Drama

Alpen (2011)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: Alpeis
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Alpeis


Giorgos Lanthimos: der vielleicht größte Spinner im aktuellen europäischen Kino. Mit einfachen filmischen Mitteln gelingt es ihm regelmäßig, bekannte Alltagssituationen ins Rätselhafte zu drehen und die Sehnsüchte und Ängste der Menschen auf eine pervertierte Weise sichtbar zu machen – siehe beispielsweise The Lobster. „Alpen“ ist ein früheres Werk und steht zeitlich zwischen „Dogtooth“, mit dem er bekannt geworden ist, und eben „The Lobster“. Qualitativ wirkt dieser Film aber ein wenig wie eine Verschnaufpause zwischen zwei Meisterwerken. Auch hier ist die Prämisse wieder wahnsinnig interessant: Vier namenlose Griechinnen und Griechen (ein Sanitäter, eine Krankenschwester, eine Bodenturnerin und ein Trainer) schließen sich zusammen, um einen speziellen Service anzubieten. Sie nehmen für eine Weile für jeweils zwei, drei Stunden den Platz von Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen ein, um denen bei deren Trauerbewältigung zu helfen. Und natürlich birgt dieses tiefe Einsteigen in andere Leben auch Risiken mit sich. Allerdings ist „Alpen“ in der Ausführung weniger konsequent als es Lanthimos‘ andere Filme sind. „Alpen“ ist trotz des Themas weniger drastisch, weniger aufwühlend, sondern eher subtil und stellenweise sehr steril. Die Sterilität ist zwar ein Stilmittel in eigentlich allen seinen Filmen, sie sorgt für eine Kontrastfläche, auf der die Ungeheuerlichkeit und Absurdität des Inhalts noch besser zur Geltung kommt, aber in „Alpen“ fällt die Absurdität ein bisschen zu gering aus, und so fällt auch der Spannungsbogen rasch ab. Dennoch ein sehenswerter Film, der sich danach für wunderbare Diskussionen im Bekanntenkreis eignet. Das haben eigentlich alle Lanthimos-Filme an sich.


6,0
von 10 Kürbissen

Zwischen Welten (2014)

Regie: Feo Aladag
Original-Titel: Zwischen Welten
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Zwischen Welten


Eine Erfahrung des vergangenen Wochenendes: Wenn man einen sitzen hat, sollte die Komplexität der Handlung des Films, den man sich ansehen möchte, proportional abnehmen mit der Zunahme der Promille. Einfach mal so gesagt. Den meisten Lesern wird das nicht völlig neu sein, denke ich, aber als Spätberufener in Sachen Alkoholkonsum habe ich hier noch eine Lernkurve hinzulegen, und weil ich ja über jeden Scheiß schreibe, teile ich diese Erfahrung nun mit diesem erlauchten Kreis hier. So gesehen war „Zwischen Welten“ der österreichischen Regisseurin Feo Aladag keine schlechte Wahl. Es geht um den deutschen Soldaten Jesper, der sich als Befehlshaber in ein afghanisches Kaff stationieren lässt und dort in Zusammenarbeit mit der örtlichen Miliz für Ruhe sorgen soll. Denn immer wieder wird das Dorf von den Taliban angegriffen. Mit Hilfe des Dolmetschers Tarik versucht Jesper, die strikte Ordnung des deutschen Heeres zusammenzuführen mit den örtlichen Begebenheiten, in denen andere Werte als bloßer Befehlsgehorsam zählen. Tarik selbst hat auch seine Probleme, denn er und seine Schwester werden von den Taliban bedroht. Am Ende läuft die Sache auf eine Gewissensfrage rund um Moral, Gehorsam und die Unerbittlichkeit des militärischen Apparates hinaus. „Zwischen Welten“ ist ein ruhiger und durchaus interessanter Film, der für einen Anti-Kriegsfilm mit überraschend wenigen Kampfszenen auskommt. Der Fokus liegt hierbei eher auf dem Zusammenspiel der Kulturen im Camp, das nicht immer einfach ist. Ein wenig mehr Spannung hätte dem Film dennoch gut getan. Auch die Hintergründe werden nicht immer klar. Warum beispielsweise der Dolmetscher unbedingt für die Deutschen arbeiten möchte, auch wenn sein Leben und das seiner Schwester bedroht wird, und warum die Taliban so einen Pick auf ihn haben, wurde entweder nicht wirklich erklärt oder war mir aufgrund des doch nicht ganz nüchternen Zustands bei der Sichtung und der damit einhergehenden Abnahme der Geistesschärfe ein bisschen zu hoch. Wer weiß.  Was definitiv nicht erklärt und auch nicht angedeutet wurde, ist die Motivation von Jesper, sich dieses gefährliche Kommando anzutun. Dadurch bleiben die Figuren, allen voran eben Jesper, leider etwas oberflächlich. Dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann – gerne auch nüchtern.


