Liebesfilm

Am Strand (2017)

Regie: Dominic Cooke
Original-Titel: On Chesil Beach
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: On Chesil Beach


England 1962. Das junge Paar Florence (Saoirse Ronan – und zum ersten Mal konnte ich ihren Vornamen richtig schreiben, ohne ihn vorher zu ergoogeln – wird aber auch Zeit, denn sie ist eine der besten Darstellerinnen überhaupt, die es derzeit auf den Leinwänden dieser Welt zu bewundern gibt) und Edward (Billy Howle) ist frisch vermählt und beginnt seine Flitterwochen in einem gediegenen Hotel am Strand. Der Anfang ist holprig, es liegt trotz der gegenseitigen Liebesbeteuerungen eine Spannung in der Luft, und schon bald wird klar, dass die beiden vor ihrer Heirat noch nicht miteinander geschlafen haben und die Sache nun hochgradig nervös angehen. Immer wieder geraten auch ihre Erinnerungen dazwischen, ans Kennenlernen, an die Schritte ihrer Beziehung. Ja, es ist eine sehr romantische Liebe, die hier gezeigt wird, aber auch eine der Gegensätze und Momente der Distanz, und schon bald fragt man sich als Zuseher, ob die beiden vielleicht nicht ein wenig überstürzt den Bund der Ehe eingegangen sind. Deutlich wird diese Frage aufgezeigt in dem Moment, in dem es im Bett zum ersten Mal zur Sache gehen soll, aber nun werden allmählich Wahrheiten angedeutet, die bislang immer verschwiegen wurden. „Am Strand“ ist ein Lehrbeispiel für fehlende oder zumindest fehlgeleitete Kommunikation. Was anfangs noch für fröhliches Glucksen im Saal sorgte, weil sich die beiden Turteltauben allzu patschert anstellen, wechselt immer mehr zu einem fassungslosen Bemitleiden angesichts der hilflosen Blicke und Gesten und des Unvermögens, das für alle Offensichtliche anzusprechen. Ronan und Howle liefern denkwürdige und oft sehr subtile Performances ab. Hier wird mehr über Bewegungen und das Verkrampfen von Körpern erzählt als durch Worte selbst. Ganz große Schauspielkunst und ein herausragendes Drehbuch! Was mir allerdings missfallen hat, ist, dass die Nebenfiguren oft nur zu Karikaturen gereichen und blass bleiben. Was in der Paarbeziehung so subtil erzählt wird, wird bei diesen Nebenfiguren plakativ kurz mit dem Hammer eingebläut. Und das ist schade. Ein wenig mehr Ausgewogenheit hier hätte dazu führen können, dass der Film einer meiner Highlights des Jahres wird. Aber auch so hat sich der Kinobesuch definitiv gelohnt. Das Ende ist bitter, wie nur das Leben selbst sein kann.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Across the Universe (2007)

Regie: Julie Taymor
Original-Titel: Across the Universe
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Musical, Liebesfilm
IMDB-Link: Across the Universe


Zugegeben, Musicals gehören weder zu meinen präferierten Genres noch zu jenen, in denen ich mich gut auskenne. Aber ein Musicalfilm mit über 30 Beatles-Songs? Count me in! „Across the Universe“ von Julie Taymor erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen Jude (Jim Sturgess), einem Arbeiter mit künstlerischer Ader aus England, der in den USA nach seinem Vater sucht, und Lucy (Evan Rachel Wood), einer amerikanischen Studentin aus gutem Haus, die sich durch ihren Bruder Max (Joe Anderson) kennenlernen. Es sind die 60er-Jahre, die Haare werden länger, die Mienen der Eltern säuerlicher und als Gespenst im Hintergrund spukt der Vietnam-Krieg. Die Sorglosigkeit der jungen Liebenden wird schließlich auch durchbrochen von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen jener Zeit. „Across the Universe“ beginnt etwas zäh, da das zunächst liebliche Setting mit den singenden, hüpfenden Dandys nicht wahnsinnig interessant und originell wirkt. Aber mit Fortdauer der Spieldauer (von immerhin über zwei Stunden) und auch korrelierend zu der zunehmenden Experimentierfreude der Beatles, die sich in ihren späteren Jahren von der grinsenden Gute-Laune-Boyband, die Mädels aller Altersklassen zum Kreischen bringt, zu Free Spirits mit langen Haaren und bunten Hemden gemausert haben, nimmt auch der Film an Fahrt auf und überzeugt im Mittelteil mit einigen sehr schrägen, sehr psychedelischen Sequenzen. Inhaltlich bleibt das alles recht beliebiges Stückwerk, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass sich der Film am Inhalt der Songs entlanghangeln muss – was immer eine schwierige Gratwanderung zwischen Crowd Pleasing und dramaturgischer Spannung bedeutet. Dennoch kann der Film trotz dieser Schwächen bis zum Ende hin fesseln, und die bunten Psychedelic-Ausflüge im Mittelteil (mit einem Bono von U2 als zugedröhntem Rockstar) werden sicher länger in Erinnerung bleiben.


