Autor: Filmkürbis

The Interview (2014)

Regie: Evan Goldberg und Seth Rogen
Original-Titel: The Interview
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Satire
IMDB-Link: The Interview


Wenn ein Film beinahe zu einer Staatskrise und zumindest zu Verstimmungen zwischen zweier Staaten führt, hat er entweder sehr viel richtig oder sehr viel falsch gemacht. Im Falle von „The Interview“, einer grellen Satire von Evan Goldberg und Seth Rogen mit Letzterem in einer der beiden Hauptrollen neben einem komplett überdrehten James Franco, lässt sich nicht so leicht beurteilen, auf welche Seite das Pendel ausschlägt. Denn viele Szenen sind schlicht grandios und (aber)witzig, werden aber im nächsten Moment von wirklich misslungenen Gags unter der Gürtellinie torpediert. Man kann den Film durchaus als bipolar bezeichnen. Zwei Gesichter zeigt auch der von Randall Park gespielte nordkoreanische Diktator Kim Jong-un, dem es an den Kragen gehen soll. Denn der debile Boulevardreporter und sein Produzent, die die einmalige Chance eines Interviews mit Kim Jong-un erhalten, sollen im Auftrag der CIA denselben mittels Verabreichung eines hochdosierten Giftes über den Jordan befördern, bekommen aber Zweifel (zumindest der debile Möchtegern-Starreporter), als sich der Diktator als überraschend zugänglich und jovial zeigt. Und eine Einladung, in einem Panzer ein paar Runden zu drehen, dabei Katy Perry zu hören und Bäume in die Luft zu sprengen, schlägt man nicht gerne aus. Also wird die Mission deutlich komplizierter, als sie zu Beginn ohnehin schon geklungen hat. „The Interview“ lebt von seiner frechen Grundidee und ein paar wirklich bösen Hieben gegen die nordkoreanische Diktatur sowie einem sympathisch spielenden Seth Rogen, verhaut es sich aber, indem er den Regler zu weit aufdreht. Subtilität ist nicht die Sache des Films. Vor allem James Franco personifiziert das Problem, das der Film mit seinem schrillen Zugang hat. Immerhin unterhält der Film recht kurzweilig, und ein paar herzhafte Lacher sind auch dabei. Allerdings kann er auch als Musterbeispiel für verschenktes Potential herhalten.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Ed Araquel – © 2013 CTMG, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Die Königin des Nordens (2021)

Regie: Charlotte Sieling
Original-Titel: Margrete den første
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Historienfilm, Drama, Biopic
IMDB-Link: Margrete den første


„Die Königin des Nordens“ klingt nicht nur wie ein Episodentitel aus „Game of Thrones“, die Intrigen im eisigkalten Skandinavien fühlen sich auch so an, als wären sie aus dem Hirn von George R. R. Martin entsprungen – während einer sehr depressiven Phase seines Lebens. Denn die politischen Scharmützel in der HBO-Erfolgsserie fühlen sich im Vergleich zum historischen Durcheinander rund um Königin Margrethe von Dänemark wie ein Kindergeburtstag an. Huch, da geht es finster zu! Gerade noch hat Königin Margarethe, die an ihres Adoptivsohns statt lieber das Regieren übernimmt, die nordischen Länder in der Kalmarer Union vereint und illustre Hochzeitspläne für ihren Sohn Erik geschmiedet, taucht unverhofft ein Typ auf, der sich als längst für tot geglaubter leibeigener Sohn ausgibt und den Thron für sich beansprucht. A blede Gschicht, wie man so schön sagt. Vor allem, weil dadurch der ganze Hofstaat in Aufruhr ist. Die Norweger sagen, ja, das ist ihr König, die Dänen und Schweden sagen, nein, das ist ein Hochstapler, und Margarethe, mit Grandezza gespielt von Trine Dyrholm, lässt sich nicht in die Karten blicken. Proklamiert sie den jungen Mann zu ihrem leiblichen Sohn, gibt’s Chaos, die Kalmarer Union zerbricht, und aus der Ehe ihres Adoptivsohns mit der Tochter des britischen Königspaars wird es auch nichts. Verleugnet sie ihn, geht’s dem jungen Herrn an den Kragen – dann hätte sie womöglich ihren eigenen Sohn (sofern er es ist) ans Schafott geliefert. Eine Cersei aus Game of Thrones hätte mit dieser moralischen Frage wohl kein Problem gehabt – der Mann wäre am Galgen gebaumelt, bevor sie noch ihr erstes Glas Wein ausgetrunken hätte. Margarethe hingegen plagt sichtlich das Gewissen, und so zittert man als Zuseher auch zwei Stunden gebannt mit, wie im Intrigantenstadel die Karten ständig neu gemischt werden und die Zukunft der Herrscherin, ihres Adoptivsohns und der ganzen Union am seidenen Faden hängen. „Die Königin des Nordens“ ist ein Historiendrama, wie ein Historiendrama sein soll. Vor exzellenten Kulissen und Schauplätzen spielen exzellente Darsteller:innen nach einem exzellenten Drehbuch, in dem jede Szene, sei sie auch noch so klein, von inneren Konflikten und Spannungen getragen wird, sodass keine Sekunde langweilig wird. Ein frühes Highlight in diesem Kinojahr.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Dušan Martinček – © SF Studios, Quelle http://www.imdb.com)

