Zama (2017)

Regie: Lucrecia Martel
Original-Titel: Zama
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Zama


Es ist nicht einfach, über „Zama“ zu schreiben, jenen Film, an dem Lucrecia Martel zehn Jahre lang gearbeitet hat und der schließlich von so ziemlich allen Spanisch sprachigen Filmschaffenden, die es derzeit gibt, mitproduziert wurde – sei es Pedro Almodóvar oder Diego Luna oder Gael García Bernal. Denn „Zama“ steht tatsächlich ein wenig außerhalb der üblichen cineastischen Erfahrungen. Die Titel gebende Hauptfigur Don Diego de Zama ist ein argentinischer Beamter der Spanischen Krone, der rund um das Jahr 1800 in einem Dorf an der Küste Südamerikas versumpft. Zuhause sind Frau und Kinder, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat, und so wartet er sehnsüchtig auf seine Versetzung, zumal ihn mit Ausnahme des Anblicks von Doña Luciana, der Ehefrau des Schatzmeisters, nichts mehr hier hält. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, vor allem in der tiefsten Provinz Südamerikas. „Zama“ ist ein sehr langsamer, fast zäher Film. Das Leiden von Diego de Zama wird auf den Zuseher übertragen. Die Zeit rinnt langsam wie zähflüssiger Honig vom Kalender. Jahreszeiten gibt es nicht – es ist immer heiß, es ist immer schwül, die Langeweile greift um sich. In gewisser Weise hat mich die Geschichte in der ersten Stunde an J.M. Coetzees Roman „Waiting for the Barbarians“ erinnert – man wartet und wartet und wartet, und nichts passiert. Die zweite Stunde bietet dann etwas mehr Handlung – und rätselhafte Bilder, die einen packen und noch länger beschäftigen. Die Grenzen zwischen Realität und dem Mystischen verschwimmen, das Leben wird zum Traum – einem jener, in dem man vor dem Übel weglaufen möchte, aber feststellt, dass man sich nicht von der Stelle bewegen kann, um im nächsten Moment festzustellen, dass man noch immer träumt. So kann man die Wirkung von „Zama“ wohl am besten beschreiben. Ein besonderer Ohrenschmaus ist zudem das Sounddesign. Selten habe ich einen Film gesehen, bei dem der Sound so maßgeblich die Atmosphäre bestimmt hat. Viele Details der Handlungen sieht man gar nicht, sondern nimmt sie als Hintergrundgeräusche wahr, was dazu beiträgt, dass der Film rätselhaft bleibt. Ich kann ihn dennoch nicht uneingeschränkt empfehlen, denn „Zama“ ist zwar ein unglaublich sinnliches Filmerlebnis, aber eines, für das man Zeit und Geduld braucht – und eines, auf das man sich mit allen Sinnen, aber weniger mit dem Verstand einlassen muss.

 


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)

The Wedding Party (2016)

Regie: Kemi Adetiba
Original-Titel: The Wedding Party
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Rom-Com
IMDB-Link: The Wedding Party


Hochzeiten bieten Gelegenheiten zu hysterischen Auszuckern. Wenn etwas schief geht am größten und bedeutendsten Tag des Lebens, kann man schon mal die Nerven wegschmeißen. Filmemacher auf der ganzen Welt wissen das natürlich und schlachten auf halblustige bis lustige Weise diesen Topos gerne in romantischen Komödien aus. So verwundert es kaum, dass ausgerechnet „The Wedding Party“ der finanziell erfolgreichste Film in Nigeria aller Zeiten wurde – bis er von „The Wedding Party 2“ abgelöst wurde. Jedem Land sein „Hinterholz 8“. Was ich persönlich spannend fand, war die Sicht auf Nigeria, ein Land, zu dem ich persönlich so gut wie keinen Bezug habe. Vor zwei Jahren habe ich mal einen nigerianischen Film gesehen, „Green-White-Green“, aber das war’s mit meinen Nigeria-Erfahrungen dann auch schon wieder. Die Geschichte in „The Wedding Party“ ist allerdings universell. Sie funktioniert mit Ausnahme von ein paar folkloristischen Details und der babylonischen Sprachverwirrung zwischen Englisch und Yoruba und dem damit einhergehenden Status-Unterschied der beiden Familien, die hier zusammenfinden, im Grunde überall gleichermaßen. Hysterische Braut, überforderter Bräutigam mit Vorgeschichte, zickige High Society-Mutter, nerviges und übertrieben mütterlich dargestelltes Land-Ei als zweite Mutter, zwei Väter, die zu schlichten versuchen – man kann nicht sagen, dass die Geschichte auch nur irgendwo mit Originalität glänzt oder auch nur ein Statement abgeben möchte. Die lustigen Szenen sind leider im besten Fall halblustig, und dafür, dass es sich um eine Komödie handeln soll, blieb mir das Schmunzeln leider immer knapp unterhalb des faden Auges hängen. Dazu kommt, dass ca. 99% der engagierten Schauspieler leider überhaupt nicht schauspielern können. Da werden dramatisch Augen aufgerissen, Hände in die Hüften gestemmt – jede Telenovela bietet dagegen Oscar-reifes Schauspiel. So ist „The Wedding Party“ leider ein recht verunglückter Film aus meiner Sicht. Ich freue mich, dass so viele Nigerianer ihren Spaß damit hatten – und wahrscheinlich spielt auch der kulturelle Unterschied da mit rein, sodass mir als europäischem Rezipient wohl viele Details, die ein Nigerianer saukomisch findet, aus Unwissenheit schlicht entgangen sind – aber empfehlenswert ist der Film leider nicht.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 7 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,0
von 10 Kürbissen

