Drama

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017)

Regie: Martin McDonagh
Original-Titel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri


Letztes Jahr hatten wir bei den Oscars das große Duell „La La Land“ gegen „Moonlight„. Das fantasievoll inszenierte Musical gegen die niederdrückende Coming of Age-Geschichte. Dieses Jahr lautet der erwartete Zweikampf „The Shape of Water“ gegen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Das laut Kritik dunkle Märchen gegen die bitter-zynische Tragikomödie – erneut sind es zwei sehr gegensätzliche Filme, die um die höchsten Meriten rittern. Als ersten der beiden Filme habe ich nun „Three Billboards“ gesehen. In diesem Film geht es um Mildred Hayes (erneut oscarreif: Frances McDormand), deren Tochter Angela vergewaltigt und getötet wurde. Mildreds Meinung nach ist die örtliche Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson, ebenfalls überzeugend) untätig, und die Ermittlungen wurden viel zu früh eingestellt. Also mietet sie drei alte Reklametafeln außerhalb der Stadt an, auf denen sie die Polizei an den Pranger stellt. Das kommt nicht so gut an in der Stadt, die ihren Polizeikommandanten sehr schätzt. Und da in der Polizei auch noch der Heißsporn und Redneck Dixon (Sam Rockwell, überragend!) tätig ist und der Chief selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, eskaliert die ganze Geschichte rasch. Die Nerven der Stadt werden frei gelegt. Eigentlich ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ein zynisches Rachedrama und der Versuch einer Verlustbewältigung. Zum Heulen traurig und mit keiner einzigen wirklich durchgängig sympathischen Figur. Mildred ist auf dem Kriegspfad und nimmt dabei keine Rücksicht auf Verluste. Chief Willoughby ist nett, aber apathisch, Dixon ein Trottel und Arschloch. Die Geschichte selbst ist deprimierend und erscheint hoffnungslos. Und trotzdem blitzt immer wieder ein sehr schwarzer, sarkastischer Humor durch. Und die Geschichte einer Nebenfigur rückt allmählich überraschend in den Fokus und bietet plötzlich so etwas wie einen Silberstreifen am Horizont an. Am Ende ist es die Geschichte über zwei Menschen, die lernen, richtig und falsch voneinander zu unterscheiden. Und nach zwei Stunden, in denen jeder nach seinem persönlichen (mehr oder weniger vorhandenen) Kompass gehandelt hat, ohne dabei auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abzuweichen, ist das vielleicht die schönste Botschaft, die der Film dem Publikum mitgeben kann. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist vielleicht kein Film, der alle Zuseher emotional mitreißen wird – dazu ist er zu nüchtern erzählt. Auch ich bin nicht begeistert von meinem Sitz gesprungen, um mir gleich das Ticket für die nächste Vorstellung zu kaufen. Aber „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ein Film, der bleiben wird – denn er ist universell und menschlich und gnadenlos gut gespielt.


8,0
von 10 Kürbissen

The Portrait of a Lady (1996)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Portrait of a Lady
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: The Portrait of a Lady


