2017

Der Buchladen der Florence Green (2017)

Regie: Isabel Coixet
Original-Titel: The Bookshop
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: The Bookshop


Hardborough, eine kleine Hafenstadt nordöstlich von London, 1959. Die junge Witwe Florence Green (die wunderbar verletzliche Emily Mortimer) erfüllt sich einen lang gehegten Traum vom eigenen Buchladen. Sie kauft das alte Haus, das nur noch von Tauben und Ratten bewohnt wird, und gegen den Widerstand einiger Dorfbewohner, die andere Pläne für das Haus gehabt hätten, errichtet sie dort mit viel Liebe und Geschmack einen Traum für Bibliophile wie mich, den Rezensenten. Ihr treuester Kunde ist der zurückgezogen lebende Edmund Brundish (ein wunderbar sanft und zurückhaltend spielender Bill Nighy), ein begeisterter Leser, der allerdings weniger begeistert von sozialer Interaktion ist. Mit ihren Buchempfehlungen (Ray Bradbury! Wie sehr verstehe ich den Mann, der beim Lesen von „Fahrenheit 451“ fast so etwas wie eine Epiphanie hat!) dringt sie allmählich durch die harte Schale durch, und eine zarte, vorsichtige Annäherung bahnt sich an. Florence Green wird Freunde brauchen, denn im Dorf agiert die rücksichtslose und einflussreiche Violet Gamart (Patricia Clarkson) hinterrücks gegen Florence und ihren Buchladen. Violet möchte im alten Haus ein Kulturzentrum errichten, und dass ihr Verhalten Florences Existenz bedroht, ist ihr nicht weiter wichtig. „The Bookshop“ ist in so ziemlich allen Aspekten ein wundervoll altmodischer Film. Die Kostüme, die Settings, das aus der Zeit gefallene Spiel der Schauspieler/innen, selbst die karge Küstenlandschaft passt sich ihrer Rolle in dieser 50er-Jahre-Geschichte an. An sich erzählt „The Bookshop“ weder eine besonders originelle noch übermäßig spannende Geschichte. Aber allein Emily Mortimer dabei zuzusehen, wie ihre Hände über die Bücher streifen, das Leuchten in ihren Augen zu sehen, wenn sie eine neue Ladung Bücher auspackt, ihren konzentrierten Gesichtsausdruck, wenn sie die ganze Nacht lang „Lolita“ liest – ja, ich kenne das, ich kann mit ihrer Figur sehr intensiv mitfühlen. Und wie sich manch gutes Buch wie ein alter Freund anfühlt, so gelingt das auch Isabel Coixets Film. Man fühlt sich einfach wohl mit diesen Figuren in dieser Stadt und Zeit.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) the producers / Lisbeth Salas)

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017)

Regie: Martin McDonagh
Original-Titel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri


Letztes Jahr hatten wir bei den Oscars das große Duell „La La Land“ gegen „Moonlight„. Das fantasievoll inszenierte Musical gegen die niederdrückende Coming of Age-Geschichte. Dieses Jahr lautet der erwartete Zweikampf „The Shape of Water“ gegen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Das laut Kritik dunkle Märchen gegen die bitter-zynische Tragikomödie – erneut sind es zwei sehr gegensätzliche Filme, die um die höchsten Meriten rittern. Als ersten der beiden Filme habe ich nun „Three Billboards“ gesehen. In diesem Film geht es um Mildred Hayes (erneut oscarreif: Frances McDormand), deren Tochter Angela vergewaltigt und getötet wurde. Mildreds Meinung nach ist die örtliche Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson, ebenfalls überzeugend) untätig, und die Ermittlungen wurden viel zu früh eingestellt. Also mietet sie drei alte Reklametafeln außerhalb der Stadt an, auf denen sie die Polizei an den Pranger stellt. Das kommt nicht so gut an in der Stadt, die ihren Polizeikommandanten sehr schätzt. Und da in der Polizei auch noch der Heißsporn und Redneck Dixon (Sam Rockwell, überragend!) tätig ist und der Chief selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, eskaliert die ganze Geschichte rasch. Die Nerven der Stadt werden frei gelegt. Eigentlich ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ein zynisches Rachedrama und der Versuch einer Verlustbewältigung. Zum Heulen traurig und mit keiner einzigen wirklich durchgängig sympathischen Figur. Mildred ist auf dem Kriegspfad und nimmt dabei keine Rücksicht auf Verluste. Chief Willoughby ist nett, aber apathisch, Dixon ein Trottel und Arschloch. Die Geschichte selbst ist deprimierend und erscheint hoffnungslos. Und trotzdem blitzt immer wieder ein sehr schwarzer, sarkastischer Humor durch. Und die Geschichte einer Nebenfigur rückt allmählich überraschend in den Fokus und bietet plötzlich so etwas wie einen Silberstreifen am Horizont an. Am Ende ist es die Geschichte über zwei Menschen, die lernen, richtig und falsch voneinander zu unterscheiden. Und nach zwei Stunden, in denen jeder nach seinem persönlichen (mehr oder weniger vorhandenen) Kompass gehandelt hat, ohne dabei auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abzuweichen, ist das vielleicht die schönste Botschaft, die der Film dem Publikum mitgeben kann. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist vielleicht kein Film, der alle Zuseher emotional mitreißen wird – dazu ist er zu nüchtern erzählt. Auch ich bin nicht begeistert von meinem Sitz gesprungen, um mir gleich das Ticket für die nächste Vorstellung zu kaufen. Aber „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ein Film, der bleiben wird – denn er ist universell und menschlich und gnadenlos gut gespielt.


8,0
von 10 Kürbissen

Die dunkelste Stunde (2017)

Regie: Joe Wright
Original-Titel: Darkest Hour
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Kriegsfilm, Biopic
IMDB-Link: Darkest Hour


Gary Oldman ist unbestritten einer der besten und wandlungsfähigsten Schauspieler der Gegenwart. Dass er bislang noch nicht zu Oscar-Meriten gekommen ist, verwundert doch sehr. Das wird sich aber mit dem 4. März 2018 ändern. Denn dann wird Gary Oldman für seine Rolle als Winston Churchill in „Darkest Hour“ ausgezeichnet werden. Alles Andere wäre absurd bis grob fahrlässig von der Academy. Der Film selbst ist ein klassisches Biopic-Drama mit allen diesem Genre zuordenbaren Stärken und Schwächen. Will man halbwegs seriös bleiben in diesem Genre, lassen sich halt nur wenige dramaturgische Veränderungen der Handlung vornehmen, was dieser – neben der Tatsache, dass sie den meisten Zusehern ohnehin geläufig ist – fast immer etwas an Spannung kostet und die Möglichkeiten, die Geschichte interessant und frisch zu erzählen, drastisch reduziert. Gleichzeitig aber lebt das Genre vom Bezug auf die historisch realen Personen und lässt und diese besser kennenlernen. Auch das kann interessant sein bzw. ist es auch im Fall von „Darkest Hour“. Womit wir wieder beim überragenden Gary Oldman wären, der Churchill nicht nur spielt, sondern ihn wieder lebendig werden lässt. Ähnliches ist Daniel Day-Lewis vor einigen Jahren in „Lincoln“ gelungen. Es braucht aber Ausnahmekapazunder wie eben Daniel Day-Lewis, Gary Oldman oder Helen Mirren (als Queen Elizabeth II.), damit diese Unternehmung gelingt und der Film nicht zu spannungsarmer Dutzendware verkommt. Denn an sich ist die Geschichte in „Darkest Hour“ trotz der historischen Relevanz und inhärenten Dramatik nur bedingt dazu geeignet, das Publikum in die Sitze zu kleben: Es geht um die ersten Wochen der Regierungszeit von Winston Churchill, der die undankbare Aufgabe übertragen bekommt, im Kriegsjahr 1940 die Kohlen für Großbritannien, das im Krieg gegen das Deutsche Reich schon verloren aussieht, doch noch aus dem Feuer zu holen, und das gegen innere Widerstände, denn die meisten seiner Parteifreunde bevorzugen die Kapitulation in Form von Friedensgesprächen mit Hitler. Joe Wright, der Regisseur, zeichnet dabei ein durchaus privates und intimes Porträt von Winston Churchill, konzentriert sich dabei im Großen und Ganzen aber dennoch auf seine Funktion als Staatsmann und auf das politische Hickhack seiner Zeit. Wie gesagt, das alles ist historisch relevant, aber für die Dramaturgie eines Films nicht ganz ideal. So bleibt Joe Wright auch auf sicheren konventionellen Pfaden. Allerdings wird der Film veredelt durch die schauspielerische Glanzleistung von Gary Oldman. Und allein deshalb schon funktioniert „Darkest Hour“ wirklich gut und bleibt jeden Augenblick interessant.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 51 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

