Drama

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Die Geierwally (1956)

Regie: Franz Cap
Original-Titel: Die Geierwally
Erscheinungsjahr: 1956
Genre: Heimatfilm, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die Geierwally


Mir war von Anfang an klar, dass die Kategorie 17, ein deutscher Heimatfilm der 50er Jahre, zu meinen mühsamsten Aufgaben der diesjährigen Filmreisechallenge zählen würde. Und die Befürchtung sollte sich bestätigen. Meine Wahl fiel auf „Die Geierwally“ von Franz Cap aus dem Jahr 1956 – weil dieser Heimatfilm zumindest noch einige dramatische Ereignisse zu verarbeiten versprach und damit angeblich aus der Riege der Heimatschnulzen positiv hervorsticht. Nach Sichtung des Films muss ich sagen: Ich habe große Angst vor allen weiteren Heimatfilmen. Lieber hocke ich mich in ein Triple Feature der grauslichsten Horrorfilme oder lasse die chinesische Tröpfchenfolter über mich ergehen, als dass ich da tiefer in die Abgründe der Heimatfilme eintauchen würde. Die Geschichte und die handelnden Charaktere sind dermaßen strunzdumm, dass man sich permanent auf den Kopf greift. Bemerkt ihr die seltsame Rötung auf meiner Stirn? Ja, die kommt daher. Nur der Geier „Hansi“ macht etwas richtig in diesem Film – er ergreift am Ende die Flucht. I feel you, Bro‘! Der Zuseher, der bis zum bitteren Ende durchhält, muss eineinhalb Stunden lang ertragen, wie sich Leute, die man offenbar willkürlich auf der Straße eingesammelt hat und die von der Schauspielerei so viel Ahnung haben wie ein Pferd vom Schach, unglaublich dümmliche Sätze an den Kopf werfen, für die sich der Drehbuchautor eigentlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht verantworten sollte. Lediglich für Trinkspiele eignet sich „Die Geierwally“ hervorragend. Man könnte beispielsweise jedes Mal einen Kurzen hinunterstülpen, wenn irgendjemand in diesem Film „Vergelt’s Gott“ sagt. Andererseits verpasst man auf diese Weise garantiert den Freiflug des Geiers am Ende und damit den einzigen Moment der Erlösung. Auch wieder blöd. Soll ich eigentlich noch was zum Inhalt schreiben? Ach, wurscht. Wer sich den Schmarren antun möchte, kann auf Wikipedia nachlesen, worum es geht. Und wer sich das dann tatsächlich noch ansieht, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Vergelt’s Gott.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 17 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


1,5
von 10 Kürbissen

The Ballad of Buster Scruggs (2018)

Regie: Joel und Ethan Coen
Original-Titel: The Ballad of Buster Scruggs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western, Episodenfilm, Drama
IMDB-Link: The Ballad of Buster Scruggs


Im Grunde haben die Coen-Brüder ja schon immer Western gedreht. „True Grit“ fällt einem als Paradebeispiel dazu ein. Aber auch „No Country for Old Men“ ist ein moderner Western, „O Brother, Where Art Thou?“ ist ein Mississippi-Western, „Inside Llewelyn Davis“ ein Folk-Western, „Fargo“ ist ein Western im Schnee, selbst den Dude aus „The Big Lebowski“ kann man sich eigentlich ganz gut auf einem Pferd feststellen – er trägt halt nur eine Sonnenbrille, ist mächtig verkatert, hat einen White Russian in der Hand und keinen Tau, wie er auf dieses beschissene Pferd gekommen ist. Sagen wir es so: Die Coen-Brüder sind meisterhaft darin, amerikanische Mythen zu inszenieren – und diese im Anschluss daran zu entzaubern. Und nirgendwo haben sie das bislang konsequenter und radikaler gemacht als in „The Ballad of Buster Scruggs“, eine Western-Anthologie mit sechs archetypischen Kurz-Episoden (der Revolverheld, der Bankraub, das karge Leben, der Goldrausch, der Oregon-Trail, die Kutschenfahrt). Mit jedem einzelnen Szenario assoziieren wir sofort ganz prägnante Bilder und Geschichten, wie wir sie aus Hunderten von Western kennen. Genau das wissen die Coen-Brüder natürlich, und spielen sich in weiterer Folge mit dieser Erwartungshaltung. Immer wird sie im Grunde bestätigt, aber es findet sich trotzdem ein Twist drinnen, der uns die alten Geschichten mit neuen Augen erblicken lassen. Und immer sind sie lakonisch bis melancholisch vorgetragen – gewürzt nur mit einer gelegentlichen Prise schwarzem Humor, wie man ihn von den Coens kennt. Realismus ist nicht die Sache der beiden Brüder in diesem Film, aber gerade durch die sarkastische Überhöhung der Helden und Antihelden und deren Geschichten wird sichtbar, worauf der Film tatsächlich abzielt: Die Demaskierung der Western-Mythen. Es war eine verflucht anstrengende, tödliche und bittere Zeit, die die Menschen im Wilden Westen erlebt haben. Auf gelegentliche Lichtschimmer folgte immer wieder die Dunkelheit. Wenn der Dude das gesehen hätte, er hätte wohl nur kurz den Kopf schief gelegt, sich das ganze Drama mit einem schnellen Blick über den Rand der Sonnenbrille angesehen und wäre dann White Russian schlürfend in die entgegengesetzte Richtung davongeritten, dem Sonnenuntergang entgegen und „Fortunate Son“ von Creedence Clearwater Revival im Ohr.


