Coco – Lebendiger als das Leben! (2017)

Regie: Lee Unkrich
Original-Titel: Coco
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation
IMDB-Link: Coco


Wie es nicht geht, zeigt der Vorfilm „Olaf taut auf“ – ein sentimentales, überzuckertes Weihnachts-Rührstück nach Schema F. Man möchte gar nicht glauben, dass der Film aus dem gleichen Studio stammt wie der Hauptfilm „Coco“. Denn „Coco“ ist mal wieder ein Meisterwerk. „Inside Out“, „Ratatouille“, „Wall-E“ – die Liste der herausragenden Pixar-Filme, die Hirn und Herz gleichermaßen verbinden, ist lang, und „Coco“ hat kein Problem, sich in diese illustre Riege hineinzuschieben. Dabei ist die Ausgangsbasis für die Geschichte durchaus riskant: Ein Film, der im mexikanischen Reich der Toten spielt. Dass der Film keinerlei Spuren von Morbidität aufweist, sondern herzerwärmend menschlich ist, ist schon mal eine große Leistung für sich. Aber es geht noch tiefer: Denn die Geschichte des jungen Miguel, der einer Schuhmacherfamilie entspringt und doch viel lieber Musiker werden möchte wie sein Urgroßvater, über den man allerdings nicht mehr spricht, hat doch dieser Taugenichts die Familie verlassen, um Karriere zu machen, ist ein modernes Märchen über die Familie und eine bunte Hommage an Mexiko. Miguel wird am Tag der Toten in das Reich eben jener hineingezogen und muss, um wieder zurück in die Welt der Lebenden zu gelangen, den Segen eines Familienmitglieds erlangen. Dabei erweisen sich seine Tanten und Onkel als wenig hilfreich, machen sie es doch zur Bedingung, dass Miguel fortan auf Musik verzichtet. So bleibt nur die Flucht nach vorne und die Suche nach seinem musikalischen Idol, den Superstar Ernesto de la Cruz, von dem er sich den Segen für die sichere Heimkehr erhofft. Als Kritikpunkt habe ich gelesen, dass der Film sehr konservativ sei – und ja, er stellt die Familie über alles. Allerdings muss man hierbei auch die Kultur und Tradition Mexikos mitberücksichtigen, wo tatsächlich die Familie eine größere Rolle spielt als andernorts. Und wenn man sich von diesem traditionellen Familienbild nicht stören lässt, dann erwartet einen mit „Coco“ ein unglaublich menschlicher, sehr emotionaler Film. Als kleinen persönlichen Kritikpunkt würde ich die relativ überraschungsfrei erzählte Story und die manchmal fehlende Figurentiefe nennen. Das haben wir vor allem von Pixar schon vielschichtiger gesehen. Aber geschenkt. „Coco“ trifft bei mir mitten ins Herz. Am Ende hatte ich feuchte Augen. Für mich ein sicherer Oscar-Gewinner 2018 und ein wunderbares Abenteuer für die ganze Familie.


8,5
von 10 Kürbissen

A Very Murray Christmas (2015)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: A Very Murray Christmas
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Musikfilm, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: A Very Murray Christmas


Ich habe Netflix. Seit heute. Was gleichbedeutend ist mit: Ich habe kein Leben mehr. Jedenfalls nicht außerhalb von Netflix. Den Auftakt meines Netflix-Lebens hat nun jener Film gemacht, der mich vor zwei Jahren schon fast dazu bewogen hätte, einen Netflix-Account einzurichten: „A Very Murray Christmas“ von – man lese und staune – Sofia Coppola. Dieser eigens produzierte Weihnachtsfilm handelt von einem schlecht gelaunten Bill Fucking Murray (Zitat Woody Harrelson in „Zombieland“), der in einem Hotel live eine Weihnachtsshow moderieren soll. Das Problem ist: Ganz New York ist eingeschneit, alles steht still – und die Gäste können nicht kommen. Kein George Clooney.  Keine Iggy Azalea. Kein Papst Franziskus. Lediglich Chris Rock verirrt sich in die Hotellobby und wird prompt zu einer Gesangsnummer eingeteilt. Als aber dann auch noch der Strom ausfällt, ist wirklich Feierabend, und Bill Murray zieht sich in die Hotelbar zurück, wo er mit den Angestellten Weihnachtslieder singt, bis der Sliwowitz einfährt.

