Red Sparrow (2018)

Regie: Frances Lawrence
Original-Titel: Red Sparrow
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Red Sparrow


Tja, die Erwartungshaltungen bei Filmen und wie sie dann beim Sichten unterlaufen werden. Darüber könnte man ganze Bücher schreiben. Ein weiteres Kapitel in diesem Buch würde sich wohl mit „Red Sparrow“ von Francis Lawrence beschäftigen. Ich also ins Kino rein mit großen Erwartungen an den viel besprochenen Softporno. Dann ist dieser aber mit so langweiligem Agentenzeug durchzogen. Fassungslos schob ich mir ein Popcorn nach dem nächsten rein, aber die Darsteller kamen einfach nicht zur Sache, sie quatschten nur. Gut, einmal wird kurz blank gezogen, und die eine oder andere Szene sorgt vielleicht beim Großvati, der den Namen des Regisseurs mit Lawrence von Arabien verwechselt hat und damit irrtümlich im Kinosaal gelandet ist, für etwas erhöhten Pulsschlag, aber um mich alten Cineasten zu erregen, muss man sich besseres einfallen lassen als das übliche „Der Regisseur deutet an, dass es gleich heftig zur Sache gehen wird im Bett – Schnitt – am nächsten Morgen wachen wir hübsch geschminkt und geföhnt im adretten, alle Körperstellen züchtig bedeckenden Nachthemd auf“. Wie gesagt, für einen Softporno echt schwach. Und den hätte man sich ja wirklich erwarten können – soll es doch um junge russische Agentinnen gehen, die vom Staat zu Meisterinnen der Verführung, quasi moderne Mataharis, ausgebildet werden, um dem bösen Westen (hier verkörpert durch einen sichtlich unterforderten Joel Edgerton) die intimsten Geheimnisse zu entlocken. Auftritt Ex-Ballerina Dominika (Jennifer Lawrencewa), die im Auftrag ihres Onkels (Matthias Schoenaertski) sowie der Spitze des russischen Geheimdienstes (Jeremy Ironsow und Ciarán Hindsew) in einer Art Boot(y) Camp (man verzeihe den schlechten Wortwitz) durch die dortige Ausbildnerin (Charlotte Ramplingowa) gedrillt wird, nachdem sie durch jenen Onkel in eine Situation manövriert wurde, die im besten Fall als „a blede G’schicht“ bezeichnet werden kann. Friss, Spatz, oder stirb, heißt es da, und da sie sich trotz zwangsweiser Ballerina-Pension noch nicht lebensmüde fühlt, wählt sie den angebotenen zweiten Bildungsweg. Und spielt fortan ein eher undurchsichtiges Spiel. „Red Sparrow“ will geheimnisvoll, spannend und erotisch sein. Achtung, Spoiler: All das ist er nicht. Geheimnisvoll: Na ja, irgendwie ist wirklich jedem Zuseher, der zumindest schon mal einen James Bond-Film gesehen hat, sehr schnell klar, wer hier welches Spiel spielt, wer die Guten und wer die Bösen sind. Spannend: Der Film hat mit einer Spieldauer von fast 2,5 Stunden deutliche Überlänge, und er weiß auch jede einzelne Minute davon auszukosten. Erotisch: Ja, man kann mal kurz JLaws Tutteln sehen, und einmal läuft Joel Edgerton hemdfrei durchs Bild. Aber für einen Film, in dem es um Verführungskünste gehen soll, ist das eine glatte Themenverfehlung – denn so wenig subtil und so unerotisch wie hier wurde die Kunst der Verführung selten dargestellt. Was ebenfalls nervt (aber natürlich dem Fokus auf den heimischen Markt geschuldet ist): Dass sich ein All-Star-Cast englischsprachiger Akteure mit sehr abenteuerlichen und wild durcheinandergemischten russischen Akzenten abmühen muss. Zwischenzeitlich war ich echt froh für Joel Edgerton, der den Joker gezogen hat, indem er die einzige relevante Figur spielen durfte, die nicht so klingt wie ein Schlaganfallpatient auf dem Weg zurück. Wie schön wäre es, wenn Hollywood endlich mal erkennen könnte, dass man Filme auch in den jeweiligen Originalsprachen drehen und dann untertiteln darf – das ist nämlich nicht verboten! Anyway: Auf der Habenseite stehen eine stets gut frisierte Jennifer Lawrence, die sich zumindest nach Kräften bemüht, und die eine oder andere kurzweilige Szene. Unterm Strich ist der Film aber recht uninspirierte Hollywood-Dutzendware.

