Autor: Filmkürbis

Ein Königreich für ein Lama (2000)

Regie: Mark Dindal
Original-Titel: The Emperor’s New Groove
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Animation
IMDB-Link: The Emperor’s New Groove


Unter den Disney-Klassikern der letzten Jahrzehnte wird dieser Film gerne mal übersehen bzw. unter Wert geschlagen. „Ein Königreich für ein Lama“ aus dem Jahr 2000 beendet quasi eine Reihe bekannter und erfolgreicher Disney-Filme aus den 90ern mit Klassikern wie „Die Schöne und das Biest“ (1991), Aladdin (1992), „Der König der Löwen“ (1994), „Pocahontas“ (1995), „Hercules“ (1997) oder Mulan (1998) und läutet die Ära der 0er-Jahre ein, in der das Mäusestudio kurzfristig mal (von gelegentlichen Ausnahmen wie „Lilo & Stitch“ aus dem Jahr 2002 abgesehen) sein Mojo verloren hat. Man mag geneigt sein, „Ein Königreich für ein Lama“ diesen eher erfolglosen und auch qualitativ nicht berauschenden 0er-Jahren zuzuschlagen, doch damit täte man dem Film Unrecht an. Denn die Geschichte um einen narzisstischen und größenwahnsinnigen südamerikanischen Herrscher, der in Folge einer Intrige als Lama Läuterung erfährt, ist herrlich überdreht, saukomisch und bietet den Kleinen auch noch eine gute Botschaft. In nur 75 kurzweiligen Minuten wird eine komplette Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft erzählt, die trotz hoher Gag-Dichte noch genügend Raum für eine nachvollziehbare Weiterentwicklung der Charaktere lässt. Da soll mal einer sagen, gute Filme müssten mindestens zwei Stunden lang sein, um alles Relevante unterbringen zu können. In der Kürze liegt die Würze! Mein Fazit: Lieber mal den x-ten Rewatch von „Die Schöne und das Biest“ (teils doch arg kitschig und langatmig) hinten anstellen und stattdessen dem Lama die erneute Chance geben, die es verdient hat.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2000 – Walt Disney Productions, Quelle http://www.imdb.com)

Eve und der letzte Gentleman (1999)

Regie: Hugh Wilson
Original-Titel: Blast from the Past
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Rom-Com, Liebesfilm
IMDB-Link: Blast from the Past


Ich bin halt ein alter Romantiker. Wenn ein junger Herr mit guten Manieren auftaucht, sagen wir mal, von Brendan Fraser gespielt, und er öffnet einer junger Dame wie Alicia Silverstone galant die Türen, dann freue ich mich einfach darüber, dass Werte wie Respekt und Anstand hochgehalten werden. Auch beim Porno warte ich immer darauf, dass am Ende geheiratet wird, aber ich sage euch: Dieses Genre ist sowas von enttäuschend! Also lieber bei der Rom-Com bleiben, und in diesem Genre ist „Eve und der letzte Gentleman“ ein durchaus gelungener Beitrag, der vielleicht ein wenig Patina angesetzt hat in den letzten 23 Jahren, aber hey, wer nicht? Allein die Story ist schon entzückend: Als ein Jet nach einem Unfall auf sein Haus knallt, geht der leicht neurotische Wissenschaftler Calvin Webber (Christopher Walken) mit seiner Ehefrau (Sissy Spacek) in den Luftschutzkeller, und weil er vom Jet nichts weiß, sondern glaubt, dass die Sowjets eine Atombombe über L.A. gezündet hätten, bleibt das Ehepaar 35 Jahre lang abgeschottet von der Außenwelt da unten. Als ihr Sohn Adam (eben Brendan Fraser) sozusagen das Licht der Welt erblickt, da er losgeschickt wird, um neue Vorräte zu kaufen, und auf die kesse Eve (Alicia Silverstone) stößt, wirkt er nicht nur wie aus der Zeit gefallen, sondern ist dies wortwörtlich. Wie gesagt, fast ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Films wirken manche Gags schon etwas angestaubt, und doch hat der Film seine Momente und kann auch heute noch gut unterhalten, was auch an der gut aufgelegten Besetzung liegt. Gute Screwball-Komödien sterben eben nie aus.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1999 New Line Cinema, Quelle http://www.imdb.com)

