Drama

Es war Nacht in Rom (1960)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Era notte a Roma
Erscheinungsjahr: 1960
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Era notte a Roma


Italien während der Zeit durch die nationalsozialistische Besatzung. Es herrscht Chaos. Italiener verstecken Partisanen und Kriegsflüchtlinge in der Hoffnung auf Befreiung. Wer mit einem Kriegsflüchtling erwischt wird, muss damit rechnen, an die Wand gestellt zu werden. Blöd für die junge Esperia (die bezaubernde Giovanna Ralli), dass sie deren gleich drei in ihrem Dachboden sitzen hat: Den britischen Major Michael Pemberton (Leo Genn), den US-Amerikaner Lieutenant Peter Bradley (Peter Baldwin) und den russischen Soldaten Fjodor Nazukow (Sergej Bondarchuk). Ihr Verlobter Renato (Renato Balducci), selbst im Widerstand, findet das eigentlich ganz nett und freundet sich schon bald mit den drei Soldaten, die gemeinsam viel erlebt haben, an. Allerdings wird einem die Zeit schon lang, wenn man nur verborgen im Dachboden hocken kann und auf das Eintreffen der eigenen Truppen hoffen muss. Da sitzt man mitten in der vielleicht schönsten Stadt der Welt und kann nicht raus. Dazu kommt noch die Sprachbarriere – einerseits zu der hübschen Gastgeberin, andererseits auch untereinander, da der Russe kein Englisch spricht. Und trotzdem bildet sich da allmählich eine Gemeinschaft, die über die Schicksalsverbundenheit hinaus geht. „Es war Nacht in Rom“ ist die erste Stunde lang ein Meisterwerk, das mich sprachlos machte. Wie hier auf engstem Raum in einem Kammerspiel die gut gezeichneten Charaktere zueinander finden, ist höchste Filmkunst. Da war der Film schon unterwegs in Richtung einer glatten 9 oder noch höher. Allerdings kann die (auch noch sehr gute) zweite Hälfte des Films, in der die Geschichte dann ein wenig zerfasert, dieses Niveau nicht ganz halten. Trotzdem gehört „Es war Nacht in Rom“ zu einer denkwürdigen Filmerfahrung, die lange nachhallen wird. Ganz großes Kino von Roberto Rossellini, hat mir persönlich sogar noch besser gefallen als sein Meisterwerk „Paisà„.


8,5
von 10 Kürbissen

Schloß Vogelöd (1921)

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Original-Titel: Schloß Vogelöd
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Schloß Vogelöd


Man kennt das: Da schmeißt man einfach eine gemütliche Party, und dann taucht genau der eine Vogel dort auf, den man definitiv nicht dabei haben möchte. Weil: Man hat die Witwe seines verblichenen Bruders eingeladen, die auf den Typen nicht gut zu sprechen ist. Wenn die dann auch noch mit ihrem neuen Haberer vorbeikommt und Grumpy Ex-Schwager im Nebenzimmer sitzt, verhagelt das ganz allgemein die Stimmung. So viel Mexikaner kann man gar nicht ausschenken, als dass sich die Gemüter noch erheitern. Wenn’s auch noch dauernd schifft und man ohnehin nichts tun kann, legt man am besten The Cure auf und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, bis der Spuk ein Ende hat. In der Zwischenzeit kann man sich mit bösen Gerüchten und Spekulationen die Zeit vertreiben. Hat denn der Ex nicht den eigenen Bruder auf dem Gewissen? Und wo ist eigentlich der ehrwürdige Pfaffe hin, dem die Ex-Frau des verstorbenen Bruders gerade noch ihr Herz ausgeschüttet hat? In der Nacht werfen diese Fragen allerlei unangenehme Träume auf, was auch nicht gerade zur Erheiterung beiträgt. Kurz: Es liegt was in der Luft. Und der finstere Typ im Nebenzimmer hat etwas damit zu tun.

