2024

Speak No Evil (2024)

Regie: James Watkins
Original-Titel: Speak No Evil
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Horror, Thriller
IMDB-Link: Speak No Evil


James McAvoy mag privat ein ausgesprochen netter Mensch sein, doch nur wenigen Charakteren seiner Filmographie, die er in den letzten Jahren verkörpert hat, würde ich gerne im Dunkeln begegnen. Der Arzt Paddy, der mit seiner Frau Ciara das beim Italienurlaub kennengelernte Paar Louise und Ben zusammen mit ihrer Tochter Agnes auf sein Landhaus in der Einöde Südenglands einlädt, ist keine Ausnahme. Denn von Anfang an umgeben ein paar Fragezeichen den charmanten, aber sehr vereinnahmenden Paddy. Der gemeinsame Sohn Ant ist auch ein ziemlicher Sonderling, auch dadurch begründet, dass durch einen Geburtsfehler seine Zunge nicht normal ausgeprägt ist und er deshalb nicht sprechen kann. Aber Louise und Ben, die selbst gerade mit gröberen Beziehungsproblemen zu kämpfen haben, nehmen die Einladung zu einem Wochenende abseits des Großstadtstresses an, nichts ahnend, dass sie eine andere Art von Stress erwartet. Denn schon bald verschwimmen die Grenzen zwischen Schrulligkeit und nicht tolerierbarer Kontrollsucht. Da hilft es auch nicht, wenn Ciara immer wieder vermittelnd eingreift und sich für ihren Mann entschuldigt. Als geübter Thriller-Konsument ahnt man schon bald, wohin die Reise führt. Dennoch kann „Speak No Evil“ unter der Regie von James Watkins positiv überraschen durch eine konsequente Beachtung von Logik, Medizin und physikalischen Grundgesetzen, was in diesem Genre tatsächlich keine Selbstverständlichkeit darstellt. Wäre die Story, die sich da entfaltet, vermeidbar gewesen, hätten sich die Charaktere etwas weniger dümmlich verhalten? Ja, sicher. Aber Watkins bleibt darauf bedacht, dass alles im Rahmen des Möglichen und Denkbaren bleibt. Und das tut dem Film unheimlich gut – wie auch die extrem starke Besetzung mit dem schon erwähnten James McAvoy, der den Film zwar zu seiner Show macht, seinen Co-Stars Mackenzie Davies, Scoot McNairy, Aisling Franciosi und den beiden Kinderdarstellern Alix West Lefler und Dan Hough genügend Raum gibt, um ebenfalls Facetten ihres Könnens zu zeigen. „Speak No Evil“ ist ein Remake des gleichnamigen dänischen Films von 2022, der, so ist es zu lesen, in seiner Konsequenz noch grimmiger und böser ist. Und doch fühlt sich das Remake so stimmig an, dass man nicht das Bedürfnis nach der alternativen Erzählung dieser Geschichte verspürt, wenn man aus dem Kinosaal kommt. Und das ist schon ein Ritterschlag.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle: http://www.imdb.com)

Apollo 13: Überleben (2024)

Regie: Peter Middleton
Original-Titel: Apollo 13: Überleben
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Apollo 13: Überleben


Der Flug der Mondlandungsmission Apollo 13, der erfolgreichste Fehlschlag in der Geschichte der NASA, wurde 1995 von Ron Howard genial und spannungsgeladen verfilmt. Die Geschichte gibt auch viel her. Drei Astronauten, so weit von der Erde entfernt wie sonst noch kein Mensch jemals, zerreißt es mitten im Flug einen Teil ihres Raumschiffes und sie müssen mit Klebeband, Socken und Nerven aus Stahl improvisieren, um die nun unmöglich erscheinende Reise zurück nach Hause zu schaffen. Peter Middleton hat nun aus imposanten Archivmaterialien eine Dokumentation gebastelt, die diesen schicksalshaften Flug nachzeichnet. Einen besonderen Fokus legt er dabei auf den Kommandanten der Mission, James A. Lovell. So umreißt er neben der eigentlichen Darstellung der Katastrophe auch die Biographie Lovells, während seinen Gefährten Fred Haise und John L. Swigert nur Nebenrollen bleiben. Ein Problem ist das nicht, die biographischen Stellen sind sauber eingearbeitet und bringen dem Zuseher die Menschen, die da in dieser Kapsel im Nirgendwo eingeschlossen sind, etwas näher. Das eigentliche Problem der Dokumentation ist, dass Ron Howard das filmisch eben schon vor drei Jahrzehnten aufgearbeitet hat. Wer den Spielfilm kennt, wird durch die Dokumentation nichts Neues erfahren. Auch die Nachbetrachtung der Katastrophe, ihre Folgen, die Ursachenforschung bleiben außen vor. Middleton konzentriert sich allein auf den Verlauf des Fluges und der Katastrophe. Die Archivaufnahmen sind eindrucksvoll und handwerklich gut montiert, keine Frage. Allein diese machen die Sichtung dieser Netflix-Dokumentation schon lohnenswert. Wenn man allerdings eine spannungsgeladene Darstellung der Geschichte sehen möchte, greift man lieber noch mal zurück auf Ron Howards Film.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle: http://www.imdb.com)

