Liebesfilm

La Pointe Courte (1955)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: La Pointe Courte
Erscheinungsjahr: 1955
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: La Pointe Courte


Agnès Vardas Debütfilm aus dem Jahr 1955 zerfällt eigentlich in drei Filme: Der eine zeigt eine naturalistische Beschreibung der Menschen in einem armen Fischerdorf. Der zweite ist eine eher mühsame Liebesgeschichte nach Art der Nouvelle Vague – also: Menschen laufen durch die Landschaft und sind furchtbar geschwätzig. Der dritte Film ist im Grunde die Vorwegnahme von Youtube-Katzenvideos. Agnès Varda mag Katzen. Das ist definitiv ein Pluspunkt für sie. Ansonsten bin ich recht unschlüssig, was ich von dem Film halten soll. Unbedarft sei sie an den Film herangegangen, unerfahren und ohne zu wissen, was ein Film wirklich sei, so Varda. Das ist natürlich durchaus spannend zu sehen, und genau diese Unerfahrenheit sorgt auch für viele schöne Momente. Immer dann, wenn die Kamera durch das Fischerdorf streift und die Menschen zeigt, ob nun beim (illegalen) Fischen oder bei einem Lanzenturnier mit Ruderbooten, ist man als Zuseher mitten drin im Leben. Doch wenn dann das Paar ins Spiel kommt, um das sich eigentlich alles dreht – der Mann, der in seine alte Heimat zurückgekehrt ist und seine Frau, die dort noch niemand kennengelernt hat, und die ihm nachgereist ist, um Schluss mit ihm zu machen, was sie nach vielen langen Gesprächen am Strand wieder revidiert – wenn die beiden also im Mittelpunkt stehen, deren Gespräche und Verhandlungen bewusst artifiziell konstruiert werden und damit das genaue Gegenteil der naturalistischen Darstellung des Dorfs und seiner Bewohner ausdrückt, dann wird es etwas mühsam – so wie dieser Satz, der einfach kein Ende finden will, der noch einen Gedanken und noch einen anhängt, und der ebenfalls artifiziell konstruiert ist, denn ehrlich: So spricht oder schreibt kein Mensch. Dann doch lieber mehr Fischer und Katzen. Aber insgesamt doch sehenswert und eine Vorwegnahme der Nouvelle Vague. Wenn man mit dieser Strömung also etwas anfangen kann, ist „La Pointe Courte“ wohl ein Pflichtfilm.


6,0
von 10 Kürbissen

Our Time (2018)

Regie: Carlos Reygadas
Original-Titel: Nuestro Tiempo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nuestro Tiempo


Wenn Intellektuelle Gefühle auf einer rationalen Ebene sachlich diskutieren wollen „wie vernünftige Menschen“, kommt meist ein ordentlicher Quargel raus. So geht es auch dem Ehepaar Juan und Ester, gespielt von Regisseur und Drehbuchautor Carlos Reygadas himself und seiner Angetrauten Natalia López. Juan und Ester leben auf einer Farm außerhalb von Mexico City und betreiben dort eine Bullenzucht. Sie haben zwei Kinder, sind glücklich miteinander, Juan ist zudem ein gefeierter Dichter, und Ester vielleicht ein bisschen gelangweilt, weshalb sie sich auf ein Techtelmechtel mit dem US-Amerikaner Phil einlässt. Das findet Juan bald heraus. Und an sich steht er ja über so etwas drüber als Intellektueller. Wenn sich seine Frau austoben will, warum nicht? Offene Beziehungen sind ja en vogue. Aber dass sie ihm diese außerehelichen Aktivitäten verschweigen wollte, das nagt schon sehr an ihm. Und fördert eine Selbstgerechtigkeit zutage, die für die Harmonie einer Beziehung nicht unbedingt förderlich ist. Während das Paar langsam auseinander driftet, greift er zu drastischeren Mitteln, um seine Ehe zu retten – bis hin zur völligen Selbsterniedrigung. „Nuestro Tiempo“ ist ein Film, der auf gespaltene Kritiken stößt und wohl auch nicht nach jedermanns Geschmack ist. Denn das intime Beziehungsdrama nimmt sich drei Stunden lang Zeit. Zudem machen die arrogant geführten Dialoge aus dem anfangs so sympathisch wirkenden Juan mit der Zeit einen echten Unsympathler, dessen Handlungen und Worte man einfach nicht mehr nachvollziehen kann. Doch genau darin zieht meiner Meinung nach der Film seinen Sog. Eingebettet in archaische Landschaftsaufnahmen (was bitte ist männlicher als auf Pferden wild jauchzend Bullen nachzugaloppieren?) werden verletzter Stolz, Ängste und Verzweiflung sichtbar gemacht, die allesamt unter einer Maske intellektueller Überheblichkeit versteckt sind. Bezeichnend die Schlüsselszene, als Juan am Sterbebett eines guten Freundes hemmungslos zu weinen beginnt – und zwar nicht wegen des Freundes, sondern aufgrund der eigenen, als verzweifelt empfundenen Lage. Auch die Symbolik des Films ist interessant: Die Stiere, die ihre Revierkämpfe nur mit allergrößter Brutalität austragen können, stehen stellvertretend für Juan, der ebenfalls am Kämpfen ist, aber mit unbrauchbaren Mitteln. Wenn in der letzten Szene ein Stier von einem anderen einen Abgrund hinunter gestoßen wird und im Staub liegt, ist das ein drastisches, aber bezeichnendes Abschlussbild für einen bild- und wortgewaltigen Film, den man wohl so schnell nicht vergisst – ob im Positiven oder im Negativen. Ich selbst fand ihn anstrengend, aber großartig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Zerschlag mein Herz (2018)