 

The Disaster Artist (2017)

Regie: James Franco
Original-Titel: The Disaster Artist
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: The Disaster Artist


Oh, hi Mark! 2003 kam mit „The Room“ ein Meisterwerk der Filmgeschichte heraus, geschrieben, produziert, gespielt und gedreht von Tommy Wiseau. Das Liebesdrama shakespeare’schen Ausmaßes gilt heute dank seiner geschliffenen Dialoge, des exzellenten Schauspiels, der fesselnden Dramaturgie und des herausragenden filmischen Handwerks als einer der bemerkenswertesten Filme der Geschichte. Noch heute, 15 Jahre später, wird der Film in amerikanischen Kinos in rasch ausverkauften Mitternachtsvorstellungen gezeigt. James Franco hat nun die Entstehungsgeschichte dieses cineastischen Meilensteins verfilmt, mit sich selbst in der Hauptrolle des Tommy Wiseau, der „Johnny“ im Film „The Room“. Ich selbst habe leider den Film zur Gänze noch nie gesehen, kenne nur die besten Szenen, die glücklicherweise auf Youtube zugänglich sind. „The Disaster Artist“ heißt nun die Verfilmung der Verfilmung, und ob diese Hommage an die Quelle ihrer Inspiration herankommt, kann ich nun natürlich mangels Kenntnisse des Originals nicht beurteilen. Aber allein schon, wenn man James Franco als Tommy Wiseau Tommy Wiseau als Tommy Wiseau gegenüberstellt, zeigt sich, mit wie viel Liebe zum Detail „The Disaster Artist“ gedreht wurde. Franco ist herausragend. Der Film selbst, also „The Disaster Artist“ (aber wahrscheinlich auch „The Room“), ist zum Teil rasend komisch und mit Sicherheit eine der besseren Komödien der letzten Jahre. You’re tearing me apart! Allerdings folgt „The Disaster Artist“ im Aufbau seiner Story selbst dann doch recht gewöhnlichen Pfaden der Dramaturgie und ist daher nicht immer per se wahnsinnig interessant. So bleiben die Pluspunkte des Films einige wirklich schräge Szenen (die umso genussvoller zelebriert werden können, als dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen) und eben ein James Franco, den man als solchen nicht mehr erkennt – so sehr geht er in der Rolle des Tommy Wiseau auf. Wäre da nicht ein Gary Oldman in der Warteschleife für den längst überfälligen Oscar, und hätte sich Franco nicht selbst aufgrund der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn aus dem Rennen genommen, das Goldmännchen müsste dieses Jahr wohl an ihn gehen (und ein Stern am Hollywood Walk of Fame an Tommy Wiseau). I have to go.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 68 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Life Guidance (2017)

Regie: Ruth Mader
Original-Titel: Life Guidance
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire, Science Fiction
IMDB-Link: Life Guidance