„A Very Murray Christmas“ ist definitiv ein Weihnachtsfilm, den man gesehen haben sollte. Wenn Bill Murray und Sofia Coppola einfach auf alles pfeifen und die Szenen in puren Dadaismus abgleiten lassen, ist das gelebte cineastische Anarchie. Großartig! Nur leider hält der Film das nicht immer durch, und manche Passagen sind schlicht langweilig. Auch die Story ist nicht mehr als eine Entschuldigung dafür, Bill Murray und Gäste eine Stunde lang Weihnachtslieder singen zu lassen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und ein ähnlicher großer Bill Murray-Fan ist wie Woody Harrelson, sollte einen Blick riskieren. Ein richtiger Film ist das eigentlich nicht. Aber es macht trotzdem Spaß.


6,0
von 10 Kürbissen

Zwischen zwei Leben (2017)

Regie: Hany Abu-Assad
Original-Titel: The Mountain Between Us
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: The Mountain Between Us


Kate Winslet und Idris Elba gehen spazieren. Es ist halt ein bisschen kalt und man weiß nicht genau, wo man gerade herumhirscht, aber immerhin hat man den Hund dabei, und ein paar Tage an der frischen Luft tun ja auch gut, vor allem, wenn es sich dabei um so klare Bergluft handelt, die nicht die geringste Ahnung der industrieverseuchten Welt in sich trägt. In der Nacht campiert man aneinandergekuschelt bei einem Lagerfeuer in kuscheligen Höhlen – das erhöht den Herzschlagfaktor. Da kann man durchaus mal vergessen, dass man eigentlich vor ein paar Tagen geheiratet hätte (Winslet) oder einem 10jährigen Kind in einer OP das Leben gerettet hätte (Elba) oder auch, dass man eine außerplanmäßige Landung auf einem Berggipfel hingelegt hat, den Piloten im Schnee verscharren musste, von einem Puma angefallen wurde und mit einem gebrochenen Bein durchs Nirgendwo humpelt. Kleinigkeiten halt, die angesichts der bezaubernd verschneiten Gegend und der prickelnden neuen Gesellschaft, in der man diese erkundet, entfallen können. „The Mountain Between Us“ (ddT – dämlicher deutscher Titel: „Zwischen zwei Leben“) kann sich nicht so recht entscheiden, ob es ein abenteuerliches Survival-Drama oder ein romantischer Liebesfilm sein möchte. Es sind von beidem gute Ansätze erkennbar, aber konsequent umgesetzt ist nichts davon. Für das Survival-Drama ist der Überlebenskampf zu leichtgängig und einfach gestrickt. Die beiden hocken ein paar Tage in ihrem Wrack, dann stapfen sie trotz gebrochenem Bein fröhlich viele Kilometer durch hüfthohen Schnee (wer auch immer schon mal das Vergnügen hatte, sich durch kniehohen Schnee zu kämpfen, weiß, dass man nach ein paar hundert Meter eigentlich nur noch auf die letzte Ölung wartet), immer wieder hüpft fröhlich der Hund herum (was hat der eigentlich zu fressen bekommen, um stets so gut gelaunt zu sein, und was zum Geier haben die beiden Überlebenden gegessen außer mal ein paar Bissen Puma-Steak?), Kälte ist eh ziemlich egal, und auch tagelanges Marschieren ohne Nahrung scheint weder ihre Laune noch ihre Libido zu verderben. Was den romantischen Aspekt der Geschichte betrifft, so ist zwar prinzipiell ganz gut und plausibel nachgezeichnet, wie in Extremsituationen Gefühle entstehen können, und auch in der Nachbetrachtung ist der Film nicht übel, aber trotzdem wird auch dieser Teil etwas zu … nun ja … kühl erzählt. Kate Winslet und Idris Elba bemühen sich, ihren Figuren Tiefe zu verleihen, doch manchmal macht es sich das Drehbuch zu einfach, postuliert Emotionen, die vage und unbegründet bleiben, nur damit zwischen den beiden etwas vorangeht. Stattdessen wird dann erzählerisch zu einfachen Tricks gegriffen. „The Mountain Between Us“ gehört zu jener Art von Filmen, in denen Geigen anheben, wenn die verliebten Protagonisten zum ersten Mal leidenschaftlich übereinander herfallen, und wo der Mann die Angebetete durchaus mal in Slow-Motion verlässt, um die Dramatik der Trennung zu unterstreichen. Für einen romantischen Kerzenschein-Abend zu zweit ist die Landschaft aber zu frostig. Kate Winslet und Idris Elba, die beiden schauspielerischen Naturgewalten, retten, was zu retten ist, und der Hund hat immerhin einen Charakterkopf.


