2017

Patti Cake$ – Queen of Rap (2017)

Regie: Geremy Jasper
Original-Titel: Patti Cake$
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Musikfilm, Komödie
IMDB-Link: Patti Cake$


Die 23jährige Patricia (Danielle Macdonald), genannt Patti, hat kein einfaches Leben. Der Vater ist abgehauen, die Mutter bis an den Rand vollgefüllt mit Erinnerungen an Enttäuschungen und mittelschwere Alkoholikerin, die Oma krank, Geld fehlt an allen Ecken und Enden, auch wenn Patti schon das Gehalt von zwei Jobs beisteuert, und aufgrund ihres Übergewichts wird sie gerne mal als „Dumbo“ verunglimpft. Das alles hält sie allerdings nicht davon ab, gemeinsam mit ihrem guten Freund Hareesh und ihrer neuen Bekanntschaft, „Basterd – The Antichrist“ (ein recht schweigsamer Geselle, wenn er nicht gerade zu dämonischen Klängen die Gitarre würgt und seinen Wut über die Konsumschafe, die die Welt bevölkern, hinausbrüllt), an der Verwirklichung ihres Traums arbeitet, eine angesehene Rapperin zu werden. Das alles klingt nicht besonders neu, ist es wohl auch nicht. Viele Handlungsstränge sind recht leicht vorhersehbar, da sich der Film sehr eng an das Narrativ der Außenseiter-findet-Bestimmung-Story hält, und wenn man dieses mal entschlüsselt hat, kann man eigentlich die Szenen schon vorab ankündigen, ehe man sie gesehen hat.  Was den Film allerdings deutlich über viele andere, ähnlich gelagerte Erzählungen hinaushebt, ist die Titelheldin. Patti Cakes ist nämlich vielschichtig und bewundernswert. Man hätte befürchten können, dass sie als Figur auf einige Klischees zusammengedampft wird, aber sie zeigt, nicht zuletzt dank der großartigen und einfühlsamen Leistung von Danielle Macdonald, alle Register der Menschlichkeit: Stärken wie Schwächen, Gewissenhaftigkeit wie Momente, in denen ihr alles entgleitet, Humor wie Trübsal, Selbstbewusstsein (wenn sie beispielsweise ihren Widersacher in einer Rap-Battle fertig macht) wie große Selbstzweifel. Ihre Geschichte wird zudem charmant erzählt und ist keinen einzigen Augenblick lang langweilig. Und so werden auch Zuseher, die mit Rap wenig bis gar nichts anfangen können (so wie ich) ihre Freude mit dem Film und seiner denkwürdigen Heldin haben, trotz überraschungsfreiem Drehbuch. Respect, Boss Bitch!


7,0
von 10 Kürbissen

How to Talk to Girls at Parties (2017)

Regie: John Cameron Mitchell
Original-Titel: How to Talk to Girls at Parties
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Liebesfilm, Science Fiction
IMDB-Link: How to Talk to Girls at Parties


