Spectral (2016)

Regie: Nic Mathieu
Original-Titel: Spectral
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Action, Kriegsfilm, Science Fiction
IMDB-Link: Spectral


70 Millionen US-Dollar. Ausgeschrieben: 70.000.000 US-Dollar. Das war das Budget für die Netflix-Produktion „Spectral“. Ein bombastischer Science Fiction-Kriegsfilm sollte es sein. US-Streitkräfte, die in Moldawien Aufständische in einem Bürgerkrieg bekämpfen, sehen sich plötzlich mit einem neuen Feind konfrontiert. Spektralartige Wesen, die durch Wände gehen, denen Kugeln nichts anhaben können und die die Elite-Soldaten schon mit einer simplen Berührung umbringen. Deshalb wird nun der Militärforscher Clyne (James Badge Dale, ein Name, den man sich nicht unbedingt merken muss) ins Kriegsgebiet geflogen, wo er zusammen mit der Wissenschaftlerin Fran Madison (Emily Mortimer mit einem Tiefpunkt in ihrer Karriere) das Phänomen erforschen soll und sich gleich mal in einem Einsatz wiederfindet, in dem die Soldaten fröhlich gemeuchelt werden. Man muss sich nach draußen kämpfen, findet unterwegs Kinder, die sich versteckt gehalten haben, entdeckt durch Zufall, womit man die Geisterkiller aufhalten kann, rüstet um zu Ghostbusters und zieht in den finalen Endkampf. Dort stellt man dann fest, was diese Spektralwesen tatsächlich sind (die Begründung ist mit Sicherheit ein Fest für Physiker, die sich nach Sichtung des Films noch ganze Nächte lang über die Blödheit des Films begeistern können) und pustet sie in ganz schlechtem CGI-Gewitter weg. Begleitet wird das alles von völlig hirnrissigen Dialogen, abstrusen Handlungen und Logiklöchern, die ganze Flugzeugträger schlucken können. Ein dummer Film, der scheinbar nur dazu gedreht wurde, um mal wieder das US-amerikanische Militär zu feiern. „Spectral“ ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man 70 Millionen US-Dollar verbrennen kann. Hätten sie das Ganze doch nur mit einer Handkamera, Laiendarstellern und selbst genähten Kostümen gedreht – dann hätte das wenigstens noch witzig und trashig werden können. Aber so ist der Schmarren nur ärgerlich. Kein Wunder, dass der Film es nicht ins Kino geschafft hat, sondern sofort auf Netflix veröffentlicht wurde, wo er nun in den Untiefen der Kategorien „Action“ und „Science Fiction“ schlummert. Möge er in Frieden ruhen.


2,0
von 10 Kürbissen

First Reformed (2017)

Regie: Paul Schrader
Original-Titel: First Reformed
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: First Reformed