5,0
von 10 Kürbissen

Colossal (2016)

Regie: Nacho Vigalondo
Original-Titel: Colossal
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Fantasy, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Colossal


Meine Kinokomplizin, die den Film vorgeschlagen hat, hat mir im Vorfeld eingeschärft: „Versuch, nichts über den Film zu lesen, keine Kritiken, schau keinen Trailer dazu an.“ (Jo, was haben wir hier unten? Genau – einen Trailer. Allerdings möchte ich niemanden bevormunden – die Willensstarken unter euch werden es schaffen, das Youtube-Video nicht anzuklicken, und für das schwache Gewürm unter euch, har har, – oder einfach jene, denen Spoiler egal sind – möchte ich nicht auf den gewohnten Service verzichten.) Jedenfalls wertet es „Colossal“ auf, wenn man nicht genau weiß, worum es geht. So viel sei vorab verraten: Die arbeitslose Alkoholikerin Gloria (eine wie immer entzückende Anne Hathaway) fliegt aus der Wohnung ihres Verlobten und stattet daraufhin ihrem Heimatdorf einen Besuch ab. Währenddessen legt ein Monster Seoul, die Hauptstadt Südkoreas, in Schutt und Asche. Was eine Mischung aus Selbstfindung und Godzilla-Variation beginnt, formt sich allmählich zu einem Kampf gegen die inneren Dämonen.  Jede weitere Information zur Handlung des Films wäre schon eine Information zu viel. Jetzt kommt mein „Aber“: Aber leider ist die Umsetzung dieser an sich interessanten Grundidee bestenfalls mittelprächtig. Der Regisseur, Nacho Vigalondo, ist bei mir bereits einmal durchgefallen mit einer ähnlichen Ausgangsbasis: Gute Idee, schlecht umgesetzt. „Open Windows“ hieß das Werkl, das ich nicht unbedingt hymnisch besprochen habe. „Colossal“ ist jedenfalls ein Schritt nach vorne. Denn unterhaltsam ist der Film und durch die Fokussierung auf das Kleinstadt-Setting und deren Bewohner auch prinzipiell interessant. Allerdings geht „Colossal“ einigen sehr spannenden moralischen und ethischen Fragen aus dem Weg (wie auch „Open Windows“) und konzentriert sich stattdessen lieber auf den Thriller-Aspekt und auf Schauwerte (die allerdings nicht immer befriedigend ausfallen – da ist man heutzutage einfach an Besseres in Sachen CGI gewöhnt). In Summe ist es leider nur ein besseres B-Movie, das von einer tollen Anne Hathaway und einer interessanten Ausgangsbasis lebt, aber dann auf dem Weg viel Potential liegen lässt.


5,5
von 10 Kürbissen

Mallrats (1995)

Regie: Kevin Smith
Original-Titel: Mallrats
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Komödie
IMDB-Link: Mallrats


Mallrats (dt.: „Einkaufszentrumratten“, das klingt halt, wie so Vieles im Deutschen, nicht ganz so geschmeidig) sind possierliche Tierchen. Die Männchen zeichnen sich oft durch eine spezielle Form der Lethargie aus, die es ihnen unmöglich macht, sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen, und sie auch zweitens im Balzverhalten für die geschlechtsreifen Weibchen eher uninteressant macht. Männliche Mallrats in der Gruppe entwickeln aber gelegentlich eine erstaunliche Energie, auch wenn diese nie auf sinnvolle Tätigkeiten zielgerichtet ist. So zu sehen in Kevin Smith‘ logischem Nachfolgerfilm seines gefeierten Slacker-Films „Clerks – Die Ladenhüter„. Auch in „Mallrats“ geht es wieder um zwei junge Loser, die tatsächlich etwas verloren haben: nämlich beide gleichzeitig ihre Freundinnen. Also suchen sie Ablenkung im Einkaufszentrum und stoßen dort nicht nur auf ihre Verflossenen, sondern auch auf einen unausstehlichen Ben Affleck,  eine minderjährige Sex-Forscherin, Stan Lee und die unvermeidlichen Slacker Jay und Silent Bob. Und mit deren Hilfe schmieden die beiden Burschen einen ausgetüftelten (mehr oder weniger) Plan, um die Holden zurückzugewinnen.