Wenn ein Film fast 100 Lenze auf dem Buckel hat und trotzdem noch spannend anzusehen ist, dann kann man durchaus von einem Werk für die Filmgeschichte sprechen. „Schloß Vogelöd“ von Altmeister Friedrich Wilhelm Murnau reiht sich da jedenfalls ein, auch wenn der Film ein wenig zurückbleibt hinter seinen größten Werken. Das Setting mit dem alten Herrenhaus im Dauerregen ist aber gut gewählt, die Geschichte spannend und voller Wendungen inszeniert (M. Night Shyamalan muss den gesehen habe, da bin ich mir sicher) und die Darsteller geben auch alles. Da sieht man auch gerne über die eine oder andere kleinere Länge oder darstellerische, der Jugend des Films (der damals wirklich noch in den Kinderschuhen steckte) geschuldete Unbeholfenheit hinweg. Fazit: Kann man auch heute noch sehr gut ansehen.


7,0
von 10 Kürbissen

Nude Area – Sehnsucht & Verführung (2014)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Nude Area
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nude Area


Urszula Antoniak ist mir vor einigen Jahren mit ihrem Debütfilm „Nothing Personal“ positiv aufgefallen, eine melancholische Studie über zwischenmenschliche Annäherung. Dementsprechend gespannt war ich auf „Nude Area“. In diesem Film begehrt ein 16jähriges Mädchen aus gutem Haus eine muslimische Mitschülerin. Einen Sommer lang umschleichen sich die beiden, wortlos, nur ihre Blicke, ihre Mimik und ihre Gesten zeigen das Verlangen. So weit, so schön. Es geht doch nichts über sinnliches Begehren, das sich im Körper ausdrückt. Blöd nur, dass Antoniak bei all den vielsagenden Nahaufnahmen darauf vergessen hat, einen Film zu drehen. Denn das Konzept geht einfach nicht auf. „Nude Area“ ist zweierlei: Langweilig und bieder. Was für einen Film, in dem es um Begierde geht, das Todesurteil bedeutet. Selbst die formale, handwerkliche Umsetzung ist so uninspiriert, dass es fast schon wieder eine Kunst für sich ist. Blaustichige Bilder werden mit dissonantem Klaviergeklimper untermalt, und irgendwann taucht auch mal ein verschlafenes Saxofon auf. Das hat man schon in den 80ern nur noch im spätabendlichen Fernsehfilm gesehen. Auch dass der Film völlig wortlos und ohne eine einzige Dialogzeile auskommt, unterläuft die Dramaturgie eher, als dass es Spannung erzeugt. Denn wenn man alle fünf Minuten denkt: „So redet doch endlich mal miteinander, ihr fetzendepperten Tussis!“, dann wirkt sich das nicht förderlich auf das Qualitätsempfinden des Films aus. Allerdings wäre der Film mit Dialog wohl auch in fünf Minuten durch gewesen. Man kann aber sagen, dass  „Nude Area“ der sauberste Film aller Zeiten ist: Ständig steht wer unter der Dusche. Wer aber glaubt, auf diese Weise den einen oder anderen Blick auf schöne Körper erhaschen zu können, wird ordentlich enttäuscht. Denn das, was man sieht, sind hauptsächlich Rücken. Und Zeitlupen-Aufnahmen von Wassertropfen, die von der Haut abperlen. Nein, nichts an diesem Film ist ein Fest für die Sinne. Und nichts davon macht Sinn. Schade um die Zeit.


2,0
von 10 Kürbissen

Shoplifters – Familienbande (2018)

Regie: Hirokazu Koreeda
Original-Titel: Manbiki Kazoku
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Manbiki Kazoku


