Suburbicon (2017)

Regie: George Clooney
Original-Titel: Suburbicon
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Krimi
IMDB-Link: Suburbicon


George Clooney verfilmt ein Drehbuch der Coen-Brüder mit Matt Damon, Julianne Moore und Oscar Isaac in den Hauptrollen – die Zeitspanne, die ich brauchte, bis ich mich dazu entschlossen haben, diesen Film sehen zu wollen, betrug ungefähr 0,00035 Nanosekunden. Doch wie es oft so ist bei Filmen, an die man eine große Erwartungshaltung heranträgt: Ganz befriedigt verlässt man den Kinosaal dann doch nicht. So auch bei „Suburbicon“. Denn der Film leidet tatsächlich ein wenig an einer ziemlichen Unentschlossenheit, was er denn genau sein möchte: Eine politische Parabel zum Thema Rassismus? Eine rabenschwarze Komödie auf die Schattenseiten des kleinstädtischen Spießbürgertums? Ein Krimi? Eine Satire oder gar eine Groteske? Irgendwie ist von allem etwas dabei. Und auch die Idee, zwei Geschichten gleichzeitig zu verfolgen, nämlich die private rund um den kleinen Nicky, der nach einem Einbruch seine Mutter verliert und in weiterer Folge einige Seltsamkeiten entdeckt, die ihm an seinem Vater und seiner Tante auffallen, und eine öffentliche rund um die erste schwarze Familie, die in das Vorstadtidyll Suburbicon zieht und sich dort Anfeindungen seitens der Nachbarschaft gegenübersieht. Beide Handlungsstränge sind interessant und tragen in sich auch genug Sprengstoff. Doch existieren sie nebeneinander, und da sich die Hauptgeschichte um den privaten Vorfall dreht, geht die Rassismus-Geschichte daneben ein wenig unter, was schade ist, da sie geeigneter wäre, in der Magengrube des Zusehers zu landen. Denn der Einbruch und der Tod der Mutter mit den ungeahnten Folgen und der Eskalation daraus, wenn der Familienvater (Matt Damon) und die Tante (Julianne Moore), beide wunderbar spießig, versuchen, die Fäden, die ihnen entgleiten, doch noch irgendwie zusammenzuhalten, bietet zwar eine unterhaltsame Handlung, allerdings bleibt diese weitgehend überraschungsfrei, wenn man die dahinter liegenden Verflechtungen mal aufgedeckt hat. Anders als die Geschichte rund um die schwarzen Nachbarn. Immerhin findet der Film ein schönes und irgendwie auch verstörendes Abschlussbild, das die Geschichten zusammenführt. Und man geht aus dem Kinosaal mit einer Mischung aus Befriedigung, recht gut unterhalten worden zu sein, und Bedauern darüber, dass der Film sein Potential bei weitem nicht ausgeschöpft hat.


6,0
von 10 Kürbissen

Eine fantastische Frau (2017)

Regie: Sebastián Lelio
Original-Titel: Una Mujer Fantástica
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Una Mujer Fantástica


