Eddie the Eagle – Alles ist möglich (2016)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Eddie the Eagle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Biopic, Sportfilm
IMDB-Link: Eddie the Eagle


Ich gebe zu: Ich habe ein Herz für Außenseiter-Geschichten über Menschen, die es vielleicht nicht ganz an die Spitze schaffen, aber mit Mut und Willensstärke der Welt beweisen, wie viel Größe in uns steckt, wenn wir an uns glauben. Ich liebe diese Momente des Triumphes und der Anerkennung. Und auch wenn ich kein leidenschaftlicher Skisprung-Fan bin, so verfolge ich diesen Sport doch schon seit meiner Kindheit mit Interesse und habe auch eine gewisse Ahnung davon. So gesehen war es klar, dass ich irgendwann „Eddie the Eagle“ sehen muss, die Biographie von Michael „Eddie“ Edwards, der 1988 Skisprung-Geschichte geschrieben hat als erster britischer Skispringer bei Olympia. Auch wenn ich mich selbst nicht mehr an Eddie the Eagle und seine legendären, viel umjubelten Sprünge erinnern kann, so ist mir seine Geschichte dennoch ein Begriff. Auf Youtube finden sich glücklicherweise einige Videos mit den besten Momenten in Eddies Karriere. Und was war das für eine faszinierende Persönlichkeit! Man muss sich das einmal vorstellen: Inmitten all der mageren, durchtrainierten Skisprung-Stars, die schon seit Kindesalter an diesen Sport leben, taucht ein leicht untersetzter Brite mit Brillengläsern so dick wie Aquarienbecken auf, der gerade einmal vor kurzem mit dem Sport begonnen hat, da er darin eine Chance gesehen hat, seinen Traum von den Olympischen Spielen zu verwirklichen – da es sonst innerhalb Großbritanniens keine Konkurrenz gab. Und dieser Mann nimmt sein Herz (und seine Cojones) in die Hand und schmeißt sich vom Bakken hinunter in dem Wissen, dass ihn der kleinste Fehler (und er ist weit davon entfernt, fehlerfrei springen zu können) ins Krankenhaus bringen wird. Herz, was willst du mehr? „Eddie the Eagle – Alles ist möglich“ zeichnet nun mit den klassischen (und überraschungsfreien) Mitteln eines Biopics diese unglaubliche Geschichte nach. Dass der Film trotz der guten Ausgangslage, den er bei mir hatte, bei mir dennoch nicht gezündet hat, ist einfach erklärt: Zum Einen ist die Geschichte zu frei interpretiert. Ja, man muss bei Verfilmungen biographischer Ereignisse immer zu dramaturgischen Kniffen greifen, um das Publikum nicht mit Redundanzen und Leerstellen, die ein Leben eben auch beinhaltet, zu langweilen und die Realität in das Spielfilmformat hineinzuschneiden. Aber wenn nur etwa 5% des Gezeigten mit der Realität übereinstimmen (dies eine Aussage von Eddie Edwards, nachdem er den Film gesehen hat), kann man nicht mehr von kleinen dramaturgischen Anpassungen sprechen, sondern schlicht einer Verfälschung der Ereignisse. Kann man ja machen, nur sollte man das dann nicht mehr als die wahre Geschichte von Eddie the Eagle vermarkten. Ein zweiter Faktor ist die Schauspielleistung. Taron Egerton bemüht sich sehr, diesen schrägen Typen Eddie the Eagle zu verkörpern, verzerrt ihn aber bis zur Karikatur. Und Hugh Jackman spielt routiniert und gelangweilt und fügt dem Film so keinen echten Mehrwert hinzu. (Davon abgesehen ist gerade seine rein fiktive Figur das für mich Problematischste an der Geschichtsverzerrung, denn plötzlich werden die Erfolge, die eine historische Person gefeiert hat, einem fiktiven Charakter mit zugeschrieben.) Natürlich kann man sich „Eddie the Eagle“ dennoch gut ansehen – es ist ein routiniert gemachtes Wohlfühlkino für einen entspannten Sonntagabend. Und das Ende sorgte bei mir für eine Gänsehaut – was eben auch daran liegt, dass ich ein Faible für diese Außenseiter wie Eddie the Eagle habe. Ein richtig guter Film ist das aber nicht geworden.