6,5
von 10 Kürbissen

Wuthering Heights – Emily Brontës Sturmhöhe (2011)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: Wuthering Heights
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Wuthering Heights


Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ ist ein Klassiker der britischen Literatur. Wikipedia listet nicht weniger als 19 Verfilmungen des Stoffs auf. Andrea Arnolds Film aus dem Jahr 2011 ist eine der jüngsten Adaptionen. Wieder im 4:3-Bildformat gedreht, bindet sie die berühmte Liebes- und Leidensgeschichte von Heathcliff und Catherine in fast schon stoische Landschaftsaufnahmen ein. Das Moor um Wuthering Heights bildet eine raue Kulisse für diese zarten Gefühle, die man oft nur aus Andeutungen erahnt. Arnolds „Wuthering Heights“ ist ein stiller, meditativer Film, auch das Drama kommt hier auf leisen Sohlen und ohne pompöse Hintergrundmusik daher. Das verlangt den Darstellerinnen und Darstellern (Shannon Beer und Kaya Scodelario als Catherine, Solomon Glave und James Howson als Heathcliff) ein sehr subtiles Spiel ab, das alle vier bravourös meistern. Überhaupt sind die Besetzungen von Heathcliff hervorzuheben. Nicht nur optisch sind sich Glave und Howson sehr ähnlich, sondern auch in Gestik und Mimik, in ihren fragenden Blicken, sodass man tatsächlich vergisst, dass es sich um zwei unterschiedliche Personen handelt, die den jugendlichen und den jungen erwachsenen Heathcliff spielen. Die optische Ähnlichkeit ist bei Beer und Scodelario zwar nicht mehr so gegeben, doch auch die beiden bemühen sich nach Kräften, einen einzigen Charakter aus ihren beiden Persönlichkeiten zu machen. Das einzige Manko, das der Film in meinen Augen hat, ist, dass er zeitweise doch etwas zäh ist, dass die gewollte Subtilität eben auch zu Lasten des Spannungsbogens geht. Um die gesamte Spieldauer von zwei Stunden konzentriert bei der Stange zu bleiben, bedarf es auch der einen oder anderen Willensanstrengung. Trotzdem: Bilder und Darsteller machen aus „Wuthering Heights“ für mich einen sehr sehenswerten Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 65 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)

 


7,5
von 10 Kürbissen

Der Fischer und seine Frau (2005)

Regie: Doris Dörrie
Original-Titel: Der Fischer und seine Frau
Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Liebesfilm, Drama, Fantasy
IMDB-Link: Der Fischer und seine Frau


Bei Christian Ulmen muss ich immer daran denken: „In Ulm, um Ulm, und um Ulm herum“. Woran ich künftig wohl eher nicht denken werden bei der Erwähnung dieses Namens: „Der Fischer und seine Frau“, eine Adaption eines Märchens der Gebrüder Grimm, in Szene gesetzt von Doris Dörrie. Ehrlich, der deutsche Film befand sich in den letzten Jahren spürbar im Aufwind – doch 2005 war davon noch nichts zu merken, jedenfalls nicht bei diesem Film. „Der Fischer und seine Frau“ ist eine deutsche Produktion der alten (schlechten) Schule. Das Schauspiel wirkt hölzern (gut, der Ulmen kann es vielleicht nicht besser, aber Alexandra Maria Lara hat zumindest in späteren Rollen bewiesen, dass sie mehr drauf hat), die Dialoge sind unecht und aufgesetzt, die Story wird holprig erzählt, und ein bisschen absurde Fantasy muss auch noch rein in Form von zwei verzauberten Fischen. Ja eh, die Vorlage ist ein Märchen, aber man kann auch Märchen seriös verfilmen. Dabei würde die Geschichte einiges hergeben: Ambitionierte Sie trifft auf idealistischen Er – sie scheffelt die Kohle, er bleibt zuhause beim Kind, die Beziehung driftet immer mehr auseinander, weil sie einfach Unterschiedliches erwarten vom Leben. Daraus hätte man etwas Feines stricken können, aber leider nimmt der Film sein Thema nicht ernst. Von Logiklöchern so groß wie Koi-Teiche und Unmengen von Kontinuitätsfehlern ganz zu schweigen. So wirkt „Der Fischer und seine Frau“ wie eine lieblose Routine-Arbeit, die man zwischen zwei Projekten mal im Auftrag eines potenten Geldgebers, der im Fernsehen Werbeplätze verkaufen will, runterspult. Und ich fürchte, genau das ist der Film wohl auch.


