Drama

La La Land (2016)

Regie: Damien Chazelle
Original-Titel: La La Land
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Musikfilm / Musical
IMDB-Link: La La Land


Diese Rezension wurde verfasst im Rahmen der Viennale 2016.

Das Beste kommt zum Schluss. Ein sehr guter Viennale-Jahrgang wird beendet mit einer quietschvergnügten und knallbunten Explosion. „La La Land“ von Damien Chazelle, der mich schon mit seinem Erstling „Whiplash“ begeistert hat, ist so ganz anders als das sinistere Psychospiel, weist aber die gleichen Tugenden auf (das hohe Tempo, die großartigen Bilder, das gewitzte Spiel mit Licht und Schatten) und macht so ziemlich alles richtig. Ryan Gosling macht eine wunderbare Wandlung vom bemitleidenswerten Fiesling zum absoluten Sympathieträger durch, und Emma Stone ist überragend. Smells like Oscars, jedenfalls für Emma Stone. Die Story ist zwar recht konventionell und weitestgehend überraschungsfrei (mein einziger größerer Kritikpunkt), aber das bunte und laute Abenteuer macht einfach Spaß. Nach den vielen stillen und subtilen Filmen der letzten Tage kam dieser Knall zum Abschluss gerade recht. „La La Land“ ist ganz klar kein Film, der sich an seine Zuseher heranschleicht, sondern er kommt mit Pauken und Trompeten, nein, einer ganzen Blasmusikkapelle. Kitsch? Ja, klar – und wie! Mich hat es mitgerissen, ich bin hingerissen.

Nachtrag:

„La La Land“ hat auch beim zweiten Ansehen großartig funktioniert – jedenfalls für mich. Ich verstehe, warum dieser Film polarisiert, warum ihn viele als belanglos halten. Er behandelt kein wichtiges politisches oder soziales Thema, sondern ist einfach nur eine Liebesgeschichte mit Musik und Tanz. Aber hey – sind es nicht die banalen Dinge wie Musik und Tanz und ist es nicht das große, allumfassende Gefühl der Liebe, was uns Menschen schließlich ausmacht? „La La Land“ wird bei den Oscars durchmarschieren, und das passt schon so.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Ein Mann namens Ove (2015)

Regie: Hannes Holm
Original-Titel: En man som heter Ove
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: En man som heter Ove


Das für den besten fremdsprachigen Film nominierte Drama „Ein Mann namens Ove“ aus Schweden hat so seine Probleme. Es geht um den 59jährigen Ove, einen Pedanten allererster Güte, der in seiner Reihenhaussiedlung für Ordnung sorgt. Seine geliebte Frau Sonja ist bereits verstorben, und als er auch noch gekündigt wird, beschließt er, dass es an der Zeit ist, ihr nachzufolgen. Allerdings klappt das mit dem Abnippeln nicht so ganz nach Wunsch – immer kommt etwas dazwischen, wie zB die neue Nachbarsfamilie, bestehend aus einem leicht trotteligen schwedischen Vater, einer sehr freundlichen Mutter mit Migrationshintergrund und zwei entzückend unkomplizierten Töchtern. Und natürlich stellen die Neuankömmlinge Oves Leben bzw. dessen Rest davon erst einmal ordentlich auf den Kopf. Das alles ist sehr nett und kurzweilig anzusehen, auch wenn der Film seine Längen hat. Aber leider ist das, was rund um Ove und mit Ove geschieht, auch relativ vorhersehbar. „Ein Mann namens Ove“ ist daher ein Film, den man gerne mal an einem Sonntagabend mitnehmen kann, aber ob er lange im Gedächtnis bleiben wird, bezweifle ich stark. Ein wenig verwunderlich ist es schon, dass dieser zwar sympathische, aber eben nicht wirklich nachhallende Film eine Oscarnominierung einheimsen konnte, während zB „Neruda“ oder „Elle“, die wesentlich eigenständiger waren, leer ausgingen. Gut, die Academy mag offenbar Schweden. Ist ja auch ein schönes Land.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit (2015)

Regie: Martin Zandvliet
Original-Titel: Under Sandet
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Under Sandet


