Bad Spies (2018)

Regie: Susanna Fogel
Original-Titel: The Spy Who Dumped Me
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Action
IMDB-Link: The Spy Who Dumped Me


Filme sind Eskapismus. Wenn man ins Kino geht und sich zwei Stunden lang in einen dunklen Saal setzt, dann oft deshalb, um die Welt da draußen auf der Straße zu vergessen und einfach unterhalten zu werden. Genau das versucht „Bad Spies“ von Susanna Fogel mit Mila Kunis und Kate McKinnon in den Hauptrollen. Die Story dieser Agenten-Action-Komödie kann man getrost in der Pfeife rauchen. Zwei überforderte Mädels werden zufällig in einen Agenten-Hetzjagd quer durch Europa hineingezogen (proudly sponsored by Tripadvisor und Lonely Planet), weil der Ex von einer der beiden blöderweise ein CIA-Agent war. Als McGuffin dient ein USB-Stick mit geheimen Geheiminformationen, die so geheim sind, dass nicht mal der Zuseher erfährt, worum es tatsächlich geht. Hauptsache, die Wörter „Mafia“, „Geheimorganisation“ und „viele Tote“ können untergebracht werden. Man sieht förmlich die Häkchen auf der Checkliste zum Drehbuch. Warum „Bad Spies“ (im Original: „The Spy Who Dumped Me“ als Referenz an den James Bond-Film mit dem ähnlich lautenden Titel) dennoch recht unterhaltsam ist, liegt an einigen wirklich guten Gags und der Action, die solide inszeniert ist und auch vor blutigen Details nicht zurückschreckt. Ein Familienfilm ist „Bad Spies“ nicht. Was die Darstellerinnen betrifft, mit denen das Konzept des Films steht und fällt: Die beiden haben eine gute Chemie, und auch wenn Kate McKinnon insgesamt ein bisschen zu überdreht ist, als hätte ihre Figur ein bisschen zu viel Marschierpulver erwischt (die eine Szene, in der die böse Turnerin sie k.o. schlägt: I feel you, sis‘, I feel you …), und Mila Kunis dagegen überraschend unscheinbar und fad – wenn man die beiden aufaddiert, geht die Rechnung dann doch einigermaßen auf. Über Charakterentwicklungen und nachvollziehbare Handlungen der Charaktere breiten wir wohlwollend den Mantel des Schweigens, aber unterm Strich unterhält der Film über die ganze Laufzeit doch ganz gut, auch wenn er kein großer Wurf ist. Immerhin besser als erwartet.


5,5
von 10 Kürbissen

Missverstanden (2014)

Regie: Asia Argento
Original-Titel: Incompresa
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: Incompresa


Subtilität ist nicht wirklich Asia Argentos Sache. Die Tochter des exzentrischen Filmschaffenden Dario Argento zeigt in ihrem grellen Drama „Missverstanden“ etwas, was vielleicht ihre eigene Kindheit gewesen sein könnte – oder auch nicht. Und sie nutzt dabei die ganze Bandbreite an Stilmitteln und Überzeichnungen, die ihr zur Verfügung steht. Alle Erwachsenen geraten zu bösartigen Karikaturen (sei es die von Charlotte Gainsbourg gespielte selbstbezogene und sexbesessene Mutter, sei es der narzisstische, abergläubische Vater oder die überforderte, zu emotionalem Missbrauch neigende Lehrerin), an der die neunjährige Aria mit ihrem Versuchen, wahrgenommen und geliebt zu werden, abprallt wie von einer Betonwand. Nur eine schwarze Katze, die sie auf der Straße aufliest, kann zu einem emotionalen Anker werden. Auch der omnipräsente Soundtrack baut sich immer wieder wie eine Wand auf. Hier wird ein Leben in Splitter zertrümmert, und dieses Zersplitterte nimmt Argento mit ihren Schnitten, ihrer Dramaturgie, die immer wieder von Lücken unterbrochen wird, mit ihrer Musikwahl auf. Das macht „Missverstanden“ interessant und anstrengend zugleich. Denn natürlich ist die Gefahr groß, dass die vielen Einzelteile nicht mehr zusammenpassen, und dieses Gefühl kommt zwischendurch auch auf. Der Kleber, der diese vielen Teile dann doch einigermaßen zusammenhalten kann, ist die großartige Nachwuchsschauspielerin Giulia Salerno als Aria. Unprätentiös und mit kindlicher Unschuld in den Augen zeigt sie das von den Eltern ungeliebte Kind auf der Suche nach Zuneigung nicht als Opfer, sondern als jemanden, die später wahrscheinlich über eine große Stärke verfügen wird – sofern sie ihre Kindheit einigermaßen übersteht. Insgesamt ist „Missverstanden“ dennoch eine unausgewogene Sache, da Asia Argento zu oft mit dem Holzhammer arbeitet und es an leisen Zwischentönen und subtilen Nuancen fehlt.


