99 Homes – Stadt ohne Gewissen (2014)

Regie: Ramin Bahrani
Original-Titel: 99 Homes
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: 99 Homes


Dieses US-amerikanische Independent-Drama zeigt so ziemlich die Quintessenz des amerikanischen (bzw. westlichen) Kapitalismus auf. Ein junger Mann der Hard Working Class (Andrew Garfield), gerade arbeitslos geworden, wird zusammen mit seinem kleinen Sohn und seiner Mutter aus seinem Haus geworfen, da er sein Darlehen nicht zurückzahlen konnte und von der Bank enteignet wurde. Der Mann, in dessen Auftrag das Haus zwangsgeräumt wird (Michael Shannon, eine schauspielerische Urgewalt), ist Immobilienbroker und verdient sich eine goldene Nase mit Zwangsräumungen. Wie es das Schicksal so will, kommen die beiden zusammen, als der Makler dem Jungen die Chance gibt, für ihn zu arbeiten. Es entspinnt sich eine Art „Wall Street“ (der 80er-Film mit Michael Douglas und Charley Sheen) im Immobilienmarkt. Allmählich verschwimmen die Grenzen der Legalität und das Big Money nimmt Konturen an. Es kommt, wie es kommen muss: Der Junge verstrickt sich immer mehr in den windigen Geschäften des Maklers und wird vor ein moralisches Dilemma gestellt: Geld einstreifen und eventuell doch das Haus für seinen Sohn und seine Mutter retten, oder aussteigen aus dem unmenschlichen Geschäft, in dem alte, verwirrte, einsame Männer kaltblütig aus ihrem Haus geschmissen und auf die Straße gesetzt werden, wenn sie mit ihrem Darlehen in Verzug sind. „99 Homes“ ist ein guter und wichtiger Film, der von zwei richtig tollen Hauptdarstellern getragen wird und in vielen Szenen ordentlich an die Nieren geht. Das Ende ist dann ein bisschen zu Hollywood-like und kommt auch wenig überraschend. Dennoch ein insgesamt sehr sehenswerter Film, wenngleich er einer von jenen ist, die man kein zweites Mal sehen möchte.


7,0
von 10 Kürbissen

The Diary of a Teenage Girl (2015)

Regie: Marielle Heller
Original-Titel: The Diary of a Teenage Girl
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: The Diary of a Teenage Girl


Es sind die 70er. Die koksende, ständig Party machende Hippie-Mutter (Kristen Wiig) hat einen etwas jüngeren Lover in seinen Dreißigern (Alexander Skarsgaard), die 15jährige Tochter Minnie (herausragend und mit vollem Einsatz gespielt von Bel Powley) zeichnet Comics, versucht, die Welt zu verstehen und noch mehr das postpubertäre Gefühlschaos in ihr selbst. Der Lover der Mutter sieht ja eigentlich recht schnuckelig aus und plötzlich hat sie bei einem gemeinsamen Barbesuch seinen Finger im Mund und feuert laszive Blicke auf ihn ab, was ihn (und andere Teile seines Körpers) sichtlich … aufschreckt. Und da der junge Mann selbst irgendwie verloren wirkt, als wäre er noch ein Teenager, dem einfach zu schnell der Bart gewachsen ist, landen die beiden in der Kiste. Minnie erlebt ihr erstes Mal also mit dem Freund ihrer Mutter. Und ihr zweites Mal. Und drittes Mal. Und so weiter. Mit dem sexuellen Erwachen folgen interessante Experimente in den interdisziplinär verschränkten Fächern „Party machen“ und „Drogen konsumieren“, aber allmählich kippt das alles. Der Teenager ist mit der Situation zusehends überfordert (der Lover ist es schon längst), und dass es nicht ganz risikofrei ist, mit dem Freund der Mutter zu schlafen, sollte eigentlich auch klar sein. Die leichte Independent-Komödie kippt allmählich ins Dramatische, zwinkert aber auch da immer noch fröhlich mit den Augen – man ist ja schließlich in den 70ern, und da waren die Menschen lebenslustiger, gell? Und das ist auch mein Hauptkritikpunkt am Film. Zwar transportiert der Film ein bestimmtes Lebensgefühl sehr überzeugend und wirkt (dank großartiger Kameraarbeit, tollen Kostümen und einer bis ins kleinste Detail durchdachten Deko) tatsächlich aus der Zeit gefallen, aber die 70er werden mir dennoch zu stark auf Sex, Party und Drogen reduziert. Ich glaube, der einzige Protagonist, der kein mittelschweres Drogenproblem hatte, war die Katze. Und selbst die war wahrscheinlich massiv auf Katzenminze. Auch das Thema selbst, das hemmungslose Verhältnis einer 15jährigen mit einem 35jährigen, war für mich teils zu fröhlich dargestellt. Eigentlich hätte ich erwartet, dass die Protagonistin von der ganzen Geschichte einen massiven Knacks bekommt. Großartig hingegen das Spiel und die für Hollywood rotzfreche Umsetzung mit viel nackter Haut. Ja, es geht um Sex, also wird auch Sex gezeigt. Und da sind die Menschen nun mal nicht stets züchtig in weiße Bettlaken eingewickelt. Ich hätte dem Film gern eine höhere Wertung gegeben, aber unterm Strich blieb er für mich – trotz großartiger Umsetzung – zu leichtgewichtig, zu naiv. Aber gut, im Vergleich zu den Menschen in den 70ern sind wir heute wahrscheinlich ziemliche Spießer. Und als solcher Spießer bewerte ich eben auch den Film.