You Will Know What to Do With Me (2015)

Regie: Katina Medina Mora
Original-Titel: Sabrás Qué Hacer Conmigo
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Sabrás Qué Hacer Conmigo


Was ich an Netflix schätze: Man findet hier auch Filme, von deren Existenz man sonst niemals erfahren hätte. So bin ich auf den Film „You Will Know What to Do With Me“ von Katina Medina Mora gestoßen, die Verfilmung eines in Mexiko erfolgreichen Romans gestoßen. Die Geschichte ist sehr simpel: Mann trifft Frau, sie beginnen eine Beziehung. That’s it. Manchmal kann das Leben wirklich einfach sein. Aber natürlich ist schon mehr dahinter. Denn der Mann ist Epileptiker, was ihm durchaus psychisch an die Nieren geht – und das ist wiederum nicht unbedingt förderlich für eine beginnende Beziehung. Und die Frau ist verschlossen und emotional durcheinander, da ihre Mutter immer wieder mit Selbstmordversuchen ihre Aufmerksamkeit beansprucht, ohne dass da jemals so etwas wie Dankbarkeit und Wärme zurück käme. Im Laufe des Films beginnt man die Hintergründe zu verstehen, so wie sich die beiden auch besser kennenlernen und einander zu vertrauen beginnen. Schön ist die Struktur des Films. Zunächst wird aus seiner Perspektive das Kennenlernen und die erste Annäherung erzählt, dann die ganze Geschichte noch mal aus ihrer – und hier gibt es kleine, subtile Abweichungen zusätzlich zu dem besseren Hintergrundverständnis, das sich beim Zuseher aufbaut. Die Abweichungen verstehe ich als unterschiedliche Wahrnehmungen oder Erinnerungen. Ich sehe hier ein altes Paar vor mir, das bei einem Abendessen mit Freunden die Geschichte erzählt, wie sie sich kennengelernt haben – und wie sie sich dabei ständig unterbrechen, um winzige Details, die der jeweils Andere aus ihrer Sicht falsch memoriert hat, liebevoll zu korrigieren. Das dritte Kapitel des Films schließlich erzählt die nun gemeinsame Geschichte weiter. Das Tempo ist sehr langsam – es ist ein Film, der eine Alltagsgeschichte erzählt und dabei die kleinen und großen Dramen nicht cineastisch aufbauscht. Vielleicht muss man in der richtigen Stimmung für diese Art von Film sein, um ihn genießen zu können, und vielleicht ist es auch keiner, der ewig lang nachwirkt, aber für 1,5 Stunden hat man hier einen unspektakulären, aber ungeschönten und ehrlichen Blick auf den Beginn einer Beziehung. Lediglich das Ende hat mich etwas unentschlossen darüber, ob ich es nun mag oder nicht, zurückgelassen.


