1001 Filme

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen

Frankenstein (1931)

Regie: James Whale
Original-Titel: Frankenstein
Erscheinungsjahr: 1931
Genre: Horror
IMDB-Link: Frankenstein


Boris Karloff als Monster. Eine Ikone der Filmgeschichte. James Whale schuf mit „Frankenstein“ mehr oder weniger die Blaupause für alle nachfolgenden Monsterhorrorfilme. Und gleich zu Beginn des Films wird von einem besorgten Moderator gewarnt: Ansehen nur auf eigene Gefahr! Dass Horror heutzutage anders funktioniert als vor 85 Jahren, dafür kann der Film nichts. Damals fuhren die auf der Leinwand gezeigten Schrecken (die ohne musikalischer Untermalung zur Zuspitzung der Situation auskommen) den arglosen Besuchern tatsächlich in die Glieder. Heute sind Karloffs schwankender Gang und sein starrer Blick zwar immer noch sehenswert, verbreiten aber keine Angst, sondern eher ein wohliges Gefühl der Nostalgie. Nein, „Frankenstein“ treibt heutzutage den Puls nicht mehr in die Höhe. Dennoch ist der Film definitiv eine Sichtung wert. Wenn man sich nämlich von der Prämisse löst, von einer Angststarre einen halben Meter tief in die Couch genagelt werden zu müssen, um den Film als Horrorfilm genießen zu können, entdeckt man sehr viel Schönes und dauerhaft Bewährtes. Wie etwa die wunderbare Atmosphäre, die sich in den mit Liebe zum Detail schaurig gestalteten Kulissen manifestiert. Oder eben das sehr physische, präsente Spiel von Boris Karloff. Und eben die von Mary Shelleys Romanvorlage übernommene prinzipielle Unschuld des Monsters, der erst durch den Umgang der Umwelt mit ihm dem Bösen in die Arme getrieben wird. Wunderbar die Szene, als das Monster am See mit einem kleinen Mädchen spielt – und wie emotional der Moment, als er es versehentlich tötet und vor Schrecken über seine eigene, aus Naivität geborener Tat in den Wald flüchtet. Das sind ganz starke Momente. Was mir allerdings nicht gefallen hat, war der allzu lockere Umgang mit der literarischen Vorlage. So heißt Viktor Frankenstein im Film plötzlich Henry Frankenstein, während Victor zwar vorkommt, aber als andere Figur, als guter Freund des Hauses nämlich (der für die Geschichte an sich ziemlich für die Fisch‘ ist) – im Grunde basiert der Film nur sehr lose auf Shelleys grandiosem Roman. Das zeigt sich auch an den Dialogen, bei denen es sich leider oft nicht mehr als um eine lieblose Aneinanderreihung von Plattitüden und Banalitäten handelt, die die Handlung vorantreiben sollen – nur leider: das geschulte Ohr hört mit, und manchmal wäre Schweigen wirklich Gold (vor allem, wenn das Gerede nur beschreibt, was ohnehin auf dem Bildschirm zu sehen ist). Dafür gibt’s Abzüge. Trotzdem kann James Whales „Frankenstein“ auch heute noch mit Genuss gesehen werden. Filmhistorisch ist dieses Werk ohnehin über jeden Zweifel erhaben.


6,5
von 10 Kürbissen

Der Zauberer von Oz (1939)

Regie: Victor Fleming
Original-Titel: The Wizard of Oz
Erscheinungsjahr: 1939
Genre: Fantasy, Musical
IMDB-Link: The Wizard of Oz