6,5
von 10 Kürbissen

Persona (1966)

Regie: Ingmar Bergman
Original-Titel: Persona
Erscheinungsjahr: 1966
Genre: Drama
IMDB-Link: Persona


Weird. „Persona“ von Ingmar Bergman ist definitiv keine einfache Kost. Bergman baut Elemente des Experimentalfilms in seine Geschichte rund um eine Schauspielerin, die während einer Theateraufführung verstummt, und ihrer jungen Krankenpflegerin. Immer wieder wird die vierte Wand durchbrochen, die Chronologie der gezeigten Ereignisse ist nicht immer klar, und die Anfangssequenz ist überhaupt nur eine Montage verschiedener Bilder, die nichts mit der späteren Handlung zu tun haben. Ein sperriges Stück, und von den bisher gesehenen Bergmans ist „Persona“ auch der Film, der mich am unschlüssigsten zurücklässt. An sich ist „Persona“ ein Spiel mit Rollen, mit Identität, mit Masken und Projektionsflächen (so gibt die offenherzige Krankenschwester immer intimere Details aus ihrem Leben preis, einfach, weil sie Zustimmung und Mitgefühl bei der schweigenden Schauspielerin zu erkennen glaubt, das ist es jedenfalls, was sie da hineinprojiziert), und der Grundaufbau erinnert mich ein wenig an die Romane rund um das Thema Identität von Max Frisch: „Stiller“ und „Mein Name sei Gantenbein“ vor allen Dingen. Jedenfalls bleibt es dem Zuseher überlassen, sich die Fragen, die der Film aufwirft, für sich selbst herauszusuchen und weiterzuverarbeiten. Ein rätselhaftes Werk, nicht uninteressant, aber manchmal auch ein wenig mühsam.


6,0
von 10 Kürbissen

Die Migrantigen (2017)

Regie: Arman T. Riahi
Original-Titel: Die Migrantigen
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: Die Migrantigen


Benny und Marko sind gute Freunde. Sie leben in einem typisch Wienerischen Grätzl, Benny versucht sich als Schauspieler, Marko betreibt eine kleine Werbeagentur. Beiden geht es finanziell nicht so gut. Benny wird immer nur für sehr stereotype Rollen gecastet, Markos Werbekonzepte werden von den Kunden nicht gut angenommen. Wie gut, dass eine Fernsehredakteurin auf der Suche nach brisantem Stoff über die beiden stolpert, als sie gemütlich auf einer Parkbank chillen. Denn: Die beiden haben Migrationshintergrund und sind daher ja bestens geeignet, die Hauptfiguren einer neuen Dokumentation über den sozialen Brennpunkt des Grätzels zu sein und um zu zeigen, wie es sich als kleinkrimineller Ausländer lebt. Blöd nur, dass die beiden keine Ahnung von diesem Milieu haben und der TV-Redakteurin das alles nur vorspielen. Aber das schnelle Geld lockt. Dass damit die Probleme erst anfangen, ist dem geübten Cineasten aber klar.

