Drama

Camille (2019)

Regie: Boris Lojkine
Original-Titel: Camille
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Biopic, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Camille


Mit den Leidenschaften ist es so eine Sache. Einerseits treiben sie uns zu Leistungen und Taten an, die unser Umfeld kaum für möglich gehalten hätte. Andererseits sind sie auch gefährlich, wenn man es damit übertreibt. Camille Leparge (Nina Meurisse) ist eine junge, leidenschaftliche Fotojournalistin. Auf eigene Faust fährt sie 2013 in die Zentralafrikanische Republik, um über den dort ausgebrochenen Bürgerkrieg zwischen Christen und Moslems zu berichten. Schon bald feiert sie erste Erfolge. Sie knüpft Kontakt zu Studenten, die im Widerstand aktiv sind, sie findet Anschluss an andere Journalisten vor Ort, und sie verkauft ihre ersten Foto-Stories an renommierte französische Zeitschriften. Doch gleich mit der allerersten Szene macht Regisseur Boris Lojkine klar, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Camille Leparge lebte tatsächlich, und sie wurde nicht alt. Sie starb während ihrer Arbeit in der Zentralafrikanischen Republik, als sie und die Soldaten, mit denen sie unterwegs war, in einen Hinterhalt gerieten. Lojkine zeigt in seinem Film, worin die Stärken, aber auch die Gefahren und Schwächen von Idealismus liegen. Camille Leparge ist bewundernswert für ihr Engagement und ihren Mut, den Krieg, den in Europa beziehungsweise der westlichen Welt kaum jemanden interessiert hat, zu zeigen und die Menschen, ihren Kampf und ihr Leid sichtbar zu machen. Gleichzeitig aber wird ein Stück Besessenheit in Camilles Handeln sichtbar, eine Irrationalität, die sie auch Grenzen überschreiten lässt. Und dadurch wird ihr Handeln gefährlich. Boris Lojkine stellt dem Zuseher die Frage, ob Camille Leparge heute noch leben könnte – ohne sie selbst zu beantworten. Sein Film ist nüchtern gehalten, von dokumentarischer Anmutung und damit leicht zugänglich. Die moralischen Fragen, die er aufwirft, sind jedoch diffizil und kaum zu beantworten.


7,0
von 10 Kürbissen

Ivana the Terrible (2019)

Regie: Ivana Mladenovic
Original-Titel: Ivana cea Groaznica
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Ivana cea Groaznica


Die in Bukarest lebende serbische Filmemacherin und Schauspielerin Ivana kommt in ihre Heimatstadt an Grenze zwischen Rumänien und Serbien an der Donau. Die Stadt ist gerade dabei, ein Festival zu Ehren der rumänisch-serbischen Freundschaft auszurichten und hätte Ivana gerne als Botschafterin des Festivals. Doch die hat andere Probleme: unerklärliche Kopfschmerzen, einen Wickel mit der Großmutter, einen dreizehn Jahre jüngeren Geliebten und die Angst davor, dass diese Liaison auffliegt, denn man ist hier noch recht konservativ unterwegs, und dass eine Frau einen jüngeren Lover haben kann, der noch dazu schmutzige Dinge mit ihr beim Sex tut, das ist quasi unvorstellbar. Und auch auf das Festival hat sie keine Lust, auch wenn ihr Ex Andrei, mit dem sie sich noch immer gut versteht, und dessen neue Freundin Anca als Musiker gebucht sind. So weit, so gewöhnlich. Nun zum Ungewöhnlichen, was sich hier auch als Problem herausstellt: Ivana ist Ivana Mladenovic, Andrei ist Andrei Dinescu. Anca ist Anca Pop. Die ganze Familie Mladenovic spielt sich selbst. Dieser ungewöhnliche Ansatz führt zwar zum Einen zu einem dokumentarischen Feeling, das von der Regisseurin durchaus so beabsichtigt ist. Der Film scheint nur in geringen Dosen mit Fiktion angereichert zu sein. Aber genau in dieser Dosierung liegt auch das Problem: Denn so wird „Ivana the Terrible“, was als selbstironische Reflexion über das Leben als Berühmtheit in der Heimatstadt gedacht sein mag, zu einer Nabelschau, in der gerade das Bemühen von Ivana Mladenovic, unsympathisch zu wirken, einen bitteren Beigeschmack hat. Denn klar ist, dass sie sich so für den Film inszeniert und so ihre eigenen Befindlichkeiten thematisiert. Die gerade eben verstorbene Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison meinte einst, dass sie Literatur von Schriftstellern, die nur über sich selbst und ihre Welt schreiben, fadisiert. Und so geht es mir auch mit Filmemachern, die von sich selbst erzählen. Denn immer liegt ein Filter darüber, der die Befindlichkeiten überhöht und damit – für mich – uninteressant machen. Am Film berührt hat mich eigentlich nur die Widmung am Ende: Anca Pop ist nämlich kurz nach Fertigstellung des Films tödlich verunglückt.