„Transported to a surreal landscape, a young girl kills the first person she meets and then teams up with three strangers to kill again.“ Diese ironische Kurzbeschreibung von „Der Zauberer von Oz“ aus dem Jahr 1998 ging vor einigen Jahren viral. Und ja, wenn man allzu genau auf den Inhalt oder das Storytelling oder die völlig flachen Figuren schaut, dann kann man diesem Klassiker von Victor Fleming nach dem Kinderbuch von L. Frank Baum nicht attestieren, gut gealtert zu sein. An dieser Stelle kommt nun das Aber. Aber das alles ist irrelevant, wenn sich die bezaubernde Judy Garland bei „Somewhere Over the Rainbow“ in ein fernes Land träumt, wenn die Vogelscheuche ihre wilden Sprünge macht, der ängstliche Löwe angesichts des Zauberers in Ohnmacht sinkt oder die Munchkins begeistert „Ding Dong, the Witch is Dead“ singen. Denn auch heute noch hat dieser Film seinen eigenen Zauber. Ist es der Kontrast zwischen der kargen, in Sepia gehaltenen Kulisse der realen Welt und der quietschbunten Zauberwelt von Oz? Sind es die eingängigen, fröhlichen Songs? Die Liebe zum Detail und der Versuch, mit den geringen technischen Mitteln der 30er Jahre eine magische Welt aufzubauen, in der es fliegende Affen und sich in Explosionen auflösende Hexen gibt? Denn auch wenn die Special Effects aus heutiger Sicht lächerlich und unbeholfen wirken, so verfehlen sie dennoch nie ihr eigentliches Ziel: Die Erzeugung einer Illusion, die den Zuseher gefangen nimmt. Und da spielt es plötzlich keine Rolle, ob man die Seile, an denen die Hexe geknüpft ist, um sie fliegen zu lassen, sehen kann – denn man ist in diesem Moment so gefangen von der liebevollen, detailreichen Illusion, dass der Film dennoch funktioniert. „Der Zauberer von Oz“ ist ein wunderbares, bonbonbuntes Stück Eskapismus in Reinkultur mit einer netten Botschaft am Ende, und er wird auch in den nächsten 100 Jahren nichts an Charme und Bedeutung verlieren.


8,5
von 10 Kürbissen

Satanstango (1994)

Regie: Béla Tarr
Original-Titel: Sátántangó
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Drama
IMDB-Link: Sátántangó


Susan Sontag meinte einst, dass ihr „Satanstango“ so sehr imponiere, dass sie ein Ritual daraus gemacht hätte, diesen einmal pro Jahr zu sehen. Nun muss man wissen, dass „Satanstango“ von Béla Tarr, die gleichnamige Verfilmung des Romans von László Krasznahorkai (der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat), eine Laufzeit von stattlichen 450 Minuten, also 7,5 Stunden, hat. Das allein wäre ja noch nicht so wirklich abschreckend – wenn man gut unterhalten wird, vergeht auch so eine Arbeitstaglänge recht schnell. Doch wenn man nun mitberücksichtigt, dass es sich bei dem Film um ein sehr düsteres, deprimierendes und handlungsarmes Schwarz-Weiß-Drama handelt, das bei einer Laufzeit von 7,5 Stunden mit nur 150 Schnitten auskommt, gerät man im Vorfeld ein bisschen ins Grübeln, ob man sich das tatsächlich antun möchte – und dann vielleicht sogar noch jedes Jahr. Und ja: „Satanstango“ in einem Durchlauf (mit Pinkelpausen) anzusehen, ist schwere Arbeit, und man ist danach gerädert und reif fürs Bett. Man fühlt sich ein bisschen wie von einer Planierraupe überfahren – und zwar jener in der denkwürdigen Szene in „Austin Powers“ (kann hier nachgeguckt werden). Dennoch. Wer sich darauf einlässt (und sich in der geeigneten physischen wie psychischen Verfassung für den Film befindet), macht eine Filmerfahrung wie noch keine jemals zuvor – das ist ein Versprechen. Irgendwann versinkt man in den Dauerregen, den Matsch, die bröckelnden Häuser, den Schimmel, die leeren Blicke der Dorfbewohner – die Tristesse wird hier zur Kunstform erhoben und die Schrauben drehen sich unerbittlich fester und fester – es gibt kein Entrinnen, weder für die Protagonisten, noch für die Zuseher. Der Inhalt ist im Grunde rasch erzählt: In einem fast verlassenen Dorf fristen die armen Dorfbewohner ihr kärgliches Dasein zwischen Alkoholexzessen und Misstrauen. Sie wollen alle weg aus diesem Dorf, gleichzeitig versuchen sie, sich gegenseitig aufs Ohr zu hauen. Die Ankündigung, dass der für tot geglaubte Irimiás mit seinem Freund Petrina ins Dorf kommen wird, versetzt sie in Aufregung. Irimiás scheint für sie ein Ausweg zu sein. Doch er ist ein falscher Prophet. Nicht nur, dass er als Polizeispitzel arbeitet, er bringt die Dorfbewohner auch noch um ihr Geld und später um ihre Träume, die sich zwischen Nebel und Regen langsam auflösen. Könnte man diese Geschichte kürzer erzählen? Natürlich! Und doch hat man am Ende das Gefühl, dass jede dieser gerade gesehenen 450 Minuten notwendig war – denn erst dadurch begreift man die Trostlosigkeit der Dorfbewohner in ihrem ganzen Ausmaß. „Satanstango“ entwickelt dabei einen überwältigenden Sog und stellt sämtliche Sehgewohnheiten auf den Kopf, wenn beispielsweise die Kamera noch minutenlang in einem leeren Raum verbleibt, während man nur noch hört, wie draußen die Türen geschlossen werden und die Schritte langsam verhallen. Jeder Moment wird ausgekostet bis zum Gehtnichtmehr und entwickelt darin eine seltsame Schönheit. Und auch auf die Menschen entwickelt man dank der minutenlangen Einstellungen einen völlig neuen Blick. Man erkennt sie in ihrer Ganzheit – ihre Träume und Sehnsüchte genauso wie ihre Fehler und Abgründe. Sie müssen dabei gar nicht viel sagen. Es reicht, wenn die Kamera auf ihre Gesichter hält, in denen sich alles abspielt, was man wissen muss. Ein Film wie kein Zweiter – allerdings auch kein Film, den man sich mal so nebenbei ansehen kann. „Satanstango“ verlangt einem alles ab.


