2019

Twelve Thousand (2019)

Regie: Nadège Trebal
Original-Titel: Douze mille
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Douze mille


Zugegeben, so einiges an „Douze mille“ von Nadège Trebal kann einem ziemlich auf die Nerven gehen. Zwei Wörter beschreiben den Film aber meiner Meinung nach sehr gut: Originell und lebendig. Das Thema klingt zunächst nach sozialpolitischem Drama. Ein arbeitsloser, sich mit Gaunereien über Wasser haltender Mann zieht los, um so schnell wie möglich 12.000 Euro zu verdienen, um damit gleich viel Geld zu haben wie seine Freundin. Dann nämlich sind sie sich ebenbürtig, und sie können endlich ihr gemeinsames Leben aufnehmen. Ich sehe schon, wie die Dardenne-Brüder bei dieser Synopsis zu sabbern beginnen. Tatsächlich schlägt aber Nadège Trebal, die auch eine der Hauptrollen, nämlich jene von Maroussia, der Frau, übernommen hat, einen gänzlich anderen Weg ein. Passend zu den linkischen Ambitionen des Pleitegeiers Franck (Arieh Worthalter) kommt auch der Film linkisch und mit doppelten Böden daher. Plötzlich wird die Frage der Treue verknüpft mit ökonomischen Überlegungen, der Dieb ruft bei der Firma, die er bestohlen hat, an und fragt nach einem Job, die resche, nihilistische Blondine mit dem rauchenden Sexappeal entpuppt sich als gewitzte Räuberin – Menschen und ihre Taten sind in diesem Film kaum zu durchschauen. Und genau das macht seinen Reiz aus. Selbst die absurdesten Szenen wirken so, als würden sie tatsächlich so aus den Figuren herauskommen, die mit einem Male ein Eigenleben entwickeln. (Was auch der grandiosen Leistung der Darsteller zu verdanken ist.) Dazu passt, dass gleich zu Beginn eine der ehrlichsten Sexszenen der jüngeren Filmgeschichte zu sehen ist – einfach pures Verlangen, das aber auch irgendwie besprochen und koordiniert werden muss. Ehrlich ist auch, dass die Beziehung zwischen Franck und Maroussia auf Sex basiert. Die Liebe ist ja trotzdem da. Insofern bietet der Film ein echtes Abenteuer mit vielen denkwürdigen Szenen, wenn man sich darauf einlässt. Dass nicht jede Idee aufgeht und Vieles auch unverständlich bleibt und nach menschlicher Logik nicht nachvollziehbar ist, ist dabei ein Risiko, dass Nadège Trebal in Kauf genommen hat und mit dem ich selbst auch gut leben kann.


6,5
von 10 Kürbissen

Notre dame (2019)

Regie: Valérie Donzelli
Original-Titel: Notre dame
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Liebesfilm, Satire
IMDB-Link: Notre dame


Es wirkt zunächst fast ein wenig seltsam, die Kathedrale von Notre-Dame in Paris zu sehen, wie sie sich bester Gesundheit erfreut, wenn man doch weiß, dass sie vier Monate zuvor gebrannt hat und dieser Tage einen traurigen Eindruck erweckt. Aber so ist das, wenn das Leben die Kunst überholt und vice versa. Den fehlenden Realitätsbezug auf dieser Ebene kann man Valérie Donzelli, die auch gleich die Hauptrolle der angehenden Architektin Maud übernommen hat, jedenfalls nicht anlasten. Sehr wohl aber auf allen anderen Ebenen. Denn der Versuch, originell zu sein, gelingt leider nur in den seltensten Fällen, beschränkt sich eigentlich nur darauf, dass zur Trennung die Beteiligten anfangen, ein trauriges Lied zu singen, was sie nun nie mehr tun werden. Ja, das hat Stil, ist komisch und durch und durch französisch. Aber die Geschichte rund um Maud, die versehentlich und dank etwas Magie einen Architektenwettbewerb über die Neugestaltung des Vorplatzes von Notre-Dame gewinnt, verfällt immer wieder in Kindereien wie zum Beispiel willkürliche Ohrfeigen in der Öffentlichkeit, heftige Ohnmachtsanfälle beim Anblick des Ex-Geliebten und hysterischen Möchtegern-Anwältinnen, die sich beim Anblick eines schönen Mannes nicht mehr halten können und denen, was das eigentliche Kerngebiet der Jurisprudenz betrifft, von eben jenen, juristisch unbeleckten Schönlingen aus der Patsche geholfen werden muss. Vielleicht existiert noch irgendwo ein Dorf, in dem man über so etwas lacht, mir fällt nur im Moment keines ein. Sympathisch sind immerhin die Darstellerinnen und Darsteller, die ihre Sache gut machen – soweit sie halt gegen diese Blödeleien ankämpfen können. Aber am Ende werden vielleicht zwei, drei gute Szenen, in denen der Film ausnahmsweise mal funktioniert hat, in Erinnerung bleiben und das vage Gefühl, dass man viel Potential verschenkt hat durch Hysterie und Volksschulhumor.