„Mallrats“ ist ein sympathischer, kleiner Film, der von den für Kevin Smith absurd-witzigen Dialogen lebt, aber leider in der komödiantischen Handlung bzw. im Drehbuch selbst gelegentlich daneben haut. Nicht jeder Gag sitzt, und manche Witze sind auch gar etwas einfach gestrickt. Auch das Ende ist vorhersehbar und cheesy. Trotzdem kann man weder Kevin Smith, dem Supernerd unter den Regisseuren, noch seinem Produkt selbst lange böse sein, denn auch wenn „Mallrats“ kein Film ist, der lange im Gedächtnis bleibt, und auch wenn man sich manches Schmunzeln schon arg bemüht ins Gesicht zaubern muss, aber es ist halt trotzdem eine entspannte Angelegenheit, der man gerne zusieht. An „Clerks“ oder andere Meisterwerke wie „Dogma“ oder der trotz seines dämlichen Titels irrsinnig witzigen und herzerwärmenden „Zack and Miri Make a Porno“ kommt dieser Film aber klar nicht heran.


5,5
von 10 Kürbissen

Detroit (2017)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: Detroit
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Detroit


Detroit 1967. Motor City leidet unter Arbeitslosigkeit und der Abwanderung der Menschen in die Suburbs. Die schwarze Bevölkerung ist in engen Vierteln zusammengepfercht. Wut über die soziale Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit führen dazu, dass es in diesem Kochtopf gewaltig zu brodeln beginnt. Die Polizei begegnet der Bevölkerung mit zunehmender Härte. Als schließlich eine Razzia eskaliert, kommt es zu gewalttätigen Aufständen der Schwarzen, die kurzerhand ein ganzes Viertel zerlegen und abfackeln. Es herrschen bürgerkriegsartige Zustände. Mitten in die Klimax hinein erlaubt sich ein junger Schwarzer im Algier-Motel, eine Mischung aus Partyzone und Refugium, einen folgenschweren Scherz. Die Polizei vermutet einen Heckenschützen im Motel und stürmt dieses ohne Rücksicht auf Verluste.

Die letzten beiden Filme von Kathryn Bigelow, „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“, kann man als politische Kriegsfilme bezeichnen. „Detroit“, obwohl es um die Bürgerrechtsbewegung geht und der Film ausschließlich in der US-amerikanischen Stadt spielt, reiht sich da nahtlos ein. Bigelow ist eine Regisseurin, die wie keine zweite das Chaos des Krieges und die Traumata, die daraus entstehen, festhalten kann. Umso erschreckender, dass die Handlungen, die sie in „Detroit“ zeigt, nicht aus einem fernen Kriegsgebiet stammen, sondern sich tatsächlich in den 60ern in der fünftgrößten Stadt der USA zugetragen haben. Kathryn Bigelow bleibt, auch dank der nervös zuckenden Handkamera von Barry Ackroyd (oscarnominiert für „The Hurt Locker“), stets nah am Geschehen. Die ersten zwei Stunden des Films sind ein permanenter Schlag in die Magengrube. Selten habe ich das Ungleichgewicht von Macht und Ohnmacht so überzeugend und physisch spürbar auf Film gebannt gesehen. Leider fällt das Ende dann ein bisschen ab. Die Aufarbeitung der Geschehnisse bräuchte nämlich im Grunde einen eigenen Film und wird hier etwas lieblos und fast zu schnell abgespult, sodass der Film am Ende trotz 2,5 Stunden Laufzeit etwas gehetzt wirkt. Trotzdem: Die ersten 1,5 bis 2 Stunden gehören zum Besten, was ich in diesem Filmjahr gesehen habe. Unglaublich eindringlich und mitreißend.