Ein älterer Mann führt eine junge Frau in ein Lokal aus und schenkt ihr einen Gutschein für eine Wochenendfahrt. Später tanzen sie. Sie küssen sich. Allmählich wird klar, dass die Frau Transgender ist. Sie fahren nach Hause zu ihm, gehen ins Schlafzimmer. Schnitt. Das nächste Bild: Er sitzt in der Nacht völlig geschockt mit aufgerissenen Augen am Bettrand und keucht. Was ist geschehen? Es sollte sich herausstellen, dass dieser Moment in „Eine fantastische Frau“ meine eigenen Vorurteile schonungslos aufzeigen würde. Denn mein erster Gedanke war: Jetzt hat der Mann erfahren, dass die Frau, mit der er intim geworden ist, männliche Geschlechtsorgane besitzt, und er ist davon schwer geschockt. Bei der Auflösung kurz später war ich schwer ertappt und erfuhr damit einen dieser seltenen und wunderbaren Momente, in denen man in Kino nicht nur etwas über fremde Welten, sondern auch über sich selbst erfährt. Denn Orlando, der ältere Mann, hat in diesem Moment einen Herzinfarkt, und Marina ist seine feste Freundin, seine Geliebte, und das schon seit längerer Zeit. Sie führen eine Beziehung, die auf Liebe und gegenseitigem Respekt und Akzeptanz beruht. Alles, was nun auf diesen Schreckensmoment, als Orlando keuchend im Bett sitzt, folgt, muss also von mir mit neuen, vorurteilsfreien Augen betrachtet werden. Und das ist eine der ganz großen Stärken von „Eine fantastische Frau“: Der Film ermöglicht ein Überdenken des eigenen Wertekatalogs und der Klischeefallen, in die man unter Umständen tappt. Er ermöglicht einen vorurteilsfreien Blick auf eine nicht ganz alltägliche, aber liebevolle und ehrliche Beziehung. Gleichzeitig geht es in diesem Film um Trauer, um Abschied, und ganz besonders um die persönliche Würde, um die Marina in vielen Momenten kämpfen muss – sei es gegen die Exfrau von Orlando, die seine letzte Liebe als sexuelle Perversion abtut (und damit auch Marina persönlich herabwürdigt), sei es gegen die Polizistin, die nach dem Tod von Orlando die Umstände seines Ablebens untersucht und die Marina der häuslichen Gewalt bezichtigt, sei es gegen die restliche Verwandtschaft, die Marina so sehr verachtet, dass sie ihr nicht einmal einen angemessenen Abschied im Rahmen der Trauerfeier für Orlando ermöglichen will. Immer stößt Marina auf diese Barrieren von Vorurteilen, doch weder zerbricht sie daran, noch entwickelt sie daraufhin Wut oder gar Hass. Sie ist nur um zwei Dinge bedacht: Das Bewahren ihrer Gefühle und Erinnerungen an Orlando, und ihre eigene Menschenwürde. Dafür setzt sie sich ein, ohne sich selbst auf das Niveau ihrer Peiniger hinunterzusetzen. Und das macht Marina wohl zu einer der größten Heldinnen dieses Kinojahrs. (Da kann selbst Wonder Woman einpacken.) Ein sehr schöner, stiller und zutiefst menschlicher Film.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Patti Cake$ – Queen of Rap (2017)

Regie: Geremy Jasper
Original-Titel: Patti Cake$
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Musikfilm, Komödie
IMDB-Link: Patti Cake$


Die 23jährige Patricia (Danielle Macdonald), genannt Patti, hat kein einfaches Leben. Der Vater ist abgehauen, die Mutter bis an den Rand vollgefüllt mit Erinnerungen an Enttäuschungen und mittelschwere Alkoholikerin, die Oma krank, Geld fehlt an allen Ecken und Enden, auch wenn Patti schon das Gehalt von zwei Jobs beisteuert, und aufgrund ihres Übergewichts wird sie gerne mal als „Dumbo“ verunglimpft. Das alles hält sie allerdings nicht davon ab, gemeinsam mit ihrem guten Freund Hareesh und ihrer neuen Bekanntschaft, „Basterd – The Antichrist“ (ein recht schweigsamer Geselle, wenn er nicht gerade zu dämonischen Klängen die Gitarre würgt und seinen Wut über die Konsumschafe, die die Welt bevölkern, hinausbrüllt), an der Verwirklichung ihres Traums arbeitet, eine angesehene Rapperin zu werden. Das alles klingt nicht besonders neu, ist es wohl auch nicht. Viele Handlungsstränge sind recht leicht vorhersehbar, da sich der Film sehr eng an das Narrativ der Außenseiter-findet-Bestimmung-Story hält, und wenn man dieses mal entschlüsselt hat, kann man eigentlich die Szenen schon vorab ankündigen, ehe man sie gesehen hat.  Was den Film allerdings deutlich über viele andere, ähnlich gelagerte Erzählungen hinaushebt, ist die Titelheldin. Patti Cakes ist nämlich vielschichtig und bewundernswert. Man hätte befürchten können, dass sie als Figur auf einige Klischees zusammengedampft wird, aber sie zeigt, nicht zuletzt dank der großartigen und einfühlsamen Leistung von Danielle Macdonald, alle Register der Menschlichkeit: Stärken wie Schwächen, Gewissenhaftigkeit wie Momente, in denen ihr alles entgleitet, Humor wie Trübsal, Selbstbewusstsein (wenn sie beispielsweise ihren Widersacher in einer Rap-Battle fertig macht) wie große Selbstzweifel. Ihre Geschichte wird zudem charmant erzählt und ist keinen einzigen Augenblick lang langweilig. Und so werden auch Zuseher, die mit Rap wenig bis gar nichts anfangen können (so wie ich) ihre Freude mit dem Film und seiner denkwürdigen Heldin haben, trotz überraschungsfreiem Drehbuch. Respect, Boss Bitch!