4,0
von 10 Kürbissen

Giraffe (2019)

Regie: Anna Sofie Hartmann
Original-Titel: Giraffe
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Giraffe


Was das Tier, das in der ersten Einstellung so entspannt und fotogen sein Grünzeug kaut, mit dem Film zu tun haben soll, das erschließt sich bis zum Ende nicht. Aber die titelgebende Giraffe ist nicht das einzige Bild, das aus dem Kontext gerissen scheint. Vielmehr ist es Anna Sofie Hartmanns Stil, ihre Geschichte in Momentaufnahmen zu erzählen, die mal mehr, mal weniger zusammenhängen. Es geht um Grenzen – zwischen Ländern, zwischen Menschen, zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen. Erzählt wird die Geschichte der Dänin Dara (Lisa Loven Kongsli), die Menschen und ihre Häuser festhält, ehe sie vom Fortschritt, der als gewaltiges Tunnelprojekt zwischen Dänemark und Deutschland daherkommt, hinweggespült werden. Ihr Interesse gilt dem Bewahren, gilt der Erinnerung. Dabei trifft sie auf den jüngeren polnischen Bauarbeiter Lucek (Jakub Gierszal). Dieser lebt in einer WG mit seiner polnischen Kollegen und bereitet die Baustelle für den Tunnelbau vor. Da beide nur temporär an diesem Ort sind – Dara lebt eigentlich in Berlin, wo sie auch einen Freund hat, Lucek vermisst Polen und ist nur für dieses Projekt hier – lassen sie sich auf eine Affäre ein. Unaufgeregt und in beinahe zufällig wirkenden Bildern überlässt es Regisseurin Hartmann dem Publikum, sich diesen Film zu erarbeiten. Am besten ist der Film, wenn er den polnischen Bauarbeiter folgt, ihrer lockerer Interaktion, in der die Entwurzelung aber stets präsent ist. In diesen Momenten erinnert der Film an den grandiosen Western von Valeska Grisebach. Leider aber hält der Film dieses Niveau nicht durchgängig, und viele Leerstellen führen zur Ermüdung. Eine interessante Erfahrung? Durchaus. Aber keine, die danach schreit, wiederholt werden zu müssen.


5,5
von 10 Kürbissen

The Fever (2019)

Regie: Maya Da-Rin
Original-Titel: A Febre
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: A Febre


Locarno. Die Stadt der omnipräsenten gelben Leoparden. Irgendwie passend, dass mein Auftaktfilm des Festivals der Film „The Fever“ von Maya Da-Rin war, der in Manaus im Amazonasgebiet spielt. Ein Tier schleicht dort umher und reißt Schweine, ein Jaguar vielleicht. Die Probleme des indigenen Justino (Regis Myrupu) sind jedoch anders gelagert. Der nicht mehr ganz gute Mann arbeitet als Sicherheitskraft im Hafen von Manaus und wird von einer unerklärlichen Müdigkeit und einem gelegentlich auftretenden Fieber geplagt. Dass seine Tochter Vanessa (Rosa Peixoto) ein Stipendium für ein Medizinstudium in der weit entfernten Hauptstadt Brasilia bekommen hat, macht ihn zwar stolz, trägt aber zu seinem Kummer bei. Als dann die Verwandtschaft aus dem Dorf in die Stadt kommt und ihm seine Wurzeln vorführen, wird schließlich ein Prozess angestoßen, der sich zwar den ganzen Film lang unterschwellig ankündigt, aber dann in einfacher Klarheit überzeugt. Überhaupt ist Klarheit das bestimmende Merkmal von Maya Da-Rins Regiearbeit. Dieser Film hat kein Gramm Fett zu viel. Gleichzeitig lebt er von den Zwischentönen, vom Ungesagten, wenn Justino beispielsweise nach einem harten Arbeitstag mit dem Teller fürs Abendessen im Türrahmen steht und beim Essen still auf den gewaltigen Regenschauer blickt, der sich über die Stadt ergießt. Hier merkt man eine Sehnsucht nach etwas, das er, Justino, selbst nicht benennen kann. Überhaupt ziehe ich meinen Hut vor Regis Myrupu. So spärlich seine Mimik und Gestik auch sind, es gelingt ihm mit wenigen, sparsam eingesetzten Mitteln zu jedem Zeitpunkt, seinen Justino facettenreich darzustellen. Ein Lächeln genügt, und man blickt tief in die Seele. Ein gelungener Auftakt zu meinem persönlichen Locarno-Abenteuer.


