Drama

First Reformed (2017)

Regie: Paul Schrader
Original-Titel: First Reformed
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: First Reformed


Wenn man sich den Zustand der Welt heute ansieht, kann man schon vom Glauben abfallen. So geht es jedenfalls Michael (Philip Ettinger), dem Mann von Mary (Amanda Seyfried). Die ist schwanger, und Michael, ein überzeugter Umweltaktivist, hadert mit dem Gedanken, Nachwuchs in die Welt zu setzen, wenn diese Welt knapp vor dem totalen Kollaps steht. Mary wiederum hätte gerne Kinder, weshalb sie Reverend Toller (Ethan Hawke) bittet, ihrem Mann ins Gewissen zu reden. In einer Dialogszene, deren Intensität an die erste Verhörszene in Tarantinos „Inglorious Basterds“ erinnert, merkt Toller schon bald, wie schwer es ist, jemandem Hoffnung zu machen, wenn man selbst schon knapp vor dem Abgrund stand und fast alle Hoffnung verloren hat und mit Fragen konfrontiert wird, auf die man keine Antworten hat. Der Kampf um das ungeborene Kind wird in einer dramatischen Wendung plötzlich zum Kampf um die eigene Seele. Und was tun, wenn man dann auch noch einen Schuldigen vor Augen hat? Darf man Schuld auf sich laden, um noch größere Schuld zu verhindern? Das Gewissen des Kirchenmannes wird mit jedem Tag mehr belastet, und schon bald wird es schwierig bis unmöglich, Richtig von Falsch zu unterscheiden. Auch alle zwischenmenschlichen Beziehungen erfahren völlig neue Bewertungen. Paul Schraders Film ist sehr intelligent gestrickt und konsequent gedacht und inszeniert, ohne dem Zuseher allerdings das eigene Mitdenken abzunehmen. Vor allem die letzte Szene kann auf Irritation stoßen, wenn man zu sehr am Offensichtlichen festhängt. „First Reformed“ verlangt, dass man sich in die Psychologie der Figuren hineinfühlt. Vieles bleibt unausgesprochen, viele Gespräche erscheinen zunächst auch redundant, dienen aber dazu, die Charaktere und ihre gedanklichen Verstrickungen sichtbar zu machen. Das allerdings führt dazu, dass der Film durchaus seine gelegentlichen Längen hat und beim Zusehen etwas Geduld erfordert. Am Ende wird man dafür belohnt, aber der Weg dahin kann etwas beschwerlicher ausfallen. Der von Ethan Hawke grandios nuanciert gespielte Reverend Toller ist allerdings ein interessanter Charakter, der gleichzeitig Stolz wie Demut, Hoffnung wie Verzweiflung, soziales Gewissen wie Gewissenlosigkeit vereint und dessen Weg man gerne mitverfolgt. Paul Schrader setzt dabei auf das Narrativ des Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Reverend Toller ist so etwas wie die sanfte und eloquente Version von Scorseses „Taxi Driver“. „First Reformed“, derzeit im Gartenbaukino in Wien zu sehen, ist ein ruhig erzählter, aber im Nachhinein aufwühlender Film und definitiv empfehlenswert.


7,5
von 10 Kürbissen

Glück aus dem Blickwinkel des Mannes (1965)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Le Bonheur
Erscheinungsjahr: 1965
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Le Bonheur