Wenn man sich den Zustand der Welt heute ansieht, kann man schon vom Glauben abfallen. So geht es jedenfalls Michael (Philip Ettinger), dem Mann von Mary (Amanda Seyfried). Die ist schwanger, und Michael, ein überzeugter Umweltaktivist, hadert mit dem Gedanken, Nachwuchs in die Welt zu setzen, wenn diese Welt knapp vor dem totalen Kollaps steht. Mary wiederum hätte gerne Kinder, weshalb sie Reverend Toller (Ethan Hawke) bittet, ihrem Mann ins Gewissen zu reden. In einer Dialogszene, deren Intensität an die erste Verhörszene in Tarantinos „Inglorious Basterds“ erinnert, merkt Toller schon bald, wie schwer es ist, jemandem Hoffnung zu machen, wenn man selbst schon knapp vor dem Abgrund stand und fast alle Hoffnung verloren hat und mit Fragen konfrontiert wird, auf die man keine Antworten hat. Der Kampf um das ungeborene Kind wird in einer dramatischen Wendung plötzlich zum Kampf um die eigene Seele. Und was tun, wenn man dann auch noch einen Schuldigen vor Augen hat? Darf man Schuld auf sich laden, um noch größere Schuld zu verhindern? Das Gewissen des Kirchenmannes wird mit jedem Tag mehr belastet, und schon bald wird es schwierig bis unmöglich, Richtig von Falsch zu unterscheiden. Auch alle zwischenmenschlichen Beziehungen erfahren völlig neue Bewertungen. Paul Schraders Film ist sehr intelligent gestrickt und konsequent gedacht und inszeniert, ohne dem Zuseher allerdings das eigene Mitdenken abzunehmen. Vor allem die letzte Szene kann auf Irritation stoßen, wenn man zu sehr am Offensichtlichen festhängt. „First Reformed“ verlangt, dass man sich in die Psychologie der Figuren hineinfühlt. Vieles bleibt unausgesprochen, viele Gespräche erscheinen zunächst auch redundant, dienen aber dazu, die Charaktere und ihre gedanklichen Verstrickungen sichtbar zu machen. Das allerdings führt dazu, dass der Film durchaus seine gelegentlichen Längen hat und beim Zusehen etwas Geduld erfordert. Am Ende wird man dafür belohnt, aber der Weg dahin kann etwas beschwerlicher ausfallen. Der von Ethan Hawke grandios nuanciert gespielte Reverend Toller ist allerdings ein interessanter Charakter, der gleichzeitig Stolz wie Demut, Hoffnung wie Verzweiflung, soziales Gewissen wie Gewissenlosigkeit vereint und dessen Weg man gerne mitverfolgt. Paul Schrader setzt dabei auf das Narrativ des Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Reverend Toller ist so etwas wie die sanfte und eloquente Version von Scorseses „Taxi Driver“. „First Reformed“, derzeit im Gartenbaukino in Wien zu sehen, ist ein ruhig erzählter, aber im Nachhinein aufwühlender Film und definitiv empfehlenswert.


7,5
von 10 Kürbissen

Glück aus dem Blickwinkel des Mannes (1965)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Le Bonheur
Erscheinungsjahr: 1965
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Le Bonheur


Mag ein Apfel noch so schön glänzen, es kann immer noch der Wurm drin stecken. Das dachte sich wohl auch Agnès Varda mit ihrem Film „Le Bonheur“, der bei uns als „Glück aus dem Blickwinkel des Mannes“ oder einfach nur „Das Glück“ lief. Denn vordergründig ist François ein wahrlich glücklicher Kerl. Verheiratet mit einer bezaubernden Frau, gesegnet mit süßen Kindern, sonntags schläft man auf einer Wiese unter einem Baum, das Geschäft läuft gut, die Verwandtschaft ist auch zu ertragen, alles pipifein. Die Bekanntschaft der nicht minder attraktiven Émilie während eines Außendienstes vergrößert das Glück sogar noch, denn wenn es schon so wundervoll ist, eine Frau zu lieben, dann ist es ja doppelt so schön, gleich zwei solch bezaubernde Frauen an seiner Seite zu wissen. Noch dazu, wenn sich Émilie gleich bereitwillig mit der Rolle als Geliebte abfindet, die sich gar nicht erst in die Ehe einmischen möchte. Thérèse, die Ehefrau, muss indessen nichts vom außerehelichen Gspusi wissen, man(n) ist ja feinfühlig. Sie hätte zwar sicherlich Verständnis dafür, dass ihr Mann nun einfach doppelt so viel liebt, an der Liebe zu ihr ändert sich schließlich nichts, aber man will ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Also tanzt François nun eben von der Einen zur Anderen. Die Sonne scheint, die Blumen leuchten pastellfarben, die Kinder spielen fröhlich im Park, und während Thérèse liebevoll pflichtergeben im Bett ist, bringt Émilie mehr Feuer in die körperlichen Angelegenheiten – und beides fühlt sich gut an. Ach, glücklicher François! Doch als er eines Tages (doch recht bereitwillig) seiner Frau gegenüber mit der Wahrheit herausrückt, stellt sich heraus, dass diese trotz des Überschwangs ihres Göttergatten dieses Glücksgefühl nicht so einfach teilen kann. Dumm gelaufen irgendwie. Und da ist er nun, der Wurm im glänzenden Apfel. Und der schaut nun heraus aus dem Wurmloch, sagt laut „Grüß Gott“ und lässt Agnès Varda auf eine sehr bissige Weise über das männliche Selbstverständnis herziehen. Dabei taucht sie die Bilder weiterhin derart konsequent in frühlingshafte Pastellbilder, dass man den Schrecken fast übersieht. Aber eben nur fast.