7,0
von 10 Kürbissen

Viennale 2017 – Ein Fazit

Seit gestern ist die Viennale 2017, die letzte, die der im Sommer verstorbene Hans Hurch zum größten Teil gestaltet hat, nun auch wieder Geschichte. Ich selbst bin es überraschenderweise nicht, trotz 27 Filmen in 14 Tagen (davon 2 Viennale-frei). Bei meiner Filmauswahl hatte ich heuer ein glückliches Händchen. Es war wenig Mist dabei, viel Gutes. Und ein paar Highlights habe ich mir dank sicheren Kinostarts auch aufgehoben: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. The Shape of Water. Licht. Teheran Tabu. Helle Nächte. Auf die alle freue ich mich schon sehr. In meinem Viennale-Kalender untergebracht hätte ich die aber beim besten Willen nicht mehr. Auch wenn ich mir am 27., 30. und 31.10. Urlaub genommen habe, war mein Programm wirklich dicht mit zum Teil drei Filmen in Folge. Mehr geht nicht, jedenfalls, wenn man auch noch essen und schlafen möchte (und eben auch, so wie ich, arbeiten muss.)

Aber nun zu den Empfehlungen (und Verfehlungen). Das ist die Rangliste meiner gesichteten Viennale-Filme.

Herausragend:
The Florida Project

Ausgezeichnet:
Lucky
Downsizing

Sehr gut:
Mr. Long (Ryu San)
Zum Beispiel Balthazar (Au Hasard Balthazar)
How to Talk to Girls at Parties
Loveless
The Workshop (L’Atelier)
I Am Not Madame Bovary (Wo Bu Shi Pan Jin Lian)
Raw (Grave)
Sweet Country
Mein Stern
Casting
Kopfstand

Gut:
A Man of Integrity (Lerd)
Daphne
Donkeyote
Battle of the Sexes – Gegen jede Regel
A Ghost Story
Last Flag Flying

Eher mäßig:
Thousand Cuts (Le Serpent Aux Mille Coupures)
Person to Person
Marvin
Du bist nicht allein – Die Roy Black Story
The White Girl

Eher schlecht:
Before We Vanish (Sanpo Suru Shinryakusha)

Zum Vergessen:
3/4

Unter den sehr guten Filmen möchte ich aber noch mal eine Warnung vor „Raw“ aussprechen – der Film ist wirklich nichts für schwache Mägen. Und „How to Talk to Girls at Parties“ ist dermaßen absurd, dass wohl auch viele Kinogeher damit nicht viel anfangen können. Mir hat’s gefallen, aber den Film uneingeschränkt jedem empfehlen würde ich dennoch nicht. Anders als bei „The Florida Project“ – mein absolutes Viennale-Highlight dieses Jahr und auch ein Highlight auf das Gesamtjahr gesehen.

How to Talk to Girls at Parties (2017)

Regie: John Cameron Mitchell
Original-Titel: How to Talk to Girls at Parties
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Liebesfilm, Science Fiction
IMDB-Link: How to Talk to Girls at Parties


Die Viennale 2017 endete für mich mit einem lauten Knall. Das ist nämlich John Cameron Mitchells „How to Talk to Girls at Parties“ – eine laute, irrsinnige Explosion an Absurditäten, die durch den trockenen britischen Humor doch noch irgendwie eingefangen werden. Wir schreiben das Jahr 1977. Enn (Alex Sharp) ist ein junger Punk, der nächstens gerne mit seinen Freunden in Underground-Konzerten abhängt und sich dort die Seele aus dem Leib schreit. Aber eigentlich ist er ein eher schüchterner und auch wohlerzogener Geselle, dem das Fehlen seines Vaters schwer zu schaffen macht und der im Punk etwas findet, das ihm sonst verwehrt bleibt: Zugehörigkeit. Und die Möglichkeit, sich auszudrücken. Eines Nachts stoßen er und seine Kumpels auf eher seltsame Typen (vielleicht aus Kalifornien), die sich schon bald aus Außerirdische entpuppen, die das irdische Leben studieren. (Die Szene, in der sich die Punks in diese eigenartige Gesellschaft mit noch eigenartigeren Ritualen mischen und versuchen, all das, was sie sehen, zu behirnen und das gleichzeitig runterzuspielen, ist saukomisch.) Eine davon, die junge Zan (Elle Fanning), tanzt dabei etwas aus der Reihe. Sie ist ein bisschen rebellisch, ein bisschen unangepasst, ein bisschen Punk eben. Und so sprühen schon bald die Funken zwischen Enn und Zan. „How to Talk to Girls at Parties“ ist unkonventionell, laut und schrill – jedenfalls in der ersten Hälfte des Films. In der zweiten schlägt er dann ruhigere Pfade ein, bleibt dabei aber seinem Thema treu und wartet auch weiterhin mit allerlei absurden Situationen auf. Vieles davon ist Trash pur – und das muss man mögen, sonst wird man mit dem Film keine Freude haben. Das Ende ist dann recht routiniert und vorhersehbar abgespielt und nimmt dem Film ein bisschen an Fahrt – andererseits ermöglicht es dem Zuseher auch, wieder in unserer eigenen Welt anzukommen, um dann das Gesehene erst einmal zu sortieren und zu verdauen können. Unterm Strich ist „How to Talk to Girls at Parties“ eine phasenweise irrsinnig witzige, eigentlich immer schrille und unkonventionelle Liebeskomödie zwischen Punks und Aliens. Wen das nicht abschreckt, kann hier gerne zugreifen – aber für alle, die es gerne etwas leiser und/oder subtiler mögen, ist das wohl eher nicht der ideale Film.