 


4,5
von 10 Kürbissen

Arthur & Claire (2017)

Regie: Miguel Alexandre
Original-Titel: Arthur & Claire
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Arthur & Claire


Man kennt das ja: Beim Sterben kommt immer etwas dazwischen. So geht’s Arthur Schlesinger (Josef Hader), der nach Amsterdam gekommen ist, um sich am folgenden Tag in einer Klinik ein Spritzerl setzen zu lassen. Da freut man sich am letzten Abend des Lebens auf das g’schmackige Filetsteak im Nobelhotel, aber nicht mal kurz vor der ewigen Ruhe hat man seine Ruhe, denn aus dem Nachbarzimmer ertönt recht laut etwas, das Arthur nur mit Mühe als Musik erkennen kann. Also wird mal ordentlich an die Tür gehämmert, und es öffnet die adrette Niederländerin Claire (Hannah Hoekstra), die einen recht abwesenden Eindruck macht. Der Grund dafür wird recht schnell klar, als Arthur das Glas mit den Schlaftabletten erspäht. Und weil’s ja nicht sein kann, dass ihm da jemand das Sterben vorwegnimmt, schüttet er nach einigem Hin und Her eben jene in die Toilette: Der Auftakt zu einer Tragikomödie, in der sich die beiden Hauptfiguren eher unwillig, aber doch mit gewisser Neugier aufeinander beim gemeinsamen Fallenlassen ins Amsterdamer Nachtleben kennenlernen. Das ist zwar sehr charmant, allerdings krankt es bei „Arthur & Claire“ von Miguel Alexandre nicht nur beim hustenden Hauptprotagonisten, sondern auch zeitweise an der Motivation der Figuren. Manchmal tun sie Dinge, weil das Drehbuch (Mitwirkender daran: His Holyness Hader Himself) es verlangt, aber nicht, weil es in den Figuren selbst tatsächlich so angelegt wäre. Dadurch kommt ein recht vorhersehbarer, dank einiger guter Momente und einer spürbaren Chemie zwischen Hader und Hoekstra aber dennoch sehenswerter Film. Ein Feelgoodmovie übers Sterben. Bekommt man auch nicht alle Tage zu Gesicht.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen  Filmverleih)

Selma (2014)

Regie: Ava DuVernay
Original-Titel: Selma
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm, Politfilm
IMDB-Link: Selma


