The Favourite – Intrigen und Irrsinn (2018)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Favourite
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: The Favourite


Giorgos Lanthimos hat es mit Tieren. In „Dogtooth“ redet ein Vater seinen Kindern ein, dass das gefährlichste Tier der Welt die Katze sei. In „The Lobster“ verwandelt er gleich paarungsunfähige Zeitgenossen in Tiere. Und in „The Favourite“ gibt es Entenrennen zu bestaunen und Kaninchen, die stellvertretend für die toten Kinder der Königin herhalten müssen. Im Gegensatz zu seinen früheren Werken gibt sich Lanthimos in seinem neuesten Werk allerdings erstaunlich zugänglich. Vordergründig ist „The Favourite“ ein Kostümfilm über die unfähige Queen Anne (zum Niederknien gespielt von Olivia Colman) und den Intrigen an ihrem Hof, befeuert durch ihre enge Vertraute und Ratgeberin Lady Marlborough (Rachel Weisz, smells like Oscar spirit) und der tief gefallenen Adeligen Abigail (Emma Stone, die ihren Kolleginnen um nichts nachsteht), die sich wieder nach oben arbeiten möchte in der Gesellschaft. Und die mit ihren Ambitionen naturgemäß die Stellung von Lady Marlborough bedroht, was diese nicht auf sich sitzen lassen möchte. Zwischen diesen beiden intriganten Damen und der Königin förmlich zermalmt werden die männlichen Figuren, die hier definitiv nichts zu melden haben. Frauenpower ist angesagt in Lanthimos‘ Werk, und das auf eine so schauerlich bitterböse Weise, dass einem schier die Luft wegbleibt und man eigentlich nur noch Mitleid mit den Figuren hat – mit allen nämlich. Genüsslich seziert Lanthimos Machtgefälle und Abhängigkeiten und kommt am Ende zu einem konsequenten Schluss: Intrigen gehen nie gut aus, am Ende sind alle verletzt. Der Weg zu dieser Erkenntnis ist dekadent ausgestattet, hinreißend gespielt, mit scharfzüngigen Dialogen und herrlich unkonventionellen Szenen gespickt – und immer wieder für eine Überraschung gut, in der Lanthimos zeigt, dass Authentizität nicht sein Ding ist, sondern vielmehr die innere Logik und Dramaturgie der Welt, die er filmisch vermisst. Und die ist immer stimmig, selbst wenn sie für die seltsamste und denkwürdigste Tanzeinlage seit „Pulp Fiction“ sorgt.


8,5
von 10 Kürbissen

The Girl in the Book (2015)

Regie: Marya Cohn
Original-Titel: The Girl in the Book
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: The Girl in the Book


Ich mag ja Filme über Bücher oder über Schriftsteller. Selbst bin ich eigentlich immer mit einem Buch unterwegs, und da ich selbst schreibe (abseits dieses Blogs auch fiktionale Texte), finde ich bei diesen Themen in der Regel sehr schnell einen persönlichen Bezug und entwickle damit rasch Interesse für den Film. „The Girl in the Book“, das Regiedebüt von Marya Cohn, klang schon mal vielversprechend. Es geht um die junge Lektorin Alice (Emily VanCamp), die nach vielen Jahren auf ihren einstigen Mentor Milan (Michael Nyqvist) trifft. Der, damals ein aufstrebender Stern am Literaturhimmel, hat das junge, vierzehnjährige Talent gefördert. Doch heute schreibt Alice keine Zeile mehr. Und als sich der ehemals väterliche Freund erstmals im Verlag zeigt, duckt sie sich weg. Da gab es also offensichtlich auch unschöne Momente zwischen den beiden. Und nach und nach entfaltet sich in Rückblenden das ganze Drama: Dass nämlich Milan höchst interessiert daran war, für das hübsche und introvertierte Mädchen mehr zu sein als nur ein Mentor. Die wiederum war in einem Zwiespalt der Gefühle – einerseits erfreut darüber, dass sich ein solch stattlicher Mann für sie interessierte, andererseits auch völlig überfordert mit der Situation und der Art und Weise, wie Milan sie manipulierte. Lolita lässt grüßen. Das alles hätte einen wirklich lange nachwirkenden Film abgeben können. Für das dramatische Thema kommt der Film einfach viel zu leichtfüßig daher und ist kaum glaubhaft. Auch ist Alice eigentlich die einzig interessante Figur in dem ganzen Ensemble. Milan selbst wird stereotyp und eindimensional gezeichnet, und die Nebenfiguren gehen unter vor Klischees – sei es der neue Love Interest mit dem sozialen Gewissen, der alles bestimmende Vater, die unterbutterte Mutter, die beste Freundin mit dem Kind, die immer mit guten Ratschlägen bereitsteht. Und irgendwann ist das alles nur noch ärgerlich, vor allem, da dieses brisante Thema, die pädophile Beziehung und die seelischen Verwundungen, die daraus entstehen, so banal abgetan wird.