Mag ein Apfel noch so schön glänzen, es kann immer noch der Wurm drin stecken. Das dachte sich wohl auch Agnès Varda mit ihrem Film „Le Bonheur“, der bei uns als „Glück aus dem Blickwinkel des Mannes“ oder einfach nur „Das Glück“ lief. Denn vordergründig ist François ein wahrlich glücklicher Kerl. Verheiratet mit einer bezaubernden Frau, gesegnet mit süßen Kindern, sonntags schläft man auf einer Wiese unter einem Baum, das Geschäft läuft gut, die Verwandtschaft ist auch zu ertragen, alles pipifein. Die Bekanntschaft der nicht minder attraktiven Émilie während eines Außendienstes vergrößert das Glück sogar noch, denn wenn es schon so wundervoll ist, eine Frau zu lieben, dann ist es ja doppelt so schön, gleich zwei solch bezaubernde Frauen an seiner Seite zu wissen. Noch dazu, wenn sich Émilie gleich bereitwillig mit der Rolle als Geliebte abfindet, die sich gar nicht erst in die Ehe einmischen möchte. Thérèse, die Ehefrau, muss indessen nichts vom außerehelichen Gspusi wissen, man(n) ist ja feinfühlig. Sie hätte zwar sicherlich Verständnis dafür, dass ihr Mann nun einfach doppelt so viel liebt, an der Liebe zu ihr ändert sich schließlich nichts, aber man will ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Also tanzt François nun eben von der Einen zur Anderen. Die Sonne scheint, die Blumen leuchten pastellfarben, die Kinder spielen fröhlich im Park, und während Thérèse liebevoll pflichtergeben im Bett ist, bringt Émilie mehr Feuer in die körperlichen Angelegenheiten – und beides fühlt sich gut an. Ach, glücklicher François! Doch als er eines Tages (doch recht bereitwillig) seiner Frau gegenüber mit der Wahrheit herausrückt, stellt sich heraus, dass diese trotz des Überschwangs ihres Göttergatten dieses Glücksgefühl nicht so einfach teilen kann. Dumm gelaufen irgendwie. Und da ist er nun, der Wurm im glänzenden Apfel. Und der schaut nun heraus aus dem Wurmloch, sagt laut „Grüß Gott“ und lässt Agnès Varda auf eine sehr bissige Weise über das männliche Selbstverständnis herziehen. Dabei taucht sie die Bilder weiterhin derart konsequent in frühlingshafte Pastellbilder, dass man den Schrecken fast übersieht. Aber eben nur fast.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Cléo de 5 à 7
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama
IMDB-Link: Cléo de 5 à 7


Die Sängerin Cléo (die eigentlich Florence heißt) hat schwere Stunden vor sich. Gerade noch war sie bei einer Wahrsagerin. Die Tarotkarten haben ihr Übles prophezeit, Krankheit und Tod. Und nun ist es fünf Uhr nachmittags, und am Abend soll sie vom Arzt das Ergebnis ihrer Biopsie erfahren. Sie schlendert durch die Stadt, geht mit ihrer Vertrauten Angèle Kaffee trinken und shoppen, trifft in der Wohnung auf den Lover, der ihre Sorgen nicht ernst nimmt, übt mit ihrem Komponisten ein neues Lied ein, trifft sich mit der Freundin Dorothée und lernt schließlich im Park den Fremdenlegionär Antoine kennen. Überall sieht das Publikum Todesboten, sei es der schwarze Hut, den Cléo kauft, oder der Text des Chansons, den sie einstudieren soll. Es passiert aber nicht viel – man weiß nicht, ob Cléos Ängste begründet sind oder einem Hirngespinst entstammen – einer eingebildeten Todessehnsucht der jungen, sensiblen Seele, die damit einen ansonsten eher hohlen Geist zu überhöhen versucht. Doch je länger wie Cléo folgen, desto größer werden auch unsere eigenen Zweifel, vor allem, was Cléo und unsere Einschätzung ihres Charakters selbst betrifft. So hält Agnès Varda dem Publikum mit dem Film einen Spiegel hin. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ war eines der ersten Werke der Nouvelle Vague. Ich persönlich tue mir mit dieser Art des Kinos ziemlich schwer, zu geschwätzig und pseudo-intellektuell erscheinen mir viele der bislang gesichteten Werke. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ ist hierbei eine wohltuende Ausnahme. Geschwätzig? Ja, vielleicht ein wenig. Aber dennoch ist die Kamera hauptsächlich neugierig auf Cléo gerichtet und versucht, diese junge Frau in vielen Facetten zu zeigen, ohne sie als reine Fassade für intellektuelle Gedankenspiele zu missbrauchen. So ist Agnès Vardas Frühwerk ein Nouvelle Vague-Film, der mir tatsächlich gut gefallen hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 20 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Aufbruch zum Mond (2018)

