Rocky V (1990)

Regie: John G. Avildsen
Original-Titel: Rocky V
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Rocky V


Wenn selbst Stallone selbst zugibt, den fünften Teil der Rocky-Saga nur aus Gier gemacht zu haben und den Film nicht zu mögen, so lässt das nichts Gutes für den neugierigen Zuseher erwarten. Und ja, „Rocky V“ ist ein missglücktes, völlig verhatschtes Zwischending aus Sportfilm und Familiendrama. Wobei – und das ist für einen Film der Rocky-Reihe eigentlich ein vernichtendes Urteil – das Familiendrama noch den interessanteren Part ausmacht. Rocky ist in diesem fünften Teil gesundheitlich angeschlagen und darf/soll nicht mehr boxen. Weil sein Steuerberater ein windiger Hund ist und Rocky selbst in finanziellen Belangen ja nicht durch besondere Genialität auffällt, wie wir aus dem zweiten Teil der Reihe wissen, steht die Familie Balboa mal wieder mit leeren Händen da. So muss man zurück ins alte Elendsviertel von Philadelphia ziehen, sehr zum Missfallen des Juniors (Sylvester Stallones Sohn Sage Stallone in seiner ersten Filmrolle). Statt teuren Privatschulen gibt es nun den knallharten Überlebenskampf gegen missgünstige Bullies. Was dem Sohnemann aber am meisten aufstößt: Dass Paps das Vater-Sohn-Gespann links liegen lässt, als er auf den aufstrebenden jungen Boxer Tommy Gunn stößt und ihn zu trainieren beginnt. So weit ist es also nicht her mit dem Familiensinn des Italian Stallion. Und das gibt Reibereien. Zunächst mal innerhalb der eigenen Familie und dann auch noch gegen den Schützling selbst, als sich dieser von seinem Idol abwendet, um mit Hilfe eines aalglatten Promoters die große Kohle zu scheffeln. Diese Unstimmigkeiten werden am Ende – wie es sich für einen Rocky-Film gehört – mit den Fäusten zu Ende diskutiert. Allerdings nicht im Ring, sondern auf der Straße. Irgendwie hat man bei „Rocky V“ ständig das Gefühl, eine lange Episode einer Soap Opera zu sehen. Wenn man sich dann noch mal vor Augen hält, mit welcher Klasse die Saga 1976 begonnen hat, kommen einem die Tränen. Aber wenigstens hat es Stallones Bankkonto gut getan. Und ein weiterer positiver Nebeneffekt: „Rocky V“ war ein solches cineastisches Desaster, dass Stallone erst mal 16 Jahre lang die Griffel von seinem Titelhelden gelassen hat. Die Zeit bis zum nächsten Rocky-Film, „Rocky Balboa“, wurde offenbar gut genutzt, denn diesem gelang es tatsächlich, der Filmreihe neues Leben einzuhauchen und die Figur wieder zurück zu ihren Wurzeln finden zu lassen.


3,5
von 10 Kürbissen

Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts (1985)

Regie: Sylvester Stallone
Original-Titel: Rocky IV
Erscheinungsjahr: 1985
Genre: Sportfilm, Action
IMDB-Link: Rocky IV


