2017

Die Verführten (2017)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Beguiled
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: The Beguiled


Virginia. Der amerikanische Bürgerkrieg. Schwüle und Nebel legen sich abwechselnd um das imposante Herrenhaus, das aufgrund des Krieges und der damit verbundenen Beschäftigung der Herren, sich gegenseitig abzuschlachten, zum Damenhaus geworden ist. Mrs. Martha (Nicole Kidman) kümmert sich zusammen mit der Lehrerin Edwinna (Kirsten Dunst) um fünf junge Schülerinnen. Man arbeitet im Garten, spielt Musik, betet, hat Unterrichtsstunden und bemüht sich um die Aufrechthaltung eines zivilisierten, südstaatlichen Lebensstils. Bis die junge Jane vom Pilze pflücken im Wald nicht nur mit schmackhaften Schwammerln, sondern auch mit einem verwundeten Yankee-Soldaten (Colin Farrell) zurückkommt. Schnell wird der höfliche Mann, der einfach nur froh ist, am Leben zu sein und sich von daher gerne in Feindeshand begibt, zu einer Attraktion unter den unbemannten Damen. Ein sehr subtiles Spiel der Verführung beginnt – wobei nicht klar ist, wer wen verführt. Ein nächtlicher Zwischenfall lässt dieses Spiel jedoch eskalieren.

Zu allererst muss man sagen, dass „The Beguiled“ von Sofia Coppola herausragend gefilmt ist. Immer wieder zeigt die Kamera die imposanten Säulen des Hauses und den verwilderten Garten davor, und jede Einstellung lässt Haus und Garten ein wenig anders wirken – mal einsam, mal bedrohlich, mal friedlich, mal häuslich. Am Haus vorbeiziehende Soldaten verschwinden im Nebel, die Schwüle der Südstaaten wird optisch greifbar. Ganz große Kamerakunst! Was das Timing betrifft, so hat der Film jedoch seine Schwächen. Während die ersten zwei Drittel sehr langsam und mit äußerst subtilen Andeutungen aufgebaut werden, wirkt der Film ab der Eskalation plötzlich gehetzt, als wäre er ab diesem Moment draufgekommen, eigentlich ein Thriller sein zu wollen und müsse die Versäumnisse der ersten Stunde nachholen, nur um wieder gemächlich auszuklingen – nach einem fiesen Showdown zwar, aber auch der ist wieder so ruhig und mit gewollten Understatement inszeniert wie die erste Stunde des Films. Eine interessante Botschaft, über die es sich länger nachzudenken lohnt, wird nicht vermittelt. Ich ging etwas unschlüssig aus dem Film. Ja, eh ganz gut, aber irgendwie auch ein bisserl obsolet. Eine große Geschichte hat der Film nicht zu bieten, aber dafür packt er das Wenige, was er hat, in beeindruckende Bilder.


6,0
von 10 Kürbissen

Wonder Woman (2017)

Regie: Patty Jenkins
Original-Titel: Wonder Woman
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Action, Fantasy, Kriegsfilm
IMDB-Link: Wonder Woman


Nach der Dark Knight-Trilogie von Christopher Nolan ging es qualitativ mit den DC-Comic-Verfilmungen eher bergab. Doch nun sorgt „Wonder Woman“ für Furore. Der erfolgreichste Film einer Regisseurin ever tritt den Cape-bewehrten Macho-Muskelprotzen, die sonst die Leinwand bevölkern, kräftig in den Hintern. Gefeiert wird der Film als feministisches Action-Kino. Das ist schon mal gut – ein breiter Diskurs in dieser Sache ist wichtig. Aber funktioniert der Film auch als solcher, wenn man sich nicht allein auf die Tatsache stützt, dass er eine sehr starke, Ärsche tretende weibliche Hauptfigur hat? Funktioniert er als Sommer-Blockbuster-Action-Kracher? Da fällt mein Urteil ein bisschen differenzierter aus. Zwar unterhält der Film über seine Spielzeit sehr gut und bietet wirklich gute Unterhaltung mit soliden Action-Szenen, aber die Neu-Erfindung der Comic-Verfilmung, als die ihn manche Kritiker gerne sehen würden, ist „Wonder Woman“ nicht. Die Story ist dann doch recht vorhersehbar, die CGI hat auch schon mal besser ausgesehen und Nebenfiguren wie Schurken sind im Grunde recht eindimensional. Was das betrifft, so bleibt die Dark Knight-Trilogie weiterhin der Maßstab für die Branche. Aber geschenkt. „Wonder Woman“ ist gutes Action-Kino mit einer wichtigen Botschaft – nämlich, dass es heutzutage wirklich wurscht sein soll, ob die Welt von einem Mann oder einer Frau gerettet wird, denn Letztere kann das mindestens genauso gut.