Die Viennale 2017 endete für mich mit einem lauten Knall. Das ist nämlich John Cameron Mitchells „How to Talk to Girls at Parties“ – eine laute, irrsinnige Explosion an Absurditäten, die durch den trockenen britischen Humor doch noch irgendwie eingefangen werden. Wir schreiben das Jahr 1977. Enn (Alex Sharp) ist ein junger Punk, der nächstens gerne mit seinen Freunden in Underground-Konzerten abhängt und sich dort die Seele aus dem Leib schreit. Aber eigentlich ist er ein eher schüchterner und auch wohlerzogener Geselle, dem das Fehlen seines Vaters schwer zu schaffen macht und der im Punk etwas findet, das ihm sonst verwehrt bleibt: Zugehörigkeit. Und die Möglichkeit, sich auszudrücken. Eines Nachts stoßen er und seine Kumpels auf eher seltsame Typen (vielleicht aus Kalifornien), die sich schon bald aus Außerirdische entpuppen, die das irdische Leben studieren. (Die Szene, in der sich die Punks in diese eigenartige Gesellschaft mit noch eigenartigeren Ritualen mischen und versuchen, all das, was sie sehen, zu behirnen und das gleichzeitig runterzuspielen, ist saukomisch.) Eine davon, die junge Zan (Elle Fanning), tanzt dabei etwas aus der Reihe. Sie ist ein bisschen rebellisch, ein bisschen unangepasst, ein bisschen Punk eben. Und so sprühen schon bald die Funken zwischen Enn und Zan. „How to Talk to Girls at Parties“ ist unkonventionell, laut und schrill – jedenfalls in der ersten Hälfte des Films. In der zweiten schlägt er dann ruhigere Pfade ein, bleibt dabei aber seinem Thema treu und wartet auch weiterhin mit allerlei absurden Situationen auf. Vieles davon ist Trash pur – und das muss man mögen, sonst wird man mit dem Film keine Freude haben. Das Ende ist dann recht routiniert und vorhersehbar abgespielt und nimmt dem Film ein bisschen an Fahrt – andererseits ermöglicht es dem Zuseher auch, wieder in unserer eigenen Welt anzukommen, um dann das Gesehene erst einmal zu sortieren und zu verdauen können. Unterm Strich ist „How to Talk to Girls at Parties“ eine phasenweise irrsinnig witzige, eigentlich immer schrille und unkonventionelle Liebeskomödie zwischen Punks und Aliens. Wen das nicht abschreckt, kann hier gerne zugreifen – aber für alle, die es gerne etwas leiser und/oder subtiler mögen, ist das wohl eher nicht der ideale Film.


7,5
von 10 Kürbissen

Loveless (2017)

Regie: Andrei Petrowitsch Swjaginzew
Original-Titel: Nelyubov
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Nelyubov


Vor zwei Jahren konnte mich Andrei Petrowitsch Swjaginzew mit seinem Film „Leviathan“ begeistern. Sein nächstes Werk „Nelyubov“ (englischer Verleihtitel auf diversen Festivals: „Loveless“) konnte ich nun im Rahmen der Viennale sichten – und ich wurde nicht enttäuscht. Swjaginzew erzählt die Geschichte einer Scheidung. Mann und Frau haben sich nicht nur einander entfremdet (und sind mittlerweile in neuen Beziehungen), sondern haben auch einen tiefen Hass aufeinander entwickelt. Ausbaden muss das der zwölfjährige Sohn Aljoscha, der eines Abends unfreiwillig Ohrenzeuge davon wird, wie die Eltern davon reden, ihn in ein Internat zu stecken, da keiner der beiden das Sorgerecht übernehmen möchte bzw. jeder den Anderen dafür in der Pflicht sieht. Am Tag darauf ist Aljoscha weg – was allerdings erst noch einen Tag später auffällt, da sowohl die Mutter als auch der Vater bei ihren neuen Geliebten waren. Anfangs wird der Fall des Ausreißers noch von den Behörden belächelt, doch als sich auch mehrere Tage später keine Spur von Aljoscha finden lässt, wird schließlich eine groß angelegte Suchaktion eingeleitet. Der Film konzentriert sich zum größten Teil auf diese Suchaktion und wie sich diese auf das Leben der beiden Eltern auswirkt, die zunächst gleichgültig wirken, dann panisch, und dann tauchen allmählich die Schuldgefühle auf. „Nelyubov“ erzählt seine Geschichte von Lieblosigkeit und Kaltherzigkeit sehr indirekt, aber nichtsdestotrotz packend und verstörend. Eine Familie geht zugrunde, doch die blutenden Wunden fühlen weniger die Figuren als der Zuseher selbst.