Wir schreiben das Jahr 1985. Noch haben sich Ost und West nicht wirklich lieb und bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Weiße Haus vom Kreml aus besetzt wird, sollen noch ein paar Jährchen vergehen. Also eignet sich der Russ‘ aus amerikanischer Sicht noch sehr gut als Feindbild, vor allem, wenn er so muskeltrotzend, blond und schweigsam daherkommt wie Dolph Lundgrens Ivan Drago, Vorzeigeathlet des Sowjetreichs, ein Mann wie ein Panzer. Lustige leistungsfördernde Substanzen tragen das Ihre dazu bei, dass er dreimal so hart zuschlagen kann wie ein gewöhnlicher Boxer, aber seien wir ehrlich: Diese Muckis kommen doch vom Ringen mit sibirischen Bären, deren Jungen er zum Frühstück verspeist. Und schon sind wir mittendrin im fröhlichen Klischeetheater von Gut gegen Böse, a.k.a. „Rocky IV – Der K(r)ampf des Jahrhunderts“. Das Niveau der Geschichte fliegt so knapp über dem Boden, dass es sich das mangels höher wachsender Vegetation nur in der Tundra erlauben kann. Darum geht’s: Der wortkarge Hüne aus dem Osten hat Rockys ehemaligen Kontrahenten und nunmehrigen Kumpanen Apollo Creed auf dem Gewissen, als er diesem im Ring eine derartige Betonwatschen verpasst, dass er nicht mehr aufsteht. Rocky ist sauer, und wenn Rocky sauer ist, dann muss er in die Sowjetunion fliegen, um den Russen persönlich zu zeigen, wo der Hammer hängt. Bis zum Showdown wird brav trainiert, wobei die Back-to-the-Roots-Methode mit Baumstammheben und Gipfelerklimmen im tiefsten sibirischen Winter arg lächerlich anmutet. Da wohl auch Stallone selbst bewusst war, was für einen Käse er zeigt, wird das Ganze zumindest mit knackiger Musik begleitet. Der Soundtrack klingt wie eine Best-Of-Compilation der 80er. Und weil wir ja wissen müssen, dass Rocky nicht nur wütend, sondern auch traurig ist, gibt es jede Menge Rückblenden, die die großen Verluste seines Lebens aufgreifen. Nun gut, würde man die alle herausschneiden, bliebe wohl nur ein Kurzfilm übrig, und den Vorwurf, dass er zu wenig für sein Geld arbeitet, wollte sich Stallone wohl auch nicht gefallen lassen. Warum dieser Film das höchste Einspielergebnis der ganzen Rocky-Reihe erzielte? Weil in den 80er Jahren einfach seltsame Dinge passiert sind.


3,0
von 10 Kürbissen

Rocky III – Das Auge des Tigers (1982)

Regie: Sylvester Stallone
Original-Titel: Rocky III
Erscheinungsjahr: 1982
Genre: Sportfilm
IMDB-Link: Rocky III


Ladies and gentlemen – fasten your seat belts! It’s gonna be a bumpy ride! Denn ab nun begeben wir uns in die Niederungen von Rocky III, IV und V. Rocky ist schwach und träge geworden – und das gilt nicht nur für die Hauptfigur, die nach dem Erringen des Weltmeistertitels gegen Apollo Creed nun recht mühelos die Herausforderer zu Boden schickt, ehe sie Bekanntschaft mit Mr. T macht, der als aufstrebender Boxer Clubber Lang das A-Team mal kurz verlassen hat, um the Italian Stallion drei Meter tief in die Erde zu stampfen. Und so kommt es, wie es kommen muss: Rocky, der mehr mit Blingbling  und Showkämpfen gegen Wrestler beschäftigt ist und seinen Biss verloren hat, erlebt eine Lektion in Sachen Demut, als er von seinem Herausforderer ausgeknockt wird. Noch dazu verliert er mit Mickey seinen langjährigen Trainer und Mentor. Alles dumm gelaufen. Wie gut, dass sein alter Rivale Apollo Creed auftaucht und den laschen Hutträger bei sich zuhause in L.A. mal wieder ein bisschen aufpoliert. „Rocky III“ hat im Gegensatz zu den beiden Vorgängern zwei schwerwiegende Probleme: Zum Einen verliert Stallone das Gespür für seine Hauptfigur. Rocky ist hier zu einer Karikatur seiner selbst geworden. Ja, wir wissen, dass er etwas unbedarft ist, und genau das trägt sehr zum Charme der ersten beiden Filme bei, denn mit diesem tumben, aber herzensguten Underdog kann man mitfiebern. Die Szene in „Rocky III“ aber, in der er in einer Art Merchandising- und Unterhaltungstempel lustlos seine Trainingseinheiten abspult und mit den Fans posiert, passt einfach nicht mehr zu dem etablierten Charakter, dessen Merkmal auch eine fast schüchterne Bescheidenheit war. Ja, man will natürlich die Fallhöhe etablieren, aber das wäre mit subtileren Mitteln auch gegangen. Das zweite Grundproblem des Films ist der Antagonist. Mr. T als Clubber Lang ist physisch beeindruckend. Nur leider kommt auch seine Figur über die einer Karikatur nicht hinaus. Man erfährt nichts über seine Motivation, seinen Hintergrund, und warum er zu diesem dümmlich grunzenden Ungetüm geworden ist. Manche Kritiker haben dem Film vorgeworfen, unverhohlen rassistisch zu sein – und bei dieser (pun intended) Schwarz-Weiß-Zeichnung der beiden Hauptfiguren fallen mir kaum Argumente ein, dem zu widersprechen. Technisch ist der Film gut gemacht, die Prügeleien sind wieder fein anzusehen, aber leider hat Rocky über den Infight im Ring hinaus nicht mehr viel zu bieten.