3,0
von 10 Kürbissen

Alle Anderen (2009)

Regie: Maren Ade
Original-Titel: Alle Anderen
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Alle Anderen


Bevor Maren Ade mit „Toni Erdmann“ international so richtig abgeräumt hat (wobei ich persönlich den Hype um den Film nicht ganz nachvollziehen konnte), legte sie mit „Alle Anderen“ schon eine sehenswerte und sehr konzentrierte Arbeit über das moderne Beziehungsleben vor. Gitti und Chris (Birgit Minichmayr mit ihrer Durchbruchs-Rolle, und Lars Eidinger), ein nach außen hin glückliches Paar, macht Urlaub auf Sardinien. Doch so ein Urlaub kann sich ganz schön hinziehen, und wenn dann auch noch Bekanntschaft auftaucht, der man lieber aus dem Weg gehen möchte, der man aber nicht entkommt, dann kann die angespannte Situation recht schnell mal explodieren – vor allem, wenn man mit der eigenen vermeintlichen Erfolglosigkeit im Gegensatz zum Erfolg des Gegenübers konfrontiert wird. Da tauchen sie auf, die großen Sinnkrisen, und plötzlich merkt man, dass man in vielerlei Hinsicht lange aneinander vorbei geredet hat und den Partner gar nicht so kennt wie man glaubt. Maren Ade braucht für „Alle Anderen“ nicht viel. Nur die reduzierte, entschleunigte Kulisse Sardiniens, zwei gut aufeinander abgestimmte Hauptdarsteller und eben diesen Störfaktor des zweiten Paares, um ein packendes und über die volle Laufzeit intensives Drama zu schaffen. Viel wird in kleinen Gesten oder Blicken erzählt. Die Momente der Entfremdung wie auch jene, in denen man sich wieder vertraut ist. Und das alles setzt sich zu einem Puzzle einer Beziehung zusammen, in vielen Momenten schmerzhaft vertraut und authentisch. „Alle Anderen“ ist kein vergnüglicher Film und keiner, den man wirklich genießen kann, aber er ist interessant, ehrlich und exzellent gespielt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

The Heart (2018)

Regie: Fanni Metelius
Original-Titel: Hjärtat
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Hjärtat


Als mit Anfang Zwanzig die erste ernste Beziehung in die Brüche ging, setzte sich Fanni Metelius hin und schrieb ein Gedicht über diese Beziehung. Einige Jahre später entschloss sie sich, dieses Gedicht zu verfilmen. So erzählte es uns die sympathische Regisseurin beim Q&A zu „The Heart“, ihrem Debütfilm. Sie wollte einen ehrlichen Film machen über echte Probleme, die ihre eigenen Erfahrungen geprägt haben – wie zum Beispiel fehlendes sexuelles Interesse eines Partners. Genau mit diesem Problem (und anderen) schlagen sich Mika und Tesfay herum. Eigentlich sind sie sehr verliebt ineinander, und die bislang so sprunghafte Partymaus Mika (Fanni Metelius selbst, die offenbar mit Regie, Drehbuch und Schnitt noch nicht ausgelastet war, ihre Sache aber überragend macht) entschließt sich, mit Tesfay endlich sesshaft zu werden. Als Zuseher ist man ganz nah dran an diesem Paar, die Momente der Intimität, die gezeigt werden, sind völlig unprätentiös und glaubhaft. Die Küsse, die Blicke (in denen sich oft dieses wundervolle Erstaunen darüber zeigt, den anderen Menschen gefunden zu haben), auch das Zusammensitzen auf der Couch – all das wirkt absolut authentisch. Doch gerade die Couch wird zum Beziehungskiller, denn immer mehr Zeit verbringt der charismatische und eigentlich kreative und lebenslustige Tesfay auf dieser, um Computerspiele zu spielen. Und die Zeit, die dafür draufgeht, Knöpfe auf dem Controller zu drücken, fehlt dann für jene Zeit, die er eigentlich Mikas Knöpfe drücken sollte. Die wird verständlicherweise frustriert und unsicher. Wie lange zusammenbleiben und wie sehr sich bemühen, wenn man trotz aller Liebe unter der Beziehung leidet? Und was kann man noch tun? Leider nimmt sich der Film dafür etwas zu sehr Zeit und wird gegen Ende hin auch ein wenig ermüdend. Dazu kommt, dass zwar die beiden Hauptfiguren Mika und Tesfay sehr glaubhaft dargestellt werden als junge Erwachsene, die feststellen, dass das Leben neben Party und Halligalli auch ernsthafte Seiten hat, die Nebenfiguren aber allesamt sehr klischeehaft ausfallen. Auch ist der Fokus mit Blick auf die Zweierbeziehung einerseits und das ungezwungene Partyleben andererseits sehr eng gefasst. Weitere Aspekte des Lebens und des Alltags werden einfach ausgeklammert. Mir selbst war das ein wenig zu eindimensional. Dennoch ist „The Heart“ ein sehenswerter Liebesfilm, in dem sich viele der jüngeren Zuseher wohl auch selbst wiederfinden werden.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Ederlezi Rising (2018)