Regie: Alexandra Makarová
Original-Titel: Zerschlag mein Herz
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Zerschlag mein Herz


Endlich mal wieder was Erbauliches im Kino. Leichte Kost, bevor auf der Viennale in zwei Wochen wieder die schwer verdaulichen Filme präsentiert werden. „Zerschlag mein Herz“ (nicht vom Titel täuschen lassen!) ist eine bittersüße, federleichte Liebesgeschichte zwischen zwei jugendlichen Romas, die in Wien leben. Natürlich: Das Leben ist nicht leicht. Man muss betteln und das erbettelte Geld dem Onkel abgeben, der als Familienoberhaupt die bunte Truppe zusammenhält. Aber zwischendurch wird gesungen und getanzt, und man geht schwimmen an den Fluss. Fast, als hätte sich Bollywood nach Wien verirrt. Pepe, einer der beiden Lovebirds, bringt seiner Marcela das Fahrradfahren bei. Junges Glück, wie sehr wünscht man sich, an der Stelle der beiden Turteltäubchen zu sein. Na gut, ab und zu verpasst einem der finstere, die mehrere Zeit über besoffene Onkel, der seine Damen gerne mal zur Prostitution oder unter Gewaltandrohung zu einer Hochzeit zwingt, die eine oder andere gebrochene Rippe, und beim Baden ersäuft der Jüngste – aber sonst ist alles happypeppy! Es macht auch fast gar nichts aus, dass dieser schlagkräftige Kleinkriminelle selbst ein Auge auf Marcela geworfen hat. Und es ist auch kaum der Rede wert, dass Pepe ihm heillos ausgeliefert ist, weil sonst der nette Onkel Pepes minderjährige Schwestern in Wien antanzen lässt, um sie auf den Strich zu schicken. Hach, Banalitäten, die das junge Glück kaum trüben können. Oder so. „Zerschlag mein Herz“ ist brutal wie ein Autobusunfall. Österreichisches Feelbad-Kino per definitionem. Leider dreht der Film dabei ein bisschen zu sehr auf und kleistert die ohnehin schon dramatische, tragische Geschichte mit Klischees und trauriger Musik zu. Wenn es die Mission war, einen ganzen Kinosaal depressiv nach dem nächsten Laternenmast suchen zu lassen: Mission accomplished. Insofern eigentlich eh gut gemacht, aber eben ein bisschen too much. Ja, wir Österreicher wissen, dass das Leben scheiße ist – das steckt uns in den Genen. Und darauf kann man uns auch subtiler hinweisen.


5,5
von 10 Kürbissen

A Star is Born (2018)

Regie: Bradley Cooper
Original-Titel: A Star is Born
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm, Musikfilm
IMDB-Link: A Star is Born