Übrigens scheint Calgary 1988 ein guter Nährboden gewesen zu sein für spektakuläre Außenseiter-Geschichten. „Das geht über eure Vorstellungskraft: Jamaica hat ’ne Bob-Mannschaft!“ Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieser Film ist als Reiseetappe # 40 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,0
von 10 Kürbissen

Something Useful (2017)

Regie: Pelin Esmer
Original-Titel: İşe Yarar Bir Şey
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: İşe Yarar Bir Şey


Regisseurin Pelin Esmer meinte einmal über ihre Filme, sie würde diese nicht in Prosa drehen, sondern in Poesie. Nachdem ich „Something Useful“ gesehen habe, glaube ich zu wissen, was sie damit meint. Denn vorrangig ist „Something Useful“ ein ästhetischer, aber dennoch konzentrierter Film. Die gleichen Merkmale weist auch ein gutes Gedicht aus: Ästhetik und Fokus. Erzählt wird die Geschichte einer Zufallsbekanntschaft während einer langen Bahnfahrt. Die Dichterin Leyla ist auf dem Weg zu einem Klassentreffen, dem ersten, an dem sie überhaupt teilnimmt. Im Zug lernt sie die junge Krankenschwester Canan kennen, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Zunächst muss sie aber einen pikanten Auftrag erfüllen, denn ein Bekannter hat sie gebeten, Sterbehilfe bei seinem besten Freund zu leisten, nachdem er selbst an dieser Aufgabe gescheitert ist. Und so soll Canan dem vom Hals abwärts gelähmten Yavuz die tödliche Spritze setzen. Das junge Mädchen, das zwischen Pflichtgefühl, Mitleid und Angst hin- und hergerissen ist, vertraut sich Leyla an, und die entschließt sich, Canan zu begleiten. Die Begegnung der beiden Frauen mit dem gelähmten Sterbenswilligen bietet einige der besten Dialogmomente auf, die ich in diesem Jahr bislang genießen durfte. Auch das Davor, die Reise der beiden Frauen, ist größtenteils interessant und immer wieder von Metaphern begleitet – seien es Spiegelungen, wenn Leyla aus dem Zugfenster nach draußen blickt und dabei sich selbst sieht, oder Graffitis von Raben, den Todesvögeln, die scheinbar in jedem Bahnhof auftauchen. Zwar braucht die Geschichte ein wenig Zeit, um in Fahrt zu kommen, aber allein schon das wundervolle Ende entschädigt für die gelegentlichen Längen davor. Auch schauspielerisch gibt es nichts zu bemäkeln. „Something Useful“, mein vierter und letzter Film des diesjährigen LET’S CEE Film Festivals, ist ein langsamer, und ja: poetischer Film, für den man ein wenig Geduld mitbringen sollte, die hier aber gut investiert ist.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

Ederlezi Rising (2018)

Regie: Lazar Bodroža
Original-Titel: Ederlezi Rising
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Erotik, Liebesfilm
IMDB-Link: Ederlezi Rising


