Liebesfilm

How to Talk to Girls at Parties (2017)

Regie: John Cameron Mitchell
Original-Titel: How to Talk to Girls at Parties
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Liebesfilm, Science Fiction
IMDB-Link: How to Talk to Girls at Parties


Die Viennale 2017 endete für mich mit einem lauten Knall. Das ist nämlich John Cameron Mitchells „How to Talk to Girls at Parties“ – eine laute, irrsinnige Explosion an Absurditäten, die durch den trockenen britischen Humor doch noch irgendwie eingefangen werden. Wir schreiben das Jahr 1977. Enn (Alex Sharp) ist ein junger Punk, der nächstens gerne mit seinen Freunden in Underground-Konzerten abhängt und sich dort die Seele aus dem Leib schreit. Aber eigentlich ist er ein eher schüchterner und auch wohlerzogener Geselle, dem das Fehlen seines Vaters schwer zu schaffen macht und der im Punk etwas findet, das ihm sonst verwehrt bleibt: Zugehörigkeit. Und die Möglichkeit, sich auszudrücken. Eines Nachts stoßen er und seine Kumpels auf eher seltsame Typen (vielleicht aus Kalifornien), die sich schon bald aus Außerirdische entpuppen, die das irdische Leben studieren. (Die Szene, in der sich die Punks in diese eigenartige Gesellschaft mit noch eigenartigeren Ritualen mischen und versuchen, all das, was sie sehen, zu behirnen und das gleichzeitig runterzuspielen, ist saukomisch.) Eine davon, die junge Zan (Elle Fanning), tanzt dabei etwas aus der Reihe. Sie ist ein bisschen rebellisch, ein bisschen unangepasst, ein bisschen Punk eben. Und so sprühen schon bald die Funken zwischen Enn und Zan. „How to Talk to Girls at Parties“ ist unkonventionell, laut und schrill – jedenfalls in der ersten Hälfte des Films. In der zweiten schlägt er dann ruhigere Pfade ein, bleibt dabei aber seinem Thema treu und wartet auch weiterhin mit allerlei absurden Situationen auf. Vieles davon ist Trash pur – und das muss man mögen, sonst wird man mit dem Film keine Freude haben. Das Ende ist dann recht routiniert und vorhersehbar abgespielt und nimmt dem Film ein bisschen an Fahrt – andererseits ermöglicht es dem Zuseher auch, wieder in unserer eigenen Welt anzukommen, um dann das Gesehene erst einmal zu sortieren und zu verdauen können. Unterm Strich ist „How to Talk to Girls at Parties“ eine phasenweise irrsinnig witzige, eigentlich immer schrille und unkonventionelle Liebeskomödie zwischen Punks und Aliens. Wen das nicht abschreckt, kann hier gerne zugreifen – aber für alle, die es gerne etwas leiser und/oder subtiler mögen, ist das wohl eher nicht der ideale Film.


7,5
von 10 Kürbissen

Mein Stern (2001)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Mein Stern
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Mein Stern