Mit keinem anderen Film habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit so schwer getan wie mit Bradley Coopers Regiedebüt „A Star is Born“, in dem er selbst einen alkoholkranken Musiker spielt, der mit Lady Gaga das nächste große Talent und die große Liebe entdeckt. Denn: Der Film macht so vieles richtig bis grandios. Bradley Cooper ist in seiner Rolle überzeugend wie selten zuvor. Sein physisches Spiel macht seinen von Dämonen getriebenen Charakter auf eine unheimlich nachvollziehbare Weise sichtbar, ohne aber die Gründe dafür jemals allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Lady Gaga als Schauspielerin (ohne Tonnen von Schminke) ist eine Offenbarung. Sie ist verletzlich und anmutig und schüchtern und stark und begehrenswert. Eine ganz starke Vorstellung, die Lust auf mehr macht. Ich bin kein großer Fan von ihrer Musik, auch wenn ich ihr musikalisches Talent durchaus schätze. Aber hier könnte sich eine leidenschaftliche Gefolgschaft in Sachen Schauspiel entwickeln. Zudem kann „A Star is Born“ immer wieder mit sehr starken Szenen aufwarten, die authentisch und echt wirken. Die Konzertszenen beispielsweise sind großartig inszeniert, der Bass wummert, die Energie aus dem Publikum greift auf das Kinopublikum über – hier macht Bradley Cooper fast alles richtig. Allerdings gibt es gleichzeitig eine Story zu beklagen, die unverdrossen und unbelehrbar von Klischee zu Klischee springt. Hier gibt es auf über zwei Stunden wahrlich nichts Neues zu entdecken. Und das nervt auf die Dauer. Denn auch wenn die Klischees wirklich auf eine großartige Weise mit viel Feingefühl für Dramaturgie und Authentizität in Szene gesetzt sind – es bleiben eben doch Klischees, die mit der Zeit nerven, weil man sie schon hunderte Mal erzählt bekommen hat. Und so bleibt am Ende Respekt vor Bradley Cooper, der diese Doppelfunktion als Regisseur und Hauptrolle bravourös stemmt, ein kleiner Crush auf Lady Gaga und das Bedauern, dass die vielen guten Einzelteile, die der Film zu bieten hat, von diesen Klischees überlagert werden – denn dieser Film hätte das Potential zum Meisterwerk gehabt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 49 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Körper und Seele (2017)

Regie: Ildikó Enyedi
Original-Titel: Testről és lélekről
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Testről és lélekről


Der introvertierte Finanzdirektor eines Schlachthofs träumt jede Nacht davon, ein Hirsch zu sein und mit seiner Gefährtin durch den Wald zu streifen. Das allein würde schon ausreichen, dass sich Sigi Freud die Hände reibt. Richtig interessant wird es allerdings, als zufällig herauskommt, dass die neu angestellte Qualitätskontrolleurin, die ebenfalls sehr introvertierte (und wie sich später zeigen wird: autistische) Mária jede Nacht den gleichen Traum träumt – aus der Hirschkuhperspektive. Und so bröckeln allmählich Schutzmauern, man nähert sich vorsichtig – wie eben zwei Hirsche im Wald – einander an. „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi, der 2017 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, ist ein stiller und ungewöhnlicher Liebesfilm. Das Thema ist der Einklang zwischen Körper und Seele bzw. das Fehlen dessen. Beide Protagonisten leben in ihrer eigenen Welt, die keine wirkliche Nähe zulässt. Endre, der versehrte Finanzdirektor, hat schon lange Beziehungen und der Liebe abgeschworen und nähert sich Frauen nur noch auf einer rein körperlichen Ebene an. Mária ist schlicht überfordert mit zwischenmenschlichen Interaktionen und dem Interpretieren von Zeichen und Gesten. Berührungen machen ihr Angst. Es erscheint logisch, dass sich die beiden nur auf der Ebene des Traums annähern können – und der Film reizt dieses Gedankenspiel auf eine sehr poetische Weise aus. Immer wieder blitzt auch eine sehr dunkle Komik durch. Außerdem ist wirklich alles fragil in diesem Film. Jede Bewegung, jedes Wort kann falsch sein und alles zum Einstürzen bringen. So gesehen sind nicht nur die Protagonisten introvertiert, sondern der ganze Film ist es. Wie gesagt, ein poetisches Werk, das getragen wird von wunderschönen Bildern dank der herausragenden Kamera von Máté Herbai und den beiden Hauptdarstellern, denen in punkto Verletzlichkeit alles abverlangt wird. Umso eindrucksvoller, dass Endre vom Laiendarsteller Géza Morcsányi verkörpert wird, der seiner versierten Berufskollegin Alexandra Borbély um nichts nachsteht. Ein sehr schöner, sehr berührender Film.