Civil War (2024)

Regie: Alex Garland
Original-Titel: Civil War
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Kriegsfilm, Roadmovie
IMDB-Link: Civil War


Gleich vorweg: „Civil War“ von Alex Garland ist ein filmischer Tritt in die Magengrube. Da gibt es nichts zu beschönigen, und wer ein eher zartbesaitetes Gemüt hat, tut wohl gut daran, um diesen Film einen Bogen zu machen. Für einen gemütlichen Popcorn-Abend zuhause ist der Film denkbar ungeeignet. Denn wir tauchen mit Alex Garland, der sich gerne mit existenzialistischen Fragen herumplagt wie zB in seinem meisterhaften „Ex Machina“ oder auch in Auslöschung, dokumentiert in „Civil War“ die Bestie Mensch. Vordergründig handelt es sich um „Civil War“ um einen dystopischen Polit-Kriegsfilm, der einen kleinen Gruppe von Kriegsjournalisten (allen voran Kirsten Dunst mit einer ihrer besten Karriereleistungen) auf dem Weg durch das Kriegsgebiet nach Washington D.C. folgt. Texas und Kalifornien haben sich von den USA abgespaltet, formieren nun die Western Federation, und führen als solche Krieg gegen den Rest der Staaten. Lee (Dunst) und ihre Kollegen sind hautnah dabei, wenn die Amerikaner sich gegenseitig beschießen (ohne zum Teil zu wissen, auf wen sie da gerade genau schießen) oder sich unaussprechliche Gräuel antun. Garland lässt die Hintergründe des Konflikts bewusst im Dunkeln, was das Szenario nur umso bedrohlicher wirken lässt, denn am Ende läuft es in seinen Bildern auf die Essenz des Krieges hinaus: Menschen töten einander und wissen zum Teil nicht einmal, warum. Frag nach bei den Soldaten, die sich gerade in der Ukraine beschießen. Ja, es gibt diffuse Kriegsauslöser, „die da oben“ eben, es gibt Propaganda, die das Grauen zu rechtfertigen versucht, aber am Ende liegen da einfach eine Menge zerstückelte Menschen in ihrem Blut, die, hätte man sie vorab gefragt, wohl kaum zugestimmt hätten, ihr Leben für den diffusen Kriegsgrund, welcher auch immer das ist, geben zu wollen. Sie schießen aufeinander, weil sie es eben müssen. Und sie können das nur, weil sie sich ein Stück weit vom Menschsein distanzieren. Wenn dann ein bereits entwaffneter und verwundeter Soldat der Gegenseite beiläufig per Kopfschuss getötet wird oder Soldaten, die sich schon ergeben haben, vor Ort exekutiert werden, so geht das nur, weil man ihn ihnen nicht mehr die Brüder, Freunde, Kollegen sieht, die sie ansonsten in Friedenszeiten vielleicht wären. Und das zeigt Alex Garland in „Civil War“ schonungslos auf. Dazu ist der Film technisch gut gemacht. Drastische Szenen werden teils durch beschwingte Musik konterkarikiert, was das Grauen jedoch nicht abfedert, sondern noch brutaler macht, zeigt diese lockere Musik eben auch die Entmenschlichung in diesen Situationen auf. Alles ist super, wir foltern und töten nur mal eben jenen Typen, mit dem wir damals in die Schule gegangen sind. Uff! Dass es am Ende eines solchen Wahnsinns keine strahlenden Sieger geben kann, versteht sich von selbst.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle: http://www.imdb.com)