 


7,5
von 10 Kürbissen

La Pointe Courte (1955)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: La Pointe Courte
Erscheinungsjahr: 1955
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: La Pointe Courte


Agnès Vardas Debütfilm aus dem Jahr 1955 zerfällt eigentlich in drei Filme: Der eine zeigt eine naturalistische Beschreibung der Menschen in einem armen Fischerdorf. Der zweite ist eine eher mühsame Liebesgeschichte nach Art der Nouvelle Vague – also: Menschen laufen durch die Landschaft und sind furchtbar geschwätzig. Der dritte Film ist im Grunde die Vorwegnahme von Youtube-Katzenvideos. Agnès Varda mag Katzen. Das ist definitiv ein Pluspunkt für sie. Ansonsten bin ich recht unschlüssig, was ich von dem Film halten soll. Unbedarft sei sie an den Film herangegangen, unerfahren und ohne zu wissen, was ein Film wirklich sei, so Varda. Das ist natürlich durchaus spannend zu sehen, und genau diese Unerfahrenheit sorgt auch für viele schöne Momente. Immer dann, wenn die Kamera durch das Fischerdorf streift und die Menschen zeigt, ob nun beim (illegalen) Fischen oder bei einem Lanzenturnier mit Ruderbooten, ist man als Zuseher mitten drin im Leben. Doch wenn dann das Paar ins Spiel kommt, um das sich eigentlich alles dreht – der Mann, der in seine alte Heimat zurückgekehrt ist und seine Frau, die dort noch niemand kennengelernt hat, und die ihm nachgereist ist, um Schluss mit ihm zu machen, was sie nach vielen langen Gesprächen am Strand wieder revidiert – wenn die beiden also im Mittelpunkt stehen, deren Gespräche und Verhandlungen bewusst artifiziell konstruiert werden und damit das genaue Gegenteil der naturalistischen Darstellung des Dorfs und seiner Bewohner ausdrückt, dann wird es etwas mühsam – so wie dieser Satz, der einfach kein Ende finden will, der noch einen Gedanken und noch einen anhängt, und der ebenfalls artifiziell konstruiert ist, denn ehrlich: So spricht oder schreibt kein Mensch. Dann doch lieber mehr Fischer und Katzen. Aber insgesamt doch sehenswert und eine Vorwegnahme der Nouvelle Vague. Wenn man mit dieser Strömung also etwas anfangen kann, ist „La Pointe Courte“ wohl ein Pflichtfilm.


6,0
von 10 Kürbissen

Bohemian Rhapsody (2018)

Regie: Bryan Singer
Original-Titel: Bohemian Rhapsody
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Musikfilm
IMDB-Link: Bohemian Rhapsody