 

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 25 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Sehnsucht (2006)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Sehnsucht
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Sehnsucht


Markus und Ella führen ein beschauliches, glückliches Leben am Brandenburger Land. Am Wochenende kommen Ellas Freundinnen zum Kuchen vorbei, Markus, der als Schlossermeister seine eigene Werkstätte hat, ist ein geschätztes, wenngleich auch ruhiges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Doch etwas ändert sich in der Dynamik (oder auch im Fehlen derselben) der Beziehung, als Markus eines Tages zu einem Verkehrsunfall hinzukommt. Es sind kleine Nuancen, die man als Zuseher auch nur erahnen kann, denn Valeska Grisebachs Film setzt mit dem Unfall ein. Und doch gibt es Momente, in denen man der vertrauten Beziehung des Ehepaars nicht so recht trauen kann. Wie groß sind die Worte, wenn Ella ihren Markus an den Händen fasst und ihm sagt, dass sie so große Sehnsucht nach ihm habe? Wie schal daraufhin seine Reaktion? Man spielt nach den Regeln, man bemüht sich, man liebt sich und will sich das zeigen, aber die Tonalität scheint nie so ganz stimmig zu sein. Als Markus auf einem Lehrgang seiner Feuerwehreinheit auf die Kellnerin Rose stößt, passiert das Undenkbare: Der ruhige, so bemühte und sympathische Schlosser findet sich morgens in ihrem Bett wieder. Und nun liebt er zwei Frauen: Ella und Rose. Mit beiden scheint er es ernst zu meinen, er ist hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Ausprägungen derselben Liebe. Und so nimmt das stille Drama, das sich nur im Kleinen zeigt, seinen Lauf. Valeska Grisebach ist mir schon mit ihren Filmen Western und ihrem Debütfilm Mein Stern positiv aufgefallen. Wie niemand sonst gelingt es ihr, die Grenzen der Sprache und die hilflose Sprachlosigkeit ihrer Protagonisten aufzuzeigen – ein durchgängiges Thema in ihrem Werk. Man merkt ihren Figuren den guten Willen an, doch oft können sie sich nicht so verständlich machen, wie sie das gerne würden. Eindrücklich zeigt sich das in Markus‘ Schweigen. Er redet nicht viel, denn er weiß nicht, wie er das, was ihn beschäftigt, ausdrücken soll. Er handelt aber auch nicht zielgerichtet, denn er versteht sich ja nicht einmal selbst. So laufen die Dinge eben so, wie sie laufen – mit allen Konsequenzen. Dass am Ende eine Gruppe von Kindern zusammensitzt, um die Geschichte fertig zu erzählen, ist ein schönes und schlüssiges Bild. Denn die Kinder reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – unbekümmert und frei von Konventionen und sozialen Regeln, die unsere Kommunikation so oft hemmen.


7,5
von 10 Kürbissen

303 (2018)

Regie: Hans Weingartner
Original-Titel: 303
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Liebesfilm, Roadmovie
IMDB-Link: 303


Jule ist 24, hat gerade eine Prüfung versemmelt und ist ungeplant schwanger, was noch kaum jemand weiß, vor allem nicht ihr Freund in Portugal. Jan ist ebenfalls 24, wurde gerade für ein Stipendium abgelehnt und möchte seinen leiblichen Vater in Spanien kennenlernen. Der Zufall führt die beiden zusammen, als Jule den Anhalter Jan mitnimmt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten stellen die beiden fest, dass sie sich trotz sehr gegensätzlicher Ansichten doch recht sympathisch sind und die Gesellschaft des jeweils Anderen genießen können. Und so wird aus einer kurzen Strecke die ganze Fahrt quer durch Europa auf die iberische Halbinsel. Und am Ende der Reise stellen sie fest, dass sie sich ineinander verliebt haben. Das ist „303“ von Hans Weingartner, und mehr an Inhalt ist hier tatsächlich nicht zu erzählen. Aber die Story ist nebensächlich. Viel mehr transportiert der Film ein Lebensgefühl, eine Stimmung, wie es sich anfühlt, Mitte 20 zu sein und sich zu verlieben. Die grenzenlose Freiheit wird zwar schon eingeengt durch die ersten Erschwernisse, die das Leben eben so mit sich bringt, aber man macht dennoch das Beste daraus. Das Kluge an dem Film ist, dass er keine kitschige Romanze abspult, sondern den beiden Protagonisten ein ehrliches Bemühen zugesteht, sich eben nicht ineinander zu verlieben. Jule hat einen Freund und ist, wie gesagt, schwanger. Jan hat persönliche Probleme, die er erst aufarbeiten möchten. Und in vielen Diskussionspunkten sind sie sehr unterschiedlicher Ansicht – was den Kapitalismus betrifft, die Liebe, den Sex. Aber setze zwei junge, sich sehr sympathische Menschen ein bis zwei Wochen lang in ein Wohnmobil und schaue, was passiert. Nämlich das, wovon „303“ erzählt. Man muss schon viel Sitzfleisch aufbringen, denn der Film nimmt sich mit 2,5 Stunden wirklich Zeit für seine Geschichte. Und man muss sich darauf einstellen, dass so gut wie nichts passiert, außer dass sich die Landschaft allmählich ändert. Das Herzstück des Films sind die Diskussionen und Gespräche der beiden Figuren und wie sie sich dadurch Schritt für Schritt aneinander annähern. Ein wunderschönes Roadmovie, bei dem die Zeit still steht. Und selten habe ich eine so gute Chemie zweier Darsteller gesehen wie in diesem Film. Mala Emde und Anton Spieker sind fantastisch zusammen. Ein Film, der die Seele streichelt.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