Dass „Selma“ von Ava DuVernay bei der Oscar-Verleihung 2015 „nur“ als bester Film und für den besten Song nominiert war (für Letzteres bekam er dann auch die Auszeichnung), gehörte zu den großen Aufregern des damaligen Jahrganges. Was ist mit einer Nominierung für Ava DuVernay? Was ist mit David Oyelowo als Martin Luther King? Beides berechtigte Fragen, wenn man den Film sieht. Denn „Selma“ ist ein sehr ambitionierter Historienfilm mit großartigen Darstellern, allen voran eben Oyelowo, über einen wichtigen Moment in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Es geht um die von Martin Luther King angeführten Selma-Montgomery-Märsche aus dem Jahr 1965, die auf das Unrecht hinwiesen, dass schwarzen Bürgerinnen und Bürgern trotz neuer Gesetze immer noch der Zugang zu den Wahlen erschwert wurden. Bürokratische Willkür, jede Menge Fallstricke in den Gesetzestexten und eine völlige Ignoranz des Problems seitens der US-Regierung sorgten dafür, dass Zehntausende Amerikanerinnen und Amerikaner jeglicher Couleurs gegen alle Widerstände von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zogen und friedlich protestierten. „Selma“ zeichnet sowohl die Vorgeschichte als auch die Märsche selbst (erst der dritte konnte erfolgreich durchgeführt werden, während die ersten beiden noch von der Exekutive behindert wurden) nach. Martin Luther King wird dabei als Familienvater und Mensch mit Stärken und Schwächen gleichermaßen gezeigt. Der ausgewogene Blick tut dem Film und seiner starken Botschaft durch. Gleichzeitig wird der Stoff dadurch teilweise auch etwas trocken abgehandelt. Über die gesamte Laufzeit von über zwei Stunden hat der Film dann doch den einen oder anderen Leerlauf. In den besten Momenten aber ist er auf eine sehr positive, unpathetische Weise ergreifend. Auch in einem exzeptionell guten Jahrgang 2014/2015 (u.a. „Grand Budapest Hotel“, „Birdman or The Unexpected Virtue of Innocence“, „Boyhood“ oder „Whiplash“) konnte sich dieser Film durchaus behaupten und gehört, so behaupte ich mal, zu jenen Filmen, die auch in einigen Jahren noch relevant sein werden.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 52 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Das Fräulein (2006)

Regie: Andrea Štaka
Original-Titel: Das Fräulein
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Drama
IMDB-Link: Das Fräulein


Mit der Heimat ist es so eine Sache. Fast jeder trägt sie im Herzen, doch wenn man lange genug woanders lebt, wird auch dieser Ort zur Heimat. In diesem Feld der Ambiguität bewegt sich Andrea Štakas Film „Das Fräulein“. Dieser erzählt von der knapp fünfzigjährigen Serbin Ruža (Mirjana Karanović), die seit fünfundzwanzig Jahren in der Schweiz lebt und nun eine Kantine betreibt. Nur ihr Akzent erinnert noch daran, dass sie ursprünglich mit großen Plänen aus dem damaligen Jugoslawien in den Westen gekommen ist. Ganz anders verhält es sich bei der jungen Ana (Marija Škaričić), die gerade eben aus Sarajevo angekommen ist. Ana musste die Schrecken des Krieges als Kind miterleben. Ihr Bruder konnte die seelischen Wunden nicht wegstecken und fand seine Erlösung im Suizid. Man merkt, dass Ana – trotz aller Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit – vom Schicksal schwer beladen ist. Bald wird auch klar, dass es auch gesundheitlich nicht sonderlich gut um sie steht. Dennoch beginnt sie, für Ruža zu arbeiten, und allmählich kommen sich die beiden unterschiedlichen Frauen, die nur die Sprache ihrer Herkunft verbindet, auf einer freundschaftlichen Ebene näher. Ana bringt Lebensfreude in Ružas Leben, umgekehrt gibt Ruža der jungen Ana etwas Halt in einem ansonsten chaotischen Leben. Das alles ist gut und stimmig erzählt. Die Figuren sind glaubwürdig, die Emigration aus der Heimat wird nicht als traumatisierendes Übel dargestellt, sondern – aus unterschiedlichen Gründen – als logische Konsequenz der Möglichkeiten und Bedingungen, die man in der Heimat vorgefunden hat. Allerdings ließ mich der Film am Ende auch etwas unbefriedigt zurück. Er lebt über seine Spieldauer hinweg von vielen kleinen Momenten, die aber in Summe zu keiner wirklichen Entwicklung führen. Vielleicht ist am ehesten die Versöhnung mit der Vergangenheit und die Akzeptanz der Gegenwart das Thema des Films, aber alles in allem bleibt er unentschlossen und weiß am Ende nicht so recht, wohin mit seinen Figuren. Der Weg ist sehenswert, nur das Ziel nicht ganz klar.