3,5
von 10 Kürbissen

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922)

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Original-Titel: Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens
Erscheinungsjahr: 1922
Genre: Horror, Fantasy
IMDB-Link: Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens


Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ gilt als einer der ersten großen Horrorklassiker. Max Schreck als Nosferatu, die Adaption von Bram Stokers Klassiker „Dracula“, macht auch heute noch seinem Namen alle Ehre. Wenn er mit starrem Blick in der Tür steht, die Finger mit den ewig langen Nägeln von sich gespreizt und das Lippen zu einem Lächeln hochgezogen, bei dem jeder Zahnarzt sofort in Ohnmacht fällt, dann gruselt es einen heute noch. (Zumindest eben jeden Dentalhygieniker.) Über die Story an sich muss nicht viel erzählt werden, denn kaum ein anderer Klassiker der Literaturgeschichte wurde so oft auf Celluloid gebannt wie „Dracula“. Und auch wenn die Namen hier aufgrund fehlender Rechte der Produktionsfirma ausgetauscht werden mussten, so sind die Bezüge klar ersichtlich und der Handlungsverlauf folgt auch in groben Zügen der literarischen Vorlage. Einen größeren Raum nimmt dabei die Fahrt der Demeter, das Schiff, das Dracula/Nosferatu nach England bringt, ein. Und an dieser Stelle erinnere ich mich mit Bedauern daran, dass die Verfilmung der letzten Fahrt der Demeter durch Stefan Ruzowitzky nie etwas geworden ist. Denn ein einsames Schiff mitten im Ozean, das nach und nach entvölkert wird durch einen Vampir an Bord – ja, das hätte etwas. Der Teil, der in England spielt, fällt bei „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ hingegen überraschend kurz aus. Und hier ist auch eine interessante Abweichung von der Vorlage zu entdecken: Nicht die Herren nämlich entledigen sich des Blutsaugers, sondern die Dame bringt das Viech durch ihre Opferbereitschaft zur Strecke. Eine nette feministische Variation des Themas, die dem Film gut zu Gesicht steht. Natürlich ist der Film altersbedingt heute nicht mehr State of the Art, und manche Szenen sind aus heutiger Sicht eher unfreiwillig komisch. Auch Dramaturgie und Erzähltempo haben sich in den vergangenen 100 Jahren deutlich geändert. Dennoch ist der Film immer noch für eine Sichtung und einen kurzweiligen Filmabend gut und zurecht einer der Klassiker, die in dem Schinken „1001 Filme, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ aufgelistet sind.


7,5
von 10 Kürbissen

Eine neue Chance (2007)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Things We Lost in the Fire
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Drama
IMDB-Link: Things We Lost in the Fire