Science Fiction und ich. Das funktioniert. Blade Runner. Her. Ex Machina. 2001 – A Space Odyssee. Alles wunderbare Filme, die ich sehr liebe. Eigentlich sollte also ein serbisches Mashup dieser Filme, das trotz des geringen Budget große Ambitionen aufweist und sich kräftig in diese Richtungen verbeugt, ganz nach meinem Gusto sein. Es bleibt leider beim Konjunktiv. Denn Lazar Bodrožas Sci-Fi-Fiebertraum krankt nicht nur an der Umsetzung wie beispielsweise einem sehr hölzernen Schauspiel und dem Budget geschuldeten Weltraumpixeleien, sondern vor allem am Inhalt. Dabei wäre die Synopsis gar vielversprechend gewesen: Einsamer Astronaut auf einer Mission wird von einem weiblichen Cyborg begleitet, und allmählich entwickeln sich zwischen dem Mensch und dem künstlichen Wesen echte Gefühle. Dass der gut aussehende Cyborg (Pornodarstellerin Stoya in ihrem ersten Nicht-Porno, wobei: das ist Ansichtssache, dazu komme ich gleich noch mal) zunächst mal frei programmierbar ist – von unterwürfig bis aufmüpfig je nach Stimmungslage des grummelig-graumelierten Grenzgängers – ist wohl ein feuchter Bubentraum, mit dessen Verwirklichung sich der Regisseur selbst beschenkt hat. In weiterer Folge dreht der fadisierte Don Juan aber die Sicherheitsregler nach unten, weil irgendwie ist so eine überraschungsfreie Beziehung auf Knopfdruck doch nicht das Wahre. Und damit beginnen die Probleme erst. Lass der Frau ihren Willen, und du bist im Arsch. Das könnte eine Message des Regisseurs sein, so könnte man seinen Film auslegen. Und damit sind wir beim inhaltlichen Problem Nummer 1. Ein besonders ausgewogenes Geschlechterbild zeichnet der Film nicht – im Gegenteil. Problem Nummer 2: Der Regisseur dachte sich wohl: „Hurra, wir haben einen Pornostar am Set, das nutzen wir doch gleich mal aus!“ Ja, okay, Cyborgs ist auch im Weltall nicht kalt, das kann ich ja verstehen, aber muss die Dame trotzdem fast die ganze Zeit über nackig herumlaufen, auch wenn sie noch so gut aussieht? Für die Story ist es nämlich wurscht. So entsteht der Eindruck, als hätten die Macher einfach die Gunst der Stunde genutzt, dass ihre Hauptdarstellerin ohnehin textilfreies Werken gewöhnt ist. Natürlich kann man das Ganze auch völlig konträr sehen – vielleicht ist „Elderlezi Rising“ ein feministisches Meisterwerk und ein satirischer Kommentar auf männlichen Macho-Kult. Vielleicht. Ich weiß es halt nicht. Und damit hat der Film – bei mir jedenfalls – seine Intention verfehlt, wenn sie denn so gedacht war, und nur der unangenehme Nachgeschmack bleibt zurück. Schade drum.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 23 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

November (2017)

Regie: Rainer Sarnet
Original-Titel: November
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: November


Der estnische Film „November“ eröffnete das LET’S CEE Film Festival 2018. Und so vielfältig wie die zentral- und osteuropäischen Filme eben so sind, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, so viele Ebenen und Schichten hat auch „November“ selbst, der sich einer klaren Genre-Zuordnung verweigert. Am ehesten könnte man den Film als groteskes Märchen bezeichnen. Hier geben sich fröhlich Hexen, Geister, Formwandler,  die personifizierte Pest, mythische estnische Wesen, die aus Haushaltsgegenständen gebaut werden (sogenannte Kratts) sowie Luzifer persönlich ein Stelldichein. Vorrangig geht es in dieser Geschichte um die junge Liina, die in Hans verliebt ist, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, da er sich in die schöne Gräfin verschaut hat, die wiederum im Stand meilenweit über dem Rest der Dorfbewohner steht (und manchmal auch im wortwörtlichen Sinne über ihnen, da sie die Angewohnheit hat, auf dem Dach des Gutshofes schlafzuwandeln). Soweit, so klassisch. Allerdings folgt der Film nur selten konventionellen Märchenpfaden. Immer wieder driften die Situationen ins Absurde ab, selten macht etwas wirklich Sinn, und eine klassische Storyentwicklung sucht man die meiste Zeit über auch vergeblich. Das alles klingt jetzt erst einmal nicht so erbaulich. Jetzt kommt mein großes „Aber“. Aber: Der Film ist trotz aller Rätselhaftigkeit (oder vielleicht auch gerade deswegen) unglaublich interessant und spektakulär anzusehen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder – die Schattenspiele im Wald, der Nebel, der den verlassen wirkenden Gutshof umhüllt – sind atemberaubend schön. Und der Inhalt selbst, diese Verbindung von estnischer Folklore und Märchen, verschließt sich vielleicht gängigen Interpretationsmustern, wirkt aber nie inkohärent oder chaotisch. Im Gegenteil: Man folgt einer Geschichte, die nach einem ganz klar umrissenen Plan abläuft, den man nicht versteht. Dennoch fühlt man sich als Zuseher gut durch die Geschichte geleitet. Man möchte nicht allein sein im finsteren Wald, wenn Luzifer herbeigerufen wird, aber in den Händen des Regisseurs geht man auch dieses Abenteuer gerne mit. Heißt es nicht am Ende immer: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage …“? Wie so ziemlich alles in diesem Film kommt man mit gängiger Logik allerdings nicht allzu weit. Das muss man natürlich erst einmal mögen – aber falls man sich auf solche cineastischen Wagnisse einlassen und alle Erwartungshaltungen und Schablonen mal beiseite lassen kann und den Film stattdessen als sinnliches Erlebnis wahrnimmt, bietet „November“ eine Erfahrung, die man nicht missen möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 10 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Miracle (2017)

