Komödie

Arthur & Claire (2017)

Regie: Miguel Alexandre
Original-Titel: Arthur & Claire
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Arthur & Claire


Man kennt das ja: Beim Sterben kommt immer etwas dazwischen. So geht’s Arthur Schlesinger (Josef Hader), der nach Amsterdam gekommen ist, um sich am folgenden Tag in einer Klinik ein Spritzerl setzen zu lassen. Da freut man sich am letzten Abend des Lebens auf das g’schmackige Filetsteak im Nobelhotel, aber nicht mal kurz vor der ewigen Ruhe hat man seine Ruhe, denn aus dem Nachbarzimmer ertönt recht laut etwas, das Arthur nur mit Mühe als Musik erkennen kann. Also wird mal ordentlich an die Tür gehämmert, und es öffnet die adrette Niederländerin Claire (Hannah Hoekstra), die einen recht abwesenden Eindruck macht. Der Grund dafür wird recht schnell klar, als Arthur das Glas mit den Schlaftabletten erspäht. Und weil’s ja nicht sein kann, dass ihm da jemand das Sterben vorwegnimmt, schüttet er nach einigem Hin und Her eben jene in die Toilette: Der Auftakt zu einer Tragikomödie, in der sich die beiden Hauptfiguren eher unwillig, aber doch mit gewisser Neugier aufeinander beim gemeinsamen Fallenlassen ins Amsterdamer Nachtleben kennenlernen. Das ist zwar sehr charmant, allerdings krankt es bei „Arthur & Claire“ von Miguel Alexandre nicht nur beim hustenden Hauptprotagonisten, sondern auch zeitweise an der Motivation der Figuren. Manchmal tun sie Dinge, weil das Drehbuch (Mitwirkender daran: His Holyness Hader Himself) es verlangt, aber nicht, weil es in den Figuren selbst tatsächlich so angelegt wäre. Dadurch kommt ein recht vorhersehbarer, dank einiger guter Momente und einer spürbaren Chemie zwischen Hader und Hoekstra aber dennoch sehenswerter Film. Ein Feelgoodmovie übers Sterben. Bekommt man auch nicht alle Tage zu Gesicht.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen  Filmverleih)

I, Tonya (2017)

Regie: Craig Gillespie
Original-Titel: I, Tonya
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Komödie
IMDB-Link: I, Tonya


Im Vorfeld hatte ich relativ geringe Erwartungen an „I, Tonya“. Klar, die wahre Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding und ihrer Rivalin Nancy Kerrigan, der vor den Olympischen Spielen das Knie zertrümmert wird, ist ziemlich irre. Aber irgendwie war meine Erwartungshaltung heruntergedampft auf die typische Sportler-Bio, in dem Fall mit kriminalistischen Einschlägen. Dann kam der erste Trailer. Ich Ignorant! Nun, nach der Sichtung von „I, Tonya“ muss ich sagen, dass der Film – trotz geringfügiger Schwächen wie zB einer etwas zu langen Laufzeit mit einigen Redundanzen – zu denen gehört, die wohl bleiben werden. Margot Robbie als Tonya Harding ist eine Wucht. Völlig zurecht wurde sie für diese Leistung für einen Oscar nominiert, auch wenn ich Sally Hawkins und die letztlich verdiente Siegerin Frances McDormand da noch ein Stück darübergestellt hätte. Trotzdem: Großartig gespielt, vor allem die Unsicherheiten des Teenagerlebens wurden von ihr überzeugend dargestellt. Dass ihr Allison Janney als Mutter dennoch in jeder Szene ein wenig die Show stiehlt, soll diese Leistung nicht schmälern – sondern noch mal unterstreichen, wie irre gut Janney in diesem Film ist. Dafür gab es dann tatsächlich auch den Goldmann für die beste Nebendarstellerin. Der männliche Cast (Sebastian Stan als Freund/Mann/Exmann Jeff Gillooly und Paul Walter Hauser als völlig vertrottelter bester Freund von Jeff) ist auch gut besetzt, vor allem, wenn man am Ende des Films Aufnahmen der realen Personen sieht. Was „I, Tonya“ neben den schauspielerischen Leistungen aber von vergleichbaren Biopics und/oder Sportfilmen abhebt, ist der rotzfreche Zugang zum Stoff. Denn erzählt wird die Geschichte von den Protagonisten selbst, die für Interviews ihre Sicht der Dinge darstellen. In den Szenen selbst durchbricht Regisseur Craig Gillespie zudem oft die vierte Wand, zeigt eine Szene, um sie im gleichen Augenblick durch die handelnden Personen zu negieren. Und dadurch wird „I, Tonya“ zu einem amüsanten bis teilweise aberwitzigen Vexierspiel mit den Möglichkeiten, deutet Vieles an, ohne sich aber festzulegen und dadurch einer moralischen Botschaft (wie auch immer diese aussehen mag) zu unterwerfen, sondern haut dem Zuseher einfach den Stoff hin als würde er sagen: „Das ist doch eine verrückte Sache, nicht wahr? Ich habe ja auch keine Ahnung, was damals passiert ist, vielleicht dieses, vielleicht jenes, aber hey – das alles ist einfach verdammt interessant!“

