Drama

Lady Bird (2017)

Regie: Greta Gerwig
Original-Titel: Lady Bird
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Lady Bird


Hin und wieder kommt ein Film daher, der einfach alles richtig macht. Und ganz gleich, ob man die Geschichten und Figuren viel mit der eigenen Lebensrealität gemeinsam haben oder nicht – man ist von ihnen gefangen und für die Dauer des Films lebt man diese erzählte Leben. So ging es mir mit „Lady Bird“, dem Regiedebüt von Greta Gerwig. Meine Identifikationsmöglichkeiten mit Highschool-Mädchen aus Sacramento, Kalifornien, sind eher beschränkt, wie ich beim Blick in den Spiegel feststellen muss, aber dennoch sind mir alle Figuren dieses Films so wahnsinnig vertraut und nah. Und das liegt am grandiosen Storytelling. Denn auch wenn die Geschichte von der 17jährigen Christine, die sich selbst Lady Bird nennt (Saoirse Ronan mit einer unfassbar ehrlichen und authentischen Leistung), auf den ersten Blick recht unspektakulär dahindriftet (es geht um Schulschwärmereien, die Wahl des Colleges, Theaterproben, das Überstehen des letzten Schuljahres, Probleme mit den Eltern), so steckt, wenn man genauer hinsieht, so viel mehr drinnen. Freundschaft. Loyalität. Familie. Die Suche nach Status, wenn man nicht zu den Wohlhabenden in seinem Umfeld gehört, und – wichtiger – nach Anerkennung und einem eigenen Platz in der Welt. Dabei werden die Protagonisten (allesamt grandios gespielt) und die Beziehungen untereinander so unaufgeregt und gleichzeitig so wahrhaftig dargestellt, wie es Filmen nur selten gelingt. Greta Gerwig kommt ohne großes Drama und ohne Schubladen aus. Die Mutter ist liebevoll und verständnislos zugleich. Der Vater depressiv, aber freundlich. Lady Bird selbst eigensinnig, aber gutherzig. Es sind Menschen mit Stärken und Schwächen und viel Liebe füreinander, auch wenn es sie es manchmal nicht einfach miteinander haben. Die Konflikte werden unaufgeregt, aber ohne Weichzeichner gezeigt. Am Ende bekommt man eine Ahnung davon, wer diese „Lady Bird“ einmal als Erwachsene sein wird, und man denkt sich: Ja, ich glaube, wir würden uns gut verstehen.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Something Useful (2017)

Regie: Pelin Esmer
Original-Titel: İşe Yarar Bir Şey
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: İşe Yarar Bir Şey


Regisseurin Pelin Esmer meinte einmal über ihre Filme, sie würde diese nicht in Prosa drehen, sondern in Poesie. Nachdem ich „Something Useful“ gesehen habe, glaube ich zu wissen, was sie damit meint. Denn vorrangig ist „Something Useful“ ein ästhetischer, aber dennoch konzentrierter Film. Die gleichen Merkmale weist auch ein gutes Gedicht aus: Ästhetik und Fokus. Erzählt wird die Geschichte einer Zufallsbekanntschaft während einer langen Bahnfahrt. Die Dichterin Leyla ist auf dem Weg zu einem Klassentreffen, dem ersten, an dem sie überhaupt teilnimmt. Im Zug lernt sie die junge Krankenschwester Canan kennen, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Zunächst muss sie aber einen pikanten Auftrag erfüllen, denn ein Bekannter hat sie gebeten, Sterbehilfe bei seinem besten Freund zu leisten, nachdem er selbst an dieser Aufgabe gescheitert ist. Und so soll Canan dem vom Hals abwärts gelähmten Yavuz die tödliche Spritze setzen. Das junge Mädchen, das zwischen Pflichtgefühl, Mitleid und Angst hin- und hergerissen ist, vertraut sich Leyla an, und die entschließt sich, Canan zu begleiten. Die Begegnung der beiden Frauen mit dem gelähmten Sterbenswilligen bietet einige der besten Dialogmomente auf, die ich in diesem Jahr bislang genießen durfte. Auch das Davor, die Reise der beiden Frauen, ist größtenteils interessant und immer wieder von Metaphern begleitet – seien es Spiegelungen, wenn Leyla aus dem Zugfenster nach draußen blickt und dabei sich selbst sieht, oder Graffitis von Raben, den Todesvögeln, die scheinbar in jedem Bahnhof auftauchen. Zwar braucht die Geschichte ein wenig Zeit, um in Fahrt zu kommen, aber allein schon das wundervolle Ende entschädigt für die gelegentlichen Längen davor. Auch schauspielerisch gibt es nichts zu bemäkeln. „Something Useful“, mein vierter und letzter Film des diesjährigen LET’S CEE Film Festivals, ist ein langsamer, und ja: poetischer Film, für den man ein wenig Geduld mitbringen sollte, die hier aber gut investiert ist.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