4,0
von 10 Kürbissen

The Last Black Man in San Francisco (2019)

Regie: Joe Talbot
Original-Titel: The Last Black Man in San Francisco
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: The Last Black Man in San Francisco


Da ist es nun, das erste absolute Glanzlicht des Locarno Filmfestivals: Joe Talbots eindringliches Debüt „The Last Black Man in San Francisco“. Ein poetischer, stellenweise witziger und (mir fällt kein anderes Wort ein) herzlicher Film über eine Freundschaft und dem Versuch, die eigenen Wurzeln zu bewahren, in dem aber zwischen den Zeilen noch so viel mehr gepackt ist. Jimmy Fails (auch im richtigen Leben Jimmy Fails) spielt dabei einen jungen Schwarzen, der mangels Alternativen bei seinem besten Freund Montgomery (Jonathan Majors) und dessen Großvater (Danny Glover) lebt. Regelmäßig fährt er vom Vorort in die Innenstadt, um ein altes Haus zu reparieren und auszubessern – sehr zum Missfallen der Besitzerin. Was die jedoch nicht weiß: Das Haus ist jenes, in dem Jimmy seine Kindheit verbracht hat und das von seinem Großvater selbst gebaut wurde. Eines Tages muss die Besitzerin aufgrund eines Erbschaftsstreits ausziehen, und Jimmy packt die Gelegenheit beim Schopf und zieht mit Montgomery in das leerstehende Haus ein. „The Last Black Man in San Francisco“ ist ein zutiefst berührender Film über die Freundschaft zwischen Jimmy und Montgomery und über den Traum von Heimat. Es ist aber auch ein Film über die schleichende Gentrifizierung, über Alltagsrassismus, über den Verlust von Identität, indem man mehr und mehr nach den Vorurteilen der Anderen lebt. Das alles erzählt Joe Talbot aber nicht rational-kühl, sondern mit den Mitteln der Poesie. Seine Kompositionen in warmen Farben, in denen Bild und Musik ineinandergreifen, lassen den Zuseher den Film sinnlich erfassen. In dieser Beziehung ähnelt „The Last Black Man in San Francisco“ dem von mir so heiß geliebten „Beasts of the Southern Wild“ oder auch If Beale Street Could Talk. Vor allem beim Soundtrack musste ich sehr an „Beale Street“ denken.) Dabei geht Talbot mit seinem Film allerdings ganz eigene Wege und schafft etwas sehr Eigenständiges, Individuelles. Für mich schon ein klarer Kandidat für einige Oscarnominierungen nächstes Jahr. Ich würde es dem Film von Herzen gönnen.


