Drama

Durchgeknallt (1999)

Regie: James Mangold
Original-Titel: Girl, Interrupted
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Girl, Interrupted


Es ist schon eine Weile her, dass Angelina Jolie den Oscar als beste Nebendarstellerin in Empfang nehmen durfte. Durch besondere schauspielerische Leistungen ist sie seither eher selten aufgefallen, wenngleich ihre Karriere natürlich als stattlich bezeichnet werden muss und sie für viele volle Kinosäle gesorgt hat im Laufe der letzten zwanzig Jahre. Eine solch unverbrauchte, frische, im besten Sinne dreckige Leistung wie die Rolle der Psychiatrie-Insassin und Soziopathin Lisa lässt sich aber auch nur schwer wiederholen. Dagegen wirkt Winona Ryder, obwohl auch mit einer der besten Leistungen ihrer Karriere, in der Hauptrolle der junge Susanna, die nach einem Selbstmordversuch/Unfall eingewiesen wird, fast schon blass. Unterm Strich ist „Durchgeknallt“ von James Mangold eine Two-Women-Show – ein Kampf der Gegensätze, die sich dann doch wieder voneinander angezogen fühlen. Wie es der menschlichen Psyche geht, wird eben auch oder vielleicht zur Gänze bestimmt von den zwischenmenschlichen Begegnungen. Was „Durchgeknallt“ auch ist: Ein Akt der Befreiung – von inneren Dämonen, schlechten äußeren Einflüssen und den starren Konventionen einer Gesellschaft, die noch nicht bereit ist für das Andersartige, aus der Norm Fallende. Einige Kritiken zu diesem Film monieren eine Richtungslosigkeit des Drehbuchs, eine Meinung, der ich mich nicht anschließen kann. Denn was das Drehbuch immer im Blick behält, ist dieser Kampf um Akzeptanz, und dieser rote Faden zieht sich bis zum Ende durch. Dass der Film dadurch manche Länge aufweist und vielleicht das eine oder andere Klischee bedient – geschenkt. Ein sehenswerter Film, nicht nur für Fans von Angelina Jolie und/oder Winona Ryder, die diese beiden am Höhepunkt ihrer Kunst sehen möchten.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 1999 – Columbia Pictures, Inc., Quelle: imdb.com)

The King (2019)

Regie: David Michôd
Original-Titel: The King
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: The King


Zugegeben, ich war verwirrt. Da dauert ein Film über The King fast zweieinhalb Stunden, und kein einziger Hit wird gesungen. Kein Jailhouse Rock, kein In the Ghetto, kein Always on My Mind, kein Viva Las Vegas. Dabei brächte Timothée Chalamet die nötige verschlapfte Coolness mit, um den Hüften schwingenden Halbgott in Leder und Nieten glaubhaft zu porträtieren. Die Locken hätten halt noch schmalziger gehört, aber vielleicht ist den Friseuren am Set auch einfach die Pomade ausgegangen. Aber gut, Biopics sind ja nicht dafür bekannt, bis ins kleinste Detail akkurat zu sein. Irgendwann klingelte es aber auch bei mir. In „The King“ geht es ja gar nicht um „The King“, sondern um Heinrich V., seinerzeit König von England und dankbare Figur in Good Ole Will Shakespeares Dramen. Der trat die Erbschaft seines Vaters Heinrich IV. an und prügelte sich wirkungsvoll im Verlauf des Hundertjährigen Krieges mit den Franzosen bei Azincourt, denen er eine vernichtende Schlappe zufügen konnte, seinen Bogenschützen war Dank. Ganz genau so wie im Film dargestellt hat sich die Schlacht tatsächlich nicht, wie ich kurioserweise aus intensivem Wikipedia-Studium zufälligerweise gerade mal zwei Wochen vor Sichtung des Films erfahren habe (und Wikipedia ist ja, wie wir alle wissen, die verlässlichste Quelle ever), aber wenn man bedenkt, dass es sich bei David Michôds Film um eine fiktionalisierte Verfilmung eines fiktionalisierten Dramas über einen König, dessen Biographie sowieso immer von dessen Biographen beschönigt (oder von der Nachwelt verrissen) wird, muss man ja schon froh sein, dass im Film die Schlacht von Azincourt nicht mit Laserpistolen ausgefochten wurde. Bis es zu diesem Scharmützel kommt, vergehen allerdings eineinhalb teils sehr lange Stunden, die sich der Film für die Charakterentwicklung des jungen Königs Zeit nimmt. So weit, so gut – ich mag ja gut geschriebene Charaktere. Aber wenn man die nicht sieht, weil’s durchwegs dunkel ist (ja ja, das finstere Mittelalter), ist es auch nur halb so spannend. Timothée Chalamet macht seine Sache (mal wieder) sehr gut, Robert Pattinson gibt einen wundervollen Franzosen ab, aber Joel Edgerton, der den Film auch mitproduziert hat, stiehlt allen die Show. Frauen sind schmuckvolle Begleitung, was schade ist, aber in die Zeit passt (wobei es auch wehrhafte Damen gab, die ihre Heere in die Schlacht führten wie beispielsweise die Schwiegertochter von Heinrich V. – aber das ist eine eigene Geschichte, die man später mal verfilmen könnte). Unterm Strich ist „The King“ gelungen und sehenswert, aber nichts Weltbewegendes und historisch auch nicht allzu genau.