Regie: Damien Chazelle
Original-Titel: First Man
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: First Man


Nächstes Jahr jährt sich die erste Mondlandung zum 50. Mal. Ihr wisst schon – Neil Armstrong (der Astronaut, nicht der Radfahrer und auch nicht der Trompeter) mit seinem kleinen Hüpfer, den geschätzt fünfhundertfünfzig Fantastilliarden Menschen live vor den Fernsehgeräten verfolgt haben. Wie es dazu gekommen ist, erzählt Damien Chazelle in seinem Biopic „First Man“. Und zwar nicht so, wie es die EAV besungen haben: „Liebste mein, komm steig in mein Flugzeug ein. Dann flieg ich dich zum Mond, wo die Liebe wohnt, und dort wirst du belohnt.“ Nein, das Ganze ist hochgradig seriöser. Chazelle zeigt Armstrong, gespielt von Ryan Gosling, als schweigsamen, introvertierten Mann, der heftig am frühen Verlust seiner Tochter zu nagen hat. Mag sein, dass er zu den Sternen will, weil er dort seiner Tochter näher ist. Mit seiner Frau (Claire Foy) ist er jedenfalls nicht mehr ganz so eng. Klar, jedes Familienleben hat seine Höhen und Tiefen, und immerhin schaffen die beiden es mit ihren verbliebenen Kindern noch, eine Familie zu sein, aber wie will man schon den gemeinsam erlebten Schmerz verarbeiten, wenn sich der eine Part lieber mit einem Fernglas in den Garten stellt und zum Mond hinaufstarrt anstatt über die Probleme zu reden? Irgendwie ist es dann auch gut, dass sich Neil nach einigen halsbrecherischen Versuchsreihen und tragischen Verlusten dann doch 1969 auf den Weg macht. Ein wenig Distanz (in diesem Fall knapp 400.000 Kilometer) hat schon mancher Beziehung gut getan. Das alles ist durchaus solide und handwerklich gekonnt erzählt. Diesbezüglich kann man Chazelle und seinem Team keinen Vorwurf machen. Dennoch zieht sich der Film ein wenig, denn der (bewusst gewählte) Fokus liegt eindeutig auf Neil Armstrong und der Beziehung zu seiner Familie. Kann man machen, keine Frage, aber dadurch bleibt zwangsweise der technische Part der ganzen Mondlandungsvorbereitung zurück. Zwar wird immer wieder ersichtlich, mit welchem Wahnsinnsoptimismus dieses Projekt angegangen wurde und an wie vielen „Sofern alles klappt“ die ganze Operation hing, aber recht viel Neues erfährt man nicht. Mich hätte vor allem eben der technische Kram interessiert (ohne ihn zu verstehen), denn so wird die Leistung des Teams ein wenig in den Schatten gestellt zu Gunsten von Neil Armstrong – sicherlich eine faszinierende Persönlichkeit, aber eben nur ein Rad im Getriebe dieses bahnbrechenden Projekts. So kann „First Man“ meinen hohen Erwartungen, die ich in den Film hatte, nicht ganz gerecht werden, bietet aber dennoch gute Unterhaltung.


6,0
von 10 Kürbissen

Outrage (1950)

Regie: Ida Lupino
Original-Titel: Outrage
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Outrage