8,5
von 10 Kürbissen

Instinct (2019)

Regie: Halina Reijn
Original-Titel: Instinct
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Instinct


Instinkte sind schon etwas Nützliches. Man sollte nur darauf hören. Diese Erfahrung macht Psychologin Nicoline (Carice van Houten, die Zauberkünste aus Game of Thrones hätte ihre Figur brauchen können), die sich um die Wiedereingliederung verurteilter Sexualstraftäter kümmert und in dem manipulativen Idris (Marwan Kenzari) einen interessanten Fall hat. Und natürlich – der charismatische junge Mann erregt nicht nur ihre Aufmerksamkeit, sondern auch bald schon ihre Libido. Ein gefährliches Spiel beginnt, wobei nicht immer klar ist, wer mit wem spielt. Das Thema selbst ist natürlich ein alter Hut. Und dem kann „Instinct“ von Halina Reijn auf nichts Neues hinzufügen, auch wenn er knackig inszeniert ist und in keinem Moment langweilt. Allerdings kann Reijn einer starken Besetzung, jedenfalls in den Hauptrollen, vertrauen. Carice van Houten legt sowohl Stärke als auch Verletzlichkeit (und gelegentliche Hinweise auf frühere Verwundungen) in ihre Figur. Doch auch wenn ihre Nicoline das emotionale Zentrum des Films ist, so ist es doch Marwan Kenzari zu verdanken, dass er funktioniert. Sein Idris ist betörend, sexy, geheimnisvoll, vieldimensional und dabei doch zutiefst nachvollziehbar. Es gibt sie schließlich wirklich da draußen, die Menschen, bei denen die Instinkte versagen, da sie sich nicht greifen lassen. Oder bei denen man wider besserer Instinkte handelt. So ist aus „Instinct“ zwar ein relativ gewöhnlicher, nicht sonderlich origineller Thriller geworden, aber sehenswert ist der Film allemal.


6,5
von 10 Kürbissen

Twelve Thousand (2019)

Regie: Nadège Trebal
Original-Titel: Douze mille
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Douze mille


Zugegeben, so einiges an „Douze mille“ von Nadège Trebal kann einem ziemlich auf die Nerven gehen. Zwei Wörter beschreiben den Film aber meiner Meinung nach sehr gut: Originell und lebendig. Das Thema klingt zunächst nach sozialpolitischem Drama. Ein arbeitsloser, sich mit Gaunereien über Wasser haltender Mann zieht los, um so schnell wie möglich 12.000 Euro zu verdienen, um damit gleich viel Geld zu haben wie seine Freundin. Dann nämlich sind sie sich ebenbürtig, und sie können endlich ihr gemeinsames Leben aufnehmen. Ich sehe schon, wie die Dardenne-Brüder bei dieser Synopsis zu sabbern beginnen. Tatsächlich schlägt aber Nadège Trebal, die auch eine der Hauptrollen, nämlich jene von Maroussia, der Frau, übernommen hat, einen gänzlich anderen Weg ein. Passend zu den linkischen Ambitionen des Pleitegeiers Franck (Arieh Worthalter) kommt auch der Film linkisch und mit doppelten Böden daher. Plötzlich wird die Frage der Treue verknüpft mit ökonomischen Überlegungen, der Dieb ruft bei der Firma, die er bestohlen hat, an und fragt nach einem Job, die resche, nihilistische Blondine mit dem rauchenden Sexappeal entpuppt sich als gewitzte Räuberin – Menschen und ihre Taten sind in diesem Film kaum zu durchschauen. Und genau das macht seinen Reiz aus. Selbst die absurdesten Szenen wirken so, als würden sie tatsächlich so aus den Figuren herauskommen, die mit einem Male ein Eigenleben entwickeln. (Was auch der grandiosen Leistung der Darsteller zu verdanken ist.) Dazu passt, dass gleich zu Beginn eine der ehrlichsten Sexszenen der jüngeren Filmgeschichte zu sehen ist – einfach pures Verlangen, das aber auch irgendwie besprochen und koordiniert werden muss. Ehrlich ist auch, dass die Beziehung zwischen Franck und Maroussia auf Sex basiert. Die Liebe ist ja trotzdem da. Insofern bietet der Film ein echtes Abenteuer mit vielen denkwürdigen Szenen, wenn man sich darauf einlässt. Dass nicht jede Idee aufgeht und Vieles auch unverständlich bleibt und nach menschlicher Logik nicht nachvollziehbar ist, ist dabei ein Risiko, dass Nadège Trebal in Kauf genommen hat und mit dem ich selbst auch gut leben kann.


