Drama

Frida (2002)

Regie: Julie Taymor
Original-Titel: Frida
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Frida


Frida Kahlo und Diego Rivera. Die große Liebesgeschichte Mexikos. Beide sind zu einem Teil der mexikanischen Identität geworden, ihre Geschichte ist größer als die Wirklichkeit selbst. Julie Taymor versuchte im Jahr 2002, diese Geschichte in Bilder zu fassen und Frida Kahlos wechselhaftes und an Schicksalsschlägen reiches Leben zu verfilmen. Und wer wäre für die Titelrolle geeigneter gewesen als Mexikos populärste Schauspielerin, Salma Hayek? Die ist auch wunderbar als Frida Kahlo, vielleicht sogar zu wunderbar, denn Hayeks klassische Schönheit überstrahlt immer wieder die eigentlich sperrige Strenge der realen Frida Kahlo, die mit Oberlippenflaum und buschigen Augenbrauen jegliche Schönheitsideale stolz beiseite wischte und gerade dadurch diese Aura von Unabhängigkeit und Stärke bekam. Hayek bemüht sich nach Kräften, diese Tugenden und diese Ausstrahlung zu verkörpern, und in vielen guten Momenten gelingt ihr das auch. Doch leider wird sie in ihren Bemühungen immer wieder torpediert vom Drehbuch, das mehr Interesse für den vor Vitalität strotzenden Diego Rivera (Alfred Molina) aufzubringen scheint als für die Hauptfigur selbst. So ist Frida in vielen Szenen die Nebenfigur ihrer eigenen Geschichte. Zu sehr legt der Film den Fokus auf die Liebesbeziehung zwischen Frida und Diego, und da ist, so ehrlich muss man sein, das oftmals erratische Verhalten des jeder Liebelei wie auch dem Kommunismus glühend zugeneigten Rivera für den Zuseher deutlich interessanter als Fridas Mischung aus Pragmatismus und Lebenskraft. Fridas eigene Leidenschaft, ihr eigenes Glühen, ihr eigenes Leiden, wird phasenweise erstickt vom Charisma ihres Partners. Und das ist jammerschade. Denn zu wenig erfährt der Zuseher von den großen Leistungen und der Stärke dieser Frau, die heute sinnbildlich für ganz Mexiko steht: Stolz, groß, schier unbesiegbar, und doch im Schatten Anderer. So ist „Frida“ ein schöner und gut gespielter Film, der uns aber die historische Figur der Frida Kahlo nicht wirklich näher bringen kann.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 41 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

Arthur & Claire (2017)

Regie: Miguel Alexandre
Original-Titel: Arthur & Claire
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Arthur & Claire


Man kennt das ja: Beim Sterben kommt immer etwas dazwischen. So geht’s Arthur Schlesinger (Josef Hader), der nach Amsterdam gekommen ist, um sich am folgenden Tag in einer Klinik ein Spritzerl setzen zu lassen. Da freut man sich am letzten Abend des Lebens auf das g’schmackige Filetsteak im Nobelhotel, aber nicht mal kurz vor der ewigen Ruhe hat man seine Ruhe, denn aus dem Nachbarzimmer ertönt recht laut etwas, das Arthur nur mit Mühe als Musik erkennen kann. Also wird mal ordentlich an die Tür gehämmert, und es öffnet die adrette Niederländerin Claire (Hannah Hoekstra), die einen recht abwesenden Eindruck macht. Der Grund dafür wird recht schnell klar, als Arthur das Glas mit den Schlaftabletten erspäht. Und weil’s ja nicht sein kann, dass ihm da jemand das Sterben vorwegnimmt, schüttet er nach einigem Hin und Her eben jene in die Toilette: Der Auftakt zu einer Tragikomödie, in der sich die beiden Hauptfiguren eher unwillig, aber doch mit gewisser Neugier aufeinander beim gemeinsamen Fallenlassen ins Amsterdamer Nachtleben kennenlernen. Das ist zwar sehr charmant, allerdings krankt es bei „Arthur & Claire“ von Miguel Alexandre nicht nur beim hustenden Hauptprotagonisten, sondern auch zeitweise an der Motivation der Figuren. Manchmal tun sie Dinge, weil das Drehbuch (Mitwirkender daran: His Holyness Hader Himself) es verlangt, aber nicht, weil es in den Figuren selbst tatsächlich so angelegt wäre. Dadurch kommt ein recht vorhersehbarer, dank einiger guter Momente und einer spürbaren Chemie zwischen Hader und Hoekstra aber dennoch sehenswerter Film. Ein Feelgoodmovie übers Sterben. Bekommt man auch nicht alle Tage zu Gesicht.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen  Filmverleih)