Der denkwürdige Fall des Mr Poe (2022)

Regie: Scott Cooper
Original-Titel: The Pale Blue Eye
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi, Historienfilm
IMDB-Link: The Pale Blue Eye


Harry Melling hat es geschafft. Aus dem nervigen und übergewichtigen Dudley Dursley ist Edgar Allen Poe geworden, und zwar in einer sehr überzeugenden Art und Weise. Dass er dennoch nur die zweite Geige in „The Pale Blue Eye“ (auf Deutsch sperrig „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“) spielen darf, liegt an der ersten Geige. Wenn Christian Bale aufgeigt, haben alle anderen Pause. Bale spielt mit viel Gravitas den Privatermittler Augustus Landor, der nach einem seltsamen Vorfall in einer Militärakademie zu Hilfe gezogen wird: Ein Kadett wurde erhängt aufgefunden, und kurze Zeit später schnitt man dem Leichnam das Herz heraus. Bei seinen Ermittlungen stößt Landor auf den jungen Schriftsteller und Kadetten Edgar Allen Poe. Logisch, dass in weiterer Folge Treffen auf dem Friedhof stattfinden und sich auch mal ein Rabe dekorativ niederlässt. So viel Foreshadowing muss sein. Und doch bleibt der Film auf Landor fokussiert, der sich in eisiger Winterlandschaft einen Reim auf die Ereignisse zu machen versucht. Leider ist das höchst unspannend, um nicht zu sagen: schlichtweg fad. Da hilft es auch nicht, wenn in jeder kleinsten Nebenrolle echte Kapazunder vom Format eines Timothy Spall, eines Toby Jones, einer Gillian Anderson, eines Robert Duvall, einer Charlotte Gainsbourg zu sehen sind – ein fader Film bleibt ein fader Film. Lediglich der Twist am Ende reißt den im Fauteuil schlummernden Zuseher mal wieder kurz aus den Träumen, und man fragt sich: Hätte man nicht ökonomischer dorthin gelangen können?


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022/SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022 – © 2022 Netflix, Inc, Quelle http://www.imdb.com)

Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (2013)

Regie: Chris Buck und Jennifer Lee
Original-Titel: Frozen
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Animation
IMDB-Link: Frozen


Fassen wir mal zusammen: Schwester 1 weiß ihre Emotionen nicht zu kontrollieren und läuft daher bei der ersten Gelegenheit weg, um in ewiger Einsamkeit davon zu singen, loslassen zu können. Schwester 2 schmeißt sich nicht nur dem ersten Typen an den Hals, der nicht aus ihrem Dorf stammt, sondern verlobt sich auch noch gleich am ersten Tag mit ihm, nur um ihn dann bei nächster Gelegenheit für den Typen zu verlassen, den sie drei Tage lang kennt. Nein, besonders zurechnungsfähig sind die beiden Schwestern Elsa und Anna in Disneys „Frozen“ wirklich nicht. Aber vielleicht macht ja genau das den Charme des Films aus. Wir sehen hier verhaltensauffälligen Juvenilen (und imbezillen Schneemännern, die vom Sommer fantasieren) zu, die trotz aller fragwürdiger Entscheidungen dann doch wieder zueinander finden und die Werte der Familie hochhalten. So etwas gefällt der allmächtigen Maus, die mit ihren Werten für den Film geradestehen muss. Und dem Kürbis gefällt, dass es gar nicht mal den Superschurken braucht, sondern der Film davon zeugt, dass die schrecklichsten Konflikte immer noch jene sind, die in uns selbst toben. Wer beim ersten Anzeichen von Nervosität eine neue Eiszeit ausbrechen lässt, benötigt echt keinen weiteren Feind mehr. Ach ja: Reindeers are better than people.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Disney/Disney – © 2013 Disney Enterprises, Inc. All rights reserved. Quelle http://www.imdb.com)

Absturz: Der Fall gegen Boeing (2022)

Regie: Rory Kennedy
Original-Titel: Downfall: The Case Against Boeing
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Downfall: The Case Against Boeing


