Autor: Filmkürbis

Bullet Train (2022)

Regie: David Leitch
Original-Titel: Bullet Train
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Komödie, Action
IMDB-Link: Bullet Train


Brad Pitt fährt Zug. Und weil er einen nicht ganz legalen Auftrag hat, nämlich in diesem Zug von Tokyo nach Kyoto (einer von diesen extrem schnellen japanischen Shinkansen-Zügen) ein Köfferchen zu entwenden, darf man sich als Zuseher schon darauf einstellen, dass diese Zugreise nicht viel gemein hat mit den üblichen Railjet-Fahrten von Wien nach Salzburg hierzulande. Nicht einmal Verspätung haben diese japanischen Geschosse. Gut, „Ladybug“, so der Codename des von Pitt gespielten Glücksritters, muss also ein Gepäckstück klauen und beim nächsten Bahnhof mit diesem abdampfen. Klingt eigentlich nicht so stressig. Allerdings muss er schon bald feststellen, dass er nicht der Einzige im Zug ist, der einen sinisteren Plan verfolgt. Da wären beispielsweise die dubiosen „Zwillinge“ (Brian Tyree Henry und Aaron Taylor-Johnson), die eine vormalig gekidnappte Mafia-Brut sicher nach Hause geleiten soll. Dann ist da ein liebes Mädel (Joey King), das ganz unladylike ordentlich austeilen kann. Ein verzweifelter Vater mit einer Waffe (Andrew Koji) treibt sich auch noch herum. Und das sind nicht mal alle seltsamen Gestalten, die diesen Zug noch betreten sollen. Schon bald findet sich Ladybug in einer recht verzweifelten Lage wieder, die, auch wenn er der Gewalt abschwören und nach friedlichen Auswegen suchen wollte, die Mortalitätsrate in seiner unmittelbaren Umgebung sprunghaft ansteigen lässt. „Bullet Train“ von David Leitch, der auch schon Deadpool in sein zweites Abenteuer gestürzt hat, ist ein vergnügliches und irrwitziges Action-Spektakel, in das sich Brad Pitt mit sichtlichem Genuss stürzt. Der Film lebt von seiner Performance, auch wenn der Rest des Casts ebenfalls für Brüller sorgt, doch die verwirrten Blicke von Brad Pitt angesichts der immer absurder werdenden Lage und seine verzweifelten Versuche, das Gespräch mit jenen zu suchen, die ihm an den Kragen wollen, sind einfach saukomisch. Die Action sitzt auch und ist immer einen kleinen Tick over the top, sodass man sich schon händereibend auf die nächste Keilerei freut. Ist das anspruchsvolles Kino? Nein. Aber extrem unterhaltsames.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Scott Garfield – © 2022 CTMG, Quelle http://www.imdb.com)

Der Dummschwätzer (1997)

Regie: Tom Shadyac
Original-Titel: Liar Liar
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Komödie
IMDB-Link: Liar Liar