Bekannter ist der Film wohl auch bei uns unter seinem Originaltitel „Things We Lost in the Fire“. Darin hat Halle Berry als Audrey Burke gerade ihren Mann (David Duchovny) verloren, der Zivilcourage mit seinem Leben bezahlen musste. Erst kurz vor der Beerdigung erinnert sich Audrey daran, dass Brians alter Freund Jerry (Benicio del Toro) noch gar nichts von dem Unglück weiß. Denn sie mag Jerry nicht, einen ehemaligen Anwalt, dessen Leben auf die schiefe Bahn geraten ist und der nun heroinsüchtig ist. Da ihm aber Brian immer die Stange gehalten hat, kann sie ihn nicht ausschließen. Und um ihr Gewissen zu beruhigen und vielleicht auch, um Brians andenken zu ehren, möglicherweise einfach nur aus Einsamkeit und Überforderung mit ihren zwei Kindern, lädt sie Jerry ein, fortan in ihrer zur Wohnung ausgebauten Garage zu schlafen und ihr im Haushalt zu helfen. Das Verhältnis der beiden ist nicht spannungsfrei, wie man sich denken kann, doch allmählich entwickelt man so etwas wie Verständnis füreinander. „Things We Lost in the Fire“ ist vor allem getragen von der großen Schauspielkunst der beiden Hauptakteure. Sowohl Halle Berry als auch Benicio del Toro spielen wunderbar nuanciert und glaubhaft. Auch tut es der Geschichte gut, dass manche dramaturgische Klischeefallen, die die Beziehung der beiden zueinander betrifft, vermieden werden – wenngleich der Film dafür in alle übrigen Klischeefallen fröhlich hinein hopst, vor allem, was Jerrys Sucht betrifft. Genau diese Unausgewogenheit führt bei mir auch dazu, dass ich den Film zwar als solide wahrgenommen habe, aber mich nicht zu einer höheren Bewertung durchringen kann. Auch sei ausdrücklich gewarnt: Das hier ist ein DRAMA, also so ein richtig dramatisches Drama mit vielen vielsagenden Blicken, Momenten der Verzweiflung und wenig Licht. Also: Schokolade bereit halten!


6,5
von 10 Kürbissen

Stromboli (1950)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Stromboli, terra di Dio
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama
IMDB-Link: Stromboli, terra di Dio


Ingrid Bergman, die unterkühlte Schöne. Da kann man sich schon mal hinreißen lassen. Wie etwa der sizilianische Kriegsflüchtling Antonio (Mario Vitale). Noch im Flüchtlingslager macht er der von Bergman gespielten Litauerin Karin einen Antrag, den sie mangels Alternativen annimmt. Das heißt aber auch, dass sie mit ihm zurückgehen muss in sein Fischerdorf auf der Vulkaninsel Stromboli. Viel ist dort ja nicht los. Das Dorf ist halb verlassen, da die Jungen ihr Glück woanders suchen, nur die Alten sind noch da oder aus den Staaten zurückgekehrt, und hin und wieder spuckt einem der Vulkan Steine auf den Schädel. Dass sich die wohlerzogene Dame da nicht gleich pudelwohl fühlt, ist nur verständlich. Ein bisschen mehr bemühen könnte sie sich aber schon. So ein Flirt mit dem Leuchtturmwärter, wenngleich auch harmlos, trägt aber nicht eben zum guten Bild bei, und schon bald hat sie das ganze Dorf gegen sich aufgebracht. Da nutzt es dann auch nichts mehr, dem Dorfpfarrer schöne Augen zu machen. Und Antonio? Nun, der hat ein kindliches Gemüt und checkt nicht so wirklich wie er seine Frau glücklich machen kann. (Was aber angesichts ihrer Ansprüche ohnehin ein zu hoch gesetztes Ziel wäre.) Dramatische Verdichtung nennt man das, was dann nach einer Weile geschieht: Karin erfährt von ihrer Schwangerschaft und der Vulkan Stromboli bricht aus. Und schon haben wir den Salat. „Stromboli“ ist vielleicht nicht Rossellinis bestes Werk, aber dank einer großartig spielenden Bergman, eindrucksvoller Landschaftsaufnahmen und einer authentischen Darstellung des sizilianischen Dorfs kann der Film auch heute noch überzeugen. Und das dramatische Ende entschädigt auch für die eine oder andere Länge, die sich zwischendurch einschleicht.