7,5
von 10 Kürbissen

Yesterday (2019)

Regie: Danny Boyle
Original-Titel: Yesterday
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Liebesfilm, Musikfilm, Komödie, Fantasy
IMDB-Link: Yesterday


Ich mag Danny Boyle und seinen Zugang zu Filmen. Diese sind immer dynamisch, rhythmisch, voller Musik und mit einem verdammt guten Pacing gemacht. Und zumeist kann er sich auf richtig gute Schauspielerinnen und Schauspieler verlassen. Kurz: Er versteht sein Handwerk und hat einen sehr eigenen, leicht wiederzuerkennenden Stil entwickelt. „Yesterday“, eine romantische Musik-Komödie mit leichtem Fantasy-Einschlag, scheint da erst einmal nicht richtig hineinzupassen. Der Trailer sieht niedlich aus, aber so ganz klar, dass es sich um einen Danny Boyle-Film handelt, ist es nicht. Das findet man erst heraus, wenn man wirklich im Kino sitzt. Denn dann stimmt plötzlich wieder alles zusammen: Der Schnitt und das Timing, die Beleuchtung, die schrägen Kamerafahrten, vor allem aber die schauspielerischen Leistungen. Newcomer Himesh Patel spielt wunderbar sympathisch den erfolglosen Musiker Jack Malik, der eines Nachts von einem Bus angefahren wird und tags darauf feststellt, dass er der einzige Mensch weltweit ist, der sich an die Beatles und ihre Songs erinnern kann. Natürlich wird dieses Wissen zu einer Goldgrube für ihn. Lily James ist seine hoffnungslos in ihn verschossene Agentin und platonische Freundin, und ganz ehrlich: Man möchte diesem Jack Malik an die Gurgel fassen, dass er so blöd ist, die Gefühle dieses bezaubernden Wesens nicht wahrzunehmen und zu erwidern. Lily James als Ellie ist unfassbar süß. Und auch die Nebenrollen sind gut (und saukomisch) besetzt – ob nun Kate McKinnon als geldgierige Managerin, Joel Fry als verpeilter Slacker-Freund oder Ed Sheeran als Ed Sheeran – alles geht auf. Natürlich ist der Film selbst nicht mehr als nette Unterhaltung zwischendurch, die auf einer augenzwinkernden Prämisse aufbaut, die die Nostalgiker unter uns bedient. Aber der Film als solches ist einfach exzellent gemacht, streckenweise herrlich komisch, gut gespielt und rundum sympathisch. Und wer am Ende bei „Hey Jude“ nicht Lust bekommt, mitzusingen, dem ist eh nicht mehr zu helfen.


7,5
von 10 Kürbissen

Der König der Löwen (2019)

Regie: Jon Favreau
Original-Titel: The Lion King
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Animation, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Lion King