Liebesbriefe aus Nizza (2024)

Regie: Ivan Calbérac
Original-Titel: N’avoue jamais
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Liebesfilm, Komödie
IMDB-Link: N’avoue jamais


Französische Komödien sind manchmal schwer erträglich. Die Figuren bewegen sich oft am Rande der Hysterie und sind in ihrer Motivation kaum nachzuvollziehen, alles ist Drama, Drama, Drama. Die Menschen sehen unfassbar gut aus und räkeln ihre Luxuskörper an malerischen Stränden oder trinken Wein in pittoresken Bistros, während sie Probleme verhandeln, die nicht einmal mit viel gutem Willen als solche erkennbar sind. Wenn nun eine französische Liebeskomödie unter dem deutschen Verleihtitel „Liebesbriefe aus Nizza“ angekündigt ist, schrillen bei mir also die Alarmglocken. In diesem Fall aber unberechtigterweise, denn von Anfang an, wenn die Ehefrau zu ihrem Geburtstag von ihrem Mann, einem pensionierten General, ein Geburtstagsständchen zur Melodie der Marseillaise, geträllert bekommt, schleicht sich das erste Grinsen ins Gesicht. Seit 50 Jahren sind François (André Dussollier) und Anne (Sabine Azéma) verheiratet, doch da entdeckt François auf dem Dachboden zufällig eine alte Schachtel mit Liebesbriefen, die aus der Zeit stammen, in der die beiden noch in Nizza gelebt haben, und die an Anne gerichtet sind. Damit konfrontiert gibt diese den damaligen Seitensprung zu. Was soll’s auch – das ist fast vierzig Jahre her, ein unbedeutendes Abenteuer zu einer Zeit, als ihr Mann viel unterwegs war, und sie liebt ihn ja. Doch für François bricht eine Welt zusammen, und generalstabsmäßig plant er seine Rache am Rivalen von damals. Widerwillig macht sich Anne mit ihm zusammen auf den Weg nach Nizza, um ihn von den schlimmsten Dummheiten abzuhalten. Doch die Konfrontation mit dem Widersacher, dem immer noch gut in Form befindlichen Boris (Thierry Lhermitte), verläuft anders als geplant. Im Grunde ist „Liebesbriefe aus Nizza“ ein äußerst romantischer Film, denn er zeigt, dass Liebe nicht selbstverständlich ist, sondern man jeden Tag an ihr arbeiten muss. Gleichzeitig ist er aufgrund des wohldosierten Humors keinesfalls schmalzig, sondern erzählt seine Geschichte mit gutem Tempo und perfekt sitzenden Gags. Wenn sich beispielsweise François vor der Konfrontation mit dem Nebenbuhler in Form zu bringen versucht, aber ihm beim Joggen am Strand so sehr die Puste ausgeht, dass ein noch älterer Herr auf einem Rollator ihm diesen als Hilfe anbietet, sagt das zum einen in einem einfachen Bild viel über die Besessenheit des gehörnten Ehemanns und dessen Charakter aus, sorgt zum anderen aber auch für einen herzhaften Lacher. Das macht Ivan Calbérac in seinem Film richtig gut: Er bedient sich der Mittel der Komödie, um seinen Film aufzulockern, und überspitzt vielleicht manche Situation ein wenig, um ihre Komik herauszuarbeiten, überdreht aber nie. So bleiben die Figuren und ihre Motivation immer greifbar, so kann auch eine Entwicklung bei ihnen stattfinden. Unter vielen mittelmäßigen Komödien aus Frankreich sticht dieser Film jedenfalls sehr positiv hervor.