„The Portrait of a Lady“, Jane Campions opulente Verfilmung des Romans von Henry James, erhielt nur gemischte Kritiken. Und ja, es ist immer ein schwieriges Unterfangen, wenn man ein 600 Seiten starkes Buch auf Filmlänge zusammendampfen muss, zumal Henry James für das präzise Herausarbeiten sehr feiner psychologischer Nuancen bekannt war, die sich filmisch halt auch nur schwer darstellen lassen. So schreibt das Lexikon des internationalen Films zum Beispiel: „Gediegene Adaption eines Romans von Henry James, der es jedoch nicht ganz gelingt, die Beweggründe ihrer Protagonisten zu verdeutlichen […].“ Doch gerade darin liegt für mich der ganz große Reiz des Films, der seine Figuren eben nicht erklärt. Sie bleiben rätselhaft und in ihren Handlungen zuweilen auch unverständlich. Aber sind wir Menschen nicht so? Die Figuren in James‘ Roman sind ja auch extrem ambivalent angelegt, und dem wird Jane Campions Umsetzung gerecht. Isabel Archer (eine hinreißende Nicole Kidman) versteht ihre eigenen Entscheidungen oft nicht, sie folgt einem Gefühl, einem Impuls, immer aus ihren eigenen Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit heraus. Doch genau diese Vorstellungen und Ideen können sie aber auch in die Irre führen. So schlägt sie die Heiratsanträge der noblen Verehrer Lord Warburton (Richard E. Grant) und Caspar Goodwood (Viggo Mortensen) aus, nur um sich in die Arme des egozentrischen Gilbert Osmond (John Malkovich, undurchschaubar bis dämonisch wie immer) zu werfen, mit dem sie fortan eine unglückselige Ehe führt. Macht das Sinn? Nein. Aber manchmal trifft man eben mit vollem Bewusstsein und aus eigenem Antrieb heraus depperte Entscheidungen. Wenn das noch dazu so herausragend gespielt ist wie in „The Portrait of a Lady“, dann besteht die große Chance, dass man gefesselt am Bildschirm kleben bleibt. Zu nennen sind da neben dem Hauptcast noch die oscarnominierte Barbara Hershey sowie Martin Donovan, die extrem facettenreiche und interessante Nebenfiguren spielen.  Und zu nennen ist natürlich Mr. Henry James himself, der mit seinem Roman die Vorlage für die scharfzüngigen und hintersinnigen Dialoge geschaffen hat, die hier so geschliffen vorgetragen werden. Ein Film, der mehr wie ein Theaterstück wirkt, und genau das muss man eben nicht mögen, aber man kann, wenn man eine Antenne für diese Art von Geschichten hat.


8,0
von 10 Kürbissen

Die dunkelste Stunde (2017)

Regie: Joe Wright
Original-Titel: Darkest Hour
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Kriegsfilm, Biopic
IMDB-Link: Darkest Hour


Gary Oldman ist unbestritten einer der besten und wandlungsfähigsten Schauspieler der Gegenwart. Dass er bislang noch nicht zu Oscar-Meriten gekommen ist, verwundert doch sehr. Das wird sich aber mit dem 4. März 2018 ändern. Denn dann wird Gary Oldman für seine Rolle als Winston Churchill in „Darkest Hour“ ausgezeichnet werden. Alles Andere wäre absurd bis grob fahrlässig von der Academy. Der Film selbst ist ein klassisches Biopic-Drama mit allen diesem Genre zuordenbaren Stärken und Schwächen. Will man halbwegs seriös bleiben in diesem Genre, lassen sich halt nur wenige dramaturgische Veränderungen der Handlung vornehmen, was dieser – neben der Tatsache, dass sie den meisten Zusehern ohnehin geläufig ist – fast immer etwas an Spannung kostet und die Möglichkeiten, die Geschichte interessant und frisch zu erzählen, drastisch reduziert. Gleichzeitig aber lebt das Genre vom Bezug auf die historisch realen Personen und lässt und diese besser kennenlernen. Auch das kann interessant sein bzw. ist es auch im Fall von „Darkest Hour“. Womit wir wieder beim überragenden Gary Oldman wären, der Churchill nicht nur spielt, sondern ihn wieder lebendig werden lässt. Ähnliches ist Daniel Day-Lewis vor einigen Jahren in „Lincoln“ gelungen. Es braucht aber Ausnahmekapazunder wie eben Daniel Day-Lewis, Gary Oldman oder Helen Mirren (als Queen Elizabeth II.), damit diese Unternehmung gelingt und der Film nicht zu spannungsarmer Dutzendware verkommt. Denn an sich ist die Geschichte in „Darkest Hour“ trotz der historischen Relevanz und inhärenten Dramatik nur bedingt dazu geeignet, das Publikum in die Sitze zu kleben: Es geht um die ersten Wochen der Regierungszeit von Winston Churchill, der die undankbare Aufgabe übertragen bekommt, im Kriegsjahr 1940 die Kohlen für Großbritannien, das im Krieg gegen das Deutsche Reich schon verloren aussieht, doch noch aus dem Feuer zu holen, und das gegen innere Widerstände, denn die meisten seiner Parteifreunde bevorzugen die Kapitulation in Form von Friedensgesprächen mit Hitler. Joe Wright, der Regisseur, zeichnet dabei ein durchaus privates und intimes Porträt von Winston Churchill, konzentriert sich dabei im Großen und Ganzen aber dennoch auf seine Funktion als Staatsmann und auf das politische Hickhack seiner Zeit. Wie gesagt, das alles ist historisch relevant, aber für die Dramaturgie eines Films nicht ganz ideal. So bleibt Joe Wright auch auf sicheren konventionellen Pfaden. Allerdings wird der Film veredelt durch die schauspielerische Glanzleistung von Gary Oldman. Und allein deshalb schon funktioniert „Darkest Hour“ wirklich gut und bleibt jeden Augenblick interessant.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 51 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