 


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit (2018)

Regie: Mimi Leder
Original-Titel: On the Basis of Sex
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Politfilm
IMDB-Link: On the Basis of Sex


Vor Ruth Bader Ginsburg, die mit hartnäckiger Arbeit das ganze System ausgehebelt hat, das gesetzlich Frauen in den USA benachteiligt hat, und die es später sogar bis an den Supreme Court geschafft hat, ist fraglos eine eindrucksvolle Frau. Wer sich davon in Live-Bildern überzeugen möchte, dem lege ich sehr die Dokumentation RBG ans Herz. Fast zeitgleich mit dem dokumentarischen Porträt dieser außergewöhnlichen Dame erschien 2018 das Biopic „On the Basis of Sex“ von Mimi Leder mit Felicity Jones in der Hauptrolle. Darin geht es um den bedeutenden Fall aus den 70ern, als Bader Ginsburg einen Mann vor Gericht vertrat, der aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert wurde – als es um den steuerlichen Abzug von Pflegegeld ging. So unscheinbar dieser Fall auch scheint, er war letztlich jener Stein, der die Abschaffung von Diskriminierung nach Geschlechtern ins Rollen gebracht hat. Und natürlich ist ein solcher Stoff ein dankbares Sujet, um ein flammendes Plädoyer für Gleichberechtigung zu halten, das in unserer heutigen Zeit immer noch notwendig erscheint. Insofern kann man dem Film nicht abstreiten, relevant zu sein. Leider ist die Umsetzung nur mäßig gelungen. Zu sehr folgt Mimi Leder den ausgetretenen Pfaden des Biopics und arbeitet brav Kapitel für Kapitel bis zum entscheidenden Punkt, nämlich der Urteilsverkündung, ab und folgt der Blaupause für biographische Filme bis auf den kleinsten Punkt. Das heißt nicht, dass der Film nicht unterhaltsam sein kann – eine mit Herz spielende Felicity Jones, ein gut aufgelegter Armie Hammer als Ehemann und Staranwalt im Steuerrecht sowie die inhaltliche Brisanz des Films an sich reichen aus, um über die volle Spielzeit von 2 Stunden gern dabei zu bleiben, aber leider gehört „On the Basis of Sex“ auch zu jenen Filmen, die man sofort nach dem Ansehen auch wieder vergisst. Dann lieber gleich die Doku ansehen, denn sowohl jener Film auch die echte Ruth Bader Ginsburg geben viel mehr her, als es Mimi Leders Film vermag.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Okja (2017)

Regie: Bong Joon-ho
Original-Titel: Okja
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Okja


