Drama

Graduation (2016)

Regie: Cristian Mungiu
Original-Titel: Bacalaureat
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Bacalaureat


Cristian Mungiu zählt zu den renommiertesten rumänischen Regisseuren derzeit. Überhaupt passiert cineastisch in den letzten Jahren viel Spannendes in jenem Land, das man sonst in der Regel erst mal mit einem bleichen, spitzzahnigen Grafen mit einem eher ungewöhnlichen Appetit verbindet. Abseits von Gothic Horror präsentiert sich das rumänische Kino aber mit sozialrealistischen und viel diskutierten Beiträgen auf den Filmfestivals und in den Kinos dieser Welt. In Cristian Mungius „Bacalaureat“ geht es um eine Familie in Cluj (Siebenbürgen, womit wir wieder beim gut gekleideten Grafen mit dem Blutdurst wären), der Vater ein anerkannter Arzt, die Tochter kurz vor ihren Abschlussprüfungen und mit einem Stipendium für Cambridge in der Tasche, sofern sie diese Prüfungen nicht versaut, die Mutter depressiv. Am Tag vor der ersten Abschlussprüfung wird das Mädchen auf dem Schulweg von einem Unbekannten angegriffen und beinahe vergewaltigt. Als Folge dessen ist sie verständlicherweise neben der Spur und bringt nicht die für das gute Abschlusszeugnis nötige Leistung bei der Prüfung. Der Vater beschließt, einzugreifen. Wir sind ja schließlich in Rumänien, und auch wenn der Vater versucht, ein aufrechtes und ehrbares Leben zu führen (Dass er eine jüngere Geliebte hat? Na ja, man kann ja trotzdem noch anständig sein. Hüstel) und gegen die Korruption anzukämpfen, wenn es um die eigene Tochter geht, muss man sich solche Dinge wie Ehre und Anstand halt noch mal genau durchdenken. Und so entspinnt sich ein Drama rund um moralische Werte und deren, sagen wir mal, „Flexibilität“, und im großen Ganzen dann auch um die um sich greifende Korruption. Wobei: Nein, korrupt ist hier keiner, alle sind nur freundlich zueinander. Der Film wirft viele wichtige Fragen auf, ist gut gespielt und hat auch eine interessante Story. Dennoch ist er nicht frei von Schwachpunkten. Zum Einen mal wieder die Länge. Die Geschichte hätte man durchwegs kompakter erzählen können. Zum Anderen hatte ich mit dem Film das gleiche Problem wie mit allen rumänischen Filmen, die ich bisher gesehen habe: So dramatisch und einschneidend auch die Ereignisse sind, die Geschichte wird immer sehr distanziert und kühl erzählt, ich werde einfach nicht emotional mitgenommen. Es sind gute, wohl auch wichtige Filme, aber sie bleiben dennoch nicht so richtig hängen bei mir.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Thithi (2015)

Regie: Raam Reddy
Original-Titel: Thithi
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Thithi


Wegen solchen Filmen liebe ich Filmfestivals. Wann hat man sonst schon die Gelegenheit, ein indisches Familiendrama am Land zu sehen außer beispielsweise auf der Viennale? Dass Netflix diesen Film mittlerweile auch ins Programm aufgenommen hat, ist ein seltener Glücksfall, denn damit war wirklich nicht zu rechnen. Aber worum geht es in „Thithi“? Der 101jährige Dorfälteste hatte gerade noch Zeit, eine unflätige Schimpfkanonade auf jeden, der zufällig seinen Weg kreuzt, abzufeuern, ehe er nach langem und erfülltem Leben dann doch das Zeitliche segnet. Dessen Sohn, selbst schon ein alter Mann, nimmt das gelassen. Er will lieber gemütlich am Feld unter Bäumen sitzen, was rauchen und sich gelegentlich einen Schluck aus seinem Flachmann genehmigen. Blöd nur, dass dessen Sohn wiederum, der Enkel des Verblichenen also, gerade Geldsorgen hat, die ein Verkauf des Familiengrundstücks lösen würde. Nur sein Vater, der eigentliche Erbe, will davon nichts wissen, weil ihn solche profanen weltlichen Dinge einfach nicht mehr interessieren. Was tun? Na ja, mit ein bisschen Geld und Beziehungen und Erfindungsreichtum lassen sich auch in Indien gefälschte Dokumente wie zB ein Totenschein des quietschfidelen Vaters ausstellen. So weit, so gut. Nur muss jetzt der Vater verschwinden, um keinen Verdacht zu erwecken, am besten auf eine ausgedehnte Reise. Er wollte ja eh immer das Land sehen. Weit kommt er allerdings nicht, da er sich kurzerhand einer Gruppe von Schäfern anschließt, die unweit des Dorfes campieren. Beim Thithi für den verstorbenen Ahnen (eine Art Gedenkfest) kommt es zum unvermeidlichen Chaos. „Thithi“ hat alles: Eine kluge, interessante Geschichte, tolle Darsteller, einen spannenden Einblick in eine fremde Welt und eine Unzahl an Schafen, Ziegen und Handys. Trotz aller Fremdheit sind die Themen vertraut: Geldsorgen. Sorgen mit der lieben Verwandtschaft. Erste Liebe (den Urenkel des Toten erwischt es). Und der Versuch, in all dem Chaos immer noch einen Überblick zu behalten, die Fäden des eigenen Lebens zu ziehen. Vielleicht ist „Thithi“ einen Tick zu lang, aber eine lohnenswerte Erfahrung ist er allemal.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Almost Famous – Fast berühmt (2000)

