Autor: Filmkürbis

Im Westen nichts Neues (2022)

Regie: Edward Berger
Original-Titel: Im Westen nichts Neues
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Im Westen nichts Neues


Bis heute ist der 1928 erschienene Antikriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque einer der erfolgreichsten deutschen Romane aller Zeiten. Bereits 1930 wurde das Buch von Lewis Milestone für Hollywood verfilmt. Es verwundert ein wenig, dass es fast 100 Jahre brauchte, bis die erste deutsche Verfilmung des Stoffs erschien. Man kann aber sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Regisseur Edward Berger bringt die ganze grausame Wucht der Vorlage in eindrucksvollen Bildern , die aber nie zum Selbstzweck geraten, auf die Leinwand. Die Geschichte folgt dem jungen Rekruten Paul Bäumer (Felix Kammerer), dessen ursprüngliche Begeisterung für den Vaterlandsdienst schon bald im Schlamm der Schützengräben der Westfront begraben liegt. In einer gnadenlosen Abnützungsschlacht wird um Meter gekämpft, über die Jahre hinweg verschiebt sich der Frontverlauf so gut wie gar nicht, auch wenn Millionen von Soldaten dafür ihr Leben lassen. Edward Berger macht die Schrecken des Krieges greifbar, die sich in den zunehmend desillusionierten Blicken des exzellenten Felix Kammerer spiegeln. Für diese Bildgewalt verzeihe ich Berger auch die künstlerische Freiheit, das Ende zu verändern und zusätzlich dramatisch aufzublasen. Ein mutiger Schritt, denn gerade in der Beiläufigkeit des letzten Satzes von Remarques Roman liegt eine Wucht, die durch Bergers Überdramatisierung verlorengeht. Die allerletzte Szene bringt das Schiff aber wieder auf Kurs und hallt, vielleicht auf eine etwas andere Weise als der Schlusssatz des Romans, dann doch lange nach. Soweit macht also Edward Berger mit seinem Film fast alles richtig. Einzig und allein ein Versäumnis ist zu beklagen: Er hätte Albrecht Schuch vor den Dreharbeiten in einen Logopädie-Kurs stecken sollen. Ohne Untertitel ist der gute Mann kaum zu verstehen, so wie er nuschelt. Aber vielleicht passt das ja auch ganz gut zur Sprachlosigkeit des Krieges.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Godzilla vs. Kong (2021)

Regie: Adam Wingard
Original-Titel: Godzilla vs. Kong
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Action, Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Godzilla vs. Kong


Es gibt Titel, die erklären den ganzen Film, und das ist auch gut so, denn man weiß genau, worauf man sich einlässt. „Snakes on a Plane“ ist so ein Beispiel. Oder auch „Godzilla vs. Kong“. Im Englischen gibt es dafür die Abkürzung WYSIWYG. What You See Is What You Get. Wer sich also bei diesem Filmtitel eine essayistische Bearbeitung Schopenhauer’scher Gedankenexperimente erwartet, liegt damit grundlegend falsch. Was man stattdessen erwarten darf: Eine ordentliche Keilerei zwischen zwei Supermonstern. Immer mitten in die Fresse rein, wie es schon die Ärzte so schön besangen. Das menschliche Personal wird hier zu Nebenfiguren degradiert und ist im Gesamtgefüge so wurscht wie der Versuch, die Gletscherschmelze durch das Streuen eines Eiswürfelkübels aufzuhalten. Hier prallen einfach zwei Gewalten aufeinander und was dazwischensteht, wird kurz und klein geschlagen. So einfach ist das Konzept von Adam Wingards Film. Kann das über zwei Stunden gut gehen? Nun ja, das hängt eben wieder von der eingangs erwähnten Erwartungshaltung ab. Wenn ich genau das erwarte, dann passt es auch. Da kann man sich dann entspannt im Fernseh- oder Kinosessel zurücklehnen und sich an den Schauwerten ergötzen, während man sich die zweite Packung Popcorn einverleibt. Das ist Eskapismus in Reinform. Suche ich aber nach einem tieferen Sinn oder einer zweiten Ebene, die sich intellektuell verarbeiten lässt, dann werde ich eher wütend ins Popcorn schnauben, sodass es in alle Richtungen davonspritzt. So ist auch die Wertung von 6 Kürbissen zu verstehen. Ja, es gibt bessere Filme, von denen man länger zehren kann, aber für das, was der Film sein möchte und letzten Endes auch ist, holt Adam Wingard so ziemlich das Optimum heraus. Jedenfalls ist „Godzilla vs. Kong“ weit besser als der völlig verunglückte Vorgänger Godzilla II: King of the Monsters.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Black Panther: Wakanda Forever (2022)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Black Panther: Wakanda Forever
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action, Science Fiction, Fantasy
IMDB-Link: Black Panther: Wakanda Forever