7,0 Kürbisse

Foto: Filmladen Luna Filmverleih)

Alien: Romulus (2024)

Regie: Fede Álvarez
Original-Titel: Alien: Romulus
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Science Fiction, Horror
IMDB-Link: Alien: Romulus


Ja, wo isser denn, der Filmkürbis? Doch nicht etwa in den Weiten des Weltalls, wo dich niemand schreien hört, verschollen? Glücklicherweise nicht, denn solche ekligen Begegnungen mit außerirdischen Lebensformen blieben mir erspart. Mir reicht schon, was auf der Erde herumläuft. Beziehungsweise reichen mir die 35 Grad Anfang September. Diese Hitzewelle hat mich ausgeknockt. Das Gute am Klimawandel ist, dass er unseren Planeten für die potenziellen Drecksviecher, die da oben im All über uns schwirren, zu heiß und damit uninteressant macht. Die vergnügen sich somit lieber in anderen Sonnensystemen wie etwa jenem, der die Minenkolonie Jackson’s Star angehört. Dort planen ein paar junge Erwachsene, die nicht bis zu frühzeitigen Ableben für die Weyland-Yutani Cooperation schuften wollen, ihre Flucht. Dummerweise führt sie diese auf eine abgewrackte Raumstation, die nur auf den ersten Blick verlassen scheint. Der Rest ist (gut gemachte) Menschenjagd durch Aliens, wie man sie vor allem aus den ersten vier Alien-Filmen kennt. „Alien: Romulus“ von Fede Álvarez spielt zwischen dem ersten und dem zweiten Alien-Film und nutzt diese zeitliche Verankerung für einen überraschenden und durchaus gelungenen Gastauftritt. Der Film erfindet die Reihe nicht neu, sondern besinnt sich ihrer alten Stärken. Was die Alien-Reihe abseits ihrer blutigen Schlitzerei so interessant macht, ist, dass das Grauen zwar durch eine bösartige außerirdische Lebensform verkörpert wird, es aber erst durch amoralisches Handeln der Menschen herbeigerufen bzw. immer wieder neu losgelassen wird. Was dann in den Filmen passiert, sind die Kollateralschäden, die durch einen Gotteskomplex, Profitgier und falsche Neugierde entstehen. Diesen Aspekt zeigt „Alien: Romulus“ deutlich auf. Man weiß schon, dass man in einem Alien-Film die Figuren nicht allzu sehr ins Herz schließen sollte, denn wie in bekannten Kinderabzählreimen geht es diesen einem nach dem anderen an den Kragen, aber vor allem Cailee Spaney und David Jonsson als Android Andy machen ihre Sache richtig gut, sodass man Interesse an ihren Figuren entwickelt. Und das ist im Horror-Schlitzer-Genre schon mal eine richtig gute Sache, denn viele mittelmäßige bis schlechte Horrorfilme leiden darunter, dass es einem aufgrund schlecht geschriebener Charaktere, die vielleicht auch noch nervig von den Darsteller:innen verkörpert werden, völlig egal ist, wer wann wie ins Gras beißt – schlimmer noch: dass man irgendwann einmal die Seite wechselt und den Bösen die Daumen drückt, dass sie die nervigen Figuren endlich von der Leinwand entfernen. Das passiert in „Alien: Romulus“ nicht. Allerdings meint es Álvarez mit seiner Verbeugung vor dem ersten Film etwas zu gut und strapaziert damit am Ende des Films etwas die Geduld der Zuseher, wenn sich Actionsequenzen wie Matrjoschka-Figuren verhalten: Aus jeder hüpft noch einmal eine neue hervor, bis es langweilig und repetitiv wird. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Hätte es diesen nachträglichen Zwischenteil zu den Alien-Filmen gebraucht? Das wahrscheinlich nicht. Aber er unterhält auf gutem Niveau und hat damit jedenfalls seine Berechtigung.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von 20th Century Studios/20th Century Studios – © 2024 20th Century Studios. All Rights Reserved. Quelle: http://www.imdb.com)

Deadpool & Wolverine (2024)

Regie: Shawn Levy
Original-Titel: Deadpool & Wolverine
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Action, Fantasy, Komödie
IMDB-Link: Deadpool & Wolverine