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 58 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Schwein (2018)

Regie: Mani Haghighi
Original-Titel: Khook
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Khook


Hasan Kasmai ist der größte Filmemacher Irans. Nur blöd, dass er aktuell Berufsverbot hat, da dem iranischen Staat seine Arbeit nicht zusagt. Noch blöder, dass deshalb die von ihm angebetete Schauspielerin Shiva Mohajer mit Hasans größtem Konkurrenten zu arbeiten beginnt. Doch am allerblödesten ist, dass ein Serienkiller sein Unwesen treibt und nach und nach die Filmschaffenden Irans enthauptet (mit dem Wort „Schwein“ in die Stirn geritzt). Nicht nur, dass Hasan so einige Freunde und Kollegen verliert, nein, wie kann sich der Killer erdreisten, ausgerechnet ihn, den größten von allen, zu verschonen? So etwas kratzt am Ego. Da muss dann auch mal die Mama tröstend einspringen, den armen Jungen in die Arme nehmen und ihm versichern, dass der Mörder auch noch zu ihm kommen werde, denn er würde sich nur den Besten für den Schluss aufheben. Damit ist die Grundtonalität von Mani Haghighis grotesker Satire „Schwein“ schon mal festgelegt. Hier geht es um verletzte (männliche) Eitelkeiten, die bis zum Wahnwitz ausgelotet werden. Und das ist saukomisch anzusehen. „Schwein“ verfügt über eine ganze Fülle an denkwürdigen Szenen, die bis zum Gehtnichtmehr gesteigert werden, bis sie sich über die Lachmuskeln fest einbrennen beim Publikum. Gleichzeitig ist der Witz in „Schwein“ höchst subversiv. Man merkt dem Film an, dass es Haghighi nicht einfach um ein paar laute Lacher ging, sondern um ein Statement zu Zensur, Moral, Eitelkeiten und eben dem Männlichkeitsbewusstsein im Iran. Am Ende müssen die Frauen den Tag retten – aber bitteschön öffentlichkeitswirksam auf Instagram! Eine bitterböse, manchmal etwas überdrehte Satire, die zwar durch und durch iranisch ist, aber auch bei uns sehr gut funktioniert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 5 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

The Weak Ones (2017)

Regie: Raúl Rico und Eduardo Giralt Brun
Original-Titel: Los Débiles
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Los Débiles