9,5
von 10 Kürbissen

Zum Beispiel Balthazar (1966)

Regie: Robert Bresson
Original-Titel: Au Hasard Balthazar
Erscheinungsjahr: 1966
Genre: Drama
IMDB-Link: Au Hasard Balthazar


In Gedenken an Hans Hurch, den vor kurzem verstorbenen Direktor der Viennale, suchten in einer Hommage vierzehn Freunde jeweils einen Film aus, den sie Hurch widmen möchten. Die Wahl von Tilda Swinton fiel auf „Au Hasard Balthazar“ von Robert Bresson. Dieser wurde bei seinem Erscheinen von der Kritik frenetisch gefeiert, und Godard meinte sogar, dass der Film in 90 Minuten die ganze Welt zeigen würde. Godard. Mein alter Spezi. Hüstel. Jetzt die spannende Frage: Kann ein Film, den Godard liebt, auch mir gefallen? Die Antwort vorweg: Ja, er kann. Denn Bresson ist nicht Godard, und die Leidensgeschichte des Esels Balthazar ist eindringlich und gleichzeitig ökonomisch erzählt – auch wenn man dem Film sein Alter ansieht, vor allem in manch unbeholfener Darstellerleistung. Von der ungestümen und unschuldigen Jugend über die harten Jahre als misshandelter Packesel und gedemütigter Zirkusesel bis zum Tod zeichnet Bresson das Leben Balthazars nach und findet damit eine Allegorie auf das menschliche Leben und die parallel ablaufende Geschichte der jungen Marie, der einzige Mensch, der Balthazar wirkliche Zuneigung zukommen lässt. Der religiöse Symbolismus, der aber nur dezent in den Film eingebaut wird, lässt sich recht leicht als Anspielung auf den Leidensweg Christi entziffern. Die unschuldige Kreatur büßt für die Sünden der Menschen. Die meisten Menschen nämlich nutzen Balthazar für Zwecke, die nicht unbedingt als rechtschaffen zu bezeichnen sind. Der Esel lädt die Sünden nicht nur im übertragenen Sinne auf – sondern auch auf seinem Rücken. Dabei ist „Au Hasard Balthazar“ kein religiöser Film. Man kann ihn auch als naturalistischen Abgesang auf die Unschuld sehen. Das Ende ist bitter und rührt zu Tränen. Die Unschuld ist tot.


7,5
von 10 Kürbissen

Blade Runner 2049 (2017)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Blade Runner 2049
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Blade Runner 2049


Keinen anderen Film habe ich so sehr herbeigefürchtet wie „Blade Runner 2049“, das Sequel von Ridley Scotts Meisterwerk „Blade Runner“ aus dem Jahr 1982. Es gibt einige Filme, die ich als meine Lieblingsfilme bezeichnen würde, aber müsste ich einen davon herauspicken, es wäre „Blade Runner“. Die Nachricht, dass es nun 35 Jahre später eine Fortsetzung gibt, hat mich gleichzeitig hoffen und bangen lassen. Immerhin zeichnet Denis Villeneuve, der zuletzt das großartige „Arrival“ abgeliefert hat, für den Film verantwortlich – die Gefahr eines völligen Rohrkrepierers schien damit fürs Erste mal abgewendet zu sein. Aber man weiß ja nie. Und ein durchschnittlicher Solala-Blade Runner wäre ja auch maßlos enttäuschend, gemessen an der Vorlage.