Selma (2014)

Regie: Ava DuVernay
Original-Titel: Selma
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm, Politfilm
IMDB-Link: Selma


Dass „Selma“ von Ava DuVernay bei der Oscar-Verleihung 2015 „nur“ als bester Film und für den besten Song nominiert war (für Letzteres bekam er dann auch die Auszeichnung), gehörte zu den großen Aufregern des damaligen Jahrganges. Was ist mit einer Nominierung für Ava DuVernay? Was ist mit David Oyelowo als Martin Luther King? Beides berechtigte Fragen, wenn man den Film sieht. Denn „Selma“ ist ein sehr ambitionierter Historienfilm mit großartigen Darstellern, allen voran eben Oyelowo, über einen wichtigen Moment in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Es geht um die von Martin Luther King angeführten Selma-Montgomery-Märsche aus dem Jahr 1965, die auf das Unrecht hinwiesen, dass schwarzen Bürgerinnen und Bürgern trotz neuer Gesetze immer noch der Zugang zu den Wahlen erschwert wurden. Bürokratische Willkür, jede Menge Fallstricke in den Gesetzestexten und eine völlige Ignoranz des Problems seitens der US-Regierung sorgten dafür, dass Zehntausende Amerikanerinnen und Amerikaner jeglicher Couleurs gegen alle Widerstände von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zogen und friedlich protestierten. „Selma“ zeichnet sowohl die Vorgeschichte als auch die Märsche selbst (erst der dritte konnte erfolgreich durchgeführt werden, während die ersten beiden noch von der Exekutive behindert wurden) nach. Martin Luther King wird dabei als Familienvater und Mensch mit Stärken und Schwächen gleichermaßen gezeigt. Der ausgewogene Blick tut dem Film und seiner starken Botschaft durch. Gleichzeitig wird der Stoff dadurch teilweise auch etwas trocken abgehandelt. Über die gesamte Laufzeit von über zwei Stunden hat der Film dann doch den einen oder anderen Leerlauf. In den besten Momenten aber ist er auf eine sehr positive, unpathetische Weise ergreifend. Auch in einem exzeptionell guten Jahrgang 2014/2015 (u.a. „Grand Budapest Hotel“, „Birdman or The Unexpected Virtue of Innocence“, „Boyhood“ oder „Whiplash“) konnte sich dieser Film durchaus behaupten und gehört, so behaupte ich mal, zu jenen Filmen, die auch in einigen Jahren noch relevant sein werden.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 52 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Das Fräulein (2006)

Regie: Andrea Štaka
Original-Titel: Das Fräulein
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Drama
IMDB-Link: Das Fräulein