November (2017)

Regie: Rainer Sarnet
Original-Titel: November
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: November


Der estnische Film „November“ eröffnete das LET’S CEE Film Festival 2018. Und so vielfältig wie die zentral- und osteuropäischen Filme eben so sind, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, so viele Ebenen und Schichten hat auch „November“ selbst, der sich einer klaren Genre-Zuordnung verweigert. Am ehesten könnte man den Film als groteskes Märchen bezeichnen. Hier geben sich fröhlich Hexen, Geister, Formwandler,  die personifizierte Pest, mythische estnische Wesen, die aus Haushaltsgegenständen gebaut werden (sogenannte Kratts) sowie Luzifer persönlich ein Stelldichein. Vorrangig geht es in dieser Geschichte um die junge Liina, die in Hans verliebt ist, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, da er sich in die schöne Gräfin verschaut hat, die wiederum im Stand meilenweit über dem Rest der Dorfbewohner steht (und manchmal auch im wortwörtlichen Sinne über ihnen, da sie die Angewohnheit hat, auf dem Dach des Gutshofes schlafzuwandeln). Soweit, so klassisch. Allerdings folgt der Film nur selten konventionellen Märchenpfaden. Immer wieder driften die Situationen ins Absurde ab, selten macht etwas wirklich Sinn, und eine klassische Storyentwicklung sucht man die meiste Zeit über auch vergeblich. Das alles klingt jetzt erst einmal nicht so erbaulich. Jetzt kommt mein großes „Aber“. Aber: Der Film ist trotz aller Rätselhaftigkeit (oder vielleicht auch gerade deswegen) unglaublich interessant und spektakulär anzusehen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder – die Schattenspiele im Wald, der Nebel, der den verlassen wirkenden Gutshof umhüllt – sind atemberaubend schön. Und der Inhalt selbst, diese Verbindung von estnischer Folklore und Märchen, verschließt sich vielleicht gängigen Interpretationsmustern, wirkt aber nie inkohärent oder chaotisch. Im Gegenteil: Man folgt einer Geschichte, die nach einem ganz klar umrissenen Plan abläuft, den man nicht versteht. Dennoch fühlt man sich als Zuseher gut durch die Geschichte geleitet. Man möchte nicht allein sein im finsteren Wald, wenn Luzifer herbeigerufen wird, aber in den Händen des Regisseurs geht man auch dieses Abenteuer gerne mit. Heißt es nicht am Ende immer: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage …“? Wie so ziemlich alles in diesem Film kommt man mit gängiger Logik allerdings nicht allzu weit. Das muss man natürlich erst einmal mögen – aber falls man sich auf solche cineastischen Wagnisse einlassen und alle Erwartungshaltungen und Schablonen mal beiseite lassen kann und den Film stattdessen als sinnliches Erlebnis wahrnimmt, bietet „November“ eine Erfahrung, die man nicht missen möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 10 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Miracle (2017)

Regie: Egle Vertelyte
Original-Titel: Stebuklas
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Stebuklas