Viel Positives kann man dem aktuellen Corona-Wahnsinn ja nicht abgewinnen. Auf persönlicher Ebene ist einer der wenigen positiven Aspekte, dass ich nun endlich mal dazu komme, Filme auf Netflix nachzusehen, die ich bislang verpasst habe. Und auf dieser Liste stand „Okja“ weit oben. Zu Recht, wie sich zeigen sollte, denn Bong Joon-ho (ja, der schon wieder!) legte 2017 einen Herz erwärmenden Fantasy-Film mit Botschaft vor, der bei mir noch lange nachklingen wird. In „Okja“ verspricht eine Konzernchefin (Tilda Swinton) das Ende des weltweiten Hungers durch die Züchtung eines Superschweins. 10 Jahre später soll das schönste und größte Tier von jenen, die bei lokalen Farmern weltweit in die Aufzucht gebracht wurden, in einer feierlichen Zeremonie geehrt werden. Nun stellt sich dabei aber ein unerwartetes Problem ein: Siegerschwein Okja aus Südkorea nämlich und Mija (Ahn seo-hyeon), die Enkelin des Farmers, haben eine richtig gute Beziehung zueinander. Dass das Schwein hochintelligent und empathisch ist, zeigt sich schon in den ersten Einstellungen. Doch entführt der Konzern rund um den schmierigen TV-Tierarzt Dr. Wilcox (Jake Gyllenhaal, der sichtlich Spaß hatte und das mit schamlosem Overacting zeigt) das treue Tier, woraufhin Mija aufbricht, um Okja zurückzubringen und dabei zwischen die Fronten von Konzernschergen und militanten Tierschützern (mit Paul Dano als Anführer) gerät. Bei all den Abenteuern vergisst Bong Joon-ho aber nicht auf das Herzstück des Films, nämlich das Herz, die Bindung zwischen Mensch und Tier. Das mag plakativ sein, ist aber wirkungsvoll in Szene gesetzt. Gegen Ende hin drückt Bong Joon-ho noch mal so richtig auf die Tube, um seine Botschaft anzubringen – und die ist nicht leicht zu ertragen, vor allem für Freunde eines genussvollen Steaks. Dass der Film trotz allem nicht plump wirkt, ist der inszenatorischen Kraft von Bong Joon-ho zu verdanken, der die Zügel stets im Griff behält. „Okja“ ist damit ein Film mit Wirkung und unbedingt sehenswert.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Der schwarze Diamant (2019)

Regie: Josh und Benny Safdie
Original-Titel: Uncut Gems
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Thriller, Drama
IMDB-Link: Uncut Gems


Die Safdie-Brüder sind gerade der heißeste Scheiß in Hollywood. Mit ihrem Thriller „Uncut Gems“ haben sie Adam Sandler mal wieder die Möglichkeit geboten, abseits flacher Blödeleien als Schauspieler wahrgenommen zu werden – und eines muss man gleich festhalten: Sandler hat diese Steilvorlage dankbar verwertet und bietet eine großartige Leistung als windiger und spielsüchtiger Juwelier Howard Ratner, der für einen Tag einen gigantischen Opal an den Basketball-Star Kevin Garnett verleiht und damit eine bemerkenswerte Abwärtsspirale in Gang setzt. Fortan hechelt er von einem Ort zum nächsten auf der Suche nach Geld, einer Gelegenheit und dem verdammten Edelstein. Vor den Oscars 2020 munkelte mancher sogar, dass Sandler die höchste Anerkennung in Form einer Oscar-Nominierung hätte einfahren können, und es wäre nicht unverdient gewesen. Sein Howard Ratner ist eine denkwürdige Figur, ein Besessener und Getriebener, der Dinge zu kontrollieren versucht, die weit außerhalb seiner Möglichkeiten liegen, nur um nach der einen großen Gelegenheit im Leben zu suchen, mit deren Nutzung alles anders wird. Die Rastlosigkeit dieses Charakters wird von Sandler mühelos getragen. Generell wirkt der ganze Cast sehr authentisch und gut geführt. Dass der Thriller bei mir (anders als bei den meisten anderen Kritikern) dennoch nicht zündet, liegt vor allem am Stil der Safdie Brothers. Der Film ist ruhelos, laut und chaotisch. Jede Einstellung scheint in Bild und Ton zu vibrieren, es gibt keinen ruhigen Moment. Natürlich passt das prinzipiell sehr gut zur Geschichte, aber dieser extrem konsequent verfolgte Stil führt eben auch dazu, dass der Film rasch zu einer Belastung für die Nerven wird. Auf Verschnaufpausen wartet man vergebens. Und am Ende ist man einfach froh, wenn nach zwei langen Stunden der Abspann läuft. Ich glaube, von den Safdie-Brüdern werde ich kein Fan mehr, wenn sie diesem Stil treu bleiben, auch wenn ich ihr Können durchaus anzuerkennen weiß.


