Drama

Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus (2015)

Regie: Eva Husson
Original-Titel: Bang Gang (une histoire d’amour moderne)
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Bang Gang (une histoire d’amour moderne)


„Es is verraucht, laut und eng – da Schweiß tropft von die Wänd / Won nu ana einekamat hätts die gonze Hittn gsprengt / Wo is jetz die ane, klane? Grod hob is nu gseng / I bin scho gonz plemplem, de Hormone tonzn Pogo / Boid is des a Gangbang …“ Skero hat mit seinem Sommerhit „Kabinenparty“ vorweggenommen, woran sich Eva Husson fünf Jahre später filmisch versucht hat. Jedenfalls kommt man nicht umhin, schmunzelnd Vergleiche zu ziehen, wenn man in die Eröffnungssequenz von „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“ einsteigt. Auch dort schwitzen jugendliche Leiber auf engem Raum und eng miteinander verschlungen. So was kommt halt raus, wenn Sommerferien sind und es einem fad im Schädel ist. Im Zentrum des Film stehen die beiden Mädels George (Marilyn Lima) und Laetitia (Daisy Broom) und deren Vögelei mit dem hedonistischen Alex (Finnegan Oldfield), dessen Kumpel Nikita (Fred Hotier) und dem Außenseiter Gabriel (Lorenzo Lefebvre). Wer da nun die zentrale Hauptfigur ist, weiß man nicht so recht, aber das ist okay, die Regisseurin wusste es offenbar auch nicht. Der Film weist diesbezüglich keinen eindeutigen Fokus auf und mäandert ein wenig herum. Und das ist auch gleich mal eines der Grundprobleme, die dieser Film hat: Eine spürbare Unentschlossenheit. Eine moderne Version von „Kids“ möchte er sein, aber er hat eigentlich nichts zu erzählen, außer dass Jugendliche Sex haben und wenn sie zu viel und mit zu vielen unterschiedlichen Personen davon haben, sich einen Tripper oder Syphilis einfangen können. Im Grunde ist „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“ nicht viel mehr als ein eineinhalbstündiges, relativ zähes Plädoyer für den Gebrauch von Kondomen. Das hätte man auch kürzer fassen können. Da bleibe ich, wenn es ums Schwitzen in engen Räumen geht, dann doch lieber bei Skero. „Kabiiiiiinenparty – geht scho, gemma Vollgas!“


3,5
von 10 Kürbissen

Edward mit den Scherenhänden (1990)

Regie: Tim Burton
Original-Titel: Edward Scissorhands
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Fantasy, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Edward Scissorhands


Aus der Reihe „Der Filmkürbis holt große Filmklassiker nach, die er bislang aus unerfindlichen Gründen versäumt hat“: „Edward mit den Scherenhänden“ von Tim Burton. Und ja, was für eine Schande, als (größtenteils) Bewunderer von Tim Burtons Arbeit diesen Film bislang links liegen gelassen zu haben. Denn dieser Film vereint so ziemlich alles, wofür Tim Burton steht und was ich an ihm auch mag. Die grandiosen, bunten, überdrehten Kulissen. Die penibel gestalteten Kostüme, die Frisuren. Vor allem aber das Herz für Außenseiter. Johnny Depp, wunderbar verletzlich, spielt den Androiden Edward, dessen Erschaffer, ein genialer Wissenschaftler (gespielt von Vincent Price), nicht mehr rechtzeitig fertig geworden ist mit der Arbeit, ehe er das Zeitliche gesegnet hat. So läuft Edward nun allein in einer finsteren Burg mit Scheren statt Händen herum. Zu seinem Glück findet ihn die Kosmetikvertreterin Peg (Dianne Wiest) und integriert ihn kurzerhand in ihre Familie und das Kleinstadtleben. Dort ist Edward erst mal die große Sensation in der Nachbarschaft. Und alles ist gut. Doch dann verliebt sich Edward in Pegs Tochter Kim (Winona Ryder mit Rehaugen, so groß wie Planeten), und die Dinge werden kompliziert. So weit also der Inhalt, der schön ist und ein Plädoyer für Menschlichkeit und ein Miteinander trotz Handicaps. Gleichzeitig blickt Tim Burton auch tief in die Kleinstadtseele und entdeckt dort allerhand, was uns bei genauerer Prüfung unserer Selbst nicht so wirklich schmeckt, was aber wichtig zu erkennen ist. Was „Edward mit den Scherenhänden“ aber zu einem herausragenden Filmvergnügen macht, ist tatsächlich die Form und die wahnwitzige Detailverliebtheit Tim Burtons, der hier eine völlig eigene, in sich stimmige Welt erschafft. Dass das kein einmaliger Ausreißer war, zeigte er in vielen weiteren Filmen – aber gewissermaßen ist „Edward mit den Scherenhänden“ die Perfektion seines Stils.