6,0
von 10 Kürbissen

The Virgin Suicides (1999)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Virgin Suicides
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: The Virgin Suicides


Sofia Coppolas Output ist qualitativ durchaus schwankend. „Lost in Translation“ ist ein Meisterwerk und gehört für mich wohl zu den besten 30 Filmen, die ich je gesehen habe. Am anderen Ende des Spektrums stehen solche Sachen wie „The Bling Ring“ – Filme, die ihre Intention allzu plakativ in die Welt schreien und dabei vergessen, interessant zu sein. „The Virgin Suicides“ gehört zu den gelungenen Coppola-Filmen. Anders als „Lost in Translation“ ist auch „The Virgin Suicides“ nicht subtil erzählt, aber hier funktioniert das Arrangement sehr gut. Es geht um fünf Schwestern, die von ihren bürgerlichen Eltern in den 70ern allzu hohe Moralvorstellungen übergestülpt bekommen und daran und an der dadurch verursachten Isolation zugrunde gehen. Beobachtet werden sie von etwa gleichaltrigen Burschen, die Jahre später aus deren (unvollständiger) Perspektive die Geschichte der Schwestern erzählen. Der Fokus liegt hier ganz klar auf der kleinbürgerlichen Scheinmoral und den gefährlichen Resultaten allzu strenger Repressalien. Irgendwann explodiert der Druckkochtopf eben, wenn man nicht aufpasst und der Druck nicht entweichen kann. Interessant ist, dass „The Virgin Suicides“ trotz des doch sehr düsteren Themas leichtfüßig und durchaus mit Humor erzählt wird. Und darin liegt die große Stärke des Films. Er überdramatisiert die ohnehin dramatischen Ereignisse nicht. Gerade dadurch entwickelt der letzte Teil des Films dann eine besondere Wucht. Was man vielleicht kritisieren kann, ist die Tatsache, dass mit Ausnahme von Lux (Kirsten Dunst) keine weitere Figur der Geschichte wirklich viel Profil erhält. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Coppola jede Menge Personal über die Leinwand scheuchen musste – die fünf Schwestern, deren Eltern, die fünf Freunde, dazu weitere Nebenfiguren – sodass für eine schärfere Profilierung vieler Charaktere einfach keine Zeit blieb. Aber als Ensemble-Film funktioniert „The Virgin Suicides“ ja trotzdem – also was soll’s?


7,5
von 10 Kürbissen

Macbeth (2015)

Regie: Justin Kurzel
Original-Titel: Macbeth
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: Macbeth