7,5
von 10 Kürbissen

 

A Man of Integrity (2017)

Regie: Mohammad Rasulof
Original-Titel: Lerd
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Lerd


„Entweder bist du der Unterdrückte, oder du bist der Unterdrücker.“ Dieser Satz, der irgendwann in der Mitte des iranischen Dramas „Lerd“ fällt, fasst die Prämisse des Films sehr gut zusammen. Es geht um einen Goldfischfarmer Reza, der Probleme mit dem örtlichen Konzern hat. Dieser – vertreten durch den windigen Abbas, der auch sonst überall seine Finger im Spiel hat – ist nämlich scharf auf Rezas Grundstück. Und um dieses zu bekommen, wird Reza auch kurzerhand schon mal das Wasser abgedreht. Als er sich eigenmächtig dagegen wehrt, hat er nicht nur den Konzern und seine Schergen am Hals, sondern auch die Justiz – denn wer zahlt, schafft an. Immer enger wird die Schlinge um Rezas Hals, der heillos überschuldet ist und als aufrechter und ehrlicher Mann nicht den Weg gehen möchte, den alle gehen – über Bestechung und Falschaussagen. Er hat es aber schwer als Einziger, der fair spielt in einem Spiel, in dem es sonst nur Falschspieler gibt, und das belastet zunehmend auch sein Familienleben. „Lerd“ erzählt neben der Geschichte von Korruption und Unterdrückung in einem unfreien Land auch die Geschichte von persönlicher Moral, und wie diese angesichts der Umstände und der Repressalien, denen man sich durch die unterdrückenden Mächtigen ausgesetzt sieht, zu bröckeln beginnt. „Lerd“ ist damit gleichzeitig ein politischer wie auch humanistischer Film, denn die Werte des zwischenmenschlichen Zusammenlebens werden hier hart auf die Probe gestellt. Leider weist der Film über zwei Drittel seiner Laufzeit zwar einen interessanten Plot auf, ist aber dermaßen unspektakulär und subtil erzählt, dass es schon ein bisschen Mühe kostet, der Handlung zu folgen. Im letzten Drittel allerdings dreht der Film allerdings auf, gemeinsam mit seiner Figur Reza, und findet ein starkes und erschütterndes Abschlussbild für den Kampf des aufrechten Mannes um seine Würde. Ein guter, ein wichtiger Film. Allerdings braucht man etwas Geduld dafür.


6,5
von 10 Kürbissen

Last Flag Flying (2017)

Regie: Richard Linklater
Original-Titel: Last Flag Flying
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Last Flag Flying


Dezember 2003. Der zurückhaltende „Doc“ Larry Shepherd (Steve Carell) taucht in Sal Nealons (Bryan Cranston) Bar auf. Die beiden kennen sich aus Vietnam, waren dort Freunde und haben gemeinsam gekämpft. Der Grund für dieses Zusammentreffen nach Jahrzehnten ist aber ein trauriger. Nachdem Doc seine Frau an Krebs verloren hat, wurde sein einziger Sohn in Vietnam erschossen. Nun bittet Doc seinen alten Gefährten – und auch einen weiteren Freund von damals, Richard Mueller (Laurence Fishburne), der in der Zwischenzeit zu Gott gefunden hat und Pastor einer kleinen Gemeinde ist – ihn zu begleiten und den Leichnam seines Sohns in Empfang zu nehmen und zu beerdigen. Da Doc allerdings ein ziviles Begräbnis für seinen Sohn wünscht und kein Ehrenbegräbnis am Militär-Friedhof von Arlington, wie es eigentlich vorgesehen wäre, wird die Fahrt bald zu einer Überführung des toten Sohnes in die Heimat – mit diversen Hindernissen. Auf dem Weg kommen sich die alten Gefährten, die sich fremd geworden sind, wieder näher, und gemeinsam reflektieren sie über die Vergangenheit und auch die Frage von Schuld und Unschuld – Themen, die angesichts des toten Jungen wieder präsent werden.