Mexiko, Sinaloa, jener Bundesstaat im Westen, der vom gefürchteten Sinaloa-Kartell kontrolliert wird, und in dem Gewalt und Kidnapping an der Tagesordnung stehen. Teil des Problems ist, dass sich bereits Jugendliche in Banden zusammenrotten und entweder für sich selbst oder das Kartell arbeiten. Sie wachsen mit dieser Gewalt auf und kennen nur diese Gewalt. Der stoische Victor hat eine eher unerfreuliche Begegnung mit so einem 13jährigen Bandenmitglied, das sich selbst „Selfie“ nennt, was in weiterer Folge dazu führt, dass seine beiden geliebten Hunde ermordet werden. Er macht sich auf den Weg, um nach Selfie und seiner Gang zu suchen. Er ist bewaffnet, ein schweigsamer, einsamer Rächer auf dem Kriegspfad. Unterwegs zu Selfie hat er allerlei skurrile Begegnungen mit einem hilfsbereiten Death Metal-Rocker, einem zurückgezogen lebenden Tattoo-Künstler, einem offensichtlich etwas seltsamen Motorradfahrer, bei dem die eine oder andere Schraube locker ist – all diese Begegnungen bringen eine humoristische Note in das Geschehen. Der eigentliche Gag des Films ist aber der Schluss, der so komplett an den Erwartungen der Zuseher vorbei läuft und eine andere Lösung präsentiert als die offensichtliche. Diese wiederum kann als Zeichen für Mexiko und sein Problem mit der Gewalt verstanden werden. So gesehen ist die Intention des Films eine durchaus positive und begrüßenswerte. Nur leider ist der Film selbst schlecht. Die meisten Szenen sind langweilig und führen zu nichts. Wie gesagt, diese Begegnungen sind per se manchmal ganz witzig, aber sie sind für den Film selbst bedeutungslos. Dazu kommen gröbere handwerkliche Schnitzer wie Victors T-Shirt, das vom Blut seiner Hunde besudelt ist. Und in der nächsten Einstellung wieder nicht. Und dann schon. Und dann ein bisschen. Und dann völlig. Und so weiter. Ein wahrlich magisches T-Shirt, auf dem Blutflecken kommen und gehen und dabei auch noch Form und Platzierung ändern. Und das ist ärgerlich. Denn aus dem Film hätte man wirklich etwas Interessantes, Starkes machen können, aber die beiden Regisseure konnten diese Gelegenheit bei weitem nicht nutzen. Einer der wenigen Berlinale-Filme, bei denen am Ende nicht geklatscht wurde, sondern das Publikum eher schnell und ratlos aus dem Kino gehuscht ist.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Diego Rodríguez)

Don’t worry, weglaufen geht nicht (2018)

Regie: Gus Van Sant
Original-Titel: Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Biopic
IMDB-Link: Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot


An Gus Van Sants neuesten Film vergebe ich gleich mal einen Preis: Jenen für den dämlichsten deutschen Verleihtitel seit „Vergiss mein nicht!“ für „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Ehrlich: Wer zum Geier ist auf die Idee gekommen, aus dem herrlich-zynischen „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ ein englisch-deutsch-verhatschtes „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ zu machen? Wer auch immer dafür verantwortlich zeichnet, sollte lebenslang mit einem Berufsverbot belegt werden. Der wirklich dumme Titel wird dem Film in keiner Weise gerecht. Gus Van Sant hat ja schon öfter gezeigt, dass er ein Herz für Außenseitern mit Problemen hat. „Good Will Hunting“ ist ein Paradebeispiel dafür. In „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ erzählt Van Sant nun die (wahre) Geschichte von John Callahan (der grandiose Joaquin Phoenix), der ein schweres Alkoholproblem hat, das nicht unbedingt besser wird, als er in einen folgenschweren Autounfall verwickelt wird und seitdem querschnittgelähmt ist. Nach einigen Tiefpunkten und Selbstmitleidstouren landet er schließlich bei den Anonymen Alkoholikern unter der Leitung von Donnie (Jonah Hill). Er stellt sich seinen Dämonen, vor allem jenem seiner abwesenden Mutter, die ihn als Kind weggegeben hat. Was John dabei hilft: Sein humoristisches Talent, das ihn Cartoons zeichnen lässt, die – nun ja – aufgrund ihres derben, offensiven Humors nicht von allen Mitmenschen gleichermaßen wohlwollend aufgenommen werden. Doch im Zeichnen findet John allmählich zu sich und zu einer Möglichkeit, mit seinem Schicksal umzugehen. Auch die Schwedin Annu (bitte verratet mir: Wie ist es möglich, sich nicht in Rooney Maras strahlende Augen zu verlieben?) ist ihm dabei eine Stütze. „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ ist klassisches Feelgood-Kino über einen Mann, der seine Schwierigkeiten bekämpft und trotz aller Rückschläge schließlich zu sich selbst findet. Das kann schnell mal zu erbaulichem No-na-net-Kino werden – fad und vorhersehbar. Dass „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ nicht in diese Falle tappt, ist auf zwei Gründe zurückzuführen: Zum Einen auf die nicht-lineare Erzählung, die mehr um die Figur des John Callahan kreist als darum bemüht ist, chronologisch die Fakten aufzutischen. Zum Anderen auf den durch die Bank überragenden Cast, angeführt von Joaquin Phoenix, der einmal mehr eine oscarreife Leistung abliefert – so wie auch Jonah Hill, dessen Vielseitigkeit immer wieder positiv überrascht. So geht man tatsächlich mit einem richtig guten Gefühl aus dem Kino heraus.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 55 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green)

