Drama

Hard Core Logo (1996)

Regie: Bruce McDonald
Original-Titel: Hard Core Logo
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Komödie, Musical/Musikfilm, Roadmovie, Satire
IMDB-Link: Hard Core Logo


Hard Core Logo – so heißt die Band von Leadsänger Joe Dick, Gitarrist Billy Tallent, Bassist John Oxenberger und Drummer Pipefitter. In den 80ern hatte die kanadische Punkrockband große Erfolge, dann lösten sie sich auf. Mitte der 90er bringt Joe Dick die Band wieder zusammen, um ein Benefizkonzert zu Ehren des auf seiner Ranch angeschossenen Mentors Bucky Haight zu spielen. Daraus wird eine kleine Tour durch Westkanada. Der Filmemacher Bruce McDonald begleitet die Band auf ihrer Tour und ist live dabei, wenn die zwischenmenschlichen Abgründe, die einst zur Auflösung der Band geführt haben, zwischen Tourbus und Bühne sichtbar werden. Joe Dick, nur auf den ersten Blick geläutert, ist auf einem Egotrip durch die glorreichen Jahre der Vergangenheit, Billy Tallent möchte endlich die große Karriere machen, John Oxenberger ist nur ein buddhistisch angehauchter Literat, solange die Medikamente wirken, und Pipefitter hat keinen Plan. Der Clou an der ganzen Sache: Es handelt sich dabei um eine Mockumentary. Band und Musiker gibt es nicht wirklich. Bruce McDonald gelingt es aber (anders als beim glasklar satirisch aufgezogenen „This Is Spinal Tap“), nie den Bogen zu überspannen und bei allem Augenzwinkern die Musiker und deren Probleme lebensecht und nachvollziehbar darzustellen. „Hard Core Logo“ ist gleichzeitig eine Verbeugung vor dem Spirit des Punkrocks und dessen Abgesang. Ein ernster Spaß.


7,0
von 10 Kürbissen

Slidin‘ – Alles bunt und wunderbar (1998)

Regie: Barbara Albert, Reinhard Jud und Michael Grimm
Original-Titel: Slidin‘ – Alles bunt und wunderbar
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Drama, Episodenfilm
IMDB-Link: Slidin‘ – Alles bunt und wunderbar


Ende der 90er. Das neue Millennium steht vor der Tür. Die 70er und 80er mit ihren ganzen Jugendkultur- und Protestbewegungen haben Platz gemacht für eine fatalistische Generation, die sich von Rave zu Rave und von Einkaufstempel zu Einkaufstempel treiben lässt. Alles glitzert, alles dröhnt, aber nichts ist wirklich von Bedeutung oder wird bleiben. Der Episodenfilm „Slidin‘ – Alles bunt und wunderbar“ zeigt Jugendliche, die vergessen haben, wonach sie suchen. Jeder der drei lose miteinander verbundenen Teile stammt von einem anderen Regisseur bzw. einer anderen Regisseurin: Barbara Albert, Reinhard Jud und Michael Grimm. Und auch wenn jede Episode ihre eigene Tonalität hat und ihre eigenen Figuren und Fragen, so eröffnet sich am Ende des Films dann doch der große Bogen der verschwendeten Jugend. Teil 1 folgt zwei jungen Mädchen zwischen Einkaufszentrum und Partys, für die Coolness alles ist. Nur runterspielen, was einen beschäftigt – sei es die Liebe, Freundschaft, Treue oder auch eine Vergewaltigung. Am Ende zählt die Haltung, der Schein. Teil 2 zeigt eine junge Frau und ihre Verwirrung der Gefühle. Da sie nicht so recht weiß, wie sie sich ihrem Schwarm tatsächlich annähern kann, wie sie ihn von sich überzeugen und halten kann, eskaliert sie auf einer Heimparty, indem sie gnadenlos jeden Mann anmacht, der ihr begegnet. Hier wird Sexualität instrumentalisiert, um Aufmerksamkeit zu erregen. Teil 3 schließlich, die für mich beste und stimmigste Episode, zeigt zwei Gruppen von Jugendlichen, die sich zufälligerweise auf der Straße begegnen, als sie auf dem Weg zu einem Fest sind. Die Autos durchmischen sich auf einer Tankstelle, eines der beiden Autos bleibt dann – übermütig gelenkt – in einem Graben liegen, die andere Gruppe macht sich auf den Weg in das nächste Dorf, um im dortigen Gasthaus jemanden zu suchen, der das Auto aus dem Graben ziehen kann. Dort mischen sich dann die Jugendlichen aus dem Dorf mit den feierwütigen Ausflüglern, und schnell entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik, die schonungslos eine nihilistische Grundhaltung aufzeigt. Jeder ist sich selbst am nächsten. Freundschaften und selbst Beziehungen funktionieren nur so lange, bis sich etwas Anderes, Interessanteres auftut. Das alles wirkt sehr stimmig und zu keinem Zeitpunkt überzeichnet. So gesehen ist „Slidin‘ – Alles bunt und wunderbar“ gleichzeitig eine Abrechnung mit einer Generation, der alles egal scheint, und eine ehrliche und schonungslose Dokumentation der verwirrenden Zeit zwischen Pubertät und Erwachsenenleben.


