Drama

Rocky V (1990)

Regie: John G. Avildsen
Original-Titel: Rocky V
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Rocky V


Wenn selbst Stallone selbst zugibt, den fünften Teil der Rocky-Saga nur aus Gier gemacht zu haben und den Film nicht zu mögen, so lässt das nichts Gutes für den neugierigen Zuseher erwarten. Und ja, „Rocky V“ ist ein missglücktes, völlig verhatschtes Zwischending aus Sportfilm und Familiendrama. Wobei – und das ist für einen Film der Rocky-Reihe eigentlich ein vernichtendes Urteil – das Familiendrama noch den interessanteren Part ausmacht. Rocky ist in diesem fünften Teil gesundheitlich angeschlagen und darf/soll nicht mehr boxen. Weil sein Steuerberater ein windiger Hund ist und Rocky selbst in finanziellen Belangen ja nicht durch besondere Genialität auffällt, wie wir aus dem zweiten Teil der Reihe wissen, steht die Familie Balboa mal wieder mit leeren Händen da. So muss man zurück ins alte Elendsviertel von Philadelphia ziehen, sehr zum Missfallen des Juniors (Sylvester Stallones Sohn Sage Stallone in seiner ersten Filmrolle). Statt teuren Privatschulen gibt es nun den knallharten Überlebenskampf gegen missgünstige Bullies. Was dem Sohnemann aber am meisten aufstößt: Dass Paps das Vater-Sohn-Gespann links liegen lässt, als er auf den aufstrebenden jungen Boxer Tommy Gunn stößt und ihn zu trainieren beginnt. So weit ist es also nicht her mit dem Familiensinn des Italian Stallion. Und das gibt Reibereien. Zunächst mal innerhalb der eigenen Familie und dann auch noch gegen den Schützling selbst, als sich dieser von seinem Idol abwendet, um mit Hilfe eines aalglatten Promoters die große Kohle zu scheffeln. Diese Unstimmigkeiten werden am Ende – wie es sich für einen Rocky-Film gehört – mit den Fäusten zu Ende diskutiert. Allerdings nicht im Ring, sondern auf der Straße. Irgendwie hat man bei „Rocky V“ ständig das Gefühl, eine lange Episode einer Soap Opera zu sehen. Wenn man sich dann noch mal vor Augen hält, mit welcher Klasse die Saga 1976 begonnen hat, kommen einem die Tränen. Aber wenigstens hat es Stallones Bankkonto gut getan. Und ein weiterer positiver Nebeneffekt: „Rocky V“ war ein solches cineastisches Desaster, dass Stallone erst mal 16 Jahre lang die Griffel von seinem Titelhelden gelassen hat. Die Zeit bis zum nächsten Rocky-Film, „Rocky Balboa“, wurde offenbar gut genutzt, denn diesem gelang es tatsächlich, der Filmreihe neues Leben einzuhauchen und die Figur wieder zurück zu ihren Wurzeln finden zu lassen.


3,5
von 10 Kürbissen

Rocky II (1979)

Regie: Sylvester Stallone
Original-Titel: Rocky II
Erscheinungsjahr: 1979
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Rocky II


„Rocky II“ führt die Geschichte des ersten Films nahtlos fort. Er setzt ein, als die beiden schwer ramponierten Gegner Rocky Balboa und Apollo Creed im Krankenhaus gefahren werden. Das Adrenalin vom Kampf pulsiert noch rot blinkend im Körper, also zettelt Creed gleich mal einen kleinen Beef mit Rocky an, denn dass ihn dieser Amateur vor den Augen der Welt so vermöbelt hat (auch wenn Creed als Punktesieger Weltmeister blieb), kratzt am Ego. Rocky selbst will eigentlich nur seine Ruhe haben. Immerhin weiß er nun, dass er mithalten kann. Aber jetzt zählen erst einmal die Spaziergänge mit Adrian, die in einen Heiratsantrag münden (mit einem Tiger als Zeugen und ersten geladenen Gast) und schließlich in eine Hochzeit und Schwangerschaft. Das Familienglück wäre komplett, wenn nicht Rocky, der gutherzige Straßenproll, irgendwann einmal im Leben gelernt hätte, mit Geld anders umzugehen, als es für dubiose Halbkriminelle aus armen Schuldnern herauszuprügeln. Aber er macht halt den Fehler, den viele machen, die unverhofft zu etwas Kohle kommen: Er lebt nach dem George Best-Motto. „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ Gut, Alkohol ist nicht Rockys Problem, aber er ist trotzdem schon bald pleite und muss wieder kleinere Brötchen backen. Kurzfristig findet er eine Anstellung im Schlachthaus, in dem auch sein Schwager Paulie arbeitet. In der Zwischenzeit plant der immer noch geladene Apollo Creed einen Rückkampf – und Rocky, der Kämpfer in Geldnöten, kann eigentlich gar nicht ausschlagen, auch wenn Adrian damit gar nicht einverstanden ist. Zudem kommt es kurz vor dem entscheidenden Kampf bei der Geburt des Nachwuchses noch zu Komplikationen. Auch wenn „Rocky II“ einiges richtig macht, in dem der Film vor allem seinem Hauptcharakter treu bleibt, der einfach keinen Dunst vom Leben der Reichen und Schönen hat, aber hier wäre etwas weniger Drama, Baby, Drama besser gewesen. Die Handlung ist teils schon sehr klischeehaft und vorhersehbar. Immerhin findet der Film auch immer wieder ruhigere Zwischentöne – immer dann, wenn er sich auf die unbeholfenen Versuche Rockys, seiner Adrian ein schönes Leben zu ermöglichen, konzentriert. Insofern hat auch die Fortsetzung ihre guten Momente. Der Endkampf ist dramatisch und visuell ansprechend inszeniert, auch wenn mir persönlich das Ende dann doch etwas zu viel des Guten war.


