allerdings über unschöne Anschuldigungen im Zuge von #metoo gestolpert sein, die ihm wohl die Nominierung gekostet haben. Auch „The Greatest Showman“, im Vorfeld hoch gehandelt, ist mit nur einer Nominierung (für den besten Song) so gut wie nicht vertreten. Überhaupt nicht vertreten ist „Wonder Woman“ von Patty Jenkins, den man zumindest in einigen Nebenkategorien auf der Rechnung haben konnte.

Über acht Monate ist es her, dass ich in meiner Review von möglichen Oscar-Chancen von „Get Out“ geschrieben habe. Dass es nun tatsächlich so gekommen ist und „Get Out“ in wichtigen Hauptkategorien, u.a. als bester Film, für die beste Regie (Jordan Peele), den besten Hauptdarsteller (Daniel Kaluuya) und das beste Original-Drehbuch, Nominierungen einheimsen konnte, überrascht dann doch. Aber: Call me Nostradamus!

Für mich gab es die größten Überraschungen bei der besten Regie. Gut, Christopher Nolan und Guillermo del Toro waren eine Bank. Mit Greta Gerwig konnte man aufgrund der aktuellen Sensibilisierung für die Selbstbestimmung der Frauen durchaus noch rechnen. Jordan Peele ist jedoch schon mal so ein Dark Horse, das es – für mich überraschend jedenfalls – geschafft hat. Paul Thomas Anderson hingegen hatte, obwohl ein genialer Regisseur, wohl kaum jemand auf der Liste, vor allem, weil dadurch Luca Guadagnigno (für „Call Me By Your Name“) und Martin McDonagh (für den in vielen Kategorien favorisierten „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) auf der Strecke blieben. Damit läuft in dieser Kategorie alles auf Guillermo del Toro hinaus.

Die eigentliche Sensation der Oscars 2018 spielt sich allerdings in der Kategorie für die beste Kamera ab. Denn mit Rachel Morrison (für „Mudbound“) wurde zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau in dieser Kategorie nominiert. Eigentlich unglaublich. Mich freut es sehr, dass nun dieser weiße Fleck auf der Landschaftskarte der Gleichberechtigung auch getilgt wurde. Möge das nur ein Anfang sein.

Und was meint ihr nun zu den Nominierungen? Wer fehlt? Wer gehört eurer Meinung nach nicht dorthin?

Auf dem Weg nach Oregon (2010)

Regie: Kelly Reichardt
Original-Titel: Meek’s Cutoff
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Western
IMDB-Link: Meek’s Cutoff


Geduld und eine Portion Hartnäckigkeit zahlen sich manchmal aus. Nachdem ich mit meinen ersten beiden Filmen von Kelly Reichardt, die ich gesehen habe, der Öko-Thriller „Night Moves“ und der Episodenfilm „Certain Women“, so meine Probleme hatte, zündete nun der minimalistische Western „Meek’s Cutoff“ aus dem Jahr 2010 so richtig. Auch wenn der Film in seiner Langsamkeit und Handlungsarmut ganz eindeutig in Reichardt-Film ist, so überzeugt er durch eine unglaublich dichte Atmosphäre, getragen von der düsteren Musik von Jeff Grace (die gelegentlich an die Soundtracks von Jonny Greenwood erinnert) und der Kameraarbeit von Christopher Blauvelt, der im Format 4:3 einen eindrucksvollen Spagat zwischen Realismus (in der Nacht ist es nun mal finster, da sieht man nur Schemen) und fast schon meditativ-entrückt anmutenden Landschaftsaufnahmen hinlegt. Die Handlung selbst ist – wie immer bei Kelly Reichardt – sehr dürftig. Drei Familien von Siedlern versuchen, über den Oregon Trail nach Westen zu kommen. Sie verlassen sich dabei auf den Trapper Stephen Meek, der vorgibt, eine Abkürzung zu kennen, sie aber – offenbar aus Unwissenheit – ins Nirgendwo führt. Die Landschaft ist karg und trocken, das Wasser wird knapp. Da stoßen sie auf einen Indianer und entgegen Meeks Warnungen, er würde sie bei der ersten Gelegenheit berauben und nicht zögern, ihnen die Kehlen durchzuschneiden, verlassen sie sich auf diesen, um sie zurück aus der Einöde und zum Wasser zu führen. Die Stärke des Films liegt eindeutig darin, dass der Überlebenskampf völlig frei von überzogenen Dramen erzählt wird, ultrarealistisch gewissermaßen. Trotz seiner Langsamkeit und Stille und auch trotz des fehlenden Bezugs zu den Figuren, die völlig ohne Backstory rätselhaft bleiben, entwickelt „Meek’s Cutoff“ dabei einen erstaunlichen Sog. Weder das Woher noch das Wohin sind von Bedeutung. Die Figuren wirken in der landschaftlichen Einöde wie aus der Zeit gefallen. Sie sind gefühlt schon seit Ewigkeiten unterwegs und werden das auch für immer sein. Sie haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Und das kann ich durchaus nachvollziehen: Wenn es ums Überleben geht, gibt es keinen Raum mehr für die Vergangenheit, und die Zukunft ist ungewiss und diffus. Nur das Jetzt zählt. Das hat Kelly Reichardt eindrücklich eingefangen. Vielleicht wird’s ja doch noch etwas mit uns beiden.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