Offiziell ist die Viennale 2018 seit dem 8. November wieder Geschichte. Inoffiziell gibt es im Filmmuseum noch bis Anfang Dezember einige Perlen der Retrospektive zum Thema „B-Movie“ zu entdecken. Der einzige Beitrag einer weiblichen Regisseurin ist „Outrage“ von Ida Lupino. Mala Powers spielt darin die junge Ann, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, als sie eines Abends auf dem Heimweg von einem finsteren Typen verfolgt wird. Nach einer beklemmenden Verfolgungsjagd durch die menschenleeren Gassen erwischt sie der Mann schließlich. Und auch wenn man 1950 noch nicht so weit war, einen derartigen Übergriff (das Wort „Vergewaltigung“ wird während des ganzen Films vermieden) auch zu zeigen, ist sonnenklar, worum es geht. Starker Tobak für einen solch frühen Hollywood-Film. Dass man einige Jahre zuvor im realen Leben die größten Schrecken der Menschheitsgeschichte erfahren hat, trug vielleicht dazu bei, dass sich das Kino auch solchen Abgründen öffnete. Ann, eigentlich glücklich verlobt, bricht schwer traumatisiert jeden Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Verlobten ab, setzt sich in den nächsten Bus und flüchtet Richtung Los Angeles. Knapp vor ihrem Ziel wird sie von einem jungen und attraktiven Pfarrer aufgelesen, dem sie erst einmal großes Misstrauen entgegenbringt. Doch mit Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es ihm allmählich, diese Mauer zu durchbrechen. „Outrage“ ist ein durchaus interessanter und gut gespielter Film, der allerdings gleichzeitig auch ein Kind seiner Zeit ist. Was heißt: Die Frauen haben hier nicht viel zu melden. Sie sind arme Opfer, und es liegt am Mann, sie aus der Misere wieder herauszuführen. Dass selbst eine Frau Regie führte, zeigt nur auf, wie stark dieses Geschlechterbild zu jener Zeit immer noch in vielen Köpfen verankert war. Dass es auch anders geht, bewies unter Anderem schon ein Jahrzehnt davor Dorothy Arzner mit ihrem Dance, Girl, Dance. Trotzdem kann man sich „Outrage“ auch heute noch gut ansehen, wenn man dieses krasse Rollenbild ausblenden bzw. einfach als Symptom seiner Zeit sehen kann.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Climax (2018)

Regie: Gaspar Noé
Original-Titel: Climax
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror, Thriller, Musikfilm
IMDB-Link: Climax


Will man Gaspar Noés neuesten Film „Climax“ so knapp wie möglich zusammenfassen, kann man das auf diese Weise tun: Party hard! Nach einer Probe feiern die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die für einige Tage in einem alten Schulgebäude untergebracht wurden, um sich auf eine Tournee durch Frankreich und die USA vorzubereiten. Es gibt Sangria, spektakuläre Tanzeinlagen (meist von oben gefilmt, Gaspar Noé lässt gerne mal die Kamera irgendwo herunterhängen – ist ja auch praktisch, wenn man sie an der Decke aufhängt, da ist sie nicht im Weg und man weiß immer, wo sie ist), Drogen, Alkohol, geschmeidige Bewegungen, Eifersucht, Machogehabe – was man halt so erwartet, wenn Noé eine Party inszeniert. Doch irgendwann fällt auf, dass in die Sangria offenbar noch ein paar Geheimzutaten gemischt sind. Was folgt, ist ein Horrortrip auf Drogen. Sämtliche Hemmungen fallen, die Nerven werden blank nach außen gekehrt, Ängste auf die Tanzfläche gekotzt. Die fiebrige Kamera ist stets nah dran, und wenn sich nach einem Stromausfall die völlig durchgeknallten Tänzer teils in Ekstase, teils in purer Panik auf dem durch die Notbeleuchtung rot schimmernden Boden wälzen und sich die Kamera auf den Kopf stellt, haben die Bilder etwas furchteinflößend Dämonisches an sich – als würden die durchgeknallten Berauschten von der Decke hängen. Das ist schon eine verdammt starke Einstellung und sorgt für Bilder, die man nicht oft sieht und vor allem auch nicht so schnell vergisst. Aber das ist generell eine Stärke von Noé – die sich aber auch in eine Schwäche wandeln kann, wenn diese Effekte nämlich zu repetitiv und uninspiriert eingesetzt werden. Und das ist hier zuweilen der Fall. Noé hat schon so oft versucht, das Publikum zu schocken, dass es genau das von ihm erwartet – und ihm fällt dazu nichts Neues mehr ein. So ist „Climax“ ein bildgewaltiger Albtraum, aber er ist unterm Strich auch zu berechnend, um die verstörende Meisterschaft von „Irreversibel“, Noés bislang bestem Werk, zu erreichen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Vox Lux (2018)

Regie: Brady Corbet
Original-Titel: Vox Lux
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Vox Lux