6,0
von 10 Kürbissen

The Rider (2017)

Regie: Chloé Zhao
Original-Titel: The Rider
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Western
IMDB-Link: The Rider


Wenn man nur den ersten Satz des Wikipedia-Eintrages zu „The Rider“ liest, in dem der Plot kurz zusammengefasst wird, könnte man meinen, dass es sich hierbei um eine Art „Der Pferdeflüsterer“ für Erwachsene handelt. Einen Rodeo-Reiter schmeißt es dermaßen deppert aus dem Sattel, dass er das Reiten aufgeben muss – woran er logischerweise erst mal zu knabbern hat. Allerdings wären alle Assoziationen mit equinen Selbstfindungstrips a la „Der Pferdeflüsterer“ viel zu kurz gegriffen. Denn „The Rider“ ist vor allem erst einmal ein sehr stilles, fast meditatives Drama, das eine Subkultur einer Subkultur zeigt – Rodeoreiter in einem Indianerreservat, wobei die alten Klischees zwischen Cowboy und Indianer auf eine wundersame Weise verschmelzen oder viel mehr: sich auflösen. Der nächste interessante Aspekt des Films ist, dass Chloé Zhao, die Regisseurin, keinerlei Wert auf die Exploitation des fatalen Sturzes legt. Der Film setzt ein, als die Wunden des Rodeo-Reiters Brady schon langsam zu verheilen beginnen. Der Sturz wird später nur in einem kurzen Youtube-Video gezeigt. Denn darum geht es Zhao in dem Film nicht – sondern vielmehr um die Frage, wie es danach weiter geht und was übrig bleibt von dem, was Brady einst ausgemacht hat. Einen großen Teil der Faszination bezieht der Film auch aus der Tatsache, dass die Laiendarsteller tatsächlich ihr eigenes Leben nachspielen. Denn Brady Blackburn heißt in Wirklichkeit Brady Jandreau, und der Sturz, der in diesem Video gezeigt wird, war echt – das war sein eigener Unfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte. Auch seine Familie spielt sich selbst. Am dramatischsten wird diese Authentizität greifbar am Schicksal seines Freundes Lane Scott, der (im Film) nach einem Abwurf dermaßen schwer verletzt wurde, dass er nicht mehr sprechen und sich kaum mehr bewegen kann. Die Szenen, wenn Brady seinen alten Kumpel im Pflegeheim besucht, sind innig, warm und echt. Gleichzeitig – und das ist die große Kunst, die hier gezeigt wird – ist „The Rider“ meilenweit davon entfernt, zu einem sentimentalen Rührstück zu verkommen. Mit außergewöhnlicher Sensibilität wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der lernen muss, loszulassen, um sich neu zu finden. Man muss wohl etwas Geduld aufbringen für diese stille Weise des Erzählens, doch wenn man sich darauf einlassen kann, ist „The Rider“ ein großer Wurf.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 38 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)

Paisà (1946)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Paisà
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Paisà