7,5
von 10 Kürbissen

Dead Flowers (1992)

Regie: Peter Ily Huemer
Original-Titel: Dead Flowers
Erscheinungsjahr: 1992
Genre: Drama, Fantasy, Krimi, Liebesfilm, Thriller
IMDB-Link: Dead Flowers


Der große Hype des österreichischen Kinos begann Ende der 90er. „Nordrand“ von Barbara Albert wird hierbei immer wieder als Initialzündung genannt. Seitdem erhält der österreichische Film auch international viel Beachtung, und Filmschaffende wie Michael Haneke, Ulrich Seidl, Götz Spielmann, Jessica Hausner, die schon genannte Barbara Albert oder der kürzlich verstorbene Michael Glawogger heimsen wichtige Preise ein bis hin zu den Oscars. „Dead Flowers“ von Peter Ily Huemer kam da vielleicht ein paar Jahre zu früh. Denn an sich hätte der Film alles gehabt, um in dieser Runde reüssieren zu können. Alex, die Hauptfigur, hätte durchaus einem Jim Jarmusch-Film entsprungen sein. Der stoische Kammerjäger lebt friedlich vor sich hin, bis er eines Tages die mysteriöse Alice am Straßenrand aufgabelt. Die ist verdreckt, ein bisschen verwirrt und offenbar auf der Flucht. Aber vor wem? Auch seine resolute Großmutter kann ihm da nicht weiterhelfen. Aber eigentlich will er ja nur seine Ruhe haben. Und Alice. Aber erstaunlich, wie viel Elan dieser Dandy der Raststättencafés entwickeln kann, wenn ihm mal die Liebe in die Knochen einschießt und ihm die Begehrte entrissen wird. Dann steigt er wie Orpheus in die Unterwelt, um seine geliebte Alice wieder zurückzuholen. Und diese Unterwelt sieht aus wie ein Industrieviertel in Wien. Fad. Ein bisschen versifft. Man schweigt sich vielsagend beim Bier an. Aber damit kennt sich Alex ja aus.

„Dead Flowers“ ist ein interessantes, in Vergessenheit geratenes Kapitel in der österreichischen Kinogeschichte. Laut Peter Ily Huemer hatte der Film, der auch auf der Berlinale lief und dort gut aufgenommen wurde, das Problem, dass zu jener Zeit der Erfolg oder Misserfolg von den zwei wesentlichsten österreichischen Kinokritikern bestimmt wurde. Einer der beiden mochte den Film. Der Andere nicht. Und damit waren die Blumen tot, ehe sie eine echte Chance hatten, auf ihr Publikum einwirken zu können. Vielleicht ist dieser Erklärungsansatz etwas zu kurz gegriffen, denn frei von Schwächen ist der Film definitiv nicht. Er sitzt zwischen den Stühlen mehrerer Genres, er ist sehr simpel und einfach gehalten, verzichtet weitgehend trotz des fantastischen Themas darauf, den Zuseher staunen zu lassen, und manche Handlungsstränge oder Gefühle entwickeln sich etwas zu schnell, als dass sie von jedem im Publikum nachvollzogen werden könnten. Dennoch ist „Dead Flowers“ auch heute noch gut anzusehen und zeigt auf, dass der österreichische Film schon länger diese Qualität aufweist, für die er seit zwei Jahrzehnten bekannt ist, und nicht erst seit Barbara Albert & Co.