7,5
von 10 Kürbissen

First Reformed (2017)

Regie: Paul Schrader
Original-Titel: First Reformed
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: First Reformed


Wenn man sich den Zustand der Welt heute ansieht, kann man schon vom Glauben abfallen. So geht es jedenfalls Michael (Philip Ettinger), dem Mann von Mary (Amanda Seyfried). Die ist schwanger, und Michael, ein überzeugter Umweltaktivist, hadert mit dem Gedanken, Nachwuchs in die Welt zu setzen, wenn diese Welt knapp vor dem totalen Kollaps steht. Mary wiederum hätte gerne Kinder, weshalb sie Reverend Toller (Ethan Hawke) bittet, ihrem Mann ins Gewissen zu reden. In einer Dialogszene, deren Intensität an die erste Verhörszene in Tarantinos „Inglorious Basterds“ erinnert, merkt Toller schon bald, wie schwer es ist, jemandem Hoffnung zu machen, wenn man selbst schon knapp vor dem Abgrund stand und fast alle Hoffnung verloren hat und mit Fragen konfrontiert wird, auf die man keine Antworten hat. Der Kampf um das ungeborene Kind wird in einer dramatischen Wendung plötzlich zum Kampf um die eigene Seele. Und was tun, wenn man dann auch noch einen Schuldigen vor Augen hat? Darf man Schuld auf sich laden, um noch größere Schuld zu verhindern? Das Gewissen des Kirchenmannes wird mit jedem Tag mehr belastet, und schon bald wird es schwierig bis unmöglich, Richtig von Falsch zu unterscheiden. Auch alle zwischenmenschlichen Beziehungen erfahren völlig neue Bewertungen. Paul Schraders Film ist sehr intelligent gestrickt und konsequent gedacht und inszeniert, ohne dem Zuseher allerdings das eigene Mitdenken abzunehmen. Vor allem die letzte Szene kann auf Irritation stoßen, wenn man zu sehr am Offensichtlichen festhängt. „First Reformed“ verlangt, dass man sich in die Psychologie der Figuren hineinfühlt. Vieles bleibt unausgesprochen, viele Gespräche erscheinen zunächst auch redundant, dienen aber dazu, die Charaktere und ihre gedanklichen Verstrickungen sichtbar zu machen. Das allerdings führt dazu, dass der Film durchaus seine gelegentlichen Längen hat und beim Zusehen etwas Geduld erfordert. Am Ende wird man dafür belohnt, aber der Weg dahin kann etwas beschwerlicher ausfallen. Der von Ethan Hawke grandios nuanciert gespielte Reverend Toller ist allerdings ein interessanter Charakter, der gleichzeitig Stolz wie Demut, Hoffnung wie Verzweiflung, soziales Gewissen wie Gewissenlosigkeit vereint und dessen Weg man gerne mitverfolgt. Paul Schrader setzt dabei auf das Narrativ des Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Reverend Toller ist so etwas wie die sanfte und eloquente Version von Scorseses „Taxi Driver“. „First Reformed“, derzeit im Gartenbaukino in Wien zu sehen, ist ein ruhig erzählter, aber im Nachhinein aufwühlender Film und definitiv empfehlenswert.


