Drama

In the Crosswind (2014)

Regie: Martti Helde
Original-Titel: Risttuules
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: Risttuules


Der Gewinnerfilm des letztjährigen Scope100-Projekts in Österreich (100 Filmnarrische, darunter ich, sichten eine Reihe von Filmen, die keinen fixen Kinostart haben und bestimmen dann per basisdemokratischer Abstimmung, welcher Film ins Kino kommt) ist wahrlich keine leichte Kost. Erzählt wird vom jungen Regisseur Martti Helde die Geschichte der Zwangsdeportation der baltischen Bevölkerung durch das Sowjetregime während des Zweiten Weltkrieges. Basierend auf den realen Briefen einer jungen Frau an ihren Mann, beide in unterschiedlichen Lagern untergebracht und nichts voneinander wissend, zeichnet Helde ein Einzelschicksal nach, das stellvertretend für Abertausende steht. Für seinen Film findet er eine eindrückliche Form: In Schwarz-Weiß-Bildern zeigt er zunächst die junge Familie in ihren letzten Tagen des Glücks, über das aber schon der Schatten des Kriegs hängt. Als die Familie schließlich aus ihrem Haus abgeholt und weggebracht wird, friert Helde die Bilder in gewaltigen Sujets ein, durch die eine unbarmherzige Kamera fährt und jedes in der Bewegung erstarrtes Detail zeigt. Nur die Hintergrundgeräusche, wie beispielsweise das Rattern des Zuges auf den Schienen oder der Wind, der durch die Ritzen der notdürftig zusammengezimmerten Hütten pfeift, sind zu hören. Dabei werden Ernas Briefe an ihren Mann Heldur vorgetragen, poetische, zutiefst melancholische Schreiben, die zwischen Hoffnungslosigkeit und dem Willen, trotz allem weiterzumachen, schwanken. „In the Crosswind“ ist ein unglaublich ästhetischer, aber gleichermaßen schmerzhafter Film. Er wirbelt beim Ansehen durch die Eingeweide, und man sollte ihn wohl nicht ansehen, wenn man selbst gerade deprimiert ist. Aber er ist ein wichtiges und großes Werk, das eine Episode unserer europäischen Vergangenheit, die Gefahr läuft, vergessen zu werden, in unserer Zeit und unserem Bewusstsein verankert.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Swiss Army Man (2016)

Regie: Dan Kwan und Daniel Scheinert
Original-Titel: Swiss Army Man
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Komödie, Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Swiss Army Man


Ein junger Mann (Paul Dano), schiffbrüchig und gestrandet auf einer winzigen Insel, halb wahnsinnig vor Einsamkeit, will seinen Qualen ein Ende setzen und sich erhängen. Davon abgehalten wird er von einer Leiche (Daniel Radcliffe), die just in diesem Moment an den Strand gespült wird. Und diese Leiche erweist sich recht rasch als äußerst nützlich (so erzeugen beispielsweise die durch die Verwesung entstehenden Flatulenzen einen ziemlichen Antrieb, durch den die Leiche mal schnell zum Jet Ski umfunktioniert werden kann, wodurch der Gestrandete nun doch von seiner Insel entkommen kann) und mit der Zeit auch gesprächig. Gemeinsam schlägt sich das seltsame Paar nun durch einen Wald auf der Suche nach dem Heimweg und durch die Vergangenheit des Verschiedenen, der auch sonst noch allerhand Überraschungen bereithält. Was nach dem schrägsten Film des Jahres klingt … ist der schrägste Film des Jahres. Allerdings sind diese herrlichen Absurditäten kein Selbstzweck. Vielmehr entfaltet sich allmählich eine wunderbar zarte, poetische Geschichte über Einsamkeit, über Begehren, über Ängste, Schüchternheit und verpasste Gelegenheit. Das Ende ist konsequent, logisch und gleichermaßen zum Heulen schön. Vielleicht hätte man ein paar Fürze und die eine oder andere Derbheit auf dem Weg zu diesem wundervollen Ende auslassen können, aber sei’s drum – „Swiss Army Man“ ist mutiges, gefühlvolles und gehaltvolles Kino.


