2022

Absturz: Der Fall gegen Boeing (2022)

Regie: Rory Kennedy
Original-Titel: Downfall: The Case Against Boeing
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Downfall: The Case Against Boeing


Wenn Netflix neue Dokus braucht, rufen sie wohl bei Rory Kennedy an. Die umtriebige Dokumentarfilmerin ist den großen Geschichten des Versagens auf der Spur, jener Art von Versagen, das tragische Konsequenzen zeitigt. Es ist noch nicht so lange her, da sind zwei brandneue Boeing 737 MAX kurz nach dem Start vom Himmel gefallen. In einer Zeit, in der Flugreisen so sicher wie noch nie zuvor scheinen, ein schwerer Schlag gegen den US-Konzern, der sich immer besonderer Qualitäts- und Sicherheitsstandards gerühmt hat. Wie konnte das passieren? Allmählich zeigt sich, dass – wie hinter vielen Tragödien der jüngeren Geschichte – Profitgier, Fehleinschätzungen und mangelnde Kommunikation die Dreifaltigkeit des Desasters ergeben. Gleichzeitig beleuchtet Rory Kennedy die Geschichte von Boeing – von den Jahrzehnten des Erfolgs über die Herausforderungen, die sich durch den immer mächtiger werdenden Konkurrenten Airbus ergeben haben. An dieser Stelle sei gesagt, dass man für Dokumentationen über komplexe Vorgänge und Strukturen zwar immer mit Vereinfachungen arbeiten muss, es sich Kennedy aber vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu einfach gemacht hat. Die Erzählung in „Absturz: Der Fall gegen Boeing“ lässt den Schluss zu, dass angesichts des Konkurrenzdrucks die Führungsetage bei Boeing einfach irgendwann beschlossen hätte: „Pfeif auf die Qualität. Billig muss es sein, und ob der Flieger vom Himmel fällt, ist egal.“ Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Simplifikation den wichtigsten Entscheidungen eines Konzerns mit über 140.000 Mitarbeiter:innen gerecht wird. Keine Frage, die Geschichte der beiden Boeing-Abstürze ist eine Geschichte des Versagens. Doch gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, dass mehr und vielfältigere Stimmen in der Doku zu hören gewesen wären (vielleicht auch von Mitarbeiter:innen, die direkt am Bau der Flugzeuge beteiligt waren), um das Bild zu schärfen, auch wenn es dadurch komplexer wird.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Weißes Rauschen (2022)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: White Noise
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: White Noise


Noah Baumbach hat eine sehr eigene, durchaus lakonische Sicht auf die Dinge. Unter seiner Regie sind einige bemerkenswerte Filme wie Marriage Story oder „Frances Ha“ entstanden, letzterer mit seiner nunmehrigen Lebensgefährtin Greta Gerwig in der Hauptrolle, die wiederum ihrerseits sehr umtriebig ist (auf ihre Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen freue ich mich schon besonders). Das neueste Werk, „Weißes Rauschen“, ist mit Sicherheit Baumbachs ambitioniertestes. Die Millionen, die Netflix in den Film gepumpt hat, werden in einen überragenden Cast (Adam Driver, Don Cheadle, natürlich Greta Gerwig und in einer Nebenrolle am Schluss Lars Eidinger) und überzeugende Spezialeffekte investiert, und doch bleibt der Film zuallererst ein typischer Baumbach-Film. Es passiert nicht viel, Menschen reden aneinander vorbei und treffen sich in Supermärkten. Für die literarische Vorlage hat Don DeLillo gesorgt, doch ist „Weißes Rauschen“ mehr Baumbach als DeLillo. Adam Driver spielt ein kurioses Mash-Up aus Woody Allen und Jeff Goldblum (die Dialogzeilen und die verhuschten Blicke scheinen von Woody Allen zu stammen, der körperliche Stoizismus, der die Dialoge begleitet, von Jeff Goldblum), und Greta Gerwig ist mit 80er-Jahre-Locken kaum wiederzuerkennen. Als Oberhäupter einer Patchwork-Familie müssen sie sich mit den Folgen eines Chemie-Unfalls auseinandersetzen, der das Familienleben auf eine harte Belastungsprobe stellt. Die scheinbare Nahtod-Erfahrung legt Risse frei, die sich unterhalb der Oberfläche durch die Familie ziehen. Das alles wird aber dermaßen nüchtern und beiläufig erzählt, dass es schwer ist, eine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Schlimmer noch: Abgesehen von ein paar wirklich gelungenen Szenen plätschert der Film dermaßen ereignisarm vor sich hin, dass man Gefahr läuft, auf dem Sofa friedlich einzubüseln. „Weißes Rauschen“ macht es dem Zuseher nicht leicht. Wenn der Abspann mit einer witzigen Tanzeinlage der gefühlte Höhepunkt des ganzen Films ist, dann läuft in den zwei Stunden davor etwas grundlegend falsch. Es gibt zugänglichere Baumbach-Filme.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von WILSON WEBB/NETFLIX © 2022/WILSON WEBB / NETFLIX ©2022 – © 2022 NETFLIX, Quelle http://www.imdb.com)