7,5
von 10 Kürbissen

Glück aus dem Blickwinkel des Mannes (1965)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Le Bonheur
Erscheinungsjahr: 1965
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Le Bonheur


Mag ein Apfel noch so schön glänzen, es kann immer noch der Wurm drin stecken. Das dachte sich wohl auch Agnès Varda mit ihrem Film „Le Bonheur“, der bei uns als „Glück aus dem Blickwinkel des Mannes“ oder einfach nur „Das Glück“ lief. Denn vordergründig ist François ein wahrlich glücklicher Kerl. Verheiratet mit einer bezaubernden Frau, gesegnet mit süßen Kindern, sonntags schläft man auf einer Wiese unter einem Baum, das Geschäft läuft gut, die Verwandtschaft ist auch zu ertragen, alles pipifein. Die Bekanntschaft der nicht minder attraktiven Émilie während eines Außendienstes vergrößert das Glück sogar noch, denn wenn es schon so wundervoll ist, eine Frau zu lieben, dann ist es ja doppelt so schön, gleich zwei solch bezaubernde Frauen an seiner Seite zu wissen. Noch dazu, wenn sich Émilie gleich bereitwillig mit der Rolle als Geliebte abfindet, die sich gar nicht erst in die Ehe einmischen möchte. Thérèse, die Ehefrau, muss indessen nichts vom außerehelichen Gspusi wissen, man(n) ist ja feinfühlig. Sie hätte zwar sicherlich Verständnis dafür, dass ihr Mann nun einfach doppelt so viel liebt, an der Liebe zu ihr ändert sich schließlich nichts, aber man will ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Also tanzt François nun eben von der Einen zur Anderen. Die Sonne scheint, die Blumen leuchten pastellfarben, die Kinder spielen fröhlich im Park, und während Thérèse liebevoll pflichtergeben im Bett ist, bringt Émilie mehr Feuer in die körperlichen Angelegenheiten – und beides fühlt sich gut an. Ach, glücklicher François! Doch als er eines Tages (doch recht bereitwillig) seiner Frau gegenüber mit der Wahrheit herausrückt, stellt sich heraus, dass diese trotz des Überschwangs ihres Göttergatten dieses Glücksgefühl nicht so einfach teilen kann. Dumm gelaufen irgendwie. Und da ist er nun, der Wurm im glänzenden Apfel. Und der schaut nun heraus aus dem Wurmloch, sagt laut „Grüß Gott“ und lässt Agnès Varda auf eine sehr bissige Weise über das männliche Selbstverständnis herziehen. Dabei taucht sie die Bilder weiterhin derart konsequent in frühlingshafte Pastellbilder, dass man den Schrecken fast übersieht. Aber eben nur fast.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Cléo de 5 à 7
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama
IMDB-Link: Cléo de 5 à 7


Die Sängerin Cléo (die eigentlich Florence heißt) hat schwere Stunden vor sich. Gerade noch war sie bei einer Wahrsagerin. Die Tarotkarten haben ihr Übles prophezeit, Krankheit und Tod. Und nun ist es fünf Uhr nachmittags, und am Abend soll sie vom Arzt das Ergebnis ihrer Biopsie erfahren. Sie schlendert durch die Stadt, geht mit ihrer Vertrauten Angèle Kaffee trinken und shoppen, trifft in der Wohnung auf den Lover, der ihre Sorgen nicht ernst nimmt, übt mit ihrem Komponisten ein neues Lied ein, trifft sich mit der Freundin Dorothée und lernt schließlich im Park den Fremdenlegionär Antoine kennen. Überall sieht das Publikum Todesboten, sei es der schwarze Hut, den Cléo kauft, oder der Text des Chansons, den sie einstudieren soll. Es passiert aber nicht viel – man weiß nicht, ob Cléos Ängste begründet sind oder einem Hirngespinst entstammen – einer eingebildeten Todessehnsucht der jungen, sensiblen Seele, die damit einen ansonsten eher hohlen Geist zu überhöhen versucht. Doch je länger wie Cléo folgen, desto größer werden auch unsere eigenen Zweifel, vor allem, was Cléo und unsere Einschätzung ihres Charakters selbst betrifft. So hält Agnès Varda dem Publikum mit dem Film einen Spiegel hin. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ war eines der ersten Werke der Nouvelle Vague. Ich persönlich tue mir mit dieser Art des Kinos ziemlich schwer, zu geschwätzig und pseudo-intellektuell erscheinen mir viele der bislang gesichteten Werke. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ ist hierbei eine wohltuende Ausnahme. Geschwätzig? Ja, vielleicht ein wenig. Aber dennoch ist die Kamera hauptsächlich neugierig auf Cléo gerichtet und versucht, diese junge Frau in vielen Facetten zu zeigen, ohne sie als reine Fassade für intellektuelle Gedankenspiele zu missbrauchen. So ist Agnès Vardas Frühwerk ein Nouvelle Vague-Film, der mir tatsächlich gut gefallen hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 20 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Aufbruch zum Mond (2018)