Cat Content geht immer. Das dachte sich auch der Disney-Konzern und brachte kurzerhand den Animationsfilm „König der Löwen“ neu raus als … ta da: Animationsfilm! Aber weil sich die Technik in den letzten 25 Jahren doch merklich verbessert hat, singen nun verblüffend echt aussehende Warzenschweine und Erdmännchen „Hakuna Matata“, während Löwen das tun, was Löwen eben tun: Luxus und Ruhm und rulen bis zum Schluss. So in etwa. Die Geschichte sollte weitgehend aus dem Filmklassiker des Jahres 1994 bekannt sein. Kein Grund, hier noch mal aufzubröseln, was mit dem kleinen Löwen Simba so alles passiert. Wenn es euch so geht wie meinem Arbeitskollegen, der während einer mittäglichen Unterhaltung über die Neuverfilmung des Trickfilms verblüfft und sichtlich irritiert ausgerufen hat: „Was? Die Löwen singen?“, dann ist es für euch höchste Eisenbahn, mal ein bisschen Filmgeschichte nachzuholen. Hier könnt ihr dann wieder weiterlesen, wenn ihr auswendig Nants ingonyama bagithi Baba / Sithi uhm ingonyama mitsingen könnt. Aber wenn ihr wissen wollt, wie die Neuverfilmung von Jon Favreau (der happy Disneys Klassiker neu dreht, wenn er nicht gerade mit den Avengers beschäftigt ist) bei mir ankommt, dann seid ihr hier richtig. Also, was ist zu sagen über diesen „König der Löwen“? Aufguss oder eine neue Liga? Irgendwie beides. Was die Technik betrifft, so fällt dem geneigten Zuseher gelegentlich das Kinnladerl auf den Boden (und taucht in den dort abgestellten Popcornkübel ein). Es ist unfassbar, wie realistisch die Animationen wirken. Das, was bei „The Jungle Book“ von 2016 noch nicht ganz geklappt hat – die Tiere in ihren natürlichen Proportionen und Bewegungen zu zeigen – ist hier nun auf einem völlig neuen Level angesiedelt. Genau darin liegt aber auch paradoxerweise das größte Problem des Films: Ein Löwe verfügt nun mal nicht von Natur aus über eine besonders ausdrucksstarke Mimik. Grantig können meine Katzen schon auch schauen, wenn ihnen das Futter mal wieder nicht schmeckt, aber für Subtilitäten oder auch die ganz großen Emotionen reicht es eben nicht aus. Und so erreicht mich die Neuverfilmung emotional nicht so stark wie das Original, zumal ich die Geschichte ja schon kannte. Einzig Timon und Pumbaa reißen wirklich mit, was vor allem an einer Energieleistung der beiden Synchronsprecher Seth Rogen und Billy Eichner liegt. Die beiden holen wirklich alles raus. Auch in der Gestik sind die beiden humorvollen Sidekicks expressiver angelegt als der Rest der Tiere. Davon profitiert der Film ungemein, und man erkennt plötzlich, dass der Film noch besser hätte sein können, hätte man sich nicht sklavisch dem Realismus verpflichtet gefühlt. Dennoch ist „Der König der Löwen“ ein sehenswertes Spektakel. Wer wissen will, was CGI heutzutage kann: Alles! Dieser Film beweist das.

 


7,0
von 10 Kürbissen

Spider-Man: Far From Home (2019)

Regie: Jon Watts
Original-Titel: Spider-Man: Far From Home
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Abenteuerfilm, Fantasy
IMDB-Link: Spider-Man: Far From Home


Für ein High School-Kid hat Peter Parker (herrlich verpeilt: Tom Holland) schon einiges erlebt. Mit Superkräften ausgestattet kämpfte er bereits an der Seite der Avengers und wurde ins Weltall geschossen. Tony Stark persönlich war sein Mentor, und verliebt in seine Schulkollegin MJ (Zendaya) ist der Knabe auch noch. Aber da das alles ein bisschen viel ist für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, freut sich Spider-Man vulgo Peter Parker schon sehr auf die Europareise mit seiner Klasse. Auf der Spitze des Eiffelturms möchte er MJ seine Gefühle gestehen. Und für nichts Anderes hat er jetzt noch Nerven, auch nicht für die permanenten Anrufe von Nick Fury (Samuel L. Jackson), denn wie jeder, der schon mal einen Film aus dem Marvel-Universum gesehen hat, weiß: Wenn Fury jemanden kontaktiert, dann nicht zum Eis essen. Aber gut, wenn Spider-Man nicht zum Chaos kommen möchte, dann kommt das Chaos eben zu ihm. Auftritt Mysterio (Jake Gyllenhaal), an dessen Seite Spider-Man schon bald Wasser und Feuer bekämpft, da die Elemente ein bisschen aus dem Ruder gelaufen sind. Und für ein romantisches Techtelmechtel in Paris sieht es zunehmend schlecht aus. Auch der Bildungsauftrag der Europarundfahrt leidet zunehmends, da nämlich die besichtigten Bauwerke schon kurz danach in Schutt und Asche liegen. Was ich bei Spider-Man: Homecoming so mochte, nämlich die Tatsache, dass es sich eigentlich um einen Coming of Age-Film mit Superheldenkräften handelte, wird bei „Spider-Man: Far From Home“ nahtlos fortgesetzt. Spider-Man ist noch immer überfordert mit seinen Kräften und der daraus resultierenden Verantwortung, und eine viel größere Herausforderung als das drohende Ende der Welt ist es, der Angebeteten seine Gefühle mitzuteilen. Das kann man gut nachvollziehen, das erdet. Und darauf legt der Film auch seinen Fokus. Die Action kommt in der zweiten Hälfte nicht zu kurz, das passt also auch, aber der Film lebt davon, Tom Holland überfordert durch Europas schönste Städte und sein eigenes Gefühlschaos stolpern zu sehen. Und so ist „Spider-Man: Far From Home“ wie auch der erste Teil erfrischend und nett und jedenfalls eine Empfehlung, aber weit weg von der Epik der Avengers-Filme.