Ministerium der Angst (1944)

Regie: Fritz Lang
Original-Titel: Ministry of Fear
Erscheinungsjahr: 1944
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: Ministry of Fear


Oft hast ein Pech. Da bist du großer Fan von Graham Greene und bekommst die Möglichkeit, einen seiner Romane zu verfilmen, und dann stellst du bei der Lektüre des Drehbuchs fest, dass du eigentlich gar keinen Bock darauf hast, musst das Ding aber jetzt trotzdem durchziehen. So ging’s Regiegigant Fritz Lang mit „Ministerium der Angst“, einem Spionagethriller, der leider an einer reichlich konfusen Story krankt. Aber Fritz Lang wäre nicht Fritz Lang, wenn es ihm nicht gelänge, auch aus dem halbseidenen Stoff einen packenden Thriller mit denkwürdigen Szenen zu schaffen. Die Story: Der eben aus einer Nervenheilanstalt entlassene Stephen Neale (Ray Milland) gewinnt durch Zufall bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung eine Torte. Diese wird ihm im Zug von einem angeblich Blinden abgenommen, der wiederum bei einem Bombenangriff der Deutschen auf Großbritannien getötet wird. Fortan sind Neale allerlei suspekte Gestalten auf den Fersen, und ihm wird auch noch ein Mord angedichtet. Um sich zu retten, muss er also selbst die Ermittlungen aufnehmen und das Komplott, in das er hineingezogen wurde, aufdecken – klassischer Film Noir-Stoff eben. Zugegeben, es ist nicht leicht, den Kapriolen der Geschichte zu folgen. Heute würde man einen solchen Stoff wohl in eine Miniserie verpacken und sich ausreichend Zeit nehmen, alle Verwicklungen sauber aufzubereiten und zu verarbeiten. Der Pluspunkt des Films ist eindeutig die spannungsgeladene Inszenierung, die von gelungenen Bildern begleitet wird. Insgesamt kein Höhepunkt in Fritz Langs Schaffen, aber auch nichts, weswegen er sich schämen müsste.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

House of Gucci (2021)

Regie: Ridley Scott
Original-Titel: House of Gucci
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Krimi, Biopic
IMDB-Link: House of Gucci