„Unter dem Sand“ von Martin Zandvliet ist Dänemarks diesjähriger Oscar-Beitrag und wurde tatsächlich auch nominiert. Der Film handelt von einer Geschichte, die heutzutage kaum jemand auf dem Schirm hat: Nach Kriegsende und dem Abzug der deutschen Wehrmacht aus dem besetzten Dänemark blieben an der Küste Dänemarks fast zwei Millionen Landminen zurück. Zum Aufspüren und Entschärfen wurden deutsche Kriegsgefangene herangezogen. Die meisten davon stammten aus Hitlers allerletztem Aufgebot und waren daher Jugendliche, fast noch Kinder. Diese mussten nun die Strandabschnitte nach den tödlichen Sprengfallen absuchen. Nur etwa die Hälfte der dabei eingesetzten Gefangenen überlebten diese Arbeit bis zum Ende. „Unter dem Sand“ zeigt die Soldaten der deutschen Wehrmacht als Opfer. Verschreckte Jungen, die eigentlich nur nach Hause zu ihren Eltern möchten und davon träumen, zum ersten Mal mit einem Mädchen zusammen zu sein, müssen nach Kriegsende immer noch ihr Leben aufs Spiel setzen für eine Sache, an der die allermeisten von ihnen gar nicht beteiligt waren. Durch die Perspektive, die der Film einnimmt, gibt er ein sehr starkes Plädoyer gegen die Sinnlosigkeit des Krieges ab – mehr als es zB Mel Gibsons in meinen Augen völlig überschätzte „Hacksaw Ridge“ mit seiner Brutalität und seinen drastischen Bildern tut. Stark ist auch die Wandlung des dänischen Feldmarschalls, dem eine Gruppe von Kriegsgefangenen zugeteilt ist, und der allmählich lernt, seinen Hass abzulegen und die Menschen, die er vor sich hat, als solche wahrzunehmen. Allerdings ist „Unter dem Sand“ kein Film, den man mehr als einmal sehen möchte. Er geht unter die Haut und ist zum Teil nervenzerfetzend, wenn die Jungs, die sich vor Angst ankotzen, im Sand nach Minen stochern. Auch ist manches dramaturgisch nicht ganz schlüssig (warum zB die Kriegsgefangenen laut Befehl des Kommandos keine Nahrung bekommen sollen). Trotzdem ist „Unter dem Sand“ aber ein guter und vor allem wichtiger Film.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Koch Media)

Manchester by the Sea (2016)

Regie: Kenneth Lonergan
Original-Titel: Manchester by the Sea
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Manchester by the Sea


Das fürs sechs Oscars (allesamt in Hauptkategorien) nominierte Drama „Manchester by the Sea“ erzählt eine Geschichte von Verlusten, von Depressionen, von den ganz großen Niederlagen im Leben und dem Versuch, trotzdem irgendwie weiterzumachen. Das ist harter Stoff, der es dem Publikum nicht einfach macht. Gut möglich, dass man getriggert wird von Kenneth Lonergans Film, wenn man selbst schon Erfahrungen mit solchen oder ähnlichen Situationen gemacht hat, wie sie im Film gezeigt werden. Aber wenn man sich darauf einlässt, erhält man die vielleicht ehrlichste und schonungsloseste Erzählung über die oben genannten Themen seit langem – sowie eine grandiose Darstellerriege, angeführt vom alles überragenden Casey Affleck. Eigentlich sollte er sich den Oscar nur noch abholen müssen, wären da nicht unschöne Missbrauchsvorwürfe, die in der jüngeren Vergangenheit wieder hochgeploppt sind. Rein von der darstellerischen Leistung her aber ist Caseys Affleck Darstellung des vom Leben gebrochenen Einzelgängers Lee Chandler, der aufgrund des frühen Todes seines Bruders nun plötzlich das Sorgerecht für dessen Sohn Patrick (Lucas Hedges) übertragen bekommt, eine Offenbarung. Eine extrem kontrollierte und nuancierte Darstellung, die durch die kleinen Bewegungen und Gesten spricht und damit den ganzen Schmerz, den Lee Chandler in sich trägt, immer wieder sichtbar macht, ohne aber durch den Holzhammer auf das Publikum einwirken zu müssen. Zudem ist „Manchester by the Sea“ großartig geschrieben mit klugen, lebensnahen Dialogen. Ich rieche zumindest einen Oscar für Kenneth Lonergan für das beste Drehbuch, wenn er schon in den Kategorien für den besten Film und die beste Regie leer ausgehen wird.