Dieser Tage läuft in Wien das LET’S CEE Film Festival, das seinen Schwerpunkt auf zentral- und osteuropäische Filme legt. Gemeinsam mit fünf weiteren Cineasten fand ich mich also am Sonntagnachmittag im Kino meines Vertrauens ein, um den litauischen Film „Stebuklas“ zu sehen. Dieser erzählt die Geschichte von Irena, Besitzerin einer Schweinefarm, die 1992, kurz nach dem Ende des Kommunismus, vor dem Bankrott steht. Da kommt der aus den USA nach Hause zurückgekehrte Bernardas mit seinen Dollars gerade recht. Der kauft Irena und ihren Teilhabern/Mitarbeitern kurzerhand die Farm ab. Der Grund, den er anführt: Auf dem Grundstück, wo sich nun die Farm befindet, war früher das Haus seiner Eltern, und er wolle den Betrieb in Gedenken an seine verstorbenen Eltern weiterführen. Doch natürlich ist nichts so, wie es scheint – der Mann hat ganz Anderes im Sinn, wie Irena, die sich ihm auch auf zwischenmenschlicher Ebene allmählich ein wenig annähert, schon bald feststellen muss. Beim Ansehen von „Stebuklas“ fielen mir zwei andere Filme ein, die in Teilaspekten deutliche Parallelen zu Egle Vertelytes Film aufweisen: „Satanstango“ von Bela Tarr und „The Treasure“ von Corneliu Porumboiu. In Ersterem ist die Parallele, das ein armes Landvolk sich von der Aussicht auf Erlösung in Form eines Fremden, der ins Dorf kommt, blenden lässt und diesem allzu bereitwillig folgt. Zweiterer ist inhaltlich nah dran an „Stebulkas“. Alle drei Filme, so unterschiedlich sie auch sind, vereint, dass sie die Nöte von Osteuropäern in prekären wirtschaftlichen Lagen sichtbar machen und auf ihre Weise einen Kommentar zu den Verheißungen des Kapitalismus abgeben, die sich letztlich für diese Menschen nicht erfüllt haben. In „Stebulkas“ erfolgt dies zuweilen mit den Mitteln der Komödie. Auch wenn ich den Film nicht als rasend komisch beschreiben würde, so finden sich zwischendurch doch immer wieder Szenen, die zum Schmunzeln anregen. Diese stehen allerdings neben sehr zynischen Szenen, die die Stimmung doch eher gedämpft halten. An sich wäre der Film eine solide Sache, in den Charakterzeichnungen vielleicht ein wenig arg übertrieben (und für eine Satire doch wieder nicht genug), aber trotzdem recht sehenswert, wäre da nicht das Ende. Ich weiß, dass in Litauen die Religion eine große Rolle spielt, und das Wunder kommt schließlich auch im Titel vor, aber, ganz ehrlich, am Ende torpediert der Film seine eigene sozialkritische Position und fährt die Geschichte mit einem fürchterlichen Erlösungs-Twist an die Wand. Nicht nur, dass in meinen Augen dieses Ende völlig unnötig ist – es wertet auch noch die bis dahin starke Hauptprotagonistin ab. Dafür gibt es Abzüge in der B-Note. Dass der Film trotzdem nicht mehr Zuseher gefunden hat und von sechs Zusehern am Ende zum Q&A mit einem der Darsteller nur noch zwei da waren (eine Litauerin mit Heimweh und der Kürbis eures Vertrauens), hat er dennoch nicht verdient. Also, Leute, rafft euch auf und seht euch die Filme des LET’S CEE-Festivals an!