Der erste Kinobesuch des Jahres – ein Film, auf den ich mich schon sehr gefreut habe. Ridley Scott gehört zu meinen Lieblingsregisseuren, die Besetzung liest sich großartig, die Story klingt interessant (und ich muss zugeben, dass ich die realen Hintergründe gar nicht auf dem Schirm hatte – diese abgedrehte und abgefuckte Geschichte ist damals komplett an mir vorübergegangen) – alles ist angerichtet für ein Fest. Dass der Film dann doch nicht so geliefert hat, wie ich mir das im Vorfeld erhofft hätte, liegt vor allem an seinen Längen im Mittelteil und einem sehr inhomogen agierenden Cast. Auf der Habenseite sind da Lady Gaga und Adam Driver als Ehepaar Gucci, das sich vom mittellosen und aus dem Clan ausgestoßenem Teil der Familie an die Macht schwingt, vor allem dank Patrizia Guccis skrupellosem Machthunger, auf der anderen Seite agieren ein unkenntlicher Jared Leto, Al Pacino und auch Salma Hayek so, als wären sie eigentlich für eine komödiantische Parodie verpflichtet worden. Vor allem Leto übertreibt maßlos. Der großartige Jeremy Irons pendelt sich da irgendwo in der Mitte ein – seine Rolle ist aber definitiv zu klein, um einen großen Fußabdruck zu hinterlassen. Über den Inhalt möchte ich nicht zu viel verraten. Gut ist aber, dass sich Ridley Scott vor allem auf das Ehepaar Patrizia und Maurizio Gucci konzentriert, ihre sich im Verlauf der Zeit wandelnde Beziehung und die Dynamik dahinter. Sowohl Lady Gaga als auch Adam Driver spielen oscarreif und tragen den Film auch über manche Länge hinweg. Man hätte das alles straffen können, an manchen Stellen wirkt der Film unfokussiert, als hätte Altmeister Ridley Scott Stress beim Arbeiten gehabt. Da wirkt sein im gleichen Jahr erschienenes Historiendrama The Last Duel, auch wenn der Film ebenfalls seine Längen hat, doch noch mal konzentrierter. Dennoch ist „House of Gucci“ sehenswert, allein schon wegen der irren Story gegen Ende hin und dem grandiosen Schauspiel von Lady Gaga. Es ist schon ein bisschen unfair vom Schicksal, die junge Dame sowohl zur Ikone der Musik zu machen als ihr auch noch dieses schauspielerische Talent in die Wiege gelegt zu haben. Wenn die jetzt auch noch malen kann, bin ich endgültig angepisst.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der geheimnisvolle Ritter (1899)

Regie: Georges Méliès
Original-Titel: Le chevalier mystère
Erscheinungsjahr: 1899
Genre: Kurzfilm, Fantasy
IMDB-Link: Le chevalier mystère


Ritter der Tafelrunde mal anders. In diesem Fall ist die Tafel eckig, und der edle Herr, der davor sitzt, malt einen Ritterkopf auf eben diese. Durch Magie wird der zum Leben erweckt und guckt plötzlich recht freundlich aus der Tafel heraus. Damit nicht genug, pflückt der Herr den Kopf, jongliert mit ihm, erschafft aus dem Nichts heraus einen ganzen Ritter, ehe er ihn wieder auf die Tafel verbannt. „Der geheimnisvolle Ritter“ von Georges Méliès ist eine Zauberdarbietung innerhalb des neuen Mediums Film. Wie kein anderer hat Georges Méliès verstanden, Zauberei und Film miteinander zu verbinden. Die Kreativität, die in diesen fantasievollen Kurzfilmen steckt, ist enorm, und die Effekte können selbst heute noch überzeugen. Kein Wunder, dass Méliès zu den bedeutendsten Filmpionieren der Geschichte gehört und ihm selbst Martin Scorsese mit „Hugo Cabret“ ein Denkmal gesetzt hat. „Der geheimnisvolle Ritter“ zeugt jedenfalls von der Brillanz der Méliès’schen Spezialeffekte. Auch wenn der Film im Grunde keine Handlung aufweist und etliche andere Filme des Meisters noch witziger, noch unterhaltsamer sind, kommt man aus dem Staunen kaum heraus.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Rückblick 2021 – Meine Top30-Filme des Jahres

Erst einmal das Wichtigste: Ich hoffe, ihr seid alle gesund und unfallfrei im neuen Jahr angekommen. Jahr 3 der Pandemie – yeah! Dass sich die so ziehen würde wie ein Strudelteig, hätte Anfang 2020 wohl niemand geahnt. Auch pandemiebedingt war 2021 mein Filmjahr sehr stark geprägt von Streaming und weniger von Kinobesuchen. Inklusive Viennale reichte es gerade mal für 43 Kinotickets. 237 weitere Filme wurden im Patschenkino konsumiert, also entweder via Streaming oder DVD. Schändlicherweise ist dieses Jahr meine Quote an Filmen, die von Frauen gedreht wurde, extrem abgerutscht – gerade mal 17% der neu gesichteten Filme wurden von Frauen gedreht, wenn man die wiederholten Sichtungen einbezieht, liegt die Quote gerade mal bei 11% und ist damit wieder auf dem Boden der Realität angekommen. Memo an mich selbst (auch Neujahrsvorsatz genannt): Das geht 2022 besser!