8,0
von 10 Kürbissen

Lion (2016)

Regie: Garth Davis
Original-Titel: Lion
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Lion


Ich muss zugeben, vor „Lion“, dem diesjährigen Weinstein’schen Oscar-Vehikel, hatte ich ein wenig Bammel. Große Gefühle, eine Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten, ein sentimentales Drama – das waren so die ersten Schlagworte, die ich in Zusammenhang mit dem Spielfilm-Regiedebüt von Garth Davis gelesen habe. Das kann – für mich jedenfalls – auch ordentlich in die Hose gehen. So bin ich dann auch mit einer nicht allzu hohen Erwartungshaltung in den Film gegangen. Ich wurde aber sehr rasch eines Besseren belehrt. Die Geschichte des indischen Kinds Saroo, das mit seiner Mutter, seinem älteren Bruder und seiner kleinen Schwester in ärmsten Verhältnissen aufwächst und durch ein Unglück von seiner Familie getrennt wird, worauf es ihn ins 1.600 Kilometer entfernte Kalkutta und in weiterer Folge zu einer Adoptivfamilie nach Tasmanien verschlägt, ist zwar gefühlvoll inszeniert, behält aber immer einen realistischen, ungeschönten, und genau deswegen herzzerreißenden Blick auf die Lebensrealität in Indien bei. Etwa die erste Hälfte des Films spielt in Indien und erzählt die Geschichte von Saroo, wie er verloren geht und wie er schließlich nach Australien kommt. Viele Szenen sind dabei kaum zu ertragen, ohne dass man das Gefühl hat, dass die Dramaturgie vielleicht etwas verschärft wurde, um die großen Gefühle herauszulocken. Btw., wenn es einen Oscar für die beste Leistung einer Kinderdarstellerin/eines Kinderdarstellers gäbe, dann müsste dieser in diesem Jahr an Sunny Pawar gehen.

Der erwachsene Saroo auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die irgendwo zwischen dem Indien, das er vergessen hat, und dem Australien, das ihn aufgenommen hat, liegt, wird herausragend gespielt von Dev Patel, der durch „Slumdog Millionär“ bekannt wurde und nun mit „Lion“ die beste Leistung seiner Karriere hinlegt. Man muss in diesem Zusammenhang aber durchaus Weinsteins gängige Praxis bekritteln, solche großen Rollen wie jene von Dev Patel dann als Nebendarsteller zu deklarieren, um die Chancen auf einen Oscar-Gewinn zu erhöhen. Denn Dev Patel ist definitiv die Hauptfigur des Films, und er hätte auch als bester Hauptdarsteller nominiert werden müssen. Tatsächliche Nebenrollen, und zwar verdammt gut gespielte, sind jene von Nicole Kidman und Rooney Mara. Da kann man wiederum ein bisschen darüber streiten, warum Kidman nominiert wurde und Mara nicht, denn beide sind toll in ihren Rollen. Aber gut, Nicole Kidman hat ihren Oscar ja schon, und Rooney Mara wird sicher noch einen gewinnen – die Frau ist einfach gut.

Insgesamt ist „Lion“ ein großartig erzählter, zu Tränen rührender, aber nicht sentimentalisierender, herausragend gespielter Film über Identität, über Heimat, über die Bedeutung der Familie, der Mutter. Hat mich sehr positiv überrascht.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Fences (2016)

Regie: Denzel Washington
Original-Titel: Fences
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Fences