Regie: Cameron Crowe
Original-Titel: Almost Famous
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Drama, Komödie, Roadmovie, Musikfilm
IMDB-Link: Almost Famous


Zur Erinnerung: 10 Punkte bekommen nur die absoluten Lieblingsfilme von mir, die sich im Laufe der Jahre auch bei Mehrfachsichtungen bewährt (und dabei vielleicht sogar gewonnen) haben. Cameron Crowes autobiographisch geprägter Film „Almost Famous“ gehört zu diesem kleinen Kreis. Und es ist wirklich egal, in welcher Stimmung ich gerade bin – diesen Film kann ich jederzeit erneut sehen. Vielleicht, weil im Grunde jeder so sein möchte wie der 15jährige William Miller (Patrick Fugit), der mit seiner Lieblingsband auf Tour sein darf, um darüber für ein international renommiertes Magazin zu schreiben. Vielleicht, weil Billy Cudrup als Gitarrist so eine coole Socke ist. Vielleicht, weil ich bei jeder Sichtung ein bisschen in Kate Hudsons Penny Lane verschossen bin. Vielleicht, weil ich beim Elton John-Song „Tiny Dancer“ im Bus immer mitsingen möchte. Vielleicht, weil ich beim Intro des eigens für den Film geschriebenen Songs „Fever Dog“ immer Gänsehaut bekomme. Vielleicht, weil ich, wenn ich „I have to go home“ sage, als Antwort im Grunde auch immer „You are home!“ hören möchte. Vielleicht, weil der Film für mich so perfekt wie kein anderer ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt und eine Sehnsucht nach Freiheit, Abenteuer und Zugehörigkeit. (In dieser Hinsicht ist dem Film das ebenfalls grandiose „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ von Rob Reiner zumindest ähnlich.) „Almost Famous“ ist eine große Filmliebe von mir. Ein Film für alle, die das Gefühl haben, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein – und für all jene, die im richtigen Jahrzehnt geboren wurden und sich das Gefühl ihrer Jugend wieder zurückholen möchten.


10
von 10 Kürbissen

Der Erlkönig (1930)

Regie: Marie-Louise Iribe
Original-Titel: Le Roi des Aulnes
Erscheinungsjahr: 1930
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: Le Roi des Aulnes