Der goldene Staubwedel der Côte d’Azur ging 2018 nach Japan. Hirokazu Koreeda überzeugte die Jury von Cannes mit seinem Film „Manbiki Kazoku“, in dem er verhandelt, was in einer modernen Gesellschaft (und an deren Rand) Familie bedeutet. Der Film reiht sich ein in eine Reihe von großartigen Werken, die sich 2018 mit Fragen zu Familie und Familienzusammensetzung beschäftigt haben. Auch andere Filme wie beispielsweise „Meine Tochter„, „Leave No Trace“ oder „Glücklich wie Lazzaro“ behandeln die – oft selbst gewählte – Zusammensetzung von Familien. Irgendwas ist da also. Familie im 21. Jahrhundert scheint ein vielfältig ausgeprägtes Konstrukt zu sein. Und „Manbiki Kazoku“ fügt dem eine spannende Perspektive hinzu. Denn was auf den ersten Blick nach einer völlig normalen Familie aussieht (abgesehen davon, dass ein Teil des Lebensunterhalts auf nicht ganz legale Weise, nämlich durch Ladendiebstahl, gesichert wird), entpuppt sich im Laufe der Zeit als sehr heterogene Zweckgemeinschaft mit unterschiedlichsten Wurzeln. Und damit wird dem Zuseher die Frage gestellt: Was ist es, was uns als Familie tatsächlich verbindet? Allein das Blut wäre entgegen aller anderslautenden Beteuerungen ein sehr dünner Saft. Da muss es also mehr geben, und „Manbiki Kazoku“ zeigt dieses Mehr auf, als ein fünfjähriges Mädchen neu in das Patchwork hineingenäht wird. Allein das macht den Film schon mal hochgradig interessant. Dazu ist er toll gespielt, vor allem von den Kinderdarstellern (mit denen ist es ja oft so eine Sache, da Kinder gerne mal zu Overacting neigen). „Manbiki Kazoku“ berührt sehr und beschäftigt den Zuseher gedanklich auch nach dem Abspann noch länger. Allerdings ist er nicht frei von Längen. Zwar wird die Laufzeit von über zwei Stunden gut genutzt, um die Charaktere weiter auszuarbeiten, das geschieht allerdings fast beiläufig in vielen kleinen Szenen, die mitunter Sitzfleisch erfordern. Ich habe den Eindruck, dass man das etwas straffen hätte können. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

 


8,0
von 10 Kürbissen

Leichen pflastern seinen Weg (1968)

Regie: Sergio Corbucci
Original-Titel: Il grande silenzio
Erscheinungsjahr: 1968
Genre: Western, Drama
IMDB-Link: Il grande silenzio


Vergesst Simmering gegen Kapfenberg. Kinski gegen Trintignant – das ist Brutalität! Inszeniert von Sergio Corbucci prallen die beiden schauspielerischen Schwergewichte in der eisigen Winterlandschaft in Utah aufeinander. Es sind harte Zeiten im Wilden Westen. Viele haben keine Arbeit und müssen sich daher als Banditen durchschlagen. Das wiederum bringt ruchlose Kopfgeldjäger auf den Plan, die armen Kerle wie räudige Hunde niederzuschießen. Vor allem Loco (Klaus Kinski) ist einer, dem nichts heilig ist. Überall im Schnee hat er Leichen konserviert, die er mit der Postkutsche ins nächste Örtchen Snow Hill bringt. Das schmeckt dem dortigen Sheriff zwar nicht, aber Gesetz ist Gesetz. Doch wenn schon dem Gesetz die Hände gebunden sind, muss halt einer eingreifen, der schnell ziehen kann. Und das ist der stumme Silence (Jean-Louis Trintignant), Rächer der ungerecht Behandelten. Sein Clou: Die bösen Jungs provozieren, bis sie ziehen, und sie dann über den Haufen knallen. Denn das ist vor dem Gesetz Notwehr. Das weiß auch Loco, und so entspinnt sich ein Psychospiel, als die Witwe eines durch Locos Hand Verblichenen Silence um Hilfe bittet. Und die Dinge werden allmählich persönlich. Lange Zeit war „Leichen pflastern seinen Weg“ für mich auf dem Weg zu einem durchschnittlichen, soliden Western-Beitrag mit manchmal etwas unbeholfenen Dialogen, aber insgesamt eben ganz gut gemacht. Dann kam das Ende. Und das Verständnis dafür, warum „Leichen pflastern seinen Weg“ heute zu den ganz großen Klassikern des Italo-Western, vielleicht sogar des Western-Genres insgesamt zählt. Der Weg dahin ist mitunter ein bisschen mühsam, aber er lohnt sich – denn am Ende sieht man etwas, was man selten sieht. Und mehr möchte ich eigentlich gar nicht verraten, denn jedes Wort mehr würde dem Film seine Kraft nehmen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 19 Teil meiner Filmreisechallenge 2018 – und insgesamt auch der letzte Film meiner Reise. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Teheran Tabu (2017)

