Komödie

Duty (2017)

Regie: Annemarie Jacir
Original-Titel: Wajib
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wajib


Mein letzter Festival-Film des diesjährigen Crossing Europe Film Festivals in Linz spielt wieder in Israel, und wieder, wie auch in „Namrud (Troublemaker)“ geht es um die palästinensische Gemeinschaft. Shadi ist aus Italien zurückgekehrt in die alte Heimat, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, um seinem Vater bei der Organisation der Hochzeit seiner Schwester zu helfen. Der Film konzentriert sich dabei auf einen Tag, an dem die beiden die offiziellen Einladungen zustellen. Das muss persönlich erfolgen, denn das ist „Wajib“, also die Pflicht des Vaters, der die Hochzeit ausrichtet. Vater und Sohn kommen gut miteinander aus, doch bald werden die Gräben sichtbar, die im Laufe der Jahre durch die unterschiedlichen Lebensweisen entstanden sind. Während der Vater sein ganzes Leben lang in Israel gelebt hat und gelernt hat, sich den Gepflogenheiten und Verpflichtungen, die man als Palästinenser im Land hat, anzupassen, findet sich der Sohn, vom westlichen Leben in Italien geprägt, nur schwer zurecht inmitten der Rituale, die notwendig sind. Diese sind zum Einen kulturell geprägt, zum Anderen zum Teil auch pragmatisch. So muss der Israeli Ronnie Avi zur Hochzeit eingeladen werden. Der Vater bezeichnet Ronnie Avi als alten Freund, der Sohn als Spitzel des israelischen Geheimdienstes, der hauptverantwortlich dafür war, dass er damals das Land verlassen musste. Doch die Einladung von Ronnie Avi ist nicht der einzige Streitpunkt zwischen Vater und Sohn. Der Sohn lebt in Italien in einer glücklichen Beziehung und denkt nicht an die dauerhafte Rückkehr in die Heimat, der Vater hätte gern, dass er hier wieder sesshaft wird und eine Einheimische heiratet. Auch über den Hochzeitssänger wird lauthals gestritten. Und über die Mutter, die in den USA lebt, nachdem sie die Familie verlassen hat. Und nun liegt ihr zweiter Ehemann im Sterben und es ist unklar, ob sie zur Hochzeit kommen kann – was der Vater persönlich nimmt. All diese Konflikte und Reibereien werden aber mit viel Humor vorgetragen, und es ist klar, dass die beiden, Vater und Sohn, trotz aller Unterschiede viel Liebe füreinander empfinden. Und das ist die große Stärke des Films: Er ist wunderbar menschlich und zeigt die Protagonisten mit Stärken und Schwächen, aber im ehrlichen Bemühen, miteinander gut auszukommen. Auf einer subtilen Ebene wird auch vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erzählt. Aber das Herzstück des Films ist die Vater-Sohn-Geschichte und die Annäherung der beiden, wie sie versuchen, ihre beiden Welten in Einklang zu bringen und sich neu kennenzulernen. Und das zeigt Annemarie Jacir mit viel Einfühlungsvermögen, ehrlichen Charakteren, einer Prise Humor und einem guten Gefühl für Rhythmus, denn auch wenn der Film ruhig und unspektakulär erzählt wird, ist er nie auch nur einen Moment lang uninteressant oder gar langweilig. Ein weiteres Festival-Highlight zum Abschluss.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Double Date (2017)

Regie: Benjamin Barfoot
Original-Titel: Double Date
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror, Komödie, Satire, Thriller
IMDB-Link: Double Date