Als „Paisà“ bezeichneten die Italiener während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Soldaten, die in Sizilien landeten und von dort aus nordwärts Richtung Alpen marschierten. Um die Begegnungen zwischen den Soldaten und der zivilen Bevölkerung geht es auch in Rossellinis Episodenfilm, der zu den Klassikern des italienischen Neorealismus gezählt wird. Wie auch die amerikanischen Truppen selbst arbeitet sich Rossellini vom Süden in den Norden vor: Auf Sizilien begegnet ein Spähtrupp einer jungen Sizilianerin, die nach ihrer Familie sucht. Im besetzten Neapel führt ein armer Junge einen betrunkenen Militärpolizisten durch die Ruinen der Stadt. In Rom laufen sich zwei ehemals Liebende in die Arme, die sich nach den fürchterlichen Grauen, die der Krieg in die Stadt gebracht hat, nicht wiedererkennen. In Florenz versucht eine amerikanische Krankenschwester zusammen mit einem Bekannten in den noch von Deutschen besetzten Teil der Stadt vorzudringen, um ihren Geliebten zu suchen. In einem entlegenden Kloster in der Romagna nehmen Mönche amerikanische Militärkaplane bei sich auf. Und in der Po-Ebene kämpfen im Schilf des Ufers erbittert eingeschlossene Partisanen zusammen mit einer amerikanischen Einheit mit Unterstützung der Bevölkerung gegen die Deutschen. Manche dieser Geschichten sind wunderbare, in sich geschlossene Dramen (wie etwa die erste und die dritte Episode), die auch einen ganzen Film allein tragen würden. Nicht alle Episoden sind gleichermaßen fesselnd, aber alle zeichnet ein unverzerrter, jedoch nicht verbitterter Blick auf die Verhältnisse im besetzten Italien aus. Die Dialoge sind hervorragend geschrieben (am Drehbuch arbeiteten Federico Fellini und Klaus Mann mit), die Kamerarbeit ist exzellent, und hin und wieder blitzt sogar ein Funke Humor durch – der allerdings schon in der nächsten Einstellung von der Realität des Krieges unterlaufen wird. Den Fortschritt der amerikanischen Truppen zeichnet Rossellini in kurzen Zwischensequenzen mit Aufnahmen aus der Nachrichten nach, was dem Film zudem eine dokumentarische Note verleiht. Ein sehr eindringlicher und phasenweise intensiver Film, dessen einzelne Episoden zwar nicht alle durchgängig auf dem gleichen herausragenden Niveau sind, aber insgesamt ist „Paisà“ ein großes Werk, das sehr gut gealtert ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 15 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Körper und Seele (2017)

Regie: Ildikó Enyedi
Original-Titel: Testről és lélekről
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Testről és lélekről


Der introvertierte Finanzdirektor eines Schlachthofs träumt jede Nacht davon, ein Hirsch zu sein und mit seiner Gefährtin durch den Wald zu streifen. Das allein würde schon ausreichen, dass sich Sigi Freud die Hände reibt. Richtig interessant wird es allerdings, als zufällig herauskommt, dass die neu angestellte Qualitätskontrolleurin, die ebenfalls sehr introvertierte (und wie sich später zeigen wird: autistische) Mária jede Nacht den gleichen Traum träumt – aus der Hirschkuhperspektive. Und so bröckeln allmählich Schutzmauern, man nähert sich vorsichtig – wie eben zwei Hirsche im Wald – einander an. „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi, der 2017 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, ist ein stiller und ungewöhnlicher Liebesfilm. Das Thema ist der Einklang zwischen Körper und Seele bzw. das Fehlen dessen. Beide Protagonisten leben in ihrer eigenen Welt, die keine wirkliche Nähe zulässt. Endre, der versehrte Finanzdirektor, hat schon lange Beziehungen und der Liebe abgeschworen und nähert sich Frauen nur noch auf einer rein körperlichen Ebene an. Mária ist schlicht überfordert mit zwischenmenschlichen Interaktionen und dem Interpretieren von Zeichen und Gesten. Berührungen machen ihr Angst. Es erscheint logisch, dass sich die beiden nur auf der Ebene des Traums annähern können – und der Film reizt dieses Gedankenspiel auf eine sehr poetische Weise aus. Immer wieder blitzt auch eine sehr dunkle Komik durch. Außerdem ist wirklich alles fragil in diesem Film. Jede Bewegung, jedes Wort kann falsch sein und alles zum Einstürzen bringen. So gesehen sind nicht nur die Protagonisten introvertiert, sondern der ganze Film ist es. Wie gesagt, ein poetisches Werk, das getragen wird von wunderschönen Bildern dank der herausragenden Kamera von Máté Herbai und den beiden Hauptdarstellern, denen in punkto Verletzlichkeit alles abverlangt wird. Umso eindrucksvoller, dass Endre vom Laiendarsteller Géza Morcsányi verkörpert wird, der seiner versierten Berufskollegin Alexandra Borbély um nichts nachsteht. Ein sehr schöner, sehr berührender Film.