Mit der Heimat ist es so eine Sache. Fast jeder trägt sie im Herzen, doch wenn man lange genug woanders lebt, wird auch dieser Ort zur Heimat. In diesem Feld der Ambiguität bewegt sich Andrea Štakas Film „Das Fräulein“. Dieser erzählt von der knapp fünfzigjährigen Serbin Ruža (Mirjana Karanović), die seit fünfundzwanzig Jahren in der Schweiz lebt und nun eine Kantine betreibt. Nur ihr Akzent erinnert noch daran, dass sie ursprünglich mit großen Plänen aus dem damaligen Jugoslawien in den Westen gekommen ist. Ganz anders verhält es sich bei der jungen Ana (Marija Škaričić), die gerade eben aus Sarajevo angekommen ist. Ana musste die Schrecken des Krieges als Kind miterleben. Ihr Bruder konnte die seelischen Wunden nicht wegstecken und fand seine Erlösung im Suizid. Man merkt, dass Ana – trotz aller Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit – vom Schicksal schwer beladen ist. Bald wird auch klar, dass es auch gesundheitlich nicht sonderlich gut um sie steht. Dennoch beginnt sie, für Ruža zu arbeiten, und allmählich kommen sich die beiden unterschiedlichen Frauen, die nur die Sprache ihrer Herkunft verbindet, auf einer freundschaftlichen Ebene näher. Ana bringt Lebensfreude in Ružas Leben, umgekehrt gibt Ruža der jungen Ana etwas Halt in einem ansonsten chaotischen Leben. Das alles ist gut und stimmig erzählt. Die Figuren sind glaubwürdig, die Emigration aus der Heimat wird nicht als traumatisierendes Übel dargestellt, sondern – aus unterschiedlichen Gründen – als logische Konsequenz der Möglichkeiten und Bedingungen, die man in der Heimat vorgefunden hat. Allerdings ließ mich der Film am Ende auch etwas unbefriedigt zurück. Er lebt über seine Spieldauer hinweg von vielen kleinen Momenten, die aber in Summe zu keiner wirklichen Entwicklung führen. Vielleicht ist am ehesten die Versöhnung mit der Vergangenheit und die Akzeptanz der Gegenwart das Thema des Films, aber alles in allem bleibt er unentschlossen und weiß am Ende nicht so recht, wohin mit seinen Figuren. Der Weg ist sehenswert, nur das Ziel nicht ganz klar.

 


6,0
von 10 Kürbissen

American Honey (2016)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: American Honey
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roadmovie, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: American Honey


„American Honey“ ist kompromisslos. Gleich zu Beginn wird das Setting mit wenigen Bildern aufgebaut, wenn die 18jährige Star (Laiendarstellerin Sasha Lane, die ihre Sache großartig macht) aus dem Abfall eines Supermarktes ein halb aufgetautes Tiefkühlhuhn hervorfischt, das sie ihren beiden Halbgeschwistern zum Spielen hinwirft. Dieser Film spielt im finsteren Amerika, Land der begrenzten Möglichkeiten. Eine Chance ergibt sich für Star, als sie im Supermarkt auf den charismatischen Jake (Shia LaBeouf in einer Rolle, in der er mir mal nicht auf die Nerven geht) trifft. Der arbeitet für Krystal (Riley Keough), die aussieht, als würde sie im Trailerpark leben, sich aber als toughe Geschäftsfrau gibt. So hat sie eine Truppe von Jugendlichen zusammengezogen, die als Keiler von Tür zu Tür gehen, um Zeitschriftenabos zu verkaufen. Das eine oder andere Souvenir wird dabei gerne mal mitgenommen. Star schließt sich der Runde an, die ihr eine Alternative zu ihrem Tiefkühlhuhnleben bietet. Und Jake ist ja irgendwie schnuckelig. Andrea Arnold macht es ihrem Publikum mit „American Honey“ nicht leicht. Fast drei Stunden beobachtet sie akribisch und mit vielen Nahaufnahmen das Treiben der Jugendliche, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, wie sie am Abend danach feiern, wie sie im Bus durch den Mittleren Westen fahren und dabei Musik hören. Es geschieht nicht viel. Die Dramen spielen sich eher im Kleinen ab, kleinere Eifersüchteleien, der Druck, Geld verdienen zu müssen, die Andeutung einer Entwurzelung, die ein unstetes Leben mit sich bringt. Meistens blödeln die Jugendlichen herum, spielen sich auf, markieren den starken Mann und die harte Frau – es ist trotz aller Kumbaya-Lagerfeuerromantik ein fordernde Welt mit klaren Regeln, und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Probleme. Besser also, mit Coolness die eigenen Ängste herunterspielen. Dabei dreht Andrea Arnold den Hahn vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu weit auf. So authentisch die Jugendlichen (allesamt Laiendarsteller/innen) auch wirken, aber es fehlen die leiseren Zwischentöne. Andererseits wiederum fehlt es diesen jungen Menschen vielleicht auch einfach an den Gelegenheiten, mal die Deckung runterzunehmen. Star ist diesbezüglich eh die Ausnahme. So konzentriert sich die Kamera auch ganz auf sie. Gedreht in teils wackeligen, aber wunderschönen 4:3-Bildern entsteht ein fast intimes Porträt der jungen Frau. So ist der Film trotz seiner langen Laufzeit stets intensiv und interessant, auch wenn die Handlung selbst nur wenige Fortschritte zeigt. Aber auch das ist in sich stimmig, denn für viele Menschen aus prekären Verhältnissen ist das Leben tatsächlich eine immer wieder kehrende Momentaufnahme, eine Abfolge von Wiederholungen, und neue Perspektiven bieten sich nur selten, wenn überhaupt.