Linklaters „Last Flag Flying“ ist die meiste Zeit über eine stille, pietätvolle Dramödie, wobei Bryan Cranston als trinkfreudiger Lebemann Sal für die humorvollen Momente sorgt, während sich im Gesicht von Steve Carell (unglaublich gut und meiner Meinung nach Oscar-würdig) das Drama abspielt. Laurence Fishburne steht zwischen den beiden Polen. Diesem Trio mit der gemeinsamen Geschichte sieht man sehr gerne zu, und wie eigentlich immer bei Linklater ist der Blick auf die Figuren ein sehr ehrlicher. Allerdings kann man das Grundthema des Films selbst, diesen ganze Ehren- und Patriotismuszeug, nur mit einem anthropologischen Blick betrachten. Zu fremd ist mir dieses „Sterben für das Heimatland“-Thema, als dass ich dazu einen Bezug aufbauen könnte. Dabei bezieht der Film durchaus an der einen oder anderen Stelle eine kritische Position, wenn nach dem Sinn des Vergeudens von Leben gefragt wird und man darauf keine Antwort findet – nur hält der Film diese Haltung leider nicht bis zum Schluss durch. Insofern ist „Last Flag Flying“ ein zutiefst amerikanischer Film, der dort wohl auch besser funktionieren wird als hier bei uns. Erfreuen kann man sich aber an den großartigen Darstellerleistungen.


6,5
von 10 Kürbissen

Marvin (2017)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Marvin
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Marvin


(Disclaimer: Beim Betrachten dieses Films hatte der Rezensent nach einer Nacht (bzw. einem Vormittag) mit nur drei Stunden Schlaf und der Tatsache, dass es sich beim Screening von Anne Fontaines „Marvin“ um den bereits dritten Film des Tages, und das um 21 Uhr abends, handelte, ziemlich mit der Müdigkeit zu kämpfen und hat daher wahrscheinlich trotz durchgängig offener Augen die eine oder andere Untertitel-Zeile schlicht verpasst. Diese Review ist also unter erschwerten Bedingungen zustande gekommen. #DieViennaleFordertIhreOpfer)

Marvin kommt aus einem kleinen französischen Dorf und hat heftig zu kämpfen – mit den homophoben Mitschülern, die ihn als verweichlicht betrachten und ihn daher heftig mobben, mit den Eltern, einfache Menschen, die ebenfalls mit ihren Vorurteilen nicht hinterm Berg halten, mit den Geschwistern, die ihn in den Hintergrund drängen. Im Schauspielkurs seiner Schule findet er eine Insel, auf der er diese ganzen Sorgen ein Stück weit loslassen kann. Später als junger Mann besucht er die Schauspielschule in Paris, freundet sich mit anderen Künstlern an, trifft auf Isabelle Huppert, gewinnt sie dafür, in seinem eigenen Stück, das seine Lebensgeschichte erzählt, die weibliche Hauptrolle zu übernehmen. „Marvin“ ist ein sehr klassisches, langsam und figurenzentriert erzähltes Coming of Age-Drama über einen Außenseiter in einer ihm feindlich gesinnten Gesellschaft. Nach und nach erkämpft er sich Akzeptanz. Das ist schön, solche Filme braucht es. Aber warum müssen dann fast alle Nebenfiguren ans Lächerliche grenzende Stereotypen sein? Der dicke, schnauzbärtige, cholerische und chauvinistische Vater? Die sich unterbuttern lassende, devote Mutter? Das schwule Künstlerpaar, die Marvin als einen der ihren aufnehmen? Dadurch, dass hier wirklich jede Nebenfigur in ihrer Ausgestaltung und ihren Handlungen vorhersehbar ist, nimmt sich der Film viele Möglichkeiten – und wird langweilig. Und diese Langeweile ist nicht ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass ich ihn müde gesehen habe, sondern begründet sich eben in dem strukturellen Problem, dass Marvin, die Hauptfigur, zwar recht nachvollziehbar gezeichnet ist (auch wenn Vieles in dessen Entwicklung bloße Behauptung bleibt, die nicht mit den entsprechenden Bildern oder Szenen unterfüttert wird), aber alles rund um ihn herum pures Klischee zu sein scheint. Selbst Isabelle Huppert spielt Isabelle Huppert so, wie man sich das Klischee von Isabelle Huppert vorstellt. Immerhin ist der Film konsequent darin.