Mit dem viel zu frühen und tragischen Ableben des charismatischen Chadwick Boseman stand das Marvel Cinematic Universe vor einem Problem. Wie die Geschichte des Black Panthers weitererzählen, wenn der Black Panther tot ist? Aber nach dem Motto „Der König ist tot. Lang lebe die Königin!“ konzentriert sich der zweite Black Panther-Solofilm auf die verbliebene Königin Ramonda (Angela Bassett) und deren Tochter Shuri (Letitia Wright), die das Erbe der schwarzen Miezekatze durch turbulente Zeiten fortführen müssen. Nicht nur, dass quasi alle Staaten der Welt spitz auf das seltene Edelmetall Vibranium sind, das dem Königreich Wakanda technologischen Fortschritt und Reichtum gebracht hat, sondern auch ein neuer Gegenspieler taucht wortwörtlich auf, der ganz eigene Interessen verfolgt, darunter die Ermordung einer begabten Harvard-Studentin aus Wakanda. Und schon wird’s turbulent. Frauenpower ist angesagt, um die undurchsichtige Lage in den Griff zu bekommen, wobei Generalin Okoye (Danai Gurira), heimlicher Star des Films, die meisten Hiebe austeilen darf. Die frauenlastige Action sowie beeindruckende Unterwasserwelten sind neben den aufwendigen Kostümen und dem mit Ethnoklängen angereicherten Soundtrack die Pluspunkte des Films. Doch was soll man sagen über einen Black Panther-Film, bei dem der Black Panther komplett irrelevant für die Geschichte ist und am Ende, als er dann doch noch erscheinen darf, eher stört als dass er Mehrwert einbringt? Was tun mit einem Film, der interessante Figuren wie Shuri verbiegt und in Schablonen zu pressen versucht, in die sie einfach nicht passen, nur um eine Mythologie zu bedienen, die es nicht braucht? Und warum ein interessantes Bedrohungsszenario aufbauen (westliche Mächte schrecken auch vor kriminellen Handlungen nicht zurück, um in den Besitz von Vibranium zu kommen), nur um dann eine lachhafte Fantasyfigur mit fragwürdigen, schwach begründeten Ambitionen wie einen Schachtelteufel aus dem Wasser hüpfen zu lassen, der dann natürlich die ultimative Bedrohung darstellt? „Black Panther: Wakanda Forever“ hätte ein fantasievoll angehauchter, spannender Polit-Actionthriller sein können. Stattdessen wurde daraus ein ambitionsloses Actiongedöns, dessen Story man lieber nicht so genau hinterfragen sollte, und das seine Figuren einfach verschenkt, nur damit am Ende der Panther zu sehen ist, der im Titel versprochen wurde. Einer der schwächeren Beiträge des MCU.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Marvel Studios/Marvel Studios – © 2022 MARVEL, Quelle http://www.imdb.com)

Ab durch die Hecke (2006)

Regie: Tim Johnson und Karey Kirkpatrick
Original-Titel: Over the Hedge
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Animation
IMDB-Link: Over the Hedge