6,0
von 10 Kürbissen

Die Blumen von gestern (2016)

Regie: Chris Kraus
Original-Titel: Die Blumen von gestern
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Die Blumen von gestern


Deutscher Holocaust-Forscher mit Aggressionsbewältigungs- und Erektionsproblemen trifft auf französisch-jüdische Assistentin mit Dachschaden und gelegentlichem Farbtopfentfremdungsaktionismus. Sie mögen sich nicht, sie mögen sich doch, sie haben eine gemeinsame Geschichte, die alles irgendwie schlimm macht, man hat so seine Geheimnisse, manchmal fliegen Hunde aus Autofenstern.

Unentschlossen. Das ist das Wort, das ich am schnellsten mit Chris Kraus‘ Film „Die Blumen von gestern“ in Verbindung bringe. Was will der Film sein? Eine schwarzhumorige Komödie? Ein Drama? Ein Liebesfilm? Ein Roadmovie? Ein Historienfilm? Für eine Komödie ist er nicht lustig genug, sämtliche Charaktere (inklusive der Figur der sonst so wunderbaren Adèle Haenel) bleiben unsympathisch und irgendwie rätselhaft in ihrer Motivation. Für ein Drama ist der Film aber zu leichtgängig, und es bleibt auch bis zum Ende unklar, was er eigentlich erzählen möchte, was das große Drama ist, das sich immer wieder ankündigt. So ist „Die Blumen von gestern“ ein Film voller uneingelöster Versprechen. Immer wieder ganz nett anzusehen, aber unausgegoren und am Ende auch unbefriedigend.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Der Löwe im Winter (1968)

Regie: Anthony Harvey
Original-Titel: The Lion in Winter
Erscheinungsjahr: 1968
Genre: Drama, Historienfilm, Politfilm, Satire
IMDB-Link: The Lion in Winter


Einer der 8 Nicht-Oscars von Peter O’Toole. Einer von 4 Oscars von Katherine Hepburn. Ein junger Anthony Hopkins, ein blutjunger Timothy Dalton. „The Lion in Winter“ ist ganz klar großes Schauspielkino. König Henry II. von England (O’Toole) sorgt sich um seine Nachfolge. Sein Favorit wäre der etwas dümmliche John (Nigel Terry), seine Frau Eleonore (Hepburn) nutzt die Gelegenheit des Weihnachtsfestes, an dem sie von ihrem Gemahl ausnahmsweise mal aus ihrem Gefängnis geholt wird, um ihren Lieblingssohn Richard (Hopkins), der später den Beinamen Löwenherz bekommen wird, in Stellung zu bringen. Der dritte Sohn, Geoffrey (John Castle), sieht sich das Ganze mal an, hat aber seine eigenen Pläne. Dazu kommt noch die wunderschöne Geliebte des Königs, Alais (zum Verlieben: Jane Merrow), und der junge König von Frankreich (Timothy Dalton) mischt auch noch fröhlich mit. Alles, was Anthony Harvey für seinen Klassiker benötigte, war eine Burgkulisse, diese Ansammlung großartiger Schauspieler und ein brillantes Drehbuch. Es ist zauberhaft, wie durchtrieben und spitzzüngig hier in alle Richtung konspiriert und intrigiert wird. Das alles gelegentlich begleitet von charmanten Komplimenten, die das Messer im Rücken noch etwas tiefer ins Fleisch treiben. Und so ist das ein großer, anspruchsvoller Spaß. Der Film hat zwar seine Längen und er ist natürlich auch gealtert (die Kampfszenen sind heute eher lustig als episch anzusehen), aber die Dialoge funktionieren noch immer. Eleonore, mit einem Becher in der Hand: „I have a confession.“ Henry, lehnt gelangweilt im Stuhl: „Yeah?“ Eleonore: „I don’t much like our children.“


7,5
von 10 Kürbissen

Die andere Seite der Hoffnung (2017)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Toivon tuolla puolen
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Toivon tuolla puolen