7,0
von 10 Kürbissen

Guardians of the Galaxy Vol. 2 (2017)

Regie: James Gunn
Original-Titel: Guardians of the Galaxy Vol. 2
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm, Action, Komödie
IMDB-Link: Guardians of the Galaxy Vol. 2


Nach dem gefeierten „Guardians of the Galaxy“ aus dem Jahr 2014 folgt nun der zweite Streich, und wie immer bei Fortsetzungen darf man gespannt, aber auch ein wenig skeptisch sein. Wird nur noch die Cashcow gemolken oder tatsächlich wieder ein feines Filetsteak serviert? Nach der Sichtung von „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ kann ich nun sagen: Es hat wieder geschmeckt. Der zweite Film, wieder mitgeschrieben und inszeniert von James Gunn, bietet feinstes Popcornkino. „Guardians of the Galaxy“ ist die Packung Smarties, das fröhlich zwischen all den Lindt-Schokoladetafeln der anderen Marvel-Filme hervorgrinst. Und meiner Meinung nach hat der zweite Teil der Filmreihe von vielen entscheidenden Dingen noch etwas mehr als Teil 1: Mehr (liebevoll nerdiger) Humor, mehr Figurentiefe, mehr Emotion. Vor allem das Ende ist ein echter Tränendrücker. Bis man dahin kommt, ist „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ wieder ein sehr buntes Abenteuerkino, ein fast schon psychedelischer Trip – man sieht Farben, die man eigentlich gar nicht sehen kann. Und was den schon angesprochenen Humor betrifft: Ja, am Humor scheiden sich oft die Geister. Vielen wird die kindlich-ausgelassene Art von Humor, die hier zelebriert wird, wohl auf den Zeiger gehen, aber mein inneres Kind hat sich dabei wunderbar amüsiert, ohne dass meine Intelligenz beleidigt worden wäre. Denn diesen Spagat schafft „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ wirklich gut: Auch wenn das alles ein augenzwinkernder Spaß ist, so steckt doch Niveau und Anspruch dahinter. Die Themen, die den Film zusammenhalten, wie Zugehörigkeit, Familie, Verbundenheit, werden durchaus ernst genommen und bieten den emotional aufgeladenen Grundanstrich des Films. In all diesen Belangen halte ich „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ sogar für noch einen Tick besser als den gefeierten Erstling (und ich weiß, dass ich mit dieser Ansicht eher einer Minderheit angehöre, auch wenn der Film grundsätzlich viel Zustimmung erfährt). Nur die Story selbst ist schon eine recht dünne Suppe. Diesen von vielen Fans und Kritikern geäußerte Kritikpunkt kann ich nachvollziehen, dem muss ich zustimmen. Aber egal: Wie Teil 1 bietet auch der zweite Teil allerbeste und kurzweilige Abendunterhaltung mit sehr hohem Spaßfaktor und einer Achterbahnfahrt durch alle Emotionen.


8,0
von 10 Kürbissen

Life (2017)

Regie: Daniel Espinosa
Original-Titel: Life
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Life


Life is life? Life is live? Live is life? Live is live? Wurscht. Life is ein bestenfalls solides Sci-Fi-Patchwork aus „Alien“, „Gravity“ und „Apollo 13“. Eine Marssonde bringt ein possierliches Tierchen auf die ISS, das erstaunlich schnell wächst und die Crew bald vor einige Probleme stellt. Die Hütten brennt. Bald wird die internationale Raumstation ordentlich zerfleddert und es stellt sich die berechtige Frage, wie man die Haut retten kann dort im eiskalten und nicht unbedingt menschenfreundlichen Weltall in noch dazu so schlechter Gesellschaft. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht unspannend und dank einer guten, launigen Besetzung (u.a. Jake Gyllenhaal, Ryan Reynolds und Rebecca Ferguson) auch recht unterhaltsam anzusehen, aber Originalitätspreise gibt’s dafür keine. Selbst den überraschenden Schlussgag sieht man kommen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich M. Night Shyamalans Facepalm beim Sichten des Films. Für eine nette Sonntagabendunterhaltung reicht der Film durchaus aus, er hat auch definitiv seine Stärken wie zB die Schauwerte (die Schwerelosigkeit der Astronauten ist wirklich hübsch anzusehen), aber abgesehen von den Spezialeffekten ist der Film eher enttäuschende 0815-Durchschnitts-Sci-Fi-Kost.