7,0
von 10 Kürbissen

Es war Nacht in Rom (1960)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Era notte a Roma
Erscheinungsjahr: 1960
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Era notte a Roma


Italien während der Zeit durch die nationalsozialistische Besatzung. Es herrscht Chaos. Italiener verstecken Partisanen und Kriegsflüchtlinge in der Hoffnung auf Befreiung. Wer mit einem Kriegsflüchtling erwischt wird, muss damit rechnen, an die Wand gestellt zu werden. Blöd für die junge Esperia (die bezaubernde Giovanna Ralli), dass sie deren gleich drei in ihrem Dachboden sitzen hat: Den britischen Major Michael Pemberton (Leo Genn), den US-Amerikaner Lieutenant Peter Bradley (Peter Baldwin) und den russischen Soldaten Fjodor Nazukow (Sergej Bondarchuk). Ihr Verlobter Renato (Renato Balducci), selbst im Widerstand, findet das eigentlich ganz nett und freundet sich schon bald mit den drei Soldaten, die gemeinsam viel erlebt haben, an. Allerdings wird einem die Zeit schon lang, wenn man nur verborgen im Dachboden hocken kann und auf das Eintreffen der eigenen Truppen hoffen muss. Da sitzt man mitten in der vielleicht schönsten Stadt der Welt und kann nicht raus. Dazu kommt noch die Sprachbarriere – einerseits zu der hübschen Gastgeberin, andererseits auch untereinander, da der Russe kein Englisch spricht. Und trotzdem bildet sich da allmählich eine Gemeinschaft, die über die Schicksalsverbundenheit hinaus geht. „Es war Nacht in Rom“ ist die erste Stunde lang ein Meisterwerk, das mich sprachlos machte. Wie hier auf engstem Raum in einem Kammerspiel die gut gezeichneten Charaktere zueinander finden, ist höchste Filmkunst. Da war der Film schon unterwegs in Richtung einer glatten 9 oder noch höher. Allerdings kann die (auch noch sehr gute) zweite Hälfte des Films, in der die Geschichte dann ein wenig zerfasert, dieses Niveau nicht ganz halten. Trotzdem gehört „Es war Nacht in Rom“ zu einer denkwürdigen Filmerfahrung, die lange nachhallen wird. Ganz großes Kino von Roberto Rossellini, hat mir persönlich sogar noch besser gefallen als sein Meisterwerk „Paisà„.


8,5
von 10 Kürbissen

Schloß Vogelöd (1921)

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Original-Titel: Schloß Vogelöd
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Schloß Vogelöd


Man kennt das: Da schmeißt man einfach eine gemütliche Party, und dann taucht genau der eine Vogel dort auf, den man definitiv nicht dabei haben möchte. Weil: Man hat die Witwe seines verblichenen Bruders eingeladen, die auf den Typen nicht gut zu sprechen ist. Wenn die dann auch noch mit ihrem neuen Haberer vorbeikommt und Grumpy Ex-Schwager im Nebenzimmer sitzt, verhagelt das ganz allgemein die Stimmung. So viel Mexikaner kann man gar nicht ausschenken, als dass sich die Gemüter noch erheitern. Wenn’s auch noch dauernd schifft und man ohnehin nichts tun kann, legt man am besten The Cure auf und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, bis der Spuk ein Ende hat. In der Zwischenzeit kann man sich mit bösen Gerüchten und Spekulationen die Zeit vertreiben. Hat denn der Ex nicht den eigenen Bruder auf dem Gewissen? Und wo ist eigentlich der ehrwürdige Pfaffe hin, dem die Ex-Frau des verstorbenen Bruders gerade noch ihr Herz ausgeschüttet hat? In der Nacht werfen diese Fragen allerlei unangenehme Träume auf, was auch nicht gerade zur Erheiterung beiträgt. Kurz: Es liegt was in der Luft. Und der finstere Typ im Nebenzimmer hat etwas damit zu tun.

Wenn ein Film fast 100 Lenze auf dem Buckel hat und trotzdem noch spannend anzusehen ist, dann kann man durchaus von einem Werk für die Filmgeschichte sprechen. „Schloß Vogelöd“ von Altmeister Friedrich Wilhelm Murnau reiht sich da jedenfalls ein, auch wenn der Film ein wenig zurückbleibt hinter seinen größten Werken. Das Setting mit dem alten Herrenhaus im Dauerregen ist aber gut gewählt, die Geschichte spannend und voller Wendungen inszeniert (M. Night Shyamalan muss den gesehen habe, da bin ich mir sicher) und die Darsteller geben auch alles. Da sieht man auch gerne über die eine oder andere kleinere Länge oder darstellerische, der Jugend des Films (der damals wirklich noch in den Kinderschuhen steckte) geschuldete Unbeholfenheit hinweg. Fazit: Kann man auch heute noch sehr gut ansehen.