„Fences“ ist ein Theaterstück. Das sollte man wissen, ehe man sich in den Kinosessel schwingt und das Popcorn auf den Nachbarssitzen verteilt, denn Denzel Washington, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion, nimmt die Vorlage von August Wilson so ernst, dass er eigentlich gänzlich auf eine Kulisse hätte verzichten können. „Fences“ spielt zu 90% im Haus von Troy Maxson und seiner Frau Rosie, und davon wiederum spielen gefühlte 80% im Vorgarten. Und wie es beim Theater halt so ist: Die Handlung konstruiert sich durch die Dialoge. Wem das also nicht genügt, sollte vielleicht einen Bogen um „Fences“ machen. Alle anderen Zuseher erleben ein unglaublich stark gespieltes Familiendrama im Pittsburgh der 50er Jahre, das auf eine sehr gemächliche, aber letztlich zwingende Weise Rollen- und Rollenklischees aufbricht – jene der hart arbeitenden schwarzen Bevölkerung, der Familienväter und -söhne, der treuen und devoten Ehefrau (unfassbar gut: Viola Davies), und wo sich allmählich zur zweiten Hälfte des Films hin Abgründe auftun, die dem klassischen Verständnis eben jener Rollen geschuldet sind. „Fences“ ist ein Film über scheinbare Zwänge, über die Nöte der einfachen Menschen, über Barrieren und Grenzen, die scheinbar nie übersprungen werden können, über Erziehung, über die Beispiele, die wir Anderen geben, über die Schuld, die wir dabei vielleicht auch auf uns laden. Der fast 140 Minuten lange Dialogfilm ohne großer Variation im Setting hat auch so seine Längen, und auch das Ende ist in meinen Augen nicht so ganz geglückt, weil manches, das vorher noch schön dekonstruiert wird, am Ende dann doch wieder ein wenig relativiert wird, aber in Summe ist „Fences“ ein exzellent gespieltes Drama mit leichten dramaturgischen Schwächen, das aber niemanden, der sich darauf einlässt, komplett kalt zurücklassen wird. Und: Smells like Oscar für Viola Davies. Wäre so etwas von verdient!


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Blue Valentine (2010)

Regie: Derek Cianfrance
Original-Titel: Blue Valentine
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Blue Valentine


Derek Cianfrance macht interessante Filme. Das lässt sich nach „Blue Valentine“ und „The Place Beyond the Pines“ schon sagen, und auch wenn er bei „The Light Between Oceans“ zu sehr in den Schmalztopf gegriffen hat, so ist er dennoch ein visuell und erzählerisch sehr starker und eigener Filmemacher, den ich auch in den nächsten Jahren intensiv auf dem Radar haben werde. Mit „Blue Valentine“ hatte er jedenfalls seinen ersten großen Erfolg. Michelle Williams und Ryan Gosling spielen darin ein Ehepaar, dem die Liebe abhanden gekommen ist. So etwas passiert. Und auch wenn die Anbahnung noch so romantisch und leidenschaftlich ist und zu Ukulele-Klängen getanzt wird, irgendwann ist eben die Luft draußen, und wenn dann zwei Menschen zusammen sind, die außer Ukulele und Tanz nicht viel verbindet, kann es eben nicht nur mühsam, sondern auch ziemlich schmerzhaft werden. „Bad Valentine“ ist die Antithese zu Rom-Coms und Feelgood-Filmen. Ein Paar, das sich diesen Film gemeinsam ansieht, muss schon sehr gefestigt sein. Als Single atmet man beim Ansehen vielleicht kurz durch, dass man es nicht selbst ist, der solche Agonien durchleiden muss – nur um im nächsten Moment frustriert zu sein, weil man nicht einmal einen Partner braucht, um sich so scheiße zu fühlen wie die beiden Eheleute im Film. Alles sehr schwierig. Ein Film, der viel vom Zuseher abverlangt und nicht mit hochprozentigem Alkohol und Schlaftabletten in Griffweite konsumiert werden sollte. Wenn man aber in der richtigen Stimmung dafür ist (zB weil man eine Stunde vorher noch „La La Land“ gesehen hat und eine Packung Gummibärchen geöffnet hat, während man einen motivierenden Spruch aus dem letzten Glückskeks liest), ist „Blue Valentine“ sehr gut gemachtes Erzählkino mit großartigen darstellerischen Leistungen, einem tollen Drehbuch und sehr lebensnahen Dialogen und Szenen. Ansehen auf eigene Gefahr.