6,5
von 10 Kürbissen

Jonas (2015)

Regie: Lô Politi
Original-Titel: Jonas
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi
IMDB-Link: Jonas


Das kann ja mal passieren: Da erschießt man versehentlich den Lover der Angebeteten, der zufälligerweise noch der große Drogenboss in da Hood ist, betäubt und entführt daraufhin das Mädel und sperrt es in den Bauch eines großen Wals, der bei der Karnevalsprozession durch die Straßen gezogen werden soll. Business as usual halt. Dementsprechend souverän geht der junge Jonas mit der Situation auch um – inklusive Gaskocher und Installation einer provisorischen Dusche im Walbauch. Und da wir uns in der magischen Welt der Filme befinden, entflammt so einiges hier in diesem brasilianischen Liebesdrama, inklusive des Herzens der Angebeteten, Branca. Um die kleineren und größeren Schwierigkeiten zwischendurch zu meistern, wie etwa die lästige Drogenbande, die auf der Suche nach ihrem Chef ist, oder die Tatsache, dass landesweit nach dem Mädchen gefahndet wird, hat Jonas noch seinen jüngeren Halbbruder, der loyal jeden Scheiß mitmacht. Ich muss zugeben, dass diese Version von Jonas im Bauch des Wals inhaltlich durchaus reizvoll ist, und das Setting mit dem gefesselten Mädchen, das ausgerechnet aus Liebe entführt wurde, ohne es zu wissen, eine sinnliche Komponente hat, die mir gefällt. Auch die Kulisse selbst, das karge Innere des Wal-Modells, vermag zu überzeugen. Allerdings wird bei diesem gut gemeinten, von Machart und Inhalt her typischen Festival-Film, der mittlerweile auf Netflix gelandet ist, auf eines leider vergessen: die Motivation der Figuren. Die Handlungen dieser sind nicht wirklich nachvollziehbar, und mehr als einmal tauchte bei mir als Zuseher ein großes Warum auf der Stirn auf. Auch das Ende ist unbefriedigend – spektakulär zwar, aber irgendwie sinnlos. Da kann dann auch die dramatische Musik nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Jonas“ in den besten Momenten zwar auf der Ebene der Sinne einiges zu bieten hat, unterm Strich und vor allem am Schluss aber dann doch nur heiße Luft ist.


5,5
von 10 Kürbissen

Meru (2015)

Regie: Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi
Original-Titel: Meru
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Meru


Im Himalaya gibt es bekanntermaßen hohe Berge. Und immer wieder findet man dort Verrückte, die versuchen, da hinaufzukraxeln. Der Dokumentarfilm „Meru“ erzählt die Geschichte dreier Verrückter. Conrad Anker, Jimmy Chin und Renan Ozturk wollen etwas schaffen, was noch keinem gelungen ist: Die „Haifischflosse“ des 6.600 Meter hohen Meru über den Nordwestrand besteigen. Das heißt, dass die drei Wahnsinnigen über eine Woche oder länger eine fast senkrechte, babypopoglatte Wand hinaufhirschen inklusive Biwakierung in eben jener Wand. Das Zelt wird quasi in der Wand aufgehängt und man baumelt dann fröhlich über tausende Meter tiefe Abgründe. Ja, wer’s mag … Der erste Versuch endet nicht so fröhlich, denn knapp unterm Gipfel ist Schluss mit Proviant, Kräften und Möglichkeiten. Aber wie wir aus ähnlich gelagerten Filmen wissen: Das ist nicht das Ende der Geschichte. Und in der Zwischenzeit muss noch Dramatisches passieren, ehe sich die drei wagemutigen Freunde noch einmal an der Wand versuchen können. In Interviews (unter anderem mit Jon Krakauer) wird die Motivation der drei Freunde, sich dieser fast unmöglichen Herausforderung zu stellen, beleuchtet. Richtig gut ist der Film aber vor allem dann, wenn man hautnah am Geschehen dabei ist. Zu verdanken ist das Jimmy Chin, der den Aufstieg stets mitgefilmt hat. Und hier wird klar, welch übermenschlichen Anstrengungen hinter einer solchen Unternehmung stecken. Leider wird zwar immer wieder die Motivation der drei angeschnitten, aber nicht wirklich durchleuchtet. Zu sehr mag der Film seine drei Helden, und die Begründung für das Risiko, das sie eingehen, fällt vielleicht aus neutraler Sicht, wenn man da unten in der Tiefe des Wiener Beckens hockt, etwas zu lapidar aus. Aber verstehen kann man diese Typen vielleicht ohnehin nie.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 32 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Blues Brothers (1980)