Gleich mal vorab die gute Nachricht: Diese Sorgen waren völlig unbegründet. Natürlich – das Original bleibt in seiner visionären, philosophischen Dystopie unerreicht, aber dennoch macht „Blade Runner 2049“ so gut wie alles richtig. Er greift die Themen aus dem ersten Teil auf und denkt diese weiter und das alles in eine visuell eindrucksvolle Optik, die sichtbar dem Original huldigt, dabei aber die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit nutzt. „Blade Runner 2049“ fühlt sich genauso an wie der erste Film. Das kann man vielleicht als mangelnde Originalität bemäkeln, ich sehe es hingegen als Hommage und eben gelungene Fortführung. Und so finden sich auch viele Themen aus dem ersten Teil in „Blade Runner 2049“ gespiegelt, auch viele ganz eindeutige Anspielungen sind zu finden, die aber geschickt in die Story eingebaut sind. Ryan Gosling ist zudem die perfekte Besetzung. Ich weiß: Viele mögen ihn nicht allzu sehr und werfen ihm schauspielerische Eindimensionalität vor. Ich hingegen bin ein Fan, da er gerade durch seine stoische Ruhe eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt, und die Emotionen im Kleinen zeigt, gut versteckt, man muss genau hinsehen, aber sie sind da. Gleich zu Beginn erfährt man, dass sein Detective K selbst ein Replikant ist, und sein zurückhaltendes Spiel passt hier sehr gut. Damit werden die Karten, die der erste Film auf den Tisch gelegt hat, gleich mal neu gemischt, und die Frage nach der Identität und dem Selbst aus einer neuen Perspektive beleuchtet. Keine Frage, „Blade Runner 2049“ fügt der Erzählung eine neue Facette hinzu. Dabei unterwandert der Film aber die Erwartungen der Zuseher und zeigt in vielen kleinen Details auf, dass man diese Fragen nicht mit Schwarz-Weiß-Antworten abtun kann. Sehr schön in diesem Zusammenhang das von Ana de Armas gespielte, sinnlich-naiv-verliebte Hologramm Joi mit einer Schlüsselszene ziemlich am Ende des Films. Und dann wäre da noch Harrison Ford, der erst spät dazu stößt, aber hey: Harrison Ford! Der macht jeden Film noch mal einen Tick besser. Allerdings ist „Blade Runner 2049“ sicherlich kein Film für jedermann. Zum Einen ist er mit fast drei Stunden Laufzeit wirklich lang, und dazu auch nicht allzu temporeich erzählt. Vielmehr entblättert er seine Themen Schicht für Schicht und nimmt sich Zeit für die Erkenntnisreise seiner Figuren, und das mag heutigen Sehgewohnheiten ein bisschen zuwiderlaufen. Zum Anderen erzählt er eben keine völlig neue Geschichte, sondern im Grunde die Geschichte aus dem ersten Film in einer neuen Perspektive weiter. Wem da die Zusammenhänge fehlen, wird wohl etwas weniger Vergnügen am Film haben. Und auch, wer bahnbrechend Neues erwartet, könnte hier enttäuscht sein. Aber für mich selbst als ganz großer Fan des ersten Films ist „Blade Runner 2049“ eine wirklich herausragende Fortsetzung, die den Geist des Originals gut einfängt, den Weg, den der Film vor 35 Jahren eingeschlagen hat, konsequent weitergeht, sich dabei immer wieder in Richtung des Meisterwerks von Ridley Scott verbeugt und dabei selbst zum Meisterwerk wird.

Ein Fun Fact im Übrigen: Da sehe ich mir den Film in Budapest an, und erst beim Abspann, als lauter ungarische Namen auftauche, bemerke ich, dass der Film zum größten Teil in Ungarn gedreht wurde, nämlich nur etwa 30 km westlich von Budapest.