 

Dance, Girl, Dance (1940)

Regie: Dorothy Arzner
Original-Titel: Dance, Girl, Dance
Erscheinungsjahr: 1940
Genre: Komödie, Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Dance, Girl, Dance


2017 ist das Jahr, das in die Geschichte eingehen wird als jenes Jahr, in dem über die Rolle der Frau und die weibliche Selbstbestimmung in einer männlich dominierten Gesellschaft gesprochen wurde. Gut Ding‘ braucht Weile. Schon 1940 drehte Dorothy Arzner, eine der wenigen Hollywood-Regisseurinnen ihrer Zeit, mit „Dance, Girl, Dance“ einen Film, in dem es um genau diese Themen geht, die fast 80 Jahre später heiß diskutiert werden. „Dance, Girl, Dance“ ist die Geschichte zweier Revue-Tänzerinnen, die von Ruhm und Anerkennung träumen – die eine (Lucille Ball) in Form von Reichtum und gesellschaftlichem Status, die andere (Maureen O’Hara) sieht sich als erfolgreiche Tänzerin im Ballett.  Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch schweißt sie das Schicksal zusammen, als Bubbles, die gekonnt ihre Reize einsetzt, um an das Ziel ihrer Träume, eben ein Leben in Luxus, zu kommen, in einer Burlesque-Show als Tiger Lilly groß herauskommt. Sie, der Star der Show, bietet ihrer alten Freundin Judy einen Job auf der Bühne an. Sie soll das männliche Publikum durch eine unschuldig-naive Ballett-Darstellung zwischen ihren Auftritten scharf auf das heiße Luder Tiger Lilly machen – eine erniedrigende Arbeit, aber die Zeiten sind hart für allein stehende junge Damen, und das Geld ist knapp. Als die rücksichtslose und ehrgeizige Bubbles auch noch ein Auge auf Judys reichen Verehrer wirft, ist endgültig Feuer am Dach.

„Dance, Girl, Dance“ spielt gekonnt mit den Extremen, die von Judy und Bubbles dargestellt werden. Naive Unschuld vs. laszive Verführung. Der Traum von Selbstverwirklichung vs. der Traum von Luxus. Beiden ist aber gemein, dass sie als Frauen in einer männlichen Welt nur über Umwege, Unterordnung und Selbsterniedrigung an ihre Ziele kommen (können). Nirgends wird das deutlicher als in der grotesken Burlesque-Show, wenn zunächst Bubbles als Tiger Lilly den Männern einheizt, der gröhlenden Masse, die sich selbst und die Herrschaft über die weiblichen Reize feiert, und dann Judy, die Unschuld, mit Gelächter und Obszönitäten bedacht wird. In diesen Momenten ist der Film sehr stark. Allerdings kann man durchaus bemängeln, dass das Ende nicht ganz so konsequent ist, wie man sich das vielleicht angesichts der Thematik wünschen würde – hier geht der Film dann Kompromisse ein zugunsten der breiten Massentauglichkeit. Dennoch ein guter, sehenswerter und heute vielleicht besonders aktueller Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 46 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Aus dem Nichts (2017)