Regie: John Landis
Original-Titel: The Blues Brothers
Erscheinungsjahr: 1980
Genre: Musikfilm, Komödie, Roadmovie
IMDB-Link: The Blues Brothers


Nein, man kann sie nicht beschreiben, die Blues Brothers. Man muss diesen wahnwitzigen, stoischen Irrsinn selbst gesehen haben. In diesem Meisterwerk und Kultfilm von John Landis machen sich Dan Aykroyd und John Belushi als Elwood und Jake Blues auf einer Mission im Auftrag des Herrn auf den Weg, die alte Band zusammenzutrommeln, nachdem Jake gerade aus dem Knast entlassen wurde. Die Mission: Genug Geld verdienen, um die Steuerschuld des Waisenhauses, in dem sie aufgewachsen sind, zu begleichen, sodass dieses fortbestehen kann. Dass die beiden es auf ihrem Weg mit dem Buchstaben des Gesetzes nicht so ganz genau nehmen, versteht sich von selbst. Unterwegs singen sie mit Aretha Franklin in einem Diner, zerstören ein Einkaufszentrum, legen sich mit einer Gruppe Nazis aus Illinois und mit Country-Musik-Fans an, werden von einer wütenden Verflossenen mit Sturmgewehr verfolgt (die selige Carrie Fisher) und am Ende von der ganzen Polizei des Staates. Und als wäre das nicht schon genug Wahnsinn, durchleben sie alle Abenteuer so stoisch, als würden sie an einem Freitagvormittag Milch einkaufen gehen. Genau darin liegt der Reiz der „Blues Brothers“. Die beiden Helden wider Willen sind vielleicht die coolsten Socken, die jemals auf Leinwand gebannt wurden. Passend dazu dieses legendäre Zitat:

Elwood: „It’s 106 miles to Chicago, we got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it’s dark … and we’re wearing sunglasses.“
Jake: „Hit it.“

Dazu kommen die vielen kleinen Gastauftritte berühmter Blues- und Soulmusiker wie eben Aretha Franklin, Ray Charles, James Brown oder John Lee Hooker, die den Irrsinn noch komplettieren. Und bei der rhythmischen, knochentrockenen Musik bleibt sowieso kein Tanzbein still – selbst die Polizei macht dann mal eine Pause, wenn die Blues Brothers den Ballsaal zum Kochen bringen.

„We’re so glad to see so many of you lovely people here tonight. And we would especially like to welcome all the representatives of Illinois’s law enforcement community that have chosen to join us here in the Palace Hotel Ballroom at this time. We certainly hope you all enjoy the show. And remember, people, that no matter who you are and what you do to live, thrive and survive, there’re still some things that makes us all the same. You. Me. Them. Everybody. Everybody.“

 


9,0
von 10 Kürbissen

Der Brotverdiener (2017)

Regie: Nora Twomey
Original-Titel: The Breadwinner
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Drama
IMDB-Link: The Breadwinner


Kabul, Afghanistan, zu Beginn des neuen Jahrtausends und kurz vor Nine-Eleven. Das Land ist in den Händen der Taliban, die mit Gesetzeswillkür und religiösem Fanatismus das Leben der Menschen zu einem Minenfeld machen. Eine falsche Aussage, einmal jemanden am falschen Fuß erwischt, und schon sitzt man unschuldig im Gefängnis. So ergeht es dem Vater der jungen Parvana, einem alten Kriegsveteranen, der im Krieg gegen die Sowjetunion ein Bein verloren hat. Übrig bleiben Parvana, ihre ältere Schwester, ihre Mutter und ihr jüngster Bruder, ein Kleinkind. Die Repressalien der Taliban haben dazu geführt, dass Frauen sich nicht allein auf der Straße blicken lassen dürfen und vom Alltag so gut wie ausgeschlossen sind. Was also tun? Der Versuch der Mutter, gemeinsam mit Parvana zum Gefängnis zu gehen um ihren Mann zu sehen, geht fürchterlich schief. Parvana sieht keine andere Möglichkeit, ihre Familie vor dem Verhungern zu retten, und schneidet sich die Haare ab. Als Junge kann sie zumindest zum Markt einkaufen gehen. Dort trifft sie bald auf ihre ehemalige Mitschülerin Shauzia, die ebenfalls als Junge verkleidet ums Überleben kämpft. Gemeinsam schlagen sich die beiden durch, um genug Geld zusammenzubekommen, dass Parvana versuchen kann, die Obrigen im Gefängnis zu bestechen und ihren Vater zu befreien. In diese ohnehin schon sehr eindringliche und aufwühlende Geschichte eingearbeitet ist eine zweite Geschichte, jene vom jungen Helden Sulayman, der das Saatgut zurückbringen möchte, das ein bösartiger Elefantengott aus seinem Dorf gestohlen hat. Mit dieser Geschichte versucht Parvana, ihren verängstigten kleinen Bruder zu trösten – doch es geht hier um viel mehr. Diese fantastische Geschichte ist auch so etwas wie ihr eigenes Mantra – und am Ende, wo sich in dramatischer Weise die Ereignisse überschlagen, finden Realität und Fiktion auf bedrückende Weise zueinander. Der für einen Oscar nominierte Animationsfilm „The Breadwinner“ geht unter die Haut. Allerdings ist der Film trotz allem nicht deprimierend, sondern weiß eine Botschaft der Hoffnung zu vermitteln, auch wenn man als Zuseher die Realität und die Ereignisse nach 2001 kennt. Dennoch zeigt der Film vor allem eines: Das Wichtigste im Leben ist es, sich die Menschlichkeit zu bewahren – und diese findet man überall, auch an den finstersten Orten.