6,5
von 10 Kürbissen

Giraffe (2019)

Regie: Anna Sofie Hartmann
Original-Titel: Giraffe
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Giraffe


Was das Tier, das in der ersten Einstellung so entspannt und fotogen sein Grünzeug kaut, mit dem Film zu tun haben soll, das erschließt sich bis zum Ende nicht. Aber die titelgebende Giraffe ist nicht das einzige Bild, das aus dem Kontext gerissen scheint. Vielmehr ist es Anna Sofie Hartmanns Stil, ihre Geschichte in Momentaufnahmen zu erzählen, die mal mehr, mal weniger zusammenhängen. Es geht um Grenzen – zwischen Ländern, zwischen Menschen, zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen. Erzählt wird die Geschichte der Dänin Dara (Lisa Loven Kongsli), die Menschen und ihre Häuser festhält, ehe sie vom Fortschritt, der als gewaltiges Tunnelprojekt zwischen Dänemark und Deutschland daherkommt, hinweggespült werden. Ihr Interesse gilt dem Bewahren, gilt der Erinnerung. Dabei trifft sie auf den jüngeren polnischen Bauarbeiter Lucek (Jakub Gierszal). Dieser lebt in einer WG mit seiner polnischen Kollegen und bereitet die Baustelle für den Tunnelbau vor. Da beide nur temporär an diesem Ort sind – Dara lebt eigentlich in Berlin, wo sie auch einen Freund hat, Lucek vermisst Polen und ist nur für dieses Projekt hier – lassen sie sich auf eine Affäre ein. Unaufgeregt und in beinahe zufällig wirkenden Bildern überlässt es Regisseurin Hartmann dem Publikum, sich diesen Film zu erarbeiten. Am besten ist der Film, wenn er den polnischen Bauarbeiter folgt, ihrer lockerer Interaktion, in der die Entwurzelung aber stets präsent ist. In diesen Momenten erinnert der Film an den grandiosen Western von Valeska Grisebach. Leider aber hält der Film dieses Niveau nicht durchgängig, und viele Leerstellen führen zur Ermüdung. Eine interessante Erfahrung? Durchaus. Aber keine, die danach schreit, wiederholt werden zu müssen.


5,5
von 10 Kürbissen

The Fever (2019)

Regie: Maya Da-Rin
Original-Titel: A Febre
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: A Febre


Locarno. Die Stadt der omnipräsenten gelben Leoparden. Irgendwie passend, dass mein Auftaktfilm des Festivals der Film „The Fever“ von Maya Da-Rin war, der in Manaus im Amazonasgebiet spielt. Ein Tier schleicht dort umher und reißt Schweine, ein Jaguar vielleicht. Die Probleme des indigenen Justino (Regis Myrupu) sind jedoch anders gelagert. Der nicht mehr ganz gute Mann arbeitet als Sicherheitskraft im Hafen von Manaus und wird von einer unerklärlichen Müdigkeit und einem gelegentlich auftretenden Fieber geplagt. Dass seine Tochter Vanessa (Rosa Peixoto) ein Stipendium für ein Medizinstudium in der weit entfernten Hauptstadt Brasilia bekommen hat, macht ihn zwar stolz, trägt aber zu seinem Kummer bei. Als dann die Verwandtschaft aus dem Dorf in die Stadt kommt und ihm seine Wurzeln vorführen, wird schließlich ein Prozess angestoßen, der sich zwar den ganzen Film lang unterschwellig ankündigt, aber dann in einfacher Klarheit überzeugt. Überhaupt ist Klarheit das bestimmende Merkmal von Maya Da-Rins Regiearbeit. Dieser Film hat kein Gramm Fett zu viel. Gleichzeitig lebt er von den Zwischentönen, vom Ungesagten, wenn Justino beispielsweise nach einem harten Arbeitstag mit dem Teller fürs Abendessen im Türrahmen steht und beim Essen still auf den gewaltigen Regenschauer blickt, der sich über die Stadt ergießt. Hier merkt man eine Sehnsucht nach etwas, das er, Justino, selbst nicht benennen kann. Überhaupt ziehe ich meinen Hut vor Regis Myrupu. So spärlich seine Mimik und Gestik auch sind, es gelingt ihm mit wenigen, sparsam eingesetzten Mitteln zu jedem Zeitpunkt, seinen Justino facettenreich darzustellen. Ein Lächeln genügt, und man blickt tief in die Seele. Ein gelungener Auftakt zu meinem persönlichen Locarno-Abenteuer.