Aber gut, sehen wir uns nun die Reihung meiner Top30-Filme des Jahres an. Dafür in Frage kommen ausschließlich neue Filme (aus 2020 oder 2021), die ich 2021 im Kino gesehen habe, oder Filme, die 2021 ihre Premiere auf Streaming-Anbietern hatte. 51 Filme bleiben nach dieser Kriterien in der Wertung, und das sind meine Top30 daraus. (Aufgrund dieser doch eher geringen Anzahl an Filmen schaffen es dieses Jahr auch Filme mit einer Wertung von 6,5 Kürbissen in die Top30. Auch in dieser Hinsicht darf 2022 durchaus wieder besser werden.)

Platz 1: Promising Young Woman (von Emerald Fennell) – 8,5 Kürbisse
Hui, was für ein fieser, großartig inszenierter Film! Carey Mulligan spielt grandios, aber es ist vor allem das kompromisslose und konsequente Drehbuch, das den Film zum Ereignis werden lässt. Völlig verdient heimste Emerald Fennell dafür den Oscar für das beste Original-Drehbuch ein.

Platz 2: Dune (von Denis Villeneuve) – 8,5 Kürbisse
Das Buch konnte mich nicht mitreißen, der Film hingegen schon. Visuell wohl die großartigste Erfahrung, die man 2021 im Kino machen konnte, auch das Sounddesign und der Soundtrack sind hervorragend – das ist Kino für die große Leinwand, und ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung.

Platz 3: The Suicide Squad (von James Gunn) – 8,5 Kürbisse
Der Spaßmacher des Jahres. Einfach mal tun, worauf man Lust hat, egal, wie abgedreht es zu sein scheint – das war wohl James Gunns Motto für das Reboot des Suicide Squads, und zumindest bei mir hat diese Prämisse ausgezeichnet funktioniert. Es liegt wohl an meinem infantilen Humor, aber keinen anderen Film des Jahres fand ich so witzig wie diesen.

Platz 4: Ali & Ava (von Clio Barnard) – 8,5 Kürbisse
Ein überraschendes Highlight der diesjährigen Viennale. Eine Liebesgeschichte, die komplett unprätentiös kulturelle und altersbedingte Barrieren überspringt und zudem mit einem grandiosen Soundtrack aufwartet. Ein kleiner Film, der viel mehr Beachtung finden sollte.

Platz 5: Lamb (von Valdimar Jóhannsson) – 8,0 Kürbisse
Einer der (im positiven Sinne) seltsamsten Filme des Jahres. Die Isländer sind ja schon per se ein merkwürdiges Völkchen, und wenn sie dann noch verquere Mythologie in ein Familienhorrordrama packen, dann wird es so richtig seltsam. Aber auf eine gute Weise.

Platz 6: Red Rocket (von Sean Baker) – 8,0 Kürbisse
Hach, Sean Baker. Der hat mit „The Florida Project“ einen meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre vorgelegt, und auch wenn „Red Rocket“ knapp hinter der Klasse seines vorigen Films zurückbleibt, so ist der einerseits ein großer und frecher Spaß und andererseits auch eine sehr genaue Betrachtung der mittellosen Gesellschaftsschicht im Süden der USA.

Platz 7: Spider-Man: No Way Home (von Jon Watts) – 8,0 Kürbisse
Der Abschluss der Spider-Man Homecoming-Trilogie ist bestes Fan-Pleasing. Spider-Man-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten, doch auch der Rest der Welt bekommt gut gemachte und kurzweilige Unterhaltung serviert. Und Tom Holland ist ohnehin ein extrem sympathischer Spider-Man.

Platz 8: Cruella (von Graig Gillespie) – 8,0 Kürbisse
Zugegeben, von diesem Film habe ich mir nicht allzu viel erwartet. Doch Craig Gillespie hat einen flott inszenierten und von Emma Stone perfekt getragenen Film vorgelegt, der mehr an das freche Biopic „I, Tonya“ erinnert als an Disney-Filme.

Platz 9: The French Dispatch (von Wes Anderson) – 8,0 Kürbisse
Wie schon in meiner Kritik geschrieben: Das ist wohl der Wes Anderson-Film für Wes Anderson-Hardcore-Nerds, also für Leute wie mich. Allen anderen mag er in seiner Stilistik vielleicht zu extrem sein, auch zünden nicht alle Episoden gleichermaßen, aber für mich als Fan dieses ganz speziellen Zugangs zum Medium Film ist der ein wahres Fest.

Platz 10: The Power of the Dog (von Jane Campion) – 7,5 Kürbisse
Aktuell der Frontrunner in Sachen Oscars, und ja, von dem Film werden wir in den nächsten Wochen berechtigterweise noch viel hören und lesen. Jane Campion ist ein ganz fieser Western gelungen, der Erwartungshaltungen konsequent aufbaut und genauso konsequent unterläuft. Mir hat’s gefallen.