8,5
von 10 Kürbissen

Rafiki (2018)

Regie: Wanuri Kahiu
Original-Titel: Rafiki
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Rafiki


Jambo, Rafiki! Das bedeutet so viel wie „Hallo, mein Freund!“ Erstaunlicherweise konnte dies eine gute Freundin, die noch nie in ihrem Leben in Kenia war, sofort übersetzen. Was ich darüber sonst noch gelesen habe: Dass die Bezeichnung „Rafiki“, also Freund, gerne verwendet wird, um amouröse Verbindungen zum gleichen Geschlecht zu verschleiern. Denn alles abseits der heterosexuellen Norm ist heutzutage in Kenia immer noch mit großen Problemen behaftet. Gesellschaftliche Ausgrenzung. Familiäre Verstoßungen. Öffentliche Demütigungen. Aber was soll man schon gegen die Liebe machen? Die fällt hin, wohin sie eben fällt. In Wanuri Kahius Film trifft es die beiden jungen Frauen Kena (Samatha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva). Deren Beziehung erhält zusätzliche Brisanz durch die Tatsache, dass sie die Töchter zweier konkurrierender Politiker sind. Quasi Romeo und Julia in Afrika, nur eben Julia und Julia. Gefilmt ist das alles sehr schön, und man bekommt als Außenstehender einen recht guten Einblick in kenianische Lebensweisen und Wertesysteme. Und stellt dabei auch überrascht oder weniger überrascht fest, dass sich diese gar nicht mal so dramatisch von unseren unterscheiden. Vielleicht ein bisschen mehr Spiritualität und definitiv mehr Sonnenschein und buntere Farben, aber die Sorgen, Nöte, Wünsche, Hoffnungen und Ziele der Menschen sind überall die gleichen. Was mir am Film allerdings etwas weniger gefallen hat (und diesbezüglich kann ich mangels Erfahrung mit zentralafrikanischem Film nicht sagen, ob das einfach Teil der Erzählstruktur in diesen Filmen ist oder doch eine bewusste Entscheidung der Regisseurin): Dass die Geschichte arg plakativ erzählt wird. Alles geht Schlag auf Schlag, auf den eitel Sonnenschein folgt in der nächsten Szene das große Drama. Mein Fall ist das ja nicht so wirklich, aber ich nehme das einfach mal als unterschiedliche Herangehensweise an das Medium Film zur Kenntnis. Dass „Rafiki“ dennoch große Brisanz hat und Vieles richtig macht, steht außer Frage.


6,5
von 10 Kürbissen

Frankensteins Braut (1935)

Regie: James Whale
Original-Titel: Bride of Frankenstein
Erscheinungsjahr: 1935
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Bride of Frankenstein