 


6,0
von 10 Kürbissen

Blackfish (2013)

Regie: Gabriela Cowperthwaite
Original-Titel: Blackfish
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Blackfish


Am 24. Februar 2010 starb die erfahrene SeaWorld-Tiertrainerin Dawn Brancheau nach einer Attacke des Orcas Tilikum. Dieser Vorfall – und der mediale Umgang SeaWorlds damit – gab den Anlass für Gabriela Cowperthwaites Dokumentation „Blackfish“. Im Gespräch mit ehemaligen SeaWorld-Trainern und anderen involvierten Personen und mit altem Archivmaterial ausgestattet geht sie der Frage auf den Grund, wie es zu diesem tragischen Unglück kommen konnte – und warum Dawn Brancheau bereits die dritte Person war, die nach einem Vorfall mit Tilikum ihr Leben lassen musste. Tilikum steht dabei stellvertretend für alle in Gefangenschaft gehaltenen Orcas. Sein Lebenslauf steht exemplarisch für ein ganzes System, das seinen Beginn in den 70er Jahren genommen hat. Damals wurden die ersten Jungtiere gefangen, um sie in Aquarien wie SeaWorld zur Schau zu stellen. Die Sequenz, in denen mit Tränen in den Augen ein ehemaliger Mitarbeiter von den Fangmethoden erzählt und die Archivaufnahmen von damals zeigen, wie die Familie der Jungtiere bei den Booten bleiben und nach dem Jungen rufen, ist erschütternd und aufwühlend. Und man beginnt zu begreifen, wie grausam das System ist, das diese intelligenten, sozialen Tiere zu unserer Belustigung aus ihren sozialen Verbänden reißt. Interessant ist der Blick der Tiertrainer, die zwar selbst Teil des Systems sind (und das auch begreifen), gleichzeitig aber in ihrer Naivität und von SeaWorld gesteuerten Uninformiertheit auch Opfer dieses Systems sind. Unfälle werden totgeschwiegen, und wenn es gar nicht mehr anders geht und doch wieder etwas an die Oberfläche sickert, dann schiebt man den Trainern, die angeblich Fehler gemacht haben, die Schuld in die Schuhe. Die Wahrheit ist allerdings viel komplexer, und auch wenn „Blackfish“ den Fokus eher auf den Umgang mit den Tieren in diesen Aquarien legt und weniger auf das Sozialleben und die Intelligenz der Orcas, so wird doch deutlich, wie sehr die Tiere in Gefangenschaft leiden. Sie sind keine kaltblütigen Killer, sie sind intelligente, friedliche, soziale Tiere, die die meiste Zeit über auch eine Bindung zu ihren Trainern und Menschen aufbauen. Gleichzeitig aber entwickeln sie Neurosen und Psychosen, da alles, was sie erleben (müssen), wider ihre Natur geht. Sie leiden unter der Isolation, in der sie leben, unter der Enge, ihren fehlenden Familien. „Blackfish“ macht das deutlich, bewahrt dabei aber einen ausgewogenen Blick. Weder werden die Tiere verherrlicht oder gar vermenschlicht, noch werden die Trainer, die von der Arbeit mit den Orcas erzählen, vorgeführt. Als Zuseher beginnt man zu begreifen, dass ein Teil des Problems darin liegt, dass wir noch so wenig verstehen von der Welt, in der wir leben, und wir dann auch oft den Blick abwenden vor dem Unrecht, das sich hinter unserem Unverständnis verbergen könnte. „Blackfish“ ist nicht nur ein wichtiger, sondern auch ein sehr gut gemachter Film. Nach dem Abspann bleibt man noch lange nachdenklich sitzen.


8,0
von 10 Kürbissen

Manifesto (2017)

Regie: Julian Rosefeldt
Original-Titel: Manifesto
Erscheinungsjahr: 2015/2017
Genre: Episodenfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: Manifesto