Platz 11: Titane (von Julia Ducournau) – 7,5 Kürbisse

Platz 12: Free Guy (von Shawn Levy) – 7,5 Kürbisse

Platz 13: A Chiara (von Jonas Carpignano) – 7,5 Kürbisse

Platz 14: Encanto (von Jared Bush und Byron Howard) – 7,5 Kürbisse

Platz 15: Alien on Stage (von Lucy Harvey und Danielle Kummer) – 7,5 Kürbisse

Platz 16: The Witches of the Orient (von Julien Faraut) – 7,5 Kürbisse

Platz 17: Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (von Lee Isaac Chung) – 7,5 Kürbisse

Platz 18: Wife of a Spy (von Kiyoshi Kurosawa) – 7,5 Kürbisse

Platz 19: Luca (von Enrico Casarosa) – 7,0 Kürbisse

Platz 20: Malcolm & Marie (von Sam Levinson) – 7,0 Kürbisse

Platz 21: Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (von Destin Daniel Cretton) – 7,0 Kürbisse

Platz 22: The Last Duel (von Ridley Scott) – 7,0 Kürbisse

Platz 23: Das Ereignis (von Audrey Diwan) – 7,0 Kürbisse

Platz 24: Lapsis (von Noah Hutton) – 7,0 Kürbisse

Platz 25: A Quiet Place 2 (von John Krasinski) – 7,0 Kürbisse

Platz 26: Black Widow (von Cate Shortland) – 7,0 Kürbisse

Platz 27: Don’t Look Up (von Adam McKay) – 6,5 Kürbisse

Platz 28: tick, tick … BOOM! (von Lin-Manuel Miranda) – 6,5 Kürbisse

Platz 29: James Bond 007: Keine Zeit zu sterben (von Cary Joji Fukunaga) – 6,5 Kürbisse

Platz 30: Hinterland (von Stefan Ruzowitzky) – 6,5 Kürbisse

Und was waren eure Filme des Jahres?

Die entfesselte Silvesternacht (1998)

Regie: Marco Risi
Original-Titel: L’ultimo capodanno
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Komödie, Satire, Episodenfilm
IMDB-Link: L’ultimo capodanno


Hach, der Jahreswechsel. In wenigen Stunden ist es wieder soweit, und ganz Österreich folgt seinen Traditionen: Fondue / Raclette essen, die Mundl-Silvesterepisode schauen, Dinner for One schauen, Donauwalzer tanzen, dabei zusehen, wie wortwörtlich Geld verpulvert wird und sich dermaßen einen hinter die Binde kippen, dass man es am nächsten Morgen frühestens zum Radetzkymarsch, eher aber zum zweiten Durchgang des Neujahrsspringens aus dem Bett schafft. Auch die Italiener:innen können das. Während es bei uns eher die vielen Bierchen und der Zirbenschnaps sind, die uns in die Horizontale verabschieden, hat man unsere südlichen Nachbarn in Verdacht, den gleichen Effekt mit Wein und Grappa zu erzielen. Ansonsten sind die Unterschiede aber marginal, wenn man Marco Risi Glauben schenken darf. Da wie dort pures Chaos und Anarchie. „Die entfesselte Silvesternacht“ könnte genauso gut im Schöpfwerk oder im Marxerhof stattfinden. Da ist die betrogene Ehefrau, die während der Silvesterfeier mit Freunden auf Rache sinnt. Da ist die ältere Dame, in diesem Fall eine vermögende Baronin, die sich einen Gigolo leistet. Da ist die Frau, deren Mann vor Jahren verschollen ist, und die nun zu Silvester Schluss machen möchte, als sie eine unerwartete Nachricht erhält. Da sind die beiden bekifften Teenager, die eine Stange Dynamit im Rucksack versteckt haben. Da sind der besoffene, grölende Fußballclub, die Gangster, der Familienvater und Anwalt, der sich mit einer Domina vergnügt, die spießige Familie, die sich in einen Kleinkrieg hineinziehen lässt – der ganz normale Wahnsinn eben. Gut, vielleicht ein bisschen überspitzt, denn so viel sei verraten: „Die entfesselte Silvesternacht“ steht durchaus in der satirischen Tradition des österreichischen Kultfilms „Muttertag“, der auch die Absonderlichkeiten der Bewohner:innen eines Häuserblocks ans Tageslicht fördert, wenngleich die italienische Variante wie auf Speed wirkt und das Thema statt mit der schönen, österreichischen Hinterfotzigkeit auf eine brachiale Holzhammerweise angeht. Leider aber vergisst die Komödie dabei auf den Witz. Eine gute Komödie erkennt man daran, dass sie uns zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln bringt. Eine schlechte Komödie ist dann per definitionem das Gegenteil davon. Und damit haben wir es hier zu tun. Da reißt auch eine bildhübsche Monica Bellucci als gehörnte Ehefrau nichts mehr raus. Dass sie dafür mit dem renommierten italienischen Schauspielpreis Globo d’oro bedacht wurde, passt irgendwie zu einem Film, bei dem fast nichts wirklich passt.