Grenzerfahrungen im Rahmen der Viennale: Um Viertel nach 4 in der Früh aufstehen, damit man sich „Vox Lux“ von Brady Corbet als Frühstücksfilm vor der Arbeit hineinziehen kann. Das Team des Gartenbaukinos wappnete sich gut für den Ansturm der Kinozombies und stellte neben Süßgebäck, Müsli und Kakao gleich drei Ausgabestellen für einen richtig starken Espresso zur Verfügung. Doch spätestens nach der heftigen Eröffnungsszene waren ohnehin alle munter im Kinosaal. Diese heftige Szene führt in weiterer Folge zum Aufstieg der 14jährigen Celeste in den Pop-Himmel. Begleitet wird sie dabei von ihrer älteren Schwester und dem von Jude Law gespielten Manager. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und die Chance ergreifen, auch wenn die richtige Zeit und der richtige Ort die Gedenkfeier für die Toten eines Massakers ist. Und selbst wenn die Gefühle echt sind, so geht man doch gewissermaßen über Leichen. Wenn man bereits in so jungen Jahren hofiert wird und eigentlich gar keine Zeit hat zur Trauerbewältigung, weil man plötzlich der neue Superstar am Firmament ist, ist es kaum verwunderlich, wenn man in späteren Jahren ein wenig exzentrisch und entrückt von der Welt wirkt. So geht es Celeste 17 Jahre später, herausragend und Oscar-verdächtig gespielt von Natalie Portman. Sie hat nun selbst eine Tochter im Teenager-Alter (und man wundert sich nicht wirklich darüber, dass es dazu gekommen ist), und ist vollends gefangen in der PR-Maschinerie, die einen fast unweigerlich schnetzelt, wenn man jung und beeinflussbar zu großem Ruhm kommt. Dass darunter die Beziehung zur Tochter, zur Schwester, zu allen Menschen, die ihr eigentlich nahestehen sollten, leidet, überrascht ebenso wenig. Ein großes Comeback-Konzert soll der Karriere des einstigen Teenager-Stars zu neuem Schub verleihen. Doch dieses wird im Vorfeld überschattet von einer neuerlichen Gewalttat, die Celeste in ihre eigene Vergangenheit zurückschleudert und mit alten Ängsten konfrontiert. In dieser Beziehung ist „Vox Lux“ klug konzipiert. Der Film kreist um mehrere Spielarten von Massenhysterie – sei es um die Angst vor Anschlägen in unserer heutigen Zeit oder aber auch die Hysterie, die man Popstars entgegenbringt. Das vermischt sich zu einem gefährlichen Cocktail. Im Mittelpunkt steht dabei immer Celeste – und was diese Ängste und Erwartungen mit ihr machen.  Das alles wird ironisch distanziert von Willem Dafoe als Erzähler aus dem Off. Allerdings hat der Film auch trotz aller Stärken unübersehbare Schwächen, darunter vor allem das Ende, das aus einer überlangen Konzertszene besteht, die zwar Celeste noch einmal in ihrem Element zeigt, aber die Geschichte nicht zu einem runden Abschluss bringen kann. Auch werden die Beziehungen der Figuren untereinander im Grunde nur am Rande und sehr oberflächlich betrachtet – trotz vieler Dialogzeilen. Vielleicht ist das auch ein von Brady Corbet gewünschter Effekt – die Protagonisten bleiben isoliert voneinander. Aber es fördert nicht unbedingt das Interesse an den Figuren, jedenfalls nicht bei mir. Und so ist „Vox Lux“ ein zwar durchaus aktueller und zeitgemäßer Film mit einer überragend aufspielenden Natalie Portman, lässt den Zuseher dann aber doch auch etwas ratlos zurück.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 50 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Leave No Trace (2018)

Regie: Debra Granik
Original-Titel: Leave No Trace
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Leave No Trace