Strange World (2022)

Regie: Don Hall
Original-Titel: Strange World
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation
IMDB-Link: Strange World

„Strange World“ aus der Mäuseschmiede gilt als veritabler Flop. Schon kurz nach dem mauen Kinodurchlauf kann man das neueste Werk des Disney-Konzerns auf dessen Streaming-Plattform Disney+ sehen. Doch ist der Film wirklich so misslungen, wie es eine aktuelle IMDB-Durchschnittsbewertung von 5,4 und eben das miserable Einspielergebnis erwarten lassen? Nun, an die größten Disney-Meisterwerke kommt der Film von Don Hall über drei sehr unterschiedliche Generationen, die sich für ein gemeinsames Werk zusammenraufen müssen, bei weitem nicht heran. Dazu bleiben die Figuren zu blass. Und doch ist „Strange World“ kein schlechter Film. Denn mit sehr viel Fantasie wird hier eine völlig fremdartige Welt entwickelt, deren Fremdheit am Ende mit einem befriedigenden Aha-Erlebnis aufgelöst wird. Der Film sieht wirklich toll aus und lässt vergessen, dass die Story selbst schon recht dünn ist. Es geht um einen Farmer, der vor 25 Jahren von seinem Vater, ein berühmter Forscher, Entdecker und Abenteurer, verlassen worden ist und nun selbst zu einer Mission aufbrechen muss, um seine Farm und damit auch seine Welt zu retten. Es versteht sich von selbst, dass sein Sohn, der so gar nicht nach ihm kommt, verbotenerweise als blinder Passagier auf diese abenteuerliche Fahrt mitkommt, und als dann noch Muttern zur Rettungsmission ausreitet, ist die Familie vereint und kann neben dem eigentlichen Ziel der Weltrettung auch noch Generationenkonflikte bearbeiten. So weit, so gewöhnlich. Und ja, der Film hätte etwas vielschichtiger und psychologisch komplexer erzählt werden können. Manche Konflikte werden zu beiläufig abgearbeitet. Und doch merkt man, dass viel Liebe in „Strange World“ geflossen ist, auch wenn sich das eben mehr im Creature Design und dem Weltenbau zeigt. Der Shit, den der Film vom Publikum abbekommt, hat einen anderen Hintergrund. „Das kann ich meinen Kindern doch nicht zumuten!“ – „Warum muss heute alles so politisch korrekt sein?“ – „Ich möchte in einem Disney-Film eine ganz normale Familie sehen, so wie es meine Großeltern noch vorgelebt haben!“ Und so weiter. Wenn sich ein Großteil der negativen Bewertungen des Films darauf begründet, dass eine Hauptfigur schwul ist, dann hat Disney doch einiges richtig gemacht mit diesem Film, und dann braucht es vielleicht auch noch mehr davon.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Vulkan: Rettung von Whakaari (2022)

Regie: Rory Kennedy
Original-Titel: The Volcano: Rescue from Whakaari
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: The Volcano: Rescue from Whakaari