„Die Migrantigen“ bezieht seinen Humor aus der Karikierung der Migrationssituation. Benny und Marko sind bestens integriert und so weit entfernt von dem Milieu, das sie fürs Fernsehen repräsentieren sollen, wie ein 40jähriger Bankangestellter mit dem Namen Hubert Maier. Der Film nimmt dabei augenzwinkernd Vorurteile und Klischees aufs Korn, und es ist lustig, dass ausgerechnet die beiden vermeintlichen „Ausländer“ in diese Klischeefallen tappen. Gleichzeitig kann man aber hier auch den größten Kritikpunkt ansetzen: Die tatsächlichen Problemen und Ängste der Menschen mit Migrationshintergrund werden nur am Rande gestreift. Zwar wird versucht, am Ende noch eine Message mitzugeben, dass es eben reale Probleme und Existenzkämpfe gibt, aber das kommt alles viel zu kurz und oberflächlich. So bleibt „Die Migrantigen“ am Ende ein netter, kleiner Film, der niemandem weh tut.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Film)

Die Verführten (2017)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Beguiled
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: The Beguiled


Virginia. Der amerikanische Bürgerkrieg. Schwüle und Nebel legen sich abwechselnd um das imposante Herrenhaus, das aufgrund des Krieges und der damit verbundenen Beschäftigung der Herren, sich gegenseitig abzuschlachten, zum Damenhaus geworden ist. Mrs. Martha (Nicole Kidman) kümmert sich zusammen mit der Lehrerin Edwinna (Kirsten Dunst) um fünf junge Schülerinnen. Man arbeitet im Garten, spielt Musik, betet, hat Unterrichtsstunden und bemüht sich um die Aufrechthaltung eines zivilisierten, südstaatlichen Lebensstils. Bis die junge Jane vom Pilze pflücken im Wald nicht nur mit schmackhaften Schwammerln, sondern auch mit einem verwundeten Yankee-Soldaten (Colin Farrell) zurückkommt. Schnell wird der höfliche Mann, der einfach nur froh ist, am Leben zu sein und sich von daher gerne in Feindeshand begibt, zu einer Attraktion unter den unbemannten Damen. Ein sehr subtiles Spiel der Verführung beginnt – wobei nicht klar ist, wer wen verführt. Ein nächtlicher Zwischenfall lässt dieses Spiel jedoch eskalieren.

Zu allererst muss man sagen, dass „The Beguiled“ von Sofia Coppola herausragend gefilmt ist. Immer wieder zeigt die Kamera die imposanten Säulen des Hauses und den verwilderten Garten davor, und jede Einstellung lässt Haus und Garten ein wenig anders wirken – mal einsam, mal bedrohlich, mal friedlich, mal häuslich. Am Haus vorbeiziehende Soldaten verschwinden im Nebel, die Schwüle der Südstaaten wird optisch greifbar. Ganz große Kamerakunst! Was das Timing betrifft, so hat der Film jedoch seine Schwächen. Während die ersten zwei Drittel sehr langsam und mit äußerst subtilen Andeutungen aufgebaut werden, wirkt der Film ab der Eskalation plötzlich gehetzt, als wäre er ab diesem Moment draufgekommen, eigentlich ein Thriller sein zu wollen und müsse die Versäumnisse der ersten Stunde nachholen, nur um wieder gemächlich auszuklingen – nach einem fiesen Showdown zwar, aber auch der ist wieder so ruhig und mit gewollten Understatement inszeniert wie die erste Stunde des Films. Eine interessante Botschaft, über die es sich länger nachzudenken lohnt, wird nicht vermittelt. Ich ging etwas unschlüssig aus dem Film. Ja, eh ganz gut, aber irgendwie auch ein bisserl obsolet. Eine große Geschichte hat der Film nicht zu bieten, aber dafür packt er das Wenige, was er hat, in beeindruckende Bilder.


6,0
von 10 Kürbissen

Wonder Woman (2017)

Regie: Patty Jenkins
Original-Titel: Wonder Woman
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Action, Fantasy, Kriegsfilm
IMDB-Link: Wonder Woman