Auf Valeska Grisebach bin ich zuletzt aufmerksam geworden dank ihres grandiosen Films „Western„, der bei uns in Wien im November einen Kinostart bekommt. Dass die Viennale im Rahmen einer Werkschau ihre drei Filme zeigt, hat es mir ermöglicht, ihren Debütfilm „Mein Stern“ zu sichten, ihre Abschlussarbeit im Rahmen des Studiums an der Filmakademie in Wien. Und auch wenn man dem Film sein geringes Budget anmerkt und eben auch, dass die Regisseurin erst ganz am Anfang ihrer Karriere stand, so zeigt „Mein Stern“ schon ganz besondere Qualitäten, die ich auch in „Western“ bewundert habe. Die Story ist wirklich simpel und spielt in Berlin. Die 14jährige Nicole verliebt sich in den gleichaltrigen Christopher, genannt „Schöpsi“. Die beiden erleben eine Beziehung mit Höhen und Tiefen – und entwickeln sich damit weiter aus ihrer Kindheit heraus in Richtung Erwachsenenleben. Dabei sind sie zum Teil sehr unbeholfen. Ihre Emotionen finden oft keinen anderen Ausdruck als in ihren Gesichtern, wenn sie sich fragend, hoffend, fassungslos ansehen, unfähig, die Gefühle, die gerade aus ihrem Brustkorb drängen, in Worte zu kleiden. Gleichzeitig brennt bei beiden der Wunsch nach Zusammengehörigkeit, nach Vertrautheit, nach der großen Liebe. Grisebach findet dafür einen sehr authentischen Zugang, und geht als Regisseurin völlig auf in dem Umfeld, das sie zeigt. (Ähnliches ist mir auch bei „Western“ positiv aufgefallen: Grisebach zeigt die einsame Welt der Bauarbeiter auf eine ehrliche und empathische und so real anmutende Weise, dass man als Zuseher vergisst, dass der Film nicht von einem wortkarten, 50jährigen Bauarbeiter gedreht wurde. Auf ihre Weise ist Grisebach damit ein Gegenpol zu den von mir ebenfalls heiß geliebten Coen-Brüdern, deren Filmen man immer eine typische Coen’sche Haltung oder ihren Humor entnehmen kann, die Filme verweisen also auf ihre Macher, während Grisebach selbst völlig zurücktritt und unsichtbar wird.) „Mein Stern“ und „Western“ weisen zudem Parallelen auf in der Art und Weise, wie Kommunikation die Erfüllung des Zugehörigkeitswunsches erschwert. Bei „Western“ sind es Sprachbarrieren, die den Aufbau von Vertrautheit verkomplizieren, bei „Mein Stern“ ist es mangelnde Gesprächserfahrung der jungen Figuren, die auf Phrasen, die sie irgendwo einmal aufgeschnappt haben, zurückgreifen müssen – oder eben gänzlich verstummen. So zeigt sich auch schon beim Debütfilm das Thema, das Grisebach auch 16 Jahre später noch beschäftigen soll. Und die Umsetzung des Themas ist auch schon beim Debütfilm mehr als gelungen. Ab jetzt bin ich endgültig Grisebach-Fan.


7,0
von 10 Kürbissen

Nine (2009)

Regie: Rob Marshall
Original-Titel: Nine
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Liebesfilm, Musical
IMDB-Link: Nine