Werbung wirkt. „Besichtigen Sie ein einzigartiges und spektakuläres Naturwunder ganz aus der Nähe“ liest sich doch besser als „Lassen Sie sich von einem Vulkan die Haut wegbrennen, und sterben Sie einen langsamen, qualvollen Tod“. Zweitere Beschreibung ist wohl akkurater als die erste, doch die stand nicht auf den Broschüren der Kreuzfahrtschiffe und Ausflugsanbieter. Und so stiefeln ein paar abenteuerlustige Touristen mit ihren Guides auf Whakaari Island, der sogenannten „White Island“ herum, um dem aktivsten Vulkan Neuseelands ins Auge, vulgo den Krater, zu schauen, doch bekommen sie mehr für ihr Geld geboten, als sie je erwartet hätten. Denn – welch Überraschung! – der aktive Vulkan bricht aus. Etliche Menschen müssen an diesem Tag ihr Leben lassen, und die, die überleben, wissen selbst nicht so genau, wie sie dem Tod entkommen sind. Nur die Narben von den fürchterlichen Verbrennungen zeugen von diesem Tag. „Der Vulkan: Rettung von Whakaari“ zeigt genau das, was der Titel aussagt: Wie Menschen mitten in eine vulkanische Eruption gerieten und wie dann einige Mutige versuchten, die Überlebenden von der Insel und ins Krankenhaus zu schaffen. In diesem Sinne ist der Dokumentarfilm von Rory Kennedy eine Geschichte über den Überlebenswillen und über Zivilcourage und Mut. Was der Film völlig ausklammert: Die ethischen Fragen über das Vorgehen der Touranbieter, die möglicherweise auch Warnungen von Geologen und Vulkanologen vorab aus dem Wind geschlagen haben, jedenfalls aber bewusst ihre Kunden einem großen Risiko ausgesetzt haben. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht, wie es so schön heißt. Durch aber eindrückliche Berichte der Überlebenden und spektakuläre Naturaufnahmen, die so schön wie bedrohlich wirken, bleibt das Fazit über den Film allerdings sehr positiv.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Glass Onion: A Knives Out Mystery (2022)

Regie: Rian Johnson
Original-Titel: Glass Onion: A Knives Out Mystery
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: Glass Onion: A Knives Out Mystery


Sein Name ist Blanc. Benoit Blanc. Daniel Craig hat nach der Abgabe des 007-Staffelstabes eine neue Rolle gefunden, die sich wunderbar auf viele Jahre ausdehnen lässt. Ähnlich wie Kenneth Branagh, der kurzerhand seinen Schnurrbart hochgezwirbelt hat, um in Neuauflagen berühmter Agatha Christie-Krimis als Hercule Poirot auf launige Verbrecherjagd zu gehen. Daniel Craigs Figur des smarten Südstaaten-Detektives hat zwar (noch) keine dermaßen langlebige popkulturelle Vorgeschichte wie sein belgisches Pendant Poirot, doch ist Benoit Blanc ganz in der Tradition smarter Gentleman- und Lady-Ermittler geschrieben. Rian Johnson, Autor und Regisseur der nunmehr zwei Knives Out-Filme, lehnt sich stark an seine legendären Vorbilder an. Der erste Knives Out-Film war ein großes Vergnügen, nicht zuletzt dank eines grandiosen Casts, der sichtlich Freude an dem familiären Verwirrspiel hatte. Das zweite mordslustige Abenteuer rückt Benoit Blanc mehr in den Fokus. Zwar hat er wieder eine Reihe prominenter Verdächtiger an seiner Seite (Edward Norton, Kate Hudson, Dave Bautista, Janelle Monáe, Leslie Odom Jr. und Kathryn Hahn), doch wirken diese Figuren weniger facettenreich als der Kreis der Tatverdächtigen im ersten, dichten Landhaus-Krimi. Dafür darf Daniel Craig eben groß aufspielen, was ihm prompt eine Golden Globe-Nominierung eingebracht hat. Die Kritiken überschlagen sich aktuell mit Lob für das stimmungsvolle Whodunit in exotischem Setting mit (erneut) sozialkritischer Komponente, doch mich persönlich hat dieses Versteckspiel weniger mitgerissen als der erste Film. Dieser war raffinierter, hintergründiger und dichter. Mit dem Versuch, in allen Belangen noch mal eine Schippe draufzulegen, hat sich Johnson keinen Gefallen getan. Immerhin ist der Film schön anzusehen und immer noch unterhaltsam. Doch die Qualität seines Vorgängers erreicht er nicht.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Guardians of the Galaxy Holiday Special (2022)

Regie: James Gunn
Original-Titel: The Guardians of the Galaxy Holiday Special
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Kurzfilm, Komödie, Science Fiction, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: The Guardians of the Galaxy Holiday Special