4,5
von 10 Kürbissen

Rocky II (1979)

Regie: Sylvester Stallone
Original-Titel: Rocky II
Erscheinungsjahr: 1979
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Rocky II


„Rocky II“ führt die Geschichte des ersten Films nahtlos fort. Er setzt ein, als die beiden schwer ramponierten Gegner Rocky Balboa und Apollo Creed im Krankenhaus gefahren werden. Das Adrenalin vom Kampf pulsiert noch rot blinkend im Körper, also zettelt Creed gleich mal einen kleinen Beef mit Rocky an, denn dass ihn dieser Amateur vor den Augen der Welt so vermöbelt hat (auch wenn Creed als Punktesieger Weltmeister blieb), kratzt am Ego. Rocky selbst will eigentlich nur seine Ruhe haben. Immerhin weiß er nun, dass er mithalten kann. Aber jetzt zählen erst einmal die Spaziergänge mit Adrian, die in einen Heiratsantrag münden (mit einem Tiger als Zeugen und ersten geladenen Gast) und schließlich in eine Hochzeit und Schwangerschaft. Das Familienglück wäre komplett, wenn nicht Rocky, der gutherzige Straßenproll, irgendwann einmal im Leben gelernt hätte, mit Geld anders umzugehen, als es für dubiose Halbkriminelle aus armen Schuldnern herauszuprügeln. Aber er macht halt den Fehler, den viele machen, die unverhofft zu etwas Kohle kommen: Er lebt nach dem George Best-Motto. „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ Gut, Alkohol ist nicht Rockys Problem, aber er ist trotzdem schon bald pleite und muss wieder kleinere Brötchen backen. Kurzfristig findet er eine Anstellung im Schlachthaus, in dem auch sein Schwager Paulie arbeitet. In der Zwischenzeit plant der immer noch geladene Apollo Creed einen Rückkampf – und Rocky, der Kämpfer in Geldnöten, kann eigentlich gar nicht ausschlagen, auch wenn Adrian damit gar nicht einverstanden ist. Zudem kommt es kurz vor dem entscheidenden Kampf bei der Geburt des Nachwuchses noch zu Komplikationen. Auch wenn „Rocky II“ einiges richtig macht, in dem der Film vor allem seinem Hauptcharakter treu bleibt, der einfach keinen Dunst vom Leben der Reichen und Schönen hat, aber hier wäre etwas weniger Drama, Baby, Drama besser gewesen. Die Handlung ist teils schon sehr klischeehaft und vorhersehbar. Immerhin findet der Film auch immer wieder ruhigere Zwischentöne – immer dann, wenn er sich auf die unbeholfenen Versuche Rockys, seiner Adrian ein schönes Leben zu ermöglichen, konzentriert. Insofern hat auch die Fortsetzung ihre guten Momente. Der Endkampf ist dramatisch und visuell ansprechend inszeniert, auch wenn mir persönlich das Ende dann doch etwas zu viel des Guten war.