 

Isle of Dogs – Ataris Reise (2018)

Regie: Wes Anderson
Original-Titel: Isle of Dogs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Animation, Drama, Komödie
IMDB-Link: Isle of Dogs


Mit Wes Anderson ist es so eine Sache. Entweder man liebt seine Filme, oder man kann mit seiner Überstilisierung und seiner Lakonie gar nichts anfangen. Ich gehöre definitiv zur ersten Gruppe. Und so gibt es kaum einen Film, auf den ich mich in der letzten Zeit mehr gefreut habe als auf „Isle of Dogs“, den neuen Stop Motion-Animationsfilm von Wes Anderson, der in diesem Genre schon mit „Der fantastische Mr. Fox“ zu begeistern wusste. „Isle of Dogs“ erzählt die sehr japanische Geschichte der Verbannung aller Hunde auf eine Müllinsel, da der diktatorisch agierende Bürgermeister Kobayashi Hunde hasst. Auch der Hund seines Mündels Atari wird deportiert. Das lässt nun eben jener 12jähriger Atari nicht auf sich sitzen, also kapert er kurzerhand ein Flugzeug, um auf die Müllinsel zu fliegen und nach seinem Hund zu suchen. Dort macht er schnell die Bekanntschaft eines Rudels, vom Streuner Chief angeführt, das ihm fortan bei der Suche zur Seite steht. „Isle of Dogs“ ist ein warmherziges Plädoyer für Außenseiter und Ausgestoßene. Es geht um Treue, um Loyalität, um Freundschaft. Es ist einfach, Parallelen zu heutigen Problemen und politischen Entwicklungen zu ziehen, und doch funktioniert der Film gleichermaßen für sich selbst, auch wenn man die politische Agenda ausblendet. Auch das Handwerkliche ist wieder mal auf eine für Wes Anderson typische Weise brillant – diese unglaubliche Liebe zum Detail, die Figurenzeichnung, die Musik von Alexandre Desplat, das alles trägt dazu bei, dass „Isle of Dogs“ fantastisch aussieht. Selten hat Andersons geometrisch durchkomponierter Stil so gut gepasst wie bei diesem Film. Ein weiteres Meisterwerk von Wes Anderson, das bei mir sofortige Liebesgefühle erweckt hat, und die Erstbewertung von 9,5 könnte nach mehrmaliger Sichtung auch noch zur 10 werden und „Isle of Dogs“ damit in die Riege der absoluten Lieblingsfilme aufsteigen.


9,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2017 Twentieth Century Fox)

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017)

Regie: Martin McDonagh
Original-Titel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri


Letztes Jahr hatten wir bei den Oscars das große Duell „La La Land“ gegen „Moonlight„. Das fantasievoll inszenierte Musical gegen die niederdrückende Coming of Age-Geschichte. Dieses Jahr lautet der erwartete Zweikampf „The Shape of Water“ gegen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Das laut Kritik dunkle Märchen gegen die bitter-zynische Tragikomödie – erneut sind es zwei sehr gegensätzliche Filme, die um die höchsten Meriten rittern. Als ersten der beiden Filme habe ich nun „Three Billboards“ gesehen. In diesem Film geht es um Mildred Hayes (erneut oscarreif: Frances McDormand), deren Tochter Angela vergewaltigt und getötet wurde. Mildreds Meinung nach ist die örtliche Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson, ebenfalls überzeugend) untätig, und die Ermittlungen wurden viel zu früh eingestellt. Also mietet sie drei alte Reklametafeln außerhalb der Stadt an, auf denen sie die Polizei an den Pranger stellt. Das kommt nicht so gut an in der Stadt, die ihren Polizeikommandanten sehr schätzt. Und da in der Polizei auch noch der Heißsporn und Redneck Dixon (Sam Rockwell, überragend!) tätig ist und der Chief selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, eskaliert die ganze Geschichte rasch. Die Nerven der Stadt werden frei gelegt. Eigentlich ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ein zynisches Rachedrama und der Versuch einer Verlustbewältigung. Zum Heulen traurig und mit keiner einzigen wirklich durchgängig sympathischen Figur. Mildred ist auf dem Kriegspfad und nimmt dabei keine Rücksicht auf Verluste. Chief Willoughby ist nett, aber apathisch, Dixon ein Trottel und Arschloch. Die Geschichte selbst ist deprimierend und erscheint hoffnungslos. Und trotzdem blitzt immer wieder ein sehr schwarzer, sarkastischer Humor durch. Und die Geschichte einer Nebenfigur rückt allmählich überraschend in den Fokus und bietet plötzlich so etwas wie einen Silberstreifen am Horizont an. Am Ende ist es die Geschichte über zwei Menschen, die lernen, richtig und falsch voneinander zu unterscheiden. Und nach zwei Stunden, in denen jeder nach seinem persönlichen (mehr oder weniger vorhandenen) Kompass gehandelt hat, ohne dabei auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abzuweichen, ist das vielleicht die schönste Botschaft, die der Film dem Publikum mitgeben kann. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist vielleicht kein Film, der alle Zuseher emotional mitreißen wird – dazu ist er zu nüchtern erzählt. Auch ich bin nicht begeistert von meinem Sitz gesprungen, um mir gleich das Ticket für die nächste Vorstellung zu kaufen. Aber „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ein Film, der bleiben wird – denn er ist universell und menschlich und gnadenlos gut gespielt.