5,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Das Letzte, was er wollte (2020)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: The Last Thing He Wanted
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Drama, Politfilm
IMDB-Link: The Last Thing He Wanted


Dee Rees kann es. Das hat die Regisseurin 2017 mit Mudbound bewiesen. Nur leider hat sie auf ihr Können beim Dreh von „The Last Thing He Wanted“ wohl völlig vergessen. Denn dieser Film ist ihr trotz einer charismatischen Besetzung (Anne Hathaway in der Hauptrolle, dazu u.a. Ben Affleck und Willem Dafoe) zu einem chaotischen, unverständlichen Wirrwarr geraten. Der Stoff hätte eigentlich viel hergegeben. Mitte der 80er pfeift eine integere Polit-Journalistin, die von den gefährlichsten Orten der Welt berichtet, auf all ihre Integrität, um für ihren kranken Vater einen letzten Deal abzuschließen. Und schon sieht sie sich in ein lumpiges Waffengeschäft mit finsteren Typen verwickelt und auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Das bringt natürlich jede Menge Stress mit sich, und da kann auch eine hübsche Villa in Costa Rica, in der sie Unterschlupf findet, den Puls drastisch senken. „The Last Thing He Wanted“ marschiert mit fieberhafter Nervosität durch einen Plot, der für den Zuseher kaum Sinn ergibt. Das Hauptproblem ist, dass Dee Rees, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, zu viel voraussetzt – so als hätte jeder Zuseher diesen Prozess der Figuren- und Handlungsentwicklung gemeinsam mit ihr selbst schon längst durchgemacht. Man fühlt sich ein bisschen wie in einer Runde cooler Hipster gefangen, die einen Insider-Witz nach dem anderen loslassen. Man will mitlachen, aber man hat keinen Plan, worum es geht. Also nippt man verstimmt an seinem Gin Tonic und hofft, dass der Abend bald vorbei ist. Allein Anne Hathaway kann man keinen Vorwurf machen, sie trägt den Film gut und scheint als eine der wenigen auch das Drehbuch verstanden zu haben. Ben Affleck und Willem Dafoe hingegen sind völlig verschenkt. Bei Affleck passiert es sogar so, dass man sich jedes Mal aufs Neue wundert, wenn er auf dem Bildschirm erscheint, da man seit seinem letzten Auftritt bereits vergessen hat, dass er mitspielt. Und Dafoe ist einfach zu wenig zu sehen, um da noch was zu retten. Am Ende dieser gefühlt ewigen zwei Stunden bleibt das vage Gefühl zurück, dass unter der ganzen nervösen Schwurbelei irgendwo auch eine gute Geschichte versteckt lag, nur hat Dee Rees es leider nicht verstanden, diese ans Tageslicht zu bringen.


3,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Enemy (2013)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Enemy
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Enemy


Denis Villeneuve ist einer der gefragtesten Regisseure derzeit. Kein Wunder, hat er zuletzt mit Arrival und Blade Runner 2049 zwei moderne Science Fiction-Klassiker geschaffen. Kein anderer Film wird derzeit so heiß erwartet wie sein Remake von David Lynchs Sci-Fi-Klassiker Dune. 2013 hat Villeneuve, obwohl schon gefeierter Thriller-Regisseur, freilich noch etwas kleinere Brötchen gebacken. Seinen Film „Enemy“ veredelt immerhin Jake Gyllenhaal in einer gekonnt angelegten Doppelrolle. Denn der ist hier sein eigenes größtes Problem. Als der Geschichtsprofessor Adam Bell feststellt, dass er mit dem Schauspieler Anthony St. Clair einen Doppelgänger hat und er diesen zu kontaktieren versucht, setzt er einen Strom von Ereignissen in Gang, die ein Zurück zum bisherigen Status Quo bald unmöglich machen. „Enemy“ ist eine lose Adaption des Buchs „Der Doppelgänger“ von Literaturnobelpreisträger José Saramago. Und genau das ist auch das Hauptproblem des Films. Denn bei der Vermarktung hat man einen entscheidenden Fehler gemacht und den Plot wie einen Thriller klingen lassen. Davon ist „Enemy“ aber weit entfernt. Vielmehr greift der Film dieses hintergründige Vexierspiel auf, für das die Romane von Saramago bekannt sind, und ist vielmehr an der conditio humana interessiert als am Spannungsbogen. Das Ende, über das man wohl ganze Nächte lang diskutieren könnte, bringt genau das auch zum Ausdruck. Das Problem ist nur, dass ich als Zuseher auf dem Weg dahin meiner falschen Erwartungshaltung aufgesessen bin. Und so liegt es wohl entscheidend an der eigenen Herangehensweise, ob man den Film nun gut und interessant oder dann doch über lange Strecken langweilig und seltsam empfindet. Was wiederum allerdings dem Film zum Vorwurf gemacht werden kann, denn wenn es ihm nur gelingt, ein intellektuell vorbereitetes Publikum mitzureißen, fällt das Fehlen dieser oftmals so wichtigen Zutat Spannung dann doch ins Gewicht.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Caitlin Cronenberg – © 2014 – A24, Quelle: imdb.com)