5,0
von 10 Kürbissen

Get Out (2017)

Regie: Jordan Peele
Original-Titel: Get Out
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror, Thriller, Satire
IMDB-Link: Get Out


Das Regiedebüt von Jordan Peele ist derzeit in aller Munde und überaus erfolgreich. „Get Out“ ist der derzeit zweiterfolgreichste Rated-R-Horrorfilm der Geschichte (hinter „Der Exorzist“). Auch die Kritiker lieben den Film. Dementsprechend groß waren meine eigenen Erwartungen. Und „Get Out“ hat diese nicht enttäuscht. Was als Horrorfilm vermarktet wird, sich wie ein Psychothriller mit Horrorelementen und teils satirischen Anstrichen anfühlt, erweist sich als kluges und unglaublich spannendes und unterhaltsames Statement zum Alltagsrassismus in den USA. Chris, ein junger, wohlerzogener und schwarzer Fotokünstler, begleitet seine weiße Freundin zu deren Eltern in ein abgelegenes Landhaus. Er wird freundlich von den Eltern aufgenommen, nur der Bruder ist passiv aggressiv, und die beiden schwarzen Bediensteten verhalten sich merkwürdig und feindselig. Irgendetwas stimmt hier nicht so wirklich. Oder bildet er sich alles nur ein?

Jordan Peele zeigt auf, wie unterschwellig Rassismus auch stattfinden kann, selbst in liberalen Kreisen. Auch wenn Chris von der Familie freundlich aufgenommen wird, so ist seine andersfarbige Haut dennoch immer wieder (teils ungewollt) ein Thema. Es findet eine deutliche Abgrenzung statt zwischen Chris und der Familie, und die Versuche, Brücken zu schlagen, zeigen erst die Gräben auf. Auf seine Art ist „Get Out“ neben dem diesjährigen Oscar-Gewinner „Moonlight“ ein zweiter wichtiger Film zur afroamerikanischen Minderheit und deren (Alltags-)Problemen. Während allerdings „Moonlight“ bewusst schwere Kost ist, kommt „Get Out“ in einem sehr unterhaltsamen und satirischen Horrorsujet daher und vermittelt damit seine Botschaften unterschwelliger. Der Film macht Spaß – und regt danach zum Nachdenken an. Unterm Strich bleibt „Get Out“ immer noch ein recht klassischer Horrorthriller und ist damit in einem Genre angesiedelt, das mich nur selten begeistert, und er ist, was seine oberflächliche Handlung betrifft, auch sehr vorhersehbar, aber durch diese zusätzliche Ebene der Rassismus-Thematik sticht der Film in seinem Genre deutlich und positiv hervor. Ich halte es für durchaus möglich, dass wir uns vor der nächsten Oscar-Verleihung wieder über diesen Film unterhalten werden.


7,5
von 10 Kürbissen

Die andere Seite der Hoffnung (2017)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Toivon tuolla puolen
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Toivon tuolla puolen