Regie: Fatih Akin
Original-Titel: Aus dem Nichts
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Aus dem Nichts


„Aus dem Nichts“ von Fatih Akin erzählt drei Geschichten, die in sich geschlossen eine einzige ergeben: Teil 1, „Die Familie“, ist eine Geschichte von Verlust und Trauer. Katja (Diane Kruger, wohl in der Rolle ihres Lebens) muss erfahren, dass bei einem Bombenattentat ihr türkischstämmiger Mann und ihr Sohn getötet wurden. Die Polizei ermittelt. Und nicht nur, dass sie diesen tragischen Verlust erst einmal verkraften muss, sie sieht sich zusätzlich Ressentiments gegenüber, wenn der sture Hauptkommissar partout einen Drogenfall daraus schnitzen möchte. Selbst die eigene Familie ist in dieser Situation keine Hilfe, im Gegenteil. Alte Gräben tun sich von Neuem auf. Teil 2, „Die Gerechtigkeit“, erzählt von der Gerichtsverhandlung gegen die Täter, die nun tatsächlich aufgegriffen wurden, ein Neonazi-Paar. Doch wie sieht es aus mit der Gerechtigkeit? Alle Fakten liegen auf dem Tisch – doch reicht das für eine Verurteilung, zumal sich der Strafverteidiger (Johannes Krisch als unglaublich unsympathischer Kotzbrocken) als gewieft und mit allen Wassern gewaschen herausstellt? In Teil 3, „Das Meer“, schließlich geht es um den Abschluss des Ganzen, um die Frage nach Selbstjustiz, Moral, Gewalt und Gegengewalt. Die Spirale hat sich zu drehen begonnen, doch kann sie auch aufgehalten werden? Fatih Akin erzählt diese drei Geschichten, die eine ergeben, sehr unaufgeregt und stilistisch zurückhaltend. Der Film lebt im Grunde allein von Diane Kruger, die die gewaltige Last, die glückliche Mutter genauso wie die emotional gebrochene Hinterbliebene und die wütende Witwe in einem Film meistern zu müssen, mit einer Bravour trägt, die ich ihr, ehrlich gestanden, nicht zugetraut hätte. Aber völlig verdient hat sie für diese Rolle in Cannes dafür den Preis als beste Schauspielerin bekommen. Und ich sehe sie durchaus als Dark Horse für die kommenden Oscar-Nominierungen. Dass sich meine Moviepilot-Prognose von 8,5 dann doch nicht ganz bewahrheitet hat, liegt vor allem daran, dass der Film in manchen Momenten einen etwas unentschlossenen Eindruck macht und die letzte Konsequenz scheut. So bleibt er lieber auf genrevertrauten Pfaden. Auch nehmen die Nebenfiguren, inklusive der beiden Attentäter, mit Ausnahme des Freunds und Rechtsanwalts Danilo (Denis Moschitto) keinen Raum ein – sie bleiben als Stichwortgeber blass und eindimensional. So bleibt erst einmal „Gegen die Wand“ Fatih Akins Meisterwerk. An die Qualität dieses Films kommt „Aus dem Nichts“ dann doch nicht ganz heran.