Regie: Egle Vertelyte
Original-Titel: Stebuklas
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Stebuklas


Dieser Tage läuft in Wien das LET’S CEE Film Festival, das seinen Schwerpunkt auf zentral- und osteuropäische Filme legt. Gemeinsam mit fünf weiteren Cineasten fand ich mich also am Sonntagnachmittag im Kino meines Vertrauens ein, um den litauischen Film „Stebuklas“ zu sehen. Dieser erzählt die Geschichte von Irena, Besitzerin einer Schweinefarm, die 1992, kurz nach dem Ende des Kommunismus, vor dem Bankrott steht. Da kommt der aus den USA nach Hause zurückgekehrte Bernardas mit seinen Dollars gerade recht. Der kauft Irena und ihren Teilhabern/Mitarbeitern kurzerhand die Farm ab. Der Grund, den er anführt: Auf dem Grundstück, wo sich nun die Farm befindet, war früher das Haus seiner Eltern, und er wolle den Betrieb in Gedenken an seine verstorbenen Eltern weiterführen. Doch natürlich ist nichts so, wie es scheint – der Mann hat ganz Anderes im Sinn, wie Irena, die sich ihm auch auf zwischenmenschlicher Ebene allmählich ein wenig annähert, schon bald feststellen muss. Beim Ansehen von „Stebuklas“ fielen mir zwei andere Filme ein, die in Teilaspekten deutliche Parallelen zu Egle Vertelytes Film aufweisen: „Satanstango“ von Bela Tarr und „The Treasure“ von Corneliu Porumboiu. In Ersterem ist die Parallele, das ein armes Landvolk sich von der Aussicht auf Erlösung in Form eines Fremden, der ins Dorf kommt, blenden lässt und diesem allzu bereitwillig folgt. Zweiterer ist inhaltlich nah dran an „Stebulkas“. Alle drei Filme, so unterschiedlich sie auch sind, vereint, dass sie die Nöte von Osteuropäern in prekären wirtschaftlichen Lagen sichtbar machen und auf ihre Weise einen Kommentar zu den Verheißungen des Kapitalismus abgeben, die sich letztlich für diese Menschen nicht erfüllt haben. In „Stebulkas“ erfolgt dies zuweilen mit den Mitteln der Komödie. Auch wenn ich den Film nicht als rasend komisch beschreiben würde, so finden sich zwischendurch doch immer wieder Szenen, die zum Schmunzeln anregen. Diese stehen allerdings neben sehr zynischen Szenen, die die Stimmung doch eher gedämpft halten. An sich wäre der Film eine solide Sache, in den Charakterzeichnungen vielleicht ein wenig arg übertrieben (und für eine Satire doch wieder nicht genug), aber trotzdem recht sehenswert, wäre da nicht das Ende. Ich weiß, dass in Litauen die Religion eine große Rolle spielt, und das Wunder kommt schließlich auch im Titel vor, aber, ganz ehrlich, am Ende torpediert der Film seine eigene sozialkritische Position und fährt die Geschichte mit einem fürchterlichen Erlösungs-Twist an die Wand. Nicht nur, dass in meinen Augen dieses Ende völlig unnötig ist – es wertet auch noch die bis dahin starke Hauptprotagonistin ab. Dafür gibt es Abzüge in der B-Note. Dass der Film trotzdem nicht mehr Zuseher gefunden hat und von sechs Zusehern am Ende zum Q&A mit einem der Darsteller nur noch zwei da waren (eine Litauerin mit Heimweh und der Kürbis eures Vertrauens), hat er dennoch nicht verdient. Also, Leute, rafft euch auf und seht euch die Filme des LET’S CEE-Festivals an!