„Das ist nicht optimal“, lautet ein Zitat in Ruth Maders dystopischer Satire „Life Guidance“. Und ja, das könnte man als Motto über den ganzen Film schreiben. Nicht optimal ist beispielsweise, dass ein Film, der in der (nicht allzu fernen) Zukunft spielen soll, sich nicht im Geringsten nach Zukunft anfühlt, nicht in Kleidung, Kulissen oder anderen Details, die man kostengünstig auf Zukunft hätte bürsten können. Nicht optimal ist auch, dass das Schauspiel der meisten Beteiligten arg hölzern wirkt und die Dialoge am Rande der Belanglosigkeit kratzen. Nicht optimal ist schließlich, dass die Kapitalismuskritik, um die es letztlich geht, auf das Publikum mit einem Vorschlaghammer eingehämmert werden, damit auch die Dümmsten es begreifen. Dass der Film zudem extrem langsam, handlungsarm und emotionslos erzählt wird und man nebenher sehr gut Einkaufslisten, Einrichtungsideen oder die nächsten Banküberweisungen planen kann, kann man auch nicht wirklich als optimal bezeichnen, obwohl ich gegen langsam erzählte Filme ja in der Regel nichts habe (siehe Satanstango). Die Story an sich ist rasch erzählt: Der Familienvater Alexander (Fritz Karl, der, falls es jemals zu einer Verfilmung von Colin Firths Leben kommen sollte, die Hauptrolle übernehmen muss) funktioniert in einem kalten, auf Optimierung ausgelegten System nicht ganz optimal, da er Gefühle zeigt, und bekommt daher eine Art „Coach“ von der Agentur Life Guidance zur Seite gestellt. Das schmeckt dem Möchtegern-Emo natürlich nicht sonderlich, und er versucht, den ungeliebten Schatten loszuwerden, wodurch er noch alles schlimmer macht (eh klar). Nach und nach versucht Alexander, sich aus dem System freizustrampeln. Seine Handlungen dabei ergeben aber nicht immer Sinn. Manches muss auch einfach nur sein, damit plakativ der Zeigefinger erhoben werden kann. Und das nervt. Sehr sogar. Leider kann man „Life Guidance“ nur als komplett misslungen bezeichnen. Die Grundidee wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, aber die Umsetzung tut stellenweise wirklich weh.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

The Killing of a Sacred Deer (2017)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Killing of a Sacred Deer
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: The Killing of a Sacred Deer


Jene, die zum ersten Mal in einem Lanthimos-Film sitzen, erkennt man am unentwegten Aufstöhnen, gefolgt von ungläubigem Gelächter. Wenn dann die Lichter des Kinosaals wieder angehen, blickt man in ratlose Gesichter, in denen zu Grimassen verzogene Münder versuchen, das Gesehene in ganzen deutschen Sätzen zu kommentieren – woran sie aber gnadenlos scheitern, da sie über ein „Also, ich weiß ja nicht, das ist irgendwie …“ nicht hinauskommen. „Das war … interessant“, lautet meistens die abschließende Bewertung. Und dann, nach einigen Tagen Pause, in der das Geschehen auf der Leinwand einigermaßen eingeordnet und verarbeitet werden konnte, ist man entweder großer Lanthimos-Fan oder geht nie wieder in einen Film dieses Regisseurs. Ich gehöre zur ersten Gruppe. „The Killing of a Sacred Deer“, mein insgesamt dritter Lanthimos nach den überragenden „Dogtooth“ und „The Lobster“, kann auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz mit der Genialität der beiden erwähnten Meisterwerke mithalten, entfaltet aber auch eine große Wucht, die bei Lanthimos-Filmen immer überraschend in den Magen schlägt, da die Filme im Grunde sehr lakonisch erzählt werden. „The Killing of a Sacred Deer“ ist eine Geschichte rund um Abrechnungen/Gerechtigkeit/Balance und basiert lose auf dem Iphigenie-Mythos. Agamemnon, der antike Schlingel, tötete einen heiligen Hirsch und musste daraufhin Artemis, der Göttin der Jagd, seine eigene Tochter Iphigenie opfern, um diese zu besänftigen. Steven (Colin Farrell), dem Herzchirurgen, geht es nicht viel besser. Er macht die Bekanntschaft mit Martin (Barry Keoghan), dem Sohn eines ehemaligen Patienten, der auf Stevens OP-Tisch verstarb. Was zunächst nach einer Reue-Geschichte aussieht, entwickelt sich bald dank eines bösen Twists zu einem waschechten Thriller. Der Thrill wird dabei durch die Lakonie der Charaktere und dadurch, dass er sich fast ausschließlich im Haus der Familie abspielt und in nur geringen Dosierungen in den Alltag eingreift, virtuos unterlaufen. Lanthimos ist ein Zyniker, doch gerade durch die kalte Distanz, die er wahrt, gelingt es ihm, wirklich große menschliche Fragen zu Moral und Ethik an das Publikum zurückzuwerfen. Die zwischenmenschliche Zwickmühle, in die Steven im Laufe des Films gerät, hätte man vielleicht noch etwas mehr auskosten können – da hebelt der lakonisch-distanzierte Blick von Lanthimos doch die eine oder andere Situation aus, aus der man mehr hätte machen können – aber auch „The Killing of a Sacred Deer“ ist ein Film, der lange im Gedächtnis bleibt. Lanthimos-Filme vergisst man nicht so schnell, ob im Guten oder Schlechten.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Loving Vincent (2017)

Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman
Original-Titel: Loving Vincent
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Krimi
IMDB-Link: Loving Vincent


Beworben wird „Loving Vincent“ als „schönster Film des Jahres“. Wie kommt es dazu? Nun, man muss wissen, dass sich die bildnerische Künstlerin Dorota Kobiela und ihr Ehemann Hugh Welchman nichts Geringeres vorgenommen haben als den ersten, komplett in Öl gemalten Langfilm zu produzieren. Und zwar einen, der auf etwa 100 Meisterwerken von Vincent van Gogh beruht, die in etwa 60.000 Einzelbildern zum Laufen gebracht wurden. Erzählt wird die Geschichte der letzten 6 Wochen im Leben van Goghs bis zu seinem überraschenden Selbstmord in Frankreich. Der aufbrausende Armand Roulin erhält von seinem Vater, einem mit van Gogh befreundeten Postler, die Aufgabe, dem Bruder von Vincent van Gogh dessen letzten Brief zuzustellen. Zunächst geht Armand recht widerwillig an diese Aufgabe heran, doch ist bald seine Neugier geweckt, als er feststellt, dass sich van Goghs Umfeld in Widersprüche verstrickt, was die Umstände seines Todes betrifft. Und so wird daraus bald ein Kriminalfall, den Armand in bester Hard-Boiled-Manier angeht. Würde man rein die Erzählung bewerten, so fiele das Urteil über den Film wohl weniger günstig aus. Zwar ist der Krimi durchaus interessant erzählt und hält über die Laufzeit hinweg in Laune, doch bleibt vieles entweder im Dunkeln oder wirkt arg konstruiert. Überhaupt bleibt der Film eher an der Oberfläche van Goghs, zu dem der Zuseher über die ganze Laufzeit hinweg nicht wirklich einen Zugang findet, da interessanterweise gerade bei diesem Film, der für seine Bilder gepriesen wird, die Prämisse „show, don’t tell“ weitestgehend ignoriert wird. Der Film besteht aus einem durchs Dorf laufenden Armand, der mit verschiedenen Menschen über van Gogh spricht und die ihre Sicht erzählen, untermalt durch in Schwarz-Weiß gehaltenen Rückblenden. Allerdings hat man solche Bilder tatsächlich noch nie gesehen. Hier atmet jedes einzelne Frame den Geist van Goghs. Wer jemals vor einem meisterhaften Gemälde gestanden ist und sich in die darin gezeigte Landschaft hineinprojiziert hat, wird bei diesem Film aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen. „Loving Vincent“ ist in der Tat ein visuelles Virtuosenstück, das neue Wege in der Filmkunst bestreitet. Da lässt es sich auch verschmerzen, wenn die Storysuppe selbst ein wenig dünn geraten ist – die üppigen Beilagen gleichen das jedenfalls aus.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 69 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)

The Square (2017)

Regie: Ruben Östlund
Original-Titel: The Square
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire
IMDB-Link: The Square