8,0
von 10 Kürbissen

Die Verlegerin (2017)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: The Post
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: The Post


Katharine Graham (Meryl Streep), genannt „Kay“, war eine coole Socke. 35 Jahre lang war sie Geschäftsführerin der Washington Post und als solche die erste Frau in dieser Position in ihrer Branche, und sie machte aus der Post durch die Aufdeckung der Pentagon-Papers 1971 und der darauf folgenden Watergate-Affäre ein international renommiertes Blatt. Man sollte an dieser Stelle nun den Hut ziehen, sofern man einen trägt. Steven Spielberg hat dieser einflussreichen Frau nun mit „The Post“ ein Denkmal gesetzt. Daran ist gleich einmal positiv zu vermerken, dass der Film keine überzeichnete Heldenverehrung betreibt, sondern Kay Graham als verletzliche, unsichere und durch die Konventionen ihrer Zeit (Stichwort: „Mansplaining“) in ihren Möglichkeiten eingeschränkte Frau zeigt. Gleichzeitig ist sie unglaublich tough, da sie sich einem fast ausschließlich männlichen und ihr durchaus feindlich gesinnten Umfeld behaupten muss und folgenschwere Entscheidungen zu treffen hat. Die Veröffentlichung der streng geheimen Pentagon-Papers, und das ist das zentrale Thema des Films, könnte nämlich bereits der viel größeren und wichtigeren New York Times Kopf und Kragen kosten, denn US-Präsident Nixon hat naturgemäß keine Freude mit der Veröffentlichung der Dokumente, die belegen, dass der Vietnam-Krieg von Anfang an als verloren galt, was der Bevölkerung aber natürlich von der Regierung verschwiegen wurde. Einen Großteil seiner Zeit widmet der Film der Jagd nach den Quellen der Pentagon-Papers und dem Konflikt, in dem sich Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks mal wieder in einer Tom Hanks-Rolle) und damit auch Kay Graham befinden. Denn wenn die Quelle und damit die Papers aufgefunden werden, ist die Frage zu beantworten: Veröffentlichen – ja oder nein? Im schlimmsten Fall wird Bradlee seinen Job los, und Kay wandert hinter schwedische Gardinen. Wie gesagt, die Regierung reagiert auf die öffentliche Zurschaustellung ihrer Inkompetenz in der Regel eh leicht säuerlich, und Nixon ist da noch mal ein weitaus gefährlicherer Gegner als die Administrationen vor ihm. Hier geht es schließlich um Regierungsgeheimnisse, die dem Volk unter die Nase gerieben werden. Was also tun? Der Film fokussiert dabei hauptsächlich auf die unterschiedlichen Herangehensweisen von Bradlee und Graham. Beide haben hier eigene Standpunkte und natürlich auch auseinandergehende Interessen. Für Graham geht es auch um den Fortbestand des Lebenswerkes ihrer Familie, für Bradlee um die Pressefreiheit per se, was natürlich für Graham auch ein gewichtiges Argument ist, aber sie hat eben auch noch andere Konsequenzen zu berücksichtigen. Den Konflikt, in dem sich die Verlegerin befindet, stellt Meryl Streep wie immer überragend dar. Sie ist einfach die Beste ihrer Zunft. Und auch der ganz große Pluspunkt des Films. Denn dieser ist zwar durchaus als gelungen zu betrachten, allerdings in seiner Inszenierung durch Spielberg fast schon zu routiniert für meinen Geschmack. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass eine Szene aus dem Vietnamkrieg selbstverständlich musikalisch mit Creedence Clearwater Revival unterlegt sein muss. Ich liebe CCR, aber seit „Forrest Gump“ scheint Hollywood der Meinung zu sein, dass das die einzige Musik ist, die man zu Vietnamkriegsszenen einspielen kann. Und auch dramaturgisch ist in „The Post“ nicht viel Überraschendes dabei. Wie gesagt: Alles sehr gut gelungen, aber auch alles sehr routiniert abgearbeitet. Mit Ausnahme von Meryl Streep, die einmal mehr eine denkwürdige und facettenreiche Figur auf die Leinwand zaubert.