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

Serena (2014)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Serena
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Serena


„Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“ George Pemberton (Bradley Cooper) hätte wohl seinen Schiller lesen sollen, ehe er Serena Shaw (Jennifer Lawrence) beim ersten Kennenlernen einen Heiratsantrag macht. Aber weil sie ja so hübsche Reh-Äuglein hat und auf Holz steht (George hat sein eigenes Holzfäller-Unternehmen), wird ganz einfach geheiratet und gefühlt zwei Minuten, nachdem der Filmtitel über den Bildschirm geflimmert ist, richten sich es die beiden schon als frisch angetrautes Ehepaar im Wald von North Carolina ein. Das dürfte einen Rekord bedeuten. Aber nach und nach stellt man gegenseitig fest, dass unüberlegte Entscheidungen zwar zu ganz witzigen Ergebnissen führen können, aber wenn man sein ganzes Leben danach ausrichtet, wäre ein bisschen Köpfchen davor ratsam gewesen. Vielleicht hätte sich George dann überlegen können, dass er sich besser um seinen unehelichen Sohn kümmern sollte, den er seiner Mitarbeiterin angedreht hat. Und Serena wiederum hätte zunächst einmal in ein paar Psychotherapiestunden den Feuertod ihrer ganzen Familie und den ungesunden Umgang mit Eifersucht aufarbeiten sollen. Und beide gemeinsam hätten erst einmal durchdenken können, ob die Aussicht auf die Abholzung des brasilianischen Regenwalds tatsächlich so verlockend ist, dass man dafür krumme Dinger dreht und es sich mit den besten Mitarbeitern, Freunden und Teilhabern verscherzt. Hätte hätte Fahrradkette. Jedenfalls haben die beiden nun einen ganzen Blumenstrauß von Problemen, mit der sie ihre frische Ehe dekorieren können. Mit ihren Mitarbeitern, mit dem Gesetz und miteinander. Ansonsten wäre es ja auch recht fad in den Smoky Mountains. Wenn man dort nicht gerade zufällig auf eine Klapperschlange latscht, erlebt man keine Abenteuer, die man nicht selbst mitgebracht hat. Leider wird aber die an sich nicht uninteressante Geschichte unterlaufen durch ihre sehr inkohärenten Hauptfiguren, die zudem von Minute zu Minute unsympathischer werden. Cooper und Lawrence bemühen sich nach Kräften, aber manchmal ist das Drehbuch einfach chaotisch und klischeebeladen, und dagegen kommen auch eine Oscar-Preisträgerin und ein mehrfach Oscar-Nominierter nicht an. (Wobei wir, liebe Academy, über die Nominierung Coopers für „American Sniper“ eh noch mal reden müssen.) Die Liebesgeschichte bleibt eine in ästhetische Bilder verpackte Behauptung, die Wendung zum Krimi hin ist nur kurz konsequent, bleibt aber prinzipiell folgenlos, und die Thriller-Elemente sind einfach nur simpel und können nicht mitreißen. Wir brauchen noch einen Bösewicht? Nehmen wir doch einfach den finster blickenden, schweigsamen Holzfäller. Nicht, dass der irgendeine Motivation für sein Handeln hätte, aber sein Bart wirkt so grimmig. Fazit: Ein schön gefilmtes Nichts. Eh irgendwie ganz nett anzusehen, aber fragt mich in ein paar Monaten noch mal, worum es geht in diesem Film. Heißt: Nein, fragt mich lieber nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Das Mädchen aus dem Norden (2016)

Regie: Amanda Kernell
Original-Titel: Sameblod
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Sameblod