Es ist Zeit für das legendäre Hans Huber-Zitat: „Die Schweeeeeeeeden, die sind ein ganz harter Brocken!“ Irgendwie trifft das ja auch auf Ruben Östlunds Goldene Palme-Gewinner „The Square“ zu. Denn einfache Filmkost sieht anders aus. Östlund geht bei seiner Satire rund um den Museumskurator Christian aufs Ganze. Ein Roundhousekick Chuck Norris’schen Ausmaßes gegen den intellektuellen Kulturbetrieb und die Verlogenheit der Menschen, wenn es um Moral und Nächstenliebe geht, soll es sein. Dafür wurde der Film überschwänglich gefeiert – inklusive Golden Globe-Nominierung und einem sicheren Platz auf der Liste der neun verbliebenen Filme, die für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film in Frage kommen. Manche sagen auch, dass der Oscar in dieser Kategorie nur über Östlund gehen kann. Okay. Ich bin da skeptisch. Denn wenn man genau hinsieht, zeigt sich rasch, dass der Film mehr Schein als Sein ist. Es gibt viele denkwürdige Szenen wie beispielsweise jene, in der Terry Notary, einer der besten Affen-Imitatoren derzeit, als Kunstprojekt ein festliches Bankett sprengt, bis es zur Eskalation kommt. Und Claes Bang als Christian spielt wunderbar. Aber die Einzelteile fügen sich nicht zu einem stimmigen Film zusammen. Der manchenorts geäußerten Kritik, dass es sich um Stückwerk handle und Ruben Östlund auch zu zynisch mit seinen Figuren umginge, kann ich mich durchaus anschließen. Ich kann mich nicht ganz dem Eindruck verschließen, dass es sich hierbei um „L’art pour l’art“ handelt, und genau das, was der Film selbst anzuprangern versucht, diese hintergründige Substanzlosigkeit der intellektuellen Szene, auch auf den Film selbst zutrifft. Es wirkt ein wenig, als ob Östlund hier einfach zeigen wollte, welch toller, smarter und sozialkritischer Filmemacher er ist. Und das ist schade, denn „The Square“ hätte durchaus gute Ansätze.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Meine schöne innere Sonne (2017)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: Un Beau Soleil Intérieur
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire, Liebesfilm
IMDB-Link: Un Beau Soleil Intérieur


Die FAZ zeigte sich begeistert, und Moviepilot prognostizierte mir eine Bewertung von 3,5. Auf Claire Denis‘ Film „Meine schöne innere Sonne“ mit Juliette Binoche war ich nun sehr gespannt. Und wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte – jedenfalls für mich. Denn „Meine schöne innere Sonne“ hat mich zwar nicht umgehauen, aber schlecht fand ich diesen Film beileibe auch nicht. Juliette Binoche spielt mit großem Mut und noch größerer Verletzlichkeit Isabelle, die Anfang 50 und die meiste Zeit über eine irrationale Träumerin ist und die Liebe sucht. Was sie findet sind Affären, die sich prickelnd anfühlen, jedenfalls zu Beginn, sie jedoch leer und ausgelaugt zurücklassen. Im Grunde ist „Meine schöne innere Sonne“ in weiten Teilen eine Variation der alten französischen Film-Prämisse „schöne Menschen zerreden Beziehungen“. Claire Denis, die Regisseurin, setzt dieses Thema allerdings auf eine sehr andere, subjektive Weise um. Die Handlungen der Beteiligten, die Dialoge, sind so erratisch wie ich es selten zuvor in einem Film gesehen habe. Die kleineren und größeren Verletzungen bahnen sich ihren Weg nach draußen, am deutlichsten in der Szene, als Isabelle bei einem Waldspaziergang ihre männlichen Begleiter, die von der Natürlichkeit der Natur schwärmen, out of the blue anzuschreien beginnt, dass sie es satt habe, dass sie es wisse, dass ihnen, den Männern, alles gehöre, auch die Landschaft. Ein starkes Zeichen. Allerdings geht diese Verfremdung und Überzeichnung in den Dialogen nicht immer gleichermaßen auf. Und manchmal kratzt man sich einfach am Kopf und fragt sich, ob das, was auf der Leinwand gezeigt wird, tatsächlich noch als zwischenmenschliche Interaktion durchgeht oder nicht. Dass Claire Denis auf Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ Bezug nehmen wollte, ist somit einerseits filmisch interessant, andererseits auch stellenweise sehr anstrengend. Allerdings ist es immer ein Genuss, Juliette Binoche zuzusehen.


5,5
von 10 Kürbissen