Shakespeare war schon kein Übler, das muss man sagen. 400 Jahre nach seinem Wirken beschäftigt man sich immer noch mit seinen Dramen und Komödien, bringt diese in mal gelungenen, mal weniger gelungenen Adaptionen auf die Bühnen und ins Kino. 2015 war Justin Kurzel dran, sich eines klassischen Shakespeare-Stoffes auf seine eigene filmische Erzählweise zu nähern. „Macbeth“ spielt im Schottland des 11. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des ehrgeizigen Macbeth (Michael Fassbender, wie immer grandios) und seiner Lady (Marion Cotillard), der durch Königsmord selbst zum König wird und dann zum Tyrannen. Keine wirkliche Feelgood-Geschichte also, die atmosphärisch von nebelgeschwängerten Highland-Bildern und einem düsteren Soundtrack noch einmal in die schwarzen Abgründe der Seele der Hauptfigur hinuntergezogen wird. Vorgetragen werden lupenreine Shakespeare-Verse – also besser die Untertitel dazuschalten, wenn man Englisch nicht auf dem Niveau eines Native Speakers spricht. „Macbeth“ verfügt also über fast alles: eine zeitlose, packende Geschichte über einen Tyrannen, den wir gerne fallen sehen, grandiose Darsteller, tiefsinnige Dialoge, auf die schönste Weise vorgetragen, atemberaubende Bilder (die Schlusssequenz, wenn Macbeth seinem Widersacher Macduff entgegentritt, ist eine selten gesehene Augenweide) und einen hörenswerten Soundtrack, der die düstere Geschichte gut untermalt. Allerdings reißt der Film dennoch nicht so ganz mit. Das mag natürlich zum einen der Reduktion des üppigen Shakespeare-Stoffs auf das Knochengerüst zu tun haben – für mehr hätte man wohl nicht einen, sondern fünf Filme gebraucht. Das geht natürlich zu Lasten der Tiefe der Charaktere. Zum anderen wirken viele Sequenzen trotz der Dramatik der Geschehnisse in der Tonalität ein wenig hinuntergeschraubt. Understatement ist hier Teil des künstlerischen Ausdrucks, und so ist „Macbeth“ eben ein wunderschöner und sehenswerter Film, aber kein besonders packender.


7,0
von 10 Kürbissen

In einer besseren Welt (2010)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Hævnen
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Hævnen


Bei der Oscarverleihung 2011 konnte sich der dänische Film „In einer besseren Welt“ von Susanne Bier gegen namhafte Konkurrenz durchsetzen wie zB Alejandro González Iñárritus „Biutiful“ oder Giorgios Lanthimos‘ Meisterwerk „Dogtooth“ und gewann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung, als ich die DVD in den Player schob. Und dementsprechend tief war dann auch der Fall derselben. Denn Susanne Biers Film erzählt zwar eine durchaus interessante und packende Geschichte, der Subtext ist klar (eine Abhandlung über Gewalt und Verantwortung), aber die Dialoge sind zu einem unerquicklichen Maße platt und voller Stehsätze und die Figuren klischeehaft – und das liegt mit Sicherheit nicht allein an der deutschen Synchronisation. Von der Kritik wurde der Film fast einhellig gelobt, und ja, ich hätte ihn wirklich auch gern gemocht. Die Geschichte zweier Außenseiter-Jungs, die sich miteinander anfreunden, und ihre eigenen, persönlichen inneren Konflikte mit fatalen Folgen nach außen tragen, sowie des Vaters von einem der Burschen, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben als Arzt in der afrikanischen Steppe und dem bröckelnden Familienleben in Dänemark, würde durchaus viel hergeben. Aber gerade die hochgelobte Inszenierung stellte mich wirklich vor Probleme. Zu aufgesetzt, zu platt, zu durchsichtig erschien mir das alles. Das mag nun Jammern auf hohem Niveau sein, und Viele von euch, die sich selbst ein Bild von dem Film machen, werden das mit Sicherheit anders sehen, aber mir hat’s das Vergnügen der Sichtung leider etwas verhagelt durch eindimensionale Figuren wie den Automechaniker Lars, der nur zuschlagen kann, und eben sehr klischeehaft vorgetragenen Dialogzeilen. Einzig die Figur des Anton (Mikael Persbrandt) bringt etwas mehr Vielschichtigkeit in das Drama. Das allein reicht mir allerdings nicht aus für eine bessere Bewertung.


5,5
von 10 Kürbissen

Das unbekannte Mädchen (2016)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: La Fille Inconnue
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: La Fille Inconnue