Eine ganz einfache Frage zu Beginn an den Leser: Wie viel kannst du mit der Musik von Queen anfangen? Wenn die Antwort darauf ist: „Viel!“, dann kannst du an dieser Stelle zu lesen aufhören. Stattdessen marschiere einfach schnurstracks in das nächste Kino und setze dich in „Bohemian Rhapsody“. As simple as that. Denn Bryan Singers Biopic ist Queen pur und Heldenverehrung in ihrer lautesten Form. Spätestens wenn beim ersten Auftritt der jungen Band (damals noch unter dem Bühnennamen Smile) Brian May auf seiner Red Special zum Riff von „Keep Yourself Alive“ ansetzt, möchte man aus dem Kinosessel springen und kräftig mithüpfen. (Kommt aber leider nicht so gut, wenn man das macht.) Rami Malek ist ein fantastischer Freddie Mercury, Ben Hardy ein überzeugender (und sexy) Roger Taylor, Joseph Mazzello ein authentischer, staubtrockener John Deacon – und Brian May wird von Brian May gespielt. Ehrlich – die haben doch eine Zeitmaschine erfunden, sind ins Jahr 1973 gedüst, haben dort Brian May aufgegabelt und ihn ins Jahr 2018 verfrachtet, wo er nun an der Seite von Schauspielern die eigene Bandgeschichte nachspielt. Muss ein seltsames Gefühl für ihn gewesen sein. Aber dass sich hinter der Figur der Schauspieler Gwilym Lee verbergen soll, nein, das kaufe ich euch nicht ab! Jedenfalls ist das Casting allein schon meisterhaft. Und dann die Energie, die während der Konzertaufnahmen eingefangen wird, vor allem im großen Finale und Herzstück, dem legendären Live Aid-Auftritt von 1985, sucht auch ihresgleichen. In dieser Hinsicht ist der Film ganz groß. Und wenn man die Musik von Queen mag, reicht das völlig aus, um diesen Film zu feiern und vielleicht sogar abgöttisch zu lieben. Wenn man das alles ein bisschen differenzierter betrachten möchte, so stehen als Wermutstropfen eine nicht ganz schlüssige und dramaturgisch arg verdichtete Chronologie (der Pferdefuß der meisten Biopics), auch – als Queen-Kenner wird einem das auffallen – was die Reihenfolge der Songs betrifft („Fat Bottomed Girls“ zB kommt viel zu früh, „Another One Bites the Dust“ hingegen zu spät), das Ausblenden der Jahre nach 1985 (und auch da ist noch verdammt viel Relevantes passiert in der Geschichte der Band sowie in Freddie Mercurys Leben) sowie die Tatsache, dass das Biopic an sich recht klassisch und routiniert erzählt wird. Sprich: Brav. Die großen Exzesse und Dramen werden nur angedeutet, und man hat nicht wirklich das Gefühl, die Menschen hinter den öffentlichen Legenden näher kennenzulernen. Aber, wie gesagt, man wird dafür entschädigt mit wirklich grandioser Musik und dem Gefühl, etwas ganz Großem beizuwohnen. Was ich täte, wenn ich eine Zeitmaschine hätte? Klar – ins Jahr 1985 reisen, zum Wembleystadion pilgern, und Augen- und Ohrenzeuge eines der großartigsten Konzertauftritte der Musikgeschichte werden.


8,0
von 10 Kürbissen

Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Cléo de 5 à 7
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama
IMDB-Link: Cléo de 5 à 7


Die Sängerin Cléo (die eigentlich Florence heißt) hat schwere Stunden vor sich. Gerade noch war sie bei einer Wahrsagerin. Die Tarotkarten haben ihr Übles prophezeit, Krankheit und Tod. Und nun ist es fünf Uhr nachmittags, und am Abend soll sie vom Arzt das Ergebnis ihrer Biopsie erfahren. Sie schlendert durch die Stadt, geht mit ihrer Vertrauten Angèle Kaffee trinken und shoppen, trifft in der Wohnung auf den Lover, der ihre Sorgen nicht ernst nimmt, übt mit ihrem Komponisten ein neues Lied ein, trifft sich mit der Freundin Dorothée und lernt schließlich im Park den Fremdenlegionär Antoine kennen. Überall sieht das Publikum Todesboten, sei es der schwarze Hut, den Cléo kauft, oder der Text des Chansons, den sie einstudieren soll. Es passiert aber nicht viel – man weiß nicht, ob Cléos Ängste begründet sind oder einem Hirngespinst entstammen – einer eingebildeten Todessehnsucht der jungen, sensiblen Seele, die damit einen ansonsten eher hohlen Geist zu überhöhen versucht. Doch je länger wie Cléo folgen, desto größer werden auch unsere eigenen Zweifel, vor allem, was Cléo und unsere Einschätzung ihres Charakters selbst betrifft. So hält Agnès Varda dem Publikum mit dem Film einen Spiegel hin. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ war eines der ersten Werke der Nouvelle Vague. Ich persönlich tue mir mit dieser Art des Kinos ziemlich schwer, zu geschwätzig und pseudo-intellektuell erscheinen mir viele der bislang gesichteten Werke. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ ist hierbei eine wohltuende Ausnahme. Geschwätzig? Ja, vielleicht ein wenig. Aber dennoch ist die Kamera hauptsächlich neugierig auf Cléo gerichtet und versucht, diese junge Frau in vielen Facetten zu zeigen, ohne sie als reine Fassade für intellektuelle Gedankenspiele zu missbrauchen. So ist Agnès Vardas Frühwerk ein Nouvelle Vague-Film, der mir tatsächlich gut gefallen hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 20 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Aufbruch zum Mond (2018)

Regie: Damien Chazelle
Original-Titel: First Man
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: First Man