Wenn Netflix neue Dokus braucht, rufen sie wohl bei Rory Kennedy an. Die umtriebige Dokumentarfilmerin ist den großen Geschichten des Versagens auf der Spur, jener Art von Versagen, das tragische Konsequenzen zeitigt. Es ist noch nicht so lange her, da sind zwei brandneue Boeing 737 MAX kurz nach dem Start vom Himmel gefallen. In einer Zeit, in der Flugreisen so sicher wie noch nie zuvor scheinen, ein schwerer Schlag gegen den US-Konzern, der sich immer besonderer Qualitäts- und Sicherheitsstandards gerühmt hat. Wie konnte das passieren? Allmählich zeigt sich, dass – wie hinter vielen Tragödien der jüngeren Geschichte – Profitgier, Fehleinschätzungen und mangelnde Kommunikation die Dreifaltigkeit des Desasters ergeben. Gleichzeitig beleuchtet Rory Kennedy die Geschichte von Boeing – von den Jahrzehnten des Erfolgs über die Herausforderungen, die sich durch den immer mächtiger werdenden Konkurrenten Airbus ergeben haben. An dieser Stelle sei gesagt, dass man für Dokumentationen über komplexe Vorgänge und Strukturen zwar immer mit Vereinfachungen arbeiten muss, es sich Kennedy aber vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu einfach gemacht hat. Die Erzählung in „Absturz: Der Fall gegen Boeing“ lässt den Schluss zu, dass angesichts des Konkurrenzdrucks die Führungsetage bei Boeing einfach irgendwann beschlossen hätte: „Pfeif auf die Qualität. Billig muss es sein, und ob der Flieger vom Himmel fällt, ist egal.“ Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Simplifikation den wichtigsten Entscheidungen eines Konzerns mit über 140.000 Mitarbeiter:innen gerecht wird. Keine Frage, die Geschichte der beiden Boeing-Abstürze ist eine Geschichte des Versagens. Doch gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, dass mehr und vielfältigere Stimmen in der Doku zu hören gewesen wären (vielleicht auch von Mitarbeiter:innen, die direkt am Bau der Flugzeuge beteiligt waren), um das Bild zu schärfen, auch wenn es dadurch komplexer wird.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Weißes Rauschen (2022)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: White Noise
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: White Noise


Noah Baumbach hat eine sehr eigene, durchaus lakonische Sicht auf die Dinge. Unter seiner Regie sind einige bemerkenswerte Filme wie Marriage Story oder „Frances Ha“ entstanden, letzterer mit seiner nunmehrigen Lebensgefährtin Greta Gerwig in der Hauptrolle, die wiederum ihrerseits sehr umtriebig ist (auf ihre Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen freue ich mich schon besonders). Das neueste Werk, „Weißes Rauschen“, ist mit Sicherheit Baumbachs ambitioniertestes. Die Millionen, die Netflix in den Film gepumpt hat, werden in einen überragenden Cast (Adam Driver, Don Cheadle, natürlich Greta Gerwig und in einer Nebenrolle am Schluss Lars Eidinger) und überzeugende Spezialeffekte investiert, und doch bleibt der Film zuallererst ein typischer Baumbach-Film. Es passiert nicht viel, Menschen reden aneinander vorbei und treffen sich in Supermärkten. Für die literarische Vorlage hat Don DeLillo gesorgt, doch ist „Weißes Rauschen“ mehr Baumbach als DeLillo. Adam Driver spielt ein kurioses Mash-Up aus Woody Allen und Jeff Goldblum (die Dialogzeilen und die verhuschten Blicke scheinen von Woody Allen zu stammen, der körperliche Stoizismus, der die Dialoge begleitet, von Jeff Goldblum), und Greta Gerwig ist mit 80er-Jahre-Locken kaum wiederzuerkennen. Als Oberhäupter einer Patchwork-Familie müssen sie sich mit den Folgen eines Chemie-Unfalls auseinandersetzen, der das Familienleben auf eine harte Belastungsprobe stellt. Die scheinbare Nahtod-Erfahrung legt Risse frei, die sich unterhalb der Oberfläche durch die Familie ziehen. Das alles wird aber dermaßen nüchtern und beiläufig erzählt, dass es schwer ist, eine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Schlimmer noch: Abgesehen von ein paar wirklich gelungenen Szenen plätschert der Film dermaßen ereignisarm vor sich hin, dass man Gefahr läuft, auf dem Sofa friedlich einzubüseln. „Weißes Rauschen“ macht es dem Zuseher nicht leicht. Wenn der Abspann mit einer witzigen Tanzeinlage der gefühlte Höhepunkt des ganzen Films ist, dann läuft in den zwei Stunden davor etwas grundlegend falsch. Es gibt zugänglichere Baumbach-Filme.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von WILSON WEBB/NETFLIX © 2022/WILSON WEBB / NETFLIX ©2022 – © 2022 NETFLIX, Quelle http://www.imdb.com)