8,0
von 10 Kürbissen

Dance, Girl, Dance (1940)

Regie: Dorothy Arzner
Original-Titel: Dance, Girl, Dance
Erscheinungsjahr: 1940
Genre: Komödie, Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Dance, Girl, Dance


2017 ist das Jahr, das in die Geschichte eingehen wird als jenes Jahr, in dem über die Rolle der Frau und die weibliche Selbstbestimmung in einer männlich dominierten Gesellschaft gesprochen wurde. Gut Ding‘ braucht Weile. Schon 1940 drehte Dorothy Arzner, eine der wenigen Hollywood-Regisseurinnen ihrer Zeit, mit „Dance, Girl, Dance“ einen Film, in dem es um genau diese Themen geht, die fast 80 Jahre später heiß diskutiert werden. „Dance, Girl, Dance“ ist die Geschichte zweier Revue-Tänzerinnen, die von Ruhm und Anerkennung träumen – die eine (Lucille Ball) in Form von Reichtum und gesellschaftlichem Status, die andere (Maureen O’Hara) sieht sich als erfolgreiche Tänzerin im Ballett.  Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch schweißt sie das Schicksal zusammen, als Bubbles, die gekonnt ihre Reize einsetzt, um an das Ziel ihrer Träume, eben ein Leben in Luxus, zu kommen, in einer Burlesque-Show als Tiger Lilly groß herauskommt. Sie, der Star der Show, bietet ihrer alten Freundin Judy einen Job auf der Bühne an. Sie soll das männliche Publikum durch eine unschuldig-naive Ballett-Darstellung zwischen ihren Auftritten scharf auf das heiße Luder Tiger Lilly machen – eine erniedrigende Arbeit, aber die Zeiten sind hart für allein stehende junge Damen, und das Geld ist knapp. Als die rücksichtslose und ehrgeizige Bubbles auch noch ein Auge auf Judys reichen Verehrer wirft, ist endgültig Feuer am Dach.

„Dance, Girl, Dance“ spielt gekonnt mit den Extremen, die von Judy und Bubbles dargestellt werden. Naive Unschuld vs. laszive Verführung. Der Traum von Selbstverwirklichung vs. der Traum von Luxus. Beiden ist aber gemein, dass sie als Frauen in einer männlichen Welt nur über Umwege, Unterordnung und Selbsterniedrigung an ihre Ziele kommen (können). Nirgends wird das deutlicher als in der grotesken Burlesque-Show, wenn zunächst Bubbles als Tiger Lilly den Männern einheizt, der gröhlenden Masse, die sich selbst und die Herrschaft über die weiblichen Reize feiert, und dann Judy, die Unschuld, mit Gelächter und Obszönitäten bedacht wird. In diesen Momenten ist der Film sehr stark. Allerdings kann man durchaus bemängeln, dass das Ende nicht ganz so konsequent ist, wie man sich das vielleicht angesichts der Thematik wünschen würde – hier geht der Film dann Kompromisse ein zugunsten der breiten Massentauglichkeit. Dennoch ein guter, sehenswerter und heute vielleicht besonders aktueller Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 46 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