Seit einer Woche hat das Filmcasino in Wien nach der Übernahme des Filmhauses am Spittelberg einen neuen Ableger. Gemütliche Atmosphäre, sympathische Mitarbeiter, die mit allem noch ein bisschen überfordert sind (wird schon noch) und auf der Playlist der angeschlossenen Bar Joy Division, The Breeders und Fugazi. Feels like home. Mein Einstand war nun „Sameblod“ aus Schweden. Wir wissen ja seit Hans Huber: Die Schweeeeeeden sind ein ganz harter Brocken! Trifft das nun auch auf Amanda Kernells ersten Langfilm zu? Ein Schwergewicht ist „Sameblod“ jedenfalls, was Filmpreise und Auszeichnungen betrifft. Venedig, Tokyo, Göteborg, Thessaloniki, Seattle – das ist nur ein Auszug der Festivals, die den Film mit einem oder mehreren Preisen ausgezeichnet haben. Und nach Sichtung des Films kann ich sagen: Das ist absolut nachvollziehbar. Denn „Sameblod“ ist ein gut gemachtes, vor allem exzellent gespieltes Drama, das sich mit der Geschichte der Samen, der Indigenen des Nordens Europas, auseinandersetzt und die Unterdrückung und den Rassismus, der ihnen u.a. in Schweden lange Zeit widerfahren ist, ohne Übertreibungen und Dramatisierungen sichtbar macht. Die großartige Newcomerin Lene Cecilia Sparrok spielt das Samenmädchen Elle-Marja, das nicht länger seinem Volk angehören möchte und davon träumt, in die Stadt zu gehen. Widerstand stößt es dabei auf allen Seiten: Das Unverständnis der Mutter, der Rassismus der Schweden, die Überheblichkeit ihrer Lehrerin, das Zerwürfnis mit der Schwester. Dennoch geht sie mutig ihren Weg, nabelt sich dabei von ihrer Kultur ab auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch kann man das alte Leben und die Kultur, in der man aufgewachsen ist, sogar den Namen so einfach abstreifen? Amanda Kernell gibt dazu kein klares Statement ab. Auch am Ende, wenn sich der Kreis schließt und die alte Elle-Marja (Maj-Doris Rimpi mit einer unfassbar physischen Präsenz), die nach ihrem Fortgang den Rest ihres Lebens nur noch als Christina bekannt war, zur Beerdigung ihrer Schwester ins Land der Samen zurückreist, gibt es keine klaren Antworten, nur die Verwundungen eines Lebens, die sich in den Augen spiegeln. Was vielleicht ein wenig zu kurz kommt, ist die historische Anmutung. Der Hauptteil der Handlung spielt in den 30er Jahren, und davon ist nicht viel zu spüren. Auch auf das Leben der Samen wird nicht wirklich eingegangen, hier fehlt vielleicht das eine oder andere kleine Puzzleteil zu einem noch besseren Verständnis des Films, aber dennoch ist „Sameblod“ sehr eindringlich und gut gemacht. Ein würdiger Auftakt für das neue Filmhaus am Spittelberg.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Crime and Punishment (1983)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Rikos ja Rangaistus
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Rikos ja Rangaistus


Sich als Debütfilm die Verfilmung des bekanntesten Dostojewski-Wälzers „Schuld und Sühne“ vorzunehmen, erfordert schon eine gewisse Selbstsicherheit. Kaurismäki scheint diese jedenfalls zu haben. Schon sein erster Langfilm weist die für Kaurismäki typische Lakonie auf. Raskolnikow, der Russe, wird in der modernen Adaption zum Finnen Rahikainen, die Pfandleiherin, in der Raskolnikow die „Laus“ sieht, die man beseitigen darf, zum Industriellen Honkanen, die Motive verlagern sich ein wenig von der Rechtfertigung eines Mordes aus „Übermenschen-Sicht“ zu persönlicheren Hintergründen, die zufällig hinzugestoßene Augenzeugin (im Roman die Schwester des Mordopfers, im Film die Mitarbeiterin eines Catering-Service) wird bei Kaurismäki verschont – die Interpretation des Romans ist sehr frei, was Kaurismäki erlaubt, seinen eigenen, ganz persönlichen Blick auf die Frage nach Moral, Verbrechen und Strafe zu werfen. Wie auch Dostojewskis Raskolnikow plagt den „zufälligen“ Mörder Rahikainen (sehr eindringlich gespielt von Markku Toikka) bald schon das Gewissen. So kaltblütig wie in der Theorie ist der Mensch nun doch nicht. Und auch das Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern rückt immer mehr in das Zentrum der Handlung. Dabei bleibt Kaurismäkis Blick aber – wie für ihn üblich – distanziert. Was im Gegensatz zu seinen späteren Werken noch fehlt, ist der für ihn typische lakonische Humor. Allein der grandiose Matti Pellonpää in einer Nebenrolle sorgt für gelegentliche Auflockerung. Ansonsten ist „Crime and Punishment“ eine sehr ernsthafte Angelegenheit, die stellenweise auch etwas mühsam wird mit ihrem langsamen Tempo und der Distanz, die sich zwischen Protagonisten und Zusehern aufbaut. Es ist eben doch nicht so einfach, eines der psychologisch ausgefeiltesten Werke der Literaturgeschichte auf 1,5 Stunden Filmrolle zu packen. Aber allein schon für das mutige Unterfangen, den respektvollen, aber sehr eigenen und selbstsicheren Umgang mit dem Stoff und der Tatsache, dass Kaurismäki daran zumindest nicht gescheitert ist, gebührt dem Mann Applaus.