9,0
von 10 Kürbissen

Endstation Sehnsucht (1951)

Regie: Elia Kazan
Original-Titel: A Streetcar Named Desire
Erscheinungsjahr: 1951
Genre: Drama
IMDB-Link: A Streetcar Named Desire


Tennessee Williams war schon ein Guter. Nicht weniger als 22 Filme, die auf seinen literarischen Vorlagen beruhen, zählt Wikipedia auf. Einer der bekanntesten darunter ist „Endstation Sehnsucht“ mit Vivien Leigh und einem unglaublich jungen und muskulösen Marlon Brando. Die Geschichte ist rasch erzählt: Die leicht verwirrte und offenbar traumatisierte Lehrerin Blanche fährt nach New Orleans, um ihre Schwester Stella zu besuchen, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Stella hat mittlerweile geheiratet, den ungehobelten Rabauken Stanley Kowalski, und ist von ihm schwanger. Blanche und Stanley sind sich von Beginn an nicht grün, und als Stanley vermutet, dass Blanche durch den Verlust des alten Hauses der Schwestern ihn und Stella über den Tisch ziehen möchte, eskaliert die Geschichte, zumal sich Blanche nicht wirklich in die Karten schauen lässt. Irgendwas stimmt mit der nervösen, anhänglichen und verträumten Frau nicht. Im engen Raum der winzigen Wohnung der Kowalskis entspinnt sich ein Drama rund um unerfüllte Sehnsüchte und Träume und falsche Entscheidungen. Vivien Leigh ist zum Niederknien, doch auch der Rest des Casts muss sich nicht verstecken. „Endstation Sehnsucht“ ist brillant geschrieben und gespielt. Den Niedergang der Protagonisten, ihre Wut und ihre Sehnsüchte und ihre Ängste auf einem Silbertablett im gleißenden Licht präsentiert zu bekommen, ist oft kein einfaches Unterfangen und tut weh, aber gerade das, diese schonungslose Ehrlichkeit mit den Figuren, macht „Endstation Sehnsucht“ zu einem zeitlosen und auch heute noch aufwühlenden Stück Kino. Zurecht ein Klassiker.


8,0
von 10 Kürbissen

Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973)

Regie: Nicolas Roeg
Original-Titel: Don’t Look Now
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Don’t Look Now


„The Shining“ in Venedig. Trotz einer Vorahnung gelingt es dem Familienvater John (Donald Sutherland) nicht, die kleine Tochter vor dem Ertrinken im Gartenteich zu retten. Wenig später sieht man ihn und seine Frau (Julie Christie) in Venedig, wo er einen Auftrag als Restaurator einer Kirche durchführt. Dort macht das Ehepaar Bekanntschaft mit zwei seltsamen Schwestern, von denen eine blind und mit der Gabe des zweiten Gesichts, also der Vorhersehung, gesegnet ist. Der Mutter tut es gut zu erfahren, dass die Tochter im Jenseits in Sicherheit ist und lächelt, der Vater tut dies als Spinnereien ab. Doch immer wieder sieht und hört er Seltsames zwischen den Kanälen des nächtlichen Venedigs, das mit seinem morbiden, zerfallenden Charme zu einem weiteren Protagonisten der Erzählung wird. Soweit also kurz umrissen der Inhalt des Filmes, der auf einer Erzählung von Daphne du Maurier beruht und auch heute noch gern zitiert wird. Interessant ist, dass er gerne auf die Sexszene zwischen Sutherland und Christie reduziert wird. Haben sie nun? Haben sie nicht? Nach Sichtung des Films: Sie könnten es getan haben. Ist aber wurscht. Denn „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (bzw. „Don’t Look Now“, wie er im Original passenderweise heißt, auch wenn der deutsche Verleihtitel poetischer klingt) ist kein Sexfilmchen der 70er-Jahre, sondern eine interessante Mischung aus Trauerbewältigung und subtilem Horror. Zwar wirkt er heute schon ein wenig angestaubt (v.a. das Overacting an einigen Stellen fällt negativ auf) und er hat auch trotz der ökonomischen Laufzeit von 105 Minuten einige Längen, aber interessant anzusehen ist er dennoch mit seinen vielen Symbolen und Andeutungen und Verschränkungen. Kann man sich mal geben an einem verregneten Nachmittag.


6,5
von 10 Kürbissen

Zwölf Uhr mittags (1952)

Regie: Fred Zinnemann
Original-Titel: High Noon
Erscheinungsjahr: 1952
Genre: Western
IMDB-Link: High Noon