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

Serena (2014)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Serena
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Serena


„Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“ George Pemberton (Bradley Cooper) hätte wohl seinen Schiller lesen sollen, ehe er Serena Shaw (Jennifer Lawrence) beim ersten Kennenlernen einen Heiratsantrag macht. Aber weil sie ja so hübsche Reh-Äuglein hat und auf Holz steht (George hat sein eigenes Holzfäller-Unternehmen), wird ganz einfach geheiratet und gefühlt zwei Minuten, nachdem der Filmtitel über den Bildschirm geflimmert ist, richten sich es die beiden schon als frisch angetrautes Ehepaar im Wald von North Carolina ein. Das dürfte einen Rekord bedeuten. Aber nach und nach stellt man gegenseitig fest, dass unüberlegte Entscheidungen zwar zu ganz witzigen Ergebnissen führen können, aber wenn man sein ganzes Leben danach ausrichtet, wäre ein bisschen Köpfchen davor ratsam gewesen. Vielleicht hätte sich George dann überlegen können, dass er sich besser um seinen unehelichen Sohn kümmern sollte, den er seiner Mitarbeiterin angedreht hat. Und Serena wiederum hätte zunächst einmal in ein paar Psychotherapiestunden den Feuertod ihrer ganzen Familie und den ungesunden Umgang mit Eifersucht aufarbeiten sollen. Und beide gemeinsam hätten erst einmal durchdenken können, ob die Aussicht auf die Abholzung des brasilianischen Regenwalds tatsächlich so verlockend ist, dass man dafür krumme Dinger dreht und es sich mit den besten Mitarbeitern, Freunden und Teilhabern verscherzt. Hätte hätte Fahrradkette. Jedenfalls haben die beiden nun einen ganzen Blumenstrauß von Problemen, mit der sie ihre frische Ehe dekorieren können. Mit ihren Mitarbeitern, mit dem Gesetz und miteinander. Ansonsten wäre es ja auch recht fad in den Smoky Mountains. Wenn man dort nicht gerade zufällig auf eine Klapperschlange latscht, erlebt man keine Abenteuer, die man nicht selbst mitgebracht hat. Leider wird aber die an sich nicht uninteressante Geschichte unterlaufen durch ihre sehr inkohärenten Hauptfiguren, die zudem von Minute zu Minute unsympathischer werden. Cooper und Lawrence bemühen sich nach Kräften, aber manchmal ist das Drehbuch einfach chaotisch und klischeebeladen, und dagegen kommen auch eine Oscar-Preisträgerin und ein mehrfach Oscar-Nominierter nicht an. (Wobei wir, liebe Academy, über die Nominierung Coopers für „American Sniper“ eh noch mal reden müssen.) Die Liebesgeschichte bleibt eine in ästhetische Bilder verpackte Behauptung, die Wendung zum Krimi hin ist nur kurz konsequent, bleibt aber prinzipiell folgenlos, und die Thriller-Elemente sind einfach nur simpel und können nicht mitreißen. Wir brauchen noch einen Bösewicht? Nehmen wir doch einfach den finster blickenden, schweigsamen Holzfäller. Nicht, dass der irgendeine Motivation für sein Handeln hätte, aber sein Bart wirkt so grimmig. Fazit: Ein schön gefilmtes Nichts. Eh irgendwie ganz nett anzusehen, aber fragt mich in ein paar Monaten noch mal, worum es geht in diesem Film. Heißt: Nein, fragt mich lieber nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Das Mädchen aus dem Norden (2016)

Regie: Amanda Kernell
Original-Titel: Sameblod
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Sameblod