„Die andere Seite der Hoffnung“, mein erster Kaurismäki überhaupt, erzählt zwei Geschichten, die beide von Flucht und Neuanfang handeln, parallel: Jene des syrischen Flüchtlings Khaled, den das Schicksal nach Finnland verschlägt und der dort um Asyl ansucht, und jene des Geschäftsmannes Wikström, der eines Tages seine Frau verlässt, um als Restaurantbesitzer neu anzufangen. Die beiden Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten, kreuzen sich irgendwann auch. Untermalt werden die beiden Lebensgeschichten von einem unglaublich trockenen, sehr lakonischen Humor, der sicherlich nicht Jedermanns Sache ist. Meine ist sie schon. Die an sich sehr tragischen Geschichten bekommen dadurch herrlich absurde Untertöne, und selbst wenn die Nazis der Finnischen Befreiungsarmee auftauchen und man eigentlich um das Leben des sympathischen Khaled fürchten muss und sich gleichzeitig stellvertretend schämt für all das rechte Gesöcks, das unsere westlichen Wohlstandsgesellschaften zu Orten der Barbarei macht, so darf dennoch auch immer ein wenig geschmunzelt werden, denn Kaurismäki schafft es, selbst den ernsten Szenen einen Anflug von Leichtigkeit zu verleihen, die diese erträglicher macht. Allerdings bleibt der Film in seiner Botschaft für mich dennoch ein wenig unentschlossen. Ja, er erzählt von der Würde des Menschen und von Solidarität, aber bei all der Leichtigkeit des Tonfalls scheint der Film an manchen Stellen, v.a. am Ende, auf die Schwere seines Themas zu vergessen bzw. diese wegwischen zu wollen. Dadurch ist der Film zwar durchgängig sehr sehenswert und unterhaltsam, aber ein bisschen mehr Konsequenz hätte ich mir schon gewünscht. Trotzdem: Ein guter und meistens positiver und auf eine lakonische Weise sehr menschlicher Film ist „Die andere Seite der Hoffnung“ allemal.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Sleepers (1996)

Regie: Barry Levinson
Original-Titel: Sleepers
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama
IMDB-Link: Sleepers


„Sleepers“ von Barry Levinson, der zurecht als moderner Klassiker gilt, besteht eigentlich aus drei Filmen: Während der erste Teil, der im besten Sinne an „Stand By Me“ erinnert, die Geschichte einer Jugendfreundschaft erzählt, verweist der zweite Teil auf so großartige Gefängnisdramen wie „The Shawshank Redemption“ und berichtet davon, wie sehr eine unmenschliche und unfaire Welt wie jene eines Jugendgefängnisses ein ganzes Leben zerstören kann. Im dritten Teil schließlich wird ein spannendes Gerichtsdrama inszeniert. Interessant ist, dass sich alle drei Teile um je eine charismatische Nebenfigur zentrieren, die im jeweiligen Teil des Films den Ton angeben: Robert DeNiro als Priester im heruntergekommenen, kleinkriminellen New Yorker Viertel Hell’s Kitchen, der die moralische Instanz der übermütigen Burschen ist und so etwas wie das positive Herzstück des ganzen Films ausmacht, da er auch für die weiteren Teile von Bedeutung bleibt. Im zweiten Teil haben wir einen furchteinflößenden Kevin Bacon als sadistischen und unmoralischen Gefängnisaufseher. Seine Welt ist grausam und ungerecht. Im dritten Teil schließlich, dem Gerichtsdrama, zeigt Dustin Hoffman als heruntergekommener, alkoholkranker Anwalt, dass Moral und Gerechtigkeit oft zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Der Inhalt des Films ist rasch erzählt: Vier mit einem Fuß immer am Rande der Kriminalität stehenden Jungs versuchen, in einer ungerechten, harten Welt erwachsen zu werden. Aber als sie es übertreiben und durch ihr Zutun ein fataler Unfall passiert, werden sie für über ein Jahr in eine „Besserungsanstalt“ gesteckt. Dort allerdings macht ihnen der Aufseher das Leben zur Hölle. Physische wie psychische Gewalt, am meisten spürbar durch die Vergewaltigungen der Jungen durch die Aufseher, führen dazu, dass die Jungen ihre Unschuld endgültig verlieren. Zwei von den vier werden später Gangster und Mörder, und sie sind es auch, die ihren ehemaligen Peiniger bei einer zufälligen Begegnung im einem Restaurant kaltblütig erschießen. Die beiden anderen Freunde, der eine mittlerweile Staatsanwalt, der den Fall übernimmt unter dem Vorwand, die beiden ins Gefängnis zu bringen, der andere Journalist und Autor, der sich nur widerwillig auf das Spiel einlässt, versuchen, die beiden durch eine juristische Charade frei zu bekommen. Gleichzeitig versuchen sie auch, auf unterschiedliche Weise Vergeltung an den weiteren Aufsehern zu üben, die sie damals vergewaltigt haben. Wie gesagt, Moral ist in diesem Film ein Luxusgut, was am Ende auch der aufrechte Priester einsehen muss. Das Leben kann grausam sein. Und die Unschuld, die man einst verloren hat, bekommt man nicht wieder zurück. Ein großartiger Film, der sich Zeit nimmt für seine Geschichte und seine Protagonisten und dennoch keine Sekunde lang uninteressant oder gar langweilig ist.