Nach der Dark Knight-Trilogie von Christopher Nolan ging es qualitativ mit den DC-Comic-Verfilmungen eher bergab. Doch nun sorgt „Wonder Woman“ für Furore. Der erfolgreichste Film einer Regisseurin ever tritt den Cape-bewehrten Macho-Muskelprotzen, die sonst die Leinwand bevölkern, kräftig in den Hintern. Gefeiert wird der Film als feministisches Action-Kino. Das ist schon mal gut – ein breiter Diskurs in dieser Sache ist wichtig. Aber funktioniert der Film auch als solcher, wenn man sich nicht allein auf die Tatsache stützt, dass er eine sehr starke, Ärsche tretende weibliche Hauptfigur hat? Funktioniert er als Sommer-Blockbuster-Action-Kracher? Da fällt mein Urteil ein bisschen differenzierter aus. Zwar unterhält der Film über seine Spielzeit sehr gut und bietet wirklich gute Unterhaltung mit soliden Action-Szenen, aber die Neu-Erfindung der Comic-Verfilmung, als die ihn manche Kritiker gerne sehen würden, ist „Wonder Woman“ nicht. Die Story ist dann doch recht vorhersehbar, die CGI hat auch schon mal besser ausgesehen und Nebenfiguren wie Schurken sind im Grunde recht eindimensional. Was das betrifft, so bleibt die Dark Knight-Trilogie weiterhin der Maßstab für die Branche. Aber geschenkt. „Wonder Woman“ ist gutes Action-Kino mit einer wichtigen Botschaft – nämlich, dass es heutzutage wirklich wurscht sein soll, ob die Welt von einem Mann oder einer Frau gerettet wird, denn Letztere kann das mindestens genauso gut.


7,0
von 10 Kürbissen

Der Name der Leute (2010)

Regie: Michel Leclerc
Original-Titel: Le Nom de Gens
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Liebesfilm, Rom-Com
IMDB-Link: Le Nom des Gens


Französische Komödien – meistens folgen sie diesem Muster: Schöne Menschen beschäftigen sich mit Themen der aktuellen Political Correctness, sind ein bisschen nackt und fast immer hysterisch. Mitten im Film kommt dann ein großes Drama, das kein vernünftiger Mensch nachvollziehen kann (weil kein vernünftiger Mensch ist jemals so hysterisch wie französische Filmfiguren), am Ende kommt die Katharsis und das politisch inkorrekte Thema wird mit einem Augenzwinkern abgeschlossen. Bei „Ziemlich beste Freunde“ hat das gut funktioniert – wohl auch, weil die Hauptfiguren nur ein bisschen hysterisch statt komplett gaga waren. Beim gefeierten Film „Der Name der Leute“ (zwei Césars – fürs Drehbuch und für Sara Forestier als beste Hauptdarstellerin) funktioniert das mal wieder nicht. Die Story: Junge algerisch-stämmige Links-Aktivistin (ihr Aktivismus: sie schläft mit Rechten und Konservativen, um sie zu bekehren) trifft auf langweiligen Durchschnittsfranzosen, der Vogelkrankheiten untersucht und dabei Wildgänse und Stockenten seziert, mit verleugneter jüdischer Vergangenheit. Er ist fad und latent unsympathisch, sie dafür hysterisch genug für beide. Der Film behandelt dabei die Themen Herkunft und ethnische Durchmischung. An sich ein löbliches Vorhaben. Nur ist das alles so plump und auch ärgerlich dargestellt, dass ich einfach keine Freude daran habe. Beispiel: Die Hauptprotagonistin wurde als Kind vom Klavierlehrer sexuell missbraucht. Dieses heftige Thema wird allerdings so nebenher und auf eine zynische Weise abgehandelt, dass man nur den Kopf schütteln kann. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Film seine Figuren wirklich ernst nimmt. Lieber einen schlüpfrigen Gag einbauen und nackte Brüste zeigen, als die Figur auch mal verletzlich darzustellen und ihr zugestehen, dass das Leben auch mal bitter sein kann. Den Kritikern weltweit hat der Film ganz gut gefallen, ich hingegen bin allerdings kein Filmkritiker.


3,0
von 10 Kürbissen

Aquarius (2016)

Regie: Kleber Mendonça Filho
Original-Titel: Aquarius
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Aquarius