Eine Anmerkung am Rande noch: Nach „Licht“ ist das der zweite Film in jüngerer Zeit, in dem mir die Abmischung des Tons extrem positiv aufgefallen ist. Auch das trägt zu der beklemmenden Stimmung von „Detroit“ bei.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin Filmverleih)

Mord im Orient-Express (2017)

Regie: Kenneth Branagh
Original-Titel: Murder on the Orient Express
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Krimi
IMDB-Link: Murder on the Orient Express


Oft fragt man sich: War nun dieses Remake, das man gerade gesehen hat, denn wirklich nötig? Diese Frage stellt man sich vor allem dann, wenn die Neuverfilmung der Geschichte keinen eigenen originellen Gedanken beifügt, sondern die Geschichte einfach noch einmal nacherzählt, nur gemäß des Mottos „höher, weiter, schneller“. Mehr Explosionen, mehr Brimborium usw.  Dieses Problem, nämlich die fehlende Daseinsberechtigung, hat Kenneth Branaghs Neuverfilmung von „Mord im Orient-Express“ definitiv nicht. Denn Branagh hält sich zwar, was die Handlung betrifft, recht nah an die Vorlage, fügt dieser aber dadurch, dass er die Figur des Hercule Poirot anders betrachtet, eine neue Facette hinzu. Branaghs Poirot ist melancholisch und pedantisch und steht kurz vor einem Burn-Out (nur dass man damals diesen Begriff noch nicht kannte, sondern einfach nur urlaubsreif war). Der Fall, in den er unvermittelt hineingezogen wird, scheint phasenweise seine Kräfte zu übersteigen, und verlangt auch von ihm ab, sich selbst und seine eigenen Motive und Weltanschauungen zu hinterfragen. Schon allein deshalb hat es sich definitiv gelohnt, sich des Stoffes im Jahr 2017 erneut anzunehmen, zumal Branagh einen sehr überzeugenden Poirot gibt. Allerdings war ich selbst (anders als meine drei Mitstreiter im Kino) nicht uneingeschränkt zufrieden mit dem Film. Die Kulissen haben für mich stellenweise sehr künstlich gewirkt, manche Figuren (zB der impulsive Graf Andrenyi) auch überzeichnet und der Schluss war für mich persönlich zu plakativ. Wie gesagt, ich bin damit im Freundeskreis in der Minderheit – gerade der Schluss hat die restlichen 3/4 unserer Truppe sehr überzeugt und emotional abgeholt. Insofern: Selbst anschauen und sich ein Bild machen! Vergeudete Lebenszeit ist es in keinem Fall.


6,0
von 10 Kürbissen

Mord im Orient-Express (1974)

Regie: Sidney Lumet
Original-Titel: Murder on the Orient Express
Erscheinungsjahr: 1974
Genre: Krimi
IMDB-Link: Murder on the Orient Express


Ha! Clickbait! Da glaubt ihr vielleicht, ich bespreche den aktuellen Film von und mit Kenneth Branagh, und neugierig seid ihr dem Link hierher gefolgt, und jetzt stellt ihr fest: Nö, ist ja nur der alte Schinken. Aber wenn ihr schon mal da seid, dann könnt ihr auch bleiben – es lohnt sich!

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Das wusste schon Matthias Claudius. Und das weiß auch bald der Meisterdetektiv Hercule Poirot (Albert Finney), denn aus der illustren Reihe der First Class-Passagiere wacht einer am nächsten Morgen nicht auf. Da kommt es gerade gelegen, dass der Zug gerade in den winterlichen Schneemassen steckengeblieben ist, denn dadurch bleibt Zeit, sich die Gesellschaft vorzuknöpfen – einen nach dem anderen – auf der Suche nach einer Rekonstruktion der Ereignisse dieser lebensverkürzenden Nacht. Denn irgendwie ist die ganze Bagage (nicht Baggage, das allerdings naturgemäß unter Reisenden auch vorkommt) verdächtig und ein ums andere Mal ruft der aufgeregte Signor Bianchi, Direktor der Schlafwagengesellschaft und guter Freund Poirots, aus: „Er/Sie war’s, ganz klar!“ Gut, dass Poirot ermittelt und nicht Bianchi. Die Auflösung am Ende hat mich zwar ein bisschen enttäuscht, aber der Weg dahin ist höchst vergnüglich anzusehen. Das liegt vor allem an Albert Finney, der seinen Poirot liebevoll gerissen und auch ein bisschen verschroben darstellt – eine Art belgischer Columbo, der auch immer nur noch eine letzte Frage hatte. Den Verdächtigen, obwohl rekrutiert aus den größten Stars ihrer Zeit (Lauren Bacall, Ingrid Bergman, Vanessa Redgrave, Sean Connery, Anthony Perkins, Michael York u.a.), bleibt da nur noch die Rolle als Stichwortgeber. Trotz Star-Ensemble ist „Mord im Orient Express“ eine One-Man-Show von Albert Finney. Dennoch ist der Film auch heute noch vergnüglich und unterhaltsam, auch wenn er mittlerweile etwas altbacken und aus der Zeit gefallen wirkt und stellenweise einen Hang zur Behäbigkeit aufweist.