Der aktuellste Film der Brüder Dardenne, deren Filme regelmäßig auf der Viennale gezeigt werden, handelt von einer jungen Ärztin (grandios gespielt von Adèle Haenel), die vor dem nächsten Karriereschritt steht, als eine Stunde nach Praxisschluss jemand an ihrer Tür läutet. Ihr Praktikant möchte schon öffnen, aber sie heischt ihn an, das Läuten zu ignorieren, denn immerhin hat die Praxis schon lange geschlossen und wenn man so spät noch Patienten aufnimmt, läuft man Gefahr, aufgrund der eigenen Müdigkeit falsche Diagnosen zu stellen. Am nächsten Tag wird der Leichnam einer jungen Frau unweit der Praxis gefunden, und die Bilder einer Überwachungskamera zeigen, dass es jene junge Frau war, die voller Angst an der Tür der Ärztin geläutet hat, ehe sie weiter und damit in den Tod gelaufen ist. Vom Schuldgefühl geschüttelt beginnt die Ärztin, selbst Nachforschungen zu der jungen Frau anzustellen, um ihr ein anständiges Begräbnis zukommen lassen zu können. „La Fille Inconnue“ (auf der Viennale 2016 gezeigt in Anwesenheit von Luc Dardenne, der im Anschluss an die Vorführung auch viel Interessantes zum Film zu sagen hatte) ist ein ruhiger, nachdenklicher Film, der sich mit Moral und Ethik und der Frage des Schuldgefühls nach unterlassener Hilfeleistung beschäftigt. Unweigerlich wird man an die Schutzsuchenden erinnert, die vor dem Krieg nach Europa flüchten, an jene, die im Mittelmeer ertrinken und jene, die es schaffen, aber dann vor den kalten Mauern unserer Herzen stehen. Die Kunst der Dardenne-Brüder in diesem Film ist es, diese Fragen im Hintergrund mitschwingen zu lassen, ohne sie aber plakativ aufzurollen. Es geht um die Schuld des Einzelnen, auch um Sühne, um die Verschiebung von Prioritäten und um Courage. Getragen wird „La Fille Inconnue“ zudem von einer wirklich großartigen Hauptdarstellerin. Abzüge gibt es dafür, dass das Privatleben der Ärztin komplett außen vorgelassen wird (auch wenn Luc Dardenne die Gründe für diese Entscheidung erklärt hat), und dass die Menschen in diesem Film oft sehr übereifrig damit sind, ihr Gewissen zu erleichtern.


7,5
von 10 Kürbissen

Die roten Schuhe (1948)

Regie: Michael Powell und Emeric Pressburger
Original-Titel: The Red Shoes
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: The Red Shoes


Rote Schuhe haben in der Filmgeschichte gerne mal besondere Eigenschaften – siehe zum Beispiel „Der Zauberer von Oz„. Warum rote Schuhe im Gegensatz zu grünen Schuhen oder gelben Schuhen so besonders sein sollen, erschließt sich mir nicht ganz, aber vielleicht ist ja Hans Christian Andersen daran schuld, der im 19. Jahrhundert das Märchen von den roten Schuhen geschrieben hat. Eben jenes Märchen möchte nun der große Ballettmanager Boris Lermontov (der österreichische Schauspieler Adolf Wohlbrück, der im englischen Exil als Anton Walbrook arbeitete) auf die Ballettbühne bringen, und zwar mit der jungen, aufstrebenden Tänzerin Victoria Page (Moira Shearer) in der Hauptrolle. Zwar ist Lermontov ein ziemliches Arschloch, doch genießt er in Kunst- und Societykreisen den besten Ruf und verspricht Victoria, aus ihr die größte Tänzerin aller Zeiten zu machen. Gleichzeitig sichert sich Lermontov die Dienste des talentierten Komponisten Julian Craster (Marius Goring), der die Partituren veredeln soll. Die Aufführung der „Roten Schuhe“ wird ein grandioser Erfolg, und die Entourage bereits die wichtigsten Städte Europas, um dort für Furore zu sorgen. Allerdings verkompliziert sich alles, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Und so entspinnt sich eine Geschichte rund um Besessenheit, Ruhm und den Preis, den man für diesen zahlen muss. In vielerlei Hinsicht ist „Die roten Schuhe“ eine Art Blaupause für den späteren Darren Aronofsky-Film „Black Swan“. Die Themen sind ähnlich gelagert, und hier wie dort wird die Besessenheit gegen Ende hin mit den Mitteln der Fantastik verdeutlicht. Erstaunlich ist dabei das grandiose Handwerk des 1948 in Technicolor produzierten Films. Vor allem die Ballettszene, in der die „Roten Schuhe“ aufgeführt werden, ist meisterhaft inszeniert. Da verwundert es nicht, dass es Oscars für das beste Szenenbild und die beste Filmmusik gab sowie weitere Nominierungen für den besten Schnitt, das beste Drehbuch und den besten Film. Zwar hat der Film durchaus seine Längen, und die Geschichte selbst ist – trotz ihres allegorischen Wertes – nicht allzu vielschichtig, aber dennoch funktioniert der Film auch heute noch tadellos.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 47 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Die Nacht der 1000 Stunden (2016)