Hätte ich nach optischen Ähnlichkeiten zwischen Bruce Willis und einem Tier gesucht, mir wäre der Waschbär nicht eingefallen. Wohl eher eine Schildkröte, aber die war in der Dreamworks-Produktion „Ab durch die Hecke“ schon durch Garry Shandling besetzt. Also musste Bruce eben den Waschbären sprechen. Dieser heißt Richie und hat eine kleinkriminelle Ader, die ihn in einen Konflikt mit dem Bären Vince (unverkennbar die Stimme von Nick Nolte) geführt hat. Er schuldet dem Bären dessen Vorräte an Süßigkeiten, Spielzeug und anderem Kram, was Bären eben so brauchen. Auf seinem Weg, die Gegenstände zu beschaffen, stößt er auf eine Gruppe von Wildtieren, die es sich im Wald gemütlich gemacht hat. Dieser Wald ist durch eine Hecke von einer Siedlung abgetrennt. Und der gerissene Waschbär Richie weiß: In einer Siedlung gibt es jede Menge Zeug und Vorräte. Warum also nicht die Führung des verschlafenen Trupps übernehmen und mit ihnen auf Raubzug gehen? Natürlich läuft nichts so, wie geplant, und Richie stürzt die tierische Diebesbande in Chaos, bevor am Ende der Story die Epiphanie wartet. „Ab durch die Hecke“ ist kein großer Wurf, doch sympathisch und temporeich erzählt. Mit der recht unverhohlenen Kapitalismuskritik erhält der Film eine zweite Ebene, sodass „Ab durch die Hecke“ auch für ein älteres Publikum interessant ist, doch geht es vorrangig um die Unterhaltungswerte, die vor allem durch rasantem Slapstick erzeugt werden. Damit mag der Film weniger gut altern als andere Animationsfilme seiner Zeit, die sich dann auf eben diese tiefere Ebene stützen können, aber das ist okay. Er ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein einfach gestricktes tierisches Vergnügen.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Rush Hour (1998)

Regie: Brett Ratner
Original-Titel: Rush Hour
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Action, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Rush Hour


Es gab mal eine Zeit, in der Chris Tucker angesagt war. Es waren die 90er, Cancel Culture war noch kein Begriff, Jackie Chan war der heißeste Asien-Export seit Toyota und man hat in Actionkomödien noch politisch unkorrekt auf alles eingeprügelt, solange es der Unterhaltung diente. (Möglicherweise färbt das gerade ein wenig auf diese Filmrezension ab, *hüstel*.) Und Chris Tucker durfte sich als legitimer Nachfolger von Eddie Murphy sehen, wenn es darum ging, ein möglichst breites Grinsen und eine große Klappe als Asset in leichtgewichtige Komödien einzubringen. Wie eben „Rush Hour“. Die Story ist dabei nicht wirklich relevant. Asiatisches Mafiazeug schwappt auf die USA über, Hongkong sendet seinen besten Polizisten (Jackie Chan), der mit einem überforderten und gleichzeitig übermotivierten Großmaul einen Kindersitter zur Seite gestellt bekommt, da die Amis ja immer alles besser können, und man lässt sich schon gar nicht bei laufenden Ermittlungen von so einem dahergelaufenen Schlitzauge reinpfuschen. Natürlich raufen sich Großmaul und Hongkong-Cop zusammen und lösen den Fall dann auf ihre (eher unkonventionelle) Weise. „Rush Hour“ lebt von seinem ungleichen Hauptdarstellergespann, der Tatsache, dass es Jackie Chans erster Großauftritt in Hollywood war und natürlich den aberwitzigen Prügeleien. Wie gut so ein Rezept funktionieren kann, zeigen ja auch die unzähligen Terence Hill & Bud Spencer-Filme, die den gleichen Modus Operandi schon Jahrzehnte früher angewendet haben. „Rush Hour“ war dermaßen erfolgreich, dass daraus gleich zwei Fortsetzungen sowie eine Fernsehserie entstanden. Der Film ist eindeutig ein Kind seiner Zeit. Ist er vielleicht ein bissi rassistisch? Ja, das ist er. Aber lustig und kurzweilig ist er trotzdem.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 1998 – New Line Cinema, Quelle http://www.imdb.com)