6,5
von 10 Kürbissen

Mudbound (2017)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: Mudbound
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Mudbound


Mit diesem Film wurde Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal überhaupt wurde mit Rachel Morrison eine Frau für den Oscar für die beste Kamera nominiert. Und das ist mehr als gerechtfertigt, wenn man sich die einprägsamen Bilder von „Mudbound“ ansieht. In diesem Südstaatendrama geht es um Rassismus, eine Dreiecksbeziehung und das harte Leben auf der Farm. Es geht um Ungerechtigkeit, um Verachtung, aber auch um prägende Momente im Leben, die einen als Mensch verändern. Wie die beiden nach Hause zurückgekehrten Kriegsveteranen Jamie (Garrett Hedlund) und Ronsel (Jason Mitchell). Beide haben gekämpft, Jamie in der Luft, Ronsel am Boden im Panzer, beide sind Kriegshelden, die das Meiste von dem, was sie gesehen und erlebt haben, am liebsten vergessen würden. Die beiden Männer finden in ihren Traumata zueinander. Das Problem: Jamie ist weiß, Ronsel schwarz, und es sind die Vierzigerjahre im tiefsten Süden der USA, wo Rassismus nicht nur Alltag ist, sondern regelrecht zelebriert wird. Es wird rasch klar, dass sich hier Konflikte ergeben, die sich in weiterer Folge massiv zuspitzen, und dass „Mudbound“ kein Feelgood-Buddy-Movie werden wird. In diese ohnehin schon wichtige Geschichte eingebettet ist noch die Story von Jamie, seinem Bruder Henry (Jason Clarke) und dessen Frau Laura (Carey Mulligan), die sich das Leben mit Henry so ganz anders vorgestellt hätte, als es letztlich auf der schlammigen, schmutzigen Farm eingetreten ist. Und daran schließt mein größter Kritikpunkt an einem ansonsten sehr guten und stimmigen und sehenswerten Film an: Diese Beziehungsgeschichte verlangsamt den Film und lenkt ein wenig von den eigentlich wichtigen und tragenden Themen ab. So benötigt „Mudbound“ auch eine Spieldauer von über zwei Stunden, um all seine Geschichten rund um das Figurengeflecht unterzukriegen, wobei letztlich eigentlich nur die Beziehung von Jamie und Ronsel von tatsächlicher Relevanz ist. So wirkt der Film phasenweise ein wenig unfokussiert. Dennoch ist „Mudbound“ richtig gut, und man sollte ihn gesehen haben – sofern man über einen Netflix-Account verfügt, da es sich hierbei um eine Netflix-Eigenproduktion handelt. Wäre es das nicht, hätte ich diesen Film eigentlich auch unter den Oscarnominierungen für den besten Film erwartet. Aber Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon werden von der Academy noch etwas stiefmütterlich behandelt trotz der großartigen Qualität, die sie oft liefern. Aber Filme wie „Mudbound“ bereiten definitiv den Weg für die nächsten Jahre.