5,0
von 10 Kürbissen

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (2017)

Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris
Original-Titel: Battle of the Sexes
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Sportfilm, Biopic
IMDB-Link: Battle of the Sexes


Der diesjährige Viennale-Überraschungsfilm war „Battle of the Sexes“, was mich sehr gefreut hat, denn diesen Film wollte ich definitiv sehen. Steve Carell und Emma Stone kommen ja, wie man im Vorfeld vor der Veröffentlichung des Films gehört hat, durchaus wieder für Oscarnominierungen in Frage mit ihren Darstellungen von Billie Jean King und Bobby Riggs, die Anfang der 70er im Tennis-Schaukampf „Battle of the Sexes“ gegeneinander angetreten sind. Mitten hinein also in den Kampf um Gleichberechtigung. Gerade sind die weltbeste Tennisspielerin Billie Jean King und einige ihrer Kolleginnen mehr oder weniger unfreiwillig aus der USLTA, der United States Lawn Tennis Association, ausgetreten und haben die WTA, die Women’s Tennis Association, gegründet, da sie für eine Gleichbezahlung von Männern und Frauen im Tennis eingetreten sind, was ihnen vom Verband schlicht verweigert wurde. Mitten in diesen gesellschaftlichen Wandel hinein platzt Bobby Riggs, ehemaliger Tennisprofi, der Wimbledon und die US Open gewonnen hat, allerdings nun im Alter von 55 Jahren schwer spielsüchtig ist und eine ungewöhnliche Wette vorschlägt: Ein Tennismatch Mann gegen Frau, oder, wie er es bezeichnet, männliches Chauvinisten-Schwein gegen weibliche Emanze. Bobby Riggs ist vor allem eins: Ein Show-Man, der seine Chance auf ein großes Publikum und das ganz große Geld wittert. Zunächst steigt Billie Jean King, die gerade auch persönlich einiges an verwirrender Veränderung durchläuft, als sie die attraktive Friseurin Marilyn kennenlernt, zu der sie sich – Ehemann Larry hin oder her – sehr hingezogen fühlt, auf Bobbys Vorschlag nicht ein. Sie weiß, dass die Öffentlichkeit, wenn sie verliert, ihren Kampf um Gleichberechtigung ins Lächerliche ziehen wird. Ihre Kollegin Margaret Court hingegen, die sie als Nummer 1 der Tenniswelt ablöst, hat hier allerdings keine Berührungsängste und stellt sich Bobby Riggs – mit fatalen Folgen, als er sie vernichtend schlägt. Nun ist doch Billie Jean King wieder gefordert, und sie nimmt den Kampf an.

„Battle of the Sexes“ ist unglaublicherweise heute fast relevanter denn je. Der Kampf um Gleichberechtigung, sei es um die Gleichberechtigung der Geschlechter, der sexuellen Ausrichtung, der ethnischen Herkunft, des Glaubens – all das wird in den Zeiten, in denen Populisten das Steuer übernehmen, neu ausgefochten. Der Film von Jonathan Dayton und Valerie Faris, der in anderen Zeiten vielleicht nicht mehr gewesen wäre als eine nette, harmlose Sportkomödie, die halt auf wahren Begebenheiten beruht, erhält so plötzlich eine große gesellschaftliche Relevanz und ist auch als Kommentar auf die Fehlentwicklungen der letzten Jahre zu sehen. Wenn man allerdings nur den Film für sich betrachtet, dann ist „Battle of the Sexes“ halt eben nur diese routinierte, solide Sportkomödie, gut gemacht und sehenswert, allerdings abgesehen von den darstellerischen Leistungen von Emma Stone und Steve Carell nirgends wirklich überdurchschnittlich. Vielleicht hätte dem wichtigen Thema ein etwas seriöserer Film gut getan – allerdings hat natürlich die Figur des Bobby Riggs, der sich selbst nicht ernst genommen hat, dazu eingeladen, eine leichte Komödie daraus zu basteln.