7,0
von 10 Kürbissen

Nude Area – Sehnsucht & Verführung (2014)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Nude Area
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nude Area


Urszula Antoniak ist mir vor einigen Jahren mit ihrem Debütfilm „Nothing Personal“ positiv aufgefallen, eine melancholische Studie über zwischenmenschliche Annäherung. Dementsprechend gespannt war ich auf „Nude Area“. In diesem Film begehrt ein 16jähriges Mädchen aus gutem Haus eine muslimische Mitschülerin. Einen Sommer lang umschleichen sich die beiden, wortlos, nur ihre Blicke, ihre Mimik und ihre Gesten zeigen das Verlangen. So weit, so schön. Es geht doch nichts über sinnliches Begehren, das sich im Körper ausdrückt. Blöd nur, dass Antoniak bei all den vielsagenden Nahaufnahmen darauf vergessen hat, einen Film zu drehen. Denn das Konzept geht einfach nicht auf. „Nude Area“ ist zweierlei: Langweilig und bieder. Was für einen Film, in dem es um Begierde geht, das Todesurteil bedeutet. Selbst die formale, handwerkliche Umsetzung ist so uninspiriert, dass es fast schon wieder eine Kunst für sich ist. Blaustichige Bilder werden mit dissonantem Klaviergeklimper untermalt, und irgendwann taucht auch mal ein verschlafenes Saxofon auf. Das hat man schon in den 80ern nur noch im spätabendlichen Fernsehfilm gesehen. Auch dass der Film völlig wortlos und ohne eine einzige Dialogzeile auskommt, unterläuft die Dramaturgie eher, als dass es Spannung erzeugt. Denn wenn man alle fünf Minuten denkt: „So redet doch endlich mal miteinander, ihr fetzendepperten Tussis!“, dann wirkt sich das nicht förderlich auf das Qualitätsempfinden des Films aus. Allerdings wäre der Film mit Dialog wohl auch in fünf Minuten durch gewesen. Man kann aber sagen, dass  „Nude Area“ der sauberste Film aller Zeiten ist: Ständig steht wer unter der Dusche. Wer aber glaubt, auf diese Weise den einen oder anderen Blick auf schöne Körper erhaschen zu können, wird ordentlich enttäuscht. Denn das, was man sieht, sind hauptsächlich Rücken. Und Zeitlupen-Aufnahmen von Wassertropfen, die von der Haut abperlen. Nein, nichts an diesem Film ist ein Fest für die Sinne. Und nichts davon macht Sinn. Schade um die Zeit.


2,0
von 10 Kürbissen

RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit (2018)

Regie: Julie Cohen und Betsy West
Original-Titel: RBG
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: RBG