Regie: Damien Chazelle
Original-Titel: First Man
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: First Man


Nächstes Jahr jährt sich die erste Mondlandung zum 50. Mal. Ihr wisst schon – Neil Armstrong (der Astronaut, nicht der Radfahrer und auch nicht der Trompeter) mit seinem kleinen Hüpfer, den geschätzt fünfhundertfünfzig Fantastilliarden Menschen live vor den Fernsehgeräten verfolgt haben. Wie es dazu gekommen ist, erzählt Damien Chazelle in seinem Biopic „First Man“. Und zwar nicht so, wie es die EAV besungen haben: „Liebste mein, komm steig in mein Flugzeug ein. Dann flieg ich dich zum Mond, wo die Liebe wohnt, und dort wirst du belohnt.“ Nein, das Ganze ist hochgradig seriöser. Chazelle zeigt Armstrong, gespielt von Ryan Gosling, als schweigsamen, introvertierten Mann, der heftig am frühen Verlust seiner Tochter zu nagen hat. Mag sein, dass er zu den Sternen will, weil er dort seiner Tochter näher ist. Mit seiner Frau (Claire Foy) ist er jedenfalls nicht mehr ganz so eng. Klar, jedes Familienleben hat seine Höhen und Tiefen, und immerhin schaffen die beiden es mit ihren verbliebenen Kindern noch, eine Familie zu sein, aber wie will man schon den gemeinsam erlebten Schmerz verarbeiten, wenn sich der eine Part lieber mit einem Fernglas in den Garten stellt und zum Mond hinaufstarrt anstatt über die Probleme zu reden? Irgendwie ist es dann auch gut, dass sich Neil nach einigen halsbrecherischen Versuchsreihen und tragischen Verlusten dann doch 1969 auf den Weg macht. Ein wenig Distanz (in diesem Fall knapp 400.000 Kilometer) hat schon mancher Beziehung gut getan. Das alles ist durchaus solide und handwerklich gekonnt erzählt. Diesbezüglich kann man Chazelle und seinem Team keinen Vorwurf machen. Dennoch zieht sich der Film ein wenig, denn der (bewusst gewählte) Fokus liegt eindeutig auf Neil Armstrong und der Beziehung zu seiner Familie. Kann man machen, keine Frage, aber dadurch bleibt zwangsweise der technische Part der ganzen Mondlandungsvorbereitung zurück. Zwar wird immer wieder ersichtlich, mit welchem Wahnsinnsoptimismus dieses Projekt angegangen wurde und an wie vielen „Sofern alles klappt“ die ganze Operation hing, aber recht viel Neues erfährt man nicht. Mich hätte vor allem eben der technische Kram interessiert (ohne ihn zu verstehen), denn so wird die Leistung des Teams ein wenig in den Schatten gestellt zu Gunsten von Neil Armstrong – sicherlich eine faszinierende Persönlichkeit, aber eben nur ein Rad im Getriebe dieses bahnbrechenden Projekts. So kann „First Man“ meinen hohen Erwartungen, die ich in den Film hatte, nicht ganz gerecht werden, bietet aber dennoch gute Unterhaltung.