Jim Carrey. In vielen Filmen in den 90ern zu sehen, in fast ebenso vielen nur schwer ertragbar. Dabei ist Carrey ein wirklich begnadeter Darsteller. Siehe „Die Truman Show“, „Der Mondmann“, aber auch seine Mini-Rolle in The Bad Batch. Das Problem ist halt: Hat man so ein Gummigesicht wie Jim Carrey, wird das natürlich monetarisiert. „Der Dummschwätzer“ von Tom Shadyac aus dem Jahr 1997 ist ein Beispiel dafür. 83 Minuten lang geht es darum, Jim Carrey möglichst viele Grimassen schneiden zu lassen. Dabei weist der Film eine wirklich nette Prämisse auf: Carrey spielt den verlogenen Anwalt Fletcher Reede, der, nach einem weiteren, von Ausreden übertünchten Vergessen des Geburtstages, von seinem schwer enttäuschten Sohn in die Bredouille gebracht wird. Der wünscht sich nämlich zum Geburtstag nichts Anderes, als dass der liebe Papa einen ganzen Tag lang nicht lügen kann. Und genau das widerfährt Fletcher nun. Blöd, dass er gerade kurz vor der Beförderung zum Partner seiner Anwaltskanzlei steht und einen wichtigen, sprich: finanziell lukrativen Fall vertritt, und zwar auf der moralisch falschen Seite des Gerichtsstands. Diese 24stündige Wahrheitspflicht kommt Fletcher natürlich nicht wirklich recht, aber, Hollywood sei Dank, sie bieten immerhin ausreichend Zeit zur Läuterung. Unter den mäßigen Komödien Jim Carreys ist „Der Dummschwätzer“ (bzw. „Liar Liar“, wie er im Original heißt) eine, die zumindest nicht noch negativer abfällt. Der Film hat seine Momente, und Jim Carrey kann mit seinen Gesichtsausdrücken halt grandios unterhalten, wenn er sie richtig einsetzt. Dennoch gibt es deutlich bessere Familienkomödien und, mit Verweis auf die oben genannten Filme, auch viel, viel bessere Jim Carrey-Filme.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Getty Images/Getty Images, Quelle http://www.imdb.com)

Beyond the Infinite Two Minutes (2020)

Regie: Junta Yamaguchi
Original-Titel: Droste no hate de bokura
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Science Fiction, Komödie
IMDB-Link: Droste no hate de bokura


Was ist die wichtigste Zutat für einen gelungenen, unterhaltsamen Film? Die Antwort ist ganz einfach: Eine originelle Idee, die konsequent und mit handwerklichem Geschick umgesetzt wird. „Beyond the Infinite Two Minutes“, das Regiedebüt von Junta Yamaguchi, hat genau diese Zutat in ihrer geschmackvollsten Form. Gäbe es einen Oscar für Originalität, der hätte fix nach Japan gehen müssen. In diesem handwerklich einfach gehaltenen, aber inhaltlich komplexen Low-Budget-Film entdeckt ein Kaffeehausbesitzer, dass sein Monitor im Café und jener in seinem Zimmer über dem Café miteinander verbunden sind. Der untere Bildschirm zeigt zwei Minuten in die Zukunft. Nun sind zwei Minuten relativ unspektakulär – große Weissagungen a la Nostradamus lassen sich damit nicht machen. Aber ein Freund von Kato, dem Kaffeehausbesitzer, hat schon bald die Idee, die beiden Bildschirme so aufzustellen, dass sie einander ansehen und so einen sogenannten Droste-Effekt zu erzeugen – das ist, wenn ein Bild ein Bild zeigt, das das Bild zeigt, das das Bild zeigt etc. Und plötzlich geht der Blick in die Zukunft schon weiter – mit allerlei vergnüglichen und aberwitzigen Folgen. „Beyond the Infinite Two Minutes“ ist einer jener Filme, die vom Zuseher höchste Konzentration erfordern, da man sonst schlicht mit diesem minutenweisen Herumhüpfen zwischen Zukunft und Vergangenheit überfordert ist. Gleichzeitig aber, und das macht den Film so besonders, ist das keine große Anstrengung oder Arbeit, denn Yamaguchi inszeniert seine Sci-Fi-Story mit viel Augenzwinkern und ist immer auf den Unterhaltungswert bedacht. So ist der Film zwar clever gestrickt, aber in erster Linie macht er Spaß. An das Overacting der Laientheatertruppe, die für den Film rekrutiert wurde, muss man sich vielleicht zu Beginn erst einmal gewöhnen, aber genau das trägt dann auch zum Charme des Films bei, der so handwerklich unbedarft wirkt, aber mit seiner originellen Story fast schon als Geniestreich bezeichnet werden kann.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Jumanji (1995)

Regie: Joe Johnston
Original-Titel: Jumanji
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Abenteuerfilm
IMDB-Link: Jumanji