 

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 25 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Mister Universo (2016)

Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel
Original-Titel: Mister Universo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Mister Universo


Tairo, der junge Löwendompteur im Zirkus, findet sein Glückseisen nicht mehr, das ihm einst der stärkste Mann der Welt, Arthur Robin, genannt „Mister Universo“, gebogen hat. Da er unter den Artistenkolleginnen und -kollegen im Zirkus nicht besonders beliebt ist – lediglich mit der Schlangenfrau Wendy ist er befreundet – liegt der Verdacht nahe, dass ihm jemand das Eisen versteckt oder gestohlen hat. Die Auswirkungen spürt Tairo, wie er meint, sofort: Seine alte Tigerdame wird krank und kann nicht länger auftreten, sein Löwenmännchen verhält sich plötzlich aggressiv – mit nur zwei Tieren muss Tairo seine Show bestreiten. Das kann so nicht weitergehen, also nimmt er sich ein paar Tage frei, setzt sich in sein Auto und besucht seine Familie, um von ihr den Verbleib von Mister Universo in Erfahrung zu bringen, denn dieser soll ihm ein neues Glückseisen biegen. Nur ist nicht klar, ob Mister Universo noch in Italien aufzufinden ist, vielmehr: ob er überhaupt noch lebt. Denn er war schon ein betagter Herr, als ihm Tairo vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet ist. Aber der junge Dompteur lässt sich nicht beirren, und Schritt für Schritt kommt er seinem einstigen Idol näher. „Mister Universo“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel lässt die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen. Denn die Darsteller spielen sich selbst. Tairo, Wendy, Mister Universo – sie sind reale Persönlichkeiten, die dem langsam aus unserer Welt verschwindenden fahrenden Volk angehören. So ist die Darstellung des Lebens im Zirkus so authentisch wie nur irgendwie möglich, denn Tairo & Co. erzählen von ihrem eigenen Leben. Das Drehbuch skizziert zwar grob die Geschichte vor, aber vieles ist improvisiert und direkt dem Leben der Zirkusartisten entnommen. Diese Wahrhaftigkeit tut dem Film, der seine kleinen Geschichten und Begegnungen wie ein ruhiger Fluss transportiert, sehr gut. Auch wenn kaum etwas passiert, entsteht keine Langeweile – jedenfalls nicht bei mir. Ein bisschen straffen hätte man zwar können, und auch die finale Begegnung zwischen Tairo und Mister Universo fällt meiner Meinung nach zu kurz aus, um tatsächlich einen denkwürdigen Nachhall zu erzeugen, aber der Weg dahin ist voller kleiner Momente, glimpses of reality, die mich als Zuseher angesichts der Fremdheit dieser Welt unserer Kindertage neugierig bleiben lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Missverstanden (2014)

Regie: Asia Argento
Original-Titel: Incompresa
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: Incompresa


Subtilität ist nicht wirklich Asia Argentos Sache. Die Tochter des exzentrischen Filmschaffenden Dario Argento zeigt in ihrem grellen Drama „Missverstanden“ etwas, was vielleicht ihre eigene Kindheit gewesen sein könnte – oder auch nicht. Und sie nutzt dabei die ganze Bandbreite an Stilmitteln und Überzeichnungen, die ihr zur Verfügung steht. Alle Erwachsenen geraten zu bösartigen Karikaturen (sei es die von Charlotte Gainsbourg gespielte selbstbezogene und sexbesessene Mutter, sei es der narzisstische, abergläubische Vater oder die überforderte, zu emotionalem Missbrauch neigende Lehrerin), an der die neunjährige Aria mit ihrem Versuchen, wahrgenommen und geliebt zu werden, abprallt wie von einer Betonwand. Nur eine schwarze Katze, die sie auf der Straße aufliest, kann zu einem emotionalen Anker werden. Auch der omnipräsente Soundtrack baut sich immer wieder wie eine Wand auf. Hier wird ein Leben in Splitter zertrümmert, und dieses Zersplitterte nimmt Argento mit ihren Schnitten, ihrer Dramaturgie, die immer wieder von Lücken unterbrochen wird, mit ihrer Musikwahl auf. Das macht „Missverstanden“ interessant und anstrengend zugleich. Denn natürlich ist die Gefahr groß, dass die vielen Einzelteile nicht mehr zusammenpassen, und dieses Gefühl kommt zwischendurch auch auf. Der Kleber, der diese vielen Teile dann doch einigermaßen zusammenhalten kann, ist die großartige Nachwuchsschauspielerin Giulia Salerno als Aria. Unprätentiös und mit kindlicher Unschuld in den Augen zeigt sie das von den Eltern ungeliebte Kind auf der Suche nach Zuneigung nicht als Opfer, sondern als jemanden, die später wahrscheinlich über eine große Stärke verfügen wird – sofern sie ihre Kindheit einigermaßen übersteht. Insgesamt ist „Missverstanden“ dennoch eine unausgewogene Sache, da Asia Argento zu oft mit dem Holzhammer arbeitet und es an leisen Zwischentönen und subtilen Nuancen fehlt.