Noch vor Beginn des Films wurden gleich mal die Weichen für die kommenden 1,5 Stunden gestellt, als der Moderator launig ins Publikum fragte, wer denn schon einmal bei einem Double Date gewesen sei, also zusammen mit einem Freund / einer Freundin und den jeweiligen Love Interests unterwegs. Ein paar zaghafte Hände gingen in die Höhe. Auf die Rückfrage des Moderators, wie denn das so gewesen sei, kam aus von einem Zuseher die Antwort: „Tatsächlich sind wir gerade auf einem Double Date.“ Der Moderator daraufhin: „Dann bin ich mal gespannt, ob ich euch morgen wiedersehe, denn wie wir gleich erfahren werden, sind Double Dates manchmal tödlich.“ Und damit ist gleich mal zusammengefasst, worum es in Benjamin Barfoots Film geht. Dieser ist reine Publikumsbespaßung. Mit großem Vergnügen zelebriert Barfoot jegliches Klischee, die man rund um die Dating-Situationen junger Erwachsener finden kann, und stellt dann den Fuß bis zum Anschlag aufs Gaspedal. Die Story: Der schüchterne Jim steht vor seinem dreißigsten Geburtstag und hatte noch nie etwas mit einer Frau. Sein großmäuliger Freund Alex verspricht ihm daher, dass er noch vor seinem Geburtstag flachgelegt werden würde. Auftritt zweier übertrieben hübscher Grazien in der Bar, die an den beiden Kumpanen trotz holpriger Anmache überraschend Gefallen finden. Was der Maulheld und sein komplexbeladener Kompagnon nicht ahnen: Die beiden Mädels haben sinistere Pläne, die Chloroform, ein Messer und mehrere Stunden Putzen danach inkludieren. Ahnungslos tappen die beiden libidinösen Helden in die Venusfalle. Dass sie zudem nicht die hellsten Sterne am Firmament sind, lässt den geneigten Zuseher umso mehr um ihr armseliges Leben bangen. „Double Date“ ist ein Film nach dem Motto „Hirn aus, Popcorn rein“. Der Spaßfaktor ist enorm, und vor allem, wenn man mit dem leicht verdrehten und schwarzen britischen Humor etwas anfangen kann, macht man hier nichts falsch. „Double Date“ hat ein einfaches Rezept, das aber gut funktioniert: Über jeden Schrecken lässt sich auch lachen.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Lady Bird (2017)

Regie: Greta Gerwig
Original-Titel: Lady Bird
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Lady Bird


Hin und wieder kommt ein Film daher, der einfach alles richtig macht. Und ganz gleich, ob man die Geschichten und Figuren viel mit der eigenen Lebensrealität gemeinsam haben oder nicht – man ist von ihnen gefangen und für die Dauer des Films lebt man diese erzählte Leben. So ging es mir mit „Lady Bird“, dem Regiedebüt von Greta Gerwig. Meine Identifikationsmöglichkeiten mit Highschool-Mädchen aus Sacramento, Kalifornien, sind eher beschränkt, wie ich beim Blick in den Spiegel feststellen muss, aber dennoch sind mir alle Figuren dieses Films so wahnsinnig vertraut und nah. Und das liegt am grandiosen Storytelling. Denn auch wenn die Geschichte von der 17jährigen Christine, die sich selbst Lady Bird nennt (Saoirse Ronan mit einer unfassbar ehrlichen und authentischen Leistung), auf den ersten Blick recht unspektakulär dahindriftet (es geht um Schulschwärmereien, die Wahl des Colleges, Theaterproben, das Überstehen des letzten Schuljahres, Probleme mit den Eltern), so steckt, wenn man genauer hinsieht, so viel mehr drinnen. Freundschaft. Loyalität. Familie. Die Suche nach Status, wenn man nicht zu den Wohlhabenden in seinem Umfeld gehört, und – wichtiger – nach Anerkennung und einem eigenen Platz in der Welt. Dabei werden die Protagonisten (allesamt grandios gespielt) und die Beziehungen untereinander so unaufgeregt und gleichzeitig so wahrhaftig dargestellt, wie es Filmen nur selten gelingt. Greta Gerwig kommt ohne großes Drama und ohne Schubladen aus. Die Mutter ist liebevoll und verständnislos zugleich. Der Vater depressiv, aber freundlich. Lady Bird selbst eigensinnig, aber gutherzig. Es sind Menschen mit Stärken und Schwächen und viel Liebe füreinander, auch wenn es sie es manchmal nicht einfach miteinander haben. Die Konflikte werden unaufgeregt, aber ohne Weichzeichner gezeigt. Am Ende bekommt man eine Ahnung davon, wer diese „Lady Bird“ einmal als Erwachsene sein wird, und man denkt sich: Ja, ich glaube, wir würden uns gut verstehen.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Eddie the Eagle – Alles ist möglich (2016)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Eddie the Eagle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Biopic, Sportfilm
IMDB-Link: Eddie the Eagle