Jetzt mal alle Hoch die Hände, die in den 1980ern geboren sind. Und ihr könnt die Patschhanderl gleich oben lassen, wenn ich gleich im Anschluss frage, wer in seiner Kindheit / Jugendzeit „Jumanji“ von Joe Johnston mit dem unvergessenen Robin Williams, einer blutjungen Kirsten Dunst sowie Bonnie Hunt und Bradley Pierce in den Hauptrollen gesehen hat. „Jumanji“ gehört einfach zum Aufwachsen in den 90ern dazu wie auch Jurassic Park (obwohl viele den ob seiner blutrünstigen Szenen nicht auf der großen Leinwand, sondern verschreckt unter den Polster gekauert zuhause im Patschenkino gesehen haben) oder Titanic. Apropos „Jurassic Park“: Eben jener Joe Johnston, der mit dem ersten Jumanji-Film ein vergnügliches Abenteuer für Groß und Klein auf die Leinwand gezaubert hat, ist verantwortlich für den dritten Jurassic Park-Film, der, selbst bei großer Liebe für Dinosaurier, in keinem Moment die Magie und Spannung der ersten beiden Filme erreichen konnte. Dass Johnston aber ein solider Regisseur ist, beweist er mit „Jumanji“ ausreichend. Das berühmte Brettspiel mit den übernatürlichen Kräften, das durch in Mark und Bein gehendes Trommeln auf sich aufmerksam macht und seine Spielzüge gefährliche Realität werden lässt, ist eine pfiffige Idee, die das Special Effects-Team vor einige Aufgaben gestellt hat. Manche sind grandios gelöst, andere halt durch die damaligen technischen Möglichkeiten limitiert. So sind einige Animationen heute nicht mehr wirklich State of the Art, aber das Schöne an dem Film ist, dass es bei einem so gut aufgelegten Robin Williams und der humorvollen, temporeichen und fast schon überdrehten Action eigentlich egal ist, ob die computeranimierten Affen nun klar als solche erkennbar sind oder das Krokodil aus Gummi ist. In diesem Sinne ist „Jumanji“ als Film deutlich besser gealtert als seine Technik, und es bereitet auch heute noch großes Vergnügen, in dieses witzige Abenteuer einzutauchen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Columbia/Tristar – © 1995 TriStar Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter (2022)

Regie: Richard Linklater
Original-Titel: Apollo 10 1/2: A Space Age Childhood
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation, Science Fiction, Komödie
IMDB-Link: Apollo 10 1/2: A Space Age Childhood


Wenn ich irgendwo Richard Linklaters Namen lese, werde ich schon mal hellhörig. Denn der Mann hat ein sehr gutes Gespür für emotional mitreißende Filme, die dabei jegliche Nähe zum Kitsch gekonnt vermeiden. Meistens witzig und originell und mit einer eigenen Sicht auf die Dinge. In „Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ bedient sich Linklater mal wieder der Technik der Rotoskopie. Hierbei werden reale Aufnahmen in der Nachbearbeitung in einen Animationsstil überführt – das Verfahren selbst erinnert an das gute, alte Abpausen mit Transparentpapier. Im Falle von Linklater ist das Ganze natürlich ein wenig komplexer gehalten. Ziel ist es, die Realität auf das Wesentlichste zu reduzieren. Und apropos Reduktion: Die gibt auch die (sehr witzige) Hauptprämisse des Films vor. Die USA stehen kurz vor der Apollo 11-Mission, die den ersten Mann auf den Mond bringen soll. Das Problem: Versehentlich haben sie die Landekapsel etwas zu klein gebaut. Um in der Zwischenzeit, bis eine etwas größere Kapsel gebaut ist, nicht untätig Däumchen drehen zu müssen, schickt man kurzerhand in einer Top-Secret-Mission jemanden auf den Mond, der klein genug für die Kapsel ist. Mit dem raumfahrtbegeisterten 10-jährigen Stanley haben sie auch bald genau den richtigen Kandidaten für dieses Abenteuer. „Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ ist ein liebevoll gezeichnetes Schelmenstück, das einerseits das Nostalgiegefühl der 60er Jahre und der ersten Mondlandung heraufbeschwört, andererseits aber auch über Erinnerungen und deren Lücken und subjektiven Einordnungen reflektiert. Es mag nicht einer der „großen“ Filme von Linklater sein (man erinnere sich nur an dieses über ein Jahrzehnt dauernde Mammut-Projekt „Boyhood“), aber der Film ist eine sympathische Zeitreise, der man gerne folgt.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Das Seeungeheuer (2022)