Regie: Lazar Bodroža
Original-Titel: Ederlezi Rising
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Erotik, Liebesfilm
IMDB-Link: Ederlezi Rising


Science Fiction und ich. Das funktioniert. Blade Runner. Her. Ex Machina. 2001 – A Space Odyssee. Alles wunderbare Filme, die ich sehr liebe. Eigentlich sollte also ein serbisches Mashup dieser Filme, das trotz des geringen Budget große Ambitionen aufweist und sich kräftig in diese Richtungen verbeugt, ganz nach meinem Gusto sein. Es bleibt leider beim Konjunktiv. Denn Lazar Bodrožas Sci-Fi-Fiebertraum krankt nicht nur an der Umsetzung wie beispielsweise einem sehr hölzernen Schauspiel und dem Budget geschuldeten Weltraumpixeleien, sondern vor allem am Inhalt. Dabei wäre die Synopsis gar vielversprechend gewesen: Einsamer Astronaut auf einer Mission wird von einem weiblichen Cyborg begleitet, und allmählich entwickeln sich zwischen dem Mensch und dem künstlichen Wesen echte Gefühle. Dass der gut aussehende Cyborg (Pornodarstellerin Stoya in ihrem ersten Nicht-Porno, wobei: das ist Ansichtssache, dazu komme ich gleich noch mal) zunächst mal frei programmierbar ist – von unterwürfig bis aufmüpfig je nach Stimmungslage des grummelig-graumelierten Grenzgängers – ist wohl ein feuchter Bubentraum, mit dessen Verwirklichung sich der Regisseur selbst beschenkt hat. In weiterer Folge dreht der fadisierte Don Juan aber die Sicherheitsregler nach unten, weil irgendwie ist so eine überraschungsfreie Beziehung auf Knopfdruck doch nicht das Wahre. Und damit beginnen die Probleme erst. Lass der Frau ihren Willen, und du bist im Arsch. Das könnte eine Message des Regisseurs sein, so könnte man seinen Film auslegen. Und damit sind wir beim inhaltlichen Problem Nummer 1. Ein besonders ausgewogenes Geschlechterbild zeichnet der Film nicht – im Gegenteil. Problem Nummer 2: Der Regisseur dachte sich wohl: „Hurra, wir haben einen Pornostar am Set, das nutzen wir doch gleich mal aus!“ Ja, okay, Cyborgs ist auch im Weltall nicht kalt, das kann ich ja verstehen, aber muss die Dame trotzdem fast die ganze Zeit über nackig herumlaufen, auch wenn sie noch so gut aussieht? Für die Story ist es nämlich wurscht. So entsteht der Eindruck, als hätten die Macher einfach die Gunst der Stunde genutzt, dass ihre Hauptdarstellerin ohnehin textilfreies Werken gewöhnt ist. Natürlich kann man das Ganze auch völlig konträr sehen – vielleicht ist „Elderlezi Rising“ ein feministisches Meisterwerk und ein satirischer Kommentar auf männlichen Macho-Kult. Vielleicht. Ich weiß es halt nicht. Und damit hat der Film – bei mir jedenfalls – seine Intention verfehlt, wenn sie denn so gedacht war, und nur der unangenehme Nachgeschmack bleibt zurück. Schade drum.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 23 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

November (2017)