Rango (2011)

Regie: Gore Verbinski
Original-Titel: Rango
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Animation, Western
IMDB-Link: Rango


Chamäleons sind ja sehr anpassungsfähig. Vielleicht gehören sie nicht zu den mutigsten Tierarten, aber wenn man bei Gefahr immer schön mit dem Hintergrund verschmelzen kann, ist Mut auch gar nicht nötig. Doch ein verträumter Vertreter dieser Spezies wird eines Tages damit konfrontiert, dass man sich eben nicht aus jeder Situation wegducken kann, als er unversehens während einer Übersiedlungsfahrt aus dem Wagen geschleudert wird und in der Wüste landet. Dort trifft er schon bald auf die Einwohner einer heruntergekommenen Westernstadt, deren wichtigste Währung, Wasser, zu versanden droht. Auch der Bürgermeister kann hier nichts ausrichten, doch ernennt er Rango, wie sich die Echse nun nennt, zum Sheriff der Stadt, nachdem diese etwas zu sehr mit (erfundenen) Abenteuern geprahlt hat. Und Rango muss nun etwas in sich entdecken, das er bislang nie benötigt hat, nämlich den besagten Mut. „Rango“ von Gore Verbinski ist eine liebevoll animierte Western-Hommage, die das Thema des einsamen Retters in rauen Zeiten aufgreift und mit einem humorvollem Unterton belegt. „Rango“ ist kein Westernheld, und wenn ihm mal etwas Heldenhaftes gelingt, dann durch Zufall und Glück. Was aber nicht bedeutet, dass er nicht an diesen Erfahrungen wachsen kann. Gleichzeitig versieht Verbinski seinen Film aber mit einer klaren Kritik an Kapitalismus und Verschwendung, was „Rango“ auch elf Jahre später immer noch aktuell wirken lässt. Ja, den Western-Topos muss man mögen, damit der Film zündet, er ist damit schon recht speziell auf eine engere Zielgruppe zugeschnitten, aber wenn man sich darauf einlässt, ist an ihm nichts auszusetzen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2011 – Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

Top Gun: Maverick (2022)

Regie: Joseph Kosinski
Original-Titel: Top Gun: Maverick
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action, Kriegsfilm
IMDB-Link: Top Gun: Maverick


Der Vorspann läuft, meine Frau dreht sich verwundert zu mir: „Schauen wir noch mal den alten?“ Ich bin selbst verunsichert, doch nein: Da taucht der Name Joseph Kosinski als Regisseur auf, und wir atmen erleichtert auf. Würde man also sagen, dass „Top Gun: Maverick“ eine Verneigung vor dem ersten Film aus 1986 ist, dann wäre das noch eine Untertreibung. Die Musik, die Bilder aus dem Vorspann, selbst Tom Cruises beinahe faltenloses Gesicht – das alles haben wir im ersten Film genauso schon mal gesehen und gehört. Statt seinem Kumpel „Goose“ klimpert nun dessen Sohn „Rooster“ (Miles Teller) auf dem Klavier und singt die gleichen Lieder, statt mit Kelly McGillis hüpft Cruise mit Jennifer Connelly ins Bett, statt F-14 Tomcats fliegen nun F-18 Hornets durch die Gegend, und ein Autoritätsproblem hat Pete „Maverick“ Mitchell immer noch. Alles wie gehabt, und ein bisschen ist das ja auch wie ein Nachhausekommen nach einem sehr langen Urlaub. Alles ist noch am richtigen Platz, vielleicht ein bisschen angestaubt, aber so, wie man es haben möchte. Was bei vielen anderen zweiten Teilen, die im Grunde nur Kopien des jeweiligen ersten Films sind, oft ein großer Nachteil ist, funktioniert bei „Top Gun: Maverick“ jedoch. Die Story ist nämlich wurscht, das war sie im ersten Teil und ist sie auch im zweiten Teil, der im Grunde nur eine Spiegelung des ersten Films ist. Was hier zählt, sind die Schauwerte, die dynamischen Kampfsequenzen in der Luft, das Donnern, wenn die Flugzeuge in Überschallgeschwindigkeit beschleunigt werden. Als Actionfilm funktioniert „Top Gun: Maverick“ extrem gut, die Actionszenen sind sogar noch besser als im ersten Film. Ach, Scheiß drauf, sogar insgesamt ist das Teil besser als der erste Film. Tom Cruise ist entspannter, Connelly noch hübscher als McGillis, und ich behaupte sogar, dass Miles Teller einen besseren Schnurrbart trägt als Anthony Edwards.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Scott Garfield/Scott Garfield – © 2021 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved. Quelle http://www.imdb.com)