6,0
von 10 Kürbissen

Outrage (1950)

Regie: Ida Lupino
Original-Titel: Outrage
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Outrage


Offiziell ist die Viennale 2018 seit dem 8. November wieder Geschichte. Inoffiziell gibt es im Filmmuseum noch bis Anfang Dezember einige Perlen der Retrospektive zum Thema „B-Movie“ zu entdecken. Der einzige Beitrag einer weiblichen Regisseurin ist „Outrage“ von Ida Lupino. Mala Powers spielt darin die junge Ann, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, als sie eines Abends auf dem Heimweg von einem finsteren Typen verfolgt wird. Nach einer beklemmenden Verfolgungsjagd durch die menschenleeren Gassen erwischt sie der Mann schließlich. Und auch wenn man 1950 noch nicht so weit war, einen derartigen Übergriff (das Wort „Vergewaltigung“ wird während des ganzen Films vermieden) auch zu zeigen, ist sonnenklar, worum es geht. Starker Tobak für einen solch frühen Hollywood-Film. Dass man einige Jahre zuvor im realen Leben die größten Schrecken der Menschheitsgeschichte erfahren hat, trug vielleicht dazu bei, dass sich das Kino auch solchen Abgründen öffnete. Ann, eigentlich glücklich verlobt, bricht schwer traumatisiert jeden Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Verlobten ab, setzt sich in den nächsten Bus und flüchtet Richtung Los Angeles. Knapp vor ihrem Ziel wird sie von einem jungen und attraktiven Pfarrer aufgelesen, dem sie erst einmal großes Misstrauen entgegenbringt. Doch mit Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es ihm allmählich, diese Mauer zu durchbrechen. „Outrage“ ist ein durchaus interessanter und gut gespielter Film, der allerdings gleichzeitig auch ein Kind seiner Zeit ist. Was heißt: Die Frauen haben hier nicht viel zu melden. Sie sind arme Opfer, und es liegt am Mann, sie aus der Misere wieder herauszuführen. Dass selbst eine Frau Regie führte, zeigt nur auf, wie stark dieses Geschlechterbild zu jener Zeit immer noch in vielen Köpfen verankert war. Dass es auch anders geht, bewies unter Anderem schon ein Jahrzehnt davor Dorothy Arzner mit ihrem Dance, Girl, Dance. Trotzdem kann man sich „Outrage“ auch heute noch gut ansehen, wenn man dieses krasse Rollenbild ausblenden bzw. einfach als Symptom seiner Zeit sehen kann.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Vox Lux (2018)

Regie: Brady Corbet
Original-Titel: Vox Lux
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Vox Lux


Grenzerfahrungen im Rahmen der Viennale: Um Viertel nach 4 in der Früh aufstehen, damit man sich „Vox Lux“ von Brady Corbet als Frühstücksfilm vor der Arbeit hineinziehen kann. Das Team des Gartenbaukinos wappnete sich gut für den Ansturm der Kinozombies und stellte neben Süßgebäck, Müsli und Kakao gleich drei Ausgabestellen für einen richtig starken Espresso zur Verfügung. Doch spätestens nach der heftigen Eröffnungsszene waren ohnehin alle munter im Kinosaal. Diese heftige Szene führt in weiterer Folge zum Aufstieg der 14jährigen Celeste in den Pop-Himmel. Begleitet wird sie dabei von ihrer älteren Schwester und dem von Jude Law gespielten Manager. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und die Chance ergreifen, auch wenn die richtige Zeit und der richtige Ort die Gedenkfeier für die Toten eines Massakers ist. Und selbst wenn die Gefühle echt sind, so geht man doch gewissermaßen über Leichen. Wenn man bereits in so jungen Jahren hofiert wird und eigentlich gar keine Zeit hat zur Trauerbewältigung, weil man plötzlich der neue Superstar am Firmament ist, ist es kaum verwunderlich, wenn man in späteren Jahren ein wenig exzentrisch und entrückt von der Welt wirkt. So geht es Celeste 17 Jahre später, herausragend und Oscar-verdächtig gespielt von Natalie Portman. Sie hat nun selbst eine Tochter im Teenager-Alter (und man wundert sich nicht wirklich darüber, dass es dazu gekommen ist), und ist vollends gefangen in der PR-Maschinerie, die einen fast unweigerlich schnetzelt, wenn man jung und beeinflussbar zu großem Ruhm kommt. Dass darunter die Beziehung zur Tochter, zur Schwester, zu allen Menschen, die ihr eigentlich nahestehen sollten, leidet, überrascht ebenso wenig. Ein großes Comeback-Konzert soll der Karriere des einstigen Teenager-Stars zu neuem Schub verleihen. Doch dieses wird im Vorfeld überschattet von einer neuerlichen Gewalttat, die Celeste in ihre eigene Vergangenheit zurückschleudert und mit alten Ängsten konfrontiert. In dieser Beziehung ist „Vox Lux“ klug konzipiert. Der Film kreist um mehrere Spielarten von Massenhysterie – sei es um die Angst vor Anschlägen in unserer heutigen Zeit oder aber auch die Hysterie, die man Popstars entgegenbringt. Das vermischt sich zu einem gefährlichen Cocktail. Im Mittelpunkt steht dabei immer Celeste – und was diese Ängste und Erwartungen mit ihr machen.  Das alles wird ironisch distanziert von Willem Dafoe als Erzähler aus dem Off. Allerdings hat der Film auch trotz aller Stärken unübersehbare Schwächen, darunter vor allem das Ende, das aus einer überlangen Konzertszene besteht, die zwar Celeste noch einmal in ihrem Element zeigt, aber die Geschichte nicht zu einem runden Abschluss bringen kann. Auch werden die Beziehungen der Figuren untereinander im Grunde nur am Rande und sehr oberflächlich betrachtet – trotz vieler Dialogzeilen. Vielleicht ist das auch ein von Brady Corbet gewünschter Effekt – die Protagonisten bleiben isoliert voneinander. Aber es fördert nicht unbedingt das Interesse an den Figuren, jedenfalls nicht bei mir. Und so ist „Vox Lux“ ein zwar durchaus aktueller und zeitgemäßer Film mit einer überragend aufspielenden Natalie Portman, lässt den Zuseher dann aber doch auch etwas ratlos zurück.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 50 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Leave No Trace (2018)