7,0
von 10 Kürbissen

Helle Nächte (2017)

Regie: Thomas Arslan
Original-Titel: Helle Nächte
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Helle Nächte


Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Muss er aber nicht, wie Thomas Arslan in „Helle Nächte“ zeigt. Der Film, für den Georg Friedrich den Silbernen Bären für den besten Darsteller in Berlin abgreifen konnte, erzählt von einer Vater-Sohn-Annäherung. Der Großvater ist gestorben und wird in Norwegen, wo er lange gelebt hat, beerdigt. Der Vater nutzt die Gelegenheit, seinen Sohn aus einer früheren Beziehung auf eine Reise durch Norwegen mitzunehmen, wenn man schon mal da oben sitzt, um da vielleicht doch mal wieder so etwas wie eine Beziehung aufzubauen. Blöd ist nur, dass zum Einen die Nächte so weit nördlich nie ganz dunkel werden, was sich allmählich negativ auf den Energiehaushalt des sonst so stoischen Vaters auswirkt, was dessen Zündschnur in weiterer Folge verkürzt. Und blöd ist auch, dass der Sohn nach dem Vater kommt, auch wenn er etwas besser schlafen kann – aber auch er schwankt zwischen Stoizismus und gelegentlichen Ausbrüchen. Und wirklich blöd für die Zuseher ist, dass mit Ausnahme von Georg Friedrich (den ich allerdings auch nicht so überragend gesehen hätte wie die Berliner Jury) keine Socke in dem Film schauspielern kann. Und noch blöder ist, dass nichts, wirklich gar nichts passiert. Das Drama spielt sich im Verborgenen ab. Die Annäherung erfolgt in mikroskopisch kleinen Schritten. Ja, das kann ja ganz nett gemeint sein, und ich bin auch bei solchen Filmen sehr für Subtilität, aber es fehlt trotzdem der Bogen, der mich an der Stange hält. Ich sehe, in welche Richtung der Regisseur arbeiten wollte, nur erreicht er sein Ziel bei diesem Tempo geschätzt in Stunde 39 des Films, aber da die Studios halt nur 1,5 Stunden finanziert haben, muss er seine zwei schweigsamen Wandersleut‘ halt doch wieder in den Flieger zurück setzen, und man kann sich im Publikum nun beim Weiterspinnen der Geschichte vorstellen, wie die beiden irgendwann im Jahre 2047 zu Papas 70. Geburtstag die lang ersehnte Aussprache haben, deren Samenkorn 2017 in Norwegen gesät wurde. Nur ist es da für mich schon zu spät. Bis dahin habe ich 5.000 andere Filme gesehen und kann mich an „Helle Nächte“ nicht mehr erinnern. So bleiben vom Film nur einige sehr schöne Aufnahmen von Norwegen, der kurz aufblitzende Gedanke, mal wandern gehen zu wollen (und schon wieder verworfen) sowie ein solider Georg Friedrich, für den es mich freut, dass er in Berlin so geehrt wurde – aber ich sehe ihn hier auch nicht besser als in anderen seiner Filme.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Baarìa (2009)

Regie: Giuseppe Tornatore
Original-Titel: Baarìa
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Baarìa