Regie: Rainer Sarnet
Original-Titel: November
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: November


Der estnische Film „November“ eröffnete das LET’S CEE Film Festival 2018. Und so vielfältig wie die zentral- und osteuropäischen Filme eben so sind, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, so viele Ebenen und Schichten hat auch „November“ selbst, der sich einer klaren Genre-Zuordnung verweigert. Am ehesten könnte man den Film als groteskes Märchen bezeichnen. Hier geben sich fröhlich Hexen, Geister, Formwandler,  die personifizierte Pest, mythische estnische Wesen, die aus Haushaltsgegenständen gebaut werden (sogenannte Kratts) sowie Luzifer persönlich ein Stelldichein. Vorrangig geht es in dieser Geschichte um die junge Liina, die in Hans verliebt ist, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, da er sich in die schöne Gräfin verschaut hat, die wiederum im Stand meilenweit über dem Rest der Dorfbewohner steht (und manchmal auch im wortwörtlichen Sinne über ihnen, da sie die Angewohnheit hat, auf dem Dach des Gutshofes schlafzuwandeln). Soweit, so klassisch. Allerdings folgt der Film nur selten konventionellen Märchenpfaden. Immer wieder driften die Situationen ins Absurde ab, selten macht etwas wirklich Sinn, und eine klassische Storyentwicklung sucht man die meiste Zeit über auch vergeblich. Das alles klingt jetzt erst einmal nicht so erbaulich. Jetzt kommt mein großes „Aber“. Aber: Der Film ist trotz aller Rätselhaftigkeit (oder vielleicht auch gerade deswegen) unglaublich interessant und spektakulär anzusehen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder – die Schattenspiele im Wald, der Nebel, der den verlassen wirkenden Gutshof umhüllt – sind atemberaubend schön. Und der Inhalt selbst, diese Verbindung von estnischer Folklore und Märchen, verschließt sich vielleicht gängigen Interpretationsmustern, wirkt aber nie inkohärent oder chaotisch. Im Gegenteil: Man folgt einer Geschichte, die nach einem ganz klar umrissenen Plan abläuft, den man nicht versteht. Dennoch fühlt man sich als Zuseher gut durch die Geschichte geleitet. Man möchte nicht allein sein im finsteren Wald, wenn Luzifer herbeigerufen wird, aber in den Händen des Regisseurs geht man auch dieses Abenteuer gerne mit. Heißt es nicht am Ende immer: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage …“? Wie so ziemlich alles in diesem Film kommt man mit gängiger Logik allerdings nicht allzu weit. Das muss man natürlich erst einmal mögen – aber falls man sich auf solche cineastischen Wagnisse einlassen und alle Erwartungshaltungen und Schablonen mal beiseite lassen kann und den Film stattdessen als sinnliches Erlebnis wahrnimmt, bietet „November“ eine Erfahrung, die man nicht missen möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 10 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Serena (2014)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Serena
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Serena


„Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“ George Pemberton (Bradley Cooper) hätte wohl seinen Schiller lesen sollen, ehe er Serena Shaw (Jennifer Lawrence) beim ersten Kennenlernen einen Heiratsantrag macht. Aber weil sie ja so hübsche Reh-Äuglein hat und auf Holz steht (George hat sein eigenes Holzfäller-Unternehmen), wird ganz einfach geheiratet und gefühlt zwei Minuten, nachdem der Filmtitel über den Bildschirm geflimmert ist, richten sich es die beiden schon als frisch angetrautes Ehepaar im Wald von North Carolina ein. Das dürfte einen Rekord bedeuten. Aber nach und nach stellt man gegenseitig fest, dass unüberlegte Entscheidungen zwar zu ganz witzigen Ergebnissen führen können, aber wenn man sein ganzes Leben danach ausrichtet, wäre ein bisschen Köpfchen davor ratsam gewesen. Vielleicht hätte sich George dann überlegen können, dass er sich besser um seinen unehelichen Sohn kümmern sollte, den er seiner Mitarbeiterin angedreht hat. Und Serena wiederum hätte zunächst einmal in ein paar Psychotherapiestunden den Feuertod ihrer ganzen Familie und den ungesunden Umgang mit Eifersucht aufarbeiten sollen. Und beide gemeinsam hätten erst einmal durchdenken können, ob die Aussicht auf die Abholzung des brasilianischen Regenwalds tatsächlich so verlockend ist, dass man dafür krumme Dinger dreht und es sich mit den besten Mitarbeitern, Freunden und Teilhabern verscherzt. Hätte hätte Fahrradkette. Jedenfalls haben die beiden nun einen ganzen Blumenstrauß von Problemen, mit der sie ihre frische Ehe dekorieren können. Mit ihren Mitarbeitern, mit dem Gesetz und miteinander. Ansonsten wäre es ja auch recht fad in den Smoky Mountains. Wenn man dort nicht gerade zufällig auf eine Klapperschlange latscht, erlebt man keine Abenteuer, die man nicht selbst mitgebracht hat. Leider wird aber die an sich nicht uninteressante Geschichte unterlaufen durch ihre sehr inkohärenten Hauptfiguren, die zudem von Minute zu Minute unsympathischer werden. Cooper und Lawrence bemühen sich nach Kräften, aber manchmal ist das Drehbuch einfach chaotisch und klischeebeladen, und dagegen kommen auch eine Oscar-Preisträgerin und ein mehrfach Oscar-Nominierter nicht an. (Wobei wir, liebe Academy, über die Nominierung Coopers für „American Sniper“ eh noch mal reden müssen.) Die Liebesgeschichte bleibt eine in ästhetische Bilder verpackte Behauptung, die Wendung zum Krimi hin ist nur kurz konsequent, bleibt aber prinzipiell folgenlos, und die Thriller-Elemente sind einfach nur simpel und können nicht mitreißen. Wir brauchen noch einen Bösewicht? Nehmen wir doch einfach den finster blickenden, schweigsamen Holzfäller. Nicht, dass der irgendeine Motivation für sein Handeln hätte, aber sein Bart wirkt so grimmig. Fazit: Ein schön gefilmtes Nichts. Eh irgendwie ganz nett anzusehen, aber fragt mich in ein paar Monaten noch mal, worum es geht in diesem Film. Heißt: Nein, fragt mich lieber nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Schatten im Paradies (1986)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Varjoja Paratiisissa
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Varjoja Paratiisissa


„Schatten im Paradies“ ist ein Film wie Janne Ahonen. Für all jene, die nicht so wintersportbewandert sind: Janne Ahonen ist für mich der finnischste Finne aller Zeiten. Quod erat demonstrandum. Es geht um den Müllwagenfahrer Nikander (Matti Pellonpää), der einen neuen Freund und Kollegen findet (Sakari Kuosmanen) und sich in die Supermarktkassiererin Ilona (Kati Outinen) verschaut. Diese hat ein kleines Problem: Als sie gefeuert wird, stiehlt sie aus Frust und Rachegelüsten die unbewachte Kasse. Gemeinsam mit Nikander, mit dem sie einmal ein schief gelaufenes Date hatte, aber der halt nun eben da ist, macht sie sich auf den Weg, und tatsächlich kann ihr Nikander aus der Patsche helfen. Auftakt zu einer fragilen Beziehung, denn der stoische Schüchterne ist nicht unbedingt 1A-Beziehungsmaterial. Der Humor des Films liegt in seiner unglaublichen Lakonie. Der Witz ist subtil und staubtrocken. Beispielhaft dieser Dialog, als ein Kollege von Nikander, der sich mit einem eigenen Mülldienst selbstständig machen möchte, diesem den Werbeslogan vorstellt (man beachte das Erscheinungsjahr des Films): „Verlässliche Müllbeseitigung seit 1986!“ – „Aber das ist jetzt.“ – „Genau. Es erregt Aufmerksamkeit.“ – „Das ist sehr schlau.“ Entweder man kringelt sich da kichernd in den Kinosessel ein, oder man stellt in Momenten wie diesen fest, dass Kaurismäki nichts für einen ist. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Was ich an diesem Film so wunderbar fand, ist der liebevolle Blick von Kaurismäki auf seine Figuren. Sie sind Außenseiter, sie haben Marotten, bei denen man sich durchaus auch einmal fremdschämt, sie wissen nicht so recht, wie sie umgehen sollen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen, die sich oft als blankes Entsetzen in ihren Blicken spiegeln, aber Kaurismäki nutzt sie nicht aus, er gibt sie nie der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil, er solidarisiert sich mit ihnen, setzt ihnen ein Denkmal. Am Ende sind diese alltäglichen, überforderten Figuren auf ihre Weise Helden, und man möchte aufspringen, um ihnen zu applaudieren. „Aber wie können wir allein von deinem Einkommen leben?“ (Ohne die Miene zu verziehen:) „Small Potatoes.“ Mehr braucht es nicht.

 


8,5
von 10 Kürbissen