Nächstes Jahr jährt sich die erste Mondlandung zum 50. Mal. Ihr wisst schon – Neil Armstrong (der Astronaut, nicht der Radfahrer und auch nicht der Trompeter) mit seinem kleinen Hüpfer, den geschätzt fünfhundertfünfzig Fantastilliarden Menschen live vor den Fernsehgeräten verfolgt haben. Wie es dazu gekommen ist, erzählt Damien Chazelle in seinem Biopic „First Man“. Und zwar nicht so, wie es die EAV besungen haben: „Liebste mein, komm steig in mein Flugzeug ein. Dann flieg ich dich zum Mond, wo die Liebe wohnt, und dort wirst du belohnt.“ Nein, das Ganze ist hochgradig seriöser. Chazelle zeigt Armstrong, gespielt von Ryan Gosling, als schweigsamen, introvertierten Mann, der heftig am frühen Verlust seiner Tochter zu nagen hat. Mag sein, dass er zu den Sternen will, weil er dort seiner Tochter näher ist. Mit seiner Frau (Claire Foy) ist er jedenfalls nicht mehr ganz so eng. Klar, jedes Familienleben hat seine Höhen und Tiefen, und immerhin schaffen die beiden es mit ihren verbliebenen Kindern noch, eine Familie zu sein, aber wie will man schon den gemeinsam erlebten Schmerz verarbeiten, wenn sich der eine Part lieber mit einem Fernglas in den Garten stellt und zum Mond hinaufstarrt anstatt über die Probleme zu reden? Irgendwie ist es dann auch gut, dass sich Neil nach einigen halsbrecherischen Versuchsreihen und tragischen Verlusten dann doch 1969 auf den Weg macht. Ein wenig Distanz (in diesem Fall knapp 400.000 Kilometer) hat schon mancher Beziehung gut getan. Das alles ist durchaus solide und handwerklich gekonnt erzählt. Diesbezüglich kann man Chazelle und seinem Team keinen Vorwurf machen. Dennoch zieht sich der Film ein wenig, denn der (bewusst gewählte) Fokus liegt eindeutig auf Neil Armstrong und der Beziehung zu seiner Familie. Kann man machen, keine Frage, aber dadurch bleibt zwangsweise der technische Part der ganzen Mondlandungsvorbereitung zurück. Zwar wird immer wieder ersichtlich, mit welchem Wahnsinnsoptimismus dieses Projekt angegangen wurde und an wie vielen „Sofern alles klappt“ die ganze Operation hing, aber recht viel Neues erfährt man nicht. Mich hätte vor allem eben der technische Kram interessiert (ohne ihn zu verstehen), denn so wird die Leistung des Teams ein wenig in den Schatten gestellt zu Gunsten von Neil Armstrong – sicherlich eine faszinierende Persönlichkeit, aber eben nur ein Rad im Getriebe dieses bahnbrechenden Projekts. So kann „First Man“ meinen hohen Erwartungen, die ich in den Film hatte, nicht ganz gerecht werden, bietet aber dennoch gute Unterhaltung.


6,0
von 10 Kürbissen

Viennale 2018 – Ein Fazit

Auch wenn ich mir im Verlauf des weiteren Monats noch drei bis vier weitere Filme aus der Retrospektive ansehen, kommt an dieser Stelle nun nach 28 Filmen (und damit gleich vielen wie letztes Jahr um diese Zeit) das alljährliche Viennale-Fazit. Wie immer in Anlehnung an den alten Kaiser: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.

Was gibt es an Positivem zu vermelden von Eva Sangiorgis erster Viennale?

  • Ein hochseriöses Programm.
  • Sanfte Änderungen, die die Tradition nicht negieren.
  • Der Eröffnungsfilm „Lazzaro Felice“.
  • Das Special zu Roberto Minervini.
  • Die Auswahl des Überraschungsfilms.
  • Die Aufwertung des Filmmuseums als reguläre Spielstätte.
  • Der Dragee-Keksi-Vorrat.
  • Die alljährliche Begeisterung unter Gleichgesinnten.
  • Eva Sangiorgis ansteckendes Lächeln.