Lord Byron sitzt mit dem Ehepaar Shelley bei einem Gläschen beisammen, die Nacht ist düster, der Wind peitscht gegen die Fenster, und der Horror, der sich in Frankenstein entfaltet hat, schüttelt dem guten Lord die Knochen durch. Anerkennend fragt er Mary Shelley, wie es sein kann, dass ein solch zartes Weibsbild eine solch schauerliche Geschichte erfinden konnte. Und die grinst nur schelmisch und meint, dass er noch nicht die ganze Geschichte gehört hätte. So also der Auftakt zur Fortsetzung des Filmklassikers mit Boris Karloff. Denn das von ihm verkörperte Monster hat die Feuersbrunst am Ende des ersten Films überlebt, und nun streift er durch die Wälder und wird von den Dorfbewohnern gejagt. Währenddessen bekommt Doktor Frankenstein Besuch von einem Kollegen, der ihn von einem finsteren Vorhaben überzeugen möchte. Wenn man den Film auf das Wesentlichste herunterbrechen möchte, dann wäre die Synopsis in etwa: Frankensteins Monster verliert Freunde und wird aus Einsamkeit zum Alkoholiker und Kettenraucher. Also eh eine moderne Geschichte, wenn man so will. Und man fragt sich, ob man für ein etwaiges Remake vielleicht Georg Friedrich begeistern könnte – der würde passen wie Arsch auf Eimer. Was „Frankensteins Braut“ in jedem Fall bieten kann, sind erstaunliche Spezialeffekte (die kleinen Menschen in den Reagenzgläsern!), ein sichtlich erleichterter Boris Karloff, der auch mal ein paar Sätze sprechen darf und schwarzer, teils ins Groteske gehender Humor. Die Schlusssequenz ist auch nach heutigen Maßstäben sensationell geschnitten. Man kann zwar nicht sagen, dass der Film rasend gut gealtert ist, und der Schrecken von damals ist die schenkelklopfende Unterhaltung von heute, aber wenn man sich darauf einlässt, ist der Film auch jetzt noch spannend und kurzweilig und tatsächlich noch einen Tick besser als der erste Teil.


7,0
von 10 Kürbissen

Neruda (2016)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Neruda
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Biopic, Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Neruda


Luis Gnecco spielt Pablo Neruda, den großen Volksdichter Chiles und einen der bedeutendsten Vertreter des Kommunismus. Dieser tritt in den Augen der Machthaber etwas zu vehement gegen das herrschende Regime auf und wird so seines Amtes als Senator enthoben und soll verhaftet werden. Neruda flüchtet, geht mit seiner Frau Delia (Mercedes Morán) in den Untergrund, unterstützt von seinen Parteifreunden. Der Polizist Oscar Peluchonneau, gespielt von Gael García Bernal, heftet sich an seine Fersen. Der sinnliche Liebes- und Lebensmensch Neruda hat keine Lust darauf, sich wie ein Käfer zu verkriechen, und so entspinnt sich rasch ein amüsantes wie spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Ich muss zugeben, ich tat mir anfangs trotz der großartigen Darstellerleistungen und der extrem intelligenten Dialoge etwas schwer, in den Film hineinzufinden, denn Vieles schien mir überzeichnet zu sein, maßlos übertrieben, überdramatisiert. Aber dann fiel der Groschen: „Neruda“ ist nicht einfach ein politisches Bio-Pic, sondern vielmehr (auch) eine vergnügliche Hommage an den Film Noir und die Hard-Boiled-Detektivgeschichten der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Spätestens wenn der knallharte, wortkarge Polizist Peluchonneau (herrlich missverstanden in einer Szene, als ein Mann seinem Gutsherrn die Ankunft des Polizisten ankündigt und auf dessen Frage, was denn der für einer sei, antwortet mit: „Halb Idiot, halb Arschloch“) über seine eigene Rolle in Nerudas Geschichte zu reflektieren beginnt, löst sich das Vexierspiel zwischen den Genres auf, und der Film steuert auf einen grandiosen Showdown im Schnee der Anden hin. Kluges, großes und herrlich selbstironisches Kino.


8,0
von 10 Kürbissen

Code Blue (2011)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Code Blue
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Code Blue