Regie: Chris Williams
Original-Titel: The Sea Beast
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation
IMDB-Link: The Sea Beast


Produzent: „Okay, wir brauchen mal wieder einen aufwendigen Animationsfilm, der das jüngere Zielpublikum auf Netflix anspricht. Was war denn in den letzten Jahren recht erfolgreich? Ach ja, diese Drachenzähmen-Filmreihe. Die kopieren wir einfach. Aber wir brauchen da einen neuen Blickwinkel. Vielleicht irgendwas mit dem Meer? Disney hat ja mit Moana auch einen schönen Film gedreht, der am Meer spielt. Super. Aber jetzt noch ein dunkles Element. So einen besessenen Captain Ahab vielleicht. Natürlich muss es am Ende eine Feelgood-Story werden, keine Frage, das Kind rettet die Welt, in dem Fall eine süße, toughe Abenteurerin, die durch Zufall einen väterlichen Freund gewinnt und den natürlich auch zum Guten bekehrt. Ach ja, schwarz sollte sie sein, wir leben ja nicht mehr in den 90ern. Passt, jetzt noch einen eingängigen Titel – einfach und eindeutig. Das Seeungeheuer – ja, das ist es!“ So in etwa kann man sich manche Entscheidungsprozesse zu Filmen vorstellen. Jedenfalls ist der Gedanke naheliegend, wenn so ein klares Rip-Off (in diesem Fall eben von Drachenzähmen leicht gemacht) auf die Leinwand bzw. den Bildschirm gebracht wird wie „Das Seeungeheuer“. Dabei ist der Film gut gemacht, unterhaltsam und mit einer positiven Botschaft sowie einer tollen Heldin versehen. Wäre die Geschichte nicht so dermaßen aufgewärmt und offensichtlich abgekupfert von früheren Erfolgsfilmen, hätte das ein richtig toller Film sein können. Man hat das Gefühl, selbst bei der ersten Sichtung schon mitreden zu können. Kein einziger Moment des Films, keine Szene kommt wirklich überraschend. Dennoch hat „Das Seeungeheuer“ Unterhaltungswert, was das große Potential zeigt, das der Film gehabt hätte, wäre er zehn bis fünfzehn Jahre früher erschienen. So ist er jedoch fast schon als Plagiat zu werten. Immerhin ist er eine gut gemachte Kopie, das muss man ihm zugute halten.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2022 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

In einem Land vor unserer Zeit (1988)

Regie: Don Bluth
Original-Titel: The Land Before Time
Erscheinungsjahr: 1988
Genre: Animation
IMDB-Link: The Land Before Time