Als „Fifty Shades of Green“ bezeichnete Regisseurin Debra Granik im Publikumsgespräch augenzwinkernd ihre Kulisse für das stille Drama „Leave No Trace“. Und ja, erst einmal findet sich der Zuseher in einem dichten, unzugänglichen Wald wieder, wo der traumatisierte Kriegsveteran Will (Ben Foster mit einer großartigen Leistung) und seine Tochter Tom (Newcomerin Thomasin McKenzie, von der man nach dieser grandiosen Darstellung wohl noch viel erwarten darf in Zukunft) in einem selbst errichteten Camp mit einfachsten Mitteln überleben. Sie sind Aussteiger, die dieses Einsiedlerleben bewusst gewählt haben. Doch dann werden sie entdeckt und in die Zivilisation zurückgebracht, eine Zivilisation, die es prinzipiell gut mit ihnen meint, mit der aber vor allem Will nicht wirklich zurechtkommt, so sehr er auch versucht, den Anschein zu wahren. Ohne romantisierendem Blick, aber auch ohne erhobenem Zeigefinger in Richtung der bösen Zivilisation, erzählt Debra Granik herrlich unaufgeregt und mitfühlend die Geschichte dieses Vater-Tochter-Gespanns, das aus der isolierten Idylle herausgerissen wird. Die Menschen, auf die sie in weiterer Folge treffen, wollen ihnen nichts Böses – im Gegenteil. Es gibt in diesem Film keinen Antagonisten außer dem inneren Dämon, der einen fortdrängt von den Mitmenschen und vom einfachen, Sicherheit versprechenden Weg – und hinein in die Wälder. Dass Granik diese innere Zerrissenheit nur im Kleinen sichtbar macht, ohne sich allzu sehr mit den Fragen nach dem Woher und dem Warum aufzuhalten, macht den Film umso sympathischer. Man muss nicht immer alles durchanalysieren. Es ist schlimm genug, dass diese Dämonen da sind und man mit ihnen leben muss, und dass sie einen irgendwann vor unliebsame  Entscheidungen und deren Konsequenzen stellen. So verändert sich auch merklich die Dynamik zwischen dem eingespielten Team. Tom emanzipiert sich, beginnt zu hinterfragen, zu träumen, zu sehnen, ohne aber etwas von der Verbundenheit zu ihrem Vater und der Liebe, die sie für ihn empfindet, zu verlieren. „Leave No Trace“ ist unspektakulär, aber psychologisch sehr feinfühlig erzählt. Ein Highlight des Filmjahres, ein Aussteiger-Film, der die Schattenseiten eines solchen Lebens nicht verschweigt, aber auch nicht dramatisiert, und durch seinen Realismus noch lange im Gedächtnis bleibt.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Museum (2018)

Regie: Alonso Ruizpalacios
Original-Titel: Museo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Museo


Mitte der 80er Jahre rauben zwei Verlierertypen in einem unfassbaren Coup das anthropologische Museum in Mexico City aus und stehlen einige der wertvollsten Artefakte der prähistorischen mexikanischen Geschichte. Dass es aber mit einem Raub nicht damit endet, dass man wohlbehalten mit der Beute flüchten kann, zeigt Alonso Ruizpalacios‘ Gaunerstück „Museum“. Denn während die Exposition sehr kurz und knackig ausfällt und auch der Raub selbst in ökonomischer Laufzeit abgehandelt wird, fokussiert sich der Film dann mehr auf die Frage, was man den nun mit dem erbeuteten Diebesgut anstellen könnte. Da sitzt man nun auf einem unendlich wertvollen Schatz, der Millionen und Abermillionen wert ist. Doch kann man so eine alte Aztekenmaske ja schlecht in der Bank eintauschen. Und die Sendung „Bares für Rares“ gab es in den 80ern noch nicht. Hier zeigt sich nun die Limitierung der beiden Helden Juan und Benjamin (gespielt vom mexikanischen Ausnahmedarsteller Gael García Bernal und von Leonardo Otizgris). Denn auch wenn sie ihren Diebeszug mit unglaublichem Verve ausgeführt haben, so sind sie dennoch keine Verbrecher, die mit allen Wassern gewaschen sind. Familiäre Probleme, maßlose Selbstüberschätzung und eine Dosis Verzweiflung bringen die beiden in immer größere Probleme, und die Beute im Rucksack wandelt sich allmählich vom Heilsbringer zur allzu großen Bürde. Das führt zu einigen wirklich denkwürdigen und saukomischen Szenen, wenn die antiken Gegenstände allmählich immer mehr zweckentfremdet werden. Das ist alles sehr kurzweilig und gut anzusehen. Auch optisch macht der Film was her. Interessante Kameraperspektive und ein temporeicher Schnitt tragen ebenfalls zum Unterhaltungsfaktor bei. Allerdings ist der Film auch nicht frei von Schwächen. Denn die Motivation der beiden Möchtegern-Gangster wird nur unzureichend beleuchtet, und einen tieferen Sinn sucht man ebenfalls vergeblich, so sehr sich die erzählende Stimme aus dem Off auch bemüht, dem Geschehen einen intellektuellen Anstrich zu verpassen. Empfehlen kann man den Film trotzdem, denn zwei Stunden lang sorgt er für gut gemachte und durchaus spannende Unterhaltung.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Gegen den Strom (2018)