The Darkest Minds – Die Überlebenden (2018)

Regie: Jennifer Yuh Nelson
Original-Titel: The Darkest Minds
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: The Darkest Minds


Irgendwie blöd für die Welt, wenn plötzlich 90% der Kinder von einer seltsamen Epidemie hinweggerafft werden und die restlichen 10% ungute Fähigkeiten entwickeln, die den Erwachsenen höchst suspekt sind (wie beispielsweise Intelligenz – wie man an den letzten Wahlergebnissen weltweit sieht, wohl der schlimmste Feind der Menschheit). Ruby (Amandla Stenberg) ist eines von den übrigen Kindern. Und ihre Fähigkeit ist besonders gefürchtet – sie kann nämlich in die Köpfe der Menschen schauen und Gedanken manipulieren. Versehentlich löscht sie sich aus den Erinnerungen ihrer Eltern und wird von denen prompt den Behörden übergeben, die alle Kinder mit speziellen Fähigkeiten in eine Art KZ einsperren. So weit, so dystopisch. Aber weil wir hier im beliebten Genre der Jugend-Dystopie sind, muss man um die Protagonistin nicht groß fürchten, die auch wieder frei kommt dank der Hilfe einer Ärztin (Mandy Moore, sichtlich erwachsen geworden), als wäre das Ganze nur ein etwas nerviges Sommercamp gewesen. Auf der Flucht schließt sie sich drei weiteren Jugendlichen an, die auf der Suche nach einem sagenumwobenen Camp der Kinder sind. Und damit nimmt die Geschichte ihren routinierten Lauf. Gleich vorweg: Ich kenne die Buchvorlage zu „The Darkest Minds“ nicht und kann daher keinerlei Angaben zur Werktreue geben. Aber ein Meilenstein an Innovation und Originalität dürfte auch die Vorlage nicht gewesen sein. Denn so gut die Ausgangsidee auch ist, erst mal alle Kinder aus dem Leben rauszufegen und die wenigen Überlebenden zu kasernieren, in weiterer Folge ist genau das relativ bedeutungslos für den Fortgang der Geschichte, die sich lieber in einer platten Romanze zweier Darsteller/innen verzettelt, die keinerlei Chemie miteinander aufweisen, und dem üblichen Wir-gegen-die-Bösen-Schmarren, wobei die Ziele aller Beteiligten höchst diffus bleiben. Ein paar nette Momente hat der Film, und Stenberg als tragende Figur macht ihre Sache gut. Aber trotzdem ist alles so banal und vorhersehbar und unoriginell, dass das Ding einfach keinen Spaß macht. Ob es trotz des offenen Endes Fortsetzungen geben wird? Wenn ja, werde ich mir sie wohl nicht ansehen.


4,0
von 10 Kürbissen

You Will Know What to Do With Me (2015)

Regie: Katina Medina Mora
Original-Titel: Sabrás Qué Hacer Conmigo
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Sabrás Qué Hacer Conmigo