7,5
von 10 Kürbissen

Wilde Maus (2017)

Regie: Josef Hader
Original-Titel: Wilde Maus
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wilde Maus


Manchmal läuft es einfach g’schissen. Davon kann Georg (Josef Hader) ein Lied singen. Den Job als Musikkritiker bei einer renommierten Zeitung ist er aus Kosteneinspargründen los. Die junge Kollegin (Nora von Waldstätten), die von klassischer Musik keine Ahnung hat, kupfert still und heimlich ab, während sie die Betroffene spielt. Der eheliche Beischlaf verkommt aufgrund des Kinderwunsches seiner Ehefrau (Pia Hierzegger) zu einer Turnübung, die aber nicht die gewünschten Resultate zeigt. Die kleinen Rachefeldzüge gegen den ehemaligen Vorgesetzten (Jörg Hartmann) ufern irgendwie ein wenig aus. Und dass er seiner Frau nichts von seinem plötzlichen Freizeitüberfluss erzählt, macht die Geschichte auch nicht einfacher. Allein der ehemalige Schulkollege (Georg Friedrich), den er zufälligerweise im Wiener Prater wieder trifft und mit dem er eine Achterbahn, eben jene „Wilde Maus“ pachtet, bietet so etwas wie eine Rückzugsmöglichkeit für den gestressten Intellektuellen. Aber irgendwann bricht halt jedes Kartenhaus zusammen. Und nicht Georg fährt die Achterbahn, sondern das Leben fährt Achterbahn mit ihm.

„Wilde Maus“, das Regiedebüt von Josef Hader, der zudem auch das Drehbuch dafür verfasst hat, ist ein herrlich lakonischer Film über die kleinen und großen Schwierigkeiten des Lebens, über Rachegelüste, über den Versuch, Haltung zu bewahren und wie man zuweilen daran scheitert. Mit gewohnt stoischem Blick legt Josef Hader seinen Georg an, dem das Leben in den Händen zerbröselt. Großartig ist Georg Friedrich in seiner Paraderolle als Wiener Original – ich könnte ihm stundenlang zuschauen. Vielleicht mag der Film insgesamt ein wenig unentschlossen in seinen Nebenhandlungssträngen sein, die Lakonie liegt sicherlich auch nicht jedem, aber er ist ein sehr ehrlicher, unaufgeregter Film über die Probleme gewöhnlicher Menschen. Er dramatisiert nichts, spielt aber die Entscheidungen, die wie die Spiralen einer Achterbahn in den Abgrund führen, nicht hinunter. Nichts an diesem Film ist spektakulär, aber insgesamt ist er eine runde Angelegenheit und zeigt das Leben, wie es eben manchmal so ist. Eine Achterbahnfahrt mit offenem Ausgang, ob man während der Fahrt aus dem Wagen speibt oder trotz grünlicher Gesichtsfarbe bis zum Ende durchhält.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Personal Shopper (2016)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Personal Shopper
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Horror, Thriller
IMDB-Link: Personal Shopper