Regie: Ali Soozandeh
Original-Titel: Tehran Taboo
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Animation
IMDB-Link: Tehran Taboo


Es ist schon eine Weile her, dass ich „Teheran Tabu“ gesehen habe. Trotzdem ist er noch sehr präsent, und immer wieder denke ich über den Film nach. Das ist schon mal ein untrügliches Qualitätsmerkmal, und so wird es auch Zeit, dem Film auch hier ein paar Zeilen zu widmen. „Teheran Tabu“ ist tatsächlich eine außergewöhnliche Erfahrung. So wurde er in einer Mischung aus Motion Capture und Rotoskopie gedreht. Rotoskopie ist das Nachzeichen/Nach-Animieren von real gedrehten Filmszenen. Auf diese Weise wird ein hoher Grad an Realismus erzielt bei gleichzeitiger Verfremdung durch die Animation. Aber das allein macht den Film nicht aus. Denn die interessanteste technische Umsetzung allein trägt einen Film nicht, wenn der Inhalt nicht überzeugen kann. Doch gerade damit kann „Teheran Tabu“ punkten. Ali Soozandeh zeigt auf, wie das repressive politisch-gesellschaftliche Leben im modernen Teheran ganze Leben zerstört. In lose miteinander verwobenen Episoden werden einzelne Schicksale aufgezeigt – sei es jenes der allein erziehenden Mutter, die mit Prostitution über die Runden kommen muss, sei es das Schicksal der jungen Frau, die sich scheiden lassen möchte, das aber nicht tun kann, weil der Mann, der im Gefängnis sitzt, nicht zustimmt, sei es die Erzählung vom überforderten Jugendlichen, der mit einem Mädchen geschlafen hat, das verheiratet werden soll, und der nun Geld zusammentreiben muss für eine Rückoperation des Jungfernhäutchens. Vor allem das bittere Los und die geringe Stellung der Frauen werden erbarmungslos aufgezeigt. „Teheran Tabu“ ist ein Film, den man sich nur mit einer gefestigten Psyche geben sollte, der aber auch lange nachhallt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 59 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Julie & Julia (2009)

Regie: Nora Ephron
Original-Titel: Julie & Julia
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Biopic, Drama, Komödie
IMDB-Link: Julie & Julia


Gleich vorweg: Es gibt zwei gute Gründe, „Julie & Julia“ anzusehen. Der eine Grund ist Meryl Streep. Und der andere Amy Adams. Wenn die mitspielen, kann man eigentlich nichts falsch machen, zwei herausragende Größen ihrer Zunft (und auf Amy Adams habe ich zudem einen kleinen Crush, also, Amy, falls du meinen Blog lesen solltest: Darf ich dich zum Essen einladen?) Und schon wären wir beim Film selbst, denn in diesem geht es um kulinarische Kostbarkeiten, deren Zubereitungen und wie sie ein Leben (oder zwei) ändern können. Denn Julia Child (Meryl Streep) ist eine gelangweilte Amerikanerin in Paris, die als Zeitvertreib das Kochen für sich entdeckt, und gegen alle Widerstände und nur getragen vom Glauben an sich selbst und der Unterstützung ihres liebevollen Ehemanns (wunderbar warmherzig: Stanley Tucci) zu einer erfolgreichen Kochbuch-Autorin wird. Und Julie Powell (Amy Adams) ist eine etwas frustrierte Callcenter-Mitarbeiterin, die an ihrem Vorhaben, einen Roman zu schreiben, gescheitert ist, irgendwann aber die Idee hat, alle Rezepte aus Julia Childs Kochbuch innerhalb eines Jahres nachzukochen und darüber zu bloggen. So finden beide Frauen zu sich selbst. „Julie & Julia“ ist ein wirklich netter, leichtfüßiger Film, der den komödiantischen Anteil nicht übertreibt und das Drama nur subtil mitschwingen lässt. Eine ausgewogene Sache also, nicht unbedingt spektakulär, aber kurzweilig anzusehen. Ein Film, den man an einem verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch gerne mal einlegen kann. Allerdings sollte das Telefon für die Bestellung beim Lieferservice griffbereit liegen, denn der Film macht tatsächlich Hunger. Und wenn es dann beim Abspann nicht gleich klingelt und keine dampfende Köstlichkeit in die Wohnung gebracht wird, schlägt sich das durchaus negativ aufs Gemüt. Man lädt den Ärger dann vielleicht sogar noch beim Film ab mit einer schlechten Bewertung – und das hat er sicher nicht verdient.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 67 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Greatest Showman (2017)