Deadpool nimmt im Marvel Universum eine Sonderstellung ein. Anders als seine Idole Captain America, Iron Man & Co. ist er sich nur allzu bewusst, eine fiktive Figur zu sein, was immer wieder zu komischen Durchbrechungen der vierten Wand führt. Und noch etwas hebt ihn von anderen Marvel-Figuren ab: Er kann nicht sterben. So gesehen dürften wir uns auf eine schier unendliche Anzahl an Deadpool-Filmen einstellen, wäre nicht Ryan Reynolds, der den sarkastischen Helden mit dem Hang zum Blutbad kongenial verkörpert, selbst sterblich. Insofern geben wir dem Franchise noch zwanzig gute Jahre, doch der nächste Deadpool wird dann womöglich schon in den Startlöchern stehen. Wolverine, zentrale Figur der X-Men und eine Lebensrolle für Hugh Jackman, hat hingegen im genialen Logan das Zeitliche gesegnet. Diese Erkenntnis trifft auch Deadpool, als er versucht, seine alte Nemesis wieder auszubuddeln. Denn er hat ein Problem: In einem Gewirr schier unendlicher Parallelwelten droht ausgerechnet seiner ein schnelles und unerquickliches Ende, weil mit The Wolverine die Ankerfigur dieser Welt abgenippelt ist. Und wenn eine solche Ankerfigur aus einem Universum scheidet, reißt sie dieses mit sich. Zwar dauert es auf natürlichem Wege noch 8.000 Jahre, bis dieses Ende eintritt, doch der sehr britische Zeitagent Mr. Paradox (Matthew Macfadyen) möchte ebendies in einem Anflug göttlichen Erbarmens drastisch beschleunigen. Also muss Deadpool versuchen, einen neuen Wolverine aus einem Paralleluniversum aufzutreiben, bevor seines in die Binsen geht. Dabei treffen er und der ziemlich unwillige Wolverine, den er auf dem Weg aufgegabelt hat, in einer Welt, die nur die Leere genannt wird und in die vergessene Helden aller Universen abgeladen werden, auf Cassandra Nova (Emma Corrin), die sich als die Zwillingsschwester von Professor Charles Xavier vorstellt, über unheimliche und unbesiegbare Superkräfte verfügt und mächtig einen an der Waffel hat. Das wäre dann in etwa auch schon die ganze Story. „Deadpool & Wolverine“ verzichtet auf eine kohärente und interessante Storyline und bedient stattdessen schamlos den Faktor des Crowdpleasings und Nerdtums. Wer tief drinnen steckt im Marvel-Universum, wird sich über Gastauftritte vieler vergessener Heldinnen und Helden freuen. Dazu gibt es jede Menge blutige Gemetzel, wie man sie von einem Deadpool-Film erwarten darf. Allerdings liegt darin auch eine große Schwäche des Films: Deadpool ist unsterblich. Wolverine ist so gut wie unsterblich (auch wenn wir diesbezüglich schon eines Besseren belehrt wurden). Die Bedrohungen, denen sie sich ausgesetzt sehen, sind also eher theoretischer Natur. Echte Spannung kommt nur selten auf. Und auch die blutigen Auseinandersetzungen werden irgendwann repetitiv. Man weiß ja eh, wer am Ende stehenbleibt. Für Fans ist „Deadpool & Wolverine“ also eine launige Angelegenheit, die den schwarzen und unkorrekten Humor der ersten Deadpool-Filme konsequent fortführt. Neue Fans wird der Film aber nur schwer gewinnen, denn dazu ist er zu sehr more of the same.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von 20th Century Studios/Marvel Stud/Courtesy of 20th Century Studio – © 2024 20th Century Studios / © and ™ 2024 MARVEL. Quelle: http://www.imdb.com)

Twisters (2024)

Regie: Lee Isaac Chung
Original-Titel: Twisters
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Abenteuerfilm, Action
IMDB-Link: Twisters