6,0
von 10 Kürbissen

The Rider (2017)

Regie: Chloé Zhao
Original-Titel: The Rider
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Western
IMDB-Link: The Rider


Wenn man nur den ersten Satz des Wikipedia-Eintrages zu „The Rider“ liest, in dem der Plot kurz zusammengefasst wird, könnte man meinen, dass es sich hierbei um eine Art „Der Pferdeflüsterer“ für Erwachsene handelt. Einen Rodeo-Reiter schmeißt es dermaßen deppert aus dem Sattel, dass er das Reiten aufgeben muss – woran er logischerweise erst mal zu knabbern hat. Allerdings wären alle Assoziationen mit equinen Selbstfindungstrips a la „Der Pferdeflüsterer“ viel zu kurz gegriffen. Denn „The Rider“ ist vor allem erst einmal ein sehr stilles, fast meditatives Drama, das eine Subkultur einer Subkultur zeigt – Rodeoreiter in einem Indianerreservat, wobei die alten Klischees zwischen Cowboy und Indianer auf eine wundersame Weise verschmelzen oder viel mehr: sich auflösen. Der nächste interessante Aspekt des Films ist, dass Chloé Zhao, die Regisseurin, keinerlei Wert auf die Exploitation des fatalen Sturzes legt. Der Film setzt ein, als die Wunden des Rodeo-Reiters Brady schon langsam zu verheilen beginnen. Der Sturz wird später nur in einem kurzen Youtube-Video gezeigt. Denn darum geht es Zhao in dem Film nicht – sondern vielmehr um die Frage, wie es danach weiter geht und was übrig bleibt von dem, was Brady einst ausgemacht hat. Einen großen Teil der Faszination bezieht der Film auch aus der Tatsache, dass die Laiendarsteller tatsächlich ihr eigenes Leben nachspielen. Denn Brady Blackburn heißt in Wirklichkeit Brady Jandreau, und der Sturz, der in diesem Video gezeigt wird, war echt – das war sein eigener Unfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte. Auch seine Familie spielt sich selbst. Am dramatischsten wird diese Authentizität greifbar am Schicksal seines Freundes Lane Scott, der (im Film) nach einem Abwurf dermaßen schwer verletzt wurde, dass er nicht mehr sprechen und sich kaum mehr bewegen kann. Die Szenen, wenn Brady seinen alten Kumpel im Pflegeheim besucht, sind innig, warm und echt. Gleichzeitig – und das ist die große Kunst, die hier gezeigt wird – ist „The Rider“ meilenweit davon entfernt, zu einem sentimentalen Rührstück zu verkommen. Mit außergewöhnlicher Sensibilität wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der lernen muss, loszulassen, um sich neu zu finden. Man muss wohl etwas Geduld aufbringen für diese stille Weise des Erzählens, doch wenn man sich darauf einlassen kann, ist „The Rider“ ein großer Wurf.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 38 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)

Rocky (1976)

Regie: John G. Avildsen
Original-Titel: Rocky
Erscheinungsjahr: 1976
Genre: Sportfilm
IMDB-Link: Rocky