Regie: Michael Gracey
Original-Titel: The Greatest Showman
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Musical, Biopic, Drama
IMDB-Link: The Greatest Showman


Hollywood liebt Geschichten über das Showbusiness. Und wenn diese auch noch in Form eines Musicals erzählt werden, haben Produzenten feuchte Augen vor Freude. „The Greatest Showman“, der lose auf der Biographie von P.T. Barnum, einem Pionier des Zirkus, basiert, war auch ein großer Erfolg. Hugh Jackman darf mal wieder singen (und das tut er ja sehr gerne), Zac Efron darf zeigen, dass er nicht nur gelangweilt aussehen kann, Michelle Williams darf hingegen ausnahmsweise mal gelangweilt sein (und mit Handkuss den wohl beträchtlichen Scheck für ihre Nebenrolle, in der sie hoffnungslos unterfordert ist, einstreifen), und die Sängerin Keala Settle singt mit „This Is Me“ eine der großen Hymnen der vergangenen Filmjahre. Auch ist die Geschichte des Zirkus der Außenseiter unterhaltsam erzählt, und die Showeinlagen wissen durchaus zu überzeugen. So weit, so gut. Allerdings kümmert sich der Film nicht um historische Exaktheit, sondern trampelt sogar mit großen Elefantenfüßen (und das ist wortwörtlich gemeint) auf den historischen Begebenheiten herum. Das ist wahnsinnig schade und unnötig, denn so verkommt der Film zu einer Feelgood-Kitsch-Orgie, das viele ernste und gut gemeinte Themen mit einem Zuckerguss überstreut, der eine eingehendere Beschäftigung fast unmöglich macht. Es fehlen die leisen Zwischentöne. Für einen unterhaltsamen Filmabend reicht es allemal – dafür sorgen allein schon die Schauwerte des Films – aber richtig berühren konnte mich „The Greatest Showman“ nur selten, da er nur zu offensichtlich darauf abzielt, auf die Tränendrüsen zu drücken. Wer dafür empfänglich ist (und das ist völlig wertfrei gemeint), wird seine große Freude an diesem handwerklich gut gemachten und von den Darstellern mit viel Enthusiasmus gespieltem Film haben. Wer es allerdings etwas subtiler mag, wird wohl erschlagen vom Bombast.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 44 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)

 


5,5
von 10 Kürbissen

Mary Shelley (2017)

Regie: Haifaa Al Mansour
Original-Titel: Mary Shelley
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Drama, Liebesfilm, Historienfilm
IMDB-Link: Mary Shelley