8,5
von 10 Kürbissen

Der Ornithologe (2016)

Regie: João Pedro Rodrigues
Original-Titel: O Ornitólogo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: O Ornitólogo


Fernando, ein Ornithologe, paddelt in einem Kajak durch eine wundervolle Wald- und Flusslandschaft und beobachtet Vögel. Durch eine Unachtsamkeit gelangt er in Stromschnellen und ertrinkt beinahe. Gerettet wird er von zwei chinesischen Pilgerinnen, die eigentlich auf dem Jakobsweg sein möchten, sich aber verirrt haben. Ab hier wird’s krude. Die Chinesinnen, die ihn zunächst so freundlich versorgt haben, fesseln Fernando nun halbnackt, hängen ihn an einen Ast und drohen mit seiner Kastration, er entkommt, stößt auf einen stummen Ziegenhirten, der Milch aus den Zitzen seiner Ziegen trinkt, und hat mit ihm eine homoerotische Szene, die nicht gut ausgeht, er versorgt eine weiße Taube mit gebrochenem Flügel, die dann doch wieder fliegen kann und ihm nun unentwegt folgt und zu guter Letzt schwatzt er noch ein wenig mit barbusigen Amazonen, die im Wald mit Gewehren jagen. Laut diverser Quellen ist der Film eine Annäherung oder auch nur Anspielung auf das Leben des Heiligen Antonius von Padua.

Schwierig, schwierig. Einerseits sind schöne Naturaufnahmen zu betrachten (sicherlich eine ganz große Stärke des Films, phasenweise habe ich mich da an „Into the Wild“ von Sean Penn erinnert gefühlt), andererseits  wirkt das Spiel der Darsteller teilweise hölzern, und der  Film ist für mich in all seinen Anspielungen und Absurditäten eigentlich nicht entschlüsselbar. Die Parallelen zu und Anspielungen auf Antonius von Padua habe ich nicht gesehen, aber gut, dazu benötigt es wohl auch einen kirchengeschichtlich versierteren Zuseher als mich. Insgesamt fand ich die erste Hälfte des Films zwar schön anzusehen, aber auch ziemlich fad, wohingegen durch die immer absurderen Situationen und Bilder für mich der Film mit der zweiten Hälfte noch mal deutlich zugelegt hat. Da habe ich mich zum Teil auch an Andrei Tarkowskis Meisterwerk „Stalker“ erinnert gefühlt, wobei „Stalker“ für mich der deutlich bessere und stringentere Film ist. Viel mehr als eine durchschnittliche Wertung für den vögelnden Ornithologen ist für mich daher nicht drin, dazu bleibt mir der Film zu distanziert und fremd.


5,5
von 10 Kürbissen

Nebraska (2013)

Regie: Alexander Payne
Original-Titel: Nebraska
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Nebraska


Wenn sich der starrköpfige und wohl schon zu Demenz neigende Vater in den Kopf gesetzt hat, dass er einen Lottogewinn gemacht hat, den er in seiner alten Heimat in Nebraska persönlich abholen muss, dann muss der erfolglose und mit vielerlei privaten Problemen geplagte Sohn halt ins Auto steigen und den alten Herrn dorthin kutschieren. Da nützen auch die schärfsten Proteste der pragmatischen Angetrauten des Millionärs in spe nichts, die, wie alle weiteren Protagonisten, nicht an den großen Gewinn glauben will. Was sich daraufhin entspinnt, ist eine wunderbar tragikomische, von allen Beteiligten herausragend gespielte Reise in die stille Weite Nebraskas und die traurigen Erinnerungen an die längst verflogene Jugend. Bruce Dern ist fantastisch als alter Starrkopf, der mal gerne das eine oder andere Bierchen über den Durst trinkt. Will Forte brilliert als sein stoischer Widerpart und überforderter Sohn, und immer, wenn June Squibb als Ehefrau und Mutter im Bild ist, stiehlt sie allen die Show (zurecht nominiert für den Oscar als beste Nebendarstellerin). Wie fast alle Filme von Alexander Payne weist auch „Nebraska“ den für ihn typischen lakonischen Humor auf, der die Abgründe und den Schmerz der Seele gekonnt bedeckt. Gefilmt in wunderschönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist „Nebraska“ wohl sein ruhigster, vielleicht aber auch sein eindrücklichster Film.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Joe – Die Rache ist sein (2013)