Nicht nur im Oktober hat ein Kürbis Lücken und Löcher, sondern auch unterjährig in cineastischen Belangen. Um eine davon zu schließen, habe ich mir also nun die gesamte Rocky-Filmreihe hineingezogen, wobei ich „Rocky Balboa“ und „Creed“ bereits kannte. Ich habe also das Pferd von hinten aufgesattelt. Nun also der erste Film, der zu den wohl einflussreichsten Filmen der Filmgeschichte gehört. Bei der Oscar-Verleihung schlug er „Taxi Driver“ von Martin Scorsese und wurde als bester Film ausgezeichnet. Und auch John G. Avildsen, der Regisseur, durfte sich, so wie seine Cutter, über einen Goldmann freuen. Der Mastermind von Rocky ist allerdings Sylvester Stallone, der nicht nur den Titelhelden auf eine Weise verkörpert, dass Filmfigur und Darsteller völlig miteinander verschmelzen, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat. Für beide Leistungen wurde er (was vielleicht überraschend sein mag angesichts seiner späteren Filme) völlig zurecht für den Oscar nominiert. Sein Rocky ist eine fantastische Figur, das muss man einfach so sagen. Recht einfältig, aber mit dem Herz am rechten Fleck – ein Mann, der viel Gefühl und Empathie aufbringt, aber in den seltensten Fällen schafft, dies tatsächlich in Worte zu kleiden. Viel mehr drückt er über seine linkischen Bewegungen aus, sein Schulterzucken und dieses glückliche Lächeln, wenn er merkt, dass er verstanden wird. Gleichzeitig hat er ein Kämpferherz wie kein Anderer. Und dem ist es auch zu verdanken, dass er gegen den Weltmeister Apollo Creed (Carl Weathers) in den Ring steigen darf. Der Fokus des Films liegt allerdings weniger auf dem Boxkampf, sondern auf der Frage, was es bedeutet, eine einmalige Chance im Leben zu erhalten und was eine solche Chance aus einem Mann macht. Und vor allem auch, wie man Respekt vor sich selbst erarbeitet. Neben Stallone glänzen Talia Shire als Adrian, Burt Young als deren Bruder Paulie und Burgess Meredith als alter Boxtrainer Mickey. Alle drei wurden für ihre Leistungen mit einer Oscarnominierung belohnt. Ich halte es zwar nach wie vor für eine Sünde, „Taxi Driver“ nicht als besten Film ausgezeichnet zu haben, aber unabhängig davon, ob man mit dem Genre des Boxerfilms etwas anfangen kann, kann auch „Rocky“ sich sehen lassen – im Gegensatz zu den meisten Fortsetzungen dieser Filmreihe, aber darüber in den nächsten Tagen mehr.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 37 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Sirenengesang (2015)

Regie: Agnieszka Smoczyńska
Original-Titel: Córki dancingu
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Musical, Komödie, Horror, Fantasy
IMDB-Link: Córki dancingu


Um den ersten polnischen Musical-Film der Geschichte, „Sirenengesang“, beschreiben zu können, muss man erst einmal tief durchatmen und dann ein paar Schluck Hochprozentiges zu sich nehmen (oder besser ein paar Gläser). So wird das was. Man liegt auf einer Wellenlänge mit dem Film. Und die Wellenlänge bietet auch gleich eine schöne Überleitung zum Inhalt dieses 80er Jahre-Horror-Komödien-Musicals: denn es geht um die zwei blutjungen Meerjungfrauen Silver und Golden, die, wenn sie nicht gerade Menschen die Kehle aufbeißen, ihr Herz herausreißen und aufessen, als Sängerinnen/Stripperinnen in einem Nachtclub engagiert werden, wo sie zur Sensation avancieren. Blöd nur, dass sich eine der beiden, die blonde Silver, in den Bassisten verknallt. Denn Liebe ist für Meerjungfrauen nicht nur ein seltsames, sondern auch ein gefährliches Spiel: Wenn der Auserkorene nämlich dann doch eine Andere ehelichen sollte, löst sich die verschmähte Meerjungfrau in Schaum auf. Das weiß natürlich Golden, die dunkelhaarige Schwester, die Silver davon abhalten möchte, dieses Risiko einzugehen. Überhaupt ist Golden durchaus pragmatischer veranlagt als ihre Schwester, und wenn sie Hunger hat, verspeist sie auch schon mal einen ostdeutschen Trabifahrer am See. Und doch geht die Liebe ihrer Schwester nicht ganz spurlos an ihr vorbei, und sie lernt ein Gefühl kennen, das sie bisher nicht kannte: Einsamkeit. „Sirenengesang“ ist schrill und absurd. Die Story ist sprunghaft, die Nebenfiguren bleiben eindimensional im Hintergrund (und haben nicht einmal Namen), die Musik klingt so, als hätte sich Stephen King an Europop versucht, und die Hälfte der Zeit rennen die beiden (durchaus ansehnlichen) Hauptdarstellerinnen barbusig durch die Gegend. Das sind aber überraschenderweise keine Schwächen des Films, sondern der Wahnsinn hat hier Methode. Konventionen des Filmschaffens und Genregrenzen werden hier mit Leichtigkeit hinweggefegt. Das Ergebnis mag durchaus anstrengend sein für viele Zuseher, die sich eben lieber an Altbewährtem orientieren möchten, aber ist durchaus erfrischend für jene, die es gerne bunter, schriller und trashiger haben.