7,0
von 10 Kürbissen

Rocketman (2019)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Rocketman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Musical, Drama, Biopic
IMDB-Link: Rocketman


Obacht, der Kürbis ist heute auf Krawall gebürstet! Denn er ist im Begriff, dem allseits beliebten Musiker-Biopic „Rocketman“ von Dexter Fletcher ans Bein zu pinkeln. Auf IMDB erfreut sich dieser Film einer guten Bewertung von 7,7, auf Moviepilot schlägt der Durchschnitt der User-Bewertungen immerhin noch mit 7,3 durch – nur der Kürbis ist grantig und gesteht dem Film nicht mehr als 4,5 Punkte zu. Was ist passiert? Schlägt der Schlüsselbeinbruch vielleicht doch aufs Gemüt, ist der Kürbis generell in eine misogyne Phase gerutscht, mag er vielleicht Elton John so gar nicht? Zumindest Letzteres kann ausgeschlossen werden. Dank „Tiny Dancer“ und dessen Einsatz in Almost Famous hat der als Reginald Kenneth Dwight geborene Sänger einen Stein im Kürbisbrett. Da werden dann auch lahmarschige Nummern wie „Candle in the Wind“ verziehen. (Prinzessin Diana war trotzdem eine coole Socke.) Aber warum der Film in meinen Augen dann doch nicht funktioniert, liegt an mehreren Faktoren, die man tatsächlich hätte besser machen können und einem, der wohl unvermeidbar war. Unvermeidbar: Dass der Aufbau dieses Musiker-Biopics halt so ausfällt, wie der Aufbau eines Musiker-Biopics ausfallen muss: Kindheit, das Talent wird erkannt, Tingeln durch diverse Spelunken, der raketenhafte Aufstieg, Ruhm, Drogen, Absturz, Comeback. Die Blaupause für so gut wie alle Filme dieses Genres. Und wenn man mich fragt, welches Musikerleben ich als nächstes verfilmt sehen möchte, dann antworte ich: Keines. Da ich nicht ständig den gleichen Film sehen möchte. Soweit aber zum Unvermeidbaren. Vermeidbar hingegen wäre gewesen, die tollen Nummern, die Elton John geschrieben hat, als qualitativ mäßig dargebotene Karaoke-Nummern einzubauen, die dann auch oft nur kurz angeschnitten werden, ehe man zur nächsten Nummer übergeht. Das hat Bohemian Rhapsody ganz anders und viel überzeugender gelöst. Ich erinnere an den kompletten, sich organisch einordnenden Einbau des Live Aid-Konzerts in den Film. Vermeidbar wäre auch gewesen, Taron Egerton selbst singen zu lassen. Er macht das gar nicht übel – aber von der Stimme Elton Johns ist er dann doch meilenweit entfernt. Und vermeidbar wäre gewesen, Egerton überhaupt zu besetzen. Denn bei allem Respekt – und ich mag den Kerl wirklich gern – aber sein Elton John passt einfach nicht, gerät trotz allen Bemühens zur schlechten Imitation. Und so kommen dann eben nicht mehr als diese 4,5 Kürbisse heraus. Nächster Film, bitte. (Solange es kein Musiker-Biopic ist.)


4,5
von 10 Kürbissen

Kaviar (2019)

Regie: Elena Tikhonova
Original-Titel: Kaviar
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire
IMDB-Link: Kaviar