„Aquarius“ erzählt auf leichtfüßige Weise die Geschichte einer erfolgreichen Schriftstellerin und Musikkritikerin Clara (überragend gespielt von Sonia Braga), die letzte Bewohnerin des Wohnhauses „Aquarius“, das abgerissen werden und einem neuen, modernen Apartmenthaus Platz machen soll. Clara, die Eigentümerin einer der Wohnungen, wehrt sich gegen den Verkauf. Ihr Leben hat sich in diesem Haus abgespielt, ihre Erinnerungen hängen daran – die guten wie auch die schlechten. Als Story klingt das reichlich unspektakulär, aber darum geht es „Aquarius“ auch gar nicht so sehr. Viel mehr entfaltet sich nach und nach in den zwischenmenschlichen Beziehungen ein Panorama des Zustands der heutigen brasilianischen Mittelschicht. Gleichzeitig gibt der Film einen Kommentar zum Kapitalismus ab, wenn er in einer zynischen Schlussszene die Methoden aufdeckt, mit denen man versucht, die widerspenstige Clara aus dem Haus zu entfernen. Die ganz große Stärke des Films ist aber das präzise, menschlich unheimlich differenzierte Abbild der sozialen Beziehungen zwischen Familie, Freunde, lockeren Bekanntschaften. Clara ist nicht mehr jung und sie hat es auch nicht ganz einfach mit ihren erwachsenen Kindern, denn auch wenn sie vital und immer noch am Puls der Zeit ist, so zeigt sich dennoch ein kleiner Graben, der sich aus der Familiengeschichte heraus durch die Generationen zieht. Mehr Zugang findet sie zu ihrem Neffen, und hier verbinden sich die Jahrzehnte einfacher und natürlicher miteinander. Der Film idealisiert hierbei zu keinem Moment, sondern zeigt das Leben einfach so, wie es ist – mit den kleinen, schmutzigen Freuden, mit den Narben, den Enttäuschungen und ungeschickten Küssen. Mit fast 2,5 Stunden Laufzeit verlangt er auch ein wenig Sitzfleisch von seinem Publikum, und in nicht jeder Szene ist eine wirklich dringliche Relevanz zu spüren, aber dennoch gehört „Aquarius“ durch seinen ehrlichen Blick auf die Menschen und eine großartige Sonia Braga zu meinen Filmhighlights der letzten Wochen. Empfehlenswert!


7,5
von 10 Kürbissen

Die besten Filme des 21. Jahrhunderts

Nach einigen Wochen Abwesenheit, in denen ich mich in Westeros aufgehalten habe (was für eine geniale Serie!) mal wieder ein Lebenszeichen vom Filmkürbis. Heute geht es um die besten Filme des 21. Jahrhunderts – und damit bietet sich die Gelegenheit, mit völlig subjektiv erstellten Listen um sich zu werfen und Kleinkriege mit weiteren Filmaficionados anzuzetteln, die ebensolche Listen zurückwerfen, die man dann total blöd finden kann, weil Film A nicht drauf ist oder weil Film B drauf ist oder weil sie zu wenige Filme aus Asien/Afrika/der Antarktis berücksichtigt oder oder oder. Wie auch immer – ich habe Spaß an solchen Listen, und die New York Times offensichtlich auch, denn die hat zuletzt ihre Leser über die bislang besten 25 Filme des 21. Jahrhunderts abstimmen lassen. Ich werfe nun zurück – und zwar meine eigene Liste der besten Filme des 21. Jahrhunderts. (Kleine Anmerkung am Rande: Ich Wichtigtuer zähle nur Filme ab 2001 zum 21. Jahrhundert, während die New York Times auch Filme von 2000 berücksichtigt hat). Und weil ich, wie’s aussieht, nicht zählen kann, umfasst meine Liste 30 Filme. Die da wären:

  1. Donnie Darko (2001, Regie: Richard Kelly)
  2. Only Lovers Left Alive (2013, Regie: Jim Jarmusch)
  3. Garden State (2004, Regie: Zach Braff)
  4. Dogville (2003, Regie: Lars von Trier)
  5. Lost in Translation (2003, Regie: Sofia Coppola)
  6. City of God (2002, Regie: Fernando Meirelles)
  7. Big Fish (2003, Regie: Tim Burton)
  8. No Country for Old Men (2007, Regie: Ethan und Joel Coen)
  9. Into the Wild (2007, Regie: Sean Penn)
  10. The Departed (2006, Regie: Martin Scorsese)
  11. The Dark Knight (2008, Regie: Christopher Nolan)
  12. Whiplash (2014, Regie: Damien Chazelle)
  13. Drive (2011, Regie: Nicolas Winding Refn)
  14. Beasts of the Southern Wild (2012, Regie: Benh Zeitlin)
  15. Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004, Regie: Michel Gondry)
  16. Amour (2012, Regie: Michael Haneke)
  17. Grand Budapest Hotel (2014, Regie: Wes Anderson)
  18. The Lobster (2015, Regie: Giorgios Lanthimos)
  19. There Will Be Blood (2007, Regie: Paul Thomas Anderson)
  20. Kill Bill Vol. 1+2 (2003/2004, Regie: Quentin Tarantino)
  21. Der Knochenmann (2009, Regie: Wolfgang Murnberger)
  22. Ex Machina (2015, Regie: Alex Garland)
  23. La Grande Bellezza (2013, Regie: Paolo Sorrentino)
  24. Der Nachtmahr (2015, Regie: AKIZ)
  25. I, Daniel Blake (2016, Regie: Ken Loach)
  26. Oldboy (2003, Regie: Park Chan-wook)
  27. The Life Aquatic With Steve Zissou (2004, Regie: Wes Anderson)
  28. Gran Torino (2008, Regie: Clint Eastwood)
  29. Moon (2009, Regie: Duncan Jones)
  30. Inside Out (2015, Regie: Pete Docter und Ronaldo del Carmen)