Regie: Benedikt Erlingsson
Original-Titel: Kona Fer Í Stríð
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Kona Fer Í Stríð


Es ist eine beschlossene Sache. Wenn ich im nächsten Leben nicht als Hauskatze wiedergeboren werde, dann werde ich Isländer. Ich bin dann ein begnadeter Handballer, extrem erfolgreich im Fußball, ein außergewöhnlicher und kreativer Musiker, züchte Schafe und Ziegen (und, ehrlich: gibt es ein lässigeres Tier als die Ziege?), meine Tochter heißt Freyja Kürbisdottir, ich habe international eine Vorbildwirkung in Politik und Integration, erfreue mich an den Haubentauchern im Garten, und meine Filme sind der absolute Hammer. Isländer können einfach alles. Selbst Haie vergammeln lassen, um sie dann zu essen. Aber gut, lassen wir das mit den Haien, konzentrieren wir uns lieber auf den diesjährigen Überraschungsfilm der Viennale, nämlich den Film „Gegen den Strom“ von Benedikt Erlingsson. Darin geht es um eine Frau in ihren Vierzigern, die als politische Guerilla-Aktivistin gerne mal das nationale Stromnetz lahmlegt, um die Schwerindustrie in die Knie zu zwingen, während sie sich gleichzeitig auf ihre Rolle als Adoptivmutter einer ukrainischen Kriegswaisen vorbereiten darf. Ein gefährlicher Spagat, denn ihre Aktionen werden immer tollkühner, und schon bald erklärt ganz Island den Krieg gegen die „Bergfrau“, wie sie sich in einem anonym gehaltenen Pamphlet bezeichnet. Dieser Kampf wird so lakonisch humorvoll wie dramatisch dargestellt, wie es wohl nur Isländer können. Eingebettet in faszinierende Landschaftsaufnahmen entfaltet sich eine Geschichte rund um Moral, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit – und um die Frage, zu welchen Mitteln man greifen darf, um der gerechten Sache zu dienen. Diese spannenden Fragen werden allerdings auf eine sehr unterhaltsame und pfiffige Weise angegangen. Da taucht dann auch immer wieder mal ein spanischer Tourist auf dem Fahrrad auf, der als Running Gag stets zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Oder aber der Soundtrack wird von der dreiköpfigen Band live im Geschehen eingespielt – da sitzt die Kombo auch schon mal am Hausdach und begleitet mit stoischem Gesichtsausdruck die Szene, wenn Hjalla, die Heldin, ihre Pamphlete vom Himmel regnen lassen möchte. Die Protagonistin und die Band wissen voneinander, blicken sich vielsagend zu, interagieren aber nicht darüber hinaus. Eine herrlich ironische Durchbrechung der vierten Wand. Es ist eben dieser staubtrockene Humor, diese Absurdität im Kleinen, die dem Film mit seiner tiefgründigen Handlung einen leichtfüßigen Unterbau bietet. Als Wiener bleibt mir abschließend nur zu sagen: Isländer sind einfach leiwand. (Hauskatzen aber auch.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)