Daniel Day-Lewis ist die männliche Meryl Streep. Gewaltig, unantastbar, immer grandios und allein die Ankündigung eines neuen Films geht einher mit einer sicheren Oscar-Nominierung. Dass Meryl Streep 2008 plötzlich auch noch damit anfing, in einem Musical („Mamma Mia“) mitzusingen und zu -tanzen, konnte Daniel Day-Lewis nicht auf sich sitzen lassen und ließ sich für die Musical-Verfilmung „Nine“ von Rob Marshall verpflichten. Darin spielt, singt und tanzt er Guido Contini, einen gefeierten Filmregisseur der 60er Jahre, der aber nun zu Beginn der Produktion seines neuesten Films mit dem großspurigen Titel „Italia“ in einer veritablen Schaffens- und Lebenskrise steckt (Assoziationen zu Fellini kommen nicht von Ungefähr). Was er zu viel in seinem Leben hat: Frauen. (Marion Cotillard. Nicole Kidman. Penélope Cruz. Kate Hudson. Fergie. Judi Dench als mütterliche Kostümschneiderin. La Grande Sophia Loren als tote Mutter. Völlig nachvollziehbar, dass es einem das Oberstübchen da ein bisschen durcheinanderwürfelt zwischen Libido und Mutterkomplexen.) Was er zu wenig hat: Inspiration. Auch die Flucht in einen entlegenen Kurort hilft nicht, denn wenn Guido Contini nicht zum Filmdreh kommt, dann kommt der Filmdreh eben zu ihm. Und im Grunde ist das auch schon die ganze Geschichte. Das ist leider ein bisschen gar wenig, was meine Freude am Spektakel schon mal trübt. Dann: Die Musik. Von einem Musical sollte man eigentlich erwarten, dass zumindest der eine oder andere Song des Soundtracks im Ohr hängenbleibt. Fehlanzeige, jedenfalls bei mir (wobei ich zugeben muss, dass ich kein sonderlich Musical-trainiertes Ohr besitze). In „Nine“ klingen für mich alle Nummern gleich. Sie werden nur von unterschiedlichen Frauen vorgetragen, die sich dazu in enge Kostüme zwängen, die ihre prachtvollen Oberweiten dem Zuseher ins Gesicht drücken, während sie sich lasziv auf Bühnen räkeln (dass auch die Dame Judi Dench davon betroffen ist, erhöht den Fremdschämfaktor zusätzlich) – so ist das zwar (aus männlicher Perspektive) zwar recht ästhetisch anzusehen, aber was soll man sagen angesichts dieser Zurschaustellung sekundärer Geschlechtsmerkmale, die nicht unbedingt was zum Inhalt beitragen? Für einen Unterhaltungsfilm ist es zu viel, für einen Porno zu wenig. Es sieht ein wenig so aus, als wollte sich Rob Marshall mit dem Film einen feuchten Traum erfüllen und wäre gerade mal so im letzten Augenblick von seinen Cuttern auf FSK16 hinuntergebremst worden. Daniel Day-Lewis bemüht sich, seinem Contini so etwas wie Tiefe zu geben, und er ist auch wieder gut in dem, was er tut, auch Penélope Cruz und Marion Cotillard kann man keinen Vorwurf machen, aber die guten schauspielerischen Leistungen und mancher Schauwert retten den Film trotzdem nicht davor, phasenweise peinlich und meistens langweilig zu sein.


4,5
von 10 Kürbissen

Richtung Zukunft durch die Nacht (2002)

Regie: Jörg Kalt
Original-Titel: Richtung Zukunft durch die Nacht
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Drama, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: Richtung Zukunft durch die Nacht


„People assume that time is a strict progression of cause to effect, but actually from a non-linear, non-subjective viewpoint – it’s more like a big ball of wibbly wobbly … time-y wimey … stuff.“ Soweit Doctor Who zu diesem Thema. Der 2007 viel zu früh verstorbene Filmemacher Jörg Kalt hatte dazu eine ähnliche Meinung. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ (mit einer österreichischen Best-Of-Besetzung: Simon Schwarz und Kathrin Resetarits in den Hauptrollen, dazu Georg Friedrich und Nicholas Ofczarek in kleinen Rollen) erzählt Kalt die recht simple Geschichte eines Kennenlernens in einer Bar und einer Reise durch die Nacht. Der arbeitslose Vorspeisenkoch Nick (Schwarz) trifft auf die asynchrone Filmstudentin Anna (Resetarits). Asynchron, weil manchmal ihre Worte erst zu hören sind, nachdem sie diese gesprochen hat. Nick kocht für sie, sie erleben absurde Abenteuer, sie verlieben sich ineinander. Doch dann, eine Beziehung ist aus dieser Nacht entstanden, wacht Nick eines Tages auf und während seine Zeit normal vorwärts läuft, läuft sie für alle anderen Menschen in seiner Umgebung rückwärts, auch für Anna. Die Beziehung, schon überschattet von Missverständnissen, entwickelt sich also zurück zu ihrem Ursprung. „Wibbly wobbly time-y wimey stuff“ eben. Und eine sehr erfrischende Idee, denn was sind Beziehungen denn tatsächlich? Wiederholungen bekannter Muster, an deren Anfang und an deren Ende die Einsamkeit, das Alleinsein steht. Das erzählt Jörg Kalt sehr unaufgeregt und in nur etwa einer Stunde Laufzeit. Warum mich „Richtung Zukunft durch die Nacht“ dennoch nicht wirklich mitreißen konnte, liegt neben der manchmal arg verkopften Herangehensweise auch an der sehr reduzierten, amateurhaft wirkenden Ausarbeitung in Bild und Ton. Auch das Schauspiel kommt meiner Meinung nach in seiner Vereinfachung und Reduzierung etwas zu kurz. Man kann es mit der Lakonie auch übertreiben. So ist „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ein durchaus interessanter Werkbeitrag zum österreichischen Film mit einer spannenden Idee, aber leider einer schwachen Umsetzung, die dafür sorgt, dass ich hier einen Film der verpassten Möglichkeiten sehe – als wäre der Film eine reine Fingerübung eines Filmstudenten. Aber gut, vielleicht war er ja auch genau das.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Begegnung am Vormittag (1973)