Seit einer Woche hat das Filmcasino in Wien nach der Übernahme des Filmhauses am Spittelberg einen neuen Ableger. Gemütliche Atmosphäre, sympathische Mitarbeiter, die mit allem noch ein bisschen überfordert sind (wird schon noch) und auf der Playlist der angeschlossenen Bar Joy Division, The Breeders und Fugazi. Feels like home. Mein Einstand war nun „Sameblod“ aus Schweden. Wir wissen ja seit Hans Huber: Die Schweeeeeeden sind ein ganz harter Brocken! Trifft das nun auch auf Amanda Kernells ersten Langfilm zu? Ein Schwergewicht ist „Sameblod“ jedenfalls, was Filmpreise und Auszeichnungen betrifft. Venedig, Tokyo, Göteborg, Thessaloniki, Seattle – das ist nur ein Auszug der Festivals, die den Film mit einem oder mehreren Preisen ausgezeichnet haben. Und nach Sichtung des Films kann ich sagen: Das ist absolut nachvollziehbar. Denn „Sameblod“ ist ein gut gemachtes, vor allem exzellent gespieltes Drama, das sich mit der Geschichte der Samen, der Indigenen des Nordens Europas, auseinandersetzt und die Unterdrückung und den Rassismus, der ihnen u.a. in Schweden lange Zeit widerfahren ist, ohne Übertreibungen und Dramatisierungen sichtbar macht. Die großartige Newcomerin Lene Cecilia Sparrok spielt das Samenmädchen Elle-Marja, das nicht länger seinem Volk angehören möchte und davon träumt, in die Stadt zu gehen. Widerstand stößt es dabei auf allen Seiten: Das Unverständnis der Mutter, der Rassismus der Schweden, die Überheblichkeit ihrer Lehrerin, das Zerwürfnis mit der Schwester. Dennoch geht sie mutig ihren Weg, nabelt sich dabei von ihrer Kultur ab auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch kann man das alte Leben und die Kultur, in der man aufgewachsen ist, sogar den Namen so einfach abstreifen? Amanda Kernell gibt dazu kein klares Statement ab. Auch am Ende, wenn sich der Kreis schließt und die alte Elle-Marja (Maj-Doris Rimpi mit einer unfassbar physischen Präsenz), die nach ihrem Fortgang den Rest ihres Lebens nur noch als Christina bekannt war, zur Beerdigung ihrer Schwester ins Land der Samen zurückreist, gibt es keine klaren Antworten, nur die Verwundungen eines Lebens, die sich in den Augen spiegeln. Was vielleicht ein wenig zu kurz kommt, ist die historische Anmutung. Der Hauptteil der Handlung spielt in den 30er Jahren, und davon ist nicht viel zu spüren. Auch auf das Leben der Samen wird nicht wirklich eingegangen, hier fehlt vielleicht das eine oder andere kleine Puzzleteil zu einem noch besseren Verständnis des Films, aber dennoch ist „Sameblod“ sehr eindringlich und gut gemacht. Ein würdiger Auftakt für das neue Filmhaus am Spittelberg.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Crime and Punishment (1983)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Rikos ja Rangaistus
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Rikos ja Rangaistus


Sich als Debütfilm die Verfilmung des bekanntesten Dostojewski-Wälzers „Schuld und Sühne“ vorzunehmen, erfordert schon eine gewisse Selbstsicherheit. Kaurismäki scheint diese jedenfalls zu haben. Schon sein erster Langfilm weist die für Kaurismäki typische Lakonie auf. Raskolnikow, der Russe, wird in der modernen Adaption zum Finnen Rahikainen, die Pfandleiherin, in der Raskolnikow die „Laus“ sieht, die man beseitigen darf, zum Industriellen Honkanen, die Motive verlagern sich ein wenig von der Rechtfertigung eines Mordes aus „Übermenschen-Sicht“ zu persönlicheren Hintergründen, die zufällig hinzugestoßene Augenzeugin (im Roman die Schwester des Mordopfers, im Film die Mitarbeiterin eines Catering-Service) wird bei Kaurismäki verschont – die Interpretation des Romans ist sehr frei, was Kaurismäki erlaubt, seinen eigenen, ganz persönlichen Blick auf die Frage nach Moral, Verbrechen und Strafe zu werfen. Wie auch Dostojewskis Raskolnikow plagt den „zufälligen“ Mörder Rahikainen (sehr eindringlich gespielt von Markku Toikka) bald schon das Gewissen. So kaltblütig wie in der Theorie ist der Mensch nun doch nicht. Und auch das Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern rückt immer mehr in das Zentrum der Handlung. Dabei bleibt Kaurismäkis Blick aber – wie für ihn üblich – distanziert. Was im Gegensatz zu seinen späteren Werken noch fehlt, ist der für ihn typische lakonische Humor. Allein der grandiose Matti Pellonpää in einer Nebenrolle sorgt für gelegentliche Auflockerung. Ansonsten ist „Crime and Punishment“ eine sehr ernsthafte Angelegenheit, die stellenweise auch etwas mühsam wird mit ihrem langsamen Tempo und der Distanz, die sich zwischen Protagonisten und Zusehern aufbaut. Es ist eben doch nicht so einfach, eines der psychologisch ausgefeiltesten Werke der Literaturgeschichte auf 1,5 Stunden Filmrolle zu packen. Aber allein schon für das mutige Unterfangen, den respektvollen, aber sehr eigenen und selbstsicheren Umgang mit dem Stoff und der Tatsache, dass Kaurismäki daran zumindest nicht gescheitert ist, gebührt dem Mann Applaus.