8,0
von 10 Kürbissen

Die seltsame Liebe der Martha Ivers (1946)

Regie: Lewis Milestone
Original-Titel: The Strange Love of Martha Ivers
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: The Strange Love of Martha Ivers


Der zweifach Oscar-gekrönte Regisseur Lewis Milestone inszenierte mit „The Strange Love of Martha Ivers“ einen finsteren Film noir mit hochkarätiger Besetzung. Die undurchsichtige Titelfigur gibt Barbara Stanwyck, Kirk Douglas hat hier seinen ersten (gar nicht heldenhaften) Filmauftritt, aber das Herzstück des Films ist ein großartig aufgelegter Van Heflin als Spieler und etwas windige Gestalt Sam Masterson, den es nach 17 oder 18 Jahren zufällig mal wieder in die alte Heimatstadt verschlagen hat. Flüchten wollte er damals mit seiner Jugendliebe Martha Ivers, die im Haus ihrer reichen Tante unglücklich ist und unbedingt weglaufen möchte. Doch in der Nacht, in der sich Martha und Sam absetzen möchten, kommt die Tante zu Tode – ein Unglück, an dem Martha nicht unbeteiligt ist, was allerdings Sam, der schon Fersengeld gegeben hat, nicht mitbekommen hat. Eben diese 17 oder 18 Jahre später wirbelt die Ankunft von Sam Masterson in der Stadt jede Menge Staub auf. Dabei wollte er einfach nur sein Auto reparieren („Die Straße hat eine Kurve genommen. Ich nicht.“) und stößt dabei auf die geheimnisvolle Antonia „Toni“ Marachek (hocherotisch verkörpert von Lizabeth Scott), die ihm, dem Unnahbaren, dann doch ein wenig den Kopf verdreht – und wie es halt in den alten Film noir-Klassikern so ist: Kaum tritt die schöne Frau auf, geht es erst so richtig los mit den Problemen. Denn dass eben jene gerade gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hat und auf Sams Hilfe angewiesen ist, damit sie nicht für die nächsten fünf Jahre gesiebte Luft atmen muss, führt zu den dramatischen Verwicklungen, in denen Schuld, Abhängigkeit und stetes Misstrauen der Menschen untereinander abgehandelt werden. Natürlich ist der Film aus heutiger Sicht an vielen Stellen arg melodramatisch, vor allem die Dialoge sind – wie oft in jener Zeit – dramaturgisch überspitzt, aber dennoch hat sich der Film die letzten 70 Jahre gut gehalten. Das liegt an der sehr charismatischen und gut spielenden Besetzung und am düsteren, fatalistischen Unterton, und auch wenn am Ende ein Happy End suggeriert wird, weiß man als Zuseher: Dem Frieden ist nicht zu trauen. Denn schlimmer kommt es immer.


7,5
von 10 Kürbissen

Moonlight (2016)

Regie: Barry Jenkings
Original-Titel: Moonlight
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Moonlight