Regie: Clint Eastwood
Original-Titel: Breezy
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Breezy


Nur wenig ist amerikanischer als Clint Eastwood. Der schweigsame, knurrige Action- und Westernheld, überzeugter Republikaner, wandelndes Testimonial für den 2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, eine Filmikone, deren schauspielerisches Schaffen sich über sechs Jahrzehnte erstreckt, und möglicherweise ist er auch unsterblich. Umso überraschender und manchmal in erstaunlichem Gegensatz zu seinen politischen Überzeugungen sind viele seiner Regiearbeiten, wie zB „Gran Torino“, dieses Plädoyer für Menschlichkeit und gegen Fremdenhass, oder auch eine seiner ganz frühen Regiearbeiten „Breezy“ (deutscher Verleihtitel: „Begegnung am Vormittag“). Gedreht Anfang der 70er versprüht der Film den Duft von Flower Power und freier Liebe, lässt allerdings diese ungezwungene, jugendliche Leichtigkeit (die hinreißende Kay Lenz als junge Aussteigerin, die alle Liebe dieser Welt in sich vereint) kollidieren mit dem konservativen Establishment, verkörpert von William Holden als Anzug tragendem und stinkreichem Makler. Es entspinnt sich eine recht vorhersehbare, aber doch charmante Liebesbeziehung zwischen dem lebenslustigen und naiven Hippiemädchen und dem alten, vom Leben und der Liebe gebeutelten Zyniker. Gespielt ist das alles sehr gut und mitreißend, auch viele Dialogzeilen sind gut geschrieben und hallen lange nach. Was man dem Film allerdings schon vorwerfen kann, ist seine Überraschungsfreiheit und die Tatsache, dass im Grunde mal wieder der alte, erfahrene Mann den Takt vorgibt, und das junge Mädchen mal wieder jene Figur ist, die diesem Takt scheinbar bedingungslos folgt. Man versteht auch nicht so ganz, worauf sich diese Liebe, die da entflammt, begründet, was sie also an dem Herrn so großartig und anders findet, dass da eben Liebesgefühle aufkeimen können, aber gut, Märchen sind nicht immer nach logischen Kriterien zu beurteilen, und ein Märchen ist „Breezy“. Ein charmanter Film für einen verregneten Sonntagnachmittag, um das Gemüt zu verbessern. Allerdings kein Film, der schon eine Ahnung auf die kommenden Meisterwerke von Clint Eastwood (wie eben „Gran Torino“, „Erbarmungslos“ oder „Million Dollar Baby“) aufkeimen lässt.


6,0
von 10 Kürbissen

First Girl I Loved (2016)

Regie: Kerem Sanga
Original-Titel: First Girl I Loved
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: First Girl I Loved