Master & Commander – Bis ans Ende der Welt (2003)

Regie: Peter Weir
Original-Titel: Master and Commander: The Far Side of the World
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Historienfilm, Kriegsfilm, Drama, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Master and Commander: The Far Side of the World


Ein in meinen Augen unterschätztes Kleinod ist Peter Weirs Abenteuerfilm „Master & Commander – Bis ans Ende der Welt“. Vielleicht liegt es daran, dass eine Verfolgungsjagd via Schiff halt weniger spektakulär und rasant ausfällt als mit aufgemotzten Sportwagen. Auf „Verfolgen Sie dieses Schiff!“ folgt halt erst einmal „Holt den Anker ein!“ – „Setzt die Segel!“ – „Zwölf Grad Backbord!“ Und so weiter. Bis man den verfolgten Kahn eingeholt hat, ist eine Galapagos-Schildkröte locker mal um die ganze Insel gelaufen. Apropos Galapagos: Die spielen hier eine nicht minder wichtige Rolle als Russell Crowe und Paul Bettany. Denn sie kommen den gegensätzlichen Plänen des Kapitäns des Kriegsschiffs HMS Surprise und dessen Freund und Schiffsarzt in die Quere. Der Schiffsarzt möchte verständlicherweise Inselurlaub machen, um unerforschte Arten zu entdecken. Der grimmige Kapitän aber hat den Auftrag, das französische Kriegsschiff Acheron zu kapern. Und weil es immer so ist, dass der Ober den Unter sticht, kann sich Bettany seine neuen Arten wortwörtlich aufzeichnen. Aber er ist ohnehin bald damit beschäftigt, von Kanonenkugeln zerfetzte Leiber wieder zusammenzuflicken. „Master & Commander“ ist ein ruhiger, handlungsarmer, aber dafür umso intensiverer Kriegsfilm. Gezeigt wird ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem britischen und dem französischen Schiff, wobei nicht immer klar ist, wer gerade die Katze und wer die Maus ist. Russell Crowe und Paul Bettany als befreundete Offiziere haben eine gute Chemie. Dazu kommt, dass das raue Leben an See so dreckig und ungeschönt gezeigt wird, wie es nun mal war. Es ist schade, dass Peter Weirs Film aus dem Jahr 2003 das einzige Abenteuer von Kapitän Aubrey und Schiffsarzt Dr. Maturin blieb. Die literarischen Vorlagen dazu hätten wohl noch so viel mehr hergegeben.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2003 Twentieth Century Fox Film Corporation and Universal Studios and Miramax Film Corp. All rights reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Clueless – Was sonst! (1995)

Regie: Amy Heckerling
Original-Titel: Clueless
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Komödie, Satire, Liebesfilm
IMDB-Link: Clueless