6,0
von 10 Kürbissen

Ready Player One (2018)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: Ready Player One
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Abenteuerfilm, Action, Science Fiction, Fantasy
IMDB-Link: Ready Player One


Natürlich, ich war in meiner wilden Jugend auch voll der Zocker. Stunden habe ich darüber gegrübelt, ob ich den Ticketpreis für einen Zweite-Klasse-Flug von Bogotá nach Miami um 10% erhöhen sollte, oder ob ich mir damit die gute Auslastung meiner Boeing 737 versaue. Und kann ich es riskieren, die alte Embraer noch 10.000 Meilen länger in der Luft zu lassen, ehe ich sie ersetze, oder fällt mir das Ding vom Himmel? Ich bin also mit der Welt der Computerspiele gut vertraut. Jedenfalls mit der Wirtschaftssimulation Airlines. Und mit Fußballmanagern. Anstoß 3 – bäm, Oida! Kein allzu großer Spoiler: Weder Airlines noch Anstoß kommen in „Ready Player One“ von Steven Spielberg vor. Aber wer mit den beliebtesten Spielen der 80er und 90er aufgewachsen ist, wird mit diesem knallbunten Ding voller Popkultur-Referenzen seine Freude haben. Irgendwie ist es ja der feuchte Fiebertraum eines jeden Gamers, selbst in ein Spiel einsteigen zu können. Und das kann Wade Watts (Tye Sheridan), dem es so geht wie allen, die im Jahr 2045 in Columbus, Ohio leben: Die Realität ist irgendwie scheiße. Lieber tummelt sich das Volk in der virtuellen OASIS, denn dort kann man sein, wer und wie man will. Erschaffen hat diese Welt der geniale Ober-Nerd James Halliday (Mark Rylance, herrlich verpeilt). Und der hat, bevor er den Joystick für immer abgegeben hat, noch etwas hinterlassen in der OASIS: Drei gut versteckte und unlösbar schwer erscheinende Prüfungen. Und wer sie besteht, bekommt das hinterlassene Vermögen und die alleinige Herrschaft über die OASIS. Das klingt natürlich so verlockend, dass sich nicht nur enthusiastische Jugendliche, sondern auch gar finstere kapitalistische Mächte ans Werk machen, diese Prüfungen zu bestehen. Sehr zu meinem persönlichen Gaudium verbeugt sich Spielberg dabei auch einmal vor seinem alten Freund und Weggefährten Stanley Kubrick in einer der lustigsten Szenen des Films – eine der wenigen Anspielungen, die ich auch uneingeschränkt verstanden habe. Doch ist der Film auch genießbar, wenn man nicht mit leuchtenden Augen und alle drei Sekunden mit einem „Oh Gott, DAS haben sie auch noch eingebaut!“ in höhere Nerd-Himmelsphären aufsteigt? Die Antwort darauf lautet: Ja, auf jeden Fall. Zwar ist die Story selbst eine arg dünne Suppe (v.a. der arg vorhersehbare Showdown nervt), aber allein schon die Schauwerte des Films haben viel zu bieten. Die virtuelle OASIS sieht fantastisch aus und macht richtig Spaß. Weniger gelungen (weil in vielen Belangen auch unlogisch und nicht konsequent durchdacht) ist die reale Welt, aber, wie schon gesagt, die ist sowieso irgendwie scheiße. Da ist es nur konsequent, wenn auch das Publikum des Films damit unzufrieden ist. Voll meta, ey! Aber da der Großteil des Films ohnehin in der OASIS spielt, fällt das nur wenig ins Gewicht. Arg anspruchsvoll ist das alles natürlich nicht, aber für einen bunten Popcornkinoabend ist der Film genau das Richtige. Zu guter Letzt: Falls „Erebos“ von Ursula Poznanski nun doch einmal verfilmt werden sollte, setzt bitte die Macher von „Ready Player One“ darauf an, denn visuell haben es die wirklich drauf.