Die Gefühlsverwirrungen der Jugend, Teil 399.191.443. Cliff steht auf seine beste Freundin Anne. Anne steht auf die beliebte Sasha. Und weil Cliff ein bisschen homophob ist und nicht damit gerechnet hätte, dass die Konkurrenz für seine große Liebe, mit der er schon so viele Nachmittage kuschelnd auf dem Sofa verbracht hat, ausgerechnet aus dem anderen Geschlecht erwächst, wird alles ein bisschen dramatisch. „First Girl I Loved“ ist prinzipiell erst einmal sensibel erzähltes Gefühlskino. Die eine oder andere Klischeefalle wird dabei nicht vermieden, v.a. die Figuren sind recht schablonenhaft gezeichnet. Interessant fand ich, dass wichtige Szenen in der Mitte einfach gekappt wurden und zuerst die Auswirkungen der Szenen gezeigt werden, ehe die Auflösung nachgereicht wird – dadurch wird die emotionale Verwirrtheit der Protagonisten noch einmal greifbarer. Insgesamt ist „First Girl I Loved“ aber bei allem Bemühen ein sehr konventionell erzähltes Coming-of-Age-Teenage-Liebesangst-Drama und fügt dem Genre nichts wirklich Neues hinzu. Ich mag solche Filme an sich ja ganz gerne, aber dieser Film ist einer jener, die ich zwar recht gerne gesehen habe, aber wohl auch schnell wieder vergessen werde. Ein interessanter Aspekt aus europäischer Sicht ist vielleicht noch der Auslöser der großen Konfrontation am Ende, denn hier wird die Scheinmoral der sittsamen USA sehr deutlich. Bei uns würde die Geschichte jedenfalls nicht so große Wellen schlagen wie in diesem US-amerikanischen Film gezeigt. Mein Fazit zu „First Girl I Loved“: Kann man sich an einem verregneten Nachmittag auf jeden Fall mal gönnen, aber nachhallen wird der Film kaum.


5,5
von 10 Kürbissen

Der Name der Leute (2010)

Regie: Michel Leclerc
Original-Titel: Le Nom de Gens
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Liebesfilm, Rom-Com
IMDB-Link: Le Nom des Gens


Französische Komödien – meistens folgen sie diesem Muster: Schöne Menschen beschäftigen sich mit Themen der aktuellen Political Correctness, sind ein bisschen nackt und fast immer hysterisch. Mitten im Film kommt dann ein großes Drama, das kein vernünftiger Mensch nachvollziehen kann (weil kein vernünftiger Mensch ist jemals so hysterisch wie französische Filmfiguren), am Ende kommt die Katharsis und das politisch inkorrekte Thema wird mit einem Augenzwinkern abgeschlossen. Bei „Ziemlich beste Freunde“ hat das gut funktioniert – wohl auch, weil die Hauptfiguren nur ein bisschen hysterisch statt komplett gaga waren. Beim gefeierten Film „Der Name der Leute“ (zwei Césars – fürs Drehbuch und für Sara Forestier als beste Hauptdarstellerin) funktioniert das mal wieder nicht. Die Story: Junge algerisch-stämmige Links-Aktivistin (ihr Aktivismus: sie schläft mit Rechten und Konservativen, um sie zu bekehren) trifft auf langweiligen Durchschnittsfranzosen, der Vogelkrankheiten untersucht und dabei Wildgänse und Stockenten seziert, mit verleugneter jüdischer Vergangenheit. Er ist fad und latent unsympathisch, sie dafür hysterisch genug für beide. Der Film behandelt dabei die Themen Herkunft und ethnische Durchmischung. An sich ein löbliches Vorhaben. Nur ist das alles so plump und auch ärgerlich dargestellt, dass ich einfach keine Freude daran habe. Beispiel: Die Hauptprotagonistin wurde als Kind vom Klavierlehrer sexuell missbraucht. Dieses heftige Thema wird allerdings so nebenher und auf eine zynische Weise abgehandelt, dass man nur den Kopf schütteln kann. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Film seine Figuren wirklich ernst nimmt. Lieber einen schlüpfrigen Gag einbauen und nackte Brüste zeigen, als die Figur auch mal verletzlich darzustellen und ihr zugestehen, dass das Leben auch mal bitter sein kann. Den Kritikern weltweit hat der Film ganz gut gefallen, ich hingegen bin allerdings kein Filmkritiker.