Viel Text müssen die Schauspieler in Urszula Antoniaks Filmen nicht lernen. So auch in „Code Blue“, das von einer Krankenschwester (Bien de Moor) erzählt, die isoliert lebt und nur durch die Behandlung ihrer Patienten so etwas wie zwischenmenschliche Nähe erfährt. Dass sie es mit der Nächstenliebe etwas zu gut meint und das Leid der Patienten auf der Palliativstation etwas verfrüht beendet, passt irgendwie ins Bild. Eines Tages lernt sie mehr durch Zufall den jungen Deutschen Konrad (Lars Eidinger) kennen, und sie beschließt, sich auf ihn einzulassen, auch wenn ihr das soziale Handwerkszeug für eine solche Begegnung fehlt. „Code Blue“ ist ein schwieriger Fall. Mal wieder. Denn von den bislang gesehenen Filmen von Urszula Antoniak konnte mich bislang nur „Nothing Personal“ überzeugen. Stilistisch ansprechend sind alle ihre Werke, aber zu oft vergisst sie für meinen Geschmack auf die Geschichte und vor allem darauf, den Zuseher mitzunehmen. Vieles spielt sich in den Köpfen der Figuren ab, Vieles bleibt dadurch im Verborgenen. Doch diese gewollte Rätselhaftigkeit geht einem nur allzu schnell auf die Nerven, und Fadesse stellt sich ein. Das passiert auch in „Code Blue“, und das kann am Ende Lars Eidinger selbst mit dem enthusiastischsten Körpereinsatz nicht mehr ändern. Was von dem Film bleibt ist, dass ich schöne Bilder und allzu viel von Eidingers Schniedel gesehen habe. Das reicht dann wieder für eine Weile – sowohl was Urszula Antoniaks Filme als auch was das beste Stück Lars Eidingers betrifft.


3,5
von 10 Kürbissen

Only Lovers Left Alive (2013)

Regie: Jim Jarmusch
Original-Titel: Only Lovers Left Alive
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama, Liebesfilm, Fantasy, Musikfilm
IMDB-Link: Only Lovers Left Alive


Wenn man unsterblich ist, kann einem die Zeit ganz schön lang werden. Das hat Jim Jarmusch erkannt, der seine beiden Vampirlover Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) zwischen Lethargie und Nihilismus sowie zwischen Tanger und Detroit pendeln lässt. Wenn man alle Zeit der Welt hat, muss man nicht jeden Tag aufeinander picken. Aber manchmal ist es doch schön, sich auf der Couch zusammenzukuscheln und gemeinsam Musik zu hören. Diesen Frieden stört eigentlich nur Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska), die zwar auch schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat, aber noch naiv und energetisch wirkt im Vergleich zu den beiden Älteren, die schon alles gesehen haben. Und natürlich, so ein Wirbelwind, der nach 87 Jahren Abwesenheit unvermutet mal wieder auf der Matte steht, bringt die gewohnten Abläufe ordentlich durcheinander – vor allem, wenn dieser versehentlich Adams besten Kumpel aussaugt. Denn eigentlich gehört sich das nicht, finden Adam und Eve. Sie trinken ihr Blut lieber aus der Konserve. Nein, viel passiert nicht in „Only Lovers Left Alive“. Wer sich actiongetriebenen Vampirhorror erhofft, wird von diesem Film bitter enttäuscht. Warum der Film aber dennoch in meinem persönlichen Olymp der Lieblingsfilme aufgestiegen ist, ist leicht erklärt: Ich kenne nur wenige andere Filme, die mit jeder Einstellung, mit jeder Szene eine so unglaublich dichte Atmosphäre schaffen. Unendliche Liebe, dieses viel besungene Klischee, wird hier spürbar gemacht – im Positiven wie im Negativen. Sie verdichtet sich zu Musik, zu gelbem Laternenlicht, zu halbverfallenen Gebäuden in den menschenleeren Straßen von Detroit, zu nächtlichem Philosophieren, zu dem Bewusstsein, dass man selbst noch da sein wird, wenn alles Andere bereits vergangen ist. Welche Rollen spielen dann schon Tage oder Nächte? Und warum zwischenmenschliche Kontakte knüpfen, wenn diese nicht lange halten? Tilda Swinton und Tom Hiddleston spielen dieses Paar, das in sich und in der Zeit gefangen ist, sich aber mit dem Schicksal abgefunden hat, wirklich grandios. Es geht von beiden sowohl Wärme als auch Gefahr aus. Wärme füreinander, Gefahr für jene, die nicht zu ihnen gehören. Für mich ist „Only Lovers Left Alive“ ein ganz großer Wurf, der mich nun schon seit vielen Jahren begleitet und zu dem ich gedanklich immer wieder zurückkehre.