King Richard (2021)

Regie: Reinaldo Marcus Green
Original-Titel: King Richard
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Biopic, Sportfilm, Drama
IMDB-Link: King Richard


Man hat es nicht leicht mit den Geschwistern, vor allem, wenn diese älter sind und damit zu Würden kommen, die man selbst gerne für sich beansprucht hätte. Richard von Gloucester, in William Shakespeares Drama „Richard III.“ verewigt, kann ein Lied davon singen, ist er doch in der Thronfolge hinter seinem älteren Bruder gereiht, der als König Edward IV. über England herrscht. Missgunst herrscht über sein Denken, und so schmiedet er böse Ränke, um seinen Bruder vom Thron zu stoßen. Allein: Es geht nicht gut für ihn aus. Aber Moment – es geht in Reinaldo Marcus Greens‘ Film gar nicht um diesen historischen Bruderzwist? Es handelt sich nicht um eine Adaption des Shakespeare-Stücks? Was ist da los? Noch dazu, wenn von zwei Geschwistern die Rede ist, auch wenn es sich hier um Schwestern handelt? Verwirrend, verwirrend. Und dann betoniert Will Smith auch noch vor Millionen Zusehern dem verdatterten Chris Rock eine nach einem missglückten Scherz? Doch, das ist doch Stoff shakespeare’schen Ausmaßes! Trotzdem führt der Filmtitel ein wenig in die Irre, denn King Richard ist hier Richard Williams (gespielt vom Watschenmann), seines Zeichens Vater von zwei begnadeten Nachwuchstennisspielerinnen namens Venus und Serena (wer sich für Sport interessiert, hat diese Namen möglicherweise schon einmal gehört), und der Mann hat einen Plan, an dem er stur wie ein Esel festhält: Die beiden werden Profispielerinnen und sie werden die besten Spielerinnen der Welt. Basta! Immerhin lächeln und nicken sie gnädig zu diesem Spiel und dreschen auf die Filzkugeln ein, was die muskulösen Oberarme hergeben. Und so unbeirrt, wie sie die Bälle schlagen, geht der schon bald als schwieriger Charakter berüchtigte Vater den Weg, den er für seine Tochter auf dem Reißbrett entworfen hat. Da kann kommen, wer will, und möge es der Trainer von Tennislegende Pete Sampras sein – wer nicht mitzieht, dem furzt King Richard ins Gesicht. „King Richard“ ist ein Biopic der eher ungewöhnlichen Sorte, denn es stehen nicht die künftigen Stars und ihr Werdegang im Vordergrund, sondern der fanatische Vater, der alles seinem Plan unterordnet. Der Erfolg soll ihm am Ende recht geben, doch wie schmal der Grat ist zwischen Sieg und vernichtender Niederlage, nach der man nicht mehr aufsteht, deutet der Film mehr als einmal an. Dennoch bleibt der Film auf ausgetretenen Pfaden und damit recht zahm. Die Eckpunkte jedes Biopics (Traum, Schwierigkeiten, Aufstieg, weitere und noch größere Schwierigkeiten, beinahe der Fall und schließlich doch noch der Triumph über alle Widrigkeiten) werden routiniert abgearbeitet. Unter den besten Filmen des Jahres 2021 sehe ich „King Richard“ – anders als die Oscar Academy – nicht. Dass man Will Smith für seine seriöse Darstellung für einen Oscar nominieren kann, schon eher. Am Ende wäre es wohl besser gewesen, hätte ein anderer diesen gewonnen, auch für Will Smith selbst. Es hätte jedenfalls ausreichend starke Konkurrenz gegeben.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Das geheime Fenster (2004)