8,0
von 10 Kürbissen

Hereditary – Das Vermächtnis (2018)

Regie: Ari Aster
Original-Titel: Hereditary
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror
IMDB-Link: Hereditary


Die in der Menschheitsgeschichte am meisten gestellte Frage ist wohl die nach dem Warum. Eine solche Frage stellte ich mir gestern auch wieder: Warum sitze ich Schisser allein im Kino in einem Horrorfilm, der noch dazu als besonders furchteinflößend beschrieben wird? Eine mögliche Antwort: Als Filmliebhaber sollte ich halt für alle Genres offen sein. Jedenfalls saßen ich und mein Popcorn (damit ich nicht ganz so allein war) hinter und neben und vor jungen Pärchen, die ihre Beziehung durch gemeinsame Grenzerfahrungen zu stärken versuchten. Das schien zu funktionieren. Auch meine Beziehung zum Popcorn wurde während der zwei Stunden von „Hereditary“ vertieft. Die Grundprämisse ist eine simple: Mutter (die überragende Toni Collette) von zwei Kindern samt stoischem Ehegatten (Gabriel Byrne, schön, ihn wieder mal gesehen zu haben) trauert um ihre Mutter, zu der sie ein ambivalentes, kaltes Verhältnis hatte, die aber gemeinsam mit der Familie die letzten Jahre unter einem Dach gewohnt hat. Und wie das so ist mit Familienbanden – ganz scheinen die auch nicht zu reißen, wenn Omi schon mit den Englein singen sollte. Offenbar ist es aber im Himmel fad, oder ihr wurde schlicht der Eintritt verwehrt, jedenfalls mehren sich die Zeichen, dass Omi hier im Haus noch was zu tun hat. Auch die Kinder sind irgendwie neben der Spur – der ältere Sohn fühlt sich missverstanden und ungeliebt, die jüngere Tochter scheint ihre Siebensachen nicht ganz beisammen zu haben, wirkt abwesend und macht ständig Klickgeräusche. (In „A Quiet Place“ hätte sie keine zwei Minuten überlebt.) Und wie das so ist bei Horrorfilmen, beginnt alles recht gemächlich, aber nach und nach werden die Daumenschrauben angezogen. Dabei ist „Hereditary“ ein Film, der nicht auf Schockeffekte durch billige Jump-Scares aus ist, sondern dem Zuseher das Gruseln nachhaltig beibringen will – über die gut gezeichneten und herausragend gespielten Figuren. Zeitweise könnte der Film auch eine magisch-realistische Abhandlung über Trauerarbeit sein – aber gegen Ende hin wird klar, dass das viel zu kurz gegriffen wäre und der Film Böses mit einem vor hat. Die letzten zwanzig Minuten konnte ich sehr konzentriert den Bezug des Kinosessels vor mir bewundern. Und mir die eingangs erwähnte Warum-Frage stellen.