Jede Generation braucht ihr Zeichentrickfilmtrauma. Unsere Großeltern und Eltern hatten „Bambi“, wir „In einem Land vor unserer Zeit“. Es gehört einfach zur persönlichen Entwicklung dazu, im Alter von 6-8 Jahren emotional durch den Fleischwolf gedreht zu werden – schließlich muss die nächste Generation an Psychotherapeut:innen und Apotheker:innen beruflich versorgt werden. So läuft das Radl. Und ganz ehrlich, wer nach dem Ableben von Littlefoots Mama im Kampf gegen den bösen Scharfzahn nicht den Impuls hat, eine halbe Flasche Wodka in die heiße Schokolade schütten zu wollen, um den Schmerz zu betäuben, hat wohl die emotionale Bandbreite eines Grashalms. Jedenfalls muss sich Littlefoot nach diesem tragischen Ereignis, bei dem er auch noch von der Herde getrennt wird, allein auf den langen Weg zum großen Tal machen, wo Milch und Honig fließen sollen. Doch glücklicherweise bleibt er nicht lange allein, denn die notorische Besserwisserin Cera, die ängstliche Ducky, der stoische Spike und Petrie, der Flugsaurier, der nicht fliegen kann, leisten ihm schon bald Gesellschaft und bestehen gemeinsam alle Abenteuer. Natürlich ist „In einem Land vor unserer Zeit“ nicht mehr auf dem modernsten Stand des Unterhaltungsstandards – der Film geht trotz der kurzen Laufzeit von knapp über einer Stunde sehr gemächlich mit seinen Held:innen um, aber trotzdem weiß der süß gemachte Animationsfilm auch heute noch zu unterhalten – und zu traumatisieren. Man kann ihn getrost zeitlos nennen, was wiederum recht gut zum Filmtitel passt.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Gray Man (2022)

Regie: Anthony und Joe Russo
Original-Titel: The Gray Man
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action
IMDB-Link: The Gray Man


Ryan Gosling hat die Pandemie und die damit einhergehenden Lockdowns sehr ernst genommen und erst einmal vier Jahre lang gar nichts gemacht. Für seinen Comeback-Film hat er sich mit den Russo-Brüdern zusammengetan, die ja schon mit den Avengers-Filmen für actionreiches und unterhaltsames Spektakel gesorgt haben – „The Gray Man“ soll nun in die gleiche Kerbe schlagen. Die Russo-Brüder wiederum haben gute Erfahrungen mit Chris Evans gemacht, und der nutzt gleich mal die Gelegenheit, sein Saubermann-Image als Captain America etwas anzukratzen. Und Chris Evans wiederum hat sich wohl an Ana de Armas erinnert, mit der er schon in Knives Out zusammengespielt hat. Oder war die Besetzung von de Armas eine Empfehlung von Gosling, der sich in Blade Runner 2049 von ihr anschmachten ließ? Alle gehören irgendwie zusammen, und man hat den Eindruck, dass es derzeit keine anderen Schauspieler:innen oder Filmemacher:innen gibt als die an „The Gray Man“ Beteiligten (trotz Goslings Pause) – plus Ryan Reynolds natürlich. Und damit wären wir bei Netflix‘ derzeitiger „Erfolgsformel“: Man nehme unbedingt etwas, das die geneigten Zuseher schon in- und auswendig kennen, stülpe da ein etwas anderes Setting darüber, und fertig ist der Blockbuster. Im Fall von „The Gray Man“ hat man sich das richtig was kosten lassen, 200 Millionen Dollar wechselten die Besitzer. Sieht man das dem Film an? An mancher Actionsequenz vielleicht – da wird schon mal ganz Prag in Schutt und Asche gelegt, weil es das Drehbuch verlangt. Aber hätte man alles, was im Drehbuch steht, auch so umsetzen müssen? Herrgott nein, denn genau das ist ja das Problem bei diesem hirnlosen Actionkracher von der Stange. Da ist kein einziger origineller Gedanke zu finden. Selbst die kümmerlichen Dialoge sind aus der Retorte. Klischee jagt Klischee. Einzig Chris Evans‘ imposanter Pornobalken sticht da kreativ hervor, aber der allein trägt halt keinen Film. Anscheinend soll „The Gray Man“ der Auftakt zu einer ganzen Filmreihe sein. In diesem Fall muss ich sagen: Bitte lieber nicht.