Die Neuverfilmung werde ich mir übrigens nächste Woche reinziehen, und ihr werdet hier davon lesen.


7,0
von 10 Kürbissen

Satanstango (1994)

Regie: Béla Tarr
Original-Titel: Sátántangó
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Drama
IMDB-Link: Sátántangó


Susan Sontag meinte einst, dass ihr „Satanstango“ so sehr imponiere, dass sie ein Ritual daraus gemacht hätte, diesen einmal pro Jahr zu sehen. Nun muss man wissen, dass „Satanstango“ von Béla Tarr, die gleichnamige Verfilmung des Romans von László Krasznahorkai (der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat), eine Laufzeit von stattlichen 450 Minuten, also 7,5 Stunden, hat. Das allein wäre ja noch nicht so wirklich abschreckend – wenn man gut unterhalten wird, vergeht auch so eine Arbeitstaglänge recht schnell. Doch wenn man nun mitberücksichtigt, dass es sich bei dem Film um ein sehr düsteres, deprimierendes und handlungsarmes Schwarz-Weiß-Drama handelt, das bei einer Laufzeit von 7,5 Stunden mit nur 150 Schnitten auskommt, gerät man im Vorfeld ein bisschen ins Grübeln, ob man sich das tatsächlich antun möchte – und dann vielleicht sogar noch jedes Jahr. Und ja: „Satanstango“ in einem Durchlauf (mit Pinkelpausen) anzusehen, ist schwere Arbeit, und man ist danach gerädert und reif fürs Bett. Man fühlt sich ein bisschen wie von einer Planierraupe überfahren – und zwar jener in der denkwürdigen Szene in „Austin Powers“ (kann hier nachgeguckt werden). Dennoch. Wer sich darauf einlässt (und sich in der geeigneten physischen wie psychischen Verfassung für den Film befindet), macht eine Filmerfahrung wie noch keine jemals zuvor – das ist ein Versprechen. Irgendwann versinkt man in den Dauerregen, den Matsch, die bröckelnden Häuser, den Schimmel, die leeren Blicke der Dorfbewohner – die Tristesse wird hier zur Kunstform erhoben und die Schrauben drehen sich unerbittlich fester und fester – es gibt kein Entrinnen, weder für die Protagonisten, noch für die Zuseher. Der Inhalt ist im Grunde rasch erzählt: In einem fast verlassenen Dorf fristen die armen Dorfbewohner ihr kärgliches Dasein zwischen Alkoholexzessen und Misstrauen. Sie wollen alle weg aus diesem Dorf, gleichzeitig versuchen sie, sich gegenseitig aufs Ohr zu hauen. Die Ankündigung, dass der für tot geglaubte Irimiás mit seinem Freund Petrina ins Dorf kommen wird, versetzt sie in Aufregung. Irimiás scheint für sie ein Ausweg zu sein. Doch er ist ein falscher Prophet. Nicht nur, dass er als Polizeispitzel arbeitet, er bringt die Dorfbewohner auch noch um ihr Geld und später um ihre Träume, die sich zwischen Nebel und Regen langsam auflösen. Könnte man diese Geschichte kürzer erzählen? Natürlich! Und doch hat man am Ende das Gefühl, dass jede dieser gerade gesehenen 450 Minuten notwendig war – denn erst dadurch begreift man die Trostlosigkeit der Dorfbewohner in ihrem ganzen Ausmaß. „Satanstango“ entwickelt dabei einen überwältigenden Sog und stellt sämtliche Sehgewohnheiten auf den Kopf, wenn beispielsweise die Kamera noch minutenlang in einem leeren Raum verbleibt, während man nur noch hört, wie draußen die Türen geschlossen werden und die Schritte langsam verhallen. Jeder Moment wird ausgekostet bis zum Gehtnichtmehr und entwickelt darin eine seltsame Schönheit. Und auch auf die Menschen entwickelt man dank der minutenlangen Einstellungen einen völlig neuen Blick. Man erkennt sie in ihrer Ganzheit – ihre Träume und Sehnsüchte genauso wie ihre Fehler und Abgründe. Sie müssen dabei gar nicht viel sagen. Es reicht, wenn die Kamera auf ihre Gesichter hält, in denen sich alles abspielt, was man wissen muss. Ein Film wie kein Zweiter – allerdings auch kein Film, den man sich mal so nebenbei ansehen kann. „Satanstango“ verlangt einem alles ab.