Kennt jemand von euch „Das Fest des Huhnes“? In dieser absurden Mockumentary aus dem Jahr 1992 erforscht ein afrikanischer Stamm das ungewöhnliche Verhalten oberösterreichischer Eingeborener. Und so wie sich diese Wissenschaftler aus fernen Ländern keinen Reim auf unser Brauchtum machen können, geht es den Außerirdischen, die sich dem Erdling Star-Lord (Chris Pratt) angeschlossen haben. Vom Weihnachtsfest auf der Erde haben sie schon gehört, doch man kann nicht sagen, dass sie es so richtig durchdringen. Doch im Kern haben sie mitgenommen, dass es darum geht, seinen Liebsten Geschenke zu machen. Und weil Star-Lord down ist, nachdem seine geliebte Gamora das epische Avengers-Finale nicht überlebt hat, beschließen Mantis und Drax (Pom Klementieff und David Bautista), Star-Lord ein Weihnachtsgeschenk zu machen. Der schwärmt ja immer von Kevin Bacon, Held seiner Kindheit. Was liegt also näher, als den verdutzten Schauspieler als Geschenk zu verpacken und in ferne Galaxien zu entführen? Wenn sich die beiden Geistesgrößen Mantis und Drax auf den Weg zur Erde machen, um nach Kevin Bacon zu suchen, hat das schon eine gewisse Komik. Der Blick ähnelt jenem aus dem „Fest des Huhnes“: Mit entzückender Naivität werden seltsame irdische Bräuche kommentiert, und Drax stellt fest, dass er nichts dringlicher braucht als einen aufblasbaren Elfen. Doch auch wenn die Laufzeit mit 45 Minuten recht ökonomisch ist und die Zeit schnell vergeht, so trägt die Idee keinen ganzen Film. „The Guardians of the Galaxy Holiday Special“ fühlt sich an wie ein etwas zu lang geratener Treppenwitz. Und so absurd die Ausgangslage auch ist, so drängt sich doch der Gedanke auf, dass man daraus mehr hätte herausholen können. Das Vergnügen wirkt doch recht schaumgebremst. So ist der Film nichts, was der geneigte Marvel-Fan unbedingt gebraucht hätte, und nichts, was jemals in den Verdacht gerät, in die Liste der Weihnachtsklassiker aufgenommen zu werden, die man sich jedes Jahr in der Adventzeit einmal geben muss.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

She Said (2022)

Regie: Maria Schrader
Original-Titel: She Said
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama
IMDB-Link: She Said


Wie wichtig der unabhängige Journalismus als vierte Gewalt des Staates ist, zeigt sich an Maria Schraders Drama „She Said“, das die Ermittlungen der beiden New York Times-Journalistinnen Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) gegen den einflussreichen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein nachzeichnet. Bis zum Bekanntwerden seiner unzähligen sexuellen Missbräuche und Vergewaltigungen durch den New York Times-Artikel war Weinstein sakrosankt. Die Clintons, die Obamas, Quentin Tarantino und viele mehr pflegten eine Freundschaft zu dem mächtigen Oscarpreisträger, und auch wenn über lange Zeit wohl bekannt war, dass Weinstein die Besetzungscouch wortwörtlich nahm, so brauchte es erst zwei junge Journalistinnen aus New York, um seinem Treiben ein Ende zu setzen. Mulligan und Kazan sind Idealbesetzungen. Beide spielen glaubwürdig und kontrolliert und zeigen neben ihrer professionellen Arbeit auch private Herausforderungen, die sich durch die Tatsache stellen, dass beide junge Kinder zuhause haben, also mehrere Rollen – jene der Journalistin, jene der Mutter und jene der Ehefrau – simultan ausfüllen müssen. Ganz nebenbei gelingt es Regisseurin Maria Schrader, neben der spannenden Investigativjournalismus-Geschichte auch noch einen Kommentar abzugeben zu der Schwierigkeit für Frauen, Privates und Berufliches unter einen Hut zu bringen, ohne dass dieser Aspekt effektheischend in den Vordergrund gerückt wird. Diese Schwierigkeit schwingt einfach ständig im Subtext mit, ohne sich aufzudrängen und wirkt gerade deshalb so authentisch. In Aufbau, Thema und Tonalität erinnert „She Said“ an den Oscar-Gewinner „Spotlight“, doch ist „She Said“ für mich der noch deutlich stärkere Film, da er noch konzentrierter wirkt und mit den Darstellungen von Mulligan und Kazan auch noch eine emotionale Bindung zum Zuseher findet, die dem sperrigeren „Spotlight“ – bei allen sonstigen Qualitäten des Films – verwehrt blieb.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/Universal Pictures – © Universal Studios. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Verwünscht nochmal (2022)