6,5
von 10 Kürbissen

Daphne (2017)

Regie: Peter Mackie Burns
Original-Titel: Daphne
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Daphne


Daphne, großartig gespielt von Emily Beecham, ist eine junge Frau, 31 Jahre alt, in London, wo sie in einer kleinen Wohnung mit ihrer Schlange wohnt, als Köchin arbeitet und niemanden so richtig an sich heranlässt. Sie ist nicht unzugänglich oder verschlossen, nur etwas eigenbrötlerisch und zynisch. Mit ihrer Mutter, die sie im Handy als „Mothership“ eingespeichert hat, hat sie eine fragile und eher distanzierte Beziehung, auch weil sie die Krebserkrankung ihrer Mutter, die damit recht locker umgeht, nicht wirklich verkraftet. Männer spielen in ihrem Leben eigentlich nur als Gebrauchsgegenstand eine Rolle. Sie ist nicht unfreundlich oder gar asozial, sondern eben nur eine junge, toughe Frau, die Emotionen nicht wirklich an sich heranlässt. Da wird sie eines Nachts Zeugin eines Überfalls auf einen kleinen Laden, und im Zuge dessen wird der Besitzer niedergestochen. Daphne hilft ihm, er wird abtransportiert, und das Leben geht für sie normal weiter. Schnell versucht sie, diesen Vorfall abzulegen und sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Doch muss sie bald merken, dass manche Ereignisse nicht so leicht abzuschütteln sind, dass sie Spuren hinterlassen und uns verändern. Das ist die Geschichte, die Peter Mackie Burns‘ Film „Daphne“ unaufgeregt und mit viel Sympathie für seine Hauptfigur erzählt. Psychologisch ist das alles auch schlüssig und gut geschrieben. Die Veränderungen zeigen sich im Kleinen, im fast Mikroskopischen, an der Art beispielsweise, wie Daphne blickt, oder wenn sie einen jungen Mann anruft, der ihr seine Nummer aufgedrängt hat, und den sie, obwohl sie ihn anziehend und nett findet, wohl vor dem Ereignis noch links liegen gelassen hätte. Allerdings bleibt „Daphne“ dadurch als Film auch ein wenig unverbindlich. Gut gemacht und gut gespielt, auch sehr sympathisch und damit sehenswert, allerdings nichts, was wohl dauerhaft im Gedächtnis bleibt und den Zuseher noch lange beschäftigt. Dazu ist die Geschichte am Ende dann doch etwas zu alltäglich.


6,5
von 10 Kürbissen

The Florida Project (2017)

Regie: Sean Baker
Original-Titel: The Florida Project
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: The Florida Project


In Sichtweise zu Disney World in Orlando stehen einige recht billige, in knallbunten Farben angemalte Motels, die als Ausweichstelle für Touristen dienen, wenn die Hotels ausgebucht sind, und in denen aber auch sozial schwache Familien leben, wie die junge, alleinerziehende Mutter Halley mit ihrer sechsjährigen Tochter Moonee. Moonee ist eine Naturgewalt. Mit ihren Freunden Scooty, Dicky und der neu gewonnenen Freundin Jancey verbringt sie die Sommerferien hauptsächlich damit, Unfug anzustellen. Da gibt es schon mal einen Weitspuckwettbewerb von der Brüstung auf die parkenden Autos. Oder man schleicht sich in den Geräteraum und kappt den Strom, was die ganze Anlage in helle Aufregung versetzt und den Manager Bobby (Willem Dafoe mit einer der besten Leistungen seiner Karriere) ins Schwitzen bringt. Überhaupt Bobby: Der grummelige und pflichtbewusste Mann, der hier für Ordnung sorgen soll – was ihm angesichts des Energielevels der Kinder mehr schlecht als recht gelingt – hat sein Herz am rechten Fleck und versucht, den Mietern im Rahmen seiner Möglichkeiten beizustehen. Und da gibt es einiges zu tun, denn wie sich allmählich aus dem Film herausschält, hat Moonees Mutter gröbere Probleme. Sie hat ihren Job verloren, ist auf die Ausspeisung der Kirche angewiesen und chronisch pleite. Dazu ist sie selbst ein halbes Kind – und ihr Ansatz der Kindererziehung besteht darin, jede Kinderei einfach mitzumachen und selbst keine Verantwortung zu übernehmen. Dabei merkt man aber gleichzeitig, wie viel Liebe sie für ihre Tochter empfindet – nur ist sie eben völlig überfordert. Das alles wird aus der Sicht der Kinder erzählt, die trotz allem eine Zeit der Unschuld und des Vergnügens genießen – dank der Illusionen, die sie sich mittels ihrer kindlichen Fantasie bauen können. Wenn sie sich keinen Urlaub leisten können, muss halt der Besuch der Rinderweide als Safari herhalten. „The Florida Project“ ist lebensbejahend und bunt und witzig und unschuldig und voller Optimismus, und dahinter verbirgt sich ein Drama, das zu Herzen geht, dessen Auswirkungen Moonee wohl erst als Jugendliche oder Erwachsene spüren wird. Ganz großes Kino – ein Highlight nicht nur der diesjährigen Viennale, sondern des gesamten Filmjahrs.