Zack zack zack. So schnell geht manche politische Karriere den Bach hinunter. Gerade noch sitzt man in einer schicken Villa auf Ibiza mit einer schoarfen russischen Oligarchennichte und interpretiert „Glock“ sehr frei in Gebärdensprache, und schon wird man von Jan Böhmermann verarscht und darf alle politischen Ämter abgeben, da man versehentlich das Land und dessen Medien an eine Schauspielerin verscherbelt hat, was in Bild und Ton festgehalten wurde. Dagegen wirkt die politische Satire „Kaviar“ von Elena Tikhonova wie hochseriöse CNN-News. Nichtsdestotrotz muss man das erst mal zusammenbringen, die vielleicht größte politische Bombe der Zweiten Republik in einem Spielfilm vorwegzunehmen. Von Tikhonova hätte Nostradamus noch was lernen können. Nur Nuancen unterscheiden sich von der Wirklichkeit. In ihrem Film geht es um einen russischen „Investor“, der sich einbildet, auf der Schwedenbrücke eine Villa zu bauen. Die Florentiner hätten das auf der Ponte Vecchio schließlich auch vorgemacht. Den Spaß lässt er sich einiges kosten. Brav die Hand aufhalten tun der windige Geschäftsmann Klaus (Georg Friedrich), dessen Freund und Anwalt Ferdinand (Simon Schwarz) und der Stadtrat Zech (Joseph Lorenz). Diese sind aber im Grunde nur Nebenfiguren, denn im Zentrum des Geschehens stecken Igors Übersetzerin und Mädchen für alles Nadja (Margarita Breitkreiz) und ihre Freundinnen Vera (Darya Nosik) und Teresa (Sabrina Reiter). Die drei Damen sind bei Wodka äußerst trinkfest und mischen den Macholaden auf, um selbst die Millionen einzustreifen. Das alles klingt höchst vergnüglich. Leider wird das Vergnügen durch eine lieblose Aneinanderreihung von Klischees, halblustigen Regieeinfällen, die den Zuseher immer wieder aus dem Geschehen werfen, und dem arg schlechten Spiel von Breitkreiz, die abwechselnd einen russischen, deutschen und Wiener Akzent spricht, ordentlich verhagelt. Einzig Georg Friedrich vermag mit seinem authentischen Spiel zu glänzen – aber er gehört ohnehin zu den wenigen Kapazundern, die auch einen schlechten Film veredeln können. „Kaviar“ hätte der Film des Jahres werden können. Doch das Leben schreibt manchmal doch die besseren Geschichten.


3,0
von 10 Kürbissen

The Dead Don’t Die (2019)

Regie: Jim Jarmusch
Original-Titel: The Dead Don’t Die
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Komödie, Satire
IMDB-Link: The Dead Don’t Die


Ich glaube, selten hatten Maskenbildner weniger zu tun als bei Iggy Pops Transformation in einen Zombie für Jim Jarmuschs Horror-Groteske „The Dead Don’t Die“. Allein für diesen Besetzungcoup gebührt den Machern des Films alle Ehre. Wenn man dann noch Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Danny Glover usw. in seinem Cast hat, sollte ja eigentlich nichts schiefgehen. Doch während Jim Jarmusch und Vampire herausragend harmonieren (siehe „Only Lovers Left Alive“), passen Jim Jarmusch und Zombies überraschend wenig zusammen. Vielleicht ist es dieses Mal einfach der Lakonie zu viel. Bill Murray und Adam Driver kommen tatsächlich mit je einem einzigen Gesichtsausdruck durch. Chloë Sevigny darf wenigstens mit einer lakonischen, an Baldrian erinnernden Variante eines hysterischen Ausbruchs gen Ende hin aufwarten. Aber schauspielerisch ist das alles sehr schaumgebremst – natürlich von Jarmusch so gewollt. Wenn allerdings die Story selbst auch keine Fahrt aufnimmt, bleibt am Ende wenig übrig, was den geneigten Zuseher interessieren könnte. Dabei geht es mit einem rätselhaften Stimmung und Tom Waits als Buschmann im Wald recht erquicklich los. Hier fängt Jim Jarmusch die nahende Endzeitstimmung gut ein. Nur verliert er ein wenig den Faden, als die Zombies dann tatsächlich auftreten. Denn plötzlich wirkt es, als könne er sich nicht mehr entscheiden, welche Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Da muss also noch ein bisschen Satire hinein mit der Durchbrechung der vierten Wand (die zwar für komische Momente sorgt, aber im Film selbst dann doch etwas deplatziert wirkt), ein bisschen Gesellschaftskritik (so tun die Zombies das, was sie zu Lebzeiten am liebsten getan haben – was heißt, dass die meisten der relativ frischen Untoten verzweifelt auf der Suche nach W-Lan sind), ein bisschen Science Fiction, die allerdings wie ein Fremdkörper wirkt – ein rundes Bild wird daraus jedenfalls nicht mehr. Auch dauert der Film gefühlt fünf Stunden. Weniger wäre hier mehr gewesen. Dafür aber ein strengerer Fokus. Aber gut, auch ein Jim Jarmusch kann mal danebenhauen.

 


5,0
von 10 Kürbissen