Der Schacht (2019)

Regie: Galder Gaztelu-Urrutia
Original-Titel: El hoyo
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Satire, Drama, Horror
IMDB-Link: El hoyo


Für einen guten Film braucht es nicht mehr als eine gute Idee. Dann reicht es auch, wenn man beispielsweise Tom Hardy in ein Auto setzt und telefonieren lässt (wie in No Turning Back) oder ein paar Nasen durch ein Labyrinth aus Würfeln laufen lässt (wie in „Cube“). Mit letzterem Film hat „Der Schacht“ des jungen spanischen Regisseurs Galder Gaztelu-Urrutia einiges gemein. Denn auch hier ist die Kulisse auf das Allernötigste zusammengedampft und gerade in seiner Repetition äußerst interessant. Es beginnt damit, dass Goreng (Iván Massagué), der sich freiwillig dafür gemeldet hat, auf der Plattform 48 des Schachtes erwacht. Der Schacht ist ein Konstrukt aus einer unbekannten Anzahl von Ebenen, auf der jeweils zwei Menschen zusammen eingesperrt sind. Die haben je einen persönlichen Gegenstand bei sich sowie die Kleidung, die sie am Körper tragen. In der Mitte dieser Ebenen befindet sich ein rechteckiges Loch. Dadurch fährt einmal pro Tag ein Tisch voller Essen herab. Das Perfide: Je weiter der Tisch nach unten kommt, desto weniger befindet sich logischerweise darauf. Wer also auf einer der oberen Ebenen sitzt, kann sich satt essen. Auf den unteren Ebenen hingegen sieht es hingegen trist aus. Noch perfider: Einmal im Monat werden alle Insassen betäubt und wachen auf einer neuen Ebene auf. Wer vorhin oben war, kann sich nun unten wiederfinden – und umgekehrt. Ebene 48 scheint dabei kein schlechter Start zu sein, wie Gorengs Mitbewohner, der zynische und opportunistische Trimagasi (Zorion Eguileor) versichert. Der ist schon seit zehn Monaten im Schacht und sitzt seine letzten beiden Ebenen ab. Als im nächsten Monat Goreng und Trimagasi auf Ebene 171 erwachen, geht der Spaß los – denn Essen kommt da unten keines mehr an. „Der Schacht“ ist eine düstere Parabel und unverhohlene Kapitalismus-Kritik. Als solche ist sie vielleicht ein wenig plump geraten, aber dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – äußerst wirkungsvoll. Diese Netflix-Eigenproduktion entwickelt sich gerade zum viralen Renner, und das zurecht. Denn durch die Umsetzung mit minimalen Mitteln konzentriert sich der Film komplett auf seinen Inhalt, der politisch, religiös und vor allem natürlich gesellschaftskritisch interpretiert werden kann. Die von Gaztelu-Urrutia vorgeschlagene Lösung ist vielleicht zu einfach und naiv gestrickt, doch legt er unzweifelhaft den Finger in die Wunde unserer Gesellschaft, dass es nämlich schwierig bis unmöglich ist, das bestehende System von innen, also jenen, die Teil davon sind, zu ändern. In dieser Hinsicht ist die Dystopie keine mehr, sondern ein bitterer Realitäts-Check.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Maria Magdalena (2018)

Regie: Garth Davis
Original-Titel: Mary Magdalene
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Mary Magdalene