Schon blöd: Da küsst man gerade noch die frisch Angetraute (Grace Kelly), mit der man Minuten zuvor den Bund der Ehe geschlossen hat, und legt seinen Sheriff-Stern ab, da am nächsten Tag der neue Sheriff erwartet wird, und dann erfährt man, dass der alte Erzfeind mit dem Zwölf-Uhr-Zug in die Stadt kommt. Und wer den Typen kennt, weiß: Der kommt nicht zum Shoppen. Was macht also der scheidende Sheriff (Gary Cooper)? Als aufrechter Mann stellt er sich natürlich der Gefahr. Er hat sich damals mit der Verhaftung des Schurken die Suppe eingebrockt, er löffelt sie nun auch wieder aus. Selbst die flammendsten Apelle seiner Freunde und tränenreichen Umarmungen seiner Frau, die Füße in die Hand zu nehmen und aus der Stadt zu flüchten, ehe es zu spät ist, fruchten nichts. Westernhelden können verdammt sture Böcke sein. Also marschiert er durch die Stadt auf der Suche nach Freiwilligen, die sich zusammen mit ihm über den Haufen schießen lassen. Doch niemand will sich den kurzen Ruhm als Deputy antun, während nebenan der Zimmermann schon eifrig Särge bastelt. Und beständig tickt die Uhr. Die Angetraute fährt zum Bahnhof, um die Stadt zu verlassen, denn sie kann nicht mitansehen, wie ihr Göttergatte ins Verderben rennt. Die ehemalige Liebschaft des Sheriffs hat ähnliche Ideen. Denn mit Frank Miller, dem Bösewicht, ist nicht gut Kirschen zu essen, das weiß man in der Stadt. Wie die Schafe verharren die restlichen Stadtbewohner in der Kirche und im Saloon. Der Herrgott oder König Alkohol werden es schon richten. Und so entspinnt sich ein knochentrockener Western, der seine Spannung vom gnadenlosen Herunterticken der Uhr bezieht. Gleichzeitig ist der Film ein Statement zum allgemeinen Zustand der Zivilcourage. Zwar angestaubt wie die Hauptstraße des Wildweststädtchens ist der Film mittlerweile, aber er funktioniert auch heute noch. Ein Klassiker.


7,5
von 10 Kürbissen

Clerks – Die Ladenhüter (1994)

Regie: Kevin Smith
Original-Titel: Clerks
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Clerks


Kevin Smith ist eine sehr sympathische Figur im Hollywood-Betrieb. Er macht einfach sein Ding. Ob es nun eine bissige Abrechnung mit Religion und Fanatismus („Dogma“) ist oder eine romantische Beziehungskomödie rund um Pornos („Zack and Miri Make a Porno“) – bei Kevin Smith darf man sich immer auf ein bisschen Anarchie einstellen. Bei seinem Debütfilm „Clerks“ war er gerade mal 24 Jahre alt. Um den Film zu drehen und das Budget von 27.000 Dollar zu stemmen, verkaufte er sogar seine Comic-Sammlung. Und was macht man nun, wenn man einen Langfilm mit einem absurd geringen Budget von 27.000 Dollar drehen möchte? Genau – man reduziert die Handlungsorte auf ein absolutes Minimum und verzichtet auf rasante Action, sondern lässt lieber mal die liebevoll-verpeilten Figuren frei nach Schnauze reden. Und das sind in erster Linie mal die beiden Freunde Dante und Randal. Dante arbeitet in einem Convenience Store, plagt sich gerade mit seiner Gefühlswelt herum, die ihn zwischen seiner aktuellen Freundin Veronica und seiner Verflossenen Caitlin, die, wie er aus einer Zeitung erfahren hat, heiraten wird, hin und her schießt und eigentlich lieber mit seinen Freunden Hockey spielen möchte als eine zusätzliche ungeplante Schicht im Shop herunterzureißen. Randal, ein Slacker, wie er im Buche steht, ist … nun ja … anwesend (aber auch nicht immer) in der Videothek nebenan. Eigentlich sollte er dort arbeiten, aber lieber hängt er im Store von Dante herum und gibt seine Lebensweisheiten zum Besten, die nicht immer hilfreich sind. Und das ist es dann auch. Das ist der Film. Gedreht in körnigem Schwarz-Weiß mit viel Improvisation, absurden Dialogen und teils noch absurderen Handlungen (ich sage nur: Sex auf dem Klo und die ungeahnten Konsequenzen daraus) ist „Clerks“ ein wirklich unterhaltsamer Film ohne Handlung. Manche Stellen sind dadurch vielleicht auch ein bisschen zäh – aber keine Sorge: Der nächste zum Brüllen komische Dialog, vorgetragen mit einer entwaffnenden schulterzuckenden Gleichgültigkeit, ist keine Minute entfernt. Durchaus nachvollziehbar, wie es „Clerks“ zum Kultfilm bringen konnte, der das Hundertfache seines Budgets eingespielt hat. Was jetzt in Anbetracht des Budgets auch dramatischer klingt, als es ist.


7,0
von 10 Kürbissen