Was ich an Netflix schätze: Man findet hier auch Filme, von deren Existenz man sonst niemals erfahren hätte. So bin ich auf den Film „You Will Know What to Do With Me“ von Katina Medina Mora gestoßen, die Verfilmung eines in Mexiko erfolgreichen Romans gestoßen. Die Geschichte ist sehr simpel: Mann trifft Frau, sie beginnen eine Beziehung. That’s it. Manchmal kann das Leben wirklich einfach sein. Aber natürlich ist schon mehr dahinter. Denn der Mann ist Epileptiker, was ihm durchaus psychisch an die Nieren geht – und das ist wiederum nicht unbedingt förderlich für eine beginnende Beziehung. Und die Frau ist verschlossen und emotional durcheinander, da ihre Mutter immer wieder mit Selbstmordversuchen ihre Aufmerksamkeit beansprucht, ohne dass da jemals so etwas wie Dankbarkeit und Wärme zurück käme. Im Laufe des Films beginnt man die Hintergründe zu verstehen, so wie sich die beiden auch besser kennenlernen und einander zu vertrauen beginnen. Schön ist die Struktur des Films. Zunächst wird aus seiner Perspektive das Kennenlernen und die erste Annäherung erzählt, dann die ganze Geschichte noch mal aus ihrer – und hier gibt es kleine, subtile Abweichungen zusätzlich zu dem besseren Hintergrundverständnis, das sich beim Zuseher aufbaut. Die Abweichungen verstehe ich als unterschiedliche Wahrnehmungen oder Erinnerungen. Ich sehe hier ein altes Paar vor mir, das bei einem Abendessen mit Freunden die Geschichte erzählt, wie sie sich kennengelernt haben – und wie sie sich dabei ständig unterbrechen, um winzige Details, die der jeweils Andere aus ihrer Sicht falsch memoriert hat, liebevoll zu korrigieren. Das dritte Kapitel des Films schließlich erzählt die nun gemeinsame Geschichte weiter. Das Tempo ist sehr langsam – es ist ein Film, der eine Alltagsgeschichte erzählt und dabei die kleinen und großen Dramen nicht cineastisch aufbauscht. Vielleicht muss man in der richtigen Stimmung für diese Art von Film sein, um ihn genießen zu können, und vielleicht ist es auch keiner, der ewig lang nachwirkt, aber für 1,5 Stunden hat man hier einen unspektakulären, aber ungeschönten und ehrlichen Blick auf den Beginn einer Beziehung. Lediglich das Ende hat mich etwas unentschlossen darüber, ob ich es nun mag oder nicht, zurückgelassen.


6,5
von 10 Kürbissen

Jonas (2015)

Regie: Lô Politi
Original-Titel: Jonas
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi
IMDB-Link: Jonas


Das kann ja mal passieren: Da erschießt man versehentlich den Lover der Angebeteten, der zufälligerweise noch der große Drogenboss in da Hood ist, betäubt und entführt daraufhin das Mädel und sperrt es in den Bauch eines großen Wals, der bei der Karnevalsprozession durch die Straßen gezogen werden soll. Business as usual halt. Dementsprechend souverän geht der junge Jonas mit der Situation auch um – inklusive Gaskocher und Installation einer provisorischen Dusche im Walbauch. Und da wir uns in der magischen Welt der Filme befinden, entflammt so einiges hier in diesem brasilianischen Liebesdrama, inklusive des Herzens der Angebeteten, Branca. Um die kleineren und größeren Schwierigkeiten zwischendurch zu meistern, wie etwa die lästige Drogenbande, die auf der Suche nach ihrem Chef ist, oder die Tatsache, dass landesweit nach dem Mädchen gefahndet wird, hat Jonas noch seinen jüngeren Halbbruder, der loyal jeden Scheiß mitmacht. Ich muss zugeben, dass diese Version von Jonas im Bauch des Wals inhaltlich durchaus reizvoll ist, und das Setting mit dem gefesselten Mädchen, das ausgerechnet aus Liebe entführt wurde, ohne es zu wissen, eine sinnliche Komponente hat, die mir gefällt. Auch die Kulisse selbst, das karge Innere des Wal-Modells, vermag zu überzeugen. Allerdings wird bei diesem gut gemeinten, von Machart und Inhalt her typischen Festival-Film, der mittlerweile auf Netflix gelandet ist, auf eines leider vergessen: die Motivation der Figuren. Die Handlungen dieser sind nicht wirklich nachvollziehbar, und mehr als einmal tauchte bei mir als Zuseher ein großes Warum auf der Stirn auf. Auch das Ende ist unbefriedigend – spektakulär zwar, aber irgendwie sinnlos. Da kann dann auch die dramatische Musik nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Jonas“ in den besten Momenten zwar auf der Ebene der Sinne einiges zu bieten hat, unterm Strich und vor allem am Schluss aber dann doch nur heiße Luft ist.


5,5
von 10 Kürbissen