Da regen sie sich auf, die rechten Socken: Der Simon Petrus ist ein Neger, das gibt’s ja gar nicht, ab da war der Film mein absoluter Hassfilm, ganz schlimm, so was sollte verboten werden! Dabei könnte man bei Garth Davis‘ Bibelfilm/Biopic „Maria Magdalena“ tatsächlich so einiges kritisieren. Nämlich den zähen Erzählfluss zum Beispiel. Die Geschichte schleppt sich dahin wie Moses durch die Wüste. Oder auch die arg idealisierte Darstellung der Maria Magdalena (Rooney Mara), die einfach so makellos ist, dass selbst Jesus neben ihr wie der ärgste Strizzi wirkt. Oder Jesus selbst, von Joaquin Phoenix arg weinerlich dargestellt. (Das erste Mal, dass ich einer Leistung von Joaquin Phoenix nichts abgewinnen kann, der ist ansonsten für mich eine sichere Bank für Bombenleistungen.) Irgendwie stolpert der Film durch seine zweistündige Laufzeit wie eine angeschossene Milchkuh (Zitat des Biathleten Christoph Sumann nach seinem von Krämpfen geplagten Zieleinlauf beim Olympia-Rennen 2010 in Vancouver). Pflichtbewusst werden die wichtigsten Ereignisses des Neuen Testaments abgeklappert, und man glaubt, es wäre interessant und subversiv, wenn man die Figur der Maria Magdalena als moralisches Gewissen des Fischervereins aufbauen, Judas als Sympathieträger positionieren und Petrus als unsympathischen Nörgler und Zweifler darstellen würde. Nein, es macht einen Film nicht interessant, wenn man Figuren ein klein wenig gegen die bekannten Rollen bürstet, aber ansonsten einfach wie bei Malen nach Zahlen von einem Pflichtfeld zum nächsten hatscht – und das noch in einem wirklich langsamen Tempo. Dafür, dass der schwarze Petrus bei den ganzen FPÖ- und AfD-Jüngern Schnappatmung hervorruft, würde ich dem Film ja gerne noch einen Extrapunkt geben, aber dafür ist er dann doch zu simpel, zäh und schlecht geraten.


4,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

I’m Still Here (2010)

Regie: Casey Affleck
Original-Titel: I’m Still Here
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Musikfilm, Drama
IMDB-Link: I’m Still Here


Künstler sind sensible Seelen, und sie haben es schwer. Oft missverstanden und reduziert auf ihr Werk, das sie möglichst wiederholen sollen, aber bitte sich selbst dabei schon treu bleiben, sonst droht das Etikett „Ausverkauf!“. Joaquin Phoenix, in diesem Jahr Oscar-geadelt für seine unglaubliche Leistung in Joker, scheint ein solches Pflänzchen zu sein. Die Schauspielerei füllt ihn nicht mehr aus, außerdem sehen die Menschen ja immer nur die Rolle, nie denjenigen, der dahintersteckt. Was gäbe es also naheliegenderes, als den Brotberuf an den Nagel zu hängen und sich stattdessen als Musiker auszudrücken? Die Musik ist schließlich das Tor zur Seele. Dass sich Phoenix nun ausgerechnet das Genre des Hip-Hop ausgesucht hat, in dem er nicht übermäßig viel Talent zeigt, nun, das ist schließlich seine eigene Sache. Also bastelt er mit seinen engsten Vertrauten an seiner Karriere als Rapper, während die Welt darüber am Rätseln ist, ob nicht die eine oder andere illegale Substanz, die er sich auf dem Weg dahin hineinpfeift, nicht zu viel des Guten war. Aber halt! Vielleicht ist das alles nur ein Hoax? Vielleicht machen sich Phoenix und sein Schwager und Partner in Crime Casey Affleck nur einen Riesenspaß aus der Sache? „I’m Still Here“, die Mockumentary zu diesem schrägen Karriereknick, lässt sich nicht in die Karten schauen. Mit größter Ernsthaftigkeit verfolgt Affleck Phoenix‘ Weg durch die Abgründe von Midlife-Crisis, Drogenexzessen mit Prostituierten und Begegnungen mit schier fassungslosen Größen des Genres wie P. Diddy. Angeblich wollten Joaquin Phoenix und Casey Affleck damit ein Statement setzen zur Leichtgläubigkeit der Menschen. Vielleicht hatte Phoenix aber auch wirklich nur Lust, sich ein Jahr verbotenes Zeug reinzuziehen und auf Körperhygiene zu pfeifen. Das kann ja auch befreiend wirken. Der Zuseher erfährt es nicht und wird es wohl auch nie zur Gänze erfahren, auch wenn das Ergebnis dieses seltsamen Jahres, eben der Film, in eine bestimmte Richtung deutet. Aber was weiß man schon? Viel Substanz bietet das filmische Ergebnis dieser Reise jedenfalls nicht, bestenfalls einige genuine WTF-Momente und sehr viel Fremdschämen – sowie das ständige Rätseln darüber, wie das alles nun gemeint ist. Das kann durchaus abendfüllend sein, aber man muss sich diesem Rätsel nicht wiederholt hingeben – so viel steckt dann eben auch nicht dahinter.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)