Es hat eine Weile gedauert, bis dieser Streifen den Weg in unsere Lichtspielhäuser fand. Im September 2017 feierte „Mary Shelley“ von Haifaa Al Mansour in Toronto seine Premiere, im April 2018 lief der Film in Frankreich an, im Mai in den USA und nun, Ende Dezember, hat auch das deutschsprachige Publikum die Chance, der Entstehung eines Monsters beizuwohnen. Das Monster ist in diesem Fall die Liebesbeziehung zwischen Mary Godwin und Percy Shelley, deren emotionale Achterbahnfahrt schließlich in „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ mündet, vielleicht der beste und humanstischste Schauerroman, der jemals geschrieben wurde. Bis allerdings die Muse die 18jährige Mary (sehr bemüht verkörpert von Elle Fanning) packt, dauert es fast zwei Stunden. Denn im Grunde hat der Film wenig Interesse für den berühmten Roman, sondern fokussiert auf die Geschichte der späteren Mary Shelley, die in wilder Ehe gemeinsam mit ihrer Stiefschwester Claire Clairmont (Bel Powley) mit dem Dichter, Lebemann, Atheisten und rücksichtslosen Arschloch Percy Shelley (Douglas Booth, zu schön, um glaubhaft zu sein) zusammenlebt und versucht, an seiner Seite nicht komplett unterzugehen. In einem verregneten Sommer in Genf bei Lord Byron (Tom Sturridge) gehen schließlich die Wogen hoch, und ein Monster wird geboren. „Mary Shelley“ ist ein sehr bemühter Kostümfilm mit feministischer Agenda. Mary ist eine Suchende, die sich von gesellschaftlichen Konventionen nicht vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Der Film hat allerdings ein gewaltiges Problem: Die Liebesgeschichte wird auf Rosamunde Pilcher-Niveau erzählt. Die Figuren, ihre Emotionen und Reaktionen, sind hoffnungslos überzeichnet, die Psychologie und damit die Glaubhaftigkeit leidet sehr darunter. Vor allem Douglas Booth ist überfordert, sein Percy Shelley gerät zur Witzfigur. Der Rest des Casts macht seine Sache gut, kann aber gegen diese schmalzige Inszenierung auch nicht viel ausrichten. Insofern: Wenn der Film am 14. Februar noch laufen sollte und ihr euer Valentinstag-Date klar gemacht habt, dann wäre dieser Anflug von Herzschmerz wahrscheinlich gerade passend. Ein guter Film ist „Mary Shelley“ trotz großem Potential allerdings nicht geworden.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Madame Beudets sonniges Lächeln (1923)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La souriante Madame Beudet
Erscheinungsjahr: 1923
Genre: Drama, Kurzfilm
IMDB-Link: La souriante Madame Beudet


Nach der Sichtung meiner ersten beiden Filme von Germaine Dulac hege ich nun den größten Wunsch, alles von ihr zu sehen – jedenfalls alles, was heute noch erhalten ist. Nach „Die Zigarette“ nun also „Madame Beudets sonniges Lächeln“ (Alternativtitel: „Das Lächeln der Madame Beudet“). Und wenn mich „Die Zigarette“ schon sehr angesprochen hat, so begeistert mich nun die „Madame Beudet“. Schonungsloser und deutlicher ist eine eheliche Depression selten gezeigt worden. „Madame Beudets sonniges Lächeln“ hat gar nicht viel Handlung, sondern konzentriert sich auf die Psychologie der Hauptfigur, ihre Tagträumereien, in denen sie dem ehelichen Gefängnis, verkörpert von ihrem völlig gleichgültigen, empathielosen und gefühllosen Trampel von Ehemann, zu entkommen versucht. Mal träumt sie sich in eine Romanze mit einem athletischen Tennisspieler, mal träumt sie davon, ihren Ehemann zu beseitigen, hat aber Angst vor den Konsequenzen (Zuchthaus, Schande). Dennoch steckt sie eines Tages eine Patrone in die Kammer des Revolvers ihres Mannes – mit dem er sie regelmäßig zu erschrecken versucht, indem er sich die Waffe an die Stirn hält und so tut, als würde er Selbstmord begehen. Doch wird es ihr gelingen, ihrem trostlosen Leben auf diese Weise zu entfliehen, auch wenn das bedeuten würde, ein Gefängnis gegen ein anderes einzutauschen? „Madame Beudets sonniges Lächeln“ ist ein frühes Avantgarde-Kino, das sich sehen lassen kann. Mit Zeitlupeneinstellungen, Überblendungen, Beleuchtungseffekten, Weichzeichnern und vor allem Germaine Dermoz‘ Mimik als depressive Ehefrau wird ein ganzes Seelenleben offen gelegt. Besser kann man dies mit der heutigen Technik auch nicht hinbekommen. Mein Rat (nicht „Mein Rad“): Die 39 Minuten, die der Film dauert, sollte jeder, der sich für Filme und Filmgeschichte interessiert, investieren, es lohnt sich!


9,0
von 10 Kürbissen