The Disaster Artist (2017)

Regie: James Franco
Original-Titel: The Disaster Artist
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: The Disaster Artist


Oh, hi Mark! 2003 kam mit „The Room“ ein Meisterwerk der Filmgeschichte heraus, geschrieben, produziert, gespielt und gedreht von Tommy Wiseau. Das Liebesdrama shakespeare’schen Ausmaßes gilt heute dank seiner geschliffenen Dialoge, des exzellenten Schauspiels, der fesselnden Dramaturgie und des herausragenden filmischen Handwerks als einer der bemerkenswertesten Filme der Geschichte. Noch heute, 15 Jahre später, wird der Film in amerikanischen Kinos in rasch ausverkauften Mitternachtsvorstellungen gezeigt. James Franco hat nun die Entstehungsgeschichte dieses cineastischen Meilensteins verfilmt, mit sich selbst in der Hauptrolle des Tommy Wiseau, der „Johnny“ im Film „The Room“. Ich selbst habe leider den Film zur Gänze noch nie gesehen, kenne nur die besten Szenen, die glücklicherweise auf Youtube zugänglich sind. „The Disaster Artist“ heißt nun die Verfilmung der Verfilmung, und ob diese Hommage an die Quelle ihrer Inspiration herankommt, kann ich nun natürlich mangels Kenntnisse des Originals nicht beurteilen. Aber allein schon, wenn man James Franco als Tommy Wiseau Tommy Wiseau als Tommy Wiseau gegenüberstellt, zeigt sich, mit wie viel Liebe zum Detail „The Disaster Artist“ gedreht wurde. Franco ist herausragend. Der Film selbst, also „The Disaster Artist“ (aber wahrscheinlich auch „The Room“), ist zum Teil rasend komisch und mit Sicherheit eine der besseren Komödien der letzten Jahre. You’re tearing me apart! Allerdings folgt „The Disaster Artist“ im Aufbau seiner Story selbst dann doch recht gewöhnlichen Pfaden der Dramaturgie und ist daher nicht immer per se wahnsinnig interessant. So bleiben die Pluspunkte des Films einige wirklich schräge Szenen (die umso genussvoller zelebriert werden können, als dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen) und eben ein James Franco, den man als solchen nicht mehr erkennt – so sehr geht er in der Rolle des Tommy Wiseau auf. Wäre da nicht ein Gary Oldman in der Warteschleife für den längst überfälligen Oscar, und hätte sich Franco nicht selbst aufgrund der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn aus dem Rennen genommen, das Goldmännchen müsste dieses Jahr wohl an ihn gehen (und ein Stern am Hollywood Walk of Fame an Tommy Wiseau). I have to go.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 68 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Life Guidance (2017)

Regie: Ruth Mader
Original-Titel: Life Guidance
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire, Science Fiction
IMDB-Link: Life Guidance