Beim Ansehen von Olivier Assayas‘ Film „Clouds of Sils Maria“ habe ich begriffen, dass Kristen Stewart eine Schauspielerin ist, eine großartige noch dazu. Wenn man sie lässt, dann können sich auf ihrem Resting Bitch Face wirklich viele Emotionen abspielen, dann ist da plötzlich eine Verletzlichkeit zu sehen, die ich erstaunen lässt. Also musste ich nach „Clouds of Sils Maria“ Abbitte leisten und war schon gespannt wie ein Gummiringerl auf die neueste Zusammenarbeit mit Assayas. Diese ist leider nicht ganz so geglückt wie der Vorgänger, so viel sei gleich gesagt. „Personal Shopper“ weiß nicht so recht, ob er ein Gruselfilm sein soll, ein Film über die Verarbeitung von Trauer und Verlust, ein Thriller, ein Krimi vielleicht, eine Selbstfindungsgeschichte, irgendwie ist er von allem ein bisschen was und damit etwas unentschlossen. Die Geschichte erzählt von der jungen Maureen (Kristen Stewart), die in Frankreich als Personal Shopper, eine Art Einkaufsassistentin für ein Supermodel (Nora von Waldstätten), arbeitet und gleichzeitig ihrem toten Zwillingsbruder nachspürt, denn sie haben einst einen Pakt geschlossen: Wer zuerst stirbt, gibt dem überlebenden Geschwisterteil ein Zeichen aus dem Jenseits. Maureen, die am gleichen Herzfehler leidet wie ihr toter Bruder, wartet also auf dieses Zeichen. Währenddessen bekommt sie seltsame Nachrichten von einer unbekannten Nummer, die sie dazu einladen, ein seltsames Spiel zu spielen. Das alles ist sehr gut anzusehen, ist stimmungsvoll aufgebaut und gut gespielt, allerdings fehlt mir manchmal der Fokus auf den Aspekt der Geschichte, um den es Assayas tatsächlich geht. Auch wenn sich am Ende irgendwie alles zusammenfügt, so bleibt der Weg dahin dennoch Stückwerk. Das Ende lässt viele Interpretationsmöglichkeiten offen (was ich ja sehr mag), wird aber viele Zuseher unbefriedigt zurücklassen. So ist „Personal Shopper“ zwar ein interessanter Film, aber kein großer Wurf.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Passengers (2016)

Regie: Morten Tyldum
Original-Titel: Passengers
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Science-Fiction, Thriller
IMDB-Link: Passengers


„Gravity“ meets „2001 – Odyssee im Weltraum“ meets „Moon“ meets „Titanic“ meets „Kramer gegen Kramer“ meets „Shining“. Damit ist das Grundproblem, das Morten Tyldums „Passengers“ aufweist, schon umrissen. Der Film geht kein Risiko ein und den Weg des geringsten Widerstands. Die Ausgangslage hätte Potential für einen weitaus interessanteren, gewagteren Film gehabt: Auf einer 120 Jahre dauernden Reise durchs All zu einem neuen bewohnbaren Planeten kommt es zu einem Defekt, wodurch einer der Passagiere (Chris Pratt) aus dem Tiefschlaf erwacht. Während er die ersten Stunden noch im Glauben verbringt, er nähere sich nun dem neuen Heimatplaneten an, muss er bald zu seinem Entsetzen feststellen, dass ihn noch 90 Jahre von der Ankunft trennen. Heißt: Vor ihm liegt ein ganzes Leben in Einsamkeit auf einem Raumschiff, als einzige Gesellschaft der von Michael Sheen gespielte Bar-Roboter. Natürlich kommt man dann mit der Zeit auf dumme Gedanken. Und der dümmste davon ist sicherlich, eine hübsche Mitpassagierin (Jennifer Lawrence) vorzeitig aus dem Tiefschlaf zu holen. Was also eine Geschichte über die großen moralischen Fragen des Lebens hätte sein können – inwieweit man in das Leben eines anderen Menschen eingreifen darf, wie wir mit Einsamkeit umgehen, was menschliche Kontakte für uns bedeuten – biegt etwa zur Hälfte des Films ab, um konventionellere Sci-Fi-Thriller-Katastrophen-Pfade zu bestreiten. Das Raumschiff spielt verrückt, es muss gegen die Zeit angerannt werden, um das Werkl doch noch irgendwie zusammenzuhalten, und moralische Fragen werden bei all der Rennerei natürlich beiseite geschoben. Aber hier wird aus „Moon“ meets „2001 – Odyssee im Weltraum“ meets „Shining“ meets „Kramer gegen Kramer“ nun leider ein (schlechtes) „Gravity“ meets „Titanic“. Die Action ist leider ziemlich lächerlich und over-the-top und versenkt gegen Ende hin den an sich guten Film in die Durchschnittlichkeit. Für ein passables Kinovergnügen reicht es aus, aber man ärgert sich halt dann doch ein bisschen ob der verschenkten Chancen. So wie im Fußball über den Ausgleich, den der bislang gegen den Titelanwärter führende Underdog in der 90. Minute doch noch hinnehmen muss.


6,0
von 10 Kürbissen