„Moonlight“ – Oscar für den besten Film. Was sagen die Leute in der Viktoria-Kantine dazu? Gut? Schlecht? (Kleiner Insider für Aficionados des österreichischen Fußballs.) Dass „Moonlight“ in einem dramatischen Finish nach einem noch nie dagewesenen Oscar-Fauxpas dem großen Favoriten „La La Land“ noch den Preis für den besten Film des Jahres buchstäblich vor der Nase weggeschnappt hat, war die wohl größte Überraschung einer ansonsten überraschungsfreien Oscarnacht. Und ich muss sagen – auch wenn „La La Land“ insgesamt noch mehr mein Film war – unverdient war das nicht. Denn Barry Jenkins erzählt eine ganz eigene, wichtige, kaum erzählte Geschichte von einer Welt, die mir zwar fremd ist, aber die existiert, und die durch diesen Film eine Stimme bekommt. Es geht um das Aufwachsen eines afroamerikanischen Jungen aus prekären Verhältnissen in Miami (die Mutter, grandios gespielt von Naomie Harris, ist cracksüchtig und arm), und als wäre das Leben damit nicht schon schwierig genug für ihn aufgrund der Umstände, die ihn umgeben, kommt als zusätzlicher Stein im Rucksack seine Homosexualität dazu, die in einer Welt, in der die Schwächsten gnadenlos gefressen werden, verborgen bleiben muss und später durch den jungen Erwachsenen durch zur Schau gestellte Härte überdeckt wird. Der Film erzählt von der Suche nach Liebe und Zuneigung in einem Umfeld, in dem genau das als Schwäche gilt. Ausgerechnet durch den Drogenhändler Juan (verdienter Oscar für Mahershala Ali) erfährt der Junge so etwas wie das Gefühl von Familie, von Zugehörigkeit, sodass sein weiterer Weg kein trostloser ist, zwar begleitet von Niederlagen, aber es ist ein Leben, das dabei herauskommt, mit Höhen und Tiefen, aber ein Leben.

„Moonlight“ ist vielschichtig, sensibel erzählt, herausragend gespielt und handwerklich toll gemacht (vom Schnitt über die Musik bis zur Kameraarbeit von James Laxton, der seinem Protagonisten immer folgt, immer nah dran ist, und ihm so eine sehr körperliche Präsenz verleiht) – und damit ein würdiger Gewinner in meinen Augen. Dass er für mich persönlich dennoch ein klein bisschen hinter anderen Filmen zurückblieb, die für den besten Film in Frage kamen (wie eben „La La Land“, „Arrival“ oder auch „Manchester by the Sea“), liegt daran, dass er mich emotional nicht so stark erreichte wie eben manch anderer Film. Ja, das Drama ist wuchtig und ungemein interessant, da man eben die Geschichte, die darin erzählt wird, noch nicht wirklich kennt, und so nimmt einen der Film über die ganze Laufzeit hinweg gefangen, aber der ist eben auch ein Stück weit weg von meiner eigenen Lebensrealität.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Silence (2016)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: Silence
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Silence


Die Anzahl an Meisterwerken, die Martin Scorsese im Laufe seiner langen und erfolgreichen Karriere geschaffen hat, ist eindrucksvoll. So wurde auch sein neuester Streich, „Silence“, mit großer Spannung erwartet. Bei den Oscarnominierungen dann die große Überraschung: Lediglich Kameramann Rodrigo Prieto wurde nominiert (und musste sich dann Linus Sandgren für „La La Land“ geschlagen geben). Nun nach dem Sichten des Films muss ich sagen: Mir leuchtet nun ein, warum es so still war rund um „Silence“. Denn Scorseses Film über die Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts und die Geschichte rund um zwei Jesuiten-Priester (Andrew Garfield und Adam Driver), die ihren alten Mentor (Liam Neeson) suchen, der sich angeblich vom Glauben abgewandt hat, ist ein sperriges und mühsames, sich über mehr als 2,5 Stunden entfaltendes Epos, für das man viel Sitzfleisch braucht. Die Geschichte wird langsam und höhepunktarm erzählt. An sich ist das ja nichts Schlechtes – ich mag Filme, die ihrer Geschichte Zeit lassen, sich zu entfalten. Aber die einzelnen Schritte hin zum Ende sind einfach unglaublich zäh und spannungsfrei erzählt. Die Wandlung von Padre Rodriguez (sehr gut gespielt von Andrew Garfield – dafür hätte er eine Oscar-Nominierung verdient und nicht für „Hacksaw Ridge“), der innere Konflikt, in den er gerät angesichts des Leids, das er durch seinen Glauben über die verfolgten Christen bringt, ist schon interessant anzusehen und auch glaubwürdig, aber man hätte das durchaus straffen können. Szenen wiederholen sich, Konflikte werden immer wieder auf ähnliche Weise dargestellt, alles tröpfelt so ein bisschen vor sich her. So bleibt „Silence“ ein merkwürdig unentschlossener Film mit dokumentarischer Anmutung. Über 2,5 Stunden fordert das halt auch Opfer. Die drei Jungs, die nach ca. 1,5 Stunden den Kinosaal verlassen habe, konnte ich zum Teil wirklich verstehen.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)