Regie: Virgil Widrich
Original-Titel: Die Nacht der 1000 Stunden
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Fantasy, Satire
IMDB-Link: Die Nacht der 1000 Stunden


Man hat es oft nicht leicht mit der lieben Familie. Vor allem, wenn man als reicher Sack das Familienunternehmen führen soll, aber die Vorfahren eines Nachts allesamt mit lauter guten Ratschlägen, bösen Intrigen und manchmal auch recht planlos im herrschaftlichen Palais aufkreuzen, obwohl sie seit ein paar Jährchen schon mit den Engeln singen sollten. Aber gut, wenn man schon mal da ist, kann man ja auch gleich mal die ganze Familiengeschichte aufrollen. Das alles wäre ja noch einigermaßen stressfrei zu handhaben, wenn da nicht die schöne Großmutter wäre, die bereits in jungen Jahren eher unsanft entschlummert ist und sich nun als Geist als wirklich heißer Feger herausstellt. Wenn also dunkle Epochen der Familie und wie sie zu ihrem Besitz kam, nekrophiler Inzest und Sorge um das Erbe zusammentreffen, kann so eine gespenstische Nacht verflucht lang werden. Regisseur Virgil Widrich zelebriert die Absurdität seiner Filmprämisse genüsslich. Da behacken sich Familienmitglieder über Generationen hinweg und entlarven damit die feinen Mechanismen der Macht und ihrer Fäden, die solche Imperien zusammenhalten. Das Ganze wird tableauartig präsentiert – die Kulisse ist als solche erkennbar, und das Haus verändert sich auch mit seinen geisterhaften Bewohnern. Man kann sich diesen Film durchaus auf einer Theaterbühne vorstellen – auch dort würde er gut funktionieren. Allerdings ist der Film nicht frei von Schwächen – sei es manchmal das Spiel einiger Darsteller, die zum Outrieren neigen, sei es manche Länge, die durch Absurditäten verursacht wird, die nicht aufgelöst werden, sei es das manchmal doch sehr künstlich Überhöhte in der Umsetzung, die danach schreit: „Ich bin Kunst!“ Trotzdem ist der Film unorthodox und interessant und in seinen besten Momenten schön österreichisch hinterfotzig.


6,5
von 10 Kürbissen

Zama (2017)

Regie: Lucrecia Martel
Original-Titel: Zama
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Zama


Es ist nicht einfach, über „Zama“ zu schreiben, jenen Film, an dem Lucrecia Martel zehn Jahre lang gearbeitet hat und der schließlich von so ziemlich allen Spanisch sprachigen Filmschaffenden, die es derzeit gibt, mitproduziert wurde – sei es Pedro Almodóvar oder Diego Luna oder Gael García Bernal. Denn „Zama“ steht tatsächlich ein wenig außerhalb der üblichen cineastischen Erfahrungen. Die Titel gebende Hauptfigur Don Diego de Zama ist ein argentinischer Beamter der Spanischen Krone, der rund um das Jahr 1800 in einem Dorf an der Küste Südamerikas versumpft. Zuhause sind Frau und Kinder, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat, und so wartet er sehnsüchtig auf seine Versetzung, zumal ihn mit Ausnahme des Anblicks von Doña Luciana, der Ehefrau des Schatzmeisters, nichts mehr hier hält. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, vor allem in der tiefsten Provinz Südamerikas. „Zama“ ist ein sehr langsamer, fast zäher Film. Das Leiden von Diego de Zama wird auf den Zuseher übertragen. Die Zeit rinnt langsam wie zähflüssiger Honig vom Kalender. Jahreszeiten gibt es nicht – es ist immer heiß, es ist immer schwül, die Langeweile greift um sich. In gewisser Weise hat mich die Geschichte in der ersten Stunde an J.M. Coetzees Roman „Waiting for the Barbarians“ erinnert – man wartet und wartet und wartet, und nichts passiert. Die zweite Stunde bietet dann etwas mehr Handlung – und rätselhafte Bilder, die einen packen und noch länger beschäftigen. Die Grenzen zwischen Realität und dem Mystischen verschwimmen, das Leben wird zum Traum – einem jener, in dem man vor dem Übel weglaufen möchte, aber feststellt, dass man sich nicht von der Stelle bewegen kann, um im nächsten Moment festzustellen, dass man noch immer träumt. So kann man die Wirkung von „Zama“ wohl am besten beschreiben. Ein besonderer Ohrenschmaus ist zudem das Sounddesign. Selten habe ich einen Film gesehen, bei dem der Sound so maßgeblich die Atmosphäre bestimmt hat. Viele Details der Handlungen sieht man gar nicht, sondern nimmt sie als Hintergrundgeräusche wahr, was dazu beiträgt, dass der Film rätselhaft bleibt. Ich kann ihn dennoch nicht uneingeschränkt empfehlen, denn „Zama“ ist zwar ein unglaublich sinnliches Filmerlebnis, aber eines, für das man Zeit und Geduld braucht – und eines, auf das man sich mit allen Sinnen, aber weniger mit dem Verstand einlassen muss.