6,0
von 10 Kürbissen

Im Zweifel glücklich (2017)

Regie: Mike White
Original-Titel: Brad’s Status
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Brad’s Status


Brad Sloan (Ben Stiller) hat eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann: Eine liebevolle Frau, einen intelligenten und wohlgeratenen Sohn, der demnächst aufs College wechseln wird, ein schönes Haus, einen interessanten Job in seinem eigenen kleinen Non-Profit-Unternehmen, einen phlegmatischen Hund, der süße Grunzlaute ausstößt, wenn man ihm unterm Kinn krault. Brad Sloan hat aber ein Problem: Es lautet Brad Sloan. Denn aus irgendwelchen seltsamen, nicht nachvollziehbaren Gründen fühlt er sich vom Leben betrogen. Er ist nicht im Fernsehen, er hat keinen eigenen Privatjet, er vögelt nicht mit jungen Collegehaserln am Strand, und jetzt geht der Nachwuchs vielleicht sogar noch auf eine bessere Universität als er selbst. Das ist doch mal echt ein Grund, 101 Minuten lang eine Leichenbittermiene aufzusetzen und seine Gedanken in einer endlosen Achterbahn um die unfaire Welt kreisen zu lassen. Beim Zuseher baut sich derweilen auch eine Emotion auf: Ärger. Selten war der Wunsch größer, die vierte Wand rückwärts zu durchbrechen, also a la Last Action Hero in den Film einzusteigen und der Hauptfigur links und rechts eine zu betonieren. Oder zwei, wenn sie noch lange herumsudert. Oder drei. Sicher ist sicher. Natürlich versucht Mike White in seinem seltsam misanthropischen Feelgood-Movie, am Ende die Kurve zu kriegen und seinem Brad Sloan statt einer ordentlichen Gnackwatschn eine Erkenntnis zu bescheren, aber da ist es schon zu spät, da lässt sich nichts mehr retten. Wenn man irgendeinen netten, sympathischen Zug an Brad Sloan entdecken kann (im Sinne von „Na ja, ein Arschloch ist er, aber er hat immerhin saubere Hemden an“), könnte der Film vielleicht sogar funktionieren, wie einige gute Kritiken dazu vermuten lassen. Aber sorry, dafür müsste ich mehr Augen inklusive aller Hühneraugen zudrücken als Ben Stiller Filme gedreht hat mit einem der Wilson-Brüder (hier mal wieder Luke Wilson). Fazit: Wer Ben Stiller auf Sinnsuche erleben möchte, sollte lieber zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty greifen.


3,5
von 10 Kürbissen

The Lobster (2015)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Lobster
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Fantasy, Satire
IMDB-Link: The Lobster