9,5
von 10 Kürbissen

Licht (2017)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Licht
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Licht


Daran, dass es um die österreichische Filmlandschaft derzeit so gut bestellt ist, hat Barbara Albert einen wesentlichen Anteil, wird doch ihr Film „Nordrand“ aus dem Jahr 1999 gerne als Initialzündung für die neue Ära des österreichischen Films gesehen. Was sich seither als Konsens etabliert hat: Wir sind als Filmnation irrsinnig gut darin, bittere Sozialdramen und schwarzhumorige bis zynische Komödien zu drehen, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Was erstaunlich selten vorkommt (angesichts der üppigen Historie, aus der man sich bedienen könnte), sind Kostümfilme. „Amour Fou“ von Jessica Hausner fällt mir da spontan ein, aber dann ist auch schon so ziemlich aufgeräumt. „Licht“ von Barbara Albert stößt nun in diese Lücke – und wie! Denn zum Einen ist die Geschichte der blinden Pianistin Maria Theresia von Paradis und ihrer Begegnung mit dem „Wunderheiler“ Franz Anton Mesmer ein exzellent recherchiertes und in Tonfall und Ausstattung sehr authentisch wirkendes Historiendrama par excellence, zum Anderen aber hat der Film einen sehr eigenen, individuellen Rhythmus, der ihn von vergleichbaren Filmen deutlich abhebt. Auch bietet der Film selbst keine Antworten auf die Fragen, die er aufwirft – nach Selbstbestimmung, Bestimmung, Talent vs. Lebensglück – das heißt, dass der Zuseher gefordert ist, sich seine eigenen Antworten zu basteln. Vor allem lebt „Licht“ aber von seiner herausragenden Hauptdarstellerin. Maria Dragus als blindes Musik-Genie, die hin- und hergerissen ist zwischen ihren dominanten Eltern, die große Pläne für sie haben, und der freundschaftlichen Zuneigung Mesmers, der ihr ein besseres Leben verspricht, ist grandios. Wenn sie ihre Augen aufreißt und diese wie große Murmeln in den Augäpfeln kullern auf der Suche nach der Lichtquelle, die sie vage wahrnehmen, dann ist das eine physische Art des Schauspiels, wie ich sie bisher kaum, vielleicht noch nie, gesehen habe. Auch der Rest des Casts weiß zu überzeugen, v.a. Maresi Riegner als Kammerzofe Agnes, aber es ist Maria Dragus, die diesen Film bestimmt, die Herz und Seele und Körper von „Licht“ in sich vereint, und die die steife aristokratische Etikette immer wieder mit Wärme und Emotionen durchbricht. Was mir ebenfalls aufgefallen ist: In kaum einem anderen Film wird der Gehörsinn so sehr bedient wie in „Licht“. Die Geräuschkulisse ist sehr spärlich, aber extrem gut akzentuiert eingesetzt, und das Publikum nimmt, gleich der sehbehinderten Hauptfigur, die Geräusche fast überdeutlich wahr. Das als Beispiel für die vielen kleinen Details, die der Film auf besondere Weise berücksichtigt, und die diesen herausheben aus der Menge. Fazit: Ab ins Kino, solange der noch läuft!


8,0
von 10 Kürbissen