Regie: Adam Shankman
Original-Titel: Disenchanted
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Fantasy, Komödie, Musical
IMDB-Link: Disenchanted


Was passiert nach dem Happy End im Märchen? Nun, im Fall von Giselle und Robert (Amy Adams und Patrick Dempsey) aus Verwünscht nimmt das Leben seinen erwartbaren Verlauf: Kinder, Pubertät, der Umzug in den Vorort mitsamt beruflichem Pendeln und der Erkenntnis, dass solch große Veränderungen nicht immer nur reibungslos verlaufen. Vor allem Morgan (Gabriella Baldacchino), die grumpy Teenager-Tochter, nimmt die neue Situation, die ihr ihre Stiefmutter eingebrockt hat, nicht sonderlich gut auf. So weiß sich die desillusionierte Giselle bald nur noch mittels Magie zu helfen, doch der Zauberstab nimmt ihren Wunsch, ein Leben wie im Märchen zu führen, etwas zu wörtlich, was zu ungeahnten Komplikationen führt. Ich muss an dieser Stelle (nochmal) eine Lanze für „Verwünscht“ brechen. Das fantasievolle Abenteuer rund um eine Disney-Prinzessin, die es in das New York der Realität verschlägt, glänzt durch unerwartete Selbstironie des Mäusekonzerns, absurden Humor und eingängigen Songs. Die Fortsetzung „Verwünscht nochmal“ hat von alldem so gut wie nichts mehr. Stattdessen wird eine breiige Geschichte aufgetischt, die nicht weiß, wohin sie möchte; alles fühlt sich aufgewärmt wie ein Gulasch an, nur dass aufgewärmtes Gulasch schmackhaft ist. Die Songs sind langweilig und stören in den schlimmsten Fällen sogar den Film (Idina Menzel, ich schaue dich an!), der dadurch noch länger wird. Amy Adams ist bemüht, aber auch ihr gelingt es nicht, den Zauber des ersten Films wieder greifbar zu machen. Patrick Dempsey spielt auch nur mit, weil er sichtlich Geld brauchte – seine Figur trägt zur Story etwa gleich viel bei wie ein Kugelfisch zum Weltfrieden. Ob er dabei ist oder nicht, ist genaugenommen wurscht. Der Fokus auf die Stieftochter Morgan ist eine dadurch unausweichliche Notwendigkeit, auch wenn Gabriella Baldacchino ihre Sache gut macht. Aber nichts hilft gegen die gähnende Langeweile und die dümmliche, allzu vorhersehbare Story. Wenn man genau die wichtigsten Zutaten des ersten Films, nämlich die augenzwinkernde Selbstironie, das flotte Erzähltempo und die tollen Songs, aus dem Rezept entfernt, bleibt halt nur eine wässrige Suppe übrig, die man runterwürgt, weil man vergessen hat, einkaufen zu gehen und der Kühlschrank nicht mehr hergibt.


3,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Courtesy of Disney/Courtesy of Disney – © 2022 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Im Westen nichts Neues (2022)

Regie: Edward Berger
Original-Titel: Im Westen nichts Neues
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Im Westen nichts Neues