Es gibt Filme, die zünden nicht beim ersten Ansehen, sondern es braucht ein paar Durchläufe. Fand ich „Clueless“ als Teenager noch mäßig unterhaltsam, kann ich diese Perle erst jetzt im zarten Alter von 40 Jahren so richtig schätzen. Aber gut, als Teenager ist man sowieso erst mal anti, egal, worum es geht. Außer man ist so reich und gut behütet wie Cher (Alicia Silverstone), dann ist man auch cool ohne aufmüpfige Attitüde. Das Geldbörserl richtet es. Und so kann die liebe Cher den ganzen Tag lang mit ihrer besten Freundin Dionne shoppen oder den Neuzugang der Schule (die viel zu früh verstorbene Brittany Murphy) in die wichtigen Belange des Lebens einführen, nämlich die Frage, welches Shirt man mit welchem Rock kombiniert. Doch etwas nagt schon an der beliebten Cher: Während ihre Freundinnen schon in den Genuss sexueller Ekstase gekommen sind, ist sie selbst noch Jungfrau, Die Versuche, dies zu ändern, erweisen sich zunächst als wenig erfolgreich. Und auch ihr Irgendwie-Stiefbruder Josh (Paul Rudd, dieser Vampir, der im Jahr 2022 genauso aussieht wie 1995), der Sohn einer Frau, mit der Chers Vater kurz mal verheiratet war, trägt zu den dunklen Wolken an ihrem Himmel bei, weiß der smarte Weltverbesserer ihre tief liegenden Probleme nicht richtig zu würdigen. Auf den ersten Blick ist „Clueless – Was sonst!“ von Amy Heckerling eine überdrehte Teenager-Komödie über eine verzogene Göre. Tatsächlich ist der Film aber so viel mehr. Er ist saukomisch, temporeich erzählt und hat trotz aller Oberflächlichkeit sein Herz am rechten Fleck. Am Ende zählen halt nur die echten Gefühle, und die siegen immer über den Kommerz. Halleluja! Und jetzt mach‘ ich ’n Schuh.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1995 Paramount HE. All rights reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Plötzlich im letzten Sommer (1959)

Regie: Joseph L. Mankiewicz
Original-Titel: Suddenly, Last Summer
Erscheinungsjahr: 1959
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Suddenly, Last Summer


Katherine Hepburn konnte sogar ein Vogelnest auf dem Kopf tragen, und dennoch wirkte ihr Schauspiel graziös und messerscharf. Das ist Talent! Und dennoch spielt sie in „Plötzlich im letzten Sommer“ nach einem Stück von Tennessee Williams trotz erneuter Oscarnominierung nur die zweite Geige, denn die Primadonna des Thrillers, mit einem Golden Globe ausgezeichnet und ebenfalls für den Oscar nominiert, ist natürlich La Taylor, die schöne Elizabeth, die in der filmhistorischen Wahrnehmung so sehr mit ihrer späteren Rolle der Cleopatra verwachsen ist, dass man gerne vergisst, dass sie nicht nur unwahrscheinlich viel Lidstrich trug, sondern auch eine wirklich famose Schauspielerin war. Montgomery Clift als Chirurg, der emotional geschädigten Damen das Hirn lobotomiert, um sie zur Vernunft zu bringen (nein, es war nicht alles gut an der Goldenen Ära von Hollywood), hat zwar so viel Screentime wie sonst niemand, ist aber für die Geschichte irgendwie wurscht. Ein klassisches Indiana Jones-Schicksal also. Die Geschichte selbst: Die Witwe Violet Venable bittet den Arzt Dr. Cukrowicz zu Hilfe, da im letzten Sommer ihr geliebter Sohn Sebastian (Vorschlag für ein Trinkspiel: bei jeder Erwähnung des Namens einen Shot, und man ist hinüber, ehe Elizabeth Taylor das erste Mal auf der Leinwand aufgetaucht ist) auf einer Europareise mit seiner Cousine Catherine überraschend verstorben ist und Catherine selbst unter Amnesie leidet. Der Arzt soll doch bitte mal an ihren Frontallappen schnippeln. Der jedoch geht eigene, moderatere Wege und bringt so eine erschreckende Geschichte ins Licht. „Plötzlich im letzten Sommer“ ist großes Schauspielkino, ohne großes Kino zu sein. Denn dafür ist der Film einerseits etwas zu zäh geraten (man merkt ihm die Wurzeln als Bühnenstück an), andererseits zielt er am Ende zu sehr auf den Schockmoment ab, ohne diesen wirklich vorzubereiten. Aber das ist fast egal, wenn man zwei Meisterinnen, nämlich Hepburn und Taylor, bei ihrer Arbeit zusehen kann.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Meine Filme des Jahres 2022

Ganz ehrlich: 2022 war ein Scheißjahr. Wie das finsterste Mittelalter (eine weltweite Pandemie, Krieg in Europa, in den Häusern ist es kalt), nur mit besseren Hygienestandards. Wobei: Wenn ich mir in den Öffis so manche FFP2-Masken ansehe und die Kulturen, die darin entwickelt wurden, streiche ich den letzten Halbsatz lieber wieder. Fazit des Jahres: Es kann nur besser werden.