Hier geht’s rund! Bereits 1996 durften sich Bill Paxton und Helen Hunt im Katastrophenfilm-Blockbuster „Twister“ schon ordentlich durchwirbeln lassen, und nun sind Daisy Edgar-Jones, Glen Powell und Anthony Ramos dran. Wieder möchten Meteorolog:innen ein Tänzchen mit dem Schicksal wagen und im Sinne der Wissenschaft mit Tornados auf Tuchfühlung gehen. Dass so etwas ein waghalsiges Unterfangen ist, weiß man zwar, dennoch ist die junge Forscherin Kate Cooper erst einmal ordentlich geschockt, als es nach einer Fehleinschätzung ihren Freund und zwei Kollegen verbläst. Fünf Jahre später hat sie das Trauma verständlicherweise noch nicht ganz überwunden und stellt sich den Tornados nur noch via Computerscreen entgegen. Auftritt Ex-Kollege, der damals das Glück hatte, das Desaster aus der Entfernung betrachtet zu haben. Mittels neuer Technik soll den Wirbelstürmen nun endgültig auf den Zahn gefühlt werden – man muss dafür nur nah genug herankommen an diese. Das ist natürlich nun nicht im Geschmack der Traumatisierten, doch der Forscherdrang setzt sich durch, und so jagt sie bald mit ihrem ehemaligen Kollegen Tornados. Damit ist sie jedoch nicht allein. Auftritt Cowboy und „Tornado-Wrangler“ Tyler Owens, der seine treue Youtube-Fangemeinde ganz nah an die gefährlichen Wirbelstürme heranbringt. Und schon hat man den gewohnten Konkurrenzkampf um die besten Plätze beim Tänzchen mit dem Tornado, wie man es auch schon aus dem Film von 1996 kannte – doch diesmal mit einem hübschen Twist (pun intended). Aber der aufmerksame Leser wird schon zu dem (richtigen) Schluss gekommen sein: Storymäßig ist auch „Twisters“, ähnlich wie sein Vorgänger, eine eher dünne Suppe. Doch darum geht es auch nicht, wenn die Natur auf der Leinwand ihre zerstörerische Kraft entfaltet und ganze Städte dem Erdboden gleichmacht. Die Bedrohung, die von diesen Tornados ausgeht, überträgt sich auf das Publikum. Ohne es mit der Dramatik durch physikalisch unmögliche Kapriolen zu übertreiben (ein Schicksal, das dem alten Film widerfahren ist) baut Lee Isaac Chung in „Twisters“ eine hübsche Suspense auf, die den Film über seine ganze Laufzeit von zwei Stunden trägt. Eine etwas originellere Story und eine konzentriertere Figurenentwicklung hätte dem Film dennoch gutgetan.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von [Melinda Sue Gordon/Universal Pic, Warner Bros. Pictures & Ambli – © Universal Pictures, Warner Bros. Pictures & Amblin Entertainment. Quelle: http://www.imdb.com)

To the Moon (2024)

Regie: Greg Berlanti
Original-Titel: Fly Me to the Moon
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Rom-Com, Komödie
IMDB-Link: Fly Me to the Moon


Filme zur Eroberung des Weltraums, das „Space Race“ und die Mondlandung gibt es mittlerweile einige. Das Weltall übt eine ungebrochen Anziehungskraft auf uns Menschen aus. Selbst einer der allerersten fiktionalen Langfilme der Geschichte, Georges Méliès‘ Reise zum Mond, befasste sich mit diesem Thema. In Greg Berlantis „To the Moon“ trifft nun Scarlett Johansson als gewiefte und recht gewissenlose Marketingexpertin auf Channing Tatum, der als NASA-Führungskraft, der für den Startvorgang der Apollo-Missionen verantwortlich ist, gegen den Strich besetzt ist – nicht unbedingt zum Vorteil der ansonsten sehr charmanten, in bester Screwball-Tradition umgesetzten Rom-Com. So richtig glaubwürdig wirkt eine mit allen Wassern gewaschene Marketing- und PR-Expertin Mitte/Ende der 60er-Jahre, die von der Regierung damit beauftragt wird, dem amerikanischen Volk die Mondlandung schmackhaft zu machen, zwar auch nicht, aber Tatum bringt als Veteran und technischer Leiter zu wenige Dimensionen ins Spiel mit, um diese Figur richtig zu verankern. Aber sei’s drum. Man kann auch bewundern, wie kompromisslos „To the Moon“ in seiner Figurengestaltung jegliche Authentizität beiseite wischt. Dafür bekommt man ein gut gelauntes Darstellerduo mit guter Chemie und allerlei witzige bis aberwitzige Szenen mit viel Tempo und Leichtfüßigkeit. Und auch der Cat Content kommt nicht zu kurz. Was wie ein lahmer Running Gag aufgezogen wird, entfaltet auf dem Höhepunkt des Films eine geniale humoristische Note. Die Bewertung des Films fällt einfach: Er macht einfach richtig Spaß und bietet ein Stück weit Eskapismus in Reinform. Dazu bietet er Scarlett Johansson einmal mehr die Möglichkeit, zu brillieren. (Kleiner Tipp: es lohnt sich, den Film auf Englisch zu sehen, wenn man sich dessen mächtig genug fühlt, denn einige der witzigsten Szenen resultieren aus Johanssons Talent für unterschiedliche Akzente.) „To the Moon“ erzählt eine altbekannte Geschichte nicht unbedingt neu, schickt sie aber durch ein Spiegelkabinett mit Zerrspiegeln, die einen immer wieder mal kichern lassen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Dan McFadden – © 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved. Quelle: http://www.imdb.com)