Ich muss gestehen, mir sagte der Name Ruth Bader Ginsburg nicht viel. Am ehesten bringt man sie hierzulande in Verbindung mit dem Präsidentschaftswahlkampf von Donald Trump, gegen den sie sich, Richterin am US-amerikanischen Supreme Court, also dem höchsten Gericht des Landes, öffentlich ausgesprochen hatte, was zu einem kleinen Skandal führte, denn von Mitgliedern des Supreme Courts wird erwartet, unpolitisch nach außen zu agieren. Über dem Teich ist Ruth Bader Ginsburg aber ein Superstar. Es gibt ihr Konterfei auf Tassen und Plakaten, irgendein Genie hat ihr den Spitznamen Notorious RBG verliehen, und der Hollywood-Film „On the Basis of Sex“, in dem sie von Felicity Jones gespielt wird, erzählt von ihrem Leben. Dabei hätte kaum jemand weniger Potential für ein solch öffentlichkeitswirksames Role Model wie Richterin Ginsburg. Zierlich ist sie und schüchtern. Sie trägt große Brillen, hat oft ein versonnenes Lächeln auf den Lippen, und lieber erzählt sie von ihrem Mann, ein erfolgreicher Steueranwalt, der immer für einen Spaß gut war, als von sich selbst. Dabei wären die USA heute in Sachen Frauenrecht noch in der Steinzeit ohne ihr. Seit den 70ern kämpfte sie entschlossen und mit brillantem Verstand gegen die Unterdrückung von Frauen in der amerikanischen Gesellschaft und zwang den Supreme Court immer wieder in die Knie, bis sie ihm schließlich selbst angehörte und darin die Stimme für Chancengleichheit, Fairness und sozialem Gewissen wurde. Auch an Kritik des inzwischen nach rechts gerückten Gerichts und dessen Urteile sparte sie nicht. Diese zierliche Frau ist eine Kämpferin, die nie müde wird, doch ihren Kampf trägt sie mit subtilen Mitteln und immer großem Respekt vor den Menschen aus. Man kann nicht anders: Nach Sichtung dieses Films hegt man die größte Bewunderung vor dieser starken Frau, die eine ganze Gesellschaft mitgeformt hat und das unprätentiös, uneigennützig und getrieben von einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Vielleicht ist die Darstellung für eine Biographie etwas einseitig geworden, aber der Film ist sehenswert und bringt einem diese interessante Frau näher. Möge sie der Welt noch viele Jahre erhalten bleiben.


7,0
von 10 Kürbissen

Shoplifters – Familienbande (2018)

Regie: Hirokazu Koreeda
Original-Titel: Manbiki Kazoku
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Manbiki Kazoku


Der goldene Staubwedel der Côte d’Azur ging 2018 nach Japan. Hirokazu Koreeda überzeugte die Jury von Cannes mit seinem Film „Manbiki Kazoku“, in dem er verhandelt, was in einer modernen Gesellschaft (und an deren Rand) Familie bedeutet. Der Film reiht sich ein in eine Reihe von großartigen Werken, die sich 2018 mit Fragen zu Familie und Familienzusammensetzung beschäftigt haben. Auch andere Filme wie beispielsweise „Meine Tochter„, „Leave No Trace“ oder „Glücklich wie Lazzaro“ behandeln die – oft selbst gewählte – Zusammensetzung von Familien. Irgendwas ist da also. Familie im 21. Jahrhundert scheint ein vielfältig ausgeprägtes Konstrukt zu sein. Und „Manbiki Kazoku“ fügt dem eine spannende Perspektive hinzu. Denn was auf den ersten Blick nach einer völlig normalen Familie aussieht (abgesehen davon, dass ein Teil des Lebensunterhalts auf nicht ganz legale Weise, nämlich durch Ladendiebstahl, gesichert wird), entpuppt sich im Laufe der Zeit als sehr heterogene Zweckgemeinschaft mit unterschiedlichsten Wurzeln. Und damit wird dem Zuseher die Frage gestellt: Was ist es, was uns als Familie tatsächlich verbindet? Allein das Blut wäre entgegen aller anderslautenden Beteuerungen ein sehr dünner Saft. Da muss es also mehr geben, und „Manbiki Kazoku“ zeigt dieses Mehr auf, als ein fünfjähriges Mädchen neu in das Patchwork hineingenäht wird. Allein das macht den Film schon mal hochgradig interessant. Dazu ist er toll gespielt, vor allem von den Kinderdarstellern (mit denen ist es ja oft so eine Sache, da Kinder gerne mal zu Overacting neigen). „Manbiki Kazoku“ berührt sehr und beschäftigt den Zuseher gedanklich auch nach dem Abspann noch länger. Allerdings ist er nicht frei von Längen. Zwar wird die Laufzeit von über zwei Stunden gut genutzt, um die Charaktere weiter auszuarbeiten, das geschieht allerdings fast beiläufig in vielen kleinen Szenen, die mitunter Sitzfleisch erfordern. Ich habe den Eindruck, dass man das etwas straffen hätte können. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

 


8,0
von 10 Kürbissen