4,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2022 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Alcohol and its Victims (1902)

Regie: Ferdinand Zecca
Original-Titel: Alcohol and its Victims
Erscheinungsjahr: 1902
Genre: Drama, Kurzfilm
IMDB-Link: Les victimes de l’alcoolisme


Die österreichische Antwort auf alle Probleme seit Sisi Gedenken bzw. generell seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 996 besteht aus Alkohol und Psychopharmaka. So hat’s unser Kanzler bestätigt, also Prost! Diese Problemlösungskompetenz ist allerdings nicht allein auf unser lustiges Völkchen beschränkt. Auch die Franzosen bechern, was das Zeug hält, was Emile Zola schon zu seinem Roman „L’Assommoir“ inspiriert hat. Diesen wiederum greift 1902 Ferdinand Zecca, einer der französischen Filmpioniere, auf, um in recht einfach gestrickten Mustern vom alkoholinduzierten Drama innerhalb einer Arbeiterfamilie zu berichten. Das Ganze wird zeitgerecht in ökonomischen 5 Minuten abgespult, Subtilität findet hier (noch) keinen Platz. Die Story wird vielmehr mit dem Holzhammer eingeprügelt, aber andere Zeiten, andere Sitten. Bis zu Bela Tarrs siebeneinhalbstündigem Satanstango, der Speerspitze des indirekten Erzählens, sollten noch mal gute 90 Jahre vergehen. Was von Ferdinand Zeccas Kurzfilm bleibt, ist immerhin ein erstes Bemühen, solch ernste Themen dramatisch auf der Leinwand zu verarbeiten. Der Wille zählt hier mehr als das Werk, aber man muss es eben im Kontext der Zeit betrachten.


5,5 Kürbisse

Take Shelter – Ein Sturm zieht auf (2011)

Regie: Jeff Nichols
Original-Titel: Take Shelter
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Take Shelter


Wir müssen mal über Michael Shannon reden. Dass ich ein großer Fan seiner Schauspielkunst bin, habe ich hier schon des Öfteren kundgetan. Aber wer nach der Sichtung von „Take Shelter“ immer noch nicht der Meinung ist, dass der gute Mann mit Oscars und Filmpreisen überschüttet gehört, mit dem muss ich wohl mal ein ernstes Wörtchen reden. Michael Shannons Stärke liegt in seinem Minimalismus. Es gibt hochgeschätzte Kolleginnen und Kollegen, wie zum Beispiel Daniel Day-Lewis (den ich nach wie vor für den besten Schauspieler ever halte), die ihre Rollen expressiv anlegen und mit jeder Faser ihres Körpers, mit jeder Bewegung pure Energie ausstrahlen. Man denke dabei an den überragenden „I drank your milkshake“-Monolog aus „There Will Be Blood“. Michael Shannon ist das genaue Gegenteil davon. Er wirkt stoisch, ein Monolith von einem Mann, an dem scheinbar alles abprallt. Und dann zuckt ein kleiner Muskel in seinem Gesicht, oder die Augen wandern mal kurz auf die Seite, die Lippen sind für einen Sekundenbruchteil zusammengekniffen, und plötzlich ist es einem, als blicke man direkt in seine Seele hinein. Alles, was der Mann tut, macht er mit den geringsten Mitteln, die gerade dadurch eine unheimliche Wucht entfalten. Wer wäre besser geeignet gewesen, einen Bauarbeiter zu spielen, der plötzlich nächtliche Visionen hat und an seiner eigenen geistigen Gesundheit zweifelt? Michael Shannon hatte schon viele glorreiche Momente, aber „Take Shelter“ ist sein Meisterstück. Dass der Film aber so dermaßen gut ist, liegt nicht an Michael Shannon allein. Das Drehbuch ist grandios und baut nach und nach eine bedrohliche Spannung auf, die von Jeff Nichols virtuos inszeniert wird. Jessica Chastain als liebende, aber zweifelnde Ehefrau zeigt ebenfalls ihr ganzes Können, und die Entscheidung, ein stilles Drama über die Grenzen des menschlichen Geists und die in uns schlummernden Urängste zu drehen statt eines effekthaschenden Actionkrachers (auch das wäre möglich gewesen), ist die Grundlage für die Größe dieses Films. Anschauen!


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2011 – Sony Pictures Classics, Quelle http://www.imdb.com)