Und weniger toll:

  • Ein hochseriöses Programm. (Im nächsten Jahr wieder ein bisserl mehr Spaß, bitte!)
  • Die Auflösung der Trennung zwischen Doku und Spielfilm.
  • Der Anteil weiblicher Regisseure. Auch ohne auf Quoten zu schielen, geht da mehr.
  • Leute, die mit Dragee-Keksi-Sackerl rascheln.
  • Leute, die sich prinzipiell im Kino nicht benehmen können.
  • Dass Eva Sangiorgis ansteckendes Lächeln nicht mir gegolten hat.

Insgesamt also ein durchaus positives Fazit, das Entwicklungspotential für die kommenden Jahre lässt. Ich wäre sehr dafür, zumindest in den Beschreibungen der Filme anzuführen, um welche Form es sich handelt. Dass man alles zusammen ins Hauptprogramm schmeißt, ist nicht das Problem. Aber es ist mühsam, sich aus dem Inhalt selbst zusammenreimen und im Internet nachrecherchieren zu müssen, ob der gezeigte Film ein Dokumentarfilm oder ein Spielfilm (oder was auch immer) ist.

Dass dieses Jahr nicht weniger als sieben Dokumentarfilme in meinem Programm waren, liegt weniger an der fehlenden Trennung zwischen Dokumentationen und Spielfilm, sondern schlicht daran, dass ich in diesem Jahr verstärkt auch Dokumentationen ansehe. Ein Grund dafür ist mein Projekt 50/50, also mein Ziel, am Ende des Jahres genauso viele Filme von Regisseurinnen wie von Regisseuren gesehen zu haben. Und es gibt einfach sehr viele starke Dokumentationen, die von Frauen gedreht wurden.

Nun zu den Filmen. Die meisten Viennale-„Blockbuster“, die ohnehin demnächst ihren regulären Kinostart haben wie „First Man“ von Damien Chazelle, „The House That Jack Built“ von Lars von Trier, „First Reformed“ von Paul Schrader,  der Berlinale-Gewinner „Touch Me Not“ von Adina Pintilie und „The Favourite“ von dem von mir so geliebten Giorgos Lanthimos sowie heimische Produktionen mit Fix-Start im Kino wie „Styx“ von Wolfgang Fischer oder „Joy“ von Subadeh Mortezai habe ich bewusst ausgelassen. Der Rest kann wie folgt zusammengefasst werden (nach meiner völlig subjektiven Einschätzung, der natürlich jederzeit gern vehement widersprochen werden darf):

Herausragend (9,0 oder mehr):
Aufstieg

Ausgezeichnet (8,0 – 8,5):
Leave No Trace
Glücklich wie Lazzaro
Gegen den Strom
Our Time

Sehr gut (7,0 – 7,5):
Diamantino
Stop the Pounding Heart
The Wild Pear Tree
Johnny Doesn’t Live Here Anymore

Gut (6,0 – 6,5):
Low Tide
Ute Bock Superstar
River’s Edge
Carmine Street Guitars
Climax
Cassandro the Exotico!
Outrage
Vox Lux
Museum

Mäßig (5,0 – 5,5):
Angelo
Kino Wien Film
Young Solitude
First Night Nerves
Murder Me, Monster
Immersed Family

Eher schlecht (4,0 – 4,5):
Wild Relatives

Schlecht (3,0 – 3,5):
Galileo’s Thermometer

Zum Vergessen (2,5 oder weniger):
Drift
Die feurigen Schwestern

Insgesamt ein durchaus erfreulicher Jahrgang. Nur, wie gesagt, nächstes Jahr bitte noch ein bisschen mehr Spaß und etwas mehr Frauenpower in den Regiestühlen. Und, falls möglich, für die Interviews mit englischsprachigen Gästen vielleicht mal Moderatorinnen und Moderatoren nehmen, die der englischen Sprache mächtig sind. Das wäre hilfreich, denke ich.