Regie: David Gordon Green
Original-Titel: Joe
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Joe


Mit Nicolas Cage ist es ja so eine Sache. Er kann genial sein. Oder aber auch unglaublich nervig. In „Joe“ von David Gordon Green ist er glücklicherweise wieder mal Ersteres. Er spielt einen Redneck und Trinker, der sich als Waldarbeiter über Wasser hält. Eines Tages macht er die Bekanntschaft mit dem 15jährigen Gary, der aus einer zerrütteten Familie kommt. Der Vater (unfassbar gut und intensiv gespielt von Gary Poulter) ist ein nutzloser, gewaltbereiter Alkoholiker, der die ganze Familie tyrannisiert. Joe erkennt in Gary eine Art zweite Chance bzw. die Möglichkeit, den Jungen auf einen anderen Pfad zu führen als er selbst einst eingeschlagen hat. Allerdings macht ihm der unberechenbare Vater einen Strich durch die Rechnung.

„Joe“ ist ein stilles, exzellent gespieltes Drama, das sich in den unteren Schichten der USA entspinnt. Hart arbeitende, aber am Leben scheiternde Menschen trinken, vögeln, fluchen, und Menschenwürde ist nur ein Treppenwitz. Dennoch blitzt immer wieder das Bemühen auf, seinem Leben eine andere Wendung zu geben, die Dinge besser zu machen, wenn man nur diese eine Chance hätte. Getragen wird der Film zudem vom schon erwähnten Gary Poulter, der das Kunststück zustanden bringt, Dämon und Mensch gleichzeitig zu sein. Traurige Wahrheit: Gary Poulter war tatsächlich ein Obdachloser und Trinker, der auf der Straße für diesen Film entdeckt wurde. Die Filmpremiere erlebte er nicht mehr. Kurz vor der Veröffentlichung des Films starb er so, wie er gelebt hatte: Auf der Straße in der Nähe eines Obdachlosenheims.


8,0
von 10 Kürbissen

Night Moves (2013)

Regie: Kelly Reichardt
Original-Titel: Night Moves
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: Night Moves


Night Moves von Kelly Reichardt war mein erster Viennale-Film überhaupt. Für diesen Beginn im Jahr 2013 hätte es schlechtere Filme geben können, aber auch deutlich bessere. Die US-amerikanische Filmemacherin erzählt in diesem Politdrama auf eine für sie übliche langsame Art und Weise die Geschichte dreier junger Öko-Aktivisten (gespielt von Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgaard), die einen Anschlag auf einen Staudamm durchführen. Am Tag danach erfahren sie, dass ihre nächtliche Aktion nicht folgenlos geblieben ist und müssen sich nun mit nagenden Gewissensbissen herumplagen. Das alles wird sehr ruhig erzählt. Die drei jungen Zukunftsgestalter fahren durch die Nacht, planen, sitzen herum, vergewissern sich noch einmal, dass sie das tatsächlich tun, und der eigentliche (terroristische) Akt wird nebenbei abgehandelt, als ginge es gar nicht darum. Die Geschichte plätschert vor sich hin und ist eher in den gequälten Gesichtszügen Jesse Eisenbergs zu erahnen als dass man sie tatsächlich auf der Leinwand oder dem Bildschirm verfolgen kann. Die Frage nach Schuld trotz guter Absichten drängt sich auf. Allerdings bleiben mir die Figuren aufgrund des distanzierten Blicks fremd und gleichgültig. Dass sie nicht unbedingt als Sympathieträger gezeichnet werden, hilft auch nicht wirklich. Insgesamt ein Film, den man sich ansehen kann, wenn er mal läuft, aber wenn man ihn auslässt, hat man auch nichts falsch gemacht.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)