Meine Kinobesuche haben sich wie im Vorjahr in Grenzen gehalten. 34 zähle ich – ein großer Anteil entfällt wieder wie üblich auf die Viennale. Wie auch im Vorjahr finden sich auch dieses Jahr wieder einige Filme, die dieses Jahr neu auf Streaming-Plattformen wie Netflix oder Disney+ erschienen sind, auf meiner Jahresbestenliste. Für meine Auswahl der üblichen Top30-Filme bleiben auf diesem Wege 59 Neuerscheinungen übrig, die ich eben entweder in diesem Jahr neu im Kino gesehen habe oder die mit Erscheinungsjahr 2022 via Streaming veröffentlicht wurden. (Darunter befinden sich etliche Gurken, die eine gesonderte Erwähnung verdient hätten. Netflix, quo vadis?) Für die Statistiker unter euch: 9 von meinen Top30 Filmen wurden von Frauen gedreht, was immerhin eine bessere Quote als für die Gesamtliste aller gesehenen Filme bedeutet. Die ist nach wie vor ausbaufähig.

Aber nicht lange gefackelt – das sind meine 30 Filme des Jahres:

Platz 1: Licorice Pizza (von Paul Thomas Anderson) – 9,0 Kürbisse
Ich bin ja schon so ein großer Fan von Paul Thomas Andersons Filmen, aber die haben oft eine gewisse Schwere und Tragik an sich. „Licorice Pizza“ ist hingegen ein unglaublich charmanter, fast fluffiger Film über eine unwahrscheinliche Liebesbeziehung, die sich aber dennoch durch und durch echt anfühlt.

Platz 2: The Banshees of Inisherin (von Martin McDonagh) – 8,5 Kürbisse
Eine Meisterleistung von Colin Farrell und Brendan Gleeson, die Martin McDonaghs skurril-schwarzhumorigem Film zeigen, dass auch Freundschaften nicht ewig halten müssen. Dazu viel irisches Lokalkolorit und eine treffende Allegorie auf den Nordirland-Konflikt, den, so wie der Konflikt in diesem Film, keiner versteht.

Platz 3: The House (von Paloma Baeza, Emma de Swaef, Niki Lindroth von Bahr und Marc James Roels) – 8,0 Kürbisse
Ich habe ja ein Herz für Stop-Motion-Filme, und der Episodenfilm „The House“ ist nicht nur tricktechnisch äußerst gelungen mit einer ganz individuellen Optik, sondern unterhält auch mit kuriosen und schaurigen Geschichten, die auch nach Ausschalten des Fernsehers durch die eigene Fantasie noch lange weitergesponnen werden.

Platz 4: Bullet Train (von David Leitch) – 8,0 Kürbisse
Brad Pitt in einer herrlich humorvollen Rolle kämpft sich durch einen ganzen Zug, ohne wirklich zu verstehen, was da überhaupt abgeht. David Leitchs „Bullet Train“ ist einfach nur komplett überdrehte, teils saukomische Actionunterhaltung, der nicht mehr sein will, als sie ist, aber gerade dadurch so gut gelungen ist.

Platz 5: The Whale (von Darren Aronofsky) – 8,0 Kürbisse
Das große Comeback von Brendan Fraser, der nie besser war als in der Rolle des schwer übergewichtigen Creative Writing-Lehrers, der sich den großen Traumata seiner Vergangenheit stellen muss. Ein berührender, mitreißender Film, der lange nach dem Abspann nachhallt.

Platz 6: Die Königin des Nordens (von Charlotte Sieling) – 8,0 Kürbisse
Einer der ersten Filme, die ich in diesem Jahr gesehen habe, und ich wusste gleich: Der wird am Ende des Jahres wieder unter den Top10 auftauchen. Charlotte Sieling zeichnet ein konzentriertes, spannend erzähltes und schauspielerisch überragend umgesetztes Portrait von Königin Margrethe von Dänemark, die die Länder des Nordens unter sich vereinte.