7,5
von 10 Kürbissen

Marie Antoinette (2006)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: Marie Antoinette
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Marie Antoinette


Led Zeppelin sangen 1971 die ikonischen ersten Textzeilen zu ihrem Opus magnum: „There’s a lady who’s sure / All that glitters is gold.“ Ob sie dabei auch an Marie Antoinette gedacht haben, ist nicht überliefert und wohl eher unwahrscheinlich. Dennoch lässt sich von dort leicht die Brücke zu Sofia Coppolas Biopic schlagen, denn dieser Song hätte durchaus auf dem offiziellen Soundtrack zu finden sein können. Immerhin sind New Order, Siouxsie and the Banshees, The Strokes und The Cure neben vielen Anderen dort vertreten. Wie passt nun Rockmusik mit dem Rokoko zusammen (außer, dass sie die erste Silbe miteinander teilen)? Grundsätzlich einmal erstaunlich gut. Auch wenn bei den Kostümen und der Ausstattung Wert auf Authentizität, oder sagen wir: Historizismus gelegt wurde, macht es gar nichts, wenn Bow Wow Wow diese historische Anmutung durchbrechen mit dem Ausruf „I want candy!“. In den besten Momenten akzentuiert die eingängige Pop- und Rockmusik die im Film unterstellte Oberflächlichkeit von Marie Antoinette (Kirsten Dunst). Dennoch hat man Mitleid mit dem Mädel. Denn ein einfaches Leben hat sie trotz allen Glitters nicht. Blutjung verheiratet von Wien nach Paris mit König Ludwig XVI. (Jason Schwartzman mit einer wundervoll lächerlichen Darstellung des überforderten Königs) soll sie einen Thronerben zeugen – was sich als recht schwierig herausstellt, wenn der männliche Part vor jeder Berührung zurückschreckt und die Königin morgens allein im Bett aufwacht. Heute würde man den Herrn vermutlich mit edler Reizwäsche und, wenn’s sein muss, pornographischem Bewegtbildmaterial nach persönlichem Gusto animieren, aber damals waren die Möglichkeiten halt begrenzt. Es erscheint unfair, dieses Dilemma allein der Königin anzulasten; nichtsdestotrotz geschieht das. Und so ist das Leben von Marie Antoinette am Hofe zwar ein luxuriöses, gleichzeitig aber auch sinnentleert und lieblos. Man hat Verständnis dafür, dass der Königin die Nöte der wahren Welt, die vor den Toren des Hofes kochen, verborgen bleiben. Ihr einziges Ziel ist die Einhaltung der höfischen Etikette und das Finden von ein klein bisschen Glück. Aber: Repräsentativ muss man sein und zeugungsfähig. Damit wäre das Jobprofil „Königin am französischen Hof“ ausreichend umrissen. Wie das Drama ausgeht, kennt man aus den Geschichtsbüchern, denn irgendwann hat das Volk halt genug von der Schere zwischen königlichem Luxus und bürgerlichem Elend. Nur schade, dass genau dieser Aspekt in Sofia Coppolas Film über weite Strecken gar nicht vorkommt und auch gegen Ende hin nur angedeutet wird. Stattdessen bleibt Coppola ganz in der glitzernden Scheinwelt der Königin; diese wird niemals durchbrochen. „And as we wind on down the road / Our shadows taller than our soul / There walks a lady we all know / Who shines white light and wants to show / How everything still turns to gold.“ Marie Antoinette wird damit in gewisser Weise ihre Unschuld zurückgegeben, sie ist ein Opfer ihrer eigenen Lebensumstände. Besonders interessant ist diese Ausrichtung auf das Zeremoniell, auf dieses Nicht-Leben für den Zuseher allerdings nicht. So weist der Film dann auch seine Längen auf. Trotz eines gut gelaunten Casts und eines Soundtracks, der gut ins Ohr geht. (Auch wenn Led Zeppelin fehlt.)


5,5
von 10 Kürbissen