Ach, Giuseppe Tornatore, du Chronist sentimentaler Bubenträume. Bei „Cinema Paradiso“ hast du mich am Schluss zum Schluchzen gebracht. „Der Zauber von Maléna“ ist der Grund, warum ich auch heute noch nervös werde, wenn ich den Namen Monica Bellucci höre. Und nun „Baarìa“, das groß angelegte sizilianische Familienepos, das den Bogen von den 1920ern bis in die Jetztzeit spannt. Doch wir müssen reden, Giuseppe. Nämlich darüber, warum du all dein handwerkliches Können, das dir unter Anderem für „Cinema Paradiso“ den Oscar einbrachte, für diesen Film vergessen hast. Ja, ich erkenne die Intention hinter deinem Vorhaben, die Geschichte vom armen Kommunisten Peppino in Schlaglichtern zu erzählen – es soll ein groß angelegtes Panorama werden und alle Aspekte des italienischen Lebens, ob Politik, Kirche, Familie, Besatzungszeit, wirtschaftlicher Aufschwung, alte und neue Ideale, Emanzipation und Freiheit etc. in sich vereinen. Aber ganz ehrlich: So ganz kannst du doch bitte dein Gespür für Rhythmus, für den jedem Film innewohnenden Takt doch nicht verloren haben! Hörst du nicht Ennio Morricones sanfte Musik? Warum unterläufst du sie, durchbrichst sie, karikierst sie, indem du wahllose komödiantische Szenen an traurige Szenen hängst, die gerade noch von Morricones Streichern ausgeklungen werden? Oh, Giuseppe, überhaupt – wo ist dein roter Faden, was hält deinen Film zusammen? Die  herzzerreißende Schlusssequenz nach bitter langen 140 Minuten allein ist zu wenig, so leid es mir auch tut. Hier zeigst du zwar noch einmal, was du wirklich kannst, aber es ist zu spät, fast 2,5 Stunden zu spät. Hach, ich hätte mich so gern wieder verzaubern lassen, doch nein, Giuseppe, dein „Baarìa“ funktioniert nicht, es wirkt hilflos zusammengestückelt, als wäre es dir über den Kopf gewachsen so wie am Ende die Stadt selbst dem kleinen Peppino. Und das tut mir leid.


3,5
von 10 Kürbissen

Detroit (2017)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: Detroit
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Detroit


Detroit 1967. Motor City leidet unter Arbeitslosigkeit und der Abwanderung der Menschen in die Suburbs. Die schwarze Bevölkerung ist in engen Vierteln zusammengepfercht. Wut über die soziale Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit führen dazu, dass es in diesem Kochtopf gewaltig zu brodeln beginnt. Die Polizei begegnet der Bevölkerung mit zunehmender Härte. Als schließlich eine Razzia eskaliert, kommt es zu gewalttätigen Aufständen der Schwarzen, die kurzerhand ein ganzes Viertel zerlegen und abfackeln. Es herrschen bürgerkriegsartige Zustände. Mitten in die Klimax hinein erlaubt sich ein junger Schwarzer im Algier-Motel, eine Mischung aus Partyzone und Refugium, einen folgenschweren Scherz. Die Polizei vermutet einen Heckenschützen im Motel und stürmt dieses ohne Rücksicht auf Verluste.

Die letzten beiden Filme von Kathryn Bigelow, „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“, kann man als politische Kriegsfilme bezeichnen. „Detroit“, obwohl es um die Bürgerrechtsbewegung geht und der Film ausschließlich in der US-amerikanischen Stadt spielt, reiht sich da nahtlos ein. Bigelow ist eine Regisseurin, die wie keine zweite das Chaos des Krieges und die Traumata, die daraus entstehen, festhalten kann. Umso erschreckender, dass die Handlungen, die sie in „Detroit“ zeigt, nicht aus einem fernen Kriegsgebiet stammen, sondern sich tatsächlich in den 60ern in der fünftgrößten Stadt der USA zugetragen haben. Kathryn Bigelow bleibt, auch dank der nervös zuckenden Handkamera von Barry Ackroyd (oscarnominiert für „The Hurt Locker“), stets nah am Geschehen. Die ersten zwei Stunden des Films sind ein permanenter Schlag in die Magengrube. Selten habe ich das Ungleichgewicht von Macht und Ohnmacht so überzeugend und physisch spürbar auf Film gebannt gesehen. Leider fällt das Ende dann ein bisschen ab. Die Aufarbeitung der Geschehnisse bräuchte nämlich im Grunde einen eigenen Film und wird hier etwas lieblos und fast zu schnell abgespult, sodass der Film am Ende trotz 2,5 Stunden Laufzeit etwas gehetzt wirkt. Trotzdem: Die ersten 1,5 bis 2 Stunden gehören zum Besten, was ich in diesem Filmjahr gesehen habe. Unglaublich eindringlich und mitreißend.