„Das ist nicht optimal“, lautet ein Zitat in Ruth Maders dystopischer Satire „Life Guidance“. Und ja, das könnte man als Motto über den ganzen Film schreiben. Nicht optimal ist beispielsweise, dass ein Film, der in der (nicht allzu fernen) Zukunft spielen soll, sich nicht im Geringsten nach Zukunft anfühlt, nicht in Kleidung, Kulissen oder anderen Details, die man kostengünstig auf Zukunft hätte bürsten können. Nicht optimal ist auch, dass das Schauspiel der meisten Beteiligten arg hölzern wirkt und die Dialoge am Rande der Belanglosigkeit kratzen. Nicht optimal ist schließlich, dass die Kapitalismuskritik, um die es letztlich geht, auf das Publikum mit einem Vorschlaghammer eingehämmert werden, damit auch die Dümmsten es begreifen. Dass der Film zudem extrem langsam, handlungsarm und emotionslos erzählt wird und man nebenher sehr gut Einkaufslisten, Einrichtungsideen oder die nächsten Banküberweisungen planen kann, kann man auch nicht wirklich als optimal bezeichnen, obwohl ich gegen langsam erzählte Filme ja in der Regel nichts habe (siehe Satanstango). Die Story an sich ist rasch erzählt: Der Familienvater Alexander (Fritz Karl, der, falls es jemals zu einer Verfilmung von Colin Firths Leben kommen sollte, die Hauptrolle übernehmen muss) funktioniert in einem kalten, auf Optimierung ausgelegten System nicht ganz optimal, da er Gefühle zeigt, und bekommt daher eine Art „Coach“ von der Agentur Life Guidance zur Seite gestellt. Das schmeckt dem Möchtegern-Emo natürlich nicht sonderlich, und er versucht, den ungeliebten Schatten loszuwerden, wodurch er noch alles schlimmer macht (eh klar). Nach und nach versucht Alexander, sich aus dem System freizustrampeln. Seine Handlungen dabei ergeben aber nicht immer Sinn. Manches muss auch einfach nur sein, damit plakativ der Zeigefinger erhoben werden kann. Und das nervt. Sehr sogar. Leider kann man „Life Guidance“ nur als komplett misslungen bezeichnen. Die Grundidee wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, aber die Umsetzung tut stellenweise wirklich weh.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

The Killing of a Sacred Deer (2017)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Killing of a Sacred Deer
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: The Killing of a Sacred Deer


Jene, die zum ersten Mal in einem Lanthimos-Film sitzen, erkennt man am unentwegten Aufstöhnen, gefolgt von ungläubigem Gelächter. Wenn dann die Lichter des Kinosaals wieder angehen, blickt man in ratlose Gesichter, in denen zu Grimassen verzogene Münder versuchen, das Gesehene in ganzen deutschen Sätzen zu kommentieren – woran sie aber gnadenlos scheitern, da sie über ein „Also, ich weiß ja nicht, das ist irgendwie …“ nicht hinauskommen. „Das war … interessant“, lautet meistens die abschließende Bewertung. Und dann, nach einigen Tagen Pause, in der das Geschehen auf der Leinwand einigermaßen eingeordnet und verarbeitet werden konnte, ist man entweder großer Lanthimos-Fan oder geht nie wieder in einen Film dieses Regisseurs. Ich gehöre zur ersten Gruppe. „The Killing of a Sacred Deer“, mein insgesamt dritter Lanthimos nach den überragenden „Dogtooth“ und „The Lobster“, kann auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz mit der Genialität der beiden erwähnten Meisterwerke mithalten, entfaltet aber auch eine große Wucht, die bei Lanthimos-Filmen immer überraschend in den Magen schlägt, da die Filme im Grunde sehr lakonisch erzählt werden. „The Killing of a Sacred Deer“ ist eine Geschichte rund um Abrechnungen/Gerechtigkeit/Balance und basiert lose auf dem Iphigenie-Mythos. Agamemnon, der antike Schlingel, tötete einen heiligen Hirsch und musste daraufhin Artemis, der Göttin der Jagd, seine eigene Tochter Iphigenie opfern, um diese zu besänftigen. Steven (Colin Farrell), dem Herzchirurgen, geht es nicht viel besser. Er macht die Bekanntschaft mit Martin (Barry Keoghan), dem Sohn eines ehemaligen Patienten, der auf Stevens OP-Tisch verstarb. Was zunächst nach einer Reue-Geschichte aussieht, entwickelt sich bald dank eines bösen Twists zu einem waschechten Thriller. Der Thrill wird dabei durch die Lakonie der Charaktere und dadurch, dass er sich fast ausschließlich im Haus der Familie abspielt und in nur geringen Dosierungen in den Alltag eingreift, virtuos unterlaufen. Lanthimos ist ein Zyniker, doch gerade durch die kalte Distanz, die er wahrt, gelingt es ihm, wirklich große menschliche Fragen zu Moral und Ethik an das Publikum zurückzuwerfen. Die zwischenmenschliche Zwickmühle, in die Steven im Laufe des Films gerät, hätte man vielleicht noch etwas mehr auskosten können – da hebelt der lakonisch-distanzierte Blick von Lanthimos doch die eine oder andere Situation aus, aus der man mehr hätte machen können – aber auch „The Killing of a Sacred Deer“ ist ein Film, der lange im Gedächtnis bleibt. Lanthimos-Filme vergisst man nicht so schnell, ob im Guten oder Schlechten.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Loving Vincent (2017)

Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman
Original-Titel: Loving Vincent
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Krimi
IMDB-Link: Loving Vincent


Beworben wird „Loving Vincent“ als „schönster Film des Jahres“. Wie kommt es dazu? Nun, man muss wissen, dass sich die bildnerische Künstlerin Dorota Kobiela und ihr Ehemann Hugh Welchman nichts Geringeres vorgenommen haben als den ersten, komplett in Öl gemalten Langfilm zu produzieren. Und zwar einen, der auf etwa 100 Meisterwerken von Vincent van Gogh beruht, die in etwa 60.000 Einzelbildern zum Laufen gebracht wurden. Erzählt wird die Geschichte der letzten 6 Wochen im Leben van Goghs bis zu seinem überraschenden Selbstmord in Frankreich. Der aufbrausende Armand Roulin erhält von seinem Vater, einem mit van Gogh befreundeten Postler, die Aufgabe, dem Bruder von Vincent van Gogh dessen letzten Brief zuzustellen. Zunächst geht Armand recht widerwillig an diese Aufgabe heran, doch ist bald seine Neugier geweckt, als er feststellt, dass sich van Goghs Umfeld in Widersprüche verstrickt, was die Umstände seines Todes betrifft. Und so wird daraus bald ein Kriminalfall, den Armand in bester Hard-Boiled-Manier angeht. Würde man rein die Erzählung bewerten, so fiele das Urteil über den Film wohl weniger günstig aus. Zwar ist der Krimi durchaus interessant erzählt und hält über die Laufzeit hinweg in Laune, doch bleibt vieles entweder im Dunkeln oder wirkt arg konstruiert. Überhaupt bleibt der Film eher an der Oberfläche van Goghs, zu dem der Zuseher über die ganze Laufzeit hinweg nicht wirklich einen Zugang findet, da interessanterweise gerade bei diesem Film, der für seine Bilder gepriesen wird, die Prämisse „show, don’t tell“ weitestgehend ignoriert wird. Der Film besteht aus einem durchs Dorf laufenden Armand, der mit verschiedenen Menschen über van Gogh spricht und die ihre Sicht erzählen, untermalt durch in Schwarz-Weiß gehaltenen Rückblenden. Allerdings hat man solche Bilder tatsächlich noch nie gesehen. Hier atmet jedes einzelne Frame den Geist van Goghs. Wer jemals vor einem meisterhaften Gemälde gestanden ist und sich in die darin gezeigte Landschaft hineinprojiziert hat, wird bei diesem Film aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen. „Loving Vincent“ ist in der Tat ein visuelles Virtuosenstück, das neue Wege in der Filmkunst bestreitet. Da lässt es sich auch verschmerzen, wenn die Storysuppe selbst ein wenig dünn geraten ist – die üppigen Beilagen gleichen das jedenfalls aus.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 69 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)