7,5
von 10 Kürbissen

Alice und das Meer (2014)

Regie: Lucie Borleteau
Original-Titel: Fidelio, l’odyssée d’Alice
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Fidelio, l’odyssée d’Alice


Liebe, Affären, Eifersucht, das alles auf einem großen Schiff auf dem Meer. Was klingt wie eine Folge „Das Traumschiff“ könnte nicht weiter weg sein vom Kitsch der Romantik-Fernsehserie. Denn „Alice und das Meer“ ist eine feinfühlige, ruhige Arbeit, die auf einem Containerschiff Geschlechterrollen und weibliche Sexualität verhandelt. Alice (Ariane Labed) ist Schiffsmechanikerin und als solche eine Art Alien auf dem ansonsten männlich besetzten Frachtschiff. Zuhause wartet ihr Freund Felix (Anders Danielsen Lie), auf dem Schiff allerdings begegnet sie ihrer ersten großen Liebe Gaël (Melvil Poupaud) wieder. Sie lässt sich zu einer folgenschweren Affäre hinreißen, denn plötzlich steht ihre Sexualität im Zentrum der Aufmerksamkeit. Was männlichen Seebären erlaubt ist, was man sogar von ihnen erwartet (in jedem Hafen eine Braut), wirkt plötzlich bedrohlich, wenn es von Frauen kommt. Auf dieser Ebene spielt Lucie Borleteau in „Alice und das Meer“ ihre Karten klug aus. Allerdings ziehen sich einige Längen durch den Film. Und auch die Beziehung zwischen Alice und Felix bleibt für die Gewichtung, die sie erhält, in meinen Augen zu vage. Diese wäre eigentlich das emotionale Zentrum des Films, aber leider konzentriert sich Lucie Borleteau ein bisschen zu sehr darauf, knisternde Spannung zwischen Alice und Gaël aufzubauen für ein Pantscherl, das dann doch nur an der Oberfläche bleibt. Beziehungsweise nehme ich dieser Schiffs-Affäre die Ernsthaftigkeit der Gefühle nicht ab. Nichtsdestotrotz ist „Alice und das Meer“ ein sehenswerter Film, der viel über Geschlechterrollen und -klischees nachdenken lässt. Für Liebhaber ruhiger Erzählungen sicherlich keine vergeudete Zeit.


6,0
von 10 Kürbissen

Hotel (2004)

Regie: Jessica Hausner
Original-Titel: Hotel
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Thriller, Horror, Drama
IMDB-Link: Hotel