Eine Anmerkung am Rande noch: Nach „Licht“ ist das der zweite Film in jüngerer Zeit, in dem mir die Abmischung des Tons extrem positiv aufgefallen ist. Auch das trägt zu der beklemmenden Stimmung von „Detroit“ bei.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin Filmverleih)

Satanstango (1994)

Regie: Béla Tarr
Original-Titel: Sátántangó
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Drama
IMDB-Link: Sátántangó


Susan Sontag meinte einst, dass ihr „Satanstango“ so sehr imponiere, dass sie ein Ritual daraus gemacht hätte, diesen einmal pro Jahr zu sehen. Nun muss man wissen, dass „Satanstango“ von Béla Tarr, die gleichnamige Verfilmung des Romans von László Krasznahorkai (der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat), eine Laufzeit von stattlichen 450 Minuten, also 7,5 Stunden, hat. Das allein wäre ja noch nicht so wirklich abschreckend – wenn man gut unterhalten wird, vergeht auch so eine Arbeitstaglänge recht schnell. Doch wenn man nun mitberücksichtigt, dass es sich bei dem Film um ein sehr düsteres, deprimierendes und handlungsarmes Schwarz-Weiß-Drama handelt, das bei einer Laufzeit von 7,5 Stunden mit nur 150 Schnitten auskommt, gerät man im Vorfeld ein bisschen ins Grübeln, ob man sich das tatsächlich antun möchte – und dann vielleicht sogar noch jedes Jahr. Und ja: „Satanstango“ in einem Durchlauf (mit Pinkelpausen) anzusehen, ist schwere Arbeit, und man ist danach gerädert und reif fürs Bett. Man fühlt sich ein bisschen wie von einer Planierraupe überfahren – und zwar jener in der denkwürdigen Szene in „Austin Powers“ (kann hier nachgeguckt werden). Dennoch. Wer sich darauf einlässt (und sich in der geeigneten physischen wie psychischen Verfassung für den Film befindet), macht eine Filmerfahrung wie noch keine jemals zuvor – das ist ein Versprechen. Irgendwann versinkt man in den Dauerregen, den Matsch, die bröckelnden Häuser, den Schimmel, die leeren Blicke der Dorfbewohner – die Tristesse wird hier zur Kunstform erhoben und die Schrauben drehen sich unerbittlich fester und fester – es gibt kein Entrinnen, weder für die Protagonisten, noch für die Zuseher. Der Inhalt ist im Grunde rasch erzählt: In einem fast verlassenen Dorf fristen die armen Dorfbewohner ihr kärgliches Dasein zwischen Alkoholexzessen und Misstrauen. Sie wollen alle weg aus diesem Dorf, gleichzeitig versuchen sie, sich gegenseitig aufs Ohr zu hauen. Die Ankündigung, dass der für tot geglaubte Irimiás mit seinem Freund Petrina ins Dorf kommen wird, versetzt sie in Aufregung. Irimiás scheint für sie ein Ausweg zu sein. Doch er ist ein falscher Prophet. Nicht nur, dass er als Polizeispitzel arbeitet, er bringt die Dorfbewohner auch noch um ihr Geld und später um ihre Träume, die sich zwischen Nebel und Regen langsam auflösen. Könnte man diese Geschichte kürzer erzählen? Natürlich! Und doch hat man am Ende das Gefühl, dass jede dieser gerade gesehenen 450 Minuten notwendig war – denn erst dadurch begreift man die Trostlosigkeit der Dorfbewohner in ihrem ganzen Ausmaß. „Satanstango“ entwickelt dabei einen überwältigenden Sog und stellt sämtliche Sehgewohnheiten auf den Kopf, wenn beispielsweise die Kamera noch minutenlang in einem leeren Raum verbleibt, während man nur noch hört, wie draußen die Türen geschlossen werden und die Schritte langsam verhallen. Jeder Moment wird ausgekostet bis zum Gehtnichtmehr und entwickelt darin eine seltsame Schönheit. Und auch auf die Menschen entwickelt man dank der minutenlangen Einstellungen einen völlig neuen Blick. Man erkennt sie in ihrer Ganzheit – ihre Träume und Sehnsüchte genauso wie ihre Fehler und Abgründe. Sie müssen dabei gar nicht viel sagen. Es reicht, wenn die Kamera auf ihre Gesichter hält, in denen sich alles abspielt, was man wissen muss. Ein Film wie kein Zweiter – allerdings auch kein Film, den man sich mal so nebenbei ansehen kann. „Satanstango“ verlangt einem alles ab.