Gleich vorweg: „Manifesto“ ist ein sperriges Ding. Hochgradig interessant – allein schon durch die Beteiligung der faszinierend wandelbaren Cate Blanchett – aber eben nichts, was man mal eben im Vorbeigehen konsumiert. Denn „Manifesto“ vom deutschen Filmkünstler Julian Rosefeldt basiert auf seiner gleichnamigen Videoinstallation aus dem Jahr 2015 und macht nichts Anderes, als Cate Blanchett in gleich zwölf unterschiedlichen Rollen (ob als Punkerin, als trauernde Witwe, Obdachloser, konservative Mutter, Nachrichtensprecherin etc.) Manifeste zu diversen Kunstströmungen rezitieren zu lassen. Mit dabei: Auszüge aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, aus Dogma 95 von Thomas Vinterberg und Lars von Trier, Texte zu Futurismus, Dadaismus, Performance-Kunst usw. Das ist natürlich alles sehr anstrengend zu beobachten, vor allem, wenn die Bild-Text-Schere ein Stück weit aufgeht und hochkomplexe Gedanken in einem dafür unpassenden Setting wiedergegeben werden, zum Beispiel eben als Traueransprache oder über einen Lautsprecher in einer Fabrikhalle. Gerade diese Brechung zwischen Text und Bild ist allerdings jener Faktor, der den Film einerseits faszinierend und anders macht, andererseits aber auch bei mir die größten Probleme aufgeworfen hat – denn nie wird ganz klar, ob Rosefeldt seine Manifeste ernst nimmt oder ironisch bricht. Die Intention hinter dem Ganzen wird – mir zumindest – nicht ganz klar. Rosefeldt selbst hat sein Projekt als „Hommage an die Schönheit von Künstlermanifesten“ genannt, doch auch diese Aussage könnte wieder mit ironischem Unterton gelesen werden in Anbetracht der verschwurbelten, teilweise auch absurden Gedanken, die in diesen Manifesten niedergeschrieben sind. Worüber allerdings kein Zweifel besteht, ist die Schönheit der Bilder. Dank sensationeller Kamerafahrten und hochinteressanter, teils futuristisch anmutender Settings prägen sich die Bilder von „Manifesto“ ein. Oft kreist die Kamera von oben wie das Auge Gottes über den Schauplätzen, überall entdeckt die Kamera Symmetrie und Ordnung, die dann wiederum gebrochen wird – durch verfallene Gebäude oder auch mal einen überraschenden Blick ins Nebenzimmer, der Unerwartetes preisgibt. Allein dafür lohnt es sich bereits, „Manifesto“ anzusehen. Allerdings sei noch einmal gewarnt: Es ist kein Film im herkömmlichen Sinne. „Manifesto“ hat keine Handlung, keine Figuren (nur Rollen), und lässt die meisten Zuseher wohl erst einmal ratlos zurück.

Dieser Film ist als Reiseetappe # 70 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

I, Tonya (2017)

Regie: Craig Gillespie
Original-Titel: I, Tonya
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Komödie
IMDB-Link: I, Tonya


Im Vorfeld hatte ich relativ geringe Erwartungen an „I, Tonya“. Klar, die wahre Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding und ihrer Rivalin Nancy Kerrigan, der vor den Olympischen Spielen das Knie zertrümmert wird, ist ziemlich irre. Aber irgendwie war meine Erwartungshaltung heruntergedampft auf die typische Sportler-Bio, in dem Fall mit kriminalistischen Einschlägen. Dann kam der erste Trailer. Ich Ignorant! Nun, nach der Sichtung von „I, Tonya“ muss ich sagen, dass der Film – trotz geringfügiger Schwächen wie zB einer etwas zu langen Laufzeit mit einigen Redundanzen – zu denen gehört, die wohl bleiben werden. Margot Robbie als Tonya Harding ist eine Wucht. Völlig zurecht wurde sie für diese Leistung für einen Oscar nominiert, auch wenn ich Sally Hawkins und die letztlich verdiente Siegerin Frances McDormand da noch ein Stück darübergestellt hätte. Trotzdem: Großartig gespielt, vor allem die Unsicherheiten des Teenagerlebens wurden von ihr überzeugend dargestellt. Dass ihr Allison Janney als Mutter dennoch in jeder Szene ein wenig die Show stiehlt, soll diese Leistung nicht schmälern – sondern noch mal unterstreichen, wie irre gut Janney in diesem Film ist. Dafür gab es dann tatsächlich auch den Goldmann für die beste Nebendarstellerin. Der männliche Cast (Sebastian Stan als Freund/Mann/Exmann Jeff Gillooly und Paul Walter Hauser als völlig vertrottelter bester Freund von Jeff) ist auch gut besetzt, vor allem, wenn man am Ende des Films Aufnahmen der realen Personen sieht. Was „I, Tonya“ neben den schauspielerischen Leistungen aber von vergleichbaren Biopics und/oder Sportfilmen abhebt, ist der rotzfreche Zugang zum Stoff. Denn erzählt wird die Geschichte von den Protagonisten selbst, die für Interviews ihre Sicht der Dinge darstellen. In den Szenen selbst durchbricht Regisseur Craig Gillespie zudem oft die vierte Wand, zeigt eine Szene, um sie im gleichen Augenblick durch die handelnden Personen zu negieren. Und dadurch wird „I, Tonya“ zu einem amüsanten bis teilweise aberwitzigen Vexierspiel mit den Möglichkeiten, deutet Vieles an, ohne sich aber festzulegen und dadurch einer moralischen Botschaft (wie auch immer diese aussehen mag) zu unterwerfen, sondern haut dem Zuseher einfach den Stoff hin als würde er sagen: „Das ist doch eine verrückte Sache, nicht wahr? Ich habe ja auch keine Ahnung, was damals passiert ist, vielleicht dieses, vielleicht jenes, aber hey – das alles ist einfach verdammt interessant!“