7,5
von 10 Kürbissen

Zum Beispiel Balthazar (1966)

Regie: Robert Bresson
Original-Titel: Au Hasard Balthazar
Erscheinungsjahr: 1966
Genre: Drama
IMDB-Link: Au Hasard Balthazar


In Gedenken an Hans Hurch, den vor kurzem verstorbenen Direktor der Viennale, suchten in einer Hommage vierzehn Freunde jeweils einen Film aus, den sie Hurch widmen möchten. Die Wahl von Tilda Swinton fiel auf „Au Hasard Balthazar“ von Robert Bresson. Dieser wurde bei seinem Erscheinen von der Kritik frenetisch gefeiert, und Godard meinte sogar, dass der Film in 90 Minuten die ganze Welt zeigen würde. Godard. Mein alter Spezi. Hüstel. Jetzt die spannende Frage: Kann ein Film, den Godard liebt, auch mir gefallen? Die Antwort vorweg: Ja, er kann. Denn Bresson ist nicht Godard, und die Leidensgeschichte des Esels Balthazar ist eindringlich und gleichzeitig ökonomisch erzählt – auch wenn man dem Film sein Alter ansieht, vor allem in manch unbeholfener Darstellerleistung. Von der ungestümen und unschuldigen Jugend über die harten Jahre als misshandelter Packesel und gedemütigter Zirkusesel bis zum Tod zeichnet Bresson das Leben Balthazars nach und findet damit eine Allegorie auf das menschliche Leben und die parallel ablaufende Geschichte der jungen Marie, der einzige Mensch, der Balthazar wirkliche Zuneigung zukommen lässt. Der religiöse Symbolismus, der aber nur dezent in den Film eingebaut wird, lässt sich recht leicht als Anspielung auf den Leidensweg Christi entziffern. Die unschuldige Kreatur büßt für die Sünden der Menschen. Die meisten Menschen nämlich nutzen Balthazar für Zwecke, die nicht unbedingt als rechtschaffen zu bezeichnen sind. Der Esel lädt die Sünden nicht nur im übertragenen Sinne auf – sondern auch auf seinem Rücken. Dabei ist „Au Hasard Balthazar“ kein religiöser Film. Man kann ihn auch als naturalistischen Abgesang auf die Unschuld sehen. Das Ende ist bitter und rührt zu Tränen. Die Unschuld ist tot.


7,5
von 10 Kürbissen

Sweet Country (2017)

Regie: Warwick Thornton
Original-Titel: Sweet Country
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Western, Krimi
IMDB-Link: Sweet Country