Regie: David Koepp
Original-Titel: Secret Window
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Thriller
IMDB-Link: Secret Window


Nach einer Geschichte von Stephen King spielt Johnny Depp in „Das geheime Fenster“ einen Schriftsteller in Scheidung, der sich eines Tages durch einen mysteriösen Fremden (John Turturro) bedroht sieht, der ihn des Plagiats verdächtigt. Alle Versuche, vernünftig mit dem Herrn zu reden, scheitern, und bald wir klar: Der Fremde scheut auch nicht vor Gewalt zurück, um sein Recht durchzusetzen. Stephen King hat hier wohl eine seiner Urängste verarbeitet – bei der Menge an Büchern, die er schreibt, scheint es kaum möglich zu sein, dass wirklich jede einzelne Geschichte so originell und originär ist, dass sie komplett frei von Plagiatsverdachtsmomenten ist. Der größte Horror entsteht immer in uns selbst. So trägt der Schriftsteller Mort Rainey möglicherweise Züge des Bestsellerautors. Man muss aber festhalten: Johnny Depp sieht eindeutig besser aus als Stephen King. Und Maria Bello, die die Exfrau des gepeinigten Schriftstellers spielt, ist ohnehin ein Hingucker, auch wenn sie in dem Film nicht allzu viel zu tun hat. Womit wir auch schon bei den Schwächen von „Das geheime Fenster“ wären. Denn der Plot entfaltet sich allzu routiniert, was sich auch auf das Spiel der Darsteller:innen überträgt, und David Koepps Inszenierung trägt nicht unbedingt dazu bei, dass die Daumenschrauben angesetzt werden und der Pulsschlag hochfährt. Dazu ist das Tempo einfach zu gemütlich. So ein bisschen wie eine Straßenbahnfahrt mit dem 71er zum Zentralfriedhof. Immerhin hat Johnny Depp die Haare schön.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Gott des Gemetzels (2011)

Regie: Roman Polanski
Original-Titel: Carnage
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Carnage


Obacht, jetzt kommt eine Liebeserklärung. „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Yasmine Reza, ist ein brillantes Beispiel dafür, wie wenig es braucht, um einen herausragenden Film zu drehen: Eine Wohnung, vier gigantische Schauspieler:innen (Jodie Foster, Kate Winslet, John C. Reilly und Christoph Waltz) und ein messerscharfes Drehbuch, das die menschliche Natur mit unglaublicher Komik seziert und zur Schau stellt. Zwei Elternpaare treffen sich nach einem Streit ihrer Söhne, bei dem der eine dem anderen mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen hat. Natürlich ein unangenehmer Vorfall, doch beide Seiten bemühen sich um einen zivilisierten Umgang mit der Geschichte. Ein Schreiben wird verfasst, in dem der Vorfall geschildert wird, und dann sind Nancy und Alan schon bei der Tür raus – man hat das geregelt, wie Erwachsene solche Angelegenheiten eben regeln. Doch das ist erst der Auftakt für ein Kammerspiel, das mit doppelten Böden und unter dem Deckmantel der Höflichkeit ausgetauschten Gehässigkeiten die Spannungsschraube immer fester dreht, bis schließlich alle Nerven blank liegen, jeder auf jeden losgeht und alle Fassaden fallengelassen werden. Hier prallen unvereinbare Werte aufeinander, und Spannungen in den Beziehungen werden nach draußen getragen. Dass dieses Meisterwerk des abgründigen Humors bei den Oscars dermaßen übergangen wurde, ist eine Schande. Ob Winslet, Foster, Reilly oder Waltz – alle hätten Oscarnominierungen bzw. auch Oscargewinne verdient. Ein besseres Ensemble wird man kaum finden.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 2011 – Sony Pictures Classics, Quelle http://www.imdb.com)