Die Erlkönig-Ballade von Johann Wolfgang von Goethe dürfte noch den meisten aus der Schule bekannt sein. Weniger bekannt ist Marie-Louise Iribes Verfilmung aus den 30er Jahren. Diese galt es auf der DVD-Anthologie „Early Women Filmmakers“ zu entdecken – wie auch schon so manch andere Perle, die sich darauf befindet. (Und ja, das ist jetzt schamlose, aber leider unbezahlte Werbung.) Aber zurück zu Goethes Fiebertraum und dessen filmische Umsetzung durch eine der Pionierinnen der Filmgeschichte. Die Handlung überrascht wohl niemanden, der damals im Deutsch-Unterricht nicht weggedämmert ist, als die Ballade durchgenommen wurde: Ein Mann reitet mit seinem kranken Kind durch die Nacht und den Wald („Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“) und wird dabei vom „Erlkönig“ (dem König der Elfen) verfolgt, der seine Hand nach dem Jungen ausstreckt. Der Vater schenkt den Ängsten seines Sohnes, der die Verfolgung spürt, keinen Glauben. Doch am Morgen, als der Mann erschöpft das Dorf erreicht, ist das Kind tot, der Erlkönig hat es sich geholt. Die Stimmung, die Marie-Louise Iribe in ihrem Film anlegt, ist dementsprechend düster und geheimnisvoll mit Anklängen des frühen Horrorfilms. Der Wald wird hier zu einem weiteren Protagonisten der Handlung. Allein die Bilder sorgen schon dafür, dass man den Film gerne und interessiert sieht. Handwerklich ist das mehr als solide gemacht. Ein Problem hat der Film nur dabei, dass er sich etwas zu sklavisch an die literarische Vorlage hält. Und diese erzählt halt eben nur in acht knappen Strophen davon, dass der Kerl mit seinem Sohn durch den Wald reitet und von dem Erlkönig mit seinen Geistern und Dämonen verfolgt wird. Das bedeutet dann in diesem Fall, dass der Film genau das zeigt. Einen Ritt durch den Wald. Und das eine Stunde lang. Entweder eine weitere Ebene (vielleicht in Form von Marie-Louise Iribes eigener Interpretation) oder eine straffe Kürzung zu einem Kurzfilm hätte dem Film wirklich gut getan. So ist „Le Roi des Aulnes“, wie der französische Originaltitel heißt, zwar für Cineasten von Interesse, aber nicht unbedingt der Film, der einem einfällt, wenn man sich im Freundeskreis am Sonntag mal einen lustigen Filmabend machen möchte.


6,0
von 10 Kürbissen

Papillon (1973)

Regie: Franklin J. Schaffner
Original-Titel: Papillon
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Papillon


Müsste man „Papillon“, der Verfilmung von Henri Charrières autobiographischem Roman, ein Motto voranstellen, so könnte dieses lauten: Schlimmer geht’s immer. Denn die Versetzung von Henri Charrière (Steve McQueen) und Louis Dega (Dustin Hoffman) auf die Teufelsinsel, einer Strafkolonie vor der Küste von Französisch-Guyana, ist erst der Beginn einer jahrelangen Marter. Hitze, korrupte und sadistische Aufseher, Mangelernährung, Isolationshaft und schließlich Einkerkerung bei Dunkelheit brechen die Häftlinge physisch wie psychisch. Dass der „Papillon“ (deutsch: Schmetterling) genannte Charrière das alles durchhält, ist nur einem eisernen Überlebens- und Freiheitswillen zu verdanken. Steve McQueen spielt diesen Besessenen mit allem, was er hat. Ständig bewegt sich Charrière am Rande des Wahnsinns und manchmal auch einen Schritt darüber hinaus, aber immer wieder findet er zu sich zurück und zur Motivation, weiterzumachen mit der Hoffnung auf Freiheit, irgendwann und irgendwie – sei es auf einem Seesack durchs offene Meer schwimmend. Eine grandiose Leistung von McQueen, deren man sich nicht entziehen kann. Auch Dustin Hoffman als nerdiger Sidekick überzeugt. Die beiden Männer tragen den Film auch über die opulente Spieldauer von fast 2,5 Stunden. Diese scheint allerdings nicht zur Gänze nötig zu sein, denn der Film krankt ein wenig an einem Problem, zu dem viele autobiographische Erzählungen neigen: Redundanzen und Leerstellen. Das echte Leben ist eben (auch) geprägt von Wiederholungen und Momenten, die dramaturgisch einfach in der Luft hängen. Selbst jene, die an Gott und die göttliche Vorhersehung glauben, tun sich etwas schwer damit, sich den Rauschebart dort oben a la Dalton Trumbo, der das Drehbuch für „Papillon“ geschrieben hat, mit Zigarre im Mundwinkel und Schreibmaschine auf einem Brett in einer Wolkenbadewanne vorzustellen, wie er das Leben von uns Erdwürmlingen in die Erstfassung seines Manuskripts tackert. Was ich damit sagen will: Das Leben kann halt manchmal fad sein. Und vor solchen Momenten ist auch „Papillon“ nicht gefeit, auch wenn er zurecht als Film-Klassiker gilt und über den Großteil seiner Laufzeit wirklich grandios ist. Kürzen hätte man ihn dennoch können.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Destroyer (2018)