Ich gebe zu: Ich habe ein Herz für Außenseiter-Geschichten über Menschen, die es vielleicht nicht ganz an die Spitze schaffen, aber mit Mut und Willensstärke der Welt beweisen, wie viel Größe in uns steckt, wenn wir an uns glauben. Ich liebe diese Momente des Triumphes und der Anerkennung. Und auch wenn ich kein leidenschaftlicher Skisprung-Fan bin, so verfolge ich diesen Sport doch schon seit meiner Kindheit mit Interesse und habe auch eine gewisse Ahnung davon. So gesehen war es klar, dass ich irgendwann „Eddie the Eagle“ sehen muss, die Biographie von Michael „Eddie“ Edwards, der 1988 Skisprung-Geschichte geschrieben hat als erster britischer Skispringer bei Olympia. Auch wenn ich mich selbst nicht mehr an Eddie the Eagle und seine legendären, viel umjubelten Sprünge erinnern kann, so ist mir seine Geschichte dennoch ein Begriff. Auf Youtube finden sich glücklicherweise einige Videos mit den besten Momenten in Eddies Karriere. Und was war das für eine faszinierende Persönlichkeit! Man muss sich das einmal vorstellen: Inmitten all der mageren, durchtrainierten Skisprung-Stars, die schon seit Kindesalter an diesen Sport leben, taucht ein leicht untersetzter Brite mit Brillengläsern so dick wie Aquarienbecken auf, der gerade einmal vor kurzem mit dem Sport begonnen hat, da er darin eine Chance gesehen hat, seinen Traum von den Olympischen Spielen zu verwirklichen – da es sonst innerhalb Großbritanniens keine Konkurrenz gab. Und dieser Mann nimmt sein Herz (und seine Cojones) in die Hand und schmeißt sich vom Bakken hinunter in dem Wissen, dass ihn der kleinste Fehler (und er ist weit davon entfernt, fehlerfrei springen zu können) ins Krankenhaus bringen wird. Herz, was willst du mehr? „Eddie the Eagle – Alles ist möglich“ zeichnet nun mit den klassischen (und überraschungsfreien) Mitteln eines Biopics diese unglaubliche Geschichte nach. Dass der Film trotz der guten Ausgangslage, den er bei mir hatte, bei mir dennoch nicht gezündet hat, ist einfach erklärt: Zum Einen ist die Geschichte zu frei interpretiert. Ja, man muss bei Verfilmungen biographischer Ereignisse immer zu dramaturgischen Kniffen greifen, um das Publikum nicht mit Redundanzen und Leerstellen, die ein Leben eben auch beinhaltet, zu langweilen und die Realität in das Spielfilmformat hineinzuschneiden. Aber wenn nur etwa 5% des Gezeigten mit der Realität übereinstimmen (dies eine Aussage von Eddie Edwards, nachdem er den Film gesehen hat), kann man nicht mehr von kleinen dramaturgischen Anpassungen sprechen, sondern schlicht einer Verfälschung der Ereignisse. Kann man ja machen, nur sollte man das dann nicht mehr als die wahre Geschichte von Eddie the Eagle vermarkten. Ein zweiter Faktor ist die Schauspielleistung. Taron Egerton bemüht sich sehr, diesen schrägen Typen Eddie the Eagle zu verkörpern, verzerrt ihn aber bis zur Karikatur. Und Hugh Jackman spielt routiniert und gelangweilt und fügt dem Film so keinen echten Mehrwert hinzu. (Davon abgesehen ist gerade seine rein fiktive Figur das für mich Problematischste an der Geschichtsverzerrung, denn plötzlich werden die Erfolge, die eine historische Person gefeiert hat, einem fiktiven Charakter mit zugeschrieben.) Natürlich kann man sich „Eddie the Eagle“ dennoch gut ansehen – es ist ein routiniert gemachtes Wohlfühlkino für einen entspannten Sonntagabend. Und das Ende sorgte bei mir für eine Gänsehaut – was eben auch daran liegt, dass ich ein Faible für diese Außenseiter wie Eddie the Eagle habe. Ein richtig guter Film ist das aber nicht geworden.