Bis heute ist der 1928 erschienene Antikriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque einer der erfolgreichsten deutschen Romane aller Zeiten. Bereits 1930 wurde das Buch von Lewis Milestone für Hollywood verfilmt. Es verwundert ein wenig, dass es fast 100 Jahre brauchte, bis die erste deutsche Verfilmung des Stoffs erschien. Man kann aber sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Regisseur Edward Berger bringt die ganze grausame Wucht der Vorlage in eindrucksvollen Bildern , die aber nie zum Selbstzweck geraten, auf die Leinwand. Die Geschichte folgt dem jungen Rekruten Paul Bäumer (Felix Kammerer), dessen ursprüngliche Begeisterung für den Vaterlandsdienst schon bald im Schlamm der Schützengräben der Westfront begraben liegt. In einer gnadenlosen Abnützungsschlacht wird um Meter gekämpft, über die Jahre hinweg verschiebt sich der Frontverlauf so gut wie gar nicht, auch wenn Millionen von Soldaten dafür ihr Leben lassen. Edward Berger macht die Schrecken des Krieges greifbar, die sich in den zunehmend desillusionierten Blicken des exzellenten Felix Kammerer spiegeln. Für diese Bildgewalt verzeihe ich Berger auch die künstlerische Freiheit, das Ende zu verändern und zusätzlich dramatisch aufzublasen. Ein mutiger Schritt, denn gerade in der Beiläufigkeit des letzten Satzes von Remarques Roman liegt eine Wucht, die durch Bergers Überdramatisierung verlorengeht. Die allerletzte Szene bringt das Schiff aber wieder auf Kurs und hallt, vielleicht auf eine etwas andere Weise als der Schlusssatz des Romans, dann doch lange nach. Soweit macht also Edward Berger mit seinem Film fast alles richtig. Einzig und allein ein Versäumnis ist zu beklagen: Er hätte Albrecht Schuch vor den Dreharbeiten in einen Logopädie-Kurs stecken sollen. Ohne Untertitel ist der gute Mann kaum zu verstehen, so wie er nuschelt. Aber vielleicht passt das ja auch ganz gut zur Sprachlosigkeit des Krieges.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Black Panther: Wakanda Forever (2022)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Black Panther: Wakanda Forever
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action, Science Fiction, Fantasy
IMDB-Link: Black Panther: Wakanda Forever


Mit dem viel zu frühen und tragischen Ableben des charismatischen Chadwick Boseman stand das Marvel Cinematic Universe vor einem Problem. Wie die Geschichte des Black Panthers weitererzählen, wenn der Black Panther tot ist? Aber nach dem Motto „Der König ist tot. Lang lebe die Königin!“ konzentriert sich der zweite Black Panther-Solofilm auf die verbliebene Königin Ramonda (Angela Bassett) und deren Tochter Shuri (Letitia Wright), die das Erbe der schwarzen Miezekatze durch turbulente Zeiten fortführen müssen. Nicht nur, dass quasi alle Staaten der Welt spitz auf das seltene Edelmetall Vibranium sind, das dem Königreich Wakanda technologischen Fortschritt und Reichtum gebracht hat, sondern auch ein neuer Gegenspieler taucht wortwörtlich auf, der ganz eigene Interessen verfolgt, darunter die Ermordung einer begabten Harvard-Studentin aus Wakanda. Und schon wird’s turbulent. Frauenpower ist angesagt, um die undurchsichtige Lage in den Griff zu bekommen, wobei Generalin Okoye (Danai Gurira), heimlicher Star des Films, die meisten Hiebe austeilen darf. Die frauenlastige Action sowie beeindruckende Unterwasserwelten sind neben den aufwendigen Kostümen und dem mit Ethnoklängen angereicherten Soundtrack die Pluspunkte des Films. Doch was soll man sagen über einen Black Panther-Film, bei dem der Black Panther komplett irrelevant für die Geschichte ist und am Ende, als er dann doch noch erscheinen darf, eher stört als dass er Mehrwert einbringt? Was tun mit einem Film, der interessante Figuren wie Shuri verbiegt und in Schablonen zu pressen versucht, in die sie einfach nicht passen, nur um eine Mythologie zu bedienen, die es nicht braucht? Und warum ein interessantes Bedrohungsszenario aufbauen (westliche Mächte schrecken auch vor kriminellen Handlungen nicht zurück, um in den Besitz von Vibranium zu kommen), nur um dann eine lachhafte Fantasyfigur mit fragwürdigen, schwach begründeten Ambitionen wie einen Schachtelteufel aus dem Wasser hüpfen zu lassen, der dann natürlich die ultimative Bedrohung darstellt? „Black Panther: Wakanda Forever“ hätte ein fantasievoll angehauchter, spannender Polit-Actionthriller sein können. Stattdessen wurde daraus ein ambitionsloses Actiongedöns, dessen Story man lieber nicht so genau hinterfragen sollte, und das seine Figuren einfach verschenkt, nur damit am Ende der Panther zu sehen ist, der im Titel versprochen wurde. Einer der schwächeren Beiträge des MCU.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Marvel Studios/Marvel Studios – © 2022 MARVEL, Quelle http://www.imdb.com)