Regie: Karyn Kusama
Original-Titel: Destroyer
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Destroyer


Es gab eine Zeit, in der Nicole Kidman botoxbedingt die Mimik eines Kühlschranks aufbrachte. Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Älter werden ist gar nicht so schlimm, ein paar Fältchen können ja auch sehr sympathisch wirken, vor allem wenn sie sich als Lachfalten um die Mundwinkel ziehen. Doch viel zu lachen hat Nicole Kidman in Karyn Kusamas Film „Destroyer“ nicht. Und mit den Falten hat sie es auch ein wenig übertrieben. Ihre Detective Erin Bell wird zu Beginn jedenfalls als wandelnde Depression auf zwei Beinen vorgestellt. Diese Frau geht zum Lachen nicht einmal in den Keller, die quittiert einen guten Witz höchstens mit einem Fußtritt in das Allerheiligste. Dass so etwas nicht von ungefähr kommt, ist klar. Und so rollt sich allmählich anhand des Falls, in dem sie ermittelt, ihre eigene Vergangenheit auf, in der sie als junge Undercover-Polizistin mit ihrem Kollegen Chris (Sebastian Stan) eine auf Bankraube spezialisierte Vereinigung unter dem Boss Silas (Toby Kebbell) infiltriert hat. Und dabei ist nicht alles so rund gelaufen, wie man sich das im Vorfeld ausgedacht hat. 17 Jahre später plagt sie sich mit den Geistern der Vergangenheit herum und verfolgt eine sehr persönliche Agenda. Kleinere familiäre Probleme mit dem Nachwuchs erleichtern das Unterfangen nicht unbedingt. „Destroyer“ ist ein sehr entschleunigter Krimi, der einem gängigen Muster folgt: Kaputte Polizistin wird mit Fehlern der Vergangenheit konfrontiert. Allzu viele Kreativitätspunkte kann ich dafür nicht vergeben. Bleibt das Spiel von Nicole Kidman, die für ihre Rolle viel Lob einheimsen konnte. Doch obwohl ich Kidman mag, kann ich mich dem allgemeinen Jubelreigen nicht anschließen, da sie ihre Erin Bell für mich etwas zu grimmig anlegt und damit fast zur Karikatur werden lässt. Hier wollte sie meiner Meinung nach zu viel. Ein etwas subtileres Spiel hätte nicht geschadet. So ist „Destroyer“ ein seriöser Film, dem man seine Ambitionen anmerkt, aber die Rädchen greifen nicht ineinander und stellenweise breitet sich Fadesse aus. Das Ende weist mit einem schönen Twist auf, aber das hebt den Film für mich auch nicht mehr über den Durchschnitt hinaus. Einen halben Punkt dazu gibt es für die Verwendung des Songs „Gardenia“ von Kyuss im Soundtrack.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Elle (2016)

Regie: Paul Verhoeven
Original-Titel: Elle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Krimi, Thriller, Drama, Erotik
IMDB-Link: Elle


Die grandiose Isabelle Huppert spielt in Paul Verhoevens Film eine Frau, die scheinbar nichts aus der Fassung bringt. Sie ist erfolgreiche Managerin einer Entwicklungsfirma für Computerspiele, sarkastische Tochter, geduldige Mutter, souveräne Ex-Partnerin … und fast gleichgültiges Vergewaltigungsopfer. Soweit die Ausgangsbasis für einen Thriller, der zunächst mit einer unglaublich starken Frauenrolle aufwartet, dann aber mehr und mehr in konventionelle Muster verfällt und aus diesen dann nicht anders auszubrechen weiß als auf Verhoeven-Art: Provokant, möglichst verstörend und schockierend. Gähn. Immer wieder fühlt man sich an Basic Instinct erinnert, und Paul Verhoeven opfert die Glaubwürdigkeit und Authentizität seiner Figuren auf dem Altar des Schock-Moments. Das ist jammerschade, denn die erste Hälfte des Films ist wohl das Beste, was er jemals gedreht hat. Isabelle Huppert ist, wie gesagt, überragend, sie wurde für ihre grandiose Leistung auch mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt, aber auch ihre Figur leidet am Ende unter dem Verhoeven’schen Ziel, das Publikum möglichst durchzurütteln. Ja eh. Kennen wir schon. Ein wenig mehr Altersmilde und Subtilität würde Verhoevens Werk wirklich gut tun, aber in diesem Film bringt er das (noch) nicht. Ein Film mit durchaus vielen guten Ansätzen und auch in den schwächeren Momenten durchaus sehenswert, aber zu deutlich sehe ich das Potential, das Verhoeven hier liegen gelassen hat.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Thank You for Bombing (2015)