5,0
von 10 Kürbissen

Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert (2014)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Gemma Bovery
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Gemma Bovery


In einer kleinen Stadt in der Normadie lebt der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) mit seiner Familie. Eines Tages ziehen neue Nachbarn in das halb verfallene Haus nebenan – die Engländer Charlie (Jason Flemyng) und Gemma Bovery (Gemma Arterton). Angesichts der jungen Frau regen sich bei Martin lange verschollen geglaubte Gefühle, doch er ist damit nicht allein. Und angesichts seiner jungen Nebenbuhler gibt er schon bald das Feld auf, um sich stattdessen als ironisch distanzierter Kommentator des Geschehens mal mehr, mal weniger einzubringen. Dabei fällt ihm auf, dass sich die Geschichte der jungen Gemma immer mehr jener ihrer Namensvetterin Emma Bovary aus Flauberts berühmtestem Roman angleicht. Und wie der belesene Bäcker so weiß: Mit der hat es kein gutes Ende genommen. Also schreitet er ein. „Gemma Bovery“ hat zwei sehr überzeugende Argumente, warum der Film wirklich sehenswert ist. Das eine heißt: Gemma. Das andere: Arterton. Immer, wenn Gemma Arterton auf dem Bildschirm zu sehen ist und versonnen lächelt, wird alles ein bisschen leichter, die eigenen Probleme rücken in den Hintergrund, das Leben wird um eine Nuance lebenswerter. Die Frau ist einfach wahnsinnig schön und hat dabei (vor allem in diesem Film) eine geheimnisvolle, romantisch-sinnliche Ausstrahlung. Der Moment, wenn der arme Martin, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, der hysterischen Gemma einen Bienenstich am Rücken aussaugen soll, ist auf der einen Seite komisch und überdreht, aber allein die Tatsache, dass es sich um Gemma Arterton handelt, deren Kleid am Rücken aufgeknöpft wird, verleiht dieser Szene plötzlich eine unfassbar erotische Komponente. „Gemma Bovery“ ist luftiges, heiteres Sommerkino mit viel Sinnlichkeit und literarischen Referenzen. Vielleicht kein Meisterwerk für die Ewigkeit, dazu ist der Film insgesamt zu leichtgewichtig, aber allemal sehenswert. Und für Gemma Arterton gibt es den Bonuspunkt obendrauf.


7,0
von 10 Kürbissen

Mein langsames Leben (2001)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Mein langsames Leben
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama
IMDB-Link: Mein langsames Leben


Von der Kritik wurde Angela Schanelecs dritter Langfilm, „Mein langsames Leben“, begeistert aufgenommen. Als einer der herausragendsten deutschen Filme des Jahrzehnts wird er zum Beispiel auf critic.de bezeichnet, als „Meisterwerk, wie es das deutsche Kino lange keines hervorgebracht hat“ vom renommierten Filmkritiker Ekkehard Knörer. Wieder lässt Schanelec ihre Kamera einfach auf alltägliche Menschen und Situationen draufhalten. Deren verbindendes Element ist Valerie (Ursina Lardi). Um sie und die Menschen in ihrem Umfeld geht es – ihre Freundin, mit der sie sich gleich zu Beginn trifft, bevor diese für ein halbes Jahr nach Rom zieht, ihr neuer Freund Thomas, dessen Schwester Marie, die jung heiratet – es wird keine Geschichte erzählt, es werden nicht einmal viele kleine Geschichten erzählt. Stattdessen lässt Schanelec ihre Figuren einfach einen Sommer lang miteinander agieren und versucht ihnen auf diese Weise näher zu kommen. Damit erhebt Schanelec mit ihrem Film einen Anspruch auf Authentizität, den sie aber, womit wir bei dem Problem sind, das ich mit diesem Film habe, nicht wirklich einlöst. Das liegt in meinen Augen (oder besser gesagt: in meinen Ohren) an den Dialogen. Geschliffen kommen sie daher, in ganzen Sätzen und mit perfekt eingesetzten Nebensätzen. Anders als in den Filmen einer weiteren Filmschaffenden der neuen Berliner Schule, nämlich der von mir so geschätzten Valeska Grisebach, wird hier Schriftsprache gesprochen, und zwar ausnahmslos von jeder Figur, die somit plötzlich austauschbar klingen. Ohne größere Schwierigkeiten kann man sich vorstellen, einen gerade gesagten Satz einer völlig anderen Figur in den Mund zu legen. Und damit hat mich der Film verloren, denn ich nehme ihm die Figuren nicht länger ab. Das ist für einen Film, der allein darauf abzielt, glaubwürdig zu sein, der Todesstoß.