3,0
von 10 Kürbissen

Jules und Jim (1962)

Regie: François Truffaut
Original-Titel: Jules et Jim
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Jules et Jim


1912 lernen sich in Paris der Franzose Jim (Henri Serre) und der Deutsche Jules (Oskar Werner) kennen. Kurz darauf begegnen die beiden nun Unzertrennlichen der impulsiven Catherine (Jeanne Moreau). Beide sind interessiert an ihr, Jules macht schließlich das Rennen. Er heiratet Catherine, und im Laufe der Zeit, die durchbrochen wird vom Ersten Weltkrieg, als die beiden Freunde auf unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher stehen, stellt sich heraus, dass es zwar recht einfach war, Catherine zu gewinnen, doch sie zu halten, ist eine gänzlich andere Geschichte. Sein Freund Jim, der ihm immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht, hat auch keine Patentlösung dabei, und blöd ist auch, dass er noch immer ein bisschen in Catherine verliebt ist, die es mit der Treue nicht so genau nimmt. Auf den ersten Blick ist „Jules und Jim“ von Truffaut ein sehr leichtfüßiges Drama mit humorvoll-ironischen Einschüben über die Liebe, über Treue, Freundschaft und das Dreieck zwischen diesen Themen. Der zweite Blick offenbart eine gewisse Trostlosigkeit, die von der erzählerischen Leichtfüßigkeit überspielt wird und sich erst im unerwarteten, zynischen Ende offenbart. Auf der Plusseite des Films steht zudem die Schauspielkunst der drei Hauptdarsteller, wobei mich vor allem Oskar Werner als naiver, von der Liebe gebeutelter Jules überzeugt hat. Allerdings macht es der Film dem Zuseher auch schwer. Er ist … geschwätzig. Aus dem Off ertönt immer wieder die Stimme des Erzählers, der darüber berichtet, was auf den Bildern zu sehen ist. Zwar bringt die Erzählstimme auch eine ironische Distanz hinein, allerdings wäre hier weniger eindeutig mehr, denn ein Film sollte kein Hörbuch sein. Ich habe nichts gegen einen externen Erzähler in Filmen, wenn denn dieser geschickt eingebaut ist (wie man es macht, hat einige Jahrzehnte später „Little Children“ gezeigt mit einem wunderbar sarkastischen Erzähler), aber hier ist er eben nur aufdringlich und trägt wenig bis gar nichts zur Plotentwicklung bei. Zudem ist mir auch das Trauma des Ersten Weltkrieges zu leichtfüßig nebenbei abgehandelt. Von seelischen Verwundungen keine Spur. Da war halt Krieg. Und jetzt weiter. All das macht „Jules und Jim“ am Ende für mich zu einer etwas zwiespältig aufgenommenen Kost. Die Geschichte ist interessant, die Figuren sind es auch, die Dialoge sind auch sehr gut geschrieben und überzeugend vorgebracht, aber der Film hat unübersehbare Redundanzen, die dem Publikum von einem geschwätzigen Erzähler noch mal so richtig deutlich unter die Nase gerieben werden. So kann ich dem Film leider weniger abgewinnen als ich es eigentlich möchte.


6,0
von 10 Kürbissen

Die Taschendiebin (2016)

Regie: Park Chan-wook
Original-Titel: Ah-ga-ssi
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Erotik, Krimi, Liebesfilm
IMDB-Link: Ah-ga-ssi


Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook zählt spätestens seit seiner „Vengeance-Trilogie“ mit „Oldboy“ als zentralem Kernstück zu den interessantesten Regisseuren der Gegenwart. Nach seinem letzten Film „Stoker“, ein Ausflug ins englischsprachige Kino, kehrt Park mit „Die Taschendiebin“ wieder nach Asien zurück. Er erzählt die Geschichte eines Dienstmädchens im von Japan besetzten Südkorea und von ihrer neuen Aufgabe im Haus der jungen japanischen Erbin, die wohl schon bald ihren Onkel ehelichen muss, wäre da nicht der junge, dominante Zeichenlehrer. So weit, so gewöhnlich. Aber: Schon früh wird klar, dass ganz andere Ziele verfolgt werden, der Reichtum der Erbin nämlich, um deren Gewinn ein ausgeklügeltes Komplott gesponnen wird. Was dann allerdings die schönen Pläne zu durchkreuzen droht (oder ist es etwa auch Teil des Plans?): Die Liebe. Und zwar aufkeimende Zuneigung zwischen Dienstherrin und Dienstmädchen. Aber was ist davon echt, was gespielt? Wer verführt wen? Wer verfolgt dabei noch ganz andere Absichten? „Die Taschendiebin“ ist ein erotisches, opulentes, dekadentes, kaleidoskopartiges Krimi- und Liebesspiel. Je nach Perspektive, die der Zuseher einnimmt, verändert sich die ganze Handlung des Films. Dabei ist der Film in seiner Grundtonalität stets sehr sinnlich. Die Sexszenen sind sehr explizit inszeniert – ein Kritikpunkt, der in weniger wohlwollenden Kritiken immer wieder genannt wird. Nun kann man aber (muss man aber nicht) die ganze Geschichte auch als weibliche Befreiung von einer männlich dominierten, patriarchalischen Sexualität sehen – die weiblichen Geschlechtsakte stehen in ihrer sinnlichen Wollüstigkeit dieser harten, männlichen Sexualität entgegen. Durchaus ein starkes Zeichen und klares Statement. Wer sich an ausgedehnten erotischen Spielereien stört, für den ist „Die Taschendiebin“ vielleicht nicht der ideale Film. Wer sich den Film gerade wegen dieser Spielereien ansehen möchte, sollte vielleicht auch lieber die Finger davon lassen, denn „Die Taschendiebin“ bleibt in erster Linie eine Befreiungsgeschichte mit Krimihandlung und ist definitiv kein Softporno. Wer sich aber für einen Film begeistern kann, der die Sinne und den Verstand gleichermaßen anspricht, sollte hier durchaus den einen oder anderen Blick riskieren, denn sowohl von den Bildern, der Musik und der Ausstattung her als auch, was die Handlung und wie diese erzählt wird betrifft, ist „Die Taschendiebin“ ein weiteres Meisterwerk in Park Chan-wooks Filmografie.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Koch Media)

Harold und Maude (1971)

Regie: Hal Ashby
Original-Titel: Harold and Maude
Erscheinungsjahr: 1971
Genre: Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Harold and Maude


Harold ist ein unglaublicher reicher junger Mann (Bud Cort), der unter der Fuchtel seiner Mutter steht und vom Tod besessen ist. Bei einem Begräbnis, seiner etwas morbiden liebsten Freizeitbeschäftigung, lernt er die 79jährige Maude (Ruth Gordon, unfassbar gut) kennen, die fortan wie ein Wirbelwind durch sein bislang tristes Leben fegt. Deren unkonventionelle Art, das Leben mit offenen Armen zu umarmen, lässt auch Harold einige Dinge anders sehen. Daraus entspinnt sich eine der ungewöhnlichsten Liebesgeschichten der Filmgeschichte.  Was „Harold und Maude“ so besonders macht, ist der vorurteilsfreie Blick. Man spürt: Beide Figuren haben ihre Geschichten in der Vergangenheit, die sie zu den Menschen gemacht haben, die sie sind, aber diese Entwicklung, die sie genommen haben, muss sich nicht rechtfertigen, wird nicht erklärt oder aufgerollt oder bewertet – der Film stellt die beiden einfach hin und sagt: „Sehet! Zwei Menschen. Und es ist mir als Film völlig egal, ob ihr Zuseher aufgrund gesellschaftlicher Konventionen der Meinung seid, dass die nicht so recht zusammenpassen wollen.  Lasst sie einfach Mensch sein. Lasst sie lachen und tanzen.“ Ein sehr zarter, lebensbejahender Film, musikalisch untermalt mit Songs von Cat Stevens. Zurecht ein Kultfilm. „I love you.“ – „Oh, that’s beautiful! Go and love some more!“


8,5
von 10 Kürbissen