„Die andere Seite der Hoffnung“, mein erster Kaurismäki überhaupt, erzählt zwei Geschichten, die beide von Flucht und Neuanfang handeln, parallel: Jene des syrischen Flüchtlings Khaled, den das Schicksal nach Finnland verschlägt und der dort um Asyl ansucht, und jene des Geschäftsmannes Wikström, der eines Tages seine Frau verlässt, um als Restaurantbesitzer neu anzufangen. Die beiden Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten, kreuzen sich irgendwann auch. Untermalt werden die beiden Lebensgeschichten von einem unglaublich trockenen, sehr lakonischen Humor, der sicherlich nicht Jedermanns Sache ist. Meine ist sie schon. Die an sich sehr tragischen Geschichten bekommen dadurch herrlich absurde Untertöne, und selbst wenn die Nazis der Finnischen Befreiungsarmee auftauchen und man eigentlich um das Leben des sympathischen Khaled fürchten muss und sich gleichzeitig stellvertretend schämt für all das rechte Gesöcks, das unsere westlichen Wohlstandsgesellschaften zu Orten der Barbarei macht, so darf dennoch auch immer ein wenig geschmunzelt werden, denn Kaurismäki schafft es, selbst den ernsten Szenen einen Anflug von Leichtigkeit zu verleihen, die diese erträglicher macht. Allerdings bleibt der Film in seiner Botschaft für mich dennoch ein wenig unentschlossen. Ja, er erzählt von der Würde des Menschen und von Solidarität, aber bei all der Leichtigkeit des Tonfalls scheint der Film an manchen Stellen, v.a. am Ende, auf die Schwere seines Themas zu vergessen bzw. diese wegwischen zu wollen. Dadurch ist der Film zwar durchgängig sehr sehenswert und unterhaltsam, aber ein bisschen mehr Konsequenz hätte ich mir schon gewünscht. Trotzdem: Ein guter und meistens positiver und auf eine lakonische Weise sehr menschlicher Film ist „Die andere Seite der Hoffnung“ allemal.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Kong: Skull Island (2017)

Regie: Jordan Vogt-Roberts
Original-Titel: Kong: Skull Island
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Action, Fantasy
IMDB-Link: Kong: Skull Island


Da ist er wieder, der große, grimmige Affe. Und während sich der Originalfilm aus den 30ern sowie Peter Jacksons Neuverfilmung Zeit nehmen, ehe sie den haarigen Burschen in all seiner Pracht enthüllen, geht Jordan Vogt-Roberts in „Kong: Skull Island“ von Anfang an drauf. Schon in der Eingangssequenz wird klar: Hier kommt Großes auf uns zu! Und so dauert es auch nicht lang, und schon sind wir mitten im schönsten Gemetzel Mensch gegen Affe, wobei die Soldaten, die gerade aus dem verlorenen Vietnam-Krieg in die Heimat aufbrechen wollten und noch eine letzte Mission zu erfüllen haben, weil irgendein verrückter Wissenschaftler partout auf einer bislang unerforschten Insel herumspazieren möchte, bald feststellen, dass ihr eigentlicher Krieg gerade erst begonnen hat – und diesmal ist sogar der Kampf ums nackte Überleben fast aussichtslos. Allerdings vollzieht der Film ab etwa der Hälfte und mit dem Auftauchen eines gut gelaunten John C. Reilly eine interessante Wendung. „Kong: Skull Island“ fügt der Geschichte von King Kong ein nicht unwesentliches Kapitel hinzu, das von ökologischer Verantwortung und der Bestie Mensch berichtet. Nicht unbedingt etwas bahnbrechend Neues, aber im Zusammenhang mit King Kong, dem König der Insel, durchaus interessant. Natürlich bleibt „Kong: Skull Island“ in erster Linie ein Actionfeuerwerk – und als solches funktioniert der Film herausragend gut. Die CGI lässt den Zuseher staunen – hier wird wirklich alles rausgeholt, was die heutigen Rechner hergeben. Die Kameraarbeit ist exzellent und fängt die wilde Schönheit der Insel genauso wie die dynamischen Actionszenen ästhetisch ein. Die (kleineren) Probleme von „Kong: Skull Island“ liegen woanders. So wartet der Film zwar mit einem tollen Cast auf (allen voran Tom Hiddleston, Brie Larsen, John Goodman und der für einen solchen Film unausweichliche Samuel L. Jackson), aber der Fokus liegt eindeutig nicht auf den Charakteren. Deren Motivationen sind oftmals sehr simpel gehalten, sie sind Stereotype, die für gewisse Ausprägungen der Menschheitsgeschichte stehen. Das ist schon okay in diesem Zusammenhang, aber glänzen können die ansonsten großartigen Schauspieler auf diese Weise halt nicht. Wie schon so oft bei King Kong gesehen: Die interessanteste Persönlichkeit hat der Affe. Unterm Strich ist „Kong: Skull Island“ keine Neuerfindung des Kinos, aber ein schön anzusehender Action-Kracher, der Spaß macht, und dem Publikum noch eine Botschaft mitgibt. Passt.