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

A Ghost Story (2017)

Regie: David Lowery
Original-Titel: A Ghost Story
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: A Ghost Story


Ein junges Paar (Rooney Mara und Casey Affleck) im Glück. Er stirbt bei einem Unfall, kehrt zurück als Geist und sieht der trauernden Frau dabei zu, wie sie versucht, ihr Leben weiterzuleben. Was zunächst wie eine Arthouse-Version von „Ghost – Nachricht von Sam“ klingt, entpuppt sich als interessante und ungewöhnliche Abhandlung über die Vergänglichkeit. Schon allein die Idee, den Toten als klassisches Kinder-Gespenst in einem Laken spuken zu lassen, ist großartig, denn dadurch bekommt der Geist etwas Naives, Unschuldiges – und dabei gleichzeitig auch etwas Erhabenes und Unpersönliches, wenn er langsam durch die Zimmer schreitet oder einfach nur in einer Ecke steht und aus den tiefen, schwarzen Höhlen seiner ausgeschnittenen Augen dem Alltag zusieht. Diese Entkörperung ist ein zentrales Element des Films, denn losgelöst von Casey Afflecks Figur sehen wir den Geist, wie er nach und nach sich selbst und sein Verständnis von Zeit verliert. Er hat keine Aufgabe mehr, er ist einfach nur da und beobachtet teilnahmslos, während die Zeit vergeht. Und so stellt der Film nach und nach eine zweite Frage neben der, wie wir mit Verlust und Trauer umgehen, nämlich: Was bedeutet es, vergessen zu werden? „A Ghost Story“ dreht nämlich die Frage im Grunde um und nähert sich so einer Antwort, indem die Figur von Casey Affleck im Geist aufgeht, dieser aber selbst beginnt, alles zu vergessen und einfach nur noch zu sein – ohne Bedeutung, ohne Ziel. Eine Existenz in Bedeutungslosigkeit ist eine Nicht-Existenz – womit der Bogen gespannt wäre zum kollektiven Vergessen nach dem Ableben. Toll in diesem Zusammenhang die Szene, als der Geist selbst eine Geistererscheinung hat, im Nebenhaus nämlich ebenfalls ein Lakengespenst sieht, das ihm erklärt, es warte auf jemanden, aber es habe vergessen, auf wen. Dass „A Ghost Story“ dennoch nicht in allen Belangen als Film gut funktioniert, liegt an dem sehr langsamen Erzähltempo und einer vielleicht etwas unnötig komplexen Struktur, die im letzten Drittel einen Dreh hinlegt, der ein bisschen nach gewolltem Mindfuck aussieht. Ich hatte das Gefühl, dass der Film in dem Moment mehr sein möchte als er ist. Dennoch eine lohnenswerte Erfahrung, und selten wurde Trauer so adäquat und herzzerreißend dargestellt wie durch Rooney Mara, die einfach nur einen Kuchen isst.


6,5
von 10 Kürbissen