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 58 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Call Me By Your Name (2017)

Regie: Luca Guadagnino
Original-Titel: Call Me By Your Name
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Call Me By Your Name


Erste Liebe. Gibt es etwas Schöneres? Gibt es etwas Schrecklicheres? Mit einem wohligen Schaudern erinnern wir uns an den ersten Schwarm und an das erste Mal, wenn die Zuneigung erwidert wird. Und an die tränenreiche Zeit danach, wenn man feststellt, dass die Ewigkeit oft nur einen Sommer lang dauert. Genau das ist die Geschichte von Luca Guadagninos „Call Me By Your Name“, die Adaption des gleichnamigen Romans von André Aciman. Der 17jährige Elio (Timothée Chalamet, oscarnominiert für seine nuancierte Darstellung) verbringt den Sommer mit seinen Eltern in Norditalien, das in wirklich sehr schönen, warmen Bildern eingefangen wird. Die Familie ist ein Paradebeispiel für wohlsituierte Akademiker: Der Vater (der wunderbare Michael Stuhlbarg) ist Archäologieprofessor, die Mutter (Amira Casar mit einer Aura, die Geborgenheit ausstrahlt) liebt Literatur, der Sohn ebenfalls – man unterhält sich in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Italienisch. Auftritt des Love Interests. Und hier geht „Call Me By Your Name“ einen etwas anderen Weg als konventionellere Liebesfilme, denn eben jener ist 24 Jahre alt, extrem attraktiv und männlich. Der Student Oliver (Armie Hammer mit der wohl besten Leistung seiner bisherigen Karriere) wurde vom Vater eingeladen, den Sommer in dessen Haus zu verbringen. „Call Me By Your Name“ hält seinen wachsamen, wertungsfreien Blick auf die Chemie zwischen den beiden Protagonisten, ihre Annäherungen, die Missverständnisse, die Verwirrungen bis schließlich zum Eingestehen der eigenen Gefühle. Und bei all dem spielt die Tatsache, dass es sich hierbei um eine gleichgeschlechtliche Liebe handelt, keine größere Rolle als jene, dass sie ein kleines, zusätzliches Erschwernis bedeutet, da diese Liebe nicht öffentlich ausgelebt werden kann. Alles Andere – der Weg dahin – ist von einer erfrischenden Natürlichkeit und Zwanglosigkeit, was dem Zuseher eine wichtige Botschaft mitgibt: Liebe ist Liebe. Ganz einfach. Dass der Weg zu dieser Botschaft um mindestens eine halbe Stunde zu lang ausfällt (da sich der Film gerade in der Anbahnung reichlich Zeit lässt und auch gegen Ende hin noch ein paar kleinere Schleifen dreht, ehe er auf den konsequenten Schluss zusteuert), erfordert dann aber dennoch etwas Geduld und Sitzfleisch.