Johnny Doesn’t Live Here Anymore (1944)

Regie: Joe May
Original-Titel: Johnny Doesn’t Live Here Anymore
Erscheinungsjahr: 1944
Genre: Komödie
IMDB-Link: Johnny Doesn’t Live Here Anymore


Es ist Krieg, von überall kommen Arbeiterinnen und Arbeiter in die Städte, um in der Rüstungsindustrie Arbeit zu finden. Was dadurch natürlich Mangelware wird: Wohnungen. Glücklicherweise lernt die junge Kathie Aumont (Simone Simon) durch Zufall den Marine Johnny kennen, der ihr kurzerhand ihre Wohnung überlässt, während er im Einsatz ist. Blöderweise hat Kathie aber auf der Zugfahrt in die Stadt unliebsame Bekanntschaft mit Rumpelstilzchen gemacht, als sie versehentlich einen Salzstreuer vom Tisch gestoßen hat. Sieben Wochen Pech, verspricht ihr der transluzente Gnom. Und so erweist sich der Glücksfall der freien Wohnung schon bald als ziemlich herausfordernd, da Johnny offenbar recht freigiebig mit seinen Wohnungsschlüsseln war, weshalb allerlei Volk in seiner Wohnung ein und aus geht, zumeist knackige Seemänner, was die misstrauische Nachbarin mit Argusaugen beobachtet. „Johnny Doesn’t Live Here Anymore“ ist eine wirklich amüsante Screwball-Komödie mit teils großartigem Wortwitz, wenn beispielsweise zwei neu angekommene und ziemlich ausgelassene Matrosen sich bei der entnervten Kathie vorstellen: „I’m Jack!“ – „I’m Mike!“, und sie darauf lapidar und mit einem charmanten Lächeln antwortet: „I’m going …“ Der ganze Cast ist gut aufgelegt, die Chemie zwischen allen Darstellern ist grandios. Und irgendwann darf auch noch der junge Robert Mitchum mitmischen, und sich vor fliegenden Torten in Sicherheit bringen. Ich musste mehrmals laut auflachen. Natürlich, irgendwie ist das alles schon sehr leichtgewichtig und ohne hintersinniger Botschaft (Witz schlägt Inhalt), aber der Film macht einfach Spaß, auch fast 75 Jahre nach seinem Erscheinen. Und mehr braucht es eigentlich nicht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Norwegian Film Institute)

Outrage (1950)

Regie: Ida Lupino
Original-Titel: Outrage
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Outrage


Offiziell ist die Viennale 2018 seit dem 8. November wieder Geschichte. Inoffiziell gibt es im Filmmuseum noch bis Anfang Dezember einige Perlen der Retrospektive zum Thema „B-Movie“ zu entdecken. Der einzige Beitrag einer weiblichen Regisseurin ist „Outrage“ von Ida Lupino. Mala Powers spielt darin die junge Ann, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, als sie eines Abends auf dem Heimweg von einem finsteren Typen verfolgt wird. Nach einer beklemmenden Verfolgungsjagd durch die menschenleeren Gassen erwischt sie der Mann schließlich. Und auch wenn man 1950 noch nicht so weit war, einen derartigen Übergriff (das Wort „Vergewaltigung“ wird während des ganzen Films vermieden) auch zu zeigen, ist sonnenklar, worum es geht. Starker Tobak für einen solch frühen Hollywood-Film. Dass man einige Jahre zuvor im realen Leben die größten Schrecken der Menschheitsgeschichte erfahren hat, trug vielleicht dazu bei, dass sich das Kino auch solchen Abgründen öffnete. Ann, eigentlich glücklich verlobt, bricht schwer traumatisiert jeden Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Verlobten ab, setzt sich in den nächsten Bus und flüchtet Richtung Los Angeles. Knapp vor ihrem Ziel wird sie von einem jungen und attraktiven Pfarrer aufgelesen, dem sie erst einmal großes Misstrauen entgegenbringt. Doch mit Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es ihm allmählich, diese Mauer zu durchbrechen. „Outrage“ ist ein durchaus interessanter und gut gespielter Film, der allerdings gleichzeitig auch ein Kind seiner Zeit ist. Was heißt: Die Frauen haben hier nicht viel zu melden. Sie sind arme Opfer, und es liegt am Mann, sie aus der Misere wieder herauszuführen. Dass selbst eine Frau Regie führte, zeigt nur auf, wie stark dieses Geschlechterbild zu jener Zeit immer noch in vielen Köpfen verankert war. Dass es auch anders geht, bewies unter Anderem schon ein Jahrzehnt davor Dorothy Arzner mit ihrem Dance, Girl, Dance. Trotzdem kann man sich „Outrage“ auch heute noch gut ansehen, wenn man dieses krasse Rollenbild ausblenden bzw. einfach als Symptom seiner Zeit sehen kann.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)