3,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Encanto (2021)

Regie: Jared Bush und Byron Howard
Original-Titel: Encanto
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Animation, Musical
IMDB-Link: Encanto


Disney hat, wie es aussieht, ganz gut bei Pixar hingeschaut. Pixar-Filme erfreuen sich unter anderem deshalb so großer Beliebtheit, weil sie neben herausragenden Animationen auch immer hochemotionale Geschichten erzählen, in denen Werte wie Familie, das Aufwachsen und Freundschaft wundervoll zelebriert werden, ohne dass diese durch billige Gags torpediert werden. „Encanto“ ist so etwas wie Disneys Pixar-Film. Dass man sich heutzutage durchaus ethnisch öffnen kann und Helden mit anderen Hautfarben und aus anderen Kulturkreisen in den Vordergrund rücken darf, hat Pixar mit Coco oder Soul ja schon mehrfach bewiesen. Und auch Disney selbst unternahm mit Vaiana schon erste Schritte in die richtige Richtung. In „Encanto“ wird der Zuseher nun in ein magisches Dorf in Kolumbien geführt, in dem alle Familienmitglieder der Madrigals besondere Fähigkeiten haben, nur die aufgeweckte und mit Locken und Brille wundervoll antiprinzessenhafte Mirabel ging bei der Vergabe der magischen Talente leer aus – sehr zum Missfallen der Matriarchin Abuela. Doch man kann sich darauf verlassen, dass es gerade die unscheinbare Mirabel ist, auf die es ankommt, als sich eine dunkle Bedrohung am Horizont zusammenbraut. „Encanto“ ist ein animiertes Musical und eine entzückende Familiengeschichte. Für die Songs zeichnet Lin-Manuel Miranda verantwortlich, der seit einigen Jahren einen Lauf hat. In diesem Fall sind aber gerade die Songs (und da darf man durchaus geteilter Meinung sein) der für mich größte Schwachpunkt des Films. Man versucht, modern und peppig zu sein, aber leider bleibt kaum ein Song im Ohr. Immerhin sind die Songs nicht nervig, das kann man schon mal auf der Habenseite verbuchen, aber es klingt halt alles recht belanglos. Dafür funktioniert die Kerngeschichte, die einen sehr emotionalen Höhepunkt findet. Man hätte das Ende sogar noch etwas konsequenter ausfallen lassen können, aber gut, das verbietet wohl die Disney-DNA. Dennoch: Smells like Oscars. Und auch wenn ich mich freuen würde, wenn molto simpatico Luca aus der Schwesterfabrik Pixar den Goldjungen mit nach Hause an den Meeresgrund nehmen könnte, wäre „Encanto“ definitiv eine gute Wahl.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Disney/DISNEY – © 2021 Disney, Quelle http://www.imdb.com)

Raya und der letzte Drache (2021)

Regie: Don Hall und Carlos López Estrada
Original-Titel: Raya and the Last Dragon
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Animation, Abenteuerfilm, Fantasy
IMDB-Link: Raya and the Last Dragon