7,0
von 10 Kürbissen

Oscars 2018 – Meine Prognosen

In der Nacht von heute auf morgen ist es wieder soweit, und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergibt die begehrten Goldmännchen für die herausragenden filmischen Leistungen des Jahres 2018. Und wie immer ist die Liste der Abwesenden aussagekräftiger als jene der Nominierten, denn natürlich kocht Hollywood im eigenen Saft, und die spannenderen und besseren Filme werden zu einem großen Teil anderswo gedreht. Aber gut, die Show gehört dazu, und mir macht das ganze Drumherum und Mitfieber tierisch viel Spaß, weshalb ich mich heute auch wieder in charmanter und fachkundiger Begleitung nächstens ins Kino schmeißen werde, um dem ganzen Trara live beizuwohnen. Leider fehlen mir per Stand jetzt (Sonntag, 14:45 Uhr) noch einige nominierte Filme (die wichtigsten: „Call Me By Your Name“, „I, Tonya“ – wichtig wegen der besten Nebendarstellerin – beide werde ich heute am Abend aber noch sehen, und „Lady Bird“, der bei uns noch nicht angelaufen ist). Für eine erste Prognose sollten die bislang gesehenen Filme sowie ein Blick auf das Pendel da draußen auslangen.

Best Picture, Prognose: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Best Picture, meine Wahl: Dunkirk

Best Director, Prognose: Guillermo del Toro (The Shape of Water)
Best Director, meine Wahl: Guillermo del Toro (The Shape of Water)

Best Actress, Prognose: Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Best Actress, meine Wahl: Sally Hawkins (The Shape of Water)

Best Actor, Prognose: Gary Oldman (Darkest Hour)
Best Actor, meine Wahl: Gary Oldman (Darkest Hour)

Best Supporting Actress, Prognose: Allison Janney (I, Tonya)
Best Supporting Actress, meine Wahl: Mary J. Blige (Mudbound)
Anmerkung: Die Favoritin Allison Janney habe ich noch nicht gesehen.

Best Supporting Actor, Prognose: Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Best Supporting Actor, meine Wahl: Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)

Best Original Screenplay, Prognose: Get Out
Best Original Screenplay, meine Wahl: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Best Adapted Screenplay, Prognose: Call Me By Your Name
Best Adapted Screenplay, meine Wahl: Mudbound
Anmerkung: Call Me By Your Name fehlt mir noch.

Best Animated Feature Film, Prognose: Coco
Best Animated Feature Film, meine Wahl: Coco

Best Foreign Language Film, Prognose: A Fantastic Woman (Chile)
Best Foreign Language Film, meine Wahl: A Fantastic Woman (Chile)

Best Original Score, Prognose: The Shape of Water
Best Original Score, meine Wahl: Phantom Thread

Best Original Song, Prognose: „Remember Me“ aus Coco
Best Original Song, meine Wahl: „Mighty River“ aus Mudbound

Best Sound Editing, Prognose: Dunkirk
Best Sound Editing, meine Wahl: Dunkirk

Best Sound Mixing, Prognose: Dunkirk
Best Sound Mixing, meine Wahl: Dunkirk

Best Production Design, Prognose: Blade Runner 2049
Best Production Design, meine Wahl: Blade Runner 2049

Best Cinematography, Prognose: Blade Runner 2049
Best Cinematography, meine Wahl: Blade Runner 2049

Best Makeup & Hairstyling, Prognose: Darkest Hour
Best Makeup & Hairstyling, meine Wahl: Darkest Hour
Anmerkung: Von den anderen beiden nominierten Filme habe ich nur die Trailer gesehen, aber „Darkest Hour“ ist diesbezüglich so überragend, dass ich denke, hier eine sichere Wahl treffen zu können.