9,5
von 10 Kürbissen

Licht (2017)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Licht
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Licht


Daran, dass es um die österreichische Filmlandschaft derzeit so gut bestellt ist, hat Barbara Albert einen wesentlichen Anteil, wird doch ihr Film „Nordrand“ aus dem Jahr 1999 gerne als Initialzündung für die neue Ära des österreichischen Films gesehen. Was sich seither als Konsens etabliert hat: Wir sind als Filmnation irrsinnig gut darin, bittere Sozialdramen und schwarzhumorige bis zynische Komödien zu drehen, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Was erstaunlich selten vorkommt (angesichts der üppigen Historie, aus der man sich bedienen könnte), sind Kostümfilme. „Amour Fou“ von Jessica Hausner fällt mir da spontan ein, aber dann ist auch schon so ziemlich aufgeräumt. „Licht“ von Barbara Albert stößt nun in diese Lücke – und wie! Denn zum Einen ist die Geschichte der blinden Pianistin Maria Theresia von Paradis und ihrer Begegnung mit dem „Wunderheiler“ Franz Anton Mesmer ein exzellent recherchiertes und in Tonfall und Ausstattung sehr authentisch wirkendes Historiendrama par excellence, zum Anderen aber hat der Film einen sehr eigenen, individuellen Rhythmus, der ihn von vergleichbaren Filmen deutlich abhebt. Auch bietet der Film selbst keine Antworten auf die Fragen, die er aufwirft – nach Selbstbestimmung, Bestimmung, Talent vs. Lebensglück – das heißt, dass der Zuseher gefordert ist, sich seine eigenen Antworten zu basteln. Vor allem lebt „Licht“ aber von seiner herausragenden Hauptdarstellerin. Maria Dragus als blindes Musik-Genie, die hin- und hergerissen ist zwischen ihren dominanten Eltern, die große Pläne für sie haben, und der freundschaftlichen Zuneigung Mesmers, der ihr ein besseres Leben verspricht, ist grandios. Wenn sie ihre Augen aufreißt und diese wie große Murmeln in den Augäpfeln kullern auf der Suche nach der Lichtquelle, die sie vage wahrnehmen, dann ist das eine physische Art des Schauspiels, wie ich sie bisher kaum, vielleicht noch nie, gesehen habe. Auch der Rest des Casts weiß zu überzeugen, v.a. Maresi Riegner als Kammerzofe Agnes, aber es ist Maria Dragus, die diesen Film bestimmt, die Herz und Seele und Körper von „Licht“ in sich vereint, und die die steife aristokratische Etikette immer wieder mit Wärme und Emotionen durchbricht. Was mir ebenfalls aufgefallen ist: In kaum einem anderen Film wird der Gehörsinn so sehr bedient wie in „Licht“. Die Geräuschkulisse ist sehr spärlich, aber extrem gut akzentuiert eingesetzt, und das Publikum nimmt, gleich der sehbehinderten Hauptfigur, die Geräusche fast überdeutlich wahr. Das als Beispiel für die vielen kleinen Details, die der Film auf besondere Weise berücksichtigt, und die diesen herausheben aus der Menge. Fazit: Ab ins Kino, solange der noch läuft!


8,0
von 10 Kürbissen