Regie: Barbara Eder
Original-Titel: Thank You for Bombing
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Thank You for Bombing


Mit Episodenfilmen ist es oft so eine Sache. Vielfach mag man bei solchen Filmen einzelne Geschichten, während andere so gar nicht zünden. Bei „Thank You for Bombing“ von der österreichischen Filmemacherin Barbara Eder sind zumindest alle drei Episoden des Films auf einem gleichbleibenden Level. Unterschiedlich sind nur die Charaktere und die Sprachen. In der ersten Episode wird ein alternder Journalist, verkörpert von Erwin Steinhauer, dessen grundsätzlich traurige Miene gut zur Figur passt, von seinem Chef nach Kabul geschickt, denn dort spielt es sich ab. Allerdings kommt er nicht über den Flughafen Wien-Schwechat hinaus, denn der traumatisierte Reporter vermeint einen Kriegsverbrecher aus dem Jugoslawien-Krieg wiederzuerkennen. Statt nach Kabul zu fliegen, lauert er diesem Burschen auf und versucht, ihn dingfest zu machen. In der zweiten Episode versucht die amerikanische Reporterin Lana in Kabul (Manon Kahle), als Kriegsreporterin ernst genommen zu werden. Da sie hübsch und blond ist, wird sie weder von den Kollegen noch von den von ihr Interviewten sonderlich respektiert. Um zu zeigen, wie tough sie ist, geht sie, als sie die Chance einer Investigativ-Story erhält, immer größere Risiken ein. Die dritte Episode schließlich zeigt den zynischen Reporter Cal (Raphael von Bargen), der sich in Afghanistan fürchterlich langweilt. Als auch noch seine Freundin via Skype Schluss mit ihm macht, brennen ein paar Sicherungen durch. „Thank You for Bombing“ zeigt das Geschäft mit den Nachrichten auf eine ungeschönte Weise. Das Problem bei der ganzen Sache ist nur dieses, dass der Film selbst ein wenig der Sensationsgier verfällt, was der eigentlichen Botschaft diametral entgegen steht. Und wenn ich zu Beginn geschrieben habe, dass alle drei Episoden qualitativ auf einem gleichbleibenden Level sind, so sagt das per se noch nicht viel über die Gesamtqualität aus. Denn alle drei Episoden sind gleichermaßen monoton inszeniert. So erinnert „Thank You for Bombing“ trotz des brisanten Themas eher an einen Fernsehfilm. Gut gemeint und phasenweise thematisch interessant, aber nichts, was einen wirklich aufrüttelt.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Asche ist reines Weiß (2018)

Regie: Jia Zhangke
Original-Titel: Jiang Hu Er Nü
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Jiang Hu Er Nü