7,0
von 10 Kürbissen

Die Schöne und das Biest (2017)

Regie: Bill Condon
Original-Titel: Beauty and the Beast
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Fantasy, Liebesfilm, Musikfilm / Musical
IMDB-Link: Beauty and the Beast


Ladies Night im Artis Cinema. „Die Schöne und das Biest“. Und ich, männlich, den Altersschnitt deutlich anhebend, mitten drin. Weil: Kindheitserinnerungen. Und: Emma Watson. Plus ein Cast, der sich bis in den kleinsten Nebenrollen gewaschen hat: Ewan McGregor. Ian McKellen. Emma Thompson. Kevin Kline (den ich bis zum Schluss nicht erkannt habe). Stanley Tucci. Luke Evans (ein stimmlich und schauspielerisch herausragender Fiesling Gaston). Doch wie ist „Die Schöne und das Biest“ nun? Kommt die Realverfilmung von Bill Condon an den Trickfilmklassiker der 90er Jahre heran? Eines gleich mal vorweg: Wer den Zeichentrickfilm liebt, muss sich vor der Realverfilmung keineswegs fürchten. Im Gegenteil: Alle Zeichentrickfans, die mit mir im Kino waren, waren begeistert von diesem prunkvoll inszenierten Spektakel. „Die Schöne und das Biest“ ist kein Film der leisen Töne – hier wird so richtig protzig aufgetragen, man singt sich die Seele aus dem Leib. Dass diese dennoch nicht in der Luft verschwindet, sondern an einem Faden festgehalten wird, ist eben dem gewaltigen Cast zu verdanken, der (in den meisten Fällen ausschließlich als Sprechrollen und mit Gesang) jeder Figur Leben einhaucht und für den einen oder anderen lockeren Moment sorgt. Das Herzstück des Films ist aber Emma Watson als Belle. Ich muss gestehen, dass ich die erste Gesangsnummer gebraucht habe, bis ich mich an sie an Belle gewöhnt hatte, denn Emma Watson spielt sie nicht als unschuldiges, naives Liebchen, sondern verleiht der Figur eine Stärke und Unabhängigkeit, die ich erst mit den Erinnerungen an die Figur aus dem Zeichentrickfilm zusammenbringen musste, aber dann durchwegs genießen konnte. Belle ist durch Watsons Darstellung eine emanzipierte und moderne Frau geworden. Der neue Anstrich steht dem Disney-Klassiker sehr gut. Natürlich ist der Film nicht frei von Schwächen. Die CGI sieht manchmal ein bisschen daneben aus. Die Wölfe zum Beispiel. (Offenbar gehören Wölfe generell zu den größten Herausforderungen der Visual Effects Departments, an denen man regelmäßig scheitert.) Und oft wurde mir persönlich bei den Gesangs- und Tanznummern ein bisschen zu dick aufgetragen. Dass ich da nicht immer 100%ig mitgehen konnte, liegt aber auch daran, dass ich nicht unbedingt die passgenaue Zielgruppe für diesen Film bin. Dennoch habe ich mich gerne mitreißen lassen von dieser bunten, melodramatischen Fantasy-Welt. Und bin wieder ein bisschen Kind geworden.


6,5
von 10 Kürbissen

Logan – The Wolverine (2017)

Regie: James Mangold
Original-Titel: Logan
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Logan


Mittwochabend. 20:15 Uhr. Es ist angerichtet, die Sitze sind bezogen, das Popcorn ist bereit. Jetzt noch eine halbe Stunde Werbung, dann geht es los. Man ist durchaus skeptisch angesichts der Berichte aus den Vorwochen. Noch nie hat eine Mannschaft ein 0:4 in der Champions League-K.O.-Phase umgedreht.

Und los. Keine drei Minuten sind durch, schon liegen die ersten zerfetzten Leichen rund um den Luxus-Schlitten, mit dem sich Logan, ehemals Wolverine, seine Brötchen als Chauffeur verdient. Luis Suarez trifft zum 1:0 für Barcelona gegen eine indisponierte Pariser Abwehr. Nach diesem Auftakt ist alles angerichtet, die Geschichte entwickelt sich, Barcelona drückt an, Logan auch. Düstere Zeiten drohen: Barcelona vernebelt eine Chance nach der anderen, Professor Xavier ist ein uralter, seniler, tablettensüchtiger Mann, die Mutanten wie ausgelöscht von der Erde. Kurz vor Halbzeit: Dramatisches geschieht. Ein Eigentor zum 2:0. Logan und Xavier treffen auf ein junges Mädchen, das interessante Fähigkeiten besitzt. Ein schönes Gemetzel vor der Pause. Zur Halbzeit wissen wir: Hier wird mehr geboten als erwartet.