A Quiet Place: Tag Eins (2024)

Regie: Michael Sarnoski
Original-Titel: A Quiet Place: Day One
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Horror, Drama, Science Fiction
IMDB-Link: A Quiet Place: Day One


Als gelernter Wiener kann ich dem Konzept der A Quiet Place-Welt einiges abgewinnen. Wer unnötig Lärm macht oder sonst eine Ruhestörung begeht, geht sofort über den Jordan. Man stelle sich mal diese herrliche Ruhe in Straßenbahnen oder Zugabteilen vor! Keine wilde Party morgens um zwei Uhr in der Nachbarswohnung mehr! Wundervoll! Und keine grantigen Audi-Fahrer, die glauben, die Straße gehöre ihnen, was sie mit lautem Hupen kundtun müssen. Was für eine Vorstellung! Insofern muss man den außerirdischen Entitäten mit den großen Lauschern ja fast dankbar sein, dass sie sich unseren Planeten ausgesucht haben, um für Ruhe zu sorgen. Im Grunde sind das lediglich etwas aggressivere Varianten der sudernden alten Wiener Dame, die dem Covid’schen Balkonkonzert des Tenors nebenan mit einem herzlichen „RUHE! RUHE! So schee is des a net!“ den Garaus gemacht hatte. Aber wenn man selbst der Ruhestörer ist, der dann Sekunden später in einer Blutlache liegt, ist das halt auch nur bedingt lustig. Da ist es auch kein Trost, wenn man weiß, dass man ohnehin in wenigen Wochen bis Monaten das Zeitliche gesegnet hat, so wie es der krebskranken Samira (Lupita Nyong’o) ergeht. Als die außerirdischen Musikkritiker also über New York hereinfallen, tut sie erst einmal das, was jeder in der Situation tun würde: Sie versucht zu überleben. Nachdem Ersteres (zumindest vorerst einmal) sichergestellt ist, bekommt sie aber Lust auf Pizza, nämlich in einer ganz bestimmten Pizzeria in Harlem, und so macht sie sich auf den geräuschlosen Weg nach Norden, während der Rest der Stadt (sofern er nicht von Außerirdischen zermantscht wird) nach Süden flüchtet, da das Militär relativ schnell herausgefunden hat, dass die Besucher aus fernen Galaxien zwar außergewöhnlich gut hören, aber nur schlecht schwimmen können, was dazu führt, dass im Süden der Stadt Boote bereitgestellt werden, die die restlichen Überlebenden der Invasion retten sollen. Aber Samira ist eben nicht nach Rettung, sondern nach Pizza zumute. Zusammen mit ihrem tiefenentspannten Kater Frodo (bitte um einen Oscar für den Kater Schnitzel!) zieht sie quer durch die Stadt, im Schlepptau schon bald den ängstlichen Studenten Eric (Joseph Quinn, den man aus der vierten Staffel von „Stranger Things“ kennt). Auf Zehen- (bzw. Pfoten-)spitzen schleicht das ungleiche Trio nun durch die Stadt, dabei versuchend, unvermeidliche Zusammenstöße mit den Außerirdischen zu vermeiden. Besonders originell ist das nicht, und man ahnt schon bald, worauf das alles hinausläuft, aber das Nyong’o, Quinn und Schnitzel groß aufspielen und sich das Drehbuch Zeit nimmt, die zwischenmenschlichen und -kätzischen Beziehungen aufzubauen, folgt man dem lautlosen Geschehen gerne. Überhaupt fühlt sich „A Quiet Place: Tag Eins“ die meiste Zeit über mehr wie ein Drama als wie ein Horrorfilm an – was für mich keinen Nachteil darstellt. Allerdings muss ich einen unfassbaren Logikfehler hervorheben: Es ist absolut unmöglich, dass du eine Katze in eine verlassene Bar setzen kannst, ohne dass sie leere Gläser vom Tresen stößt (und ihnen interessiert nachblickt) oder auf dem Schlagzeug der Band herumläuft! Es scheint, als wäre am Set kein einziger Katzenbesitzer anwesend gewesen.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Gareth Gatrell/Gareth Gatrell – © 2023 Paramount Pictures. All Rights Reserved. Quelle: http://www.imdb.com)