Platz 7: The Batman (von Matt Reeves) – 8,0 Kürbisse
Ja, Robert Pattinson ist ein großartiger Batman. Wer davor gezweifelt hat, wurde durch Matt Reeves düstere Neuverfilmung der Fledermaus mit Technik-Fetisch eines Besseren belehrt. „The Batman“ erfindet das Genre nicht neu, bringt aber einen düsteren Goth-Schick ein, der dem finsteren Helden gut steht.

Platz 8: Blond (von Andrew Dominik) – 8,0 Kürbisse
Vielleicht jener Film in meinen Top10, über den es sich am kontroversesten diskutieren lässt, aber ich persönlich fand „Blond“ mit Ana de Armas in der Rolle eine völlig kaputten Marilyn Monroe erfrischend anders und faszinierend vielschichtig – wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet, ein Bio-Pic sehen zu wollen. Denn das ist dieser Film nicht.

Platz 9: Close (von Lukas Dhont) – 8,0 Kürbisse
Ein Film, den man in stabiler Gemütslage sehen sollte, denn leichte Kost ist der Film von Lukas Dhont über eine enge Jungenfreundschaft, die auf tragische Weise nach einer von Mitschülern geäußerten Vermutung, die beiden Jungs wären homosexuell, zu Ende geht.

Platz 10: Triangle of Sadness (von Ruben Östlund) – 8,0 Kürbisse
Ruben Östlund ist nicht für Subtilität bekannt. Sein „Triangle of Sadness“ trägt demnach vielleicht auch manchmal zu dick auf, und über die Laufzeit lässt sich streiten, und doch hatte ich bei dieser bitterbösen, schwarzhumorigen Komödie über das neue Mischen der Karten zwischen Arm und Reich nach einem unerwarteten Ereignis mein Vergnügen.

Platz 11: Top Gun: Maverick (von Joseph Kosinski) – 7,5 Kürbisse

Platz 12: She Said (von Maria Schrader) – 7,5 Kürbisse

Platz 13: Tori and Lokita (von Jean-Pierre und Luc Dardenne) – 7,5 Kürbisse

Platz 14: Sonne (von Kurdwin Ayub) – 7,5 Kürbisse

Platz 15: Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter (von Richard Linklater) – 7,5 Kürbisse

Platz 16: Das Licht, aus dem die Träume sind (von Pan Nalin) – 7,5 Kürbisse

Platz 17: Dreizehn Leben (von Ron Howard) – 7,5 Kürbisse

Platz 18: Blaze (von Del Kathryn Barton) – 7,5 Kürbisse

Platz 19: Macbeth (von Joel Coen) – 7,5 Kürbisse

Platz 20: Im Westen nichts Neues (von Edward Berger) – 7,5 Kürbisse

Platz 21: Broker (von Hirokazu Koreeda) – 7,5 Kürbisse

Platz 22: Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse (von David Yates) – 7,5 Kürbisse

Platz 23: Corsage (von Marie Kreutzer) – 7,0 Kürbisse

Platz 24: Spencer (von Pablo Larraín) – 7,0 Kürbisse

Platz 25: Unicorn Wars (von Alberto Vázquez) – 7,0 Kürbisse

Platz 26: Doctor Strange in the Multiverse of Madness (von Sam Raimi) – 7,0 Kürbisse

Platz 27: Other People’s Children (von Rebecca Zlotowski) – 7,0 Kürbisse

Platz 28: Nightmare Alley (von Guillermo del Toro) – 7,0 Kürbisse

Platz 29: Salaryman (von Allegra Pacheco) – 7,0 Kürbisse

Platz 30: Stars at Noon (von Claire Denis) – 7,0 Kürbisse

Das war’s für dieses Jahr. Ich wünsche euch einen guten Rutsch in ein hoffentlich glückliches, erfolgreiches und vor allem gesundes Jahr 2023! Und wie immer: Mitdiskutieren über die Filme ist stets erwünscht!