Vorweg: Der griechische Regisseur Giorgios Lanthimos hat einen an der Waffel. Definitiv. Oder gute Drogen. Oder beides. Aber das ist gut so. Denn nur deshalb kommen wohl solch außergewöhnlichen Filme wie „Dogtooth“ oder eben „The Lobster“ zustande, die verstören, aufwühlen und lange nachhallen. Worum geht es in „The Lobster“? In einer dystopischen Nah-Zukunfts-Welt oder einer alternativen Gegenwart (so ganz klar wird das nicht) müssen alleinstehende Erwachsene für 45 Tage in ein Hotel mit Rundum-Betreuung ziehen und innerhalb dieser 45 Tage einen Partner bzw. eine Partnerin finden. Gelingt ihnen das nicht, werden sie nach Ablauf der Frist in ein Tier ihrer Wahl transformiert und im Wald ausgesetzt. Sie können die Aufenthaltsdauer im Hotel verlängern, indem sie „Loners“ betäuben und einfangen – Menschen, die sich gegen ein Leben in Partnerschaft entschieden haben und in Grüppchen als Outsider durch die Wälder streifen. Und als wäre das alles nicht schon bizarr genug, finden sich die Paare über gemeinsame Merkmale wie ein hinkendes Bein oder Nasenbluten. Daraus resultiert dann ein lakonisches Kunstwerk, das zwischen bitter-zynischer Komödie, verstörender Dystopie und schwarzhumoriger Parabel über Beziehungssuche und das menschliche Bedürfnis nach Bindung changiert. Colin Farrell in der Hauptrolle spielt so gut wie noch nie zuvor, aber auch der Rest des Casts kann mit zurückhaltendem, nuanciertem Spiel überzeugen. Einige Szenen gehen massiv an die Nieren, und das Lachen bleibt dem Zuseher des Öfteren auch im Hals stecken. Ein Meisterwerk.


9,0
von 10 Kürbissen

Das bessere Leben (2011)

Regie: Małgorzata Szumowska
Original-Titel: Elles
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Elles


Es gibt drei Gründe, „Das bessere Leben“ anzusehen: Juliette Binoche sowie Joanna Kuligs linke Brust und Joanna Kuligs rechte Brust. Ist man eine heterosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann, reduziert sich das auf Juliette Binoche. Diese spielt eine Reporterin, die für das Magazin Elle zwei junge Callgirls interviewt. Die beiden jungen Damen leben nach außen hin ein bürgerliches, studentisches Leben und haben es folglich nicht immer leicht, Privates und Beruf voneinander zu trennen. Im Laufe des Interviews kommt Anne, die Reporterin, den Mädchen emotional näher, sie freunden sich gewissermaßen an. Gleichzeitig wirkt Anne in ihrem Familienalltag ein wenig unentspannt, sie kann nicht loslassen. Wer sich jetzt die Frage stellt „So what?“, hat des Pudels Kern ganz gut erfasst. So what? Irgendwie führt der Film zu nichts. Will er ein Statement gegen Prostitution abgeben? Nein. Dazu ist das alles (mit einer Ausnahme) zu harmlos und zu lieblich in Hochglanzbildern dargestellt. Ist es ein Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau? Auch nicht wirklich. Denn so richtig selbstbestimmt wirkt niemand in diesem Film. Es fehlt das Ziel. Worauf will der Film hinaus? Welche Geschichte will er erzählen? Über die Verruchtheit, die in den Alltag einbricht? Dafür ist das Erzählte viel zu glatt und oberflächlich. Und so sitzt „Das bessere Leben“ irgendwie zwischen den Stühlen und kann sich nicht entscheiden, was es sein möchte. Nur Juliette Binoche ist gut wie fast immer. Sie spielt ihre Anne mit einer Mischung aus Neugier und Verletzlichkeit. Einzig diese Figur zeigt ein wenig Tiefe, aber auch da weiß man am Ende nicht, wohin die Geschichte diese Figur führen möchte. Am Ende bleibt der Eindruck, dass man hier mal was ganz Verruchtes machen wollte, über Prostitution und so, ganz heißes Thema, damit können wir die Klassikradio hörenden Spießbürgerlichen aufrütteln, da machen sie Augen ob der Abgründe, die sich aus ihren Begehrlichkeiten auftun. Ja eh. Gähn. Das Ergebnis ist so glattgebügelt und nichtssagend wie das Hochglanzmagazin, für das im Film die Reportage geschrieben werden soll.


5,0
von 10 Kürbissen