The Square (2017)

Regie: Ruben Östlund
Original-Titel: The Square
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire
IMDB-Link: The Square


Es ist Zeit für das legendäre Hans Huber-Zitat: „Die Schweeeeeeeeden, die sind ein ganz harter Brocken!“ Irgendwie trifft das ja auch auf Ruben Östlunds Goldene Palme-Gewinner „The Square“ zu. Denn einfache Filmkost sieht anders aus. Östlund geht bei seiner Satire rund um den Museumskurator Christian aufs Ganze. Ein Roundhousekick Chuck Norris’schen Ausmaßes gegen den intellektuellen Kulturbetrieb und die Verlogenheit der Menschen, wenn es um Moral und Nächstenliebe geht, soll es sein. Dafür wurde der Film überschwänglich gefeiert – inklusive Golden Globe-Nominierung und einem sicheren Platz auf der Liste der neun verbliebenen Filme, die für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film in Frage kommen. Manche sagen auch, dass der Oscar in dieser Kategorie nur über Östlund gehen kann. Okay. Ich bin da skeptisch. Denn wenn man genau hinsieht, zeigt sich rasch, dass der Film mehr Schein als Sein ist. Es gibt viele denkwürdige Szenen wie beispielsweise jene, in der Terry Notary, einer der besten Affen-Imitatoren derzeit, als Kunstprojekt ein festliches Bankett sprengt, bis es zur Eskalation kommt. Und Claes Bang als Christian spielt wunderbar. Aber die Einzelteile fügen sich nicht zu einem stimmigen Film zusammen. Der manchenorts geäußerten Kritik, dass es sich um Stückwerk handle und Ruben Östlund auch zu zynisch mit seinen Figuren umginge, kann ich mich durchaus anschließen. Ich kann mich nicht ganz dem Eindruck verschließen, dass es sich hierbei um „L’art pour l’art“ handelt, und genau das, was der Film selbst anzuprangern versucht, diese hintergründige Substanzlosigkeit der intellektuellen Szene, auch auf den Film selbst zutrifft. Es wirkt ein wenig, als ob Östlund hier einfach zeigen wollte, welch toller, smarter und sozialkritischer Filmemacher er ist. Und das ist schade, denn „The Square“ hätte durchaus gute Ansätze.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

The Bling Ring (2013)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Bling Ring
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Satire, Komödie
IMDB-Link: The Bling Ring


Mit „Lost in Translation“ hat Sofia Coppola einen meiner Lieblingsfilme gedreht. „The Bling Ring“ kommt leider an die Qualität dieses Films nicht heran. Die Prämisse wäre eigentlich recht vielversprechend: Ein paar jugendliche Fashion-Victims brechen in die Häuser ihrer Idole wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan ein und fladern, was in die Louis Vuitton-Tasche passt. Angelegt ist „The Bling Ring“ als satirischer Blick auf die Oberflächlichkeit, die der Jugend von heute durch ihre Role Models vermittelt wird. Alles, was zählt, sind die richtigen Markennamen und deren Darstellung auf Social Media-Accounts. Allerdings zündet der Film für mich nicht wirklich. Im Gegenteil – das wiederholte Zeigen der Einbrüche, und wie hier noch ein Kleid und dort noch eine Halskette anprobiert wird, nützt sich rasch ab und wird langweilig. Klar, man könnte nun behaupten, dass das Zeigen dieser Redundanzen als stilistisches Mittel verstanden werden kann – die Oberflächlichkeit der Handlungen spiegelt sich auf diese Weise filmisch wider. Allerdings hätte ich mir dann ein zumindest bissiges Ende gewünscht. Und ja, die Intention eines solchen ist durchaus spürbar, nur scheut Coppola dann doch davor zurück, so richtig den Hebel umzulegen. Und so bleibt diese Satire leider ein wenig zahnlos.


4,0
von 10 Kürbissen