7,0
von 10 Kürbissen

Paisà (1946)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Paisà
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Paisà


Als „Paisà“ bezeichneten die Italiener während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Soldaten, die in Sizilien landeten und von dort aus nordwärts Richtung Alpen marschierten. Um die Begegnungen zwischen den Soldaten und der zivilen Bevölkerung geht es auch in Rossellinis Episodenfilm, der zu den Klassikern des italienischen Neorealismus gezählt wird. Wie auch die amerikanischen Truppen selbst arbeitet sich Rossellini vom Süden in den Norden vor: Auf Sizilien begegnet ein Spähtrupp einer jungen Sizilianerin, die nach ihrer Familie sucht. Im besetzten Neapel führt ein armer Junge einen betrunkenen Militärpolizisten durch die Ruinen der Stadt. In Rom laufen sich zwei ehemals Liebende in die Arme, die sich nach den fürchterlichen Grauen, die der Krieg in die Stadt gebracht hat, nicht wiedererkennen. In Florenz versucht eine amerikanische Krankenschwester zusammen mit einem Bekannten in den noch von Deutschen besetzten Teil der Stadt vorzudringen, um ihren Geliebten zu suchen. In einem entlegenden Kloster in der Romagna nehmen Mönche amerikanische Militärkaplane bei sich auf. Und in der Po-Ebene kämpfen im Schilf des Ufers erbittert eingeschlossene Partisanen zusammen mit einer amerikanischen Einheit mit Unterstützung der Bevölkerung gegen die Deutschen. Manche dieser Geschichten sind wunderbare, in sich geschlossene Dramen (wie etwa die erste und die dritte Episode), die auch einen ganzen Film allein tragen würden. Nicht alle Episoden sind gleichermaßen fesselnd, aber alle zeichnet ein unverzerrter, jedoch nicht verbitterter Blick auf die Verhältnisse im besetzten Italien aus. Die Dialoge sind hervorragend geschrieben (am Drehbuch arbeiteten Federico Fellini und Klaus Mann mit), die Kamerarbeit ist exzellent, und hin und wieder blitzt sogar ein Funke Humor durch – der allerdings schon in der nächsten Einstellung von der Realität des Krieges unterlaufen wird. Den Fortschritt der amerikanischen Truppen zeichnet Rossellini in kurzen Zwischensequenzen mit Aufnahmen aus der Nachrichten nach, was dem Film zudem eine dokumentarische Note verleiht. Ein sehr eindringlicher und phasenweise intensiver Film, dessen einzelne Episoden zwar nicht alle durchgängig auf dem gleichen herausragenden Niveau sind, aber insgesamt ist „Paisà“ ein großes Werk, das sehr gut gealtert ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 15 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Körper und Seele (2017)

Regie: Ildikó Enyedi
Original-Titel: Testről és lélekről
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Testről és lélekről