7,0
von 10 Kürbissen

Madeline’s Madeline (2018)

Regie: Josephine Decker
Original-Titel: Madeline’s Madeline
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Madeline’s Madeline


Ich muss zugeben: Die erste halbe Stunde von „Madeline’s Madeline“ fand ich einfach nur furchtbar nervig. Ich dachte, ich hätte mein Berlinale-Lowlight mit dem letzten gesichteten Film nun tatsächlich gefunden bzw. noch einmal unterboten. Dann jedoch begriff ich etwas: In „Madeline’s Madeline“ sind ausnahmslos alle Protagonistinnen und Protagonisten völlig irre. Nicht nur die 16jährige Titelfigur Madeline, die Schauspielerin sein möchte, dabei aber in ihrer geistigen bzw. seelischen Erkrankung immer wieder getriggert wird, sondern wirklich alle. Ohne Ausnahme. Alle gaga. Die überfürsorgliche Mutter, die Madeline nicht unter Kontrolle hat und auf sie reagiert wie ein verletztes, trotziges Kind. Die schwangere Projektleiterin am Theater, die ihre fehlende Autorität durch anbiederndes, unpassendes Verhalten kompensieren möchte. Die Schauspielkolleginnen und -kollegen, die merken, dass etwas total aus dem Ruder läuft, aber nichts dagegen tun – im Gegenteil, die Situation noch einmal verschärfen. Alle haben einen veritablen Dachschaden, und so schaukelt sich das Ganze zu einem wahnsinnigen emotionalen Chaos hoch, bei dem Madeline in ihrem Verhalten noch mal bestärkt wird. Am Ende wird die ganze Geschichte zu einem surrealistischen Machtkampf, und man weiß gar nicht, was man sich dafür als Ergebnis wünschen sollte. Aber sobald man begriffen hat, dass „Madeline’s Madeline“ ein eineinhalbstündiges Ausleben sämtlicher denkbarer und undenkbarer Neurosen auf allen Ebenen ist, kann man richtig Spaß haben mit dem Film. Denn dann sieht man Egos, die ungebremst aufeinander knallen, und man hört Worte, die messerscharf durch Seelen schneiden. Ein wirklich interessanter Film, der aber auch richtig nerven kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Ashley Connor)

Facing the Wind (2018)

Regie: Meritxell Colell Aparicio
Original-Titel: Con el Viento
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Con el Viento