4,5
von 10 Kürbissen

K-19: Showdown in der Tiefe (2002)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: K-19: The Widowmaker
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Thriller, Historienfilm, Drama
IMDB-Link: K-19: The Widowmaker


Wenn man sich die Filmographie von Kathryn Bigelow ansieht, dann stellt man fest, dass sie ein Faible für Genres hat, die man in einer ersten spontanen Eingebung eher männlichen Filmschaffenden zuordnen würde: Ob Kriegsfilm („The Hurt Locker – Tödliches Kommando“), Polizeithriller ohne politischer Dimension („Blue Steel“) oder mit (Detroit) oder im Surfer-Milieu („Gefährliche Brandung“) oder Polit-Thriller („Zero Dark Thirty“) – die Dame fühlt sich wohl im Kreise ihrer männlichen Kollegen. In „K-19: Showdown in der Tiefe“ von 2002 taucht sie nun mit ihrer ausschließlich männlichen Besatzung (angeführt von Harrison Ford und Liam Neeson) in einem russischen U-Boot ab. Das soll Anfang der 60er mitten im Kalten Krieg der ganze Stolz der Sowjetarmee werden, aber da man die tauchende Zigarre ein wenig zu früh ihre Raketen abschießen lässt (quasi ein militärischer ejaculatio praecox), darf man sich schon bald mit ein paar Problemchen herumplagen, die man auf einem U-Boot nicht so gerne hat: zum Beispiel mit einem Leck im Kühlkreis des Kernreaktors, der das Boot antreibt und der in Folge dessen in die Luft zu gehen droht. Und weil man gerade recht nahe an einer NATO-Basis herumschippert und somit weit weg ist von russischer Erde, ist man erst mal auf sich allein gestellt. Weil: Die Amis anrufen und denen die Malaise zu schildern, käme politisch gesehen nicht so toll, da verliert man doch ein bisschen das Gesicht. Ein U-Boot als Atombombe neben ihren Schiffen hochgehen zu lassen, kommt aber auch nicht so gut. Und auch wenn man ein treuer russischer Volksgenosse ist, möchte man doch irgendwann mal gemütlich in der Tundra auf seiner Veranda sitzen und den Enkelkindern beim Spielen zusehen. Also sind Kreativität und Mut und Schnelligkeit gefragt. Und die Bereitschaft, das eigene Leben für das Wohl der Kameraden aufs Spiel zu setzen. Denn irgendwer muss da hinein zu diesem blöden Reaktor und das Ding wieder zusammenflicken. Die Geschichte von „K-19: Showdown in der Tiefe“ beruht auf wahren Begebenheiten. Dieses Unglücksboot, das sich noch vor dem Stapellauf den Beinamen „The Widowmaker“ verdient und diesen dann mit Havarien wie der hier beschriebenen weiter einzementiert hat, gab es tatsächlich. Natürlich werden die Ereignisse von damals stark verkürzt und dramatisiert erzählt – das ist eben Hollywood. Das eigentliche Problem des ansonsten sehr passablen, aber recht routiniert abgespulten Thrillers liegt in der Besetzung. Ich kaufe weder Harrison Ford noch Liam Neeson die russischen Offiziere ab. Da können sie sich noch so sehr mit einem pseudo-russischen Akzent abmühen (der bei Ford nach keiner nachvollziehbaren Logik kommt und geht), die Diskrepanz ist einfach da und nicht wegzuwischen.


6,0
von 10 Kürbissen