 


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)

You Will Know What to Do With Me (2015)

Regie: Katina Medina Mora
Original-Titel: Sabrás Qué Hacer Conmigo
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Sabrás Qué Hacer Conmigo


Was ich an Netflix schätze: Man findet hier auch Filme, von deren Existenz man sonst niemals erfahren hätte. So bin ich auf den Film „You Will Know What to Do With Me“ von Katina Medina Mora gestoßen, die Verfilmung eines in Mexiko erfolgreichen Romans gestoßen. Die Geschichte ist sehr simpel: Mann trifft Frau, sie beginnen eine Beziehung. That’s it. Manchmal kann das Leben wirklich einfach sein. Aber natürlich ist schon mehr dahinter. Denn der Mann ist Epileptiker, was ihm durchaus psychisch an die Nieren geht – und das ist wiederum nicht unbedingt förderlich für eine beginnende Beziehung. Und die Frau ist verschlossen und emotional durcheinander, da ihre Mutter immer wieder mit Selbstmordversuchen ihre Aufmerksamkeit beansprucht, ohne dass da jemals so etwas wie Dankbarkeit und Wärme zurück käme. Im Laufe des Films beginnt man die Hintergründe zu verstehen, so wie sich die beiden auch besser kennenlernen und einander zu vertrauen beginnen. Schön ist die Struktur des Films. Zunächst wird aus seiner Perspektive das Kennenlernen und die erste Annäherung erzählt, dann die ganze Geschichte noch mal aus ihrer – und hier gibt es kleine, subtile Abweichungen zusätzlich zu dem besseren Hintergrundverständnis, das sich beim Zuseher aufbaut. Die Abweichungen verstehe ich als unterschiedliche Wahrnehmungen oder Erinnerungen. Ich sehe hier ein altes Paar vor mir, das bei einem Abendessen mit Freunden die Geschichte erzählt, wie sie sich kennengelernt haben – und wie sie sich dabei ständig unterbrechen, um winzige Details, die der jeweils Andere aus ihrer Sicht falsch memoriert hat, liebevoll zu korrigieren. Das dritte Kapitel des Films schließlich erzählt die nun gemeinsame Geschichte weiter. Das Tempo ist sehr langsam – es ist ein Film, der eine Alltagsgeschichte erzählt und dabei die kleinen und großen Dramen nicht cineastisch aufbauscht. Vielleicht muss man in der richtigen Stimmung für diese Art von Film sein, um ihn genießen zu können, und vielleicht ist es auch keiner, der ewig lang nachwirkt, aber für 1,5 Stunden hat man hier einen unspektakulären, aber ungeschönten und ehrlichen Blick auf den Beginn einer Beziehung. Lediglich das Ende hat mich etwas unentschlossen darüber, ob ich es nun mag oder nicht, zurückgelassen.


6,5
von 10 Kürbissen