Das australische Outback in den 20er Jahren. Kein angenehmer Ort. Vor allem nicht, wenn man den Aborigines angehört. Diese werden als Sklaven gehalten. Eine Ausnahme ist hierbei Sam mit seiner Ehefrau Lizzie und seiner Nichte Lucy. Sie leben auf der Farm des Predigers Fred Smith, der sie als gleichberechtigt betrachtet. Nützt ihnen aber auch nichts, als Fred Smith eines Tages in die Stadt muss, und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände der rassistische Trunkenbold Harry Marsh, der gerade in die Gegend gezogen ist, einen entlaufenen Aborigines-Jungen bei Sam vermutet und diesen attackiert. Sam hat keine andere Wahl, um sich und seine Frau zu schützen – er erschießt Harry Marsh. Sofort machen sich Sam und Lizzie auf die Flucht ins Outback. „Warum?“, wird er später gefragt werden. „I shot a Whitefella.“ Und damit ist für alle Beteiligten die Schuldfrage ausreichend geklärt. Ein Schwarzer hat einen Weißen erschossen, der Schwarze muss hängen. So sieht das auch der Sergeant der Stadt, der sich dem flüchtigen Ehepaar auf die Fersen heftet. „Sweet Country“ ist eine Mischung aus „12 Years a Slave“, „Quigley, der Australier“ und klassischen Western. Gegen Ende wird er auch noch zum Justizdrama. Nur von einer Australien-Romantik a la „Crocodile Dundee“ ist hier aber weit und breit nichts zu sehen. Das Land ist so unfreundlich wie die Herzen der Männer, die es bevölkern. Und kaum vermeint man einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erkennen, macht der Film wieder eine Wendung hin zum Schlechten. Dabei überdramatisiert der Film sein Thema allerdings nicht. Im Gegenteil. „Sweet Western“ wird sehr nüchtern und zurückhaltend erzählt – manchmal an der Grenze zur Langatmigkeit. Vielleicht hätte man ihn tatsächlich an der einen oder anderen Stelle straffen können, aber im Großen und Ganzen ist er sehr gut gelungen. Dass dermaßen viele ambivalente Fragen aufgeworfen und an den Zuseher zurückgeworfen werden, ohne dass sich der Film anmaßt, eine Antwort darauf vorzuschlagen, ist schon große Erzählkunst.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Loveless (2017)

Regie: Andrei Petrowitsch Swjaginzew
Original-Titel: Nelyubov
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Nelyubov


Vor zwei Jahren konnte mich Andrei Petrowitsch Swjaginzew mit seinem Film „Leviathan“ begeistern. Sein nächstes Werk „Nelyubov“ (englischer Verleihtitel auf diversen Festivals: „Loveless“) konnte ich nun im Rahmen der Viennale sichten – und ich wurde nicht enttäuscht. Swjaginzew erzählt die Geschichte einer Scheidung. Mann und Frau haben sich nicht nur einander entfremdet (und sind mittlerweile in neuen Beziehungen), sondern haben auch einen tiefen Hass aufeinander entwickelt. Ausbaden muss das der zwölfjährige Sohn Aljoscha, der eines Abends unfreiwillig Ohrenzeuge davon wird, wie die Eltern davon reden, ihn in ein Internat zu stecken, da keiner der beiden das Sorgerecht übernehmen möchte bzw. jeder den Anderen dafür in der Pflicht sieht. Am Tag darauf ist Aljoscha weg – was allerdings erst noch einen Tag später auffällt, da sowohl die Mutter als auch der Vater bei ihren neuen Geliebten waren. Anfangs wird der Fall des Ausreißers noch von den Behörden belächelt, doch als sich auch mehrere Tage später keine Spur von Aljoscha finden lässt, wird schließlich eine groß angelegte Suchaktion eingeleitet. Der Film konzentriert sich zum größten Teil auf diese Suchaktion und wie sich diese auf das Leben der beiden Eltern auswirkt, die zunächst gleichgültig wirken, dann panisch, und dann tauchen allmählich die Schuldgefühle auf. „Nelyubov“ erzählt seine Geschichte von Lieblosigkeit und Kaltherzigkeit sehr indirekt, aber nichtsdestotrotz packend und verstörend. Eine Familie geht zugrunde, doch die blutenden Wunden fühlen weniger die Figuren als der Zuseher selbst.


7,5
von 10 Kürbissen

 

A Man of Integrity (2017)

Regie: Mohammad Rasulof
Original-Titel: Lerd
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Lerd