Übrigens scheint Calgary 1988 ein guter Nährboden gewesen zu sein für spektakuläre Außenseiter-Geschichten. „Das geht über eure Vorstellungskraft: Jamaica hat ’ne Bob-Mannschaft!“ Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieser Film ist als Reiseetappe # 40 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,0
von 10 Kürbissen

November (2017)

Regie: Rainer Sarnet
Original-Titel: November
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: November


Der estnische Film „November“ eröffnete das LET’S CEE Film Festival 2018. Und so vielfältig wie die zentral- und osteuropäischen Filme eben so sind, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, so viele Ebenen und Schichten hat auch „November“ selbst, der sich einer klaren Genre-Zuordnung verweigert. Am ehesten könnte man den Film als groteskes Märchen bezeichnen. Hier geben sich fröhlich Hexen, Geister, Formwandler,  die personifizierte Pest, mythische estnische Wesen, die aus Haushaltsgegenständen gebaut werden (sogenannte Kratts) sowie Luzifer persönlich ein Stelldichein. Vorrangig geht es in dieser Geschichte um die junge Liina, die in Hans verliebt ist, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, da er sich in die schöne Gräfin verschaut hat, die wiederum im Stand meilenweit über dem Rest der Dorfbewohner steht (und manchmal auch im wortwörtlichen Sinne über ihnen, da sie die Angewohnheit hat, auf dem Dach des Gutshofes schlafzuwandeln). Soweit, so klassisch. Allerdings folgt der Film nur selten konventionellen Märchenpfaden. Immer wieder driften die Situationen ins Absurde ab, selten macht etwas wirklich Sinn, und eine klassische Storyentwicklung sucht man die meiste Zeit über auch vergeblich. Das alles klingt jetzt erst einmal nicht so erbaulich. Jetzt kommt mein großes „Aber“. Aber: Der Film ist trotz aller Rätselhaftigkeit (oder vielleicht auch gerade deswegen) unglaublich interessant und spektakulär anzusehen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder – die Schattenspiele im Wald, der Nebel, der den verlassen wirkenden Gutshof umhüllt – sind atemberaubend schön. Und der Inhalt selbst, diese Verbindung von estnischer Folklore und Märchen, verschließt sich vielleicht gängigen Interpretationsmustern, wirkt aber nie inkohärent oder chaotisch. Im Gegenteil: Man folgt einer Geschichte, die nach einem ganz klar umrissenen Plan abläuft, den man nicht versteht. Dennoch fühlt man sich als Zuseher gut durch die Geschichte geleitet. Man möchte nicht allein sein im finsteren Wald, wenn Luzifer herbeigerufen wird, aber in den Händen des Regisseurs geht man auch dieses Abenteuer gerne mit. Heißt es nicht am Ende immer: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage …“? Wie so ziemlich alles in diesem Film kommt man mit gängiger Logik allerdings nicht allzu weit. Das muss man natürlich erst einmal mögen – aber falls man sich auf solche cineastischen Wagnisse einlassen und alle Erwartungshaltungen und Schablonen mal beiseite lassen kann und den Film stattdessen als sinnliches Erlebnis wahrnimmt, bietet „November“ eine Erfahrung, die man nicht missen möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 10 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Miracle (2017)

Regie: Egle Vertelyte
Original-Titel: Stebuklas
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Stebuklas