10
von 10 Kürbissen

Geheimnis eines Lebens (2018)

Regie: Trevor Nunn
Original-Titel: Red Joan
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Red Joan


Dame Judi Dench in einem britischen Spionagefilm, der auf wahren Begebenheiten beruht. Das klingt doch schon mal nach einem verlockenden Angebot. Tja, hier hat der deutsche Verleih ausnahmsweise mal ein gutes Näschen bewiesen, indem er den Originaltitel „Red Joan“ in das rosamundepilchereske „Geheimnis eines Lebens“ übersetzt hat. Deutlicher kann eine Warnung ja nicht ausfallen. Denn Trevor Nunns Film einer KGB-Spionin, die im zarten Alter von ca. 80 Jahren verhaftet und verhört wird und dabei ihr Leben und ihre Spionagetätigkeit während des Zweiten Weltkriegs aufbröselt, ist ungefähr so spannend wie einer Rosenzucht beim Wachsen zuzusehen. Da kann sich Judi Dench noch so abmühen, etwas Klasse in die Geschichte zu bringen, aber zum Einen hat sie bedauerlich wenig Screentime, zum Anderen kommt gegen dieses Drehbuch nicht mal eine Schauspielerin ihres Formats an. Gegen diese Dialoge sind die Werke Rosamunde Pilchers nobelpreisverdächtig. Dabei wäre die Geschichte selbst gar nicht so unspannend: Physikabsolventin heuert bei britischem Atombombenprogramm an und verschachert das Wissen um den Fortschritt der Bombe an die Russen. So weit so interessant. Wenn die junge Dame aber nur naiv und der Liebe willen in die Chose hineinstolpert und, obwohl sie eine treue Patriotin ist, wie sie beteuert, den Sowjets die Pläne am Silbertablett präsentiert, weil sie ein zweites Hiroshima verhindern will (Oh, Logik, in welchem Loch hast du dich versteckt?), dann stimmt einfach nichts mehr zusammen, und aus dem Spionagethriller wird doch wieder ein (schlechter) Pilcher-Film. Auch ist Sophie Cookson, die die Spionin in jungen Jahren spielt, so wie der Rest des Casts mit Ausnahme von Judi Dench der Aufgabe nicht gewachsen. Irgendwann an einem Sonntagnachmittag wird der Film auf Kabel 1 laufen, und dann werden die alte Damen, die den Fernseher aufgedreht haben, vom filmischen Geschehen unbehelligt in ihr nachmittägliches Nickerchen abdriften.


2,5
von 10 Kürbissen

Der letzte Mohikaner (1992)

Regie: Michael Mann
Original-Titel: The Last of the Mohicans
Erscheinungsjahr: 1992
Genre: Drama, Western, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Last of the Mohicans


„Der letzte Mohikaner“ von Michael Mann ist mein großes Guilty Pleasure. Aber ich liebe wirklich alles an diesem Film. Ich liebe Daniel Day-Lewis‘ epische Darstellung des von Mohikanern aufgezogenen Falkenauges. Ich liebe Russell Means als Chingachgook, edelster Indianer ever. Ich liebe Wes Studi als Magua, für mich einer der großartigsten Schurken der Filmgeschichte. (Dafür hätte es eigentlich einen Oscar geben müssen. Nichts gegen Gene Hackman, der war großartig in „Erbarmungslos“, aber an die Intensität von Wes Studi kam er trotzdem nicht heran.) Ich liebe Madeleine Stowe als Cora Munro, und ich hatte nach der ersten Sichtung jahrelang einen Crush auf Stowe. Ich liebe die Leistungen aller Darstellerinnen und Darsteller und ihre furchtbar traurigen Blicke, wenn man wieder eine Geliebte oder ein Geliebter vor ihren Augen gemetzelt wurden. Ich liebe die satten Bilder von Kameramann Dante Spinotti, der die grünen Wälder Neuenglands so eingefangen hat, dass man das Moos förmlich riechen kann. Ich liebe die Filmmusik – und wie oft habe ich dilettantisch versucht, sie am Akkordeon nachzuspielen. Und ich liebe vor allem die letzte Viertelstunde, die für mich das atmosphärisch dichteste Stück Kino ist, das ich jemals gesehen habe. Dieser Showdown, dieser Endkampf, der wie ein Understatement daherkommt, aber dennoch spannend und stimmig ist! Auch nach der x.ten Wiederholung zieht es mir da eine Gänsehaut auf. Und wenn dann Chingachgook am Ende am Rand der Schlucht steht und zu Falkenauge sagt, dass er nun der letzte Mohikaner sei, müssen auch Kürbisse weinen. Objektiv betrachtet mag es eine Menge besserer Filme geben. Objektiv betrachtet mag es sogar bessere Filme von Michael Mann geben. Aber trotzdem hat „Der letzte Mohikaner“ seinen Platz in meinem Herzen und auf dem Olymp der Lieblingsfilme sicher.