„Entweder bist du der Unterdrückte, oder du bist der Unterdrücker.“ Dieser Satz, der irgendwann in der Mitte des iranischen Dramas „Lerd“ fällt, fasst die Prämisse des Films sehr gut zusammen. Es geht um einen Goldfischfarmer Reza, der Probleme mit dem örtlichen Konzern hat. Dieser – vertreten durch den windigen Abbas, der auch sonst überall seine Finger im Spiel hat – ist nämlich scharf auf Rezas Grundstück. Und um dieses zu bekommen, wird Reza auch kurzerhand schon mal das Wasser abgedreht. Als er sich eigenmächtig dagegen wehrt, hat er nicht nur den Konzern und seine Schergen am Hals, sondern auch die Justiz – denn wer zahlt, schafft an. Immer enger wird die Schlinge um Rezas Hals, der heillos überschuldet ist und als aufrechter und ehrlicher Mann nicht den Weg gehen möchte, den alle gehen – über Bestechung und Falschaussagen. Er hat es aber schwer als Einziger, der fair spielt in einem Spiel, in dem es sonst nur Falschspieler gibt, und das belastet zunehmend auch sein Familienleben. „Lerd“ erzählt neben der Geschichte von Korruption und Unterdrückung in einem unfreien Land auch die Geschichte von persönlicher Moral, und wie diese angesichts der Umstände und der Repressalien, denen man sich durch die unterdrückenden Mächtigen ausgesetzt sieht, zu bröckeln beginnt. „Lerd“ ist damit gleichzeitig ein politischer wie auch humanistischer Film, denn die Werte des zwischenmenschlichen Zusammenlebens werden hier hart auf die Probe gestellt. Leider weist der Film über zwei Drittel seiner Laufzeit zwar einen interessanten Plot auf, ist aber dermaßen unspektakulär und subtil erzählt, dass es schon ein bisschen Mühe kostet, der Handlung zu folgen. Im letzten Drittel allerdings dreht der Film allerdings auf, gemeinsam mit seiner Figur Reza, und findet ein starkes und erschütterndes Abschlussbild für den Kampf des aufrechten Mannes um seine Würde. Ein guter, ein wichtiger Film. Allerdings braucht man etwas Geduld dafür.


6,5
von 10 Kürbissen

Raw (2016)

Regie: Julia Ducournau
Original-Titel: Grave
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Grave


Als „Raw“ 2016 in Toronto auf dem Filmfestival gezeigt wurde, fielen einige Zuseher in Ohnmacht und mussten medizinisch versorgt werden. Das Stadtkino-Publikum gestern hatte stärkere Mägen, und die Reaktionen auf den Film beschränkten sich auf entsetztes Aufstöhnen, gefolgt von hysterischem Gelächter. Aber die Reaktionen in beiden Fällen zeigen: „Raw“ ist heftig und bricht Tabus. Der Film handelt von der jungen Vegetarierin Justine, die an der Universität, auf der auch schon ihre ältere Schwester eingeschrieben ist, das Studium der Veterinärmedizin aufnimmt. Dabei muss sie mühsame und seltsame Initiationsriten durchlaufen – was darin gipfelt, dass sie als Vegetarierin rohe Hasennieren essen muss. Ihre Schwester nötigt sie dazu und enthüllt dadurch, dass sie selbst keine Vegetarierin mehr ist. Justines Reaktion auf das ungewohnte Fleisch fällt heftig aus: Sie bekommt überall am Körper einen juckenden Ausschlag. Und sie entwickelt seltsame Gelüste – auf Fleisch. Dieser Hunger lässt sich nur schwer stillen, wie sie herausfindet. Bald reicht ihr der Hamburger nicht mehr, und sie beißt in das rohe Putenfilet. Und als bei einem Unfall ihre Schwester einen Finger verliert, erweist sich dieser als schmackhaft wie ein Hühnerhaxen. Die Büchse der Pandora ist damit endgültig offen. „Raw“ ist eine etwas andere Coming of Age-Geschichte. Hinter dem Topos des Horrorfilms verbirgt sich nämlich die Frage nach verborgenen (und verbotenen) Gelüsten und Selbstkontrolle. Der Film taucht damit tief in die menschliche Natur ein. Wie wäre es um die Welt bestellt, wenn alle Menschen einfach nur ihren Trieben und Gelüsten nachgeben würden? In Extremsituationen sieht man oft, wie die gesellschaftlich konstituierte Schranke, die unsere niederen Triebe zurückhält, eingerissen wird. „Raw“ macht im Grunde das Gleiche – nur auf eine drastischere Weise, nämlich losgelöst von der Extremsituation, ins Symbolhafte gedreht und projiziert auf eine absolute Sympathieträgerin, denn die nerdige, fleißige, unschuldige und hübsche Studentin, die Tierärztin werden möchte, ist jene Figur, die man am weitesten entfernt von solchen extremen Gelüsten glaubt. Das macht es umso unangenehmer, wenn sie gierig das aus dem Fingerstumpen ihrer Schwester tropfende Blut aufleckt. Fazit: Nur etwas für Saumägen.


7,0
von 10 Kürbissen