Kurz nach der Pause: Elfmeter. Messi verwandelt sicher zum 3:0. Hoffnung kommt auf, dass das Superhelden-Genre mit „Logan“ einen unerwarteten und erfrischenden Beitrag erhält. Dann aber der Schock: Im zweiten Drittel des Films wird es richtig düster und emotional heftig. Cavani schießt das 1:3. Barcelona müsste jetzt schon 6:1 gewinnen. Aber gehen die Lichter tatsächlich aus? Nein! Logan und Barcelona halten dagegen und in einem dramatischen, herzerweichenden Finish scoren zweimal Neymar und einmal Sergi Roberto zum unmöglich gehaltenen 6:1 und Logan macht das für unmöglich Gehaltene war: Die X-Men werden erwachsen und erhalten ein brutales, blutiges und unfassbar trauriges Requiem. Am Ende feiert Barcelona das Wunder, die Spieler fallen sich in die Arme, während auf einem anderen Schauplatz ein hölzernes Kreuz in der Erde steckt und man weiß, dass man Zeuge eines historischen Ereignisses wurde. Nein, nicht vom Aufstieg Barcelonas, sondern vom Abgesang der Superhelden-Filme. Ganz groß. Ich war froh, im Kino gewesen zu sein und nicht vor dem Fernseher.


8,0
von 10 Kürbissen

Wilde Maus (2017)

Regie: Josef Hader
Original-Titel: Wilde Maus
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wilde Maus


Manchmal läuft es einfach g’schissen. Davon kann Georg (Josef Hader) ein Lied singen. Den Job als Musikkritiker bei einer renommierten Zeitung ist er aus Kosteneinspargründen los. Die junge Kollegin (Nora von Waldstätten), die von klassischer Musik keine Ahnung hat, kupfert still und heimlich ab, während sie die Betroffene spielt. Der eheliche Beischlaf verkommt aufgrund des Kinderwunsches seiner Ehefrau (Pia Hierzegger) zu einer Turnübung, die aber nicht die gewünschten Resultate zeigt. Die kleinen Rachefeldzüge gegen den ehemaligen Vorgesetzten (Jörg Hartmann) ufern irgendwie ein wenig aus. Und dass er seiner Frau nichts von seinem plötzlichen Freizeitüberfluss erzählt, macht die Geschichte auch nicht einfacher. Allein der ehemalige Schulkollege (Georg Friedrich), den er zufälligerweise im Wiener Prater wieder trifft und mit dem er eine Achterbahn, eben jene „Wilde Maus“ pachtet, bietet so etwas wie eine Rückzugsmöglichkeit für den gestressten Intellektuellen. Aber irgendwann bricht halt jedes Kartenhaus zusammen. Und nicht Georg fährt die Achterbahn, sondern das Leben fährt Achterbahn mit ihm.

„Wilde Maus“, das Regiedebüt von Josef Hader, der zudem auch das Drehbuch dafür verfasst hat, ist ein herrlich lakonischer Film über die kleinen und großen Schwierigkeiten des Lebens, über Rachegelüste, über den Versuch, Haltung zu bewahren und wie man zuweilen daran scheitert. Mit gewohnt stoischem Blick legt Josef Hader seinen Georg an, dem das Leben in den Händen zerbröselt. Großartig ist Georg Friedrich in seiner Paraderolle als Wiener Original – ich könnte ihm stundenlang zuschauen. Vielleicht mag der Film insgesamt ein wenig unentschlossen in seinen Nebenhandlungssträngen sein, die Lakonie liegt sicherlich auch nicht jedem, aber er ist ein sehr ehrlicher, unaufgeregter Film über die Probleme gewöhnlicher Menschen. Er dramatisiert nichts, spielt aber die Entscheidungen, die wie die Spiralen einer Achterbahn in den Abgrund führen, nicht hinunter. Nichts an diesem Film ist spektakulär, aber insgesamt ist er eine runde Angelegenheit und zeigt das Leben, wie es eben manchmal so ist. Eine Achterbahnfahrt mit offenem Ausgang, ob man während der Fahrt aus dem Wagen speibt oder trotz grünlicher Gesichtsfarbe bis zum Ende durchhält.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)