Jia Zhangke gehört zu den am meisten gefeierten chinesischen Regisseuren der Gegenwart. Mit „Asche ist reines Weiß“ erzählt der vielfach prämierte Filmmacher in drei Akten von einer Liebesgeschichte, die von der Jahrtausendwende bis in die Gegenwart reicht und fast beiläufig die gesellschaftliche Entwicklung Chinas innerhalb dieser Zeit sichtbar macht. Bin (Liao Fan) ist ein lokaler Gangster, der über die Bruderschaft, eine Art mafiöser Verbindung, herrscht und den lokalen Unternehmen und Mafiabossen gerne mal bei kleineren Geschäften zur Hand geht. Seine Freundin Qiao (Zha Tao) unterstützt ihn nach Kräften. Doch schon bald erfährt ihre Beziehung eine Zäsur, als Qiao von Jugendlichen fast totgeschlagen wird und Qiao, eine toughe und eigensinnige Frau, rettend eingreift, indem sie mit Bins illegal erworbener Pistole die Angreifer in Schach hält. Das Problem: Sie geht dafür für fünf Jahre ins Gefängnis. Und während sie ihre Zeit absitzt, besucht sie Bin, der nur ein Jahr ausgefasst hat, kein einziges Mal. Aus dem Gefängnis entlassen führt sie ihr erster Weg zum Drei-Schluchten-Damm, an dem Bin nun als Geschäftsmann für ein Kraftwerk tätig sein soll. Denn sie hat mit der Vergangenheit und der Liebe nicht abgeschlossen. „Asche ist reines Weiß“ ist vor allem in diesem Mittelteil, der Reise zu den drei Schluchten, sehenswert. Qiao, die im Mittelpunkt der Erzählung steht, wird hier als starke Frau gezeigt, die weiß, was sie will – und was sie nicht will. Gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Chinas sichtbar. Die Mächtigen von früher verstecken sich vor ihrer Vergangenheit, und die kleinen Ganoven sind aufgestiegen. Warum „Asche ist reines Weiß“ bei mir dennoch nicht gezündet hat, liegt an zwei Dingen: Zum Einen der leider fürchterlichen Synchronisation, aufgrund derer viele Dialoge klingen, als wären sie schlechten Seifenopern entnommen. Gut, dafür kann der Film selbst nicht, wenngleich schon auch die Qualität vieler Dialogzeilen oberflächlich angelegt ist. Das größere Problem ist allerdings, dass der Film mit seiner stattlichen Laufzeit von 2,5 Stunden viele Leerstellen aufweist, die an die Substanz gehen. Vor allem der dritte Akt zieht sich wie ein Kaugummi. Hätte Jia den Film bei den drei Schluchten enden lassen, wäre der Film für mich stimmiger und interessanter gewesen. Aber gerade der dritte Akt, der die Themen Buße und Versöhnung behandelt, wird zur Geduldsprobe. Daher schlurfte ich am Ende ziemlich müde aus dem Kino, froh darüber, dass der Film dann doch irgendwann ein Ende gefunden hat. Jia Zhangke hat sich damit noch nicht in die Riege meiner Lieblingsregisseure geschoben, aber interessant genug ist der Film, dass ich durchaus weitere Filme des Regisseurs sehen möchte, um das Bild zu schärfen.


5,5
von 10 Kürbissen

Beach Rats (2017)

Regie: Eliza Hittman
Original-Titel: Beach Rats
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Beach Rats


Als Heranwachsender hat man es nicht einfach. Das war schon immer so, das ist überall so. Wenn allerdings auf dem Weg ins Erwachsenenleben weitere Stolpersteine auftauchen wie ein schwer kranker und dahinsiechender Vater, eine prekäre finanzielle Haushaltssituation und das Entdecken der eigenen homosexuellen Neigungen, während im Freundeskreis selbst eine latente Homophobie vorherrscht, wird die Sache so richtig kompliziert. Diese Erfahrung muss Frankie (wunderbar zurückhaltend gespielt von Harris Dickinson) machen. Und dann wirft auch noch die hübsche Simone (Madeline Weinstein) ein Auge auf den Feschak. Weil eben eine gewisse Erwartungshaltung seitens des Freundeskreises und der Mutter zu spüren ist, lässt sich Frankie auf eine Beziehung ein. Doch auch wenn er Simone mag, er mag eben den Videochat mit älteren schwulen Männern mehr. Dass das zu Komplikationen führt, oft auch in Verbindung mit exzessivem Drogenkonsum, ist dann keine sonderliche Überraschung. Was allerdings schon eine positive Überraschung ist: Dass der Film trotz der Schwere des Themas und der schwierigen Verhältnisse des sozialen Milieus, die er zeigt, nie zu einer Nabelschau wird. Vielmehr erzählt Eliza Hittman in ihrem Spielfilmdebüt sehr einfühlsam und trotzdem mit einer gewissen wertfreien Distanz von diesen Schwierigkeiten. Man spürt: Sie nimmt ihre Protagonisten ernst. Und sie verzichtet auf den erhobenen moralischen Zeigefinger. In „Beach Rats“ versucht einfach nur ein 17jähriger, mit den Anforderungen, die das Leben an ihn stellt, zurecht zu kommen. Das gelingt ihm mal mehr, mal weniger. Eine Entwicklung ist aber zu spüren. Und das macht „Beach Rats“ zu einem wirklich sehenswerten Film, den man aktuell auf Netflix sichten kann.


7,5
von 10 Kürbissen