Jessica Hausner ist nicht Stanley Kubrick. Und das ist auch okay so. Blöd nur, dass auf dem DVD-Cover groß damit geworben wird, dass es seit „The Shining“ von Kubrick kein gruseligeres Hotel mehr gegeben hat als jenes in Hausners „Hotel“. Große Worte. Und ja, auf den ersten Blick lassen sich durchaus Parallelen finden zwischen dem Hotel im Wald in Hausners Film und dem legendären Overlook in Kubricks Verfilmung des Stephen King-Romans. In beiden Filmen sind die Neuankömmlinge einen Großteil der Zeit auf sich selbst gestellt. In beiden Filmen ist die Atmosphäre des Hotels tatsächlich abweisend und auf eine ungute Art geheimnisvoll. Und in beiden Hotels geschehen schon bald Dinge, die sich nicht so einfach erklären lassen. Aber, so ehrlich muss man sein, die Fußstapfen, die Kubrick mit seinem genialen Film hinterlassen hat, sind einfach zu groß. Und man tut Jessica Hausner auch keinen Gefallen, wenn man ihren Film allzu sehr daran misst. „Hotel“ möchte etwas Eigenständiges sein, ist vielmehr Psychodrama mit sanften Horror-Anklängen und das – typisch österreichisch – eingebettet in eine Zurückhaltung und Lakonie, die an Sterilität grenzt. Dazu trägt das distanziert-nüchterne Ambiente des Hotels bei. Franziska Weisz in der Hauptrolle der neuen Rezeptionistin Irene, die mit den unbehaglichen Geschehnissen im Hotel konfrontiert wird, legt ihre Rolle sehr introvertiert an, was zusätzlich Distanz zum Seher schafft. Das alles macht „Hotel“ zu einem stilistisch sauberen Film, dem aber eines nicht gelingt: den Zuseher zu packen. Das Schicksal von Irene wird gleichgültig zur Kenntnis genommen. Und vor leeren Gängen in Hotels bei Nacht fürchtet man sich auch danach nicht. Nur vor dem Zimmer 237. Aber das ist einem anderen Film zu verdanken.


5,0
von 10 Kürbissen

Der Elefantenmensch (1980)

Regie: David Lynch
Original-Titel: The Elephant Man
Erscheinungsjahr: 1980
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: The Elephant Man


Bei manchen Filmen kann man kaum glauben, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen. David Lynchs zweiter Film „Der Elefantenmensch“ ist so ein Fall. Denn so deformiert und trotzdem am Leben wie der von John Hurt dargestellte John Merrick kann ja kein Mensch sein. Tumore wachsen am ganzen Rücken, der rechte Arm ist verkrüppelt, der Kopf riesig und unförmig, der Mund verzogen, die Wirbelsäule unfassbar verbogen – wenn da nicht mal die Maskenbildner hemmungslos übertrieben haben. Trauriger Fakt: Sie haben nicht übertragen. Der echte John Merrick sah tatsächlich so aus. Und er erregte zunächst die Aufmerksamkeit eines windigen Schaustellers und in weiterer Folge die des Arztes Frederick Treves (wunderbar einfühlsam dargestellt von Anthony Hopkins). Dieser ermöglichte ihm ein menschenwürdiges Dasein und integrierte ihn in die Londoner Gesellschaft. David Lynch konzentriert sich in seinem Film ganz auf diese fragile Beziehung zwischen Arzt und Patient, die allmählich übergeht in eine freundschaftliche Zuneigung. Gefilmt in wunderschönem Schwarz-Weiß, das vor allem Augenmerk legt auf den Wechsel von Licht und Schatten, gelingt es dem Film, vorurteilsfrei auf die Personen im Zentrum seines Interesses zu blicken. Beide Hauptdarsteller, sowohl John Hurt, dem es gelingt, gegen seine Maske anzuspielen und seinen John Merrick in eine wundersame Sanftheit zu hüllen, als auch Anthony Hopkins, dessen Empathie in jeder Geste zu sehen ist, spielen ausgezeichnet und bilden damit das emotionale Zentrum des Films. Dieser ist – nicht zuletzt durch das Spiel seiner Hauptdarsteller – ein Plädoyer für Menschlichkeit und den Abbau von Vorurteilen. Ein wirklich großartiger und alters- wie zeitloser Film.


8,5
von 10 Kürbissen