Best Costume Design, Prognose: Phantom Thread
Best Costume Design, meine Wahl: Phantom Thread

Best Film Editing, Prognose: Dunkirk
Best Film Editing, meine Wahl: Dunkirk

Best Visual Effects, Prognose: War for the Planet of the Apes
Best Visual Effects, meine Wahl: Blade Runner 2049

In diesen Kategorien habe ich keine Filme gesehen, kann also nur eine Prognose abgeben, aber keinen persönlichen Favoriten benennen:

Best Documentary Feature, Prognose: Faces Places
Best Documentary Short Subject, Prognose: Edith+Eddie
Best Live Action Short Film, Prognose: DeKalb Elementary
Best Animated Short Film, Prognose: Dear Basketball

Mal sehen, wie weit ich daneben liege. Und was sind eure Einschätzungen?

American Honey (2016)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: American Honey
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roadmovie, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: American Honey


„American Honey“ ist kompromisslos. Gleich zu Beginn wird das Setting mit wenigen Bildern aufgebaut, wenn die 18jährige Star (Laiendarstellerin Sasha Lane, die ihre Sache großartig macht) aus dem Abfall eines Supermarktes ein halb aufgetautes Tiefkühlhuhn hervorfischt, das sie ihren beiden Halbgeschwistern zum Spielen hinwirft. Dieser Film spielt im finsteren Amerika, Land der begrenzten Möglichkeiten. Eine Chance ergibt sich für Star, als sie im Supermarkt auf den charismatischen Jake (Shia LaBeouf in einer Rolle, in der er mir mal nicht auf die Nerven geht) trifft. Der arbeitet für Krystal (Riley Keough), die aussieht, als würde sie im Trailerpark leben, sich aber als toughe Geschäftsfrau gibt. So hat sie eine Truppe von Jugendlichen zusammengezogen, die als Keiler von Tür zu Tür gehen, um Zeitschriftenabos zu verkaufen. Das eine oder andere Souvenir wird dabei gerne mal mitgenommen. Star schließt sich der Runde an, die ihr eine Alternative zu ihrem Tiefkühlhuhnleben bietet. Und Jake ist ja irgendwie schnuckelig. Andrea Arnold macht es ihrem Publikum mit „American Honey“ nicht leicht. Fast drei Stunden beobachtet sie akribisch und mit vielen Nahaufnahmen das Treiben der Jugendliche, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, wie sie am Abend danach feiern, wie sie im Bus durch den Mittleren Westen fahren und dabei Musik hören. Es geschieht nicht viel. Die Dramen spielen sich eher im Kleinen ab, kleinere Eifersüchteleien, der Druck, Geld verdienen zu müssen, die Andeutung einer Entwurzelung, die ein unstetes Leben mit sich bringt. Meistens blödeln die Jugendlichen herum, spielen sich auf, markieren den starken Mann und die harte Frau – es ist trotz aller Kumbaya-Lagerfeuerromantik ein fordernde Welt mit klaren Regeln, und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Probleme. Besser also, mit Coolness die eigenen Ängste herunterspielen. Dabei dreht Andrea Arnold den Hahn vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu weit auf. So authentisch die Jugendlichen (allesamt Laiendarsteller/innen) auch wirken, aber es fehlen die leiseren Zwischentöne. Andererseits wiederum fehlt es diesen jungen Menschen vielleicht auch einfach an den Gelegenheiten, mal die Deckung runterzunehmen. Star ist diesbezüglich eh die Ausnahme. So konzentriert sich die Kamera auch ganz auf sie. Gedreht in teils wackeligen, aber wunderschönen 4:3-Bildern entsteht ein fast intimes Porträt der jungen Frau. So ist der Film trotz seiner langen Laufzeit stets intensiv und interessant, auch wenn die Handlung selbst nur wenige Fortschritte zeigt. Aber auch das ist in sich stimmig, denn für viele Menschen aus prekären Verhältnissen ist das Leben tatsächlich eine immer wieder kehrende Momentaufnahme, eine Abfolge von Wiederholungen, und neue Perspektiven bieten sich nur selten, wenn überhaupt.


8,0
von 10 Kürbissen