7,0
von 10 Kürbissen

Dolmetscher (2018)

Regie: Martin Šulík
Original-Titel: The Interpreter
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: The Interpreter


Es gibt wahrlich ungünstigere Voraussetzungen für einen Film als ein Aufeinandertreffen der beiden Altmeister Peter Simonischek und Jiří Menzel in den Hauptrollen in einer ungewöhnlichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Simonischek spielt hier den Sohn eines ehemaligen SS-Offiziers, der in der Slowakei Juden ermorden ließ. Menzel spielt Ali Ungár, den Sohn einer ermordeten Familie. Und eigentlich möchte Ungár bei seinem Wien-Besuch den Mörder seiner Familie stellen und ihm dann persönlich den Garaus machen für die Gräueltaten, die er begangen hat. Allerdings stellt er fest, dass er zu spät kommt. Und durch eine ungewöhnliche Bitte Georg Graubners (Simonischek) machen sich die beiden grundverschiedenen Charaktere, deren Väter auf völlig unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher standen, auf den Weg in die Slowakei und auf eine Spurensuche, die schon bald beider Leben durcheinander rüttelt. An sich wäre das Stoff für ein wirklich exzellentes Drama, vor allem, wenn man auf solche erfahrenen Schauspielgiganten vertrauen kann. Aber darin liegt das Problem in Martin Šulíks „Dolmetscher“: Er vertraut der Geschichte nicht so recht. So müssen Simonischek und Menzel teils arg gestelzte und sehr unnatürlich wirkende Dialogzeilen von sich geben und ihre Figuren auch immer wieder ins Klamaukhafte ziehen, sei es beim Baden, wenn der fröhliche Lebemann Graubner mit Wohlstandswampe zunächst lachend ins Thermalbad hüpft, um sich anschließend von jungen Slowakinnen, die alle Klischees, die man so erwartet, vereinen, massieren zu lassen, während Ungár griesgrämig am Pool sitzt. Ja, wir haben es verstanden: Graubner ist gut drauf, weil er verdrängt, Ungár ist griesgrämig, weil seiner Familie ein unfassbar tragisches Schicksal widerfahren ist. Das alles wird mit Musik untermalt, die zum Einen ständig das gleiche Thema wiederholt (ich denke mal, der Komponist war hier echt günstig) und zum Anderen geklaut wirkt aus hundert deutschen Befindlichkeitsdramen der jüngeren Vergangenheit. Das Ende geht dennoch unter die Haut und lässt einen ansonsten eher nervigen Film länger nachwirken. Ein seltsam uneinheitliches Ding mit großem Potential, das mit Ausnahme der letzten zehn Minuten so gut wie nie ausgeschöpft wird.

 


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Ocean’s 8 (2018)

Regie: Gary Ross
Original-Titel: Ocean’s 8
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Krimi
IMDB-Link: Ocean’s 8


Schöne Klunker wecken Begehrlichkeiten in der Damenwelt. Und warum nicht einfach zugreifen, wenn sich die Gelegenheit bietet und man fünf Jahre und acht Monate lang die Zeit hatte, sich auszumalen, wie das vonstatten gehen könnte. So trommelt Debbie Ocean (Sandra Bullock) eine Crew von talentierten Mitstreiterinnen zusammen (allen voran Cate Blanchett, dazu Helena Bonham Carter, Rihanna, Mindy Kaling, Awkwafina und Sarah Paulson), um während eines Gala-Diners im Metropolitan Museum den wohl begehrtesten Klunker von allen (der quasi in 150 Millionen Facetten funkelt) vom Hals der berühmten Schauspielerin Daphne Kruger (Anne Hathaway) zu klauen. Dass die Dinge trotz akribischer Vorbereitung dann doch nicht immer wie geplant laufen und improvisiert werden muss, versteht sich von selbst – zumal Debbie einen weiteren Punkt auf ihrer Agenda stehen hat, nämlich ihrem Ex-Lover, der sie ins Gefängnis gebracht hat (Richard Armitage) bei dieser Gelegenheit eins auszuwischen, was die Sache naturgemäß verkompliziert. Das alles mitanzusehen, macht durchaus Spaß, was auch an der gut aufgelegten Riege der Schauspielerinnen liegt. Allerdings darf man sich keine Sonderpunkte für Originalität erwarten – der Film spult seine Story routiniert, aber überraschungsfrei ab. Auch das sehr offensichtliche Product Placement nervt mit der Zeit, wenn diverse Firmennamen allzu penetrant in den Mittelpunkt des Bildes gerückt werden. Dennoch bietet „Ocean’s 8“ gute, gepflegte Unterhaltung, die man sich gerne ansieht.

 


6,0
von 10 Kürbissen