Dieser Tage läuft in Wien das LET’S CEE Film Festival, das seinen Schwerpunkt auf zentral- und osteuropäische Filme legt. Gemeinsam mit fünf weiteren Cineasten fand ich mich also am Sonntagnachmittag im Kino meines Vertrauens ein, um den litauischen Film „Stebuklas“ zu sehen. Dieser erzählt die Geschichte von Irena, Besitzerin einer Schweinefarm, die 1992, kurz nach dem Ende des Kommunismus, vor dem Bankrott steht. Da kommt der aus den USA nach Hause zurückgekehrte Bernardas mit seinen Dollars gerade recht. Der kauft Irena und ihren Teilhabern/Mitarbeitern kurzerhand die Farm ab. Der Grund, den er anführt: Auf dem Grundstück, wo sich nun die Farm befindet, war früher das Haus seiner Eltern, und er wolle den Betrieb in Gedenken an seine verstorbenen Eltern weiterführen. Doch natürlich ist nichts so, wie es scheint – der Mann hat ganz Anderes im Sinn, wie Irena, die sich ihm auch auf zwischenmenschlicher Ebene allmählich ein wenig annähert, schon bald feststellen muss. Beim Ansehen von „Stebuklas“ fielen mir zwei andere Filme ein, die in Teilaspekten deutliche Parallelen zu Egle Vertelytes Film aufweisen: „Satanstango“ von Bela Tarr und „The Treasure“ von Corneliu Porumboiu. In Ersterem ist die Parallele, das ein armes Landvolk sich von der Aussicht auf Erlösung in Form eines Fremden, der ins Dorf kommt, blenden lässt und diesem allzu bereitwillig folgt. Zweiterer ist inhaltlich nah dran an „Stebulkas“. Alle drei Filme, so unterschiedlich sie auch sind, vereint, dass sie die Nöte von Osteuropäern in prekären wirtschaftlichen Lagen sichtbar machen und auf ihre Weise einen Kommentar zu den Verheißungen des Kapitalismus abgeben, die sich letztlich für diese Menschen nicht erfüllt haben. In „Stebulkas“ erfolgt dies zuweilen mit den Mitteln der Komödie. Auch wenn ich den Film nicht als rasend komisch beschreiben würde, so finden sich zwischendurch doch immer wieder Szenen, die zum Schmunzeln anregen. Diese stehen allerdings neben sehr zynischen Szenen, die die Stimmung doch eher gedämpft halten. An sich wäre der Film eine solide Sache, in den Charakterzeichnungen vielleicht ein wenig arg übertrieben (und für eine Satire doch wieder nicht genug), aber trotzdem recht sehenswert, wäre da nicht das Ende. Ich weiß, dass in Litauen die Religion eine große Rolle spielt, und das Wunder kommt schließlich auch im Titel vor, aber, ganz ehrlich, am Ende torpediert der Film seine eigene sozialkritische Position und fährt die Geschichte mit einem fürchterlichen Erlösungs-Twist an die Wand. Nicht nur, dass in meinen Augen dieses Ende völlig unnötig ist – es wertet auch noch die bis dahin starke Hauptprotagonistin ab. Dafür gibt es Abzüge in der B-Note. Dass der Film trotzdem nicht mehr Zuseher gefunden hat und von sechs Zusehern am Ende zum Q&A mit einem der Darsteller nur noch zwei da waren (eine Litauerin mit Heimweh und der Kürbis eures Vertrauens), hat er dennoch nicht verdient. Also, Leute, rafft euch auf und seht euch die Filme des LET’S CEE-Festivals an!


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

Leningrad Cowboys Go America (1989)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Leningrad Cowboys Go America
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Komödie, Roadmovie, Musikfilm, Satire
IMDB-Link: Leningrad Cowboys Go America