Godzilla x Kong: The New Empire (2024)

Regie: Adam Wingard
Original-Titel: Godzilla x Kong: The New Empire
Erscheinungsjahr: 2024
Genre: Fantasy, Action
IMDB-Link: Godzilla x Kong: The New Empire


Da glaubt man, eine Benchmark definiert zu haben, mit Godzilla II: King of the Monsters nämlich jene für den schlechtesten Monsterfilm ever, und dann kommt „Godzilla x Kong: The New Empire“ daher und unterbietet dieses Machwerk im Niveaulimbo noch weiter. Dabei war der Vorgänger Godzilla vs. Kong, ebenfalls unter der Regie von Adam Wingard, ja gar nicht mal so übel und eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Rohrkrepierer von 2019. Der wollte nämlich gar nicht mehr sein, als er war: Einfach eine epische Keilerei zwischen zwei Supermonstern. In „Godzilla x Kong: The New Empire“ ist aber nun die sogenannte Hohlerde im MonsterVerse etabliert: Eine Erde unter der Erde, in die sich Kong am Ende von „Godzilla vs. Kong“ zurückgezogen haben, um dort in Frieden zu leben und nach Familienangehörigen zu suchen, während Godzilla seine ozeanischen Nickerchen an der Oberfläche hält. Nervige Verwandtschaft findet er dort unten tatsächlich, nämlich eine schlecht gelaunte Affenbande unter der Führung des sogenannten Skull King. Der will sein Unwesen auf der Erdoberfläche treiben, warum auch immer, und um ihn zu stoppen, bleibt Kong nichts anderes übrig, als sich mit seinem Erzfeind, der verstrahlten Echse, zusammenzutun. Adam Wingard und die Schaffer des Films dachten sich wohl: Wenn schon Buddy-Movie, dann größer und spektakulärer, als es jemals dagewesen ist! Doch der Film hat eine Menge Probleme. Die größten davon: Das menschliche Personal. Nicht nur, dass es komplett wurscht ist, was diese debilen Abenteurer rund um Rebecca Hall (ihre Figur trifft eine debile Entscheidung nach der anderen), Brian Tyree Henry (mit der undankbaren Aufgabe, einen debilen Spruch nach dem anderen loszulassen), Dan Stevens (debil grinsend) und Kaylee Hottle (debil gestikulierend) machen – sie entstammen einem Drehbuch direkt aus der Hölle. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, man hätte einfach die Horde Affen aus der Hohlerde an Schreibmaschinen gesetzt und diese wie wild tippen lassen, in der Hoffnung, irgendwann würden sie schon was Shakespeare-eskes schreiben, doch dann lief ihnen die Zeit davon. Nächstes Grundproblem: Die CGI. Jedes Computerspiel kann heutzutage mit imposanteren und glaubwürdigeren Grafiken aufwarten. Wenn man sich vor Augen hält, was die Japaner mit deutlich geringeren Mitteln in Godzilla Minus One auf die Beine gestellt haben, kommen einem die Tränen. Problematisch ist auch der uninspiriert eingesetzte 80er-Jahre-Soundtrack, der so deplatziert wirkt wie Godzilla in einer Porzellanfabrik. Und das vielleicht größte Problem: Aufgrund des (unverständlichen) finanziellen Erfolgs werden die Affen demnächst erneut an die Schreibmaschinen gesetzt und sollen an einer Fortsetzung schreiben. Mag sein, dass ich „Godzilla vs. Kong“ im Nachhinein etwas zu positiv und diesen Film nun etwas zu negativ bewerte, aber der Ärger über zwei vergeudete Stunden ist größer als Kong, der huckepack von Godzilla getragen wird.


2,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle: http://www.imdb.com)