5,0
von 10 Kürbissen

Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert (2014)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Gemma Bovery
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Gemma Bovery


In einer kleinen Stadt in der Normadie lebt der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) mit seiner Familie. Eines Tages ziehen neue Nachbarn in das halb verfallene Haus nebenan – die Engländer Charlie (Jason Flemyng) und Gemma Bovery (Gemma Arterton). Angesichts der jungen Frau regen sich bei Martin lange verschollen geglaubte Gefühle, doch er ist damit nicht allein. Und angesichts seiner jungen Nebenbuhler gibt er schon bald das Feld auf, um sich stattdessen als ironisch distanzierter Kommentator des Geschehens mal mehr, mal weniger einzubringen. Dabei fällt ihm auf, dass sich die Geschichte der jungen Gemma immer mehr jener ihrer Namensvetterin Emma Bovary aus Flauberts berühmtestem Roman angleicht. Und wie der belesene Bäcker so weiß: Mit der hat es kein gutes Ende genommen. Also schreitet er ein. „Gemma Bovery“ hat zwei sehr überzeugende Argumente, warum der Film wirklich sehenswert ist. Das eine heißt: Gemma. Das andere: Arterton. Immer, wenn Gemma Arterton auf dem Bildschirm zu sehen ist und versonnen lächelt, wird alles ein bisschen leichter, die eigenen Probleme rücken in den Hintergrund, das Leben wird um eine Nuance lebenswerter. Die Frau ist einfach wahnsinnig schön und hat dabei (vor allem in diesem Film) eine geheimnisvolle, romantisch-sinnliche Ausstrahlung. Der Moment, wenn der arme Martin, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, der hysterischen Gemma einen Bienenstich am Rücken aussaugen soll, ist auf der einen Seite komisch und überdreht, aber allein die Tatsache, dass es sich um Gemma Arterton handelt, deren Kleid am Rücken aufgeknöpft wird, verleiht dieser Szene plötzlich eine unfassbar erotische Komponente. „Gemma Bovery“ ist luftiges, heiteres Sommerkino mit viel Sinnlichkeit und literarischen Referenzen. Vielleicht kein Meisterwerk für die Ewigkeit, dazu ist der Film insgesamt zu leichtgewichtig, aber allemal sehenswert. Und für Gemma Arterton gibt es den Bonuspunkt obendrauf.


7,0
von 10 Kürbissen

Mein langsames Leben (2001)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Mein langsames Leben
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama
IMDB-Link: Mein langsames Leben


Von der Kritik wurde Angela Schanelecs dritter Langfilm, „Mein langsames Leben“, begeistert aufgenommen. Als einer der herausragendsten deutschen Filme des Jahrzehnts wird er zum Beispiel auf critic.de bezeichnet, als „Meisterwerk, wie es das deutsche Kino lange keines hervorgebracht hat“ vom renommierten Filmkritiker Ekkehard Knörer. Wieder lässt Schanelec ihre Kamera einfach auf alltägliche Menschen und Situationen draufhalten. Deren verbindendes Element ist Valerie (Ursina Lardi). Um sie und die Menschen in ihrem Umfeld geht es – ihre Freundin, mit der sie sich gleich zu Beginn trifft, bevor diese für ein halbes Jahr nach Rom zieht, ihr neuer Freund Thomas, dessen Schwester Marie, die jung heiratet – es wird keine Geschichte erzählt, es werden nicht einmal viele kleine Geschichten erzählt. Stattdessen lässt Schanelec ihre Figuren einfach einen Sommer lang miteinander agieren und versucht ihnen auf diese Weise näher zu kommen. Damit erhebt Schanelec mit ihrem Film einen Anspruch auf Authentizität, den sie aber, womit wir bei dem Problem sind, das ich mit diesem Film habe, nicht wirklich einlöst. Das liegt in meinen Augen (oder besser gesagt: in meinen Ohren) an den Dialogen. Geschliffen kommen sie daher, in ganzen Sätzen und mit perfekt eingesetzten Nebensätzen. Anders als in den Filmen einer weiteren Filmschaffenden der neuen Berliner Schule, nämlich der von mir so geschätzten Valeska Grisebach, wird hier Schriftsprache gesprochen, und zwar ausnahmslos von jeder Figur, die somit plötzlich austauschbar klingen. Ohne größere Schwierigkeiten kann man sich vorstellen, einen gerade gesagten Satz einer völlig anderen Figur in den Mund zu legen. Und damit hat mich der Film verloren, denn ich nehme ihm die Figuren nicht länger ab. Das ist für einen Film, der allein darauf abzielt, glaubwürdig zu sein, der Todesstoß.


4,5
von 10 Kürbissen

Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr (2017)

Regie: Alexandra Dean
Original-Titel: Bombshell: The Hedy Lamarr Story
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Bombshell: The Hedy Lamarr Story


Dem Dokumentarfilm „Geniale Göttin – Die Geschichte der Hedy Lamarr“ wird ein bekanntes Zitat eben jener Leinwandgöttin der 40er- und 50er-Jahre vorangestellt: „Any girl can be glamorous. All you have to do is stand still and look stupid.“ Mit diesem ironischen Spruch brachte sie damals ihr eigenes Dilemma auf den Punkt. Denn die in Wien geborene Hedwig Kiesler, die als Hedy Lamarr eine Weltkarriere hinlegte, wurde vergöttert, galt als schönste Schauspielerin ihrer Zeit, als Sexsymbol und Glamour-Girl. Oft genug war sie der Aufputz ihrer reichen Ehemänner, von denen sie nicht weniger als sechs an der Zahl hatte im Laufe ihres Lebens, darunter ein Wirtschaftsmagnat, ein Drehbuchautor, ein Waffenproduzent. Doch schon als Kind konnte sie sich für Technik und Wissenschaft begeistern. Und was viele heute nicht wissen: Eben jene Frau, die nur auf ihr Aussehen reduziert wurde, sorgte während des Zweiten Weltkriegs für eine geniale, damals nicht gewürdigte Erfindung, auf der heute sämtliche moderne Kommunikationssysteme wie Wi-Fi, Bluetooth oder GSM-Netze beruhen. Ihr „frequency-hopping“ war dazu gedacht, die Funkverbindung zu funkgesteuerten Torpedos für den Feind, die Nazis, unentschlüsselbar zu machen, die sonst mit einfacher Störung der Funkfrequenz dafür sorgen konnte, dass diese Torpedos ins Leere liefen. Alexandra Deans Porträt zeigt Hedy Lamarr in allen Facetten, ihren Werdegang (erzählt von Zeitgenossen, Freunden und ihren Kindern) und lässt sie auch selbst zu Wort kommen – denn 1997 gab sie einem Reporter des Forbes Magazine ein ausführliches telefonisches Interview. Das zeigt sie als charmante, eloquente und starke Frau mit einem trockenen Sinn für Humor und einem scharfen Verstand. Alexandra Deans Film lässt dieser so lange unterschätzten Frau, die für eine der bahnbrechendsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts verantwortlich zeichnet und dafür bis kurz vor ihrem Tod nicht gewürdigt wurde, Gerechtigkeit widerfahren. Am Ende des Films zitiert sie ein Gedicht von Kent M. Keith, und man weiß, dass das keine leeren Worte sind, sondern dass sie danach gelebt hat: „People are illogical, unreasonable, and self-centered. Love them anyway. If you do good, people will accuse you of selfish ulterior motives. Do good anyway. If you are successful, you will win false friends and true enemies. Succeed anyway. The good you do today will be forgotten tomorrow. Do good anyway. Honesty and frankness make you vulnerable. Be honest and frank anyway. The biggest men and women with the biggest ideas can be shot down by the smallest men and women with the smallest minds. Think big anyway. People favor underdogs but follow only top dogs. Fight for a few underdogs anyway. What you spend years building may be destroyed overnight. Build anyway. People really need help but may attack you if you do help them. Help people anyway. Give the world the best you have and you’ll get kicked in the teeth. Give the world the best you have anyway.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Zechmeister (1981)

Regie: Angela Summereder
Original-Titel: Zechmeister
Erscheinungsjahr: 1981
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Zechmeister


Der inszenierte, mit Schauspielern umgesetzte Dokumentarfilm „Zechmeister“ von Angela Summereder ist eine durchaus mühsame Angelegenheit, in die man als Zuseher etwas Aufwand hineinstecken muss. Denn die Nacherzählung eines Justizdramas aus dem Jahr 1948, als Maria Zechmeister beschuldigt wurde, ihren Mann, den Kriegsheimkehrer Toni Zechmeister, mit Rattengift ums Eck gebracht zu haben, bedient sich allerlei formaler Kniffe, die hart am Rande der der Unschaubarkeit manövrieren. Hier werden stolpernd aus dem Off Sätze gesprochen, die so klingen, als würde sie ein Erstklässler vom Blatt ablesen. Oder die Kamera hält mal minutenlang auf das dahinfließende Wasser eines Flusses, während aus dem pathologischen Bericht vorgelesen wird. Maria Zechmeister, die Hauptfigur, ist erst gar nicht zu sehen, nur ihre Stimme hört man gelegentlich, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Und die hat es in sich: Denn sie wird wegen Mordes angeklagt und verurteilt, ohne dass das Gericht tatsächlich Beweise vorlegen könnte für ihre Schuld. Und je tiefer Angela Summereder bohrt, desto unklarer wird das Bild. Die formalen Spielereien, die eben auch manchmal nerven können, v.a. wenn man nicht konzentriert bei der Sache bleibt, unterstreichen die Farce, die dieser Justizfall anno dazumals abgegeben hat. Man fühlt sich stellenweise an Kafkas „Prozess“ erinnert. Das ist durchaus beabsichtigt und verfehlt seine Wirkung nicht – vorausgesetzt, man lässt sich auf diese surreale Weise, die Geschichte zu erzählen, als Zuseher tatsächlich ein. So gesehen ist „Zechmeister“ definitiv kein Film für ein besonders breites Publikum, und ich kann auch verstehen, wenn man nach zehn Minuten die Kiste abdreht, aber wenn man dranbleibt und diese surrealen Kapriolen akzeptiert, wird man die Mühe mit einem wirklich interessanten Dokumentarfilm belohnt, der viel über Macht und Ohnmacht im Österreich der Nachkriegsjahre aussagt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

K-19: Showdown in der Tiefe (2002)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: K-19: The Widowmaker
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Thriller, Historienfilm, Drama
IMDB-Link: K-19: The Widowmaker


Wenn man sich die Filmographie von Kathryn Bigelow ansieht, dann stellt man fest, dass sie ein Faible für Genres hat, die man in einer ersten spontanen Eingebung eher männlichen Filmschaffenden zuordnen würde: Ob Kriegsfilm („The Hurt Locker – Tödliches Kommando“), Polizeithriller ohne politischer Dimension („Blue Steel“) oder mit (Detroit) oder im Surfer-Milieu („Gefährliche Brandung“) oder Polit-Thriller („Zero Dark Thirty“) – die Dame fühlt sich wohl im Kreise ihrer männlichen Kollegen. In „K-19: Showdown in der Tiefe“ von 2002 taucht sie nun mit ihrer ausschließlich männlichen Besatzung (angeführt von Harrison Ford und Liam Neeson) in einem russischen U-Boot ab. Das soll Anfang der 60er mitten im Kalten Krieg der ganze Stolz der Sowjetarmee werden, aber da man die tauchende Zigarre ein wenig zu früh ihre Raketen abschießen lässt (quasi ein militärischer ejaculatio praecox), darf man sich schon bald mit ein paar Problemchen herumplagen, die man auf einem U-Boot nicht so gerne hat: zum Beispiel mit einem Leck im Kühlkreis des Kernreaktors, der das Boot antreibt und der in Folge dessen in die Luft zu gehen droht. Und weil man gerade recht nahe an einer NATO-Basis herumschippert und somit weit weg ist von russischer Erde, ist man erst mal auf sich allein gestellt. Weil: Die Amis anrufen und denen die Malaise zu schildern, käme politisch gesehen nicht so toll, da verliert man doch ein bisschen das Gesicht. Ein U-Boot als Atombombe neben ihren Schiffen hochgehen zu lassen, kommt aber auch nicht so gut. Und auch wenn man ein treuer russischer Volksgenosse ist, möchte man doch irgendwann mal gemütlich in der Tundra auf seiner Veranda sitzen und den Enkelkindern beim Spielen zusehen. Also sind Kreativität und Mut und Schnelligkeit gefragt. Und die Bereitschaft, das eigene Leben für das Wohl der Kameraden aufs Spiel zu setzen. Denn irgendwer muss da hinein zu diesem blöden Reaktor und das Ding wieder zusammenflicken. Die Geschichte von „K-19: Showdown in der Tiefe“ beruht auf wahren Begebenheiten. Dieses Unglücksboot, das sich noch vor dem Stapellauf den Beinamen „The Widowmaker“ verdient und diesen dann mit Havarien wie der hier beschriebenen weiter einzementiert hat, gab es tatsächlich. Natürlich werden die Ereignisse von damals stark verkürzt und dramatisiert erzählt – das ist eben Hollywood. Das eigentliche Problem des ansonsten sehr passablen, aber recht routiniert abgespulten Thrillers liegt in der Besetzung. Ich kaufe weder Harrison Ford noch Liam Neeson die russischen Offiziere ab. Da können sie sich noch so sehr mit einem pseudo-russischen Akzent abmühen (der bei Ford nach keiner nachvollziehbaren Logik kommt und geht), die Diskrepanz ist einfach da und nicht wegzuwischen.


6,0
von 10 Kürbissen

Ein Kürbis auf dem /slash Filmfestival

Nach der Berlinale und dem Crossing Europe Filmfestival war nun das /slash Festival des fantastischen Films so freundlich, mir eine Presseakkreditierung zu gewähren. In der Woche von 24. bis 30. September sitzt also der Kürbis eures Vertrauens in den ehrwürdigen Sälen des Filmcasinos und Metro Kino Kulturhauses und zieht sich Perlen des Genrefilms hinein. Die Liste steht fest – wenn ich alles erwische, was ich mir vorgenommen habe, werden es neun Filme, von denen ihr dann lesen könnt. (Randnotiz: Davon laufen gleich vier als 23-Uhr-Spätvorstellungen, aber was passt besser zum /slash-Festival als ein Zombie im Publikum?)

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Sehnsucht (2006)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Sehnsucht
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Sehnsucht


Markus und Ella führen ein beschauliches, glückliches Leben am Brandenburger Land. Am Wochenende kommen Ellas Freundinnen zum Kuchen vorbei, Markus, der als Schlossermeister seine eigene Werkstätte hat, ist ein geschätztes, wenngleich auch ruhiges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Doch etwas ändert sich in der Dynamik (oder auch im Fehlen derselben) der Beziehung, als Markus eines Tages zu einem Verkehrsunfall hinzukommt. Es sind kleine Nuancen, die man als Zuseher auch nur erahnen kann, denn Valeska Grisebachs Film setzt mit dem Unfall ein. Und doch gibt es Momente, in denen man der vertrauten Beziehung des Ehepaars nicht so recht trauen kann. Wie groß sind die Worte, wenn Ella ihren Markus an den Händen fasst und ihm sagt, dass sie so große Sehnsucht nach ihm habe? Wie schal daraufhin seine Reaktion? Man spielt nach den Regeln, man bemüht sich, man liebt sich und will sich das zeigen, aber die Tonalität scheint nie so ganz stimmig zu sein. Als Markus auf einem Lehrgang seiner Feuerwehreinheit auf die Kellnerin Rose stößt, passiert das Undenkbare: Der ruhige, so bemühte und sympathische Schlosser findet sich morgens in ihrem Bett wieder. Und nun liebt er zwei Frauen: Ella und Rose. Mit beiden scheint er es ernst zu meinen, er ist hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Ausprägungen derselben Liebe. Und so nimmt das stille Drama, das sich nur im Kleinen zeigt, seinen Lauf. Valeska Grisebach ist mir schon mit ihren Filmen Western und ihrem Debütfilm Mein Stern positiv aufgefallen. Wie niemand sonst gelingt es ihr, die Grenzen der Sprache und die hilflose Sprachlosigkeit ihrer Protagonisten aufzuzeigen – ein durchgängiges Thema in ihrem Werk. Man merkt ihren Figuren den guten Willen an, doch oft können sie sich nicht so verständlich machen, wie sie das gerne würden. Eindrücklich zeigt sich das in Markus‘ Schweigen. Er redet nicht viel, denn er weiß nicht, wie er das, was ihn beschäftigt, ausdrücken soll. Er handelt aber auch nicht zielgerichtet, denn er versteht sich ja nicht einmal selbst. So laufen die Dinge eben so, wie sie laufen – mit allen Konsequenzen. Dass am Ende eine Gruppe von Kindern zusammensitzt, um die Geschichte fertig zu erzählen, ist ein schönes und schlüssiges Bild. Denn die Kinder reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – unbekümmert und frei von Konventionen und sozialen Regeln, die unsere Kommunikation so oft hemmen.


7,5
von 10 Kürbissen

BlacKkKlansman (2018)

Regie: Spike Lee
Original-Titel: BlacKkKlansman
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: BlacKkKlansman


Die Geschichte klingt wirklich irre, aber wie Spike Lee im Vorspann versichert: Dieser Shit ist wirklich passiert. Anfang der 70er greift der Undercover-Polizist Ron Stallworth (Denzels Washingtons Filius John David Washington), der erste schwarze Cop in Colorado Springs, zum Telefonhörer, um auf eine Anzeige des Ku-Klux-Klans zu antworten, der nach neuen Mitgliedern sucht. Die Szene, in der Ron im Großraumbüro seinem Gegenüber am Telefon versichert, wie sehr er Schwarze hasst und sich die Kollegenschaft verwundert zu ihm umdreht, ist brillante Situationskomik. Das Problem bei der ganzen Sache liegt recht bald am Tisch: Ron Stallworth wird sich schwer tun, die KKK-Veranstaltungen zu besuchen, zu denen er eingeladen ist. Also nimmt übernimmt Rons jüdischer Kollege Flip (Adam Driver) diese Rolle, und gemeinsam werden sie zu Ron Stallworth, der Stimme am Telefon und dem Klan-Mitglied bei den Zusammenkünften. Ein gefährliches Spiel, denn wie sich schon bald zeigt, sind die Klan-Mitglieder zwar rassistische Arschlöcher, aber nicht blöd (zumindest nicht alle). Dass Ron nebenbei um die politische Aktivistin Patrice (die entzückende Laura Harrier) buhlt, macht die Sache auch nicht einfacher. „BlacKkKlansman“ ist richtig böses (gutes) Kino. Das Lachen bleibt dem Zuseher oft genug im Hals stecken, wenn die Klan-Mitglieder ihre rassistischen Parolen rausschmettern oder Redneck-Polizisten übergriffig werden. Zudem sind alle Rollen sehr gut besetzt und ausgezeichnet gespielt. Auch setzt der Film das Thema recht down to earth um. Obwohl natürlich im Vergleich zur realen Geschichte dramaturgische Eingriffe vorgenommen wurden, ist die Action nicht überspitzt und das Drama nicht allzu breit getreten. Eine gewisse Lässigkeit liegt über dem Ganzen. Damit bekommt der Film allerdings im Mittelteil dann auch teilweise Timing-Probleme, da sich der Spannungsbogen nicht so recht aufbauen möchte. Die vielen guten Momente, die der Film hat, machen dies aber dann doch wieder wett. Am Ende wird die Brücke zur (erschreckenden) Gegenwart geschlagen, und der lockere 70er-Vibe-Film bekommt ein ernsthaftes (und das kann man kritisieren) plakatives Statement aufgedrückt zur Lage der Nation und dem immer noch allgegenwärtigen Rassismus, der seit diesem Jahr von oberster Stelle vorexerziert wird. In Cannes gab es dafür den Großen Preis der Jury. Und vom Filmkürbis immerhin solide 7 Kürbisse.


7,0
von 10 Kürbissen