Der introvertierte Finanzdirektor eines Schlachthofs träumt jede Nacht davon, ein Hirsch zu sein und mit seiner Gefährtin durch den Wald zu streifen. Das allein würde schon ausreichen, dass sich Sigi Freud die Hände reibt. Richtig interessant wird es allerdings, als zufällig herauskommt, dass die neu angestellte Qualitätskontrolleurin, die ebenfalls sehr introvertierte (und wie sich später zeigen wird: autistische) Mária jede Nacht den gleichen Traum träumt – aus der Hirschkuhperspektive. Und so bröckeln allmählich Schutzmauern, man nähert sich vorsichtig – wie eben zwei Hirsche im Wald – einander an. „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi, der 2017 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, ist ein stiller und ungewöhnlicher Liebesfilm. Das Thema ist der Einklang zwischen Körper und Seele bzw. das Fehlen dessen. Beide Protagonisten leben in ihrer eigenen Welt, die keine wirkliche Nähe zulässt. Endre, der versehrte Finanzdirektor, hat schon lange Beziehungen und der Liebe abgeschworen und nähert sich Frauen nur noch auf einer rein körperlichen Ebene an. Mária ist schlicht überfordert mit zwischenmenschlichen Interaktionen und dem Interpretieren von Zeichen und Gesten. Berührungen machen ihr Angst. Es erscheint logisch, dass sich die beiden nur auf der Ebene des Traums annähern können – und der Film reizt dieses Gedankenspiel auf eine sehr poetische Weise aus. Immer wieder blitzt auch eine sehr dunkle Komik durch. Außerdem ist wirklich alles fragil in diesem Film. Jede Bewegung, jedes Wort kann falsch sein und alles zum Einstürzen bringen. So gesehen sind nicht nur die Protagonisten introvertiert, sondern der ganze Film ist es. Wie gesagt, ein poetisches Werk, das getragen wird von wunderschönen Bildern dank der herausragenden Kamera von Máté Herbai und den beiden Hauptdarstellern, denen in punkto Verletzlichkeit alles abverlangt wird. Umso eindrucksvoller, dass Endre vom Laiendarsteller Géza Morcsányi verkörpert wird, der seiner versierten Berufskollegin Alexandra Borbély um nichts nachsteht. Ein sehr schöner, sehr berührender Film.

 

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 25 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Mister Universo (2016)

Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel
Original-Titel: Mister Universo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Mister Universo


Tairo, der junge Löwendompteur im Zirkus, findet sein Glückseisen nicht mehr, das ihm einst der stärkste Mann der Welt, Arthur Robin, genannt „Mister Universo“, gebogen hat. Da er unter den Artistenkolleginnen und -kollegen im Zirkus nicht besonders beliebt ist – lediglich mit der Schlangenfrau Wendy ist er befreundet – liegt der Verdacht nahe, dass ihm jemand das Eisen versteckt oder gestohlen hat. Die Auswirkungen spürt Tairo, wie er meint, sofort: Seine alte Tigerdame wird krank und kann nicht länger auftreten, sein Löwenmännchen verhält sich plötzlich aggressiv – mit nur zwei Tieren muss Tairo seine Show bestreiten. Das kann so nicht weitergehen, also nimmt er sich ein paar Tage frei, setzt sich in sein Auto und besucht seine Familie, um von ihr den Verbleib von Mister Universo in Erfahrung zu bringen, denn dieser soll ihm ein neues Glückseisen biegen. Nur ist nicht klar, ob Mister Universo noch in Italien aufzufinden ist, vielmehr: ob er überhaupt noch lebt. Denn er war schon ein betagter Herr, als ihm Tairo vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet ist. Aber der junge Dompteur lässt sich nicht beirren, und Schritt für Schritt kommt er seinem einstigen Idol näher. „Mister Universo“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel lässt die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen. Denn die Darsteller spielen sich selbst. Tairo, Wendy, Mister Universo – sie sind reale Persönlichkeiten, die dem langsam aus unserer Welt verschwindenden fahrenden Volk angehören. So ist die Darstellung des Lebens im Zirkus so authentisch wie nur irgendwie möglich, denn Tairo & Co. erzählen von ihrem eigenen Leben. Das Drehbuch skizziert zwar grob die Geschichte vor, aber vieles ist improvisiert und direkt dem Leben der Zirkusartisten entnommen. Diese Wahrhaftigkeit tut dem Film, der seine kleinen Geschichten und Begegnungen wie ein ruhiger Fluss transportiert, sehr gut. Auch wenn kaum etwas passiert, entsteht keine Langeweile – jedenfalls nicht bei mir. Ein bisschen straffen hätte man zwar können, und auch die finale Begegnung zwischen Tairo und Mister Universo fällt meiner Meinung nach zu kurz aus, um tatsächlich einen denkwürdigen Nachhall zu erzeugen, aber der Weg dahin ist voller kleiner Momente, glimpses of reality, die mich als Zuseher angesichts der Fremdheit dieser Welt unserer Kindertage neugierig bleiben lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)