The Disaster Artist (2017)

Regie: James Franco
Original-Titel: The Disaster Artist
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: The Disaster Artist


Oh, hi Mark! 2003 kam mit „The Room“ ein Meisterwerk der Filmgeschichte heraus, geschrieben, produziert, gespielt und gedreht von Tommy Wiseau. Das Liebesdrama shakespeare’schen Ausmaßes gilt heute dank seiner geschliffenen Dialoge, des exzellenten Schauspiels, der fesselnden Dramaturgie und des herausragenden filmischen Handwerks als einer der bemerkenswertesten Filme der Geschichte. Noch heute, 15 Jahre später, wird der Film in amerikanischen Kinos in rasch ausverkauften Mitternachtsvorstellungen gezeigt. James Franco hat nun die Entstehungsgeschichte dieses cineastischen Meilensteins verfilmt, mit sich selbst in der Hauptrolle des Tommy Wiseau, der „Johnny“ im Film „The Room“. Ich selbst habe leider den Film zur Gänze noch nie gesehen, kenne nur die besten Szenen, die glücklicherweise auf Youtube zugänglich sind. „The Disaster Artist“ heißt nun die Verfilmung der Verfilmung, und ob diese Hommage an die Quelle ihrer Inspiration herankommt, kann ich nun natürlich mangels Kenntnisse des Originals nicht beurteilen. Aber allein schon, wenn man James Franco als Tommy Wiseau Tommy Wiseau als Tommy Wiseau gegenüberstellt, zeigt sich, mit wie viel Liebe zum Detail „The Disaster Artist“ gedreht wurde. Franco ist herausragend. Der Film selbst, also „The Disaster Artist“ (aber wahrscheinlich auch „The Room“), ist zum Teil rasend komisch und mit Sicherheit eine der besseren Komödien der letzten Jahre. You’re tearing me apart! Allerdings folgt „The Disaster Artist“ im Aufbau seiner Story selbst dann doch recht gewöhnlichen Pfaden der Dramaturgie und ist daher nicht immer per se wahnsinnig interessant. So bleiben die Pluspunkte des Films einige wirklich schräge Szenen (die umso genussvoller zelebriert werden können, als dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen) und eben ein James Franco, den man als solchen nicht mehr erkennt – so sehr geht er in der Rolle des Tommy Wiseau auf. Wäre da nicht ein Gary Oldman in der Warteschleife für den längst überfälligen Oscar, und hätte sich Franco nicht selbst aufgrund der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn aus dem Rennen genommen, das Goldmännchen müsste dieses Jahr wohl an ihn gehen (und ein Stern am Hollywood Walk of Fame an Tommy Wiseau). I have to go.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 68 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

The Bling Ring (2013)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Bling Ring
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Satire, Komödie
IMDB-Link: The Bling Ring


Mit „Lost in Translation“ hat Sofia Coppola einen meiner Lieblingsfilme gedreht. „The Bling Ring“ kommt leider an die Qualität dieses Films nicht heran. Die Prämisse wäre eigentlich recht vielversprechend: Ein paar jugendliche Fashion-Victims brechen in die Häuser ihrer Idole wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan ein und fladern, was in die Louis Vuitton-Tasche passt. Angelegt ist „The Bling Ring“ als satirischer Blick auf die Oberflächlichkeit, die der Jugend von heute durch ihre Role Models vermittelt wird. Alles, was zählt, sind die richtigen Markennamen und deren Darstellung auf Social Media-Accounts. Allerdings zündet der Film für mich nicht wirklich. Im Gegenteil – das wiederholte Zeigen der Einbrüche, und wie hier noch ein Kleid und dort noch eine Halskette anprobiert wird, nützt sich rasch ab und wird langweilig. Klar, man könnte nun behaupten, dass das Zeigen dieser Redundanzen als stilistisches Mittel verstanden werden kann – die Oberflächlichkeit der Handlungen spiegelt sich auf diese Weise filmisch wider. Allerdings hätte ich mir dann ein zumindest bissiges Ende gewünscht. Und ja, die Intention eines solchen ist durchaus spürbar, nur scheut Coppola dann doch davor zurück, so richtig den Hebel umzulegen. Und so bleibt diese Satire leider ein wenig zahnlos.


4,0
von 10 Kürbissen