Die in Argentinien lebende Tänzerin Mónica erfährt, dass ihr Vater in Kastilien im Sterben liegt. Sofort reist sie los, um ihn zu sehen, kommt aber zu spät. Sie bleibt für die nächsten Wochen bei ihrer Mutter, die mit dem Schicksalsschlag erstaunlich gut und gefasst umgeht, und die das Haus verkaufen möchte, das ihr nun einerseits zu groß geworden ist und andererseits so voller Erinnerungen ist. Mónicas Schwester und Nichte helfen dabei, doch die größte emotionale Stütze ist erst einmal Mónica selbst, die vom Gefühl angetrieben wird, aufgrund ihrer langen Abwesenheit eine Schuld begleichen zu müssen. „Con el Viento“ ist ein sehr leiser, unaufdringlicher und authentischer Film darüber, wie das Leben nach dem Tod eines Familienangehörigen weitergeht. Es geht darum, sich als Familie neu zu finden und zu definieren, und die Normalität wieder aufzugreifen, die kurzfristig verloren ging. Leider erzählt Meritxell Colell Aparicio, die Regisseurin, die Geschichte so unaufgeregt, dass sie schlicht langweilig wirkt. Man sieht die Protagonistinnen beim Putzen eines Fahrrads, beim Kartenspielen, beim Holzhacken. All das dient natürlich der Intention, dieses Weitermachen, diesen Weg zurück in die Normalität zu zeigen, doch ist es per se einfach nicht interessant genug, um das Publikum emotional abzuholen. Da nützt es auch nur wenig, dass die Laiendarstellerinnen durch die Bank tolle Leistungen abliefern, allen voran Concha Canal als Witwe. All das, was hier auf der Leinwand gezeigt wird, ist absolut nachvollziehbar und in sich stimmig, aber es ist einfach keine Geschichte. So ist „Con el Viento“ eine gut gemeinte, aber leider mühsame Angelegenheit.


4,5
von 10 Kürbissen

The Weak Ones (2017)

Regie: Raúl Rico und Eduardo Giralt Brun
Original-Titel: Los Débiles
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Los Débiles


Mexiko, Sinaloa, jener Bundesstaat im Westen, der vom gefürchteten Sinaloa-Kartell kontrolliert wird, und in dem Gewalt und Kidnapping an der Tagesordnung stehen. Teil des Problems ist, dass sich bereits Jugendliche in Banden zusammenrotten und entweder für sich selbst oder das Kartell arbeiten. Sie wachsen mit dieser Gewalt auf und kennen nur diese Gewalt. Der stoische Victor hat eine eher unerfreuliche Begegnung mit so einem 13jährigen Bandenmitglied, das sich selbst „Selfie“ nennt, was in weiterer Folge dazu führt, dass seine beiden geliebten Hunde ermordet werden. Er macht sich auf den Weg, um nach Selfie und seiner Gang zu suchen. Er ist bewaffnet, ein schweigsamer, einsamer Rächer auf dem Kriegspfad. Unterwegs zu Selfie hat er allerlei skurrile Begegnungen mit einem hilfsbereiten Death Metal-Rocker, einem zurückgezogen lebenden Tattoo-Künstler, einem offensichtlich etwas seltsamen Motorradfahrer, bei dem die eine oder andere Schraube locker ist – all diese Begegnungen bringen eine humoristische Note in das Geschehen. Der eigentliche Gag des Films ist aber der Schluss, der so komplett an den Erwartungen der Zuseher vorbei läuft und eine andere Lösung präsentiert als die offensichtliche. Diese wiederum kann als Zeichen für Mexiko und sein Problem mit der Gewalt verstanden werden. So gesehen ist die Intention des Films eine durchaus positive und begrüßenswerte. Nur leider ist der Film selbst schlecht. Die meisten Szenen sind langweilig und führen zu nichts. Wie gesagt, diese Begegnungen sind per se manchmal ganz witzig, aber sie sind für den Film selbst bedeutungslos. Dazu kommen gröbere handwerkliche Schnitzer wie Victors T-Shirt, das vom Blut seiner Hunde besudelt ist. Und in der nächsten Einstellung wieder nicht. Und dann schon. Und dann ein bisschen. Und dann völlig. Und so weiter. Ein wahrlich magisches T-Shirt, auf dem Blutflecken kommen und gehen und dabei auch noch Form und Platzierung ändern. Und das ist ärgerlich. Denn aus dem Film hätte man wirklich etwas Interessantes, Starkes machen können, aber die beiden Regisseure konnten diese Gelegenheit bei weitem nicht nutzen. Einer der wenigen Berlinale-Filme, bei denen am Ende nicht geklatscht wurde, sondern das Publikum eher schnell und ratlos aus dem Kino gehuscht ist.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Diego Rodríguez)