Diesen Film muss man erst einmal sacken lassen. Der braucht eine Weile, um kognitiv verarbeitet zu werden. Aber weil es eh irgendwie wurscht ist, kann man eine Filmkritik auch nach Art der Leningrad Cowboys schreiben, nach dem Motto „Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach“. Denn so funktioniert der Film, so funktionieren die Leningrad Cowboys. Gerade noch in der finnischen Tundra von einem Plattenchef abgelehnt worden mit dem Hinweis, „Geht nach Amerika, die kaufen dort jeden Scheiß“, sitzen sie  mit ihren imposanten Haartollen schon im Flugzeug, den beim Üben im Freien erfrorenen Bassisten im Gepäck, und machen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unsicher. Und weil das Land eben unbegrenzte Möglichkeiten bietet, spielt man von Rock’n’Roll über Country alles, was gerade verlangt wird. So richtig zündet die Mischung aus stoischer Coolness, Haargel und Posaunen nicht beim Publikum, aber man schlägt sich durch, bis man schließlich in Mexiko groß aufspielt. Und das, obwohl es manchmal vom diktatorischen Manager (Matti Pellonpää) nur rohe Zwiebeln zum Essen gibt, während er sich saftige Filetsteaks hineinzieht. Man kommt nie aus dem Takt. Ein bisschen ist „Leningrad Cowboys Go America“ die satirische und durch und durch finnische Antwort auf die Blues Brothers, die wiederum selbst ein satirischer Kommentar auf die Musikszene in den USA sind. Die Blues Brothers sind schon irre, aber gegen die Leningrad Cowboys erscheinen sie zahm wie die Wiener Sängerknaben. Nicht jeder Witz dieses episodenhaft angelegten Klamauk zündet, aber irgendwie ist das egal, denn allein schon die Frisuren sorgen dafür, dass man die ganze Zeit über Spaß hat. Und weil das mit den Frisuren so gut funktioniert hat, wurde aus der von Kaurismäki erdachten fiktiven Band tatsächlich eine echte mit breiter Fanbasis über den ganzen Planeten. Life imitates art.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 48 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Im Zweifel glücklich (2017)

Regie: Mike White
Original-Titel: Brad’s Status
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Brad’s Status


Brad Sloan (Ben Stiller) hat eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann: Eine liebevolle Frau, einen intelligenten und wohlgeratenen Sohn, der demnächst aufs College wechseln wird, ein schönes Haus, einen interessanten Job in seinem eigenen kleinen Non-Profit-Unternehmen, einen phlegmatischen Hund, der süße Grunzlaute ausstößt, wenn man ihm unterm Kinn krault. Brad Sloan hat aber ein Problem: Es lautet Brad Sloan. Denn aus irgendwelchen seltsamen, nicht nachvollziehbaren Gründen fühlt er sich vom Leben betrogen. Er ist nicht im Fernsehen, er hat keinen eigenen Privatjet, er vögelt nicht mit jungen Collegehaserln am Strand, und jetzt geht der Nachwuchs vielleicht sogar noch auf eine bessere Universität als er selbst. Das ist doch mal echt ein Grund, 101 Minuten lang eine Leichenbittermiene aufzusetzen und seine Gedanken in einer endlosen Achterbahn um die unfaire Welt kreisen zu lassen. Beim Zuseher baut sich derweilen auch eine Emotion auf: Ärger. Selten war der Wunsch größer, die vierte Wand rückwärts zu durchbrechen, also a la Last Action Hero in den Film einzusteigen und der Hauptfigur links und rechts eine zu betonieren. Oder zwei, wenn sie noch lange herumsudert. Oder drei. Sicher ist sicher. Natürlich versucht Mike White in seinem seltsam misanthropischen Feelgood-Movie, am Ende die Kurve zu kriegen und seinem Brad Sloan statt einer ordentlichen Gnackwatschn eine Erkenntnis zu bescheren, aber da ist es schon zu spät, da lässt sich nichts mehr retten. Wenn man irgendeinen netten, sympathischen Zug an Brad Sloan entdecken kann (im Sinne von „Na ja, ein Arschloch ist er, aber er hat immerhin saubere Hemden an“), könnte der Film vielleicht sogar funktionieren, wie einige gute Kritiken dazu vermuten lassen. Aber sorry, dafür müsste ich mehr Augen inklusive aller Hühneraugen zudrücken als Ben Stiller Filme gedreht hat mit einem der Wilson-Brüder (hier mal wieder Luke Wilson). Fazit: Wer Ben Stiller auf Sinnsuche erleben möchte, sollte lieber zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty greifen.