Regie: Debra Granik
Original-Titel: Leave No Trace
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Leave No Trace


Als „Fifty Shades of Green“ bezeichnete Regisseurin Debra Granik im Publikumsgespräch augenzwinkernd ihre Kulisse für das stille Drama „Leave No Trace“. Und ja, erst einmal findet sich der Zuseher in einem dichten, unzugänglichen Wald wieder, wo der traumatisierte Kriegsveteran Will (Ben Foster mit einer großartigen Leistung) und seine Tochter Tom (Newcomerin Thomasin McKenzie, von der man nach dieser grandiosen Darstellung wohl noch viel erwarten darf in Zukunft) in einem selbst errichteten Camp mit einfachsten Mitteln überleben. Sie sind Aussteiger, die dieses Einsiedlerleben bewusst gewählt haben. Doch dann werden sie entdeckt und in die Zivilisation zurückgebracht, eine Zivilisation, die es prinzipiell gut mit ihnen meint, mit der aber vor allem Will nicht wirklich zurechtkommt, so sehr er auch versucht, den Anschein zu wahren. Ohne romantisierendem Blick, aber auch ohne erhobenem Zeigefinger in Richtung der bösen Zivilisation, erzählt Debra Granik herrlich unaufgeregt und mitfühlend die Geschichte dieses Vater-Tochter-Gespanns, das aus der isolierten Idylle herausgerissen wird. Die Menschen, auf die sie in weiterer Folge treffen, wollen ihnen nichts Böses – im Gegenteil. Es gibt in diesem Film keinen Antagonisten außer dem inneren Dämon, der einen fortdrängt von den Mitmenschen und vom einfachen, Sicherheit versprechenden Weg – und hinein in die Wälder. Dass Granik diese innere Zerrissenheit nur im Kleinen sichtbar macht, ohne sich allzu sehr mit den Fragen nach dem Woher und dem Warum aufzuhalten, macht den Film umso sympathischer. Man muss nicht immer alles durchanalysieren. Es ist schlimm genug, dass diese Dämonen da sind und man mit ihnen leben muss, und dass sie einen irgendwann vor unliebsame  Entscheidungen und deren Konsequenzen stellen. So verändert sich auch merklich die Dynamik zwischen dem eingespielten Team. Tom emanzipiert sich, beginnt zu hinterfragen, zu träumen, zu sehnen, ohne aber etwas von der Verbundenheit zu ihrem Vater und der Liebe, die sie für ihn empfindet, zu verlieren. „Leave No Trace“ ist unspektakulär, aber psychologisch sehr feinfühlig erzählt. Ein Highlight des Filmjahres, ein Aussteiger-Film, der die Schattenseiten eines solchen Lebens nicht verschweigt, aber auch nicht dramatisiert, und durch seinen Realismus noch lange im Gedächtnis bleibt.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)