10
von 10 Kürbissen

Rocketman (2019)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Rocketman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Musical, Drama, Biopic
IMDB-Link: Rocketman


Obacht, der Kürbis ist heute auf Krawall gebürstet! Denn er ist im Begriff, dem allseits beliebten Musiker-Biopic „Rocketman“ von Dexter Fletcher ans Bein zu pinkeln. Auf IMDB erfreut sich dieser Film einer guten Bewertung von 7,7, auf Moviepilot schlägt der Durchschnitt der User-Bewertungen immerhin noch mit 7,3 durch – nur der Kürbis ist grantig und gesteht dem Film nicht mehr als 4,5 Punkte zu. Was ist passiert? Schlägt der Schlüsselbeinbruch vielleicht doch aufs Gemüt, ist der Kürbis generell in eine misogyne Phase gerutscht, mag er vielleicht Elton John so gar nicht? Zumindest Letzteres kann ausgeschlossen werden. Dank „Tiny Dancer“ und dessen Einsatz in Almost Famous hat der als Reginald Kenneth Dwight geborene Sänger einen Stein im Kürbisbrett. Da werden dann auch lahmarschige Nummern wie „Candle in the Wind“ verziehen. (Prinzessin Diana war trotzdem eine coole Socke.) Aber warum der Film in meinen Augen dann doch nicht funktioniert, liegt an mehreren Faktoren, die man tatsächlich hätte besser machen können und einem, der wohl unvermeidbar war. Unvermeidbar: Dass der Aufbau dieses Musiker-Biopics halt so ausfällt, wie der Aufbau eines Musiker-Biopics ausfallen muss: Kindheit, das Talent wird erkannt, Tingeln durch diverse Spelunken, der raketenhafte Aufstieg, Ruhm, Drogen, Absturz, Comeback. Die Blaupause für so gut wie alle Filme dieses Genres. Und wenn man mich fragt, welches Musikerleben ich als nächstes verfilmt sehen möchte, dann antworte ich: Keines. Da ich nicht ständig den gleichen Film sehen möchte. Soweit aber zum Unvermeidbaren. Vermeidbar hingegen wäre gewesen, die tollen Nummern, die Elton John geschrieben hat, als qualitativ mäßig dargebotene Karaoke-Nummern einzubauen, die dann auch oft nur kurz angeschnitten werden, ehe man zur nächsten Nummer übergeht. Das hat Bohemian Rhapsody ganz anders und viel überzeugender gelöst. Ich erinnere an den kompletten, sich organisch einordnenden Einbau des Live Aid-Konzerts in den Film. Vermeidbar wäre auch gewesen, Taron Egerton selbst singen zu lassen. Er macht das gar nicht übel – aber von der Stimme Elton Johns ist er dann doch meilenweit entfernt. Und vermeidbar wäre gewesen, Egerton überhaupt zu besetzen. Denn bei allem Respekt – und ich mag den Kerl wirklich gern – aber sein Elton John passt einfach nicht, gerät trotz allen Bemühens zur schlechten Imitation. Und so kommen dann eben nicht mehr als diese 4,5 Kürbisse heraus. Nächster Film, bitte. (Solange es kein Musiker-Biopic ist.)


4,5
von 10 Kürbissen