3,5
von 10 Kürbissen

Schatten im Paradies (1986)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Varjoja Paratiisissa
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Varjoja Paratiisissa


„Schatten im Paradies“ ist ein Film wie Janne Ahonen. Für all jene, die nicht so wintersportbewandert sind: Janne Ahonen ist für mich der finnischste Finne aller Zeiten. Quod erat demonstrandum. Es geht um den Müllwagenfahrer Nikander (Matti Pellonpää), der einen neuen Freund und Kollegen findet (Sakari Kuosmanen) und sich in die Supermarktkassiererin Ilona (Kati Outinen) verschaut. Diese hat ein kleines Problem: Als sie gefeuert wird, stiehlt sie aus Frust und Rachegelüsten die unbewachte Kasse. Gemeinsam mit Nikander, mit dem sie einmal ein schief gelaufenes Date hatte, aber der halt nun eben da ist, macht sie sich auf den Weg, und tatsächlich kann ihr Nikander aus der Patsche helfen. Auftakt zu einer fragilen Beziehung, denn der stoische Schüchterne ist nicht unbedingt 1A-Beziehungsmaterial. Der Humor des Films liegt in seiner unglaublichen Lakonie. Der Witz ist subtil und staubtrocken. Beispielhaft dieser Dialog, als ein Kollege von Nikander, der sich mit einem eigenen Mülldienst selbstständig machen möchte, diesem den Werbeslogan vorstellt (man beachte das Erscheinungsjahr des Films): „Verlässliche Müllbeseitigung seit 1986!“ – „Aber das ist jetzt.“ – „Genau. Es erregt Aufmerksamkeit.“ – „Das ist sehr schlau.“ Entweder man kringelt sich da kichernd in den Kinosessel ein, oder man stellt in Momenten wie diesen fest, dass Kaurismäki nichts für einen ist. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Was ich an diesem Film so wunderbar fand, ist der liebevolle Blick von Kaurismäki auf seine Figuren. Sie sind Außenseiter, sie haben Marotten, bei denen man sich durchaus auch einmal fremdschämt, sie wissen nicht so recht, wie sie umgehen sollen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen, die sich oft als blankes Entsetzen in ihren Blicken spiegeln, aber Kaurismäki nutzt sie nicht aus, er gibt sie nie der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil, er solidarisiert sich mit ihnen, setzt ihnen ein Denkmal. Am Ende sind diese alltäglichen, überforderten Figuren auf ihre Weise Helden, und man möchte aufspringen, um ihnen zu applaudieren. „Aber wie können wir allein von deinem Einkommen leben?“ (Ohne die Miene zu verziehen:) „Small Potatoes.“ Mehr braucht es nicht.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Results (2015)

Regie: Andrew Bujalski
Original-Titel: Results
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Rom-Com
IMDB-Link: Results


Wenn ein Film 105 Minuten dauert und sich nach 150 Minuten anfühlt, ist das in den meisten Fällen nicht so gut. So ist es auch bei „Results“. Was fehlt nun dieser romantischen Independent-Komödie mit Guy Pearce, Coby Smulders und Kevin Corrigan in den Hauptrollen? Nun, ganz einfach gesagt, sind es zwei Dinge: Die Romantik und die Komödie. Der Film plätschert relativ unaufgeregt vor sich hin und erzählt von zwei Fitness-Trainern (Pearce und Smulders), die auf einen depressiven, frisch geschiedenen Neureichen (Corrigan) treffen. Einige lustige Szenen folgen. Ein tiefenentspannter Hund und eine schöne Katze sind zu sehen. Man unterhält sich, streitet sich, und all das ist auch ganz gut gespielt, Cobie Smulders bietet wie immer was fürs Auge, Guy Pearce ist sympathisch überfordert und Kevin Corrigan stiehlt allen die Show, aber am Ende war’s mir selten so egal, ob sich die beiden Love Interests nun finden oder nicht. (Spoiler: Sie finden sich. Wurscht.) Und dazwischen viel Fitness. Guy Pearce ist erstaunlich fit. Coby Smulders hat einen schönen Hintern. Okay. Nächster Film, bitte.


4,0
von 10 Kürbissen