Ich gebe zu, auch diese Liste der Top30 ist ein wenig hingemogelt, denn eigentlich sind 31 Filme auf dieser Liste, nachdem ich Kill Bill Vol. 1 und 2 zusammengefasst habe. Quentin Tarantino ist damit neben Wes Anderson auch der einzige Regisseur, der es mit zwei Filmen unter meine Top30 geschafft hat. Erschreckend: Mit Sofia Coppola ist nur eine einzige Dame (die dafür in meinen persönlichen Top5) vertreten.

Was die Jahrgänge betrifft, so war 2003 der ergiebigste Jahrgang der Liste mit 5 Filmen in meinen Top30, gefolgt von 2004 und 2015 mit jeweils 4 Filmen:

2001: 1 Film
2002: 1 Film
2003: 5 Filme
2004: 4 Filme
2005: 0 Filme
2006: 1 Film
2007: 3 Filme
2008: 2 Filme
2009: 2 Filme
2010: 0 Filme
2011: 1 Film
2012: 2 Filme
2013: 2 Filme
2014: 2 Filme
2015: 4 Filme
2016: 1 Film
2017: 0 Filme

Wie sehen eure Listen aus? Was müsste unbedingt noch dazu? Was sollte eurer Meinung nach weg? Bin gespannt!

Carlos – Der Schakal (2010)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Carlos / Le Prix du Chacal
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Biopic, Drama, Thriller
IMDB-Link: Carlos / Le Prix du Chacal


Vorab die Info: Diese Rezension bezieht sich auf die Kurzfassung von Olivier Assayas‘ „Carlos – Der Schakal“, mit nur 3 Stunden quasi der Appetizer für die 5-Stunden-Langfassung.

In den 70ern und 80ern verbreitet der Terrorist Carlos Angst und Schrecken auf der Welt. Höhepunkt ist die Geiselnahme der an einer OPEC-Konferenz in Wien teilnehmenden Minister. Doch während Carlos zunächst noch für die palästinische Sache kämpft, verwirrt er sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten allmählich im Geflecht der internationalen diplomatischen Beziehungen, und aus den Freiheitskämpfern werden Attentäter ohne Ziel. Olivier Assayas erzählt das Leben des berühmt-berüchtigten Terroristen auf eine sehr nüchterne und zurückhaltende Weise. Carlos, eindrucksvoll gespielt von Edgar Ramirez, ist unglaublich charismatisch, wird dabei aber nie glorifiziert. Assayas lässt die Taten sprechen und zeigt so schonungslos auf, wie der einstige Idealist mit moralisch verachtenswerten Methoden in eine Spirale der Gewalt gerät, die fortan sein Leben bestimmen soll und aus der er nie wieder hinausfinden wird.

Die erste Hälfte des Films mit den Höhepunkten des Verrats eines Vertrauten und der OPEC-Geiselnahme (beides ist extrem spannend und dramaturgisch perfekt inszeniert, ohne vom dokumentarischen Stil abzuweichen) ist herausragend. Die zweite Hälfte, die sich mit dem allmählichen Niedergang Carlos‘ beschäftigt, wirkt trotz der langen Spielzeit etwas gehetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass hier die Langfassung eine bessere Figur abgeben würde, denn in der dreistündigen Fassung springt der Film gegen Ende ziemlich schnell zwischen den Handlungsorten umher und muss sich damit den Vorwurf gefallen lassen, beliebig zu werden. Dennoch funktioniert der Film auch in der Kurzfassung sehr gut und ist durchaus einen Blick wert.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)