Disney hat es tatsächlich getan: eine Disney-Prinzessin erschaffen, die nicht auf der Suche nach dem Märchenprinzen ist. O tempora, o mores! Noch dazu hat die junge Raya sowohl sprichwörtlich als auch wortwörtlich die Hosen an, sie kämpft mit einem Schwert und kann richtig sauer werden. Aber gut, das wäre ich wohl auch, wenn ich nach einer verratenen Freundschaft mit ansehen müsste, wie mein Vater zu Stein verwandelt wird. Um das ungeschehen zu machen, durchstreift sie das von finsteren Mächten verwüstete Land auf der Suche nach den Bruchteilen eines Edelsteins mit Drachenpower. Dabei stößt sie auf Sisu, den letzten Drachen, und gemeinsam stehen die beiden vor der großen Aufgabe, ein gespaltenes Land zu vereinen und das Böse von der Erde zu tilgen. Das alles wird natürlich mythologisch aufgeladen erzählt, sodass es nach mehr klingt, als es ist, aber die Story ist hübsch genug gestrickt, um den Zuseher bei der Stange zu halten. Generell macht der Animationsfilm nicht viel falsch, ohne aber den Eindruck besonderer Kreativität zu erwecken, wie man es von den besten Pixar-Filmen kennt. Gleichzeitig sind die Animationen liebevoll und detailreich gestaltet, sodass man dem Film nicht attestieren kann, ein Produkt von der Stange zu sein. Auch wirkt das Werk vor allem in den Kampfszenen deutlich reifer und emanzipiert. Männer haben hier generell wenig zu sagen. Das größte Problem des Films (für mich) ist der Drache selbst. Der ist eher aus der My Little Pony-Edition – man kann es mit dem Niedlichkeitsfaktor auch übertreiben. Kleine Mädchen werden ihre Freude damit haben, der Rest sollte sich besser gegen den Zuckergussregen wappnen. Davon abgesehen macht der Film aber durchaus Spaß. Kein Meisterwerk, aber ein sehr solider Film, den man sich gerne mal ansehen kann.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Disney/DISNEY – © 2021 Disney, Quelle http://www.imdb.com)

Don’t Look Up (2021)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: Don’t Look Up
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Satire
IMDB-Link: Don’t Look Up


In Adam McKays Satire „Don’t Look Up“, dieser Tage auf Netflix erschienen, reden sich Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence als Astronomen den Mund fusselig, als sie einen Kometen entdecken, der direkt in Richtung Erde angerauscht kommt. Das Erstaunliche an dem Film ist vor allem sein Timing. Geschrieben 2019, also noch vor der Pandemie und damit verbundenen Massenverblödung durch Covidioten und Verschwörungstheoretiker, greift die Story ziemlich akkurat den Entwicklungen der vergangenen beiden Jahre vor. Präsidentin Orlean (Meryl Streep) ist dabei so etwas wie ein weiblicher Trump, an der die Stimmen der Vernunft abprallen wie die Wellen an der Küste von Dover. Generell konnte man für den Film eine Art Hollywood-Allstar-Cast gewinnen. Jonah Hill, Cate Blanchett (bis zur Unkenntlichkeit als Fernsehtussi aufgeschminkt), Mark Rylance, Timothée Chalamet, Ariana Grande, Ron Perlman, Melanie Lynskey, Tyler Perry, Rob Morgan – niemand wollte es verpassen, seinen Beitrag zu diesem Rundumschlag gegen die Auswüchse von Ignoranz und Dummheit zu leisten. In seinen besten Momenten ist „Don’t Look Up“ eine sehr schwarzhumorige, zynische Abrechnung mit der durch Medienhysterie, Desinformation und politischen Machtspielchen fehlgeleiteten Gesellschaft, die sich rasant zurückentwickelt in Richtung Mittelalter und der damit verbundenen Wissenschaftsleugnung. Die Scharfsinnigkeit McKays kann man schon fast als prophetisch bezeichnen. Mehrmals bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Allerdings ist der Film – bei aller Hellsichtigkeit – nicht rundum gelungen, und es gibt genug Raum für Kritik. So passt zum Beispiel das Erzähltempo nicht. Vor allem im Mittelteil schleichen sich etliche Längen ein, und der Film wirkt manchmal etwas unentschlossen, was er mit seiner Vielzahl von Figuren überhaupt anfangen möchte. Auch hätte man interessante Aspekte wie die Spaltung der Gesellschaft angesichts der drohenden Apokalypse noch mehr beleuchten können. Aus leidvoller Erfahrung wissen wir nun, dass die Gräben in einer solchen Situation noch tiefer sind, als es McKay beim Schreiben seines Drehbuchs vermutet hat. Als Fazit lässt sich sagen: „Don’t Look Up“ ist der richtige Film zur richtigen Zeit (auch wenn er nicht das richtige Publikum finden wird), und die Relevanz des Themas bügelt so einige handwerkliche Schwächen glatt.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)