Drama

Tag und Nacht (2010)

Regie: Sabine Derflinger
Original-Titel: Tag und Nacht
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Tag und Nacht


Zwei jungen, privilegierten Kunststudentinnen (Anna Rot und Magdalena Kronschläger) ist fad im Schädel. Für den Extrakick und die nette Kohle, die damit einhergeht, beschließen sie, gemeinsam im ältesten Gewerbe der Welt tätig zu werden und für eine Escort-Agentur zu arbeiten. Dort haben sie viele seltsame Begegnungen, und allmählich verschieben sich die Prioritäten, denn natürlich macht das etwas, wenn man mit Geld zugeschüttet wird für Sex. So leiden beispielsweise zwischenmenschliche Beziehungen wie jene zu Claus (Manuel Rubey, der dank eines Paktes mit dem Teufel in 80% aller österreichischen Filmproduktionen mitspielt), und der Fokus auf das Studium leidet durchaus. Und natürlich gehen auch die Dates nicht spurlos an den beiden Königinnen der Nacht vorbei. Da Sabine Derflinger, für Buch und Regie verantwortlich, sämtliche Freier als perverse Vollidioten darstellt, gibt es auch dort reichlich Konfliktpotential – mal mit besserem, mal mit schlechterem Ausgang für die Escortgirls. Am Ende kommt es natürlich zum großen Knall. Bis dahin ist „Tag und Nacht“ ein unentschlossenes Werk. Wie gesagt, die Freier haben allesamt einen gewaltigen Klopfer, aber davon abgesehen ist der Film durchaus auf Hochglanz poliert und weiß nicht so recht, wie er sich positionieren will. Die Mädchen machen alles freiwillig, sogar ihr Chef (der gerade bei den Salzburger Festspielen gefeierte Philipp Hochmair) ist verhältnismäßig nett, Schattenseiten werden kaum thematisiert – aber andererseits ist durch das Bild, das von den Kunden gezeichnet wird, und das durchaus mitreißende und verstörende Ende auch wiederum der erhobene Zeigefinger zu sehen. Damit reiht sich der Film ein in die Riege jener moralischen Werke, die ein bisschen auf verrucht tun möchten und sich dem Thema der Prostitution annehmen, ohne aber wirklich Überraschendes dazu sagen zu können. Aber das – abgesehen vom Männerbild, das hier gezeigt wird – immerhin subtiler als so manch anderer Film.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Foxtrot (2017)

Regie: Samuel Maoz
Original-Titel: Foxtrot
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Foxtrot


Einer Familie wird die traurige Nachricht überbracht, dass deren einziger Sohn, der gerade seinen Militärdienst absolviert, beim Einsatz getötet wurde. Völliger Zusammenbruch von Mutter und Vater. Der Onkel trifft bald ein, um die Familie in ihrer Trauer zu unterstützen. Der Militär-Rabbi kümmert sich um die Formalitäten der Beerdigung. Der Vater, zunächst stoisch in seiner Fassungslosigkeit, kann den Schmerz nur ausdrücken, indem er sich die Hand verbrüht. Doch dann klopfen die Militärs erneut mit gesenkten Häuptern. Es war alles eine riesengroße Verwechslung, ein Irrtum. Ein Anderer ist im Kampf gefallen, dem Sohn geht es wunderbar – er sitzt am Checkpoint im Nirgendwo und ist wohlauf. Jetzt kriegt der Vater einen Auszucker. Das Militär hat dafür zu sorgen, dass nach diesem Schock der Sohn so schnell wie möglich nach Hause kommt. Dieser sitzt in der Zwischenzeit, wie man im zweiten Teil des Films sieht, mit drei Kameraden wirklich am Arsch der Welt in einem im Sumpf versinkenden Container, wo er gelegentliche passierende Autos überprüfen muss und den Schranken für Kamele, die ungerührt auf der Straße spazieren, hebt. Doch eines Abends geht etwas fürchterlich schief bei einer Routineüberprüfung. Und sie bricht herein, die Gewalt, die schon – wie man im dritten Teil erfährt – dem Vater zu schaffen gemacht hat. „Foxtrot“ ist eine sehr intelligente, emotional starke Abhandlung über die Sinnlosigkeit des militärischen Apparates, über die Spirale der Gewalt, über Angst und unterdrückte Schuldgefühle. Exzellent gespielt, im zweiten Teil mit absurd-lakonischem Humor gewürzt, und formal spannend. Vieles wird angedeutet, aber nicht explizit erzählt, und der Film macht den Tanz, von dem er seinen Titel entleiht, zum Thema: Ein Schritt vor, ein Schritt zur Seite, ein Schritt zurück, wieder ein Schritt zur Seite – am Ende landet man beim Foxtrot immer bei der Ausgangssituation. Dieser Film ist wirklich ein Ereignis – das lediglich am Ende mit einem etwas anderen Twist noch eindringlicher hätte sein können.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Alpen (2011)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: Alpeis
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Alpeis


Giorgos Lanthimos: der vielleicht größte Spinner im aktuellen europäischen Kino. Mit einfachen filmischen Mitteln gelingt es ihm regelmäßig, bekannte Alltagssituationen ins Rätselhafte zu drehen und die Sehnsüchte und Ängste der Menschen auf eine pervertierte Weise sichtbar zu machen – siehe beispielsweise The Lobster. „Alpen“ ist ein früheres Werk und steht zeitlich zwischen „Dogtooth“, mit dem er bekannt geworden ist, und eben „The Lobster“. Qualitativ wirkt dieser Film aber ein wenig wie eine Verschnaufpause zwischen zwei Meisterwerken. Auch hier ist die Prämisse wieder wahnsinnig interessant: Vier namenlose Griechinnen und Griechen (ein Sanitäter, eine Krankenschwester, eine Bodenturnerin und ein Trainer) schließen sich zusammen, um einen speziellen Service anzubieten. Sie nehmen für eine Weile für jeweils zwei, drei Stunden den Platz von Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen ein, um denen bei deren Trauerbewältigung zu helfen. Und natürlich birgt dieses tiefe Einsteigen in andere Leben auch Risiken mit sich. Allerdings ist „Alpen“ in der Ausführung weniger konsequent als es Lanthimos‘ andere Filme sind. „Alpen“ ist trotz des Themas weniger drastisch, weniger aufwühlend, sondern eher subtil und stellenweise sehr steril. Die Sterilität ist zwar ein Stilmittel in eigentlich allen seinen Filmen, sie sorgt für eine Kontrastfläche, auf der die Ungeheuerlichkeit und Absurdität des Inhalts noch besser zur Geltung kommt, aber in „Alpen“ fällt die Absurdität ein bisschen zu gering aus, und so fällt auch der Spannungsbogen rasch ab. Dennoch ein sehenswerter Film, der sich danach für wunderbare Diskussionen im Bekanntenkreis eignet. Das haben eigentlich alle Lanthimos-Filme an sich.


6,0
von 10 Kürbissen

Zwischen Welten (2014)

Regie: Feo Aladag
Original-Titel: Zwischen Welten
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Zwischen Welten


Eine Erfahrung des vergangenen Wochenendes: Wenn man einen sitzen hat, sollte die Komplexität der Handlung des Films, den man sich ansehen möchte, proportional abnehmen mit der Zunahme der Promille. Einfach mal so gesagt. Den meisten Lesern wird das nicht völlig neu sein, denke ich, aber als Spätberufener in Sachen Alkoholkonsum habe ich hier noch eine Lernkurve hinzulegen, und weil ich ja über jeden Scheiß schreibe, teile ich diese Erfahrung nun mit diesem erlauchten Kreis hier. So gesehen war „Zwischen Welten“ der österreichischen Regisseurin Feo Aladag keine schlechte Wahl. Es geht um den deutschen Soldaten Jesper, der sich als Befehlshaber in ein afghanisches Kaff stationieren lässt und dort in Zusammenarbeit mit der örtlichen Miliz für Ruhe sorgen soll. Denn immer wieder wird das Dorf von den Taliban angegriffen. Mit Hilfe des Dolmetschers Tarik versucht Jesper, die strikte Ordnung des deutschen Heeres zusammenzuführen mit den örtlichen Begebenheiten, in denen andere Werte als bloßer Befehlsgehorsam zählen. Tarik selbst hat auch seine Probleme, denn er und seine Schwester werden von den Taliban bedroht. Am Ende läuft die Sache auf eine Gewissensfrage rund um Moral, Gehorsam und die Unerbittlichkeit des militärischen Apparates hinaus. „Zwischen Welten“ ist ein ruhiger und durchaus interessanter Film, der für einen Anti-Kriegsfilm mit überraschend wenigen Kampfszenen auskommt. Der Fokus liegt hierbei eher auf dem Zusammenspiel der Kulturen im Camp, das nicht immer einfach ist. Ein wenig mehr Spannung hätte dem Film dennoch gut getan. Auch die Hintergründe werden nicht immer klar. Warum beispielsweise der Dolmetscher unbedingt für die Deutschen arbeiten möchte, auch wenn sein Leben und das seiner Schwester bedroht wird, und warum die Taliban so einen Pick auf ihn haben, wurde entweder nicht wirklich erklärt oder war mir aufgrund des doch nicht ganz nüchternen Zustands bei der Sichtung und der damit einhergehenden Abnahme der Geistesschärfe ein bisschen zu hoch. Wer weiß.  Was definitiv nicht erklärt und auch nicht angedeutet wurde, ist die Motivation von Jesper, sich dieses gefährliche Kommando anzutun. Dadurch bleiben die Figuren, allen voran eben Jesper, leider etwas oberflächlich. Dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann – gerne auch nüchtern.


6,0
von 10 Kürbissen

The Virgin Suicides (1999)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Virgin Suicides
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: The Virgin Suicides


Sofia Coppolas Output ist qualitativ durchaus schwankend. „Lost in Translation“ ist ein Meisterwerk und gehört für mich wohl zu den besten 30 Filmen, die ich je gesehen habe. Am anderen Ende des Spektrums stehen solche Sachen wie „The Bling Ring“ – Filme, die ihre Intention allzu plakativ in die Welt schreien und dabei vergessen, interessant zu sein. „The Virgin Suicides“ gehört zu den gelungenen Coppola-Filmen. Anders als „Lost in Translation“ ist auch „The Virgin Suicides“ nicht subtil erzählt, aber hier funktioniert das Arrangement sehr gut. Es geht um fünf Schwestern, die von ihren bürgerlichen Eltern in den 70ern allzu hohe Moralvorstellungen übergestülpt bekommen und daran und an der dadurch verursachten Isolation zugrunde gehen. Beobachtet werden sie von etwa gleichaltrigen Burschen, die Jahre später aus deren (unvollständiger) Perspektive die Geschichte der Schwestern erzählen. Der Fokus liegt hier ganz klar auf der kleinbürgerlichen Scheinmoral und den gefährlichen Resultaten allzu strenger Repressalien. Irgendwann explodiert der Druckkochtopf eben, wenn man nicht aufpasst und der Druck nicht entweichen kann. Interessant ist, dass „The Virgin Suicides“ trotz des doch sehr düsteren Themas leichtfüßig und durchaus mit Humor erzählt wird. Und darin liegt die große Stärke des Films. Er überdramatisiert die ohnehin dramatischen Ereignisse nicht. Gerade dadurch entwickelt der letzte Teil des Films dann eine besondere Wucht. Was man vielleicht kritisieren kann, ist die Tatsache, dass mit Ausnahme von Lux (Kirsten Dunst) keine weitere Figur der Geschichte wirklich viel Profil erhält. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Coppola jede Menge Personal über die Leinwand scheuchen musste – die fünf Schwestern, deren Eltern, die fünf Freunde, dazu weitere Nebenfiguren – sodass für eine schärfere Profilierung vieler Charaktere einfach keine Zeit blieb. Aber als Ensemble-Film funktioniert „The Virgin Suicides“ ja trotzdem – also was soll’s?


7,5
von 10 Kürbissen

Macbeth (2015)

Regie: Justin Kurzel
Original-Titel: Macbeth
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: Macbeth


Shakespeare war schon kein Übler, das muss man sagen. 400 Jahre nach seinem Wirken beschäftigt man sich immer noch mit seinen Dramen und Komödien, bringt diese in mal gelungenen, mal weniger gelungenen Adaptionen auf die Bühnen und ins Kino. 2015 war Justin Kurzel dran, sich eines klassischen Shakespeare-Stoffes auf seine eigene filmische Erzählweise zu nähern. „Macbeth“ spielt im Schottland des 11. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des ehrgeizigen Macbeth (Michael Fassbender, wie immer grandios) und seiner Lady (Marion Cotillard), der durch Königsmord selbst zum König wird und dann zum Tyrannen. Keine wirkliche Feelgood-Geschichte also, die atmosphärisch von nebelgeschwängerten Highland-Bildern und einem düsteren Soundtrack noch einmal in die schwarzen Abgründe der Seele der Hauptfigur hinuntergezogen wird. Vorgetragen werden lupenreine Shakespeare-Verse – also besser die Untertitel dazuschalten, wenn man Englisch nicht auf dem Niveau eines Native Speakers spricht. „Macbeth“ verfügt also über fast alles: eine zeitlose, packende Geschichte über einen Tyrannen, den wir gerne fallen sehen, grandiose Darsteller, tiefsinnige Dialoge, auf die schönste Weise vorgetragen, atemberaubende Bilder (die Schlusssequenz, wenn Macbeth seinem Widersacher Macduff entgegentritt, ist eine selten gesehene Augenweide) und einen hörenswerten Soundtrack, der die düstere Geschichte gut untermalt. Allerdings reißt der Film dennoch nicht so ganz mit. Das mag natürlich zum einen der Reduktion des üppigen Shakespeare-Stoffs auf das Knochengerüst zu tun haben – für mehr hätte man wohl nicht einen, sondern fünf Filme gebraucht. Das geht natürlich zu Lasten der Tiefe der Charaktere. Zum anderen wirken viele Sequenzen trotz der Dramatik der Geschehnisse in der Tonalität ein wenig hinuntergeschraubt. Understatement ist hier Teil des künstlerischen Ausdrucks, und so ist „Macbeth“ eben ein wunderschöner und sehenswerter Film, aber kein besonders packender.


7,0
von 10 Kürbissen

In einer besseren Welt (2010)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Hævnen
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Hævnen


Bei der Oscarverleihung 2011 konnte sich der dänische Film „In einer besseren Welt“ von Susanne Bier gegen namhafte Konkurrenz durchsetzen wie zB Alejandro González Iñárritus „Biutiful“ oder Giorgios Lanthimos‘ Meisterwerk „Dogtooth“ und gewann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung, als ich die DVD in den Player schob. Und dementsprechend tief war dann auch der Fall derselben. Denn Susanne Biers Film erzählt zwar eine durchaus interessante und packende Geschichte, der Subtext ist klar (eine Abhandlung über Gewalt und Verantwortung), aber die Dialoge sind zu einem unerquicklichen Maße platt und voller Stehsätze und die Figuren klischeehaft – und das liegt mit Sicherheit nicht allein an der deutschen Synchronisation. Von der Kritik wurde der Film fast einhellig gelobt, und ja, ich hätte ihn wirklich auch gern gemocht. Die Geschichte zweier Außenseiter-Jungs, die sich miteinander anfreunden, und ihre eigenen, persönlichen inneren Konflikte mit fatalen Folgen nach außen tragen, sowie des Vaters von einem der Burschen, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben als Arzt in der afrikanischen Steppe und dem bröckelnden Familienleben in Dänemark, würde durchaus viel hergeben. Aber gerade die hochgelobte Inszenierung stellte mich wirklich vor Probleme. Zu aufgesetzt, zu platt, zu durchsichtig erschien mir das alles. Das mag nun Jammern auf hohem Niveau sein, und Viele von euch, die sich selbst ein Bild von dem Film machen, werden das mit Sicherheit anders sehen, aber mir hat’s das Vergnügen der Sichtung leider etwas verhagelt durch eindimensionale Figuren wie den Automechaniker Lars, der nur zuschlagen kann, und eben sehr klischeehaft vorgetragenen Dialogzeilen. Einzig die Figur des Anton (Mikael Persbrandt) bringt etwas mehr Vielschichtigkeit in das Drama. Das allein reicht mir allerdings nicht aus für eine bessere Bewertung.


5,5
von 10 Kürbissen

Das unbekannte Mädchen (2016)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: La Fille Inconnue
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: La Fille Inconnue


Der aktuellste Film der Brüder Dardenne, deren Filme regelmäßig auf der Viennale gezeigt werden, handelt von einer jungen Ärztin (grandios gespielt von Adèle Haenel), die vor dem nächsten Karriereschritt steht, als eine Stunde nach Praxisschluss jemand an ihrer Tür läutet. Ihr Praktikant möchte schon öffnen, aber sie heischt ihn an, das Läuten zu ignorieren, denn immerhin hat die Praxis schon lange geschlossen und wenn man so spät noch Patienten aufnimmt, läuft man Gefahr, aufgrund der eigenen Müdigkeit falsche Diagnosen zu stellen. Am nächsten Tag wird der Leichnam einer jungen Frau unweit der Praxis gefunden, und die Bilder einer Überwachungskamera zeigen, dass es jene junge Frau war, die voller Angst an der Tür der Ärztin geläutet hat, ehe sie weiter und damit in den Tod gelaufen ist. Vom Schuldgefühl geschüttelt beginnt die Ärztin, selbst Nachforschungen zu der jungen Frau anzustellen, um ihr ein anständiges Begräbnis zukommen lassen zu können. „La Fille Inconnue“ (auf der Viennale 2016 gezeigt in Anwesenheit von Luc Dardenne, der im Anschluss an die Vorführung auch viel Interessantes zum Film zu sagen hatte) ist ein ruhiger, nachdenklicher Film, der sich mit Moral und Ethik und der Frage des Schuldgefühls nach unterlassener Hilfeleistung beschäftigt. Unweigerlich wird man an die Schutzsuchenden erinnert, die vor dem Krieg nach Europa flüchten, an jene, die im Mittelmeer ertrinken und jene, die es schaffen, aber dann vor den kalten Mauern unserer Herzen stehen. Die Kunst der Dardenne-Brüder in diesem Film ist es, diese Fragen im Hintergrund mitschwingen zu lassen, ohne sie aber plakativ aufzurollen. Es geht um die Schuld des Einzelnen, auch um Sühne, um die Verschiebung von Prioritäten und um Courage. Getragen wird „La Fille Inconnue“ zudem von einer wirklich großartigen Hauptdarstellerin. Abzüge gibt es dafür, dass das Privatleben der Ärztin komplett außen vorgelassen wird (auch wenn Luc Dardenne die Gründe für diese Entscheidung erklärt hat), und dass die Menschen in diesem Film oft sehr übereifrig damit sind, ihr Gewissen zu erleichtern.


7,5
von 10 Kürbissen

Die roten Schuhe (1948)

Regie: Michael Powell und Emeric Pressburger
Original-Titel: The Red Shoes
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: The Red Shoes


Rote Schuhe haben in der Filmgeschichte gerne mal besondere Eigenschaften – siehe zum Beispiel „Der Zauberer von Oz„. Warum rote Schuhe im Gegensatz zu grünen Schuhen oder gelben Schuhen so besonders sein sollen, erschließt sich mir nicht ganz, aber vielleicht ist ja Hans Christian Andersen daran schuld, der im 19. Jahrhundert das Märchen von den roten Schuhen geschrieben hat. Eben jenes Märchen möchte nun der große Ballettmanager Boris Lermontov (der österreichische Schauspieler Adolf Wohlbrück, der im englischen Exil als Anton Walbrook arbeitete) auf die Ballettbühne bringen, und zwar mit der jungen, aufstrebenden Tänzerin Victoria Page (Moira Shearer) in der Hauptrolle. Zwar ist Lermontov ein ziemliches Arschloch, doch genießt er in Kunst- und Societykreisen den besten Ruf und verspricht Victoria, aus ihr die größte Tänzerin aller Zeiten zu machen. Gleichzeitig sichert sich Lermontov die Dienste des talentierten Komponisten Julian Craster (Marius Goring), der die Partituren veredeln soll. Die Aufführung der „Roten Schuhe“ wird ein grandioser Erfolg, und die Entourage bereits die wichtigsten Städte Europas, um dort für Furore zu sorgen. Allerdings verkompliziert sich alles, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Und so entspinnt sich eine Geschichte rund um Besessenheit, Ruhm und den Preis, den man für diesen zahlen muss. In vielerlei Hinsicht ist „Die roten Schuhe“ eine Art Blaupause für den späteren Darren Aronofsky-Film „Black Swan“. Die Themen sind ähnlich gelagert, und hier wie dort wird die Besessenheit gegen Ende hin mit den Mitteln der Fantastik verdeutlicht. Erstaunlich ist dabei das grandiose Handwerk des 1948 in Technicolor produzierten Films. Vor allem die Ballettszene, in der die „Roten Schuhe“ aufgeführt werden, ist meisterhaft inszeniert. Da verwundert es nicht, dass es Oscars für das beste Szenenbild und die beste Filmmusik gab sowie weitere Nominierungen für den besten Schnitt, das beste Drehbuch und den besten Film. Zwar hat der Film durchaus seine Längen, und die Geschichte selbst ist – trotz ihres allegorischen Wertes – nicht allzu vielschichtig, aber dennoch funktioniert der Film auch heute noch tadellos.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 47 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Die Nacht der 1000 Stunden (2016)

Regie: Virgil Widrich
Original-Titel: Die Nacht der 1000 Stunden
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Fantasy, Satire
IMDB-Link: Die Nacht der 1000 Stunden


Man hat es oft nicht leicht mit der lieben Familie. Vor allem, wenn man als reicher Sack das Familienunternehmen führen soll, aber die Vorfahren eines Nachts allesamt mit lauter guten Ratschlägen, bösen Intrigen und manchmal auch recht planlos im herrschaftlichen Palais aufkreuzen, obwohl sie seit ein paar Jährchen schon mit den Engeln singen sollten. Aber gut, wenn man schon mal da ist, kann man ja auch gleich mal die ganze Familiengeschichte aufrollen. Das alles wäre ja noch einigermaßen stressfrei zu handhaben, wenn da nicht die schöne Großmutter wäre, die bereits in jungen Jahren eher unsanft entschlummert ist und sich nun als Geist als wirklich heißer Feger herausstellt. Wenn also dunkle Epochen der Familie und wie sie zu ihrem Besitz kam, nekrophiler Inzest und Sorge um das Erbe zusammentreffen, kann so eine gespenstische Nacht verflucht lang werden. Regisseur Virgil Widrich zelebriert die Absurdität seiner Filmprämisse genüsslich. Da behacken sich Familienmitglieder über Generationen hinweg und entlarven damit die feinen Mechanismen der Macht und ihrer Fäden, die solche Imperien zusammenhalten. Das Ganze wird tableauartig präsentiert – die Kulisse ist als solche erkennbar, und das Haus verändert sich auch mit seinen geisterhaften Bewohnern. Man kann sich diesen Film durchaus auf einer Theaterbühne vorstellen – auch dort würde er gut funktionieren. Allerdings ist der Film nicht frei von Schwächen – sei es manchmal das Spiel einiger Darsteller, die zum Outrieren neigen, sei es manche Länge, die durch Absurditäten verursacht wird, die nicht aufgelöst werden, sei es das manchmal doch sehr künstlich Überhöhte in der Umsetzung, die danach schreit: „Ich bin Kunst!“ Trotzdem ist der Film unorthodox und interessant